Tag Archives: Verein

Allgemein Polizeiarbeit

Vom Stinkefinger zu einem Einsatz mit fünf Streifenwagen – eine Sommernacht in Neuwied

Nachdem meine Nachtschicht mit Stephan und Stephan letzten Dezember den täglichen Wahnsinn auf Neuwieds Straßen nur sehr unzureichend belegt hatte, wollte Stephan diesen Stunt noch einmal mit mir wiederholen. (Stephan ist mittlerweile in einer anderen Dienststelle.)

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich da nicht lange bitten lasse – und so war es Ende Juni wieder so weit.

Dieses Mal war ich mit Stephan und Sebastian unterwegs.

 

Als erstes passierten wir (ich hatte zu diesem Zeitpunkt Hunger bis unter beide Arme) einen Garten, aus dem verführerische Grilldüfte herüberwehten.

Sebastian: „Soll ich mal fragen, ob die noch zwei übrig haben?“

Ich: „Wieso zwei? Wollt Ihr keins?“

Stephan: „Nee, Sebastian und ich teilen uns eins.“

 

Stephan war an diesem Tag Dienstgruppenleiter, also dauerte es ein wenig, bis es auf die Straße ging.

In dieser Zeit fragte mich allerdings ein Anwärter nach unserem Patch.

Aber gerne doch!

Ihr macht mich immer wieder stolz! wp-monalisa icon

 

Nachdem wir Essen besorgt hatten, ging es auch schon auf Streife.

Da in dieser Nacht in zwei Stadtteilen Neuwieds Kirmes war, begannen wir damit, eine davon zu bestreifen.

Vor einem Getränkestand hielt sich eine Gruppe junger Leute auf. Während wir den Ort des Geschehens langsam passierten, entfuhr Sebastian: „Ich glaub, ich träume.“

Es gefiel einem der jungen Herren, der Besatzung des Streifenwagens zu demonstrieren, dass sein Mittelfinger vollständig intakt und sehr gerade gewachsen war. Eine junge Frau, mutmaßlich seine Freundin, hängte sich förmlich in seinen Arm, um diesen herunter – und damit den Mittelfinger aus dem Bild – zu ziehen. Ohne Erfolg!

Das konnten meine beiden Herren natürlich nicht auf sich sitzen lassen, also hielt Stephan an. Personenkontrolle!

Der Besitzer des gut gewachsenen Mittelfingers erklärt Stephan und mir ein wenig abseits sehr ausführlich, dass wir ihn gerade massiv in seinen Kreisen störten:
„Da will man einfach einen schönen Abend mit seinen Freunden verbringen und dann sowas…“

Nun ja. Wer hat noch mal wem den Mittelfinger gezeigt?

Schließlich, als Stephan darauf so gar nicht mit Einknicken reagieren wollte, klärte er uns auf, dass er doch gar keinen Mittelfinger gezeigt habe. Wir hätten uns verguckt.
„Ich hab mit dem Zeigefinger auf das Polizeiauto gezeigt und dabei gesagt: ‚Das sind die Guten!‘ Fragt das mal meine Freunde.“

Genau das tat Sebastian gerade. Um sicherzugehen, dass die Freunde auch ganz bestimmt das Richtige aussagen, wollte der junge Herr sich auch gleich zu ihnen begeben, was allerdings Stephan nicht wollte.

„Bitte bleiben Sie stehen!“

„Hey! Stehenbleiben!“

Letztlich machte Stephan zwei Schritte um den Delinquenten drumherum und schob ihn zurück an dem Ort, an dem er ihn haben wollte.

„Heeee! Polizeigewalt!“

Ja, sicher…

 

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Freunde des jungen Mannes sagten alle aus, dass er der Polizei den Mittelfinger gezeigt habe. Jede andere Aussage wäre ja auch völlig sinnlos gewesen.

So gewinnt man dann auch eine Anzeige wegen Beleidigung.

 

Bliebe noch der Herr zu erwähnen, der anhand meines Aufzugs erkannte, dass ich irgendwie nicht Polizei bin und sich interessiert erkundigte, was ich da mache. Ich erklärte es ihm kurz, er erkundigte sich dann noch danach, wo der Artikel erscheinen würde. Auch das erklärte ich. Bin gespannt, ob er es lesen wird.

Beim weiteren Bestreifen der Gegend passierten wir eine Gruppe Jugendlicher, von denen einer plötzlich losbrüllte: „Hey, guck mal, die haben einen hinten drin.“

Herrlich! Deswegen mache ich diese Schichtbegleitungen so gerne mit. Mein Sinn für Ironie bekommt immer wieder Futter.

 

Da es im Frühsommer über einen langen Zeitraum zu heiß und zu trocken gewesen war, hatte das Land Rheinland-Pfalz die höchste Waldbrandalarmstufe ausgerufen. Entsprechend war es wenig verwunderlich, dass wir einen Einsatz reinbekamen, bei dem es brannte. Also so richtig, meine ich. Bei der Polizei brennt es ja häufig…

Hier sollte ein Gartenhäuschen in Flammen stehen.

„Feuerwehr ist auch alarmiert.“

Blaulichtfahrt.

Am angegeben Ort wurden wir von einem jungen Mann erwartet, der sich als unser Anrufer herausstellte. Er wies uns direkt ein!

Der Eigentümer des Gartenhäuschens löschte schon das Gartenhaus erfolgreich mit seinem Schlauch. Allerdings kokelte der Hang darunter fröhlich vor sich hin.

Stephan und Sebastian machten sich auf den Weg zu ihm, währenddessen fiel mir die Aufgabe zu, die Feuerwehr einzuweisen.

Die löschte dann auch in Windeseile den glimmenden Hang und kontrollierte mehrfach, ob sie auch alle Glutnester erwischt hatte.

Erst dann war Zeit, sich die Aussage des jungen Mannes anzuhören, der den Notruf abgesetzt hatte. Seine Partnerin und er waren gerade schlafen gegangen, als sie Brandgeruch wahrnahmen. Obwohl ihr Schlafzimmer zur anderen Seite rausgeht, sahen sie den Feuerschein im Fenster des gegenüberliegenden Hauses. Der junge Mann rannte sofort auf die Straße, weckte die betroffenen Nachbarn und rief die 110 und die 112 an. Alles richtig gemacht! Bravo!

 

Kaum bestreiften wir wieder die Gegend, als wir über Funk hörten, dass im Bereich der Nachbar-PI ein Notruf eingegangen war. Ein Mann war dabei gesehen worden, wie er auf einem Volksfest ordentlich dem Alkohol zugesprochen hatte. So weit so gut, allerdings war er mit einem mutmaßlich sehr strammen Alkoholpegel in sein Auto gestiegen und losgefahren. Dabei hatte er noch einen Fußgänger gestreift.

„Wir haben alle Streifen im Einsatz“, hörten wir als nächstes.

Ein Fall für Stephan und Sebastian.

Die nächste Blaulichtfahrt. Und dieses Mal so richtig lang. Direkt zur Wohnadresse des Herrn. Na gut, kurz vorher schaltete Sebastian die Sondersignale ab. Kein Grund, das ganze Wohnviertel aus dem Schlaf zu reißen.

Mittlerweile hatten wir auch das Kfz-Kennzeichen sowie eine Beschreibung des Wagens und des Mannes, den wir suchten. Noch während wir Ausschau nach dem Kfz hielten, kam ein Mann in der entsprechenden Altersklasse um die Ecke gebogen. Zu Fuß!

Ich (leise): „Der passt doch auf die Beschreibung?“

Stephan (laut): „Herr X.?“

Der Mann: „Ja?“

Bingo!

Er wusste auch sofort, was die Polizei von ihm wollte.

Ein Atemalkoholtest ergab einen ziemlich hohen Promillewert, also musste der Herr von uns in den Streifenwagen verladen und zur Polizeiinspektion Straßenhaus zur Blutprobe gefahren werden.

So lernte ich dann auch mal diese Dienststelle kennen.

Es dauerte eine Weile, bis der Arzt eintraf. Herr X. war übrigens von Beginn an freundlich und sehr einsichtig.

„Ich habe diesen Fehler gemacht und keiner sonst.“

Daran sollten sich so einige ein Beispiel nehmen, mit denen die Polizei zu tun bekommt.

Da er sich so kooperativ gezeigt hatte, und wir eh über seinen Wohnort zurück nach Neuwied mussten, nahmen Stephan und Sebastian ihn mit, um ihn bei sich daheim abzusetzen. Sehr nett!

Auf der Fahrt erkundigte sich Herr X. sehr intensiv danach, was nun passieren würde. Stephan klärte ihn auf, soweit er das sagen konnte – schließlich entscheidet das die Staatsanwaltschaft.

 

Ein in Osteuropa zugelassenes Fahrzeug kreuzte unseren Weg. Da war eine Verkehrskontrolle angesagt. Viele Fahrzeughalter lassen ihre Fahrzeuge nämlich nur sehr ungern in Deutschland zu, weil die Kfz-Steuer hierzulande ungleich höher ist als in den meisten Ländern Osteuropas. Allerdings muss, wer in Deutschland seinen Wohnsitz hat, natürlich auch in Deutschland seinen Wagen zulassen.

Und Bingo! Der Halter wohnte seit drei Jahren in Deutschland, der Wagen war seit drei Monaten (!) zugelassen – in Osteuropa. Bei unterstelltem linearen Verlauf der Zeit kann es sich da kaum um ein Vergessen handeln…

Natürlich mopperte der Halter auch gleich herum, dass er nur angehalten worden sei, weil er Ausländer sei.

Nun, eigentlich nicht!

Er war angehalten worden, weil der eine oder andere mit ausländischem Kennzeichen vergisst, sein Kfz hier zuzulassen – so wie er es „vergessen“ hatte.

Ich bin auch schon mal angehalten worden, weil mein Auto alt und dreckig war und somit ins „Raster“ „Drogen am Steuer“ fiel. Man kann dann die eingesetzten Polizisten bepöbeln, man kann aber auch einfach seinen Wagen mal durch die Waschanlage fahren – oder wahlweise korrekt zulassen.

 

Nächster Einsatz: eine Schlägerei. Diese war allerdings nicht existent. Hingegen winkten am uns durchgebenen Ort drei junge Leute den Streifenwagen heran. Beim zweiten Durchfahren der Straße wohlgemerkt. Es stellte sich heraus, dass es sich vielmehr um eine familiäre Auseinandersetzung handelte.

Eine Mutter war nicht einverstanden mit dem Freund ihrer Tochter. Keine günstige Verhandlungsposition für die Mutter, da die Tochter bereits von diesem schwanger war. Diese junge Frau und der besagte Freund waren zwei der drei jungen Leute. Die Wortführerin war eine Freundin der Schwangeren.

Nach allem, was ich den äußerst wirren Angaben, die da auf meine beiden Herren einprasselten, entnehmen konnte, war da auch noch ein rechtsextremer Exfreund im Spiel, mit dem die Mutter wohl gemeinsame Sache mache, weil der neue Freund Ausländer sei.

Jedenfalls fürchtete man nun um die Katzen der Tochter, da sich der Ex und die Mutter nun auf den Weg zur Wohnung der Tochter gemacht hatten. Die sich übrigens im Wohnhaus der Mutter befand.

Von der Polizei wurde nun erwartet, zur Wohnung der Tochter zu fahren, um die Katzen zu retten.

Dies lehnten Stephan und Sebastian ab. Solange keine strafbare Handlung vorliegt, sondern nur Annahmen, kann die Polizei nichts machen. Es lag keine konkrete Gefahr für die Katzen vor. Familienstreitigkeiten sind auch erst einmal nichts, was die Polizei tangiert, so lange keine Straftaten im Raum stehen.

 

An diesem Punkt wollten meine beiden Herren sich an ihre Berichte machen und wir fuhren in die Dienststelle. Dort wurde ich noch einmal intensiv zum Verein und zu meiner Tätigkeit ausgefragt.

 

Schließlich musste die Polizei Neuwied noch einmal alles auf die Straße werfen, was sie hatte.

Häusliche Gewalt.

Wir rückten mit insgesamt fünf Streifenwagen aus.

Weil die Nummerierung der Häuser dort nicht wirklich logisch war, parkten wir etwa 100 Meter weiter. Kein Ding, die rheinland-pfälzische Polizei kann sehr schnell rennen.

Einsatzort war der 5. Stock. Ich traf als Letzte ein. Ich würde ja gern behaupten, dass das nur daran läge, dass ich netterweise den Profis Platz gemacht hätte (was ich getan habe), aber… nun ja… selbst, wenn ich gewollt hätte, wäre ich nicht schnell genug für einen anderen Platz in diesem Rennen gewesen. wp-monalisa icon

Im entsprechenden Stockwerk angekommen, hörte ich schon ein herzhaftes „Durak“ (russisch, in etwa „Vollidiot“) in den Flur schallen.

Damit titulierte der Familienvater, der gerade für zehn Tage der Wohnung verwiesen wurde, seinen Sohn, der die Polizei gerufen hatte. Ansonsten war er aber recht friedlich, so dass eine Streife schon mal wieder abrückte.

Die Polizei wollte einen Alkotest machen. Der Alkomat lag in den Streifenwagen. Fünf Stockwerke tiefer und 100 Meter weiter.

„Gerke…“

Hmpf!

„Ja?“

„Kannst du mal…?“

„Klar.“

Sieh es positiv – so kriegst du um drei Uhr morgens schon vorm Aufstehen den Schrittzähler für den Tag voll…

Als ich wiederkam (ich war gar nicht mal so sehr aus der Puste), hörte ich, wie der Herr meine Begleiter darüber aufklärte, wie übertrieben der ganze Einsatz sei. Das war ja noch nie da gewesen. Das hätte ich ja nun um kein Geld der Welt verpassen wollen.

„In Russland kommt ein Polizist für zehn Leute. Hier kommen zehn Polizisten für einen.“

Nun ja. In Russland ist die Polizei auch ein bisschen anders drauf als hier. Ich persönlich hab ja lieber eine demokratisch legitimierte und rechtsstaatlich verfasste Polizei als eine Ordnungsmacht nach russischem Vorbild.

Letztlich verließ er aber dann die Wohnung.

 

Mit diesem denkwürdigen Einsatz endete diese Nacht. Es soll für Neuwied wieder eine untypisch ruhige Nacht gewesen sein. Ich für meinen Teil fand es wie immer sehr spannend, unserer Polizei bei der Arbeit zuzusehen und fand auch nicht, dass meine beiden Herren zu wenig zu tun gehabt hätten. Und was das für Neuwied typische Einsatzaufkommen betrifft – ich gebe nicht auf. Ich komme wieder… wenn ich darf… wp-monalisa icon

 

Im Nachgang dazu teilte Stephan mir einige Tage später mit, dass der junge Mann, der seinen Mittelfinger so schön fand, dass er ihn uns um jeden Preis zur Schau stellen wollte, sich im Nachgang persönlich in der Dienststelle bei Sebastian und Stephan entschuldigt hatte.

„Es gibt doch noch anständige Jungs!“

Erfreulich! Zum Glück!

Allgemein Verein

Danke-Polizei-Tag 2017 – Bilanz

Wie jedes Jahr bin ich beim Schreiben dieser Bilanz am Tag danach genau so glücklich wie ich erschöpft bin. Sehr happy und einfach nur müde. Und einfach nur froh,  dass wir daran arbeiten, diesen Tag in Deutschland einzuführen.

Ich höre und lese sehr oft, dass es dieses Tages nicht bedürfe, weil man doch der Polizei täglich danken könne. Den zweiten Teil des Satzes unterschreibe ich zu 100%. Es gibt einen Polizisten, der hat noch eine Mail, die ich vor vier Jahren seinem Dienststellenleiter geschrieben habe, in der ich mich für einen Routineeinsatz bedankt habe. Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer. Mit Sicherheit war ich nicht die einzige Person in all seinen Dienstjahren, bei der er seine Arbeit gut gemacht hat. Offensichtlich war ich aber die einzige Person in all seinen Dienstjahren, die ihm dafür Danke gesagt hat.

Soweit zum Thema, was man nicht alles könnte…

Wir, also der Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., wollen erreichen, dass es dieses Tages tatsächlich eines Tages nicht mehr bedarf, weil das Bewusstsein dafür geschärft wurde, dass man der Polizei nicht nur danken kann – sondern es auch tut. Gerne auch einmal anlasslos, denn selbst wenn gerade keine Polizeibeamtin oder kein -beamter an uns dienstlich tätig wird, so können wir doch noch weitgehend ruhig schlafen, weil diese Menschen rund um die Uhr ihren Dienst für uns verrichten. Sie geben uns Sicherheit, sie helfen uns, wenn wir Opfer werden, sie schützen die Meinungsfreiheit. Selbst wenn man die Polizei 40 Jahre lang nicht zu Gesicht bekommen hat, wie eine Dame, mit der ich mich neulich unterhalten habe, so zeigt das doch, dass diese Dame in den 40 Jahren die Polizei auch nicht bewusst brauchte. Sie lebte 40 Jahre lang sicher und ohne Opfer zu werden. Warum? Weil viele Männer und Frauen ihre Arbeit tun und uns Sicherheit geben. Diese Dame konnte ich überzeugen. Sie sagte schließlich danke, mit einer Postkarte.

Selbst wenn wir mit diesem Tag nichts erreichen außer den leuchtenden Augen unserer Gesprächspartner, die sich freuen, dass da anlasslos Menschen in ihre Dienststelle kommen, um sich für ihren täglichen Dienst zu bedanken – dann ist das schon sehr viel. Mir persönlich bedeutet diese Freude, die wir damit bereiten, jedenfalls eine ganze Menge. Hier eine Auswahl der Worte, die wir im Zusammenhang mit diesem Tag zu hören bekamen:

„Ich weiß, es ist Danke-Polizei-Tag, aber wir wollen Euch für Eure Arbeit danken.“

„Das gibt Rückhalt, dass es Menschen gibt, die versuchen, diesen Tag zu etablieren.“

„Ich hoffe, dass dieser Tag sich einbürgert. Nicht, weil ich unbedingt ein Danke bräuchte, aber etwas mehr Anerkennung wäre schön.“

„Ich lese immer, dass die Mehrheit der Bevölkerung hinter uns steht – zu sehen war davon bisher sehr wenig.“

„Anlassbezogen kommt schon mal ab und zu ein Danke, aber sehr selten. Anlasslos gar nicht. Das freut uns jetzt sehr.“

 

Der Tag selbst

Auch dieses Jahr war Nadine meine Begleiterin für den Tag selbst (und am Tag davor – dazu komme ich noch). Er begann um acht Uhr bei der Bundespolizeiinspektion in Kaiserslautern. Wir wurden herzlich empfangen und bekamen den ersten Kaffee des Tages. Der tat sehr gut, insbesondere, weil der Morgen kalt und neblig angefangen hatte – da ist so eine Tasse Heißgetränk genau das Richtige.

 

Um neun Uhr ging es weiter mit der Polizeiinspektion Kaiserslautern 2, direkt um die Ecke. Der Tag wurde übrigens ab hier von Frau Walz von der Pressestelle des PP Westpfalz begleitet. An dieser Stelle ein herzlicher Dank für die kontinuierliche Abdeckung unseres Einsatzes auf Twitter und Facebook. Ich bin wirklich froh, dass dadurch so viele Polizistinnen und Polizisten sehen konnten, dass wir uns bedanken, und auch viele Mitbürgerinnen und Mitbürger vielleicht auf diese Idee gekommen sind. Danke!

Die Inspektion befindet sich in einem Gebäude mit dem Polizeipräsidium Westpfalz. Dort stieß ein Journalist der Rheinpfalz zu uns, mit dem wir erst einmal zu einem Informationsgespräch zusammenkamen.

Wir bedankten uns bei den Herren der Schutzpolizei sowie beim Kriminaldauerdienst – repräsentiert von den beiden Herren in Zivil links im Bild unten. Meinem Eindruck nach waren alle, die vor Ort im Dienst waren zuerst ein wenig verwirrt, weil sie es nicht gewohnt waren, anlasslos gedankt zu bekommen. Aber zuguterletzt tauten sie auf, als sie merkten, dass wir das ernst meinen. „Wir sind über diese Wertschätzung und Würdigung sehr froh.“

Nach einem weiteren Kaffee ging es von hier zur Polizeiinspektion Kaiserslautern 1. Auch hier war der Empfang sehr herzlich. Mittlerweile hatte sich der Nebel gehoben und die Sonne strahlte von einem tiefblauen Himmel. Hier stieß ein Team des SWR zu uns und drehte einen sehr schönen Kurzbeitrag (ab 10:36), den ich auch abends im Fernsehen gesehen habe. Übrigens an dieser Stelle ein Dank an den SWR für die Erwähnung des Tages auf Facebook!

Auch hier freuten sich die Anwesenden Polizistinnen und Polizisten über unser Kommen. Ein junger Mann dankte mir im Gespräch für eine Genesungskarte, die er einmal vom Verein bekommen hatte.

Insgesamt stieß die Idee des Tages auf positive Resonanz. Unser Ziel ist ja nicht, dass die Menschen NUR an diesem Tag ihrer Polizei danken, sondern dass sie es irgendwann überhaupt einmal tun. Insgesamt kam bei uns an, dass die Arbeit des Vereins Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. bekannt ist und auch gewürdigt wird. „Es ist toll, dass es diese Initiative gibt, hoffentlich etabliert sich der Tag bundesweit.“

Von diesem Ort, an dem die Sonne in den Herzen lachte, ging es zuerst in eine kleine Kaffee- und Kuchenpause:

 

Von hier ging es zur Autobahnpolizei. Auch dort war der Empfang sehr herzlich und unser Danke wurde positiv aufgenommen. Autobahnpolizisten sind in der Regel bei den Bürgern, mit denen sie zu tun haben, willkommen, da sie in einer helfenden Rolle auftreten. Da hören sie schon hier und da mal ein Danke, aber im Großen und Ganzen wird ihre Anwesenheit als selbstverständlich aufgenommen. Wir haben mal stellvertretend gedankt!

 

Von hier ging es nach Kusel, als Landdienststelle ein gewisser Kontrast zu den Dienststellen in Kaiserslautern. Dort herrschte eine hohe Geschäftigkeit bei unserem Eintreffen, da ein kleiner Demoeinsatz anstand und zudem zwei Parteien dort Wahlkampfveranstaltungen abhielten. Dennoch nahm man sich kurz für uns und unseren Dank Zeit. Der stellvertretende Dienststellenleiter bezeichnete unser Engagement als eindrucksvoll und sagte „Das gibt Rückhalt!“ Das tat uns auch gut. Danke!

 

 

Zuguterletzt ging es nach Zweibrücken. Auch dort wurden wir erst einmal misstrauisch beäugt, dann jedoch auf das Liebenswürdigste empfangen. Ich denke, das Lächeln in den Gesichtern der Herrschaften spricht für sich. „Es geht mir nicht darum, dass mir gedankt würde. Aber es ist schön, die Wertschätzung der Bevölkerung, von der ich in der Zeitung lese, auch mal zu erfahren“, sagte einer der Herren. Damit fasste er sehr gut zusammen, worum es mir mit diesem Tag geht.

 

Von dort ging es dann nach Hause.  Egal, wo in Deutschland ich mich befinde – selbstverständlich besuche ich an diesem Tag noch die Polizeiinspektion Remagen. Das ist ein Muss – keine Frage. Dort waren schon wieder alle im Einsatz, bis auf zwei nette Menschen, von denen einer das Foto von uns machte, während der andere Funk und Telefon bewachte.

 

Unsere Mitglieder:

Netterweise waren auch noch andere Mitglieder aktiv. Unser Mitglied Silvia Gutermuth war in Mönchengladbach unterwegs:

 

 

 

Unsere Mitglieder Steffi Poth und ihr Mann waren bei der Polizei in Braunschweig: „Da saßen sechs oder sieben Polizeibeamte m/w hinterm Tresen… das war sooooo unglaublich COOL! Die waren alle so LIEB (obwohl sie still blieben und nur einer sprach) und ich sah in deren Gesichtern, dass sie sich wirklich gefreut haben, so verhalten es auch immer gewirkt haben mag.“

 

Majonna, Mitglied in Berlin:

 

Ein Neumitglied besuchte zwei Dienststellen:

 

 

 

Unser Mitglied Bea Müller besuchte zwei Dienststellen. Vorgesehen waren fünf, bei dreien traf sie aber niemanden an und steckte die Post in den Briefkasten:

Mannheim-Neckarau:

Mannheim-Käfertal:

 

Weitere Mannheimer Dienststellen:

 

Nichtvereinsmitglieder:

Zu meiner großen Freude sind viele Nichtvereinsmitglieder zur Polizei gegangen, um den Danke-Polizei-Tag zu begehen. So viele, dass es viel zu viel wäre, die alle hier aufzulisten. Deswegen nur beispielhaft dieser Besuch hier:

Mein herzlicher Dank an diese Menschen!

 

Rückmeldungen aus der Polizei:

Eine Rückmeldung aus Sachsen:

„Huhu, ich habe gestern aus der Revierpost eure Karte herausgefischt. Schön, dass ihr an uns gedacht habt!“

 

Eine Rückmeldung aus Norddeutschland:

„Danke für die Karte! Toll das es euch gibt!“

 

Polizei Mannheim auf Twitter und auf Facebook:

 

Polizei Mönchengladbach auf Twitter und auf Facebook:

 

Auch ein Dank von der Wasserschutzpolizei war dabei: „Eure Karte kam an. Vielen dank dafür und für eure Arbeit.“

Insgesamt sind wieder 4.800 Karten auf die Reise gegangen, an alle Polizei- und Zolldienststellen der Republik! Dabei wurde ich von einigen Mitgliedern unterstützt. Danke dafür! Ihr seid großartig!

 

Im Vorfeld:

Einige Tage vor dem Danke-Polizei-Tag wurde schon dieses Plakat an einer von uns, Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. gekauften, Plakatwand angebracht:

Schon letzten Sonntag (10.09.) haben einige Mitglieder von uns die Polizeiinspektion Bad Neuenahr-Ahrweiler, der Kreisstadt des Vereinssitzes, besucht. Unglücklicherweise waren auch hier gerade alle im Einsatz, so dass wir zwar unser Foto bekamen, aber niemand mit uns aufs Bild konnte.

 

Mittwoch, den 13.09., war ich zufällig in Linz am Rhein und nutzte die Gelegenheit, mich auch dort für den täglichen Einsatz zu bedanken:

 

Freitag, den 15.09., starteten Nadine und ich gen Süden, weil wir in Kaiserslautern übernachten wollten, um am 16.09. selbst die stressige Autobahnfahrt zu vermeiden, und um schon mal ein wenig Freizeit zu genießen. Da am Weg zu unserer Freizeitgestaltung zwei von mir häufig frequentierte Dienststellen liegen, habe ich mir erlaubt, mich auch dort schon einmal zu bedanken.

PI Ludwigshafen 1:

 

PI Frankenthal:

An dieser Stelle ein herzliches Danke an unser Frankenthaler Mitglied Claudia Berg, dass sie auch dabei war.

Danke auch an den Dienststellenleiter, Thomas Lebkücher, der uns im Zusammenhang mit dem Strohhutfest (das ist ein einmal im Jahr in Frankenthal stattfindendes Volksfest) erzählte, dass dieses Jahr viel mehr Bürger danke gesagt haben als sonst: „Das ist mit ein Verdienst von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ – Ich war an dieser Stelle gerührt und ehrlich gesagt auch ein bisschen stolz – und ich hatte feuchte Augen.

Anschließend genossen wir in der Tat ein wenig Freizeit und besichtigten das Hambacher Schloss, das 1832 beim Hambacher Fest zu einem der Schauplätze früher Demokratiebewegungen in Deutschland wurde. Aus unserer Sicht ein durchaus passender Programmpunkt, wenn man gerade dabei ist, seiner demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei zu danken.

 

 

Von hier ging es nach einem kleinen Schlenker über Frankreich zur Polizeiinspektion Pirmasens. Die Dienststelle umrundeten wir vier bis fünf Mal. Schließlich rief Nadine verzweifelt dort an, weil wir keinen Parkplatz fanden.

„Parken Sie einfach bei uns im Hof!“

Und schon öffnete sich das Gitter!

Danke!

Wir wurden vom Dienststellenleiter, Herrn Bauer, in Empfang genommen. Nachdem er uns erst noch einmal ein wenig über den Verein und unsere Motivation ausgefragt hat, kamen nach und nach einige seiner Mitarbeiter aus dem Einsatz und gesellten sich zu uns. Das Gespräch wurde sehr offen und ausführlich. Vermutlich würden wir jetzt noch reden, wenn Nadine und ich nicht noch einen Folgetermin in Waldfischbach-Burgalben gehabt hätten. Ich komme aber in jedem Fall noch einmal wieder. Pirmasens scheint mir eine Nachtschicht wert.

 

Die Polizeiinspektion in Waldfischbach-Burgalben ist ein recht kleine Dienststelle. Dennoch hielten wir uns da am längsten auf. Der Empfang war sehr freundlich. Ich selbst war ja schon um Ostern herum anlässlich eines Urlaubs in der Pfalz dort gewesen, um den Verein kurz vorzustellen. Dieses Mal war das Willkommen nicht minder herzlich, man hatte uns sogar einen Kuchen besorgt. DANKE!

Wir bekamen die Dienststelle gezeigt, viel über das Dienstgebiet erzählt und machten schon einmal ein Foto. Anschließend, nach dem Schichtwechsel, zeigte uns der Dienstgruppenleiter der Nachtschicht den Gewahrsam, wo wir uns – neben der Toilette einer Zelle – ausführlich unterhielten. Das Gespräch war so spannend, dass wir alle erst im Nachgang merkten, wo wir gestanden hatten.

 

Irgendwann kurz vor dem Tag selbst klappte auch die Plakatwand „um“, d.h. unser Motiv war für eine ganze Weile auf der anderen Seite zu sehen:

 I

Im Nachgang:

Am 19.09. besuchte ich die Polizeiinspektion Neuwied. Dort war schon jemand vor mir gewesen, der einen viel schöneren Dank abgegeben hat als ich, deswegen gibt es nur ein Foto von seinem Kunstwerk. Das Bild wurde übrigens äußerst liebevoll in einer Plastikhülle am Dienstgruppenschrank aufgehängt:

 

Last but not least besuchten unser Mitglied Andrea Eickhoff und ich noch am 22.09. die Polizeiinspektion Adenau – im selben Landkreis wie der Vereinssitz, aber 50 Minuten mit dem Auto von dort entfernt. Danke für den sehr herzlichen Empfang dort.

 

Unsere Schatzmeisterin Erdmute Wittmann besuchte ebenfalls die Polizei Remagen – offenbar zur Frühschicht. Das ist gut, denn Nadine und ich waren zur Spätschicht da – so hatten zwei Schichten etwas davon!

 

Unser Mitglied Susan Walsh-Nass hat folgende Dienststellen besucht: 16.09.: Polizei Kleve, 18.09.: Polizei Geldern, 19.09. Polizei Neukirchen/Vluyn und am 20.09. Polizei Krefeld-Nord.

Unser Mitglied Michaela B. berichtete Folgendes:
Da ich im Vorfeld zu Besuch in anderen Städten war, habe ich auch dort die örtlichen Polizeidienststellen besucht, um anlässlich des bevorstehenden Danke-Polizei-Tages einen Dank auszusprechen.
  • Am 29. August besuchte ich die Wache Nord in Gelsenkirchen. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Danke-Polizei-Karte hatte, habe ich eine von den allgemeinen Karten mitgenommen. Der diensthabende Beamte war über die Existenz eines Vereins wie den KGGP erstaunt und fragte mich nach meinen Beweggründen dafür, mich auf diese Weise zu engagieren.
  • Am 30. August war ich in der Polizeiinspektion Lüdinghausen. Die diensthabenden Beamten waren sehr erfreut über meinen Besuch und darüber, dass sie einen Dank ganz ohne Grund erhalten. Einen Dank bekomme man normalerweise sowieso nie zu hören, aber auch das respektvolle Miteinander habe insgesamt stark nachgelassen, auch in ländlichen Gebieten. Daher sei jede freundliche Geste besonders willkommen.
  • Am 8. September war ich an der Verkehrspolizeiinspektion Würzburg-Biebelried. Die Pforte war jedoch nicht persönlich  besetzt, sodass ich die Karte in den Postkasten geworfen habe.
  • Am 9. September war ich an der Polizeiinspektion in Kitzingen. Dort war man gerade sehr gestresst, nahm sich jedoch trotzdem ein paar Minuten Zeit für mich. Die Überraschung war groß, dass es überhaupt einen Verein wie den KGGP gibt und dann auch noch einen Danke-Polizei-Tag.
  • Am 13. September stieß ich beim Einwerfen der Karten vor der Post auf eine Streife der Wasserschutzpolizei. Auch diesen sprach ich meinen Dank aus und zeigte ihnen die Karten, die ich gleich einwerfen würde. Sie waren sehr erfreut darüber, dass es eine solche Initiative gibt.
  • Am 16. September suchte ich die Wachen in Nürnberg auf.
    • Zuerst besuchte ich die Polizeiinspektion Nürnberg-Süd. Die beiden anwesenden Polizisten waren zuerst etwas skeptisch, gaben mir jedoch Gelegenheit, über die Arbeit des Vereins zu berichten und gaben anschließend auch einige Einblicke in ihre Arbeit. So berichteten sie, dass es zwar oft Beschwerden gäbe, selten aber einmal einen Dank, weshalb man auch etwas erstaunt über meinen Besuch sei. Schließlich dankten sie mir im Namen der Dienststelle und versprachen, die Dankesbotschaft an die gesamte Dienststelle weiterzuleiten.
    • Anschließend machte ich Halt bei der Bereitschaftspolizei. Dem diensthabende Beamten an der Pforte war der KGGP bislang auch noch nicht bekannt. Er freute sich über meinen Dank dafür, diesen Beruf trotz aller Gefahren auszuüben. Bescheiden erwiderte er, dass ja jeder letzlich immer Gefahren ausgesetzt sei, auch zu Hause könne man sich schließlich tödlich verletzen. Auch half er mir mit einem Tesastreifen aus, um ein Foto von der Karte vor dem Dienststellenschild machen zu können. Er erwies sich somit als ein pragmatisch denkender und handelnder Zeitgenosse, somit genau richtig bei der Polizei :) Er informierte auch seinen Vorgesetzten über meinen Besuch, dieser ließ seinen herzlichen Dank an den Verein ausrichten.
    • Danach besuchte ich die Polizeiinspektion Nürnberg-Ost. Die diensthabenden Beamten waren sehr zurückhaltend, da auch sie noch nie etwas vom Verein Keine Gewalt gegen Polizisten oder vom Danke-Polizei-Tag gehört hatten. Nachdem ich über die Hintergründe berichtet hatte, freuten sie sich jedoch, dass es solche Initiativen gibt.
    • Im Anschluss besuchte ich die Polizeiinspektion Nürnberg-West. Die anwesenden Polizisten nahmen mein Anliegen zunächst etwas ungläubig entgegen, zeigten sich dann jedoch sehr interessiert, und ich bekam Gelegenheit, ausführlich über den Verein und seine Arbeit zu berichten.
    • Als nächstes stattete ich der Polizeiinspektion Nürnberg-Mitte einen Besuch ab. Nach einer kurzen Erläuterung  meines Anliegens durfte ich die Glaspforte passieren und den diensthabenden Beamten „Auge in Auge“ für ihre Arbeit danken. Mir wurden viele Fragen gestellt, auch zu meiner persönlichen Motivation, mich für die Polizei zu engagieren. Die mitgebrachte Karte wurde von allen Anwesenden genauestens inspiziert und man versprach, hierfür einen guten Platz in der Dienststelle zu finden.
    • Abschließend schlenderte ich noch über das Nürnberger Altstadtfest, das an diesem Tag von der Polizei Schwabach gesichert wurde. Insgesamt sprach ich dort mit etwa 10 Polizisten, dankte ihnen für ihre Arbeit und überreichte ihnen jeweils eine Karte. Einige dieser Polizisten kannten den Verein bereits, unter anderem, weil sie schon einmal eine Genesungskarte bekommen hatten. Die anderen zeigten sich sehr an den Hintergründen des Vereins interessiert.
An den Dienststellen in Nürnberg habe ich überall auch noch ein von befreundeten Kindern gemaltes und eingerahmtes Bild hinterlassen, was auf positive Resonanz gestoßen ist. Auch der Polizei Schwabach, die auf dem Altstadtfest Nürnberg anwesend war, habe ich ein solches Bild überreicht.
Insgesamt war es eine schöne, aber auch anstrengende Aufgabe, der Polizei einmal einen Dank auszusprechen. Schön war, dass man die Polizisten auf diese Weise positiv überraschen konnte. Anstrengend war, dass man fast immer zunächst auf eine gewisse Skepsis gestoßen ist. Dies zeigt leider, dass eine explizit  positive Haltung gegenüber der Polizei wohl eher die Ausnahme ist. Ich freue mich, wenn ich durch den Verein und den Danke-Polizei-Tag ein wenig dazu beizutragen kann, diese Situation ein wenig zu ändern.
 I
Unser Mitglied Bea Müller besuchte noch im Nachgang das Revier Schwetzingerstadt:
Bericht unseres Mitglieds Kerstin Wenninger:
Den Anfang machten unsere Dietenheimer Polizisten :-) Sie hatte dieses Jahr viel Zeit für mich und den Verein. Es entstand ein schönes Gespräch und natürlich der Wunsch das mehr Menschen einfach mal DANKE sagen.
Als nächstes besuchte ich die Polizei in Memmingen – ein etwas kürzeres Gespräch mit Vorstellung des Vereins, aber auch alle sehr freundlich und freuten sich über den Besuch – teilweise kennt man uns aus Facebook :-)
Illertissen war nun dran, wobei wir auf später vertröstet wurden da Sie gerade Stress hatten.
In Weißenhorn kannte man uns noch nicht war aber auch erfreut dass mal jemand DANKE sagt :-) auch hier der Wunsch das dies öfter passieren könnte das jemand einfach mal Danke sagt. Desweiteren bemängelte man die Übergriffe auf Beamte da auch dies erst neulich in der Dienststelle Thema war und zwei Beamte bei einer Widerstandshandlung verletzt worden waren.
Als wir in Senden waren wurden wir fast schon übermäßig begrüßt da der Beamte dort KGgP von Facebook kennt. Wir wurden herein gebeten und bekamen zu trinken wärend wir eine informative Unterhaltung führten :-D
Wieder zurück in Illertissen wurden wir etwas kurz empfangen und konnten gerade noch erklären was wir wollten.
Auf Bitte eines Beamten aus Dietenheim fuhren wir den Polizei Posten in Ulm-Wiblingen an wo leider keiner vor Ort war und wir somit mit dem Briefkasten vorlieb nahmen.
In Neu-Ulm war heute wohl auch viel Stress angesagt da es auch hier recht kurz von statten ging.
Als wir nach Ulm wollten stellten wir fest, dass an diesem Tag der Einstein-Marathon stattfindet und ganz Ulm abgeriegelt ist.
Wir kämpften uns wieder zurück und fuhren erstmal nach Laupheim . Dort wurden wir freundlich begrüßt und man freute sich auch hier über unseren Besuch der auch etwas kürzer war.
In Biberach angekommen wurde ich in den Besucherraum gebeten und der Dienststellenleiter kam persönlich zu mir. Ich meinen geübten Spruch gesagt und schon ging es in ein super tolles Gespräch über. Er kennt die Kartenaktion vom letzten Jahr und freut sich im Namen der Kollegen. Er teilte mir mit, dass ich die Kollegen aus Ochsenhausen eher nicht erreichen kann (einsatzbedingt).
Nach einer kurzen Pause fuhren wir wieder zurück nach Ulm ins Polizeipräsidium. Bedingt durch den Marathon war man dort heute auch sehr kurz, aber die Freude war auch hier groß.
Im Anschluss und mit viel Stau verbunden kämpften wir uns zum Bahnhof um die Bundespolizei Ulm zu besuchen. Ein kurzes, freundliches Gespräch war auch hier da es heute sehr stressig bei Ihnen zugeht. Gefreut hat man sich auch hier :-D

Alles in allem gesehen war die Runde sehr erfolgreich und die Gespräche super :-D Im Prinzip wünschen sich alle das selbe – ein besseres Ansehen in unserer Gesellschaft, mehr Bürger die mal eben nur Danke sagen wollen, mehr Respekt und Anerkennung.

Einen Tag später habe ich den Polizeiposten in Ochsenhausen besucht. Ich hatte Glück, denn die Beamten waren da. Es ist wieder ein wunderbares Gespräch entstanden, wobei auch hier die gewaltbereite und respektlose Gesellschaft zu Sprache kam. Auch diese Beamten würden sich mehr Respekt und Anerkennung wünschen. Das war der letzte Besuch dieses Danke Polizei Tages 2017.
Per Post gingen Karten nach Günzburg, Krumbach, Kempten Polizeipräsidium sowie die Bundespolizei, Lindau BUPO Und Polizeiinspektion und Ravensburg.
I
Nadine ging im Nachgang auch noch zur Anlaufstelle GABI in Bonn. Die Herrschaften hatten einsatzbedingt wenig Zeit, aber für ein Danke reichte es.

I

Was uns stolz macht:

Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte teilte die Polizei Rheinland-Pfalz unsere Inhalte auf ihrer Facebook-Seite. DANKE!

Was uns außerdem das Herz erwärmt, ist, wenn wir in eine Dienststelle kommen und sehen auf einer Einsatztasche das:

 

Oder auf einem Ärmel in trauter Zweisamkeit dies hier:

Danke dafür!

 

Fazit:

Unsere Polizistinnen und Polizisten leisten jeden Tag für uns alle hochprofessionelle Arbeit. Zeigen wir ihnen, dass wir sie dafür wertschätzen!!! Sicher, man kann mit einem Danke-Polizei-Tag nicht die Besoldungssituation verbessern, man kann keinen Respekt bei jenen erzwingen, die keinen haben, man kann damit nicht mehr Polizisten herzaubern, man kann damit keinen Rückhalt da erzwingen, wo er fehlt und man kann es sicherlich nicht allen Recht machen. Man kann damit allerdings langfristig das gesellschaftliche Klima dahingehend verändern, dass sich diese Probleme leichter anpacken und vielleicht sogar lösen lassen – wenn man denn am Ball bleibt.

Wenn man es ganz ohne Emotionen betrachten möchte, kann man sich sagen, dass die Beziehung zwischen Bürger und Polizist ein Stück weit eine Arbeitsbeziehung ist, in der der Polizist für den Bürger arbeitet. Professionelle Arbeitgeber loben ihre Mitarbeiter regelmäßig. Professionelle Mitarbeiter wissen Lob anzunehmen. Auf dieser sachlichen Ebene waren wir alle hochprofessionell.

Professionelle Menschen schämen sich auch nicht ihrer Gefühle und deswegen möchte ich damit enden, dass ich immer wieder sehr berührt davon bin, wie viel Freude dieser Tag allen Beteiligten immer wieder macht. Allein dafür werden wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. diesen Tag immer wieder begehen.

 

 

 

 

Allgemein Danke-Polizei-Tag Verein

„Danke-Polizei-Tag“ am 16. September 2017

Polizistinnen und Polizisten: „Menschen im Dienst für Menschen“

Der „Danke-Polizei-Tag“ findet 2017 – der angelsächsischen Tradition folgend – am Samstag, 16. September, statt. An diesem „“Say thank you to a police officer day“ sind Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen, „ihre“ Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten auf den Dienststellen aufzusuchen und ihnen für deren Einsatz zu danken.

Einen „Danke-Polizei-Tag“ hat die Vorsitzende des Vereins „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, Gerke Minrath-Grunwald, vor drei Jahren erstmals initiiert. In den Jahren 2015 und 2016 folgten weitere Aktionen in den Bereichen der Polizeipräsidien in Mainz und Rheinpfalz. Und dieses Jahr wird dieser besondere Tag beim Polizeipräsidium Westpfalz stattfinden. Auftakt dazu war die heutige Pressekonferenz in Kaiserslautern, an dem der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz teilgenommen hat, der Schirmherr des „Danke-Polizei-Tages“ ist, sowie der Behördenleiten des Polizeipräsidiums Westpfalz, Michael Denne, sowie die Vereinsvorsitzende Gerke Minrath-Grunwald.

Polizeipräsident Michael Denne machte in seinem Statement deutlich, dass die allermeisten den Polizeiberuf gewählt hätten, weil sie anderen Menschen helfen wollen. Polizistinnen und Polizisten seien Menschen im Dienst für Menschen, stellte er heraus. Dass sie dabei respektlos behandelt, beleidigt oder manchmal schwer verletzt werden, könne nicht hingenommen werden. „In den Polizeiuniformen stecken Menschen – Frauen und Männer mit Gefühlen und Verletzlichkeit!“, konstatierte er.

Seit Jahren stellt die Polizei bundesweit und landesweit einen permanenten Anstieg von Gewaltdelikten unterschiedlichster Art und Weise gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten fest. Auch in der Westpfalz ist die Anzahl der Straftaten gegen Polizeikräfte in den letzten Jahren gestiegen.

Mit dem „Danke-Polizei-Tag“ könne man gut ein Signal gegen die steigende Respektlosigkeit und die zunehmende Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten setzen, das sei seine Überzeugung, so der Polizeichef. Dieser Tag sei eine tolle Sache: Bürgerinnen und Bürger könnten auf diesem Wege mit ihrer Polizei ins Gespräch kommen und die Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte erhielten ein Dankeschön, ein Zeichen der Wertschätzung ihrer Arbeit. Michael Denne bedankte sich herzlich für das Engagement der Initiatorin, Gerke Minrath-Grunwald, und allen Mitgliedern ihres Vereins.

Innenminister Roger Lewentz, Schirmherr des „Danke-Polizei-Tages“ 2017, stellte heraus, dass man den Einsatz der Vorsitzenden des Vereins „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. gar nicht hoch genug einschätzen könne. Ein großes Dankeschön richtete er an alle, die die Zielsetzung des Vereins mittragen.

„Ich freue mich, wenn Bürgerinnen und Bürger hinter unserer Polizei stehen!“, so der Minister. Der größte Teil der Bevölkerung habe Vertrauen in die Polizei und stehe hinter ihr. Sie sei nicht der Fußabstreifer der Nation. Seit Jahren sei eine konstant hohe Zahl von Angriffen auf Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte auch in Rheinland-Pfalz zu beklagen: In 2016 seien insgesamt 2.421 Straftaten registriert worden, darunter 1.398 Gewaltdelikte, wie Körperverletzungen oder Widerstände sowie 1.023 Beleidigungen. Dies bedeute eine Steigerung von beinahe 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Um unsere Polizistinnen und Polizisten besser zu schützen, seien Investitionen getätigt worden, und zwar in die polizeiliche Schutzausstattung sowie in Aus- und Fortbildung. Beispielhaft nannte Roger Lewentz den landesweiten Einsatz von Bodycams oder die Beschaffung von Titanhelmen.

Gerke Minrath-Grunwald stellte ihren Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ vor, der zurzeit 130 Mitglieder zähle. Genau zwei Ziele verfolge ihr Verein: „Gewalt gegen Polizei: Wir wollen, dass darüber gesprochen wird! Und außerdem wollen wir den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten Rückhalt geben.“, erklärte die Vorsitzende die hehren Ziele.

Einblicke in den Polizeialltag, insbesondere im Umgang mit Gewalt gegen Polizeikräfte, hatten der Leiter der Polizeiinspektion 1 in Kaiserslautern, Polizeirat Thorsten Mayer, und Polizeioberkommissar Ben Witthaus, ein erfahrener Polizist im Wechselschichtdienst, der seit Jahren in der Kaiserslauterer Altstadt unterwegs ist, geben können. Dabei wurde herausgestellt, dass der Faktor ALKOHOL eine zentrale Rolle bei der Gewaltbereitschaft und -ausübung spiele. Die Gesprächsrunde mit den beiden Polizeibeamten führte die Leiterin der Pressestelle, Kriminalhauptkommissarin Angela Walz.

Bildquelle: PP Westpfalz

Am Ende der Pressekonferenz waren sich alle einig: Ein großartiges Engagement im Ehrenamt, das gar nicht hoch genug geschätzt werden kann, so wie es Innenminister Roger Lewentz heute treffend formulierte.

PM des PP Westpfalz vom 01.09.2017

Allgemein Schusswaffengebrauch Trauriges Verein

Forderungen nach Respekt und Schusswaffengebräuchen – in einem Atemzug?

Aus gegebenem Anlass hier noch einmal eine Erläuterung, für WEN wir unsere Arbeit machen – sei es auf Facebook, auf Twitter oder sei es der Löwenanteil unserer Arbeit außerhalb der sozialen Netzwerke (aka Realität).

In allererster Linie machen wir das hier, um jenen Polizistinnen und Polizisten, die Gewalt erleben mussten, Rückhalt aus der Bevöökerung zu signalisieren.

Darüber hinaus geben wir auch gerne Rückhalt an Polizeibeamte generell – für die fantastische Arbeit, die sie für uns alle tun.

Last but not least können sich auch unsere Vereinsmitglieder auf unseren Internetpräsenzen informieren, was so im Verein läuft.

Die erste genannte Gruppe ist jedoch prioritär – der Name des Vereins gibt da auch einen gewissen Hinweis. Entsprechend interessieren uns vorrangig deren Gefühle.

Ein Mensch (oder mehrere) wurde im Dienst an uns als Gesamtgesellschaft verletzt. Eine Organisation, die sich gegründet hat, um in solchen Fällen Rückhalt zu geben, hat eine Facebook-Seite / einen Twitter-Account. Auf diese schaut dieser Mensch dann… und muss zur Kenntnis nehmen, dass dort fröhlich mehr oder minder berufene Menschen ausführlich darlegen (zum Glück ist Twitter durch die Begrenzung auf 140 Zeichen da nicht ganz so intensiv, aber gruselig genug), was er alles falsch gemacht haben soll. Menschen, die bei dem Einsatz nicht einmal dabei waren und in nicht wenigen Fällen ganz eindeutig keine blasse Ahnung von Polizeiarbeit haben. Aber Hauptsache, mal einem Opfer von Gewalt öffentlich deutlich machen, dass es selbst einfach zu doof war.

Am besten packt dann noch mindestens ein Schlauberger (allerdings ist auch hier eine steigende Tendenz erkennbar) eine Forderung nach einem Schusswaffengebrauch hinzu, mit einem Hinweis darauf, dass es anders ja wohl nicht mehr ginge.

Früher hatten wir häufig das Problem, dass nach Schusswaffengebräuchen den Polizisten erklärt wurde, was sie stattdessen  hätten tun sollen (von Leuten, die keinen Fatz mehr Ahnung hatten als jene, die heute bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach einem Schusswaffengebrauch schreien), um das zu vermeiden. Heute ist es umgekehrt.

Geht es eigentlich noch? Wo leben solche Menschen eigentlich? Im Fernsehen, in irgendwelchen Actionserien, wo irgendwelche Typen (deren Sozialkompetenz mir vielfach äußerst fragwürdig erscheint) reihenweise Leute umnieten ohne einen Hauch von Gewissensbissen zu verspüren?

Leute, werdet mal erwachsen. Die Realität ist eine andere. Ein Schusswaffengebrauch gegen einen Menschen ist kein Spaziergang. Manche der Betroffenen gehen danach durch ein wahres Martyrium.

Wer sowas leichtfertig fordert, verübt Gewalt gegen Polizisten – in einer sehr heftigen Weise.

Aber das ist diesen Leuten wohl egal. Man selbst muss es ja nicht machen. Hauptsache, mal wieder irgendwas in eine Kommentarspalte gekotzt…

Abgesehen davon, dass die betroffenen Beamten kompetent genug sind, sowas selbst zu entscheiden. Wenn sie sich gegen die Ultima Ratio, das letzte Mittel, entschieden haben, dann haben sie sich dagegen entschieden. Und das ist dann, verdammt noch mal, zu respektieren.

Ich kann jedenfalls nur noch müde lächeln, wenn da jemand „Respekt“ einfordert, der selbst auf diese Weise Respektlosigkeit demonstriert – gegenüber den Polizisten, die er auf derartige Weise belehrt, denen er eine derartige Entscheidung aufzwingen will und letztlich auch gegenüber dem Gewaltmonopol, um das er sich vorgeblich solche Sorgen macht.

Für diese Menschen noch ein Rat, bevor sie blockiert werden: Fangt mal bei Euch selbst an mit dem Respekt!

Das gilt übrigens auch für sämtliche Pöbeleien an UNSERE Adresse im Zusammenhang mit diesem Post. Es hat auch etwas mit Respekt zu tun, sich zu informieren, was eine Institution eigentlich will, der man das Leben erklärt – und für uns steht das Gewaltmonopol genau so wenig zur Disposition wie die Tatsache, dass die Polizistinnen und Polizisten, für die wir das tun, bei uns an erster Stelle stehen.

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Die Nachtschicht, die tierisch schön anfing und dann… – Nachtschicht in Frankenthal

Es begann damit, dass ich schon wieder zu spät kam. Dieses Mal hatte die Bahn das allerdings ganz allein geschafft, ohne Personen im Gleis.

Die Polizei Frankenthal hatte zu Beginn der Nacht eine Streife zur Verstärkung nach Speyer entsandt. Entsprechend viel war für die übrigen Beamten zu tun und entsprechend kam ich im Laufe der Nacht fast nicht zum twittern.

Thomas holte mich am Bahnhof ab, der passenderweise am Weg zu einem Einsatzort lag, an dem schon Edu und Lukas warteten. Kurze Begrüßung, dann widmeten wir uns alle dem anstehenden Einsatz: ein hilfloses Lebewesen!

Die drei Polizisten umstellten es. Da es kein allzu großes Lebewesen war, half ich beim Umstellen. Zugreifen wollte ich allerdings nicht, denn es war scharf bewaffnet und ich besitze nach wie vor keine schnittfesten Handschuhe.

Schließlich, in einem günstigen Moment, packte Lukas zu.

Zum Dank wurde er erstmal ordentlich in den Finger gebissen. Zum Glück und dank seiner Handschuhe tat es aber nur weh, keine weiteren Verletzungen. Lukas gewann… unter heftigem Widerstand und unter Verlust seines Handschuhs, den das Wesen keinesfalls mehr hergeben wollte.

Gewalt gegen Polizisten vor meinen Augen… und ich konnte dem Täter nicht einmal böse sein. So ein niedliches Kerlchen…

Hintergrund ist, dass der Polizei ein flugunfähiger Papagei gemeldet worden war. Da sich die Tierrettung gerade in der Südpfalz befand und die Polizei zufällig gerade Zeit hatte, hat sie den Fall übernommen. Tatsächlich konnte der kleine Kerl nicht fliegen.

Transportiert wurde er in einem leeren Kopierpapierkarton. Sag noch einer, unsere Polizisten seien nicht praktisch veranlagt.

Den Handschuh hat er übrigens tatsächlich wieder rausgerückt. Allerdings erst nach einer Fahrt im Karton auf meinem Schoß.

Schließlich kam der kommunale Vollzugsdienst in die Dienststelle, um den Gast abzuholen und in ein Tierheim zu bringen.

Es handelt sich bei diesem hübschen Tierchen um einen Halsbandsittich, die teilweise tatsächlich in Deutschland mittlerweile heimisch geworden sind. Es ist also sowohl möglich, dass er jemandem entflohen ist, oder dass er tatsächlich in freier Wildbahn lebt. Wie auch immer, flugunfähig in einer Hecke kann er in keinem Fall lange überleben.

 

In der Dienststelle wurde mir dann erstmal eine Schussweste organisiert – die auch vor meiner Abfahrt nach Hause irgendjemand wieder weggeräumt hatte – noch mit dem Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.-Patch drauf und dem Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.-Kuli drin. Ich hoffe, dem Eigentümer hat’s gefallen. 😉 Danke dafür!

Thomas hatte in seiner Freizeit beim Surfen im Internet einen Post gefunden, in dem ein Frankenthaler Facebook-Nutzer den Diebstahl seines Fahrrads beklagte – garniert mit einem Foto dieses Fahrrads. Bei Thomas hatte es sofort Klick gemacht – im Keller der Polizeiinspektion befand sich ein Fundfahrrad, das dem Gesuchten glich. Also bat er seine Kollegin Julia doch mal bitte schnell die Rahmennummer des Fundfahrrades mit der im Internet abgebildeten Nummer zu vergleichen.

Strike!

„Bitte melden Sie sich bei der Polizei. Ihr Fahrrad kann gegen einen Eigentumsnachweis ausgehändigt werden.“

Dieser Brief würde noch im Laufe der Nacht zugestellt werden.

 

Vorher kam aber noch ein Notruf rein – ein Vogel würde auf einer Garage sitzen und laut schreien. Hm…

Also sprangen Edu, Lukas und ich in ein Auto und los ging es. Am angegeben Ort eingetroffen, hörten wir tatsächlich lautes Schreien. Allerdings war der besagte Vogel umgezogen – auf eine Kirche.

„Da klettere ich jetzt aber nicht hoch“, fasste einer meiner beiden jungen Herren exakt zusammen, was ich dazu dachte.

Sehr vernünftig, der junge Mann!

„Ja, ich denke, wir können dann abrücken“, sagte Lukas.

„Ja, aber…“, warf ich ein…

Da war doch was?

„Aber?“

„Von da kommen auch solche Rufe. Oder?“

Ich zeigte in den kleinen Park gegenüber.

Oder war das ein Echo?

Wir querten die Straße. Meine beiden Herren, im Unterschied zu mir vollständig ausgestattet, also auch mit Taschenlampen, suchten ein Gebüsch ab. Ich lief einen Parkweg entlang, weitestgehend unbeleuchtet, und schwankte zwischen Erleichterung, die Polizei in meiner unmittelbaren Nähe zu wissen, und dem Unwohlsein, selbige gerade möglicherweise für nichts zu beschäftigen. Allerdings hatte ich mich auf mein feines Gehör immer verlassen können.

Unschlüssig blieb ich stehen. Neben einem Baumstumpf. Zumindest sah es im Dunkeln so aus.

Ich drehte mich um. Hatte mich wohl doch verhört.

Plötzlich…

Hilfe!

Der Baumstumpf zuckte.

Halluzinationen?

Ich nehm doch gar keine Drogen…

Der Baumstumpf zuckte noch einmal.

„Hier“, rief ich. Einen Tacken zu laut. Ein bisschen erschrocken war ich durchaus.

Meine beiden Herren eilten herbei. Im Kegel ihrer Taschenlampen entpuppte sich der Baumstumpf als kleine Eule, die uns verschreckt anstarrte.

Aaaaawwwww….

Während ich meine Muttergefühle bändigte, holte einer der beiden Herren den nächsten Kopierpapierkarton aus dem Streifenwagen.

Da Lukas bereits Übung erworben hatte, fiel ihm die Ehre zu, die kleine Eule in den Karton zu komplimentieren. Auch sie gewann eine Fahrt auf meinem Schoss zur Dienststelle, wo das Ordnungsamt für eine fliegende Übergabe auf uns wartete. Dieses Mal ohne einen Handschuh als Beute.

Übrigens war es eine junge Waldohreule.

Ich nehme an, die Eule auf der Kirche war die Mutter gewesen. Für einen Augenblick überkamen mich Zweifel, ob es richtig gewesen war, die Kleine mitzunehmen. Andererseits – wie soll die Mutter ihr Baby großziehen, wenn es auf einer Rasenfläche in einem vielbesuchten Park sitzt? Das kann nicht gut gehen. Nicht in einer Gesellschaft, in der das Mitgefühl mit anderen Lebewesen derart rapide absinkt wie in unserer…

Ich dachte schon, es würde eine Nacht der Tiere werden. Als nächstes wurden Edu, Lukas und ich aber zu einem Fahrzeug geschickt, das Anwohnern verdächtig vorkam.

Ich glaube, wir alle dachten zuerst daran, dass da eine Wohngegend zwecks eines späteren Einbruchs ausbaldowert werden sollte. Also nichts wie hin.

Tatsächlich stand da ein Auto, darin ein wartender Mann. Ich kann den Finger nicht drauflegen, aber irgend etwas daran war komisch. Das witterten auch die beiden jungen Männer, mit denen ich unterwegs war.

Der Mann wies sich aus. Gegen ihn lag nichts vor. Nach einigem Herumgedruckse ließ er uns dann wissen:

„Wissen Sie, ich warte hier sozusagen privat. Meine Frau sollte davon nichts wissen.“

Oha.

Sofort unterzog ich unseren Streifenwagen einer genauen Musterung, in dem verzweifelten Versuch, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten. Jetzt bloß nicht Lachen. Es klappte!

Später, bei der Rückfahrt in die Dienststelle, stellte sich heraus, dass wir alle drei sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten, auf wen nun genau der Mann gewartet hatte. Es wurden eine Prostituierte, eine Frau aus der Nachbarschaft, die ihrem Partner fremdgeht, sowie ein Mann aus der Nachbarschaft ins Spiel gebracht. Mutmaßlich lag die Wahrheit noch einmal woanders – womit der Wunsch des Mannes nach Diskretion in jeder Hinsicht erfüllt sein dürfte. Nicht mal die Polizei weiß, was er nun genau da gemacht hatte. Klar war nur, dass es ihm äußerst unangenehm war, darauf angesprochen zu werden.

 

In der Dienststelle war mittlerweile die Streife, die in Speyer ausgeholfen hatte, wieder eingetroffen, Tim und Marvin.

Lukas begrüßte Tim mit einem fröhlichen:

„Also wir haben schon zwei Vögel eingefangen, und ihr?“

„Wir haben einen Einbrecher gefangen.“

 

„Römerberg-Heiligenstein- 13.05.2017, 19:55 Uhr: Durch einen aufmerksamen Zeugen wurde der Speyerer Polizei mitgeteilt, dass gerade mehrere Personen versuchen, in ein Einfamilienhaus in der Straße Im Gässel einzubrechen. Die Örtlichkeit wurde umgehend mit starken Polizeikräften aufgesucht. Bei Eintreffen der Polizei flüchtete ein Täter zunächst über mehrere Gärten. Im Rahmen der Fahndung wurden dieser sowie ein weiterer Tatverdächtiger im Nahbereich mit völlig durchnässter Kleidung im strömenden Regen festgenommen. An der Terrassentür des Einfamilienhauses wurden im Rahmen der Spurensicherung mehrere Hebelmarken festgestellt. Bei den Festgenommenen handelt es sich um zwei Männer im Alter von 20 und 22 Jahren mit festem Wohnsitz in Germersheim.“ (Pressemitteilung der PI Frankenthal vom 14.05.2017)

Super gemacht, übrigens! Danke!

 

Für den nächsten Einsatz fuhr ich bei Tim und Marvin mit. Ein abgängiger Jugendlicher war deutlich zu spät in seiner Unterbringung eingetroffen. Ein Heim, das auf schwer erziehbare Jugendliche spezialisiert ist.

Hier war nun ein erzieherisches Gespräch mit der Polizei gefragt.

Tim: „Und? Wo warst du?“

Jugendlicher: „Bei einem Freund.“

„Was hast du da gemacht?“

„Darf ich nicht sagen.“

„Und auf den hörst du?“

Offensichtlich tat er das, denn das Gespräch erwies sich als wenig zielführend. Immerhin scheint es wenigstens insofern gewirkt zu haben, dass die Polizei im Laufe dieser Nacht nicht noch einmal wiederkommen musste – was Tim ihm unmissverständlich in Aussicht stellte, sollte er nicht ab sofort den Anweisungen seiner Erzieherinnen Folge leisten.

 

Noch während ich dabei war, mir in meinem Notizbuch diesen Einsatz in Stichworten festzuhalten, brachte Tim plötzlich den Wagen zum Stehen.

Hm?

„Kleinniedesheim – In der Nacht von Samstag auf Sonntag, um 00:20 Uhr wurde ein 29-jähriger Pkw-Fahrer aus dem Landkreis Alzey in Kleinniedesheim einer Verkehrskontrolle unterzogen. Bei dem 29-Jährigen konnte Alkoholgeruch in der Atemluft festgestellt werden. Ein vor Ort freiwilliger durchgeführter Atemalkoholtest ergab eine Atemalkoholkonzentration von 0,53 Promille. Mit dem Pkw-Fahrer wurde auf der Polizeidienststelle ein gerichtsverwertbarer Atemalkoholtest durchgeführt. Dieser ergab eine Atemalkoholkonzentration von 0,27 mg/L. Da bei dem 29-Jährigen mehr als 0,25 mg/L Alkohol in der Atemluft festgestellt werden konnte, wurde gegen den unter Alkoholeinfluss stehenden Fahrzeugführer ein Ermittlungsverfahren wegen Trunkenheitsfahrt gem. §24a StVG eingeleitet. Gegen ihn kann Geldbuße bis zu EUR 3000,- verhängt werden.
Der Einfluss von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln stellt eine Hauptunfallursache dar. Wer berauscht fährt, gefährdet nicht nur sich, sondern auch andere.Wir wollen, dass Sie sicher leben – Ihre Polizei Frankenthal.“ (Pressemitteilung der PI Frankenthal vom 14.05.2017

Später in der Dienststelle fragte ich nach:

„Wie hat der sich eigentlich für die Kontrolle qualifiziert? Das habe ich gar nicht mitgekriegt.“

„Zu schnell gefahren. Quasi auf zwei Reifen um die Kurve.“

Oha…

Allerdings war der Herr einsichtig, was in meinen Augen für ihn spricht.

 

Nächster Einsatz: Tim, Marvin und ich machten uns auf den Weg, um den zu Beginn der Nachtschicht verfassten Brief an den Mann, der sein Fahrrad vermisste, zuzustellen. Natürlich, weit nach Mitternacht, war der Plan nicht, dort zu klingeln, sondern ihn einzuwerfen.

Die Anfahrt wurde bereits wenige hundert Meter von der Dienststelle entfernt unterbrochen:

„Frankenthal – In der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen 01:35 Uhr wurde die Polizei zunächst zu einer Ruhestörung an der Andreas-Albert-Schule in Frankenthal gerufen. Auf der Anfahrt konnten die Verursacher der Ruhestörung grölend in der Johann-Klein-Straße festgestellt und kontrolliert werden. Es handelte sich um fünf Heranwachsende aus Frankenthal und Heßheim. Durch eine weitere Polizeistreife konnte in der Nähe ein beschädigtes Fahrrad aufgefunden werden. Die Heranwachsenden gaben zwar zu das Fahrrad über die Straße geschoben und dort hingeworfen zu haben, jedoch hätten sie es nicht beschädigt. Gegen die Heranwachsenden wird nun wegen Sachbeschädigung ermittelt. Der Eigentümer des beschädigten Fahrrades konnte nicht ermittelt werden. Das Fahrrad wurde zunächst sichergestellt. (Pressemitteilung der PI Frankenthal vom 27.05.2017)

Während sich Lukas und Edu um die drei Herren kümmerten, suchten wir das zerstörte Fahrrad – und wurden fündig.

Nach erfolgter Personenkontrolle der drei Verdächtigen gesellten sich Edu und Lukas zu uns, um die gewonnenen Informationen auszutauschen.

Während dieses Gespräches machte ich wieder einige kleine Beobachtungen. Beispielsweise ein KFZ, dessen Fahrer sichtlich in die Straße einbiegen wollte, in der wir gerade standen. Sogar der Blinker war gesetzt. Blinker einziehen! Vollbremsung! Abdrehen!

Da hat wohl jemand eine ganz andere Einstellung zu Blaulichtaufläufen als ich…

Ebenso passierte uns eine auffällige Person. Ein Mann, der trotz der mäßigen Temperaturen Flipflops trug – und ein Fahrrad schob. Nun halte ich persönlich Flipflops nicht für optimale Radfahrkleidung… aber erstens sind sie nicht verboten und zweitens fuhr er ja nicht.

Schließlich kam auch Thomas – mit einem Transporter. Anders ließ sich das Fahrrad mit der beeindruckenden Acht im Hinterrad nicht mehr zur Dienststelle befördern.

 

Während Thomas noch mit Lukas und Edu Informationen austauschte, machten Tim, Marvin und ich uns auf den Weg, endlich den Brief zuzustellen. Dieses Mal kamen wir exakt 200 Meter weiter, denn:

„Frankenthal – Am Sonntagmorgen gegen 02:00 Uhr konnte in der Albertstraße ein Fahrradfahrer kontrolliert werden, der erheblich unter Alkoholeinfluss sein Fahrzeug führte. Der 40-jährige Fahrradfahrer aus Frankenthal fuhr zuvor in Schlangenlinien, weshalb er einer Kontrolle unterzogen wurde. Ein freiwilliger Atemalkoholtest bestätigte den Verdacht. Der Fahrradfahrer hatte eine Atemalkoholkonzentration von 2,4 Promille.
Gegen den 40-Jährigen wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Trunkenheit im Straßenverkehr gemäß § 316 StGB eingeleitet und eine Blutprobe entnommen. In den letzten Tagen und Wochen fallen immer wieder Fahrradfahrer mit hohen Alkoholwerten auf, welche sich der Folgen nicht bewusst sind. Nach derzeitig geltender Rechtsprechung gilt ein Fahrradfahrer ab einem Alkoholwert von 1,6 Promille als absolut fahruntüchtig und macht sich nach § 316 StGB strafbar. Bereits mit einem Alkoholwert zwischen 0,3 Promille und 1,59 Promille ist eine Strafbarkeit nach § 316 StGB möglich, wenn eine „relative Fahruntüchtigkeit“ vorliegt. Ein Fahrzeugführer ist, im Gegensatz zu der „absoluten Fahruntüchtigkeit“ ab 1,6 Promille, „relativ Fahruntüchtig“ wenn zu der Alkoholisierung eine sogenannte Ausfallerscheinung, wie z.B. das Fahren in Schlangenlinien oder die Verursachung eines Verkehrsunfalls hinzukommt.
Eine Entziehung der Fahrerlaubnis durch die Fahrerlaubnisbehörde ist auch dann möglich, wenn ein Führerscheininhaber alkoholisiert mit einem nicht führerschein-pflichtigen Fahrzeug, z.B. einem Fahrrad, am öffentlichen Straßenverkehr teilnimmt und sich hieraus Hinweise auf eine Nichteignung zum Führen von Kraftfahrzeugen ergeben.“ (Pressemitteilung der PI Frankenthal vom 14.05.2017

Muss ich gesondert erwähnen, dass es der Herr von eben mit den Flipflops war? Und dass er seine Schlangenlinien unter Ausnutzung der gesamten Fahrbahnbreite vor dem Streifenwagen zog? Übrigens gerade mal 100 Meter von seiner Haustür entfernt, wie wir später feststellten, als wir mit ihm seine Papiere holten, die er nicht dabeihatte.

Keine sonderlich schlaue Idee, wissend, dass die Polizei mit zwei bis drei Fahrzeugen in der gleichen Straße steht…

Thomas war mit seinem Transporter noch gar nicht zurück zur Dienststelle gekommen und gesellte sich zu uns.

Tim und Thomas versuchten, den Mann zu überzeugen, sein Fahrrad an einem Zaun anzuschließen, damit es nicht gestohlen werden könnte. Allerdings war er deutlich zu betrunken, um dem Ansinnen der beiden folgen zu können. Als er es dann endlich verstand, stellte sich heraus, dass er gar keinen Schlüssel für das Schloss hatte. Übrigens ein Schloss, das nicht wirklich weiterhelfen würde… aber lassen wir das.

Letztlich entschied Thomas, das Fahrrad ebenfalls in den Transporter zu laden, damit es bei der Polizei sicher untergebracht werden kann. Meine Versuche, ihm dabei zu helfen, waren nicht wirklich effizient – aber lustig.

Letztlich packten Tim und Marvin den Mann in unseren Streifenwagen, mich auf den Vordersitz und mit einem Umweg über seinen Wohnsitz wegen der Papiere ging es zurück in die Dienststelle. Es sei dabei nur am Rande bemerkt, dass ich allein vom Einatmen der Luft im Wagen vor dem Herrn schon gefährlich nahe an einen eigenen Alkoholrausch herankam.

 

Kaum in der Dienststelle angelangt, schlug schon der nächste Einsatz ein. Da Tim bereits angefangen hatte, sich um unseren Betrunkenen zu kümmern, fuhr Thomas mit Marvin (und mir auf dem Rücksitz) raus. Lukas und Edu kamen ebenfalls zum Einsatzort.

Es ging um einen Randalierer vor einer Bar, der vor dieser bereits zu Boden gebracht worden sein sollte.

Oha!

Tatsächlich befand sich bei unserem Eintreffen ein ziemlich kräftig aussehender Mann auf dem Boden. Seine Aggressionen waren mit Händen zu greifen. Der Fairness halber darf hier allerdings nicht verschwiegen werden, dass ihm ein anderer Mann verbal heftigst an die Wäsche ging und ihn auf das Übelste provozierte. Mir wird sich wohl nie erschließen, warum man noch Hohn und Spott über jemandem ausgießen muss, den man bereits körperlich besiegt hat.

Meine vier Herren brachten erst einmal Ruhe in die Lage, Marvin hielt den aggressiven Herrn erst einmal weiter unten. Auch wurden ihm Handschellen angelegt, damit die Lage nicht weiter eskalierte. Zeitgleich wurde seinem Gegner deutlich gemacht, dass er sich jetzt auch zurückzuhalten habe.

Ich stand mit dem Rücken zum Streifenwagen, beobachtete, und versuchte ansonsten nicht im Weg zu sein.

Nachdem Ruhe eingekehrt war und es möglich war, herauszufinden, wer nun wer war und was genau passiert war, stellte sich die Sachlage folgendermaßen dar:

Die Frau des Mannes, der gerade am Boden gehalten wurde, hatte sich mit ihren Freundinnen einen schönen Abend in der Bar machen wollen. Wie es heutzutage so üblich ist, wurde innerhalb dieser Bar über Soziale Netzwerke kommuniziert (warum auch sich persönlich ansprechen, das wäre doch zu einfach?) und die Frau wurde vom Sohn des Inhabers gefragt, wie es ihr denn in der Bar gefiele. Ich habe gesehen, was da geschrieben wurde, aus meiner Sicht vollkommen harmlos.

Dem aggressiven Herrn hingegen erschien dies jedoch als eine äußerst unbotmäßige Annäherung an seine Dame – und er wurde sehr laut. Mindestens!

Daraufhin warfen ihn der Sohn des Inhabers und einige andere junge Herren raus, brachten ihn zu Boden und bombardierten ihn dort mit entsprechenden Äußerungen. In diese Situation kam dann die Polizei.

 

Nachdem sich zuerst der Sohn des Inhabers der Polizei gegenüber derart grenzwertig benahm, dass er nach erfolgter Zeugenaussage und Angabe der Personalien einen Platzverweis durch Thomas in das Innere der Bar gewann, wandten sich meine Herren nun dem knieenden Randalierer zu. Der sich seinerseits derart aggressiv gebärdete, dass erstmal nicht daran zu denken war, ihn aufstehen zu lassen, oder ihm gar die Handschellen abzunehmen. Genau dies wollte er aber und in völliger Verkennung seiner Verhandlungsposition teilte er auf die Frage nach seinem Namen mit:

„Das sage ich euch erst, wenn Ihr mich losmacht.“

Da er dabei blieb, sich aber seine Brieftasche sehr deutlich in seiner Jackentasche abmalte, nahm Lukas diese an sich. Dies tat er, indem er in die Jackentasche griff, die Brieftasche entnahm, aufklappte, den Ausweis entnahm und diesen Thomas reichte. Der notierte die Personalien, gab Lukas den Ausweis zurück. Lukas steckte diesen wieder in die Brieftasche, die er bis dahin lediglich in seiner Hand gehalten hatte, klappte sie zu und beugte sich zu unserem netten Herrn. Er verstaute die Brieftasche sorgfältig in der Jackentasche und zog nicht minder sorgfältig den Reißverschluss mit seinen dann komplett leeren Händen wieder zu.

Offenbar erkannte der Mann, dass weitere Versuche, der Polizei seinen Willen aufzuzwingen, misslingen würden, und gab schließlich seine Version der Geschehnisse zum Besten. Die sich weitgehend mit der Version des Betreibersohnes deckten.

Da sein Alkoholisierungsgrad für die Staatsanwaltschaft interessant sein dürfte, durfte er auch einen Alkotest machen. Er pustete 1,2 Promille.

Letztlich erteilte Thomas ihm ebenfalls einen Platzverweis. Er trollte sich auch, seine Frau und seinen Stiefsohn im Schlepptau.

 

Kaum in der Dienststelle angelangt, wurden wir schon wieder hinausgerufen. Der Notruf war insgesamt ziemlich unverständlich abgegeben worden. Wir wussten nur – Geld war verschwunden und es hatte etwas mit dem Einsatz vor der Bar zu tun.

Erster Gedanke: Den Betreibern der Bar ist nun aufgefallen, dass auch Geld abhandengekommen ist.

Auch die Ortsangabe war undeutlich gewesen. Thomas konnte sie allerdings aufgrund seiner langen Erfahrung korrekt einordnen, nachdem wir zuerst vor der Bar kreuzten, wo eindeutig niemand auf uns wartete. In der Tat, die Anrufer winkten uns dann am von Thomas vermuteten Ort.

Zu meiner Überraschung handelte es sich um den Randalierer von eben.

Wir steigen aus.

„Als ich in die Shisha-Bar rein bin, hatte ich insgesamt 2.000 Euro im Portemonnaie. Jetzt sind es nur noch 300.“

Mit einer vorwurfsvollen Geste hielt er uns sein offenes Portemonnaie unter die Nase.

„Wollen Sie eine Anzeige erstatten?“

Thomas versuchte, das Ganze logisch zu gestalten. Warum sollte man auch sonst die Polizei mit dem Thema beschäftigen?

„Nein, ich habe das Portemonnaie in der Shisha-Bar gar nicht rausgeholt.“

Häääää?

„Was wollen Sie uns damit sagen?“

Gute Frage, Thomas. Und deutlich sinnvoller als mein „Häääää?“. Mein eigenes Hirn verweigerte sich allerdings strikt dem Verständnis dessen, was da an Andeutung in der Luft hing.

„Nur die Polizei hat das Portemonnaie herausgeholt“, sagte er.

Das meint der jetzt nicht ernst?

„Ja, um ihre Papiere herauszuholen.“

„Vorher waren aber 2.000 Euro drin und jetzt nur noch 300. Wo sind die 1.700 Euro?“

„Das weiß ich nicht“, sagte Thomas, den ich gerade für seine Ruhe und Sachlichkeit uneingeschränkt bewunderte. Ich kochte innerlich über. „Der Kollege hat lediglich Ihren Ausweis herausgeholt, mehr nicht.“

„Wo sind die 1.700 Euro?“

„Vielleicht haben Sie sie ausgegeben? Oder verlegt? Sie sind ja nicht mehr ganz nüchtern“, schlug Thomas vor, immer noch sehr ruhig.

Nicht mehr ganz nüchtern war ziemlich geschmeichelt. Um 1.700 Euro vertrunken zu haben, war er allerdings deutlich zu orientiert. Allerdings hätte das auch sonst einiges erklärt…

Unser Gegenüber beharrte darauf, seinen Punkt zu machen.

„Die Polizei hat mein Portemonnaie gehabt. Vorher waren 2.000 Euro drin. Jetzt nur noch 300 Euro. Was soll ich denken? Wo sind die 1.700 Euro?“

Nun war bei Thomas definitiv Schluss mit lustig.

„Vier Polizisten und sie“ – Thomas zeigte auf mich und ich nickte bekräftigend – „haben genau gesehen, dass der Kollege außer Ihrem Ausweis nichts aus dem Portemonnaie genommen hat. Ich schlage vor, Sie hören sofort mit Ihren Unterstellungen auf.“

„Wo sind die 1.700 Euro? Wollen Sie morgen alle feiern gehen, ja?“

Glaubt der das wirklich oder ist der einfach nur unfassbar dreist?

„Wir nehmen Ihre Aussagen diesbezüglich zu unseren Akten“, teilte Thomas ruhig mit.

Wow!

“ Die Polizei hat mein Portemonnaie gehabt. Vorher waren 2.000 Euro drin. Jetzt nur noch 300 Euro. Was soll ich denken? Wo sind die 1.700 Euro?“

Thomas wurde vehement.

„Wir nehmen Ihre Äußerungen auf. Wie gesagt, vier Polizeibeamte und eine Zeugin haben genau gesehen, was Ihrem Portemonnaie entnommen wurde. Und jetzt gehen Sie und wir fahren zurück in die Dienststelle.“

„Ach, na und? Dann suche ich mir eben 18 Zeugen und die sagen dann alle, dass ihr das Geld gestohlen habt.“

Vor meinem Blick waberten allmählich rote Rauchschwaden herum.

Was bist du eigentlich für ein Mensch?

Wir rückten ab. Die Türen des Streifenwagens fielen zu, Thomas startete den Motor.

„Ich glaub, mein Hamster bohnert“, stieß ich hervor – mit nicht zu knapp Schaum vorm Mund.

Immer, wenn ich denke, ich habe nun alles gesehen in meinen Nachtschichten, schaffen es immer noch Leute, mit neuen Varianten an unfassbaren Unverschämtheiten um die Ecke zu kommen.

„Ärgere dich nicht. Sowas passiert. Ist normal.“

Normal?

Unterstellungen und falsche Verdächtigungen sind aus meiner Sicht mit das Widerlichste, was man anderen Menschen antun kann. Und sowas ist normal?

Ich denke, ich habe noch sehr viel zu lernen darüber, was Polizisten in ihrem Dienst an uns so alles begegnet. Und wir Bürger, die wir hinter unserer Polizei stehen, sollten noch viel häufiger und viel lauter unseren Standpunkt verkünden – damit solche Menschen sich nicht auch noch von der Gesamtgesellschaft bestätigt fühlen.

Tröstlich, dass neben der Tatsache, dass seine unfassbaren Unterstellungen zu den Akten genommen wurden, auch eine Anzeige an ihn herausging.

Nicht minder erfreulich, dass zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Artikels meine Begleiter von jeglichem Verdacht befreit wurden: Die Frau hat mittlerweile eingeräumt, dass sie das Geld zu Beginn des Abends an sich genommen hatte, um es in Sicherheit zu bringen.

 

Gegen diese Szene mutet es fast schon harmlos an, was meine Begleiter dann beim nächsten Einsatz zu hören bekamen. Wieder kam ein Anruf rein wegen einiger Randalierer, die auch schon einiges zerstört hatten.

Lukas und Edu fuhren zu diesem Einsatz, mit mir hinten drin. Wir wussten, dass die Randale in Bahnhofsnähe stattfand. Entsprechend kreuzten wir dort recht langsam mit dem Streifenwagen. Da ich hinten links nur in eine einzige Richtung sehr gute Aussicht habe, spähte ich auch in diese Richtung. Hinten links…

Wir passierten einen Parkplatz. Auf diesem ein ganzes Auto. In dessen Nähe stand ein einzelner junger Mann, offensichtlich in sein Smartphone vertieft. Auch meine beiden Begleiter nahmen ihn wahr. Empfanden ihn offenbar als harmlos. Ich auch. Wir suchten ja insgesamt fünf Jugendliche.

Moment mal…

Schlagartig war ich hellwach.

„Da versteckt sich einer hinter dem Auto da.“

„Wo?“

„Das Auto da auf dem Parkplatz.“

Ich zeigte in die angegebene Richtung.

Lukas wendete den Streifenwagen schlagartig und fuhr auf den Parkplatz auf. Tatsächlich spritzen zwei junge Männer hinter dem Auto hervor.

Fürs nächste Mal übrigens ein kleiner Tipp: Wenn da nur ein einziges Auto steht, ist es erstens ziemlich sinnvoll, sich immer auf der dem Streifenwagen abgewandten Seite dieses Autos aufzuhalten. Und zweitens ist es sinnvoll, seinen Rucksack abzunehmen, der über die Motorhaube ragt.

Ich halte ja wenig davon, der Jugend von heute nachzusagen, sie sei schlimmer oder dümmer als wir damals. Allerdings tippe ich darauf, dass das in meinem Freundeskreis zumindest jenen nicht passiert wäre, die eifrig Karl May gelesen haben. Effizient verstecken lernt man da nämlich. 😉

Lukas und Edu erkannten sozusagen alte Bekannte – nämlich drei von den Jugendlichen, mit denen sie schon im Zusammenhang mit dem weiter oben erwähnten zerstörten Fahrrad zu tun hatten.

Natürlich waren sie alle drei unbegeistert davon, einer erneuten Kontrolle unterzogen zu werden. Das ist aus meiner Sicht sogar nachvollziehbar, egal, ob sie nun die waren, die wir suchten, oder nicht. Waren sie die aktuell gesuchten Randalierer, dann drohte ihnen noch mehr juristisches Ungemach als sowieso schon. Waren sie dieses Mal tatsächlich unschuldig, dann ist verständlich, dass sie von einer erneuten Personenkontrolle nicht erbaut waren.

Dennoch gestaltete sich diese Kontrolle in einem insgesamt durchaus angemessenen Tonfall. Tatsächlich hatten sie bis gerade eben noch zwei Kumpels dabeigehabt, die allerdings gerade für die Beschaffung von Fast-Food unterwegs waren. Die beiden, die hinter dem Wagen gekauert hatten, gaben als Begründung dafür an, dass sie keine Lust auf eine weitere Kontrolle gehabt hätten.

Nun ja, für mein Empfinden waren sie selbst an dem Punkt, an dem ihnen klar war, dass die Idee nur bedingt gut gewesen war.

Plötzlich – Auftritt eines vierten jungen Mannes, der schon mal aus dem Fast-Food-Restaurant zurückkehrte. Schlagartig schlug die Atmosphäre deutlich um.

Auf die Frage eines meiner beiden Begleiter, was er hier mache, antwortet er mit:

„Das geht dich gar nichts an, Alter.“

Ah ja. Duzen und ‚Alter‘. Lukas machte ihn darauf aufmerksam, dass diese Form der Ansprache nicht angemessen ist.

Daraufhin ließ Mr. Wichtig den ganzen blühenden Unsinn vom Stapel, der mir mittlerweile nach gerade mal zehn bis zwölf Praktika einerseits schon aus den Ohren rauskommt, mich andererseits aber immer wieder auf eine gewisse Art fasziniert. Ich weiß zunehmend die endlose Geduld unsere Polizeibeamten zu schätzen, die sich diese Dinge pausenlos anhören. Ich lasse die Details mal weg, sage nur so viel, dass das gesammelte Repertoire des Polizeikritikers darin seinen Platz hatte: „überzogen“, „ich kenne meine Rechte“, „übertrieben“, „hast mir gar nichts zu sagen“… ich konnte innerlich gar nicht so oft ‚Bingo!‘ schreien, wie er die Kästchen meines inneren Polizeikritiker-Bullshit-Bingos in atemberaubender Geschwindigkeit füllte.

Höhepunkt seines Wortschwalls war der Satz:

„Der Abend gehört jetzt uns, also ab mit euch.“

Ähm, wie bitte?

 

Im Nachgang musste ich mir erstmal mit diesem Tweet Luft machen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich keine Freundin von dem reflexartigen Geschrei nach hören Strafen bin, weil ich diese nicht für ein Allheilmittel halte. Aber irgendeine Reaktion auf ein derartiges Benehmen fände ich durchaus angemessen.

Es gibt sicherlich Menschen, die man über Einsicht erreicht. Es gibt aber auch Menschen, bei denen solche Versuche fehlschlagen und denen man einfach Grenzen setzen muss, bevor sie völlig aus dem Ruder laufen. Aus meiner Sicht wäre eine Geldbuße für derartiges Verhalten anzudenken. Noch sinnvoller fände ich, wenn man als Gegenleistung dafür, dass man Polizisten in solch unsäglichem Tonfall vollgetextet hat, mal die Streifenwagen polieren dürfte. Das finde ich persönlich nicht demütigend. Im Gegenteil erachte ich das als ebenso sinnvoll wie Sozialstunden.

Solch ein Verhalten unbeantwortet zu lassen, schadet meines Erachtens auch dem jungen Menschen, der es an den Tag legt. Möglicherweise finden ihn seine Kumpels total toll und megacool. Potentielle Vorgesetzte und Kollegen werden das wohl anders sehen. Eine bürgerliche Existenz in einem gut bezahlten Beruf kann er jedenfalls mit derartigen Sozialkompetenzen nachhaltig vergessen.

 

Dies war dann auch schon der letzte Einsatz der Nacht. Danke für die tolle Nachtschicht und die spannenden Einblicke. Ihr seid ein tolles Team und leistet tolle Arbeit. Danke für die supernette Aufnahme!

Und danke für die schöne Nachlese morgens im Sozialraum!

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ruhig ist ein dehnbarer Begriff – eine Nachtschicht voller Rettungsdienste mit der PI Ludwigshafen 1

„Habe ich doch gestern Abend gesagt, dass es eine eher ruhige Nacht wird.“

So der Dienstgruppenleiter zu mir am Morgen danach.

Ja, das stimmt. Das hatte er gesagt. Und offensichtlich verschiebt sich die Bedeutung von „ruhig“, wenn man in einer Stadt Dienst tut, in der ich selbst schon mal fünf Stunden lang aus einem Streifenwagen nicht mehr rauskam (meine erste Nachtschicht)… aber „ruhig“ wäre dennoch nicht unbedingt der Begriff der Wahl, der mir zur Umschreibung dieser Nacht in den Sinn kommen würde.

Doch sehen wir selbst.

 

Für mich begann schon der Vorlauf aufregend. Mainz 05 hatte gespielt – und verloren. Was dazu führte, dass ich beim Umsteigen in meinen Anschluss dort einem Haufen Bereitschaftspolizisten der Bundespolizei in die Arme lief. Leider konnte ich ihnen nicht persönlich für das Sicherheitsgefühl danken, das mich schlagartig anfiel. Mein Anschluss drohte, mir vor der Nase wegzufahren.

Der Anschlusszug wiederum war so gerammelt voll, dass ich darauf verzichtete, mich auf die Suche nach einem Sitzplatz zu begeben und mir zwischen einer Menge ebenso unzufriedener wie alkoholisierter Fußballfans einen Klappsitz suchte. War ja nur bis Frankenthal. Dachte ich.

In Bodenheim, der nächsten Ortschaft hinter Mainz, blieb der Zug stehen. Personen im Gleis.

Macht nichts! Ich habe ja 20 Minuten zum Umsteigen in Frankenthal!

Vierzig Minuten später standen wir immer noch und ich hatte ein Problem.

Mein aktueller Zug fuhr zwar nach Ludwigshafen, aber an den falschen Bahnhof. Wenn er denn fuhr…

Ich würde glasklar zu spät erscheinen. Meine Erziehung gebot mir, bei der Dienststelle anzurufen und das mitzuteilen. Mein Verstand widersprach vehement und befand, dass ich vielleicht nicht gerade in der optimalen Umgebung unterwegs sei, um das Wort „Polizei“ oder die Wortgruppe „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ allzu laut auszusprechen. Zumal das Eingepferchtsein in einem stehenden Zug den sowieso schon dürftigen Launepegel um mich herum nicht wirklich angehoben hatte. Da half auch die offene Zugtür auf den winzigen Bahnsteig der Weltstadt Bodenheim nicht weiter…

Genau DA wünschte ich mich gerade hin…

 

Irgendwann drängelte sich ein Mann im Trikot der gegnerischen (und – wir erinnern uns – überlegenen) Mannschaft durch die Menge. Er wurde eigentlich gar nicht beachtet.

Na, denn…

Einmal tief Luft geholt… Nummer gewählt.

„Polizeiinspektion Ludwigshafen 1.“

Ein junger Mann. Er nannte auch einen Namen. Der ging nur in dem Krach im Zug unter.

„Hallo, hier ist Gerke Minrath. Ich bin heute Nacht bei Euch bei der Nachtschicht.“

Nachtschicht. Völlig unverfängliche Vokabel.

„Ich sitze in einem Zug fest, der nicht fährt. Ich werde zu spät kommen. Könnten Sie das der Nachtschicht bitte ausrichten?“

Vielleicht habe ich Glück, und der junge Mann kennt mich sogar von einer meiner Schichten…

„Für wen hospitieren Sie denn? Die Staatsanwaltschaft?“

Hmpf!

„Für diesen Verein…“

„Entschuldigen Sie bitte, ich bin noch aus der Schicht davor. Deshalb frage ich. Für wen nochmal?“

Du kannst ja nichts für meine aktuellen Begleiter… Ach komm, egal jetzt! No risk, no fun!

Mein Smartphone rutschte mir fast aus meiner schlagartig schweißnassen Hand.

„Für den Verein ‚Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.‘.“

Schlagartiges Verstummen aller Gespräche um mich herum. Alles starrte mich an.

Ach herrje…

„Ach so“, klang es fröhlich aus meinem Hörer. „Richte ich aus. Rufen Sie einfach an, wenn Sie in Ludwigshafen sind.“

Gleichzeitig fingen um mich herum alle an zu lachen.

Ich legte auf. Nicht ohne mich bedankt zu haben.

Einer der Jungs im roten Trikot sagte: „Den Verein kennen wir. Acht Cola, acht Bier.“

Der Rest war einfach nur freundlich und ließ mich in Ruhe.

Uff! Schon vor der Nachtschicht nass geschwitzt.

Neben mir saß ein Herr, der sich als Mitglied der Grünen outete und im gleichen Atemzug als bekennender Polizistenfreund. Sicherlich wären wir nicht in allen Dingen einer Meinung (ich habe eigentlich in Sachen „Polizei“ an den meisten Parteiprogrammen etwas auszusetzen… 😉 ). Muss man ja auch nicht. Aber wir führten bis Ludwigshafen ein ebenso spannendes wie angenehmes Gespräch. Er erklärte mir auch genau, wie ich vom Bahnhof zur Polizeiinspektion komme. Sehr nett!

 

Das war aber gar nicht nötig, denn mein erstes Streifenteam, Alex und Christian, bestreifte den Bahnhof und lud mich bei der Gelegenheit direkt hinten ein. Ich stand noch so unter dem Eindruck meiner Zugfahrt, dass ich um ein Haar auf der falschen Seite eingestiegen wäre…

 

In der Dienststelle wurde ich vom Dienstgruppenleiter begrüßt. Er kündigte mir an, dass es wegen der insgesamt eher kühlen Witterung vermutlich ruhig werden würde. Dann reichte er mir eine Schussweste.

 

Und schon ging es los auf Streife. Die Tatsache, dass Ludwigshafen erst noch einmal durchzuatmen schien, bevor es loslegte, nutzte Christian, um mir auf den Zahn zu fühlen, was mich bewegt, regelmäßig in Streifenwagen mitzufahren und was Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. überhaupt für ein Verein ist.

 

Recht zügig kam die Unterbrechung durch den ersten Einsatz.

In einem Einkaufszentrum hatte ein junger Mann um die 18 Pfefferspray ins Gesicht bekommen – der Malteser Hilfsdienst traf kurz nach uns ein. Alarmiert hatte die Retter ein junger Mann, der in einem der Ladengeschäfte dort arbeitet.

„Ich halte Augen und Ohren immer offen.“

Sehr löblich.

Die Geschichte des jungen Mannes, dem Augen und Gesicht höllisch brannten, war eher unzusammenhängend und wenig logisch. Vor zwei Tagen sei ihm das Portemonnaie gestohlen worden, soeben seien ihm die Täter wiederbegegnet. Weil sie nicht wollten, dass er sie verrät, sprühten sie ihm eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht. Anschließend hätte einer davon ihm in der Toilette des Einkaufszentrums geholfen.

Öhm… wie jetzt?

Auch Christian und Alex fanden die Geschichte eher verwirrend, nahmen aber die Personalien des Opfers und die Personenbeschreibungen der Täter auf.

Im Anschluss suchten wir die Umgebung des Einkaufszentrums ab. Keine Leute, die der Beschreibung entsprachen. Christian telefonierte mit der Dienststelle. Dort wurden Jugendliche, ebenfalls wegen eines Gewaltdeliktes, überprüft. Von denen passte aber auch keiner auf unsere Täterbeschreibung.

 

Während unserer Suche winkte ein junges Mädchen den Streifenwagen heran. Sie sei von einem Typen „gestalkt“ worden. Christian befragte sie, was genau vorgefallen sei. Letztlich war sie lediglich angesprochen worden, ob sie öfters an dieser Stelle sei. Als sie verneinte, sei der Mann gegangen. Keine Straftat und auch noch sehr weit entfernt von „Stalking“.

„Wenn das nochmal vorkommt, und der geht dann nicht, dann kommen Sie bitte zur Polizei!“

 

Als nächstes wurde meine Streife per Funk gebeten, auf dem Theaterplatz am Pfalzbau einen vergessenen Feuerlöscher zu suchen und ggf. sicherzustellen.

Da bleibt ein Feuerlöscher lange genug liegen, dass die Polizei ihn einsammeln kann?

Nein, blieb er nicht.

Also weiterstreifen.

 

Wir passierten ein Etablissement, vor dem ein Oberklassewagen im absoluten Halteverbot stand.

Alex steuerte den Streifenwagen direkt hinter das andere Auto.

Im Etablissement plötzlich hektische Betriebsamkeit. Offensichtlich arbeitete sich jemand zur Tür, um sein Auto wegzufahren…

Ich freute mich schon auf den Fortgang der Geschichte, als plötzlich…

 

„Fahrt mal an den Rhein. Da soll es einen Streit gegeben haben zwischen Jugendlichen. Einer soll laut geschrien haben ‚Bitte hör auf!“, kam aus dem Funk. Dann:

„Der Anruf kam aus Mannheim.“

Oha… von der anderen Rheinseite? Muss ja ganz schön laut gewesen sein…

Christian warf Blaulicht und Martinshorn an, Alex startete den Streifenwagen durch. Christian drehte sich zu mir um.

„Wenn da nur ein einziger Anruf kam, ist da vermutlich nicht viel dran…“

Macht Sinn!

Und wirklich – weder konnten wir Jugendliche in einem heftigen Streit finden, noch Leute, die das ebenfalls gehört hatten.

 

Allerdings fanden wir Jugendliche vor, die meinen beiden Herren wohl bekannt waren. Diese Erfahrungen animierten Alex dazu, das Gespräch zu suchen. Er ließ die Fahrerscheibe runter.

„Habt Ihr was von einem Streit hier am Rheinufer mitbekommen? Wir haben da einen Notruf reingekriegt.“

„Nein, hier war alles friedlich.“

„Ok. Wäre schön, wenn das so bleibt und wir euch heute Abend nicht wiedersehen.“

„Wir sehen uns nie wieder“, versprach der junge Mann mit treuherzigem Augenaufschlag dem Polizisten vor sich. Der ließ das Fenster wieder hochsurren.

Christian und er tauschten einen kurzen Blick.

„Da sollten wir nicht drauf wetten, obwohl die Quoten hoch wären.“

Zumindest in dieser Nacht sahen wir sie nicht wieder.

Zurück zu unserem Falschparker. Der stand tatsächlich immer noch unverändert, als wir da vorbeipirschten.

Unglaublich!

„Ok, jetzt wird es richtig teuer.“

 

Plötzlich fielen uns zwei Jugendliche ins Auge, auf die die Beschreibung des jungen Mannes im Einkaufszentrum aufs Haar passte. Der mit dem Pfefferspray im Gesicht.

Alex stoppte den Wagen. Personenkontrolle.

Tatsächlich waren es unsere beiden Gesuchten, die allerdings abstritten, etwas mit der Sache zu tun zu haben.

„Ich hab dem doch noch geholfen!“

Das hatte das Opfer ja auch ausgesagt. Hm…

Einer der beiden hatte mehrere Smartphones. Alex überprüfte bei allen die IMEI, das ist eine 15-stellige Nummer, mit der jedes mobile Endgerät (Smartphone, Tablet…) eine eindeutige Identifizierung erhält. Wird so ein Gerät gestohlen und man gibt bei Anzeigeerstattung seine IMEI an, so kann man Glück haben und die Polizei findet es eines Tages wieder.

Von den IMEI-Nummern in diesem Fall gehörte allerdings keine zu einem gestohlenen Gerät.

Aus meiner Sicht übrigens mit am Erstaunlichsten, dass die beiden jungen Herren zu Beginn unserer Überprüfung allein auf weiter Flur waren, sich aber im Laufe der Unterhaltung mehrere Gleichaltrige, weiblich wie männlich, hinzugesellten. Einer Jugendlichen meinte, es sei eine tolle Idee, ständig mit dem Fahrrad um uns herumzuwuseln. Er und eine junge Dame stellten mehrfach die Frage, was da bitte vor sich ginge.

Wohlgemerkt, wir sprechen von einer Personenkontrolle, die vollkommen harmlos war – und nebenbei bemerkt noch wesentlich harmloser verlaufen wäre, wenn sich die beiden jungen Herren nicht so sperrig gegeben hätten, sondern einfach vollkommen normal die Fragen meiner beiden Begleiter beantwortet hätten.

Übrigens habe ich mir gemerkt, wie ich an meine IMEI-Nummer komme (*#06# ins Telefonfeld eingeben) und diese als erste Amtshandlung nach der Nachtschicht notiert. Für den Fall der Fälle. 😉

 

Weiterstreifen.

„Jetzt reden wir aber mit dem Falschparker!“

 

„Wir haben einen Ladendiebstahl in einem Supermarkt“, durchkreuzte der Funk den Plan.

In dem Supermarkt erwartete uns die Marktleiterin. Der Täter befand sich in einem vom Markt abgetrennten Raum. Dazu zwei Mitarbeiter des Supermarktes. Alex und Christian betraten den Raum, eine zweite Streife kam hinzu.

Kuschelig…

„Kann mal einer die Tür da feststellen?“, bat einer meiner beiden Herren. Ganz klar ein Job für die Praktikantin, die direkt neben der Tür stand. Mit zwei Handgriffen machte ich einen Mülleimer zum Türstopper.

Alex verließ den brechend vollen Raum, um mit der Marktleiterin zu sprechen. Da der Täter nun durchsucht werden würde, folgte ich Alex. Auch ein 17-jähriger Ladendieb hat Menschenrechte, die u.a. beinhalten, dass er nicht in Anwesenheit von Frauen durchsucht werden kann. Selbst wenn ich keine Frau wäre – auch ein Ladendieb ist kein Zootier.

Die Marktleiterin zeigte uns die Ware, die er unter seinem Pullover versteckt hatte – 10 Fläschchen Kräuterschnaps.

„Der ist total renitent geworden – wollte abhauen. Da haben mir die Leute da geholfen.“

Sie zeigte auf Zeugen.

Christian fragte später sehr genau nach, um herauszufinden, was „renitent“ bedeutet. Dabei ging es darum, wo genau sich die Schwelle zwischen „Diebstahl“ und „Räuberischem Diebstahl“ befindet. Es bringt keinen Menschen weiter, wenn die Polizei da die falsche Anzeige erstattet und das Verfahren dann deswegen eingestellt wird. Auch ein Gedankengang, der in heutigen Zeiten schwierig zu vermitteln ist, da sich die Opfer einer solchen Straftat häufig nicht ernst genommen fühlen und glauben, die Polizisten wollten das, was ihnen passiert ist, klein reden.

Für meinen Geschmack hat Christian diese Hürde gut genommen – er hat ihr sehr genau erklärt, warum er diese Fragen stellte und nach meinem Eindruck hat sie es auch verstanden.

Schließlich brachten wir den Jungen heim und übergaben ihn an seine Erziehungsberechtigten. Als wir das Haus verließen, in dem er wohnte, befanden sich die Nachbarn vom Haus gegenüber auf ihrem Balkon. Sie grüßten uns sehr freundlich und wünschten uns allen einen schönen Feierabend.

„Das dauert noch ein paar Stunden“, klärte einer meiner beiden Begleiter auf.

„Na, dann noch eine ruhige Schicht.“

Nett! Geht doch!

 

„Fahrt mal dahin (es folgte eine Adresse). Da vermissen welche ihren Nachbarn.“

Gesagt! Getan!

„Wir haben auch die Handynummer des Mannes und rufen da regelmäßig an. Derzeit geht keiner dran.“

Diese Information der Leitstelle wurde nachgelegt. Sie beunruhigte mich.

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

Erwartet wurden wir von zwei Herren in einem Mehrfamilienhaus. Einer der beiden war abends heimgekommen und hatte gesehen, dass bei einem seiner Nachbarn die Tür offenstand. Er versuchte, auf sich aufmerksam zu machen. Ohne Erfolg. Also holte er einen weiteren Nachbarn zu Hilfe. Zusammen gingen sie in die Wohnung. Alles war hell erleuchtet, es sah auch furchtbar unordentlich aus – aber der Nachbar war verschwunden.

„Er hatte vor einigen Wochen eine schwere Operation – wir machen uns Sorgen.“

Meine beiden Begleiter wirkten unbewegt, aber ich merkte ihnen an, dass sie der Sache durchaus Gewicht beimaßen.

Wir betraten die Wohnung, die beiden Nachbarn im Schlepptau, und fanden alles vor wie beschrieben.

Noch während Christian im Flur das Gespräch mit den Nachbarn führte und Personalien aller Beteiligten erhob, begann Alex, sich in der Wohnung umzusehen – nicht nur sicherheitshalber noch einmal nach dem Nachbarn, sondern auch nach weiteren Hinweisen. Ich begleitete ihn dabei. Nichts!

„Haben Sie ein Bild von Ihrem Nachbarn?“

Aus dieser Frage von Christian schloss ich, dass sofort eine Fahndung ausgelöst werden sollte. Meine Handflächen wurden feucht.

Das ist wirklich ernst…

Sofort machte Alex sich nochmal daran, durch die Zimmer zu gehen, dieses Mal hielt er Ausschau nach einem Foto. Ich folgte ihm. Vier Augen sehen vielleicht mehr als zwei. Zeitgleich durchsuchte einer der Nachbarn sein Smartphone nach einem Bild.

Plötzlich knackte es in Christians Funkgerät. Die Leitstelle. Meine Streife wurde gerufen.

Christian antwortete mit dem entsprechenden Rufnamen, dann: „Ja?“

„Der Mann hat uns zurückgerufen, er kommt nach Hause. Er ist an seiner Arbeitsstelle.“

Uff!

Alle im Raum atmeten erleichtert auf. Die vier eben noch so besorgt aussehenden Männer lächelten, ich vermutlich auch.

Wir verließen die Wohnung, die Nachbarn gingen erst einmal in ihre eigenen Wohnungen, wir erwarteten den ehemaligen Vermissten vorm Haus.

Der kam auch tatsächlich in wenigen Minuten an. Er war wirklich an seiner Arbeitsstelle gewesen, aber im Funkloch und hatte deswegen die Anrufe der Nachbarn und danach der Polizei nicht sofort bemerkt.

„Das Licht hatte ich absichtlich angelassen, damit Einbrecher glauben, ich sei daheim. Das mit der Tür verstehe ich auch nicht.“

Es war ihm sichtlich unangenehm, was er ausgelöst hatte.

„Das Wichtigste ist, dass es Ihnen gut geht. Und Sie haben echt tolle Nachbarn.“

Mit dem Satz nahm Christian ihm sichtlich sämtliche negativen Gefühle.

WOW! Super gemacht, Christian!

Abgesehen davon, dass der Satz nur zu wahr war.

Als der Ex-Vermisste außer Sicht- und Hörweite war, klärte Christian mich auf: „Gerade die Vorgeschichte mit der OP hat mich hellhörig gemacht. Das wäre nicht der erste Fall dieser Art, der schlimm endet.“

Hatte ich also richtig wahrgenommen, wie ernst der Polizei das Ganze war.

 

Da die beiden nun ihre ersten Berichte verfassen mussten, übergaben sie mich an ein zweites Team, Steini und I.

Erstmal einen Kaffee…

Gerade hatte ich die Hand nach der gefüllten Tasse ausgestreckt, als Steini mich in der Küche abholte.

„Den musst du erstmal vergessen! Einsatz!“

 

Blaulichtfahrt. An einer roten Ampel stand ein PKW – und bewegte sich keinen Millimeter in die Kreuzung rein. Wann spricht sich endlich bis zum letzten meiner Mitbürger herum, dass ein Einsatzfahrzeug sein Blaulicht und Martinshorn anwirft, wenn es dringend ist – man also Platz machen muss? Was in dem Fall heißt, vorsichtig in die Kreuzung reinfahren und den Rest den Fahrer des Einsatzfahrzeugs machen lassen.

„Klassiker“, brummte Steini nur.

I. steuerte den Streifenwagen irgendwie um das andere Auto herum, halb auf einer Verkehrsinsel. Tatsächlich ließ sich mein Mitbürger irgendwann dazu herab, minimal aus dem Weg zu kriechen. Na, bravo!

Steini und I. hatten schon einen Einsatz wegen eines Unfalls hinter sich, in den ein Motorrad verwickelt war – und hatten nun den nächsten. An dieser Stelle möchte ich die Pressestelle zu Wort kommen lassen:

„Eine Nasenbeinfraktur erlitt am Samstagabend ein 63-jähriger Motorradfahrer, als er in der Mundenheimer Straße in Fahrtrichtung Von-Weber-Straße einen einparkenden PKW verbotswidrig rechts überholte und dabei mit diesem kollidierte. Der Motorradfahrer stürzte auf die Straße und verletzte sich an der Nase, sowie an beiden Knien. An beiden Fahrzeugen entstand zudem erheblicher Sachschaden. Im Rahmen der Unfallaufnahme wurde beim PKW Fahrer Atemalkoholgeruch festgestellt. Ein anschließender Alkoholtest ergab eine geringe Alkoholisierung. Nach der Entnahme einer Blutprobe auf der Dienststelle wurde der PKW Fahrer aus den polizeilichen Maßnahmen entlassen. Der verletzte Motorradfahrer verblieb zur ärztlichen Beobachtung eine Nacht in der BGU.“ (Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Rheinpfalz vom 30.04.2017)

 

Wir waren die zweite Streife am Ort, die erste Streife hatte das Heft in der Hand. Ich warf einen Blick auf die Sanitäter, die mit dem Motorradfahrer sprachen. Er antwortete, war orientiert. Beruhigend! So ein Nasenbeinbruch verursacht nämlich eine beklemmend große Menge Blut.

Irgendwie wussten alle, was zu tun war – außer mir. Also versuchte ich möglichst, nicht im Weg rumzustehen und Leuten, die aufgeregt auf mich einsprechen wollten, deutlich zu machen, dass ich hier gar nichts zu melden hatte.

„Wen kann ich denn dann fragen?“

Keine Ahnung! Alle hatten etwas zu tun, was für mich wichtig aussah.

„Warten Sie einfach ein bisschen, bis einer der Polizisten sich um Sie kümmert.“

Deswegen war ich sehr froh, als mir eine Polizistin erstmal alle möglichen Habseligkeiten des verunfallten Motorradfahrers in die Hand drückte, um ihre Hände freizuhaben. Im Laufe der Unfallaufnahme konnte ich auch wieder als Taschenlampenhalter dienen. Das kennzeichnete mich dann auch dem Publikum ausreichend als Praktikantin, um mich keinen weiteren Fragen ausgesetzt zu sehen.

Grundsätzlich kann ich ja verstehen, dass jeder aufgeregt ist. Ich war auch aufgeregt, als ich vor vielen Jahren mal in Mainz Zeugin wurde, wie ein PKW eine Fußgängerin auf einem Zebrastreifen umnietete.

Auf die Einsatzkräfte stürzt allerdings auch schlagartig sehr viel ein. Nicht zu vergessen, dass sie schon während der Anfahrt mit Blaulicht und Martinshorn Adrenalin ausschütten. Lebensrettende Maßnahmen nötig? Rettungskräfte alarmieren? Wer hat den Notruf abgesetzt? Wer ist Unfallbeteiligter? Wer ist Zeuge? Wer ist Gaffer? Die sind ja schon froh, wenn sie Ressourcen haben, die Gaffer ihrer Wege zu schicken.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen – wenn man als Zeugin einfach ruhig wartet, möglichst an einer Stelle, an der man nicht im Weg ist, kommt irgendwann eine Polizeibeamtin oder ein Polizist und stellt Fragen. Dann bekommt man auch gesagt, wie es weitergeht. Die beherrschen ihren Job.

Wie in der Pressemitteilung beschrieben hatte der Fahrer des PKW offensichtlich Alkohol getrunken. Zur Dienststelle wurde er übrigens in unserem Streifenwagen gebracht. Ich zog kurzfristig auf die Beifahrerseite um und Steini auf meinen Platz.

Nun ging es erstmal lediglich um eine Blutprobe. Der Alkoholkonsum des PKW-Fahrers war nach allem, was man zu diesem Zeitpunkt wusste, nicht der alleinige Grund für diesen Unfall gewesen. Da er allerdings kein Deutsch sprach, war ihm nicht ganz klar, warum er von der Polizei mitgenommen worden war. Letzteres war ihm merkbar unheimlich.

In der Dienststelle gab I. alles, um dem Fahrer mit Hilfe einer Dolmetscherin deutlich zu machen, dass er nicht in der Dienststelle war, weil er die Alleinschuld bekommen sollte. Das fand ich klasse. Nach meinem Eindruck wurde der Mann auch ruhiger.

 

Nach der Blutprobe schaute I. noch einmal schnell nach einem Herrn, den die Polizei in Gewahrsam genommen hatte.

„Herr X., alles in Ordnung bei Ihnen?“

Diese Frage wiederholte I. so lange, bis von Herrn X. eine Reaktion kam. Vielleicht nicht besonders angenehm, ständig unterbrochen zu werden, während man seinen Rausch ausschläft – aber besser als unbemerkt zu sterben.

 

Anschließend bekamen wir einen Ermittlungsauftrag. An einer bestimmten Straße war ein Wohnwagen gesehen worden. Es gab die Vermutung, dass darin der illegalen Prostitution nachgegangen würde.

Auf dem Weg dahin outete sich Steini als Empfänger einer unserer Karten. „Damals war ich aber noch auf einer anderen Dienststelle.“

Er hatte sich sehr darüber gefreut. Was wiederum mich freut und auch motiviert.

In der genannten Straße war kein Wohnwagen zu sehen. Wenn der Verdacht also stimmte, hatte man sich wohl vorsichtshalber eine andere Ecke gesucht. Oder aber der Wohnwagen hatte einen harmlosen Hintergrund gehabt. Wer weiß…

 

„Wo Ihr gerade da in der Ecke seid – fahrt mal zum Herrn X. Der ist zusammengeschlagen worden, hat sich irgendwie noch nach Hause geschleppt und ist wohl ziemlich durch den Wind.“

Es folgte eine Adresse.

Die Anfahrt gestaltete sich schwierig, weil die Verkehrsführung dank diverser Einbahnstraßen an dieser Ecke der Stadt nicht auf Anhieb durchschaubar ist – um es mal vorsichtig auszudrücken. Wir fanden die Straße dennoch.

„Welche Hausnummer suchen wir nochmal?“ fragte Steini.

I. nannte die Nummer. Praktisch zeitgleich rief ich: „Hier!“

I. setzte zurück und fand eine Parklücke.

Das Rote Kreuz in Gestalt von zwei freundlichen Sanitäterinnen war schon bei Herrn X. Er ist ein älterer Herr, der schwerbehindert ist und eine Beinprothese hat. Die saß eindeutig nicht mehr so, wie sie sitzen sollte. Zudem hatte er ganz gut einen getrunken. Beides machte ihn, leider, für eine bestimmte Sorte Mensch zu einem guten Opfer. Die erkennen diese Schwächen ganz genau und wissen auch, dass Alkohol die Täterbeschreibungen nicht unbedingt hilfreicher macht.

Herr X. war völlig fertig mit der Welt. Er weinte.

Das ging mir in dieser Nacht unter die Haut. Mein eigener Tag hatte mit einer Todesnachricht begonnen, die mich mitgenommen hatte. Ich kann solche Dinge sehr gut beiseiteschieben, wenn ich anderweitig gefordert bin. Hier war ich aber gerade nicht gefordert. Also musste ich mich ziemlich zusammenreißen, um mich nicht dazuzusetzen und mitzuweinen. Was ich natürlich meinen beiden Herren auf keinen Fall antun wollte. Also riss ich mich zusammen.

Steini merkte trotzdem was. Wir führten dann kurz darauf, als ein wenig Zeit war, ein kleines Gespräch, dessen Quintessenz war: Man kann als Polizist nicht alles an sich heranlassen.

Kann ich so bestätigen. Würde ich alles, was ich im Leben an Schrecklichem oder Traurigem zu Gesicht/Gehör bekomme, so dicht an mich heranlassen, wie den Anblick des weinenden Herrn X., dann hätte ich schon mehrere Burn-Outs hinter mir. Polizeibeamte bekommen berufsbedingt mehr Schlimmes zu sehen als ich. Entsprechend wichtig ist es für die seelische Gesundheit, dass sie sich eben nicht jeden Einsatz emotional bis zum Anschlag reinziehen.

Merken, liebe Mitbürger! Es ist kein Zeichen von Unsensibilität, wenn ein Polizist im Einsatz einen kühlen Kopf bewahrt, sondern von Professionalität. Die meisten Polizeibeamten sind keinesfalls herzlos für Zwischenmenschliches. Das merkt man ihnen auch an, wenn man selbst nicht vollkommen gefühllos für andere ist.

Herr X. vermisste sein Handy. I. fragte ihn ausführlich nach den genauen Umständen aus, unter denen sein Handy abhandengekommen war. Auch hier ging es um den Unterschied zwischen zwei Delikten: Schwerer Diebstahl oder Raub.

Herr X. war dafür kaum empfänglich, also überließen wir ihn erst einmal den beiden freundlichen Sanitäterinnen.

Stattdessen machten wir uns daran, seinen Weg von der Kneipe um die Ecke nach Hause abzulaufen, in der Hoffnung, das Smartphone zu finden. Die Gaststätte befand sich um die Ecke. Es gab nur eine einzige etwas dunklere Ecke an dem Weg – und genau da war es seiner Beschreibung nach passiert. Natürlich war das Handy nicht aufzutreiben.

I. befragte drei junge Männer, die des Weges kamen. Die hatten zwar nichts gesehen, waren aber in höchstem Maße empört, was ihrem Mitbürger da passiert war.

„Altaaa, sowas macht man einfach nicht“, fasste einer der drei lautstark zusammen.

Ganz meine Meinung!

Für mein Gefühl waren sie darin auch vollkommen ehrlich.

Wir suchten die Kneipe auf, in der Herr X. seinen Abend verbracht hatte.

„Haben Sie vielleicht gesehen, wie jemand direkt nach ihm rausgegangen ist?“ fragte einer meiner beiden Herren.

Allgemeines Kopfschütteln, niemand war dem Mann gefolgt. Zudem allseitige Fassungslosigkeit.

Die Dame hinter dem Tresen wollte sofort Herrn X. Freundin informieren. I. ließ sich das Smartphone geben und übernahm das Gespräch. Gute Idee! Ich würde vergleichbare Nachrichten auch lieber sachlich von einem Polizisten bekommen.

Insgesamt ließ sich über die Täter nichts herausfinden – was vermutlich bedeutet, dass diese gewissenlosen Menschen damit durchkommen werden. Schade!

 

Und schon war es Zeit für die Rückübergabe an das erste Streifenteam.

Wir bekamen auch gleich einen Einsatz rein. Eine hilflose Person war vom Roten Kreuz, dieses Mal zwei freundlichen Herren, aufgegriffen worden. Es ging nun darum, die Identität zu klären.

Das klappte ganz gut. Dann ging es um seinen Wohnsitz. Der Herr war sich ziemlich sicher, in Mannheim zu wohnen, wo er allerdings nicht gemeldet war. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass er aus einem nahe gelegenen Krankenhaus abgängig war. Das traf sich sehr gut, denn in dessen Nähe lag schon der nächste Einsatz an. (Wie sich ruhige Nächte in Ludwigshafen halt so präsentieren!) In dieses Krankenhaus musste der Herr auch zurück. Also ging es „nur“ noch darum, ihn davon zu überzeugen, dass dieser Transport nicht von der Polizei, sondern vom Roten Kreuz erledigt werden musste.

„Wir dürfen keine Krankentransporte durchführen“, erklärte Christian ihm mehrfach. Irgendwann stieg er dann in den Rettungswagen.

Hello again!

Tatsächlich stellte sich heraus, dass der nächste Einsatz sich nicht um eine hilflose Person in der Nähe des Krankenhauses drehte, sondern diese Person ebenfalls aus dem Krankenhaus abgängig war. Eine Frau mit einer behandlungsbedürftigen Kopfplatzwunde hatte das Krankenhaus auf eigene Faust verlassen.

In diesem Krankenhaus trafen wir übrigens die beiden Sanitäter aus dem letzten und ich die beiden Sanitäterinnen aus dem vorletzten Einsatz wieder.

Während Christian und Alex noch versuchten, herauszufinden, was nun genau vorgefallen war, bekamen wir mit halbem Ohr mit, dass eine dritte Person aus dem Krankenhaus verschwunden war.

Was stimmt nicht mit diesem Krankenhaus?

Einer der jungen Sanitäter outete sich nebenbei meinen beiden Begleitern gegenüber als angehender Polizist (zum 1. Mai). In dem Zusammenhang erfuhr ich auch, wie lange meine beiden Begleiter schon dabei waren, wobei sich Christian mit fünf Jahren Dienst in Ludwigshafen schon als „Fossil“ zu bezeichnen beliebte.

Nach fünf Jahren im Beruf ein Fossil? Dann bin ich aus der Ursuppe gekrochen… 😉

 

Pragmatischerweise entschieden Alex und Christian, dass wir die Dame einfach mal suchen fahren.

 

Unterwegs trafen wir vier junge Männer, die sichtlich wohlgelaunt und nicht ganz leise durch die Nacht zogen – unter Ausnutzung der gesamten Fahrbahnbreite.

Christian sprach sie freundlich an und ermahnte sie, doch besser den Bürgersteig zu benutzen. Die Reaktion der Jungs war nicht unfreundlich. Allerdings hängte sich einer der vier gemütlich in das Beifahrerfenster des Streifenwagens. Wir leben definitiv in neuen Zeiten. Ich hätte mich das in dem Alter nicht getraut. Generell bin ich eher der Typ für Abstand. Mir wäre das definitiv zu distanzlos.

 

Wir waren bei unserer Suche schon fast an der Adresse der verletzten Frau angelangt – als uns ein Funkspruch aus der Leitstelle erreichte.

„Die Dame hat uns angerufen. Sie ist wohlbehalten zuhause. Die hatte einfach keine Lust mehr zu warten.“

„Wann ist sie denn eingeliefert worden?“

„Um neun.“

Meine Uhr zeigte knapp drei Uhr morgens an.

Joah!

Da hätte ich auch nicht mehr gewartet.

 

Wir bestreiften weiter das nächtliche Ludwigshafen. Dabei passierten wir in einer kleinen Grünanlage fünf junge Leute. Wobei „passieren“ die Sache nicht ganz trifft. Zwei von den beiden spurteten schon los, als der Streifenwagen gerade am Horizont auftauchte.

Alex gab dem Wagen die Sporen.

Die beiden trennten sich.

Nun galt es, zu entscheiden, wem wir folgen.

Unser Favorit schlug plötzlich einen Haken.

Man kann einen Passat aber auch sehr schnittig wenden, wenn es sein muss. Alex kann das auch. 😊

Der Flüchtende passierte eine Mauer. Eine kurze Handbewegung.

Hä? Will der über die Mauer klettern? Das schafft der doch nie…

Nein, er rannte weiter.

Nach wenigen Sekunden waren wir nah genug dran, dass Christian die Tür aufreißen und ihm folgen konnte. Pfeilschnell!

Alex parkte den Wagen, wir stiegen auch aus.

Christian hechtete auf den jungen Mann, und brachte ihn zu Boden.

„Hey, das ist Polizeigewalt!“

Na, klar.

Christian erklärte dem jungen Mann, inwiefern er berechtigt gewesen war, zu handeln wie er handelte, und warum er es getan hatte. Der blieb jedoch bei seiner Ansicht. Eine Diskussion, auf die sich Christian gar nicht weiter einließ.

Allerdings sagte Christian im Nachgang zu mir, dass er schon nachvollziehen könne, dass der junge Mann davon geschockt gewesen war. Fand und finde ich klasse!

Während Alex die Personalien des jungen Mannes aufnahm, spazierte Christian zu der Mauer. Um die Mauer. Hinter die Mauer. Und fand – ein kleines Druckverschlusstütchen mit weißem Pulver.

„Das haben Sie doch selbst dabeigehabt, um mir das hier unterzuschieben.“

Klar, da warten wir schon den ganzen Abend drauf…

Nach Beschlagnahme des Pulvers („Warum sollte ich etwas dagegen haben? Das Zeug gehört mir doch gar nicht!“) durfte der junge Mann weiter seiner Wege ziehen.

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

 

Meine beiden Herren fanden es im Nachgang sehr schade, dass uns der andere durch die Lappen gegangen ist. Ich auch! Wer weiß, was wir bei ihm gefunden hätten.

 

Alex und Christian tippten bei dem weißen Pulver auf Amphetamin. Sie begründeten das mit dem Geruch und mit den Symptomen, die der junge Mann aufgewiesen hatte (Trockene Mundwinkel, Paranoia…).

 

Bevor wir das überprüfen konnten, bekamen wir allerdings noch eine Ruhestörung rein. Es ging hart auf vier Uhr zu – und in einem Saal über einem Restaurant ging es musikalisch noch hoch und vor allen Dingen laut her. Es handelte sich um die Feier der Neueröffnung dieses Restaurants.

Christian und Alex gratulierten freundlich dazu, was die Bereitschaft, die Musik leiser zu stellen, drastisch erhöhte. Wenn es auch ein bisschen dauerte, bis die Anweisung der Verantwortlichen sich bis zum „DJ“ herumgesprochen hatte…

 

Als wir nach einer weiteren kurzen Streifenfahrt in die Dienststelle kamen, machte Christian als erstes einen Schnell-Test. Den kannte ich ja schon aus meiner Januar-Schicht. Dieses Mal verfärbte sich das Röhrchen nahezu in Lichtgeschwindigkeit orange. Wie vermutet – Amphetamin.

Das Amphetamin roch auch deutlich weniger nach Waschmittel, war also vermutlich von „besserer“ Qualität – hatte aber immer noch keinen Geruch, der mich animieren würde, so etwas zu mir zu nehmen.

 

Das Wiegen hatte ich schon verpasst, und den Fortgang sollte ich auch nicht mehr mitbekommen, weil mich Steini und I. wieder in ihre Obhut nahmen. Wir hatten die Streifenfahrt gerade erst aufgenommen, als wir schon einen Einsatz wegen einer Schlägerei vor einer Disko hereinbekamen.

Wieder waren wir die zweite Streife am Ort, was dazu führte, dass meine beiden Herren in erster Linie damit beschäftigt waren, die Kontrahenten voneinander zu trennen.

Nach Darstellung des jungen Mannes, um den sich meine beiden Herren vorrangig kümmerten, waren zwei andere junge Männer auf ihn losgegangen. Um diese beiden kümmerte sich gerade die andere Streife. Beiden pappte in der Tat ein ebenso provozierendes wie überflüssiges Grinsen im Gesicht. Was unseren jungen Herrn noch weiter auf die Palme brachte. Seine Freundin versuchte hartnäckig und leider erfolglos, ihn runterzubringen.

Nach und nach kamen weitere Streifenwagen eingeflogen, bis die Polizei letztlich mit insgesamt sechs Wagen am Ort war. Einer davon war der Dienstwagen eines Hundeführers, der sich aber erstmal ohne seinen Hund im Abseits hielt.

Der junge Mann, der angegriffen worden war, war nicht willens, die Fragen der Polizisten zur Klärung der Sachlage zu beantworten. Stattdessen versuchte er ständig, aus dem Kreis der ihn umgebenden Polizisten auszubrechen. Als das misslang, versuchte er es mit einem Tränenausbruch.

„Da will man einen schönen Abend verbringen, und dann passiert sowas. Und jetzt glaubt mir keiner.“

Auch hier versuchte die Freundin, beruhigend auf ihn einzuwirken.

„Die Polizisten machen doch nur ihre Arbeit.“

Natürlich zog auch hier der Blaulichtauflauf einige Schaulustige an, u.a. einen Kumpel des Opfers, der mit den beiden den Abend verbracht hatte. Der wusste offensichtlich von nichts, er konnte auch keine Zeugenaussage beitragen, die irgendwie weitergeholfen hatte. Zum Ausgleich wusste er hingegen ganz genau, wie Polizeiarbeit geht – und war auch so liebenswürdig, das den anwesenden Beamten exakt zu erklären.

„Die beiden greifen an und wir sind die Deppen. Das sind unsere Beamten und das deutsche Rechtssystem.“

Inwiefern er als Unbeteiligter, der nicht dabei gewesen war, nun der Depp sein wollte, erschloss sich mir nicht. Zum Ausgleich erschloss sich ihm aber auch nicht so recht die Funktionsweise eines Rechtsstaates, denn die Polizei ist nach wie vor lediglich dafür da, Sachverhalte aufzunehmen. Wer dann letztlich „der Depp“ ist, entscheiden Staatsanwaltschaft oder Gericht.

Ihm dauerte das auch alles zu lange. Zitat:

„Zwanzig Polizisten und das dauert ewig. So arbeitet die deutsche Polizei.“

Ja, man kann sagen, er gab wirklich alles um mein Herz zu gewinnen. Zumal er, wie eine Polizistin treffend bemerkte, jederzeit hätte gehen können. Er war ja nicht mal als Zeuge gefragt.

„Sechs Streifenwagen. Vollkommen überzogen, der Einsatz.“

Bingo! Ich hatte schon Angst, das heute Nacht mal nicht zu hören zu bekommen!

Hätte Mr. Wichtig auch nur ansatzweise den Durchblick gehabt, den er zu haben glaubte, hätte ihm auffallen müssen, dass der Diensthund die ganze Zeit im Wagen blieb. Somit also ein insgesamt sehr zurückhaltender Einsatz. Aber gut – seitdem mir sogar im Dienstgebiet der Polizei Remagen einer was von einem überzogenen Einsatz erzählen wollte, habe ich begriffen, dass auch das zum Standardrepertoire der Phrasen gehört, die man reflexartig auf Polizisten abfeuert, sobald diese irgendwie die eigenen Kreise stören.

Wirklich nett war die Freundin, die ja schon eigentlich alle Hände voll mit ihrem Freund zu tun hatte, nun aber noch seinen Kumpel im Zaum zu halten suchte. Ein echt patentes Mädchen, das sich dringend Gedanken um seinen Umgang machen sollte.

Mein persönliches „Highlight“ war übrigens der Moment, als sie versuchte Mr. Wichtig zu mehr Respekt zu bewegen. Sie sagte:
„Du redest hier nicht mit deinen Eltern, sondern mit der Polizei.“

Ein Satz, der im Nachgang im Streifenwagen bei mir einen Lachanfall hervorrief. Bei Licht betrachtet ist er aber einfach nur traurig!

Irgendwann waren alle Personalien aufgenommen und alle Gemüter so weit beruhigt, dass beide Parteien in unterschiedlichen Richtungen ihrer Wege gehen konnten. Die Polizei hielt sich noch einige Minuten am Ort auf, um sicherzugehen, dass der Teil mit den unterschiedlichen Richtungen auch hinhaut.

 

Bei der Gelegenheit sprach mich der Diensthundeführer an, der wohl schon länger auf unserer Facebook-Seite mitliest. Er mag uns!

Danke für die Rückmeldung! Auch das motiviert!

 

Zurück in der Dienststelle musste ich eigentlich nur noch die Schussweste abgeben, dann bestreiften Steini und I. netterweise noch einmal den Bahnhof Ludwigshafen-Mitte.

 

Es war auch neben der Polizeiarbeit spannend, mit vier Persönlichkeiten unterwegs zu sein, die so unterschiedlich sind – und alle einen tollen Job gemacht haben. Christian, der mir jeden Schritt sehr ausführlich aus Polizeisicht begründet hat. Steini, der mir vieles aus der individuellen Sicht eines Polizisten erklärt hat. Alex, der sofort macht, wenn es Not tut, ohne viel zu reden. (Deshalb kommt er in meinem Text auch ein bisschen zu kurz – was eigentlich nicht fair ist.) Und I., der umgekehrt recht viel redet, dabei aber eine so deeskalierende Art an Tag legt, dass es mir Spaß machte, ihm zuzuhören.

Danke Euch allen. Fast bedaure ich, nicht in Ludwigshafen zu wohnen und zu wissen, dass Ihr auf mich aufpasst. Aber nur fast. 😝 (Ein kleines Danke auch an I. dafür, dass du unsere Patches so mochtest.. 😉 )

Und danke an die PI Ludwigshafen 1 in ihrer Gesamtheit. Ihr macht einen echt tollen Job!

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Die Nacht der Unverschämtheiten – Nachtschicht in Remagen

„Ist das nicht langweilig, wenn du schon wieder in meinem Streifenwagen landest?“

Marcs Frage war ernst gemeint.

Nein, ist es nicht. Abgesehen davon, dass es auch keine andere Lösung gab. Mindestens einer der Dienst habenden Polizisten würde bereits gegen drei Uhr morgens die Nachtschicht beenden und dann war da noch eine Anwärterin, deren Ausbildung selbstverständlich Vorrang hat.

Der Dienstgruppenleiter der Vorschicht hatte es da schon eher getroffen.

„Du hast da Spaß dran, oder?“

Oh ja, und wie. Sonst würde ich es nicht so oft tun. Hinopfern tue ich mich nicht. Insgesamt macht mir KGgP ziemlichen Spaß – wenn man mal den ganzen Papierkram und einige unsägliche Kommentare auf Twitter und Facebook weglässt. Mit am meisten Spaß habe ich daran, darüber so viele neue Leute kennenzulernen.

Trotzdem freue ich mich auch mal hin und wieder bei Leuten mitfahren zu dürfen, die ich schon kenne. Marc hatte mich in meiner ersten Nachtschicht in Remagen schon im Streifenwagen gehabt. Für mich eine gute Erfahrung. Ich freute mich auf die Wiederholung.

Marcs Streifenpartnerin, Kathy, und der Rest der Schicht begrüßten mich auch sehr freundlich. Tatsächlich würden in dieser Nacht wenigstens bis drei Uhr insgesamt drei Streifen auf die Straße gebracht werden können. Tschakka!

Insgesamt stehen die Dinge in Remagen mittlerweile so, dass ich mir meine Schussweste und meinen nicht minder überlebensnotwendigen Kaffee selbst beschaffe.

„Du kennst dich ja aus.“

 

In der Schicht gibt es auch einen Polizisten, T., der schon einmal dienstlich an mir geworden war – nach einem Spiegelklatscher. Sein Kollege und er hatten das so freundlich abgewickelt, dass ich im Nachgang dem Dienststellenleiter dazu eine Mail schrieb. Wenn man sich schon permanent über die miserable Lobkultur in Deutschland beklagt, dann muss man selbst es anders halten. Nur Jammern bringt nichts.

 

Die Nacht begann wie die letzte mit Marc geendet hatte – mit einer Ruhestörung.

Übrigens meine erste Nacht auf der Rückbank des neuen Audis. War dann letztlich gar nicht mal so unbequem wie ursprünglich befürchtet – und die Sitzbank ist sehr komfortabel geformt.

Symbolfoto

 

An der Ausfahrt der Polizeidienststelle stoppte Marc den Streifenwagen, weil Kathy noch mit dem äußerst störrischen Navi kämpfte.

„Links lang“, sagte ich. Für genaue Wegbeschreibungen kann ich mir Straßennamen zu schlecht merken, sogar in einer Gegend, in der ich lebe und aufgewachsen bin. Aber für grobe Richtungsangaben reicht es. Marc vertraute meiner Angabe und bog nach links ab.

Am Fahrtziel angekommen, erwies sich diese Ruhestörung wirklich als extrem ähnlich zur letzten… wir hörten nämlich mal wieder… nichts.

Kathy und Marc klingelten bei den angegebenen Namen. Die jungen Damen waren offensichtlich schon gewohnt, dass ihnen die Polizei für nichts ins Haus geschickt wurde, denn sie reagierten freundlich und entspannt. Ein Spieleabend, aber die Musik hatten sie schon lange ausgeschaltet. Sie kannten ihre Nachbarn nämlich…

Dafür erwies sich die Einstellung des Bewegungsmelders als nervig. Das Licht sprang zwar an, aber jeweils nur für wenige Sekunden. Da ich mich als Praktikantin immer sehr gerne ums Licht kümmere (irgendwas muss jeder können), winkte ich etwa drei bis vier Mal pro Minute, um eine Unterhaltung unter der Beleuchtung einer sparsamen Energiesparlampe zu ermöglichen.

Irgendjemand sollte dem Menschen, der diese Taktung eingerichtet hat, mitteilen, dass der gewünschte Spareffekt davon mit Sicherheit nicht eintritt. Nun unterhält man sich nicht jeden Tag mehrere Minuten lang mit der Polizei, aber bei der Taktung wäre ja nicht mal aufschließen möglich, ohne dass das Licht zwischendurch ausgeht. Ständiges An und Aus frisst bekanntlich mehr Strom als so eine Lampe einfach mal zwei Minuten brennen zu lassen.

 

Als nächstes wurden wir zu einem Hausfriedensbruch in einer mir recht gut bekannten Gegend gerufen. Ein der Beschreibung der Hausbewohner nach zu urteilen heillos Besoffener hatte versucht, ihren Garten zu entern. Den Bewohnern war er unheimlich gewesen.

„Er hat erzählt, dass er mit einem X. am Rhein einen trinken war. Mittlerweile ist er nach da gegangen.“

Einer der Herren zeigte in Richtung Bahnhof. Ein anderer brachte uns transportable Lautsprecher und…

…ein Netz Zwiebeln.

Öhm…

„Das hat er hier liegen lassen.“

Ach so…

Für mich übrigens ein Einsatz, der mit einem sehr merkwürdigen Gefühl verbunden war. Wenige Häuser weiter war ich aufgewachsen. Damals, Ende der 80er, hatte mich die Polizei in einer kalten Februarnacht von Weiberdonnerstag auf Karnevalsfreitag mit dem Streifenwagen heimgefahren.

 

„Na, jetzt kannst du doch endlich sagen, was du damals wirklich angestellt hast“, mit diesen Worten wurde ich noch vor wenigen Jahren von einer ehemaligen Nachbarin, die ich zufällig im Supermarkt getroffen hatte, darauf angesprochen – was den Eventcharakter dieses Ereignisses vielleicht deutlich macht. Leider konnte ich der Nachbarin auch nach so vielen Jahren dazu nichts Spektakuläreres bieten als die Wahrheit – ich hatte den letzten Zug verpasst und die zufällig vorbeifahrende Streife, die ich darum gebeten hatte, mir ein Taxi zu beschaffen, hatte mich nach Hause gebracht. Womit die beiden Herren damals einen der Grundsteine für meine Sympathie für die Polizei gelegt haben. So gesehen sind sie „mitschuldig“ an der Existenz von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.

Offensichtlich haben sich die Zeiten geändert und das Auftauchen unseres Streifenwagens in dieser Straße wird in 30 Jahren kein Aufreger mehr sein… tja…

Zurück zum Eigentümer der Lautsprecher und der Zwiebeln…

Noch während Kathy seine Besitztümer ins Auto legte, kam ein Funkspruch rein, dass wenige 100 Meter weiter in genau der angegebenen Richtung ein Bewusstloser aufgefunden worden war.

Ah ja…

Den Zusammenhang kapierte sogar ich.

Wir fuhren los – und richtig. Da lag ein junger Mann, auf den die Beschreibung passte, am Wegesrand, bewusstlos. Ein Mitbürger hatte ihn dort liegen sehen und die Polizei alarmiert. Sehr lobenswert, aus meiner Sicht.

Marc sprach den Bewusstlosen an. Nach und nach kam er wieder zu sich, so dass er Marc seinen Ausweis reichen konnte. Kathy überprüfte per Funk seine Personalien. Gegen ihn lag nichts vor. Marc packte ihm seine Lautsprecher und Zwiebeln in den Rucksack.

Meine beiden Begleiter überlegten kurz, ob sie einen Rettungswagen alarmieren sollten, entschieden sich dann aber dagegen. Der Mann selbst wollte auch keinen. Er war ganz klar ziemlich volltrunken, aber nicht unfreundlich. Nachdem Marc ihm nach mehreren Anläufen klargemacht hatte, dass der Bahnhof nicht in der Richtung lag, in die er mehrfach starten wollte, sondern genau in die andere, schwankte er los. Damit war dieser Einsatz vorerst beendet.

Übrigens wäre in diesem Zusammenhang noch zu erwähnen, dass der ominöse X., mit dem unser Klient wohl am Rhein getrunken hatte, ein relativ polizeibekannter Herr ist, der am Ort eine Art Trinkerszene bildet. Selbst wenn die Polizei den einen oder anderen Betrunkenen (noch) nicht kennt, den sie aufgreift – X. ist das gemeinsame Zentrum, um das sie alle kreisen.

 

Als nächstes wurden wir zu Randalierern auf der Straße einen Ort weiter geschickt. Wir trafen drei junge Männer vor einem schicken Wagen aus Hamburg.

„Hier sollen welche randalieren.“

„Ja, nee, also ich hatte Streit mit meiner Verlobten“, sagte einer der jungen Herren. „Wir sind aber jetzt ruhig.“

Eine zweite Streife rückte an. Gut so!

„Läuft das jetzt wirklich friedlich?“

„Ja, versprochen! Ich hol da nur noch ein paar Sachen und dann fahre ich nach Hause.“

Das erschien nicht unwahrscheinlich, denn der junge Mann trug lediglich Shorts und T-Shirt – in einer nicht wirklich warmen Märznacht.

Da wir in dieser Nacht nichts mehr von dieser Front hörten, scheint er sein Versprechen gehalten zu haben.

 

Wir bestreiften ein wenig die Gegend, bei dieser Gelegenheit suchten wir noch einmal die Strecke zwischen der Stelle, wo die beiden unseren Betrunkenen auf den Weg zum Bahnhof gebracht hatten, und eben diesem Bahnhof ab. Er war verschwunden. Die Chancen standen also gut, dass er seinen Zug bekommen hat und bald sicher in seinem (mutmaßlich heftig unter ihm drehenden) Bett gelandet sein dürfte.

 

Von hier wurden wir von Ts. Streife als Verstärkung zu einem Einsatz hinzugerufen, bei dem es um einen Brand ging. Eine Sitzbank war angezündet worden. Die Feuerwehr war so schnell eingetroffen, dass kein Sachschaden entstanden war. T. und seine Partnerin hatten drei männliche Jugendliche gestellt, die sie im Verdacht hatte, diesen Brand verursacht zu haben.

Als wir eintrafen, war einer der Jugendlichen dabei, T. seinen Job zu erklären. Schon der Tonfall des Jugendlichen bei unserer Ankunft machte mir klar, dass dieser junge Herr im Unterschied zu mir wohl keine Mail an den Dienststellenleiter schicken würde – und wenn er es täte, würde sie ziemlich viele alternative Fakten, oder kurz gesagt Schwachsinn, beinhalten…

Zuerst einmal kam der Standardsatz, dass insgesamt fünf Beamte doch reichlich übertrieben seien als Kräfteansatz. (Für mich in Remagen überraschend. Vielleicht ist der Spruch mit dem „voll übertrieben“ auch einfach ein Reflex, der durch das Auftauchen von Menschen in blauer Uniform mit der Aufschrift POLIZEI ausgelöst wird. Wer weiß das schon so genau?) Schließlich, auch Standard, hätten sie ja gar nichts gemacht.

Der Wortführer hatte angegeben, dass er und seine Kumpels zum Zeitpunkt der Brandlegung nicht am Ort gewesen seien. Ihre Anwesenheit bei Eintreffen der Feuerwehr erklärte er damit, dass er eine WhatsApp-Nachricht bekommen habe, er solle dort erscheinen.

Diese WhatsApp-Nachricht wollte er aber nicht vorzeigen.

„Sie dürfen mein Handy gar nicht einsehen.“

Das ist so leider nicht ganz richtig, denn bei Sachbeschädigung und Brandstiftung geht es um Straftaten. Der Absender der Nachricht könnte mindestens ein wichtiger Zeuge, wenn nicht sogar der Täter sein – und in solch einem Fall ist die Strafprozessordnung da sehr eindeutig! Ein Blick in die §§ 94 ff. der Strafprozessordnung erleichtert hier die Rechtsfindung. In diesem Fall ist das Handy ein Beweismittel und darf in der Tat von der Polizei beschlagnahmt werden.

Dies versuchte T. seinem Gegenüber zu erklären.

Die Reaktion:

„Sie haben Ihre Meinung, ich habe meine.“

Das in einem unfassbar großkotzigen Tonfall vorgetragen. Als sei es nicht schon arrogant genug, einen unbestreitbar vorhandenen Gesetzestext als „Meinung“ zu titulieren.

Es ist mir zu müßig, das unsinnige Gerede des jungen Herrn hier en détail zu wiederholen. Fakt ist, dass er den Beamten weitere Unsäglichkeiten um die Ohren schlug, von denen ich hier nur zwei Highlights wiedergeben möchte:

  1. Als wir uns ans Einsteigen machten, beglückte er uns mit dem „freundlichen“ Hinweis: „Sie wissen ja, kein Alkohol am Steuer!“
  2. Im Laufe des „Gesprächs“ verstieg er sich zu dem Spruch: „Lassen Sie uns in Ruhe, dann lassen wir Sie in Ruhe!“ – was aus meiner Sicht schon recht nahe an einer Bedrohung liegt. Zumindest aber liegt bei ihm eine ganz klare Wahrnehmungsstörung vor, wer hierzulande die Rechtslage durchsetzt und wer nicht.
Symbolfoto

Nun habe ich bei meinen Schichten schon so einiges gehört, was Polizisten um die Ohren geschlagen wurde. Bis hierher hatten aber alle Absender derartiger Botschaften entweder kräftig unter Substanzen gestanden, waren nicht ganz Herr ihrer Sinne, gerade festgenommen worden oder eben alles zusammen. Hier traf nichts von allem zu. Gut, der junge Mann war nicht ganz nüchtern, aber keinesfalls besoffen genug, um ein derartiges Auftreten auch nur im Ansatz zu erklären.

 

Leider sollte das nicht unser letztes Zusammentreffen für die Nacht mit ihm werden, denn kurz darauf wurde die Polizei zu einer Schlägerei auf einem Platz gerufen, in dessen Nähe sich ein paar Restaurants, Kneipen und Gaststätten befinden.

Meine Freude kannte keine Grenzen, ein weiteres Mal Zeugin der charmanten Erziehung des jungen Herrn werden zu dürfen. Seine beiden Kumpels, die ihm schon bei der Geschichte mit der brennenden Bank sekundiert hatten, waren auch vor Ort, sowie weitere Herz erwärmende Exemplare seines Alters.

Eine Schlägerei gab es allerdings nicht – nur schlechtes Benehmen gepaart mit Gegröle.

Zuerst einmal wies Marc ihn an, eine Zigarettenschachtel aufzuheben, die er vor unseren Augen auf den Boden geworfen hatte, und in einem ganze fünf Meter entfernt stehenden Papierkorb zu entsorgen.

„Wieso ich?“

Ja, wieso nur?

Zu meiner Genugtuung gab er letztlich nach, wozu sicherlich beitrug, dass die dritte Streife ebenfalls einrückte. Natürlich nicht, ohne uns zu erklären:

„Voll übertrieben, das Polizeiaufgebot!“

Ja, ja, das hatten wir ja gerade schon mal.

Ich persönlich finde es eher übertrieben, dass man überhaupt ein solches Polizeiaufgebot braucht, um normal sozialkompatibles Verhalten durchzusetzen, aber gut…

Endlich, nach Absondern weiterer Sinnlosigkeiten, rückten diese Zeitgenossen ab und machten auch für den Rest der Nacht keinen Ärger mehr. Da war das Polizeiaufgebot im zweiten Anlauf wohl genau richtig gewesen, würde ich mal behaupten!

 

Nun ging es erst einmal in die Dienststelle, weil Marc und Kathy ihre ersten Berichte schreiben wollten.

 

Kurze Zeit später wurde wieder die Polizei angerufen. In einem Saal, den man extra für solche Events mieten kann, fand eine Feier zu einem 18. Geburtstag statt. Aus dem Ortsinneren kamen insgesamt 30 bis 40 Jugendliche zu diesem Saal geströmt. Der Anrufer teilte mit, dass es bereits zu verbalen Aggressionen gekommen sei. Der Inhaber des Etablissements befürchtete, dass sich eine Schlägerei entwickeln könnte.

Seine Befürchtungen waren derart stark, dass er noch einmal anrief, während wir schon auf dem Weg waren.

Mit allem, was die Polizei Remagen aufbieten konnte, also drei Streifenwagen, fuhren wir erst einmal die Straße auf und ab, um uns ein Bild zu machen. Tatsächlich schien es, als bewegten sich viele junge Leute auf den Saal zu. Gleichzeitig quollen aber auch viele aus dem Saal heraus. Die jungen Menschen, die in Richtung des Saals liefen, trugen auch vielfach keine Jacke. Es konnte also durchaus sein, dass die nur mal frische Luft geschnappt hatten. Aus Sicht meiner Begleiter sprach derzeit nichts für die Version des Betreibers. Dennoch…

Die drei Streifenwagen wurden abgestellt und wir machten uns, alle in einer großen Gruppe, zusammen auf den Weg und schlenderten zu Fuß die Straße entlang.

Einer der Jugendlichen stand allein am Straßenrand und wirkte auf den ersten Blick nicht unfreundlich.

Kathy sprach ihn mit einem höflichen „Guten Morgen!“ an und fragte dann nicht minder nett:

„Und, wie ist die Party?“

„Gut!“

Oha. Ein ganz gesprächiges Exemplar.

„Und wieso stehen Sie dann hier draußen?“

Nach wie vor war Kathy sehr freundlich.

„Weil ich es darf!“

Dies in einem Tonfall, der sich weit jenseits der Grenze zur Unverschämtheit befand.

Habe ich was verpasst? Ist heute die allgemeine Nacht der Arroganz ausgerufen oder was ist mit den Leuten los?

Auch dieser junge Mann schien nicht unter Substanzen zu stehen, hatte sich also bei klarem Verstand für ein derartiges Benehmen entschieden.

Ich muss zugeben, dass ich an dieser Stelle froh war, Marc aus den Augenwinkeln zum Streifenwagen gehen zu sehen. Ich folgte ihm auf dem Fuße. Hätte ich Zeugin einer weiteren Unverschämtheit an die Adresse meiner Begleiter werden müssen, hätte ich größte Schwierigkeiten gehabt, den Mund zu halten.

Kathy stieß auch wieder zu uns. Als nächstes begegneten wir dem Betreiber, dessen Auftreten gegenüber der Polizei ich auch im Rückblick eher mit Stirnrunzeln betrachte. Erstmal wurde nämlich aufgezählt, was die Polizei beim letzten Einsatz alles falsch gemacht habe.

Na, wenn er dafür Zeit hat, scheint es ja so furchtbar dringend nicht zu sein, mit der anstehenden Schlägerei.

Marc entschied sich für eine ungewöhnliche Maßnahme. Er setzte den Streifenwagen mehr oder minder genau vor den Eingang des Saals. Und da blieben wir erst einmal eine Weile stehen.

Symbolfoto

Warum?

Weil die Polizei es darf!

Und weil die liebenswürdige Reaktion von Kathys jungem Gesprächspartner schon recht deutlich gemacht hatte, dass die Polizei ganz klar störte – wenn auch noch nicht offensichtlich war, bei was.

Ich gebe zu, dass ich eine diebische Freude an Marcs so einfacher und doch so wirkungsvoller Idee hatte.

Die beiden anderen Streifenwagen fuhren weiter auf der Straße auf und ab. Hier und da wurde mal jemand von den beiden anderen kontrolliert, zum Beispiel, wenn er trotz des deutlich sichtbaren Polizeiautos vor dem Etablissement meinte, seinen Wagen ins Halteverbot stellen zu müssen. Das machte dann 15 Euro…

Das Gewusel aus jungen Menschen um uns herum nahm erst einmal zu. Nicht wenige, die aus dem Saal kamen und den Streifenwagen sahen, drehten wieder ab. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrfach, gerne auch mehrmals mit denselben Jugendlichen.

Wir standen. Es ging mittlerweile deutlich auf drei Uhr zu.

Nach einer Dreiviertelstunde tauchten plötzlich erste Taxis auf.

„Was wir hier an Trunkenheitsfahrten verhindern…“, stellte Marc gemütlich fest. „Wir ersetzen hier eine ganze Hundertschaft.“

Das Grinsen in seiner Stimme schwang deutlich mit. Ich grinste mit.

Nach etwas über einer Stunde hatten alle ihr Taxi nach Hause genommen und wir konnten abrücken.

Von diesem Einsatz erzählte ich am Tag danach Dirk, dem stellvertretenden Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. Er ist Polizist in Berlin, und das seit Jahren im Wedding. Mit Sicherheit gibt es in ganz Rheinland-Pfalz keine Dienststelle, die auch nur ansatzweise eine ähnliche Bevölkerungsstruktur vorfindet, wie die, mit der es die Polizei im Wedding zu tun hat. Da existiert einfach bei uns nichts Vergleichbares. Aber dafür gibt es in Berlin Verstärkung innerhalb sehr kurzer Zeit. Im Bereich der Polizeiinspektion Remagen nichts, worauf man hoffen könnte. Dirk zeigte sich sehr beeindruckt davon, wie die Schicht das gelöst hatte. Das macht mich ehrlich gesagt schon ein bisschen stolz, dass „meine“ Remagener einen altgedienten Berliner Polizisten beeindrucken.

 

Fast zum Abschluss der Nacht bekamen wir noch einmal eine Ruhestörung rein. Das war ein sehr spezieller Einsatz. Schon bei Betreten des Hauses schlug mir ein Geruch entgegen, der mich geistig in meinen ersten Einsatz in Ludwigshafen in einen sozialen Brennpunkt zurückkatapultierte.

Oha!

So weit muss man also gar nicht fahren, um mit solchen Verhältnissen zu tun zu bekommen.

Ein mir bekannter Polizist sagte einmal:

„Wir schauen in unserem Beruf hinter Türen, von denen viele Bürgerinnern und Bürger nicht einmal wissen, dass sie existieren.“

Stimmt!

Ich hatte nicht gewusst, dass es solche Häuser in meiner Heimatregion gibt.

Die Anruferin empfing uns nicht unfreundlich und informierte uns, dass ihre Nachbarin herumschreie und -poltere.

Kathy klingelte.

Keine Reaktion.

Sie klopfte.

„WAS?“

Nicht freundlich, aber wenigstens eine Reaktion von innen.

„Frau X., hier ist die Polizei.“

„Ich bin nicht angezogen.“

„Dann ziehen Sie sich bitte an. Wir möchten uns überzeugen, dass es Ihnen gut geht.“

„Rufen Sie die tschechoslowakische Kriminalpolizei.“

Hä?

Das wird schwer. Speziell vor dem Hintergrund, dass die Tschechoslowakei vor geraumer Zeit aufgehört hat zu existieren.

So schnell wollten Kathy und Marc nicht aufgeben

„Lassen Sie uns bitte rein“, dieses Mal versuchte es Marc. Mit einer derart beruhigenden Stimme – also ich hätte ihn reingelassen. „Wir wollen nur wissen, wie es Ihnen geht.“

„Ihr seid Engländer, also geht nach Hause.“

Das hatte immerhin eine gewisse Logik. Die Tschechoslowakei war lange eine kommunistische Diktatur gewesen. Jemand, der in den Zuständigkeitsbereich der tschechoslowakischen Kripo fiel und das auch gut fand, dürfte von Engländern tatsächlich nur mäßig begeistert sein.

„Lassen Sie uns bitte rein.“

„Rufen Sie die tschechoslowakische Kriminalpolizei. Ich komme morgen auf die Dienststelle. Da zeige ich ihnen dann, dass die tschechoslowakische Kripo für mich zuständig ist. Das steht in jedem PC.“

„Wir würden aber gern sehen, ob es Ihnen gut geht…“

Langer Rede, kurzer Sinn – der Dialog erwies sich als vollkommen fruchtlos und drehte sich im Kreis. Letztlich rückten wir wieder ab. Es gab keine Handhabe, sie zu zwingen, die Tür zu öffnen – ihre ziemlich laute Stimmlage legte nahe, dass sie sich bester Gesundheit erfreute.

Wie ihre Nachbarin allerdings das Problem mit den nächtlichen Ruhestörungen lösen kann? Das dürfte sehr problematisch werden.

 

Auf dem Rückweg in die Dienststelle ereilte uns noch einmal ein Funkspruch.

„Schaut mal in der N-Straße. Da ist ein verdächtiges Fahrzeug gesichtet worden.“

Wir fanden nichts.

Allerdings wohnt in dieser Straße einer der wenigen meiner Bekannten, die meinem Engagement mit Unverständnis begegnen.

Siehste, und trotzdem ist die Polizei für Dich da. Denn auch für Deine Sicherheit ist gesorgt, selbst wenn Du es nicht wahrnimmst und auch nicht bestellt hast. So sind sie, unsere Polizeibeamten.

 

 

Damit war auch diese Nachtschicht zuende.

 

Für mich bleibt als Fazit, dass ich nachts bestens schlafe, weil es meinem Sicherheitsgefühl weitgehend gut geht. Auch wenn bei uns (häufig zu) wenige Polizeibeamte am Start sind – was die wuppen und vor allen Dingen, WIE sie es wuppen… ich fühle mich in den besten Händen. Trotzdem wären mehr Polizisten kein Fehler, liebe Innenminister. Sie werden gebraucht!

Ein bisschen schockierend fand ich die unglaubliche Respektlosigkeit, der wir in dieser Nacht begegnet sind. Wie schon bemerkt, war das in der Form für mich mein bisheriger Rekord. Nun kann ich Respektlosigkeit gegenüber unseren bundesdeutschen Polizeibeamten generell nicht ausstehen, weil sie das definitiv nicht verdient haben. Gegenüber „meinen“ Remagener Polizisten kann ich es allerdings noch weniger leiden, da bin ich aus Gründen der Heimatbindung echt zu dicht dran. Na ja, und so weit zum Thema, dass in ländlichen Gebieten die Welt noch in Ordnung wäre.

Voll in Ordnung jedenfalls sind die Beamtinnen und Beamten, die Tag und Nacht für meine Sicherheit sorgen. Ihr seid super!

Allgemein Verein

Rock am Ring 2017 – liebe Polizei, Ihr wart klasse!

Liebe Polizistinnen und Polizisten, die in der vergangenen Nacht in Sachen Rock am Ring im Einsatz waren,

ich möchte Euch an dieser Stelle danke sagen für das, was Ihr in der vergangenen Nacht geleistet habt und vermutlich immer noch leistet.

Sicherlich war es keine leichte Entscheidung, das Festival zu unterbrechen. Nachdem Rock am Ring im Vorjahr und im Jahr davor bereits wegen Unwettern unterbrochen werden musste, war Euch sicherlich mehr als bewusst, was das für den Veranstalter bedeutet. Ihr habt dennoch so entschieden, und das zeigt ganz klar, wie ernst die Sachlage war. Ebenso werde ich jede weitere Eurer Entscheidungen in der Sache in diesem Licht sehen. Ihr, die Polizei, seid diejenigen mit der Kompetenz in Fragen der Sicherheit und der Gefahrenabwehr.

Danke an jene von Euch, die heute Nacht dazu beigetragen haben, das Gelände sicher zu räumen, sowie die Strecken abzusichern, auf denen die Menschen das Gelände verlassen konnten. Danke, dass Ihr dabei für Ruhe gesorgt hat, damit das Ganze geordnet abläuft und nicht durch Panik noch verschlimmert wird. Danke dafür, dass Ihr erst einen Treffpunkt in einer Turnhalle organisiert habt, an dem Eltern ihre Kinder abholen konnten, dass Ihr den Weg dahin abgesichert habt, und dass Ihr sogar einen Shuttleservice zu diesem Treffpunkt organisiert habt. Danke dafür, dass Ihr ein Infotelefon eingerichtet habt.

Danke auch an jene, die die Kommunikation in den Sozialen Netzwerken aufrecht erhalten haben. Das war schnell, professionell und gab Sicherheit! Super gemacht! Insbesondere die schnelle Reaktion auf die wohl leider unvermeidlichen Gerüchte, die kursierten, war klasse!

Natürlich traten schon am Abend und in der Nacht die ersten Besserwisser auf den Plan, die ganz genau wussten, dass es nicht sinnvoll sei, die Infotelefonnummer über Twitter zu kommunizieren (Wieso eigentlich nicht? Ist doch super, wenn man auf seinem Smartphone der Polizei Koblenz auf Twitter folgt und dann nur noch mit einem Touch auf den Bildschirm das Telefon aktivieren und die Nummer direkt anrufen kann!), wo man angeblich sicherer sei als dort, wo die Polizei es sagte, und wie und bis wann die Polizei diesen Einsatz abzuwickeln habe. Das ist nur ein Ausschnitt aus den Wortmeldungen, der selbst ernannten Innen- und Sicherheitsexperten, die zwar keine Informationen, aber zum Ausgleich jede Menge Meinung besaßen und besitzen.

Die ganz überwiegende Mehrheit der Kommentare, die ich zu Gesicht bekam, waren aber durchaus positiv. Die Menschen wussten und wissen Eure tolle Arbeit zu schätzen!

Ich nehme an, dass es nicht sonderlich überraschend ist, dass ich zu diesen Menschen zähle. Deswegen warte ich nun auf die Ermittlungsergebnisse, die zum passenden Zeitpunkt vorgelegt werden. Ich gehe davon aus, dass ich damit auch durchaus im Namen des Vereins spreche, dem ich vorsitze.

Wer mich kennt, den überrascht es kaum, dass ich zu diesen Menschen zähle. Deswegen warte ich nun auf die Ermittlungsergebnisse, die zum passenden Zeitpunkt vorgelegt werden. Ich gehe davon aus, dass ich damit auch durchaus im Namen des Vereins spreche, dem ich vorsitze.
 
Mich hat das sehr bewegt, dass es dieses Mal in meinem eigenen Landkreis eine derartige Bedrohung gab/gibt. Ja, ich war beunruhigt. Was auch immer dahinter steckte – ich weiß, dass es ernst war/ist. Ich weiß aber auch, dass die Menschen dort am Ring in den allerbesten Händen waren. Ich habe Euch nun schon so oft in Einsätze begleiten dürfen – ich weiß, was Ihr leistet und wie Ihr es leistet. Mein Vertrauen in Euch war schon immer groß und wächst mit jedem Einsatz, den ich begleiten darf. Ich weiß, dass Ihr Eurer Bestes gebt. Danke, dass Ihr für uns da seid!

Herzliche Grüße

Gerke Minrath
(Vorsitzende von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.)

 

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Objektschutzstreife mit Hindernissen – Nachtschicht in Frankenthal

Im September vereinbart – fünf Monate später dann zur Ausführung gekommen… als Mensch, der hauptberuflich nicht für die Polizei arbeitet, muss ich meine Nachtschichten sorgfältig planen. Das geht nicht immer von jetzt auf gleich.

Anfang Februar befand ich mich auf den Weg nach Frankenthal zu meiner zweiten Nachtschicht dort. Obwohl ich das nun schon oft gemacht habe, bin ich jedes Mal ein wenig aufgeregt. Da half es, schon auf der Hinfahrt einen so netten Willkommenstweet zu lesen zu bekommen:

 

Netterweise wurde zum Zeitpunkt meiner Ankunft der Bahnhof bestreift – und ich gleich ins blau-weiße Auto eingesackt.

Dann ging es erstmal zur Dienststelle, die Formalitäten erledigen. Nachdem ich letztes Jahr noch in einer anderen Dienststelle als „Schülerpraktikantin“ mitfuhr, war ich dieses Mal schon „Filmproduzentin“. Sag noch einer, dass Schulbesuch sich nicht lohnt. (*Achtung! Witz!*)

Natürlich habe ich hier einen Fotoausschnitt gewählt, der mal wieder nicht alles zeigt – sozusagen ein klassisches Beispiel, warum man so genannte „Fotobeweise“ im Internet mit Vorsicht genießen sollte. Es geht dabei darum, dass ich eine Erklärung zum Thema Verschwiegenheit und Datenschutz unterzeichne.

Man stelle sich beispielsweise vor, jemand ruft die Polizei auf den Plan, weil ein Mann angeblich eine Frau sexuell belästigt. Nun gibt es tatsächlich Männer, die so etwas tun, aber eben auch einige, die eben nicht so sind. Die Polizei rückt ein – der Vorwurf stellt sich als haltlos heraus, aber die Person (Reporter, Schülerpraktikant oder ich) setzt den Vorfall mit Namen, Adresse und am besten noch mit exakter Personenbeschreibung und Berufsbezeichnung ins Internet oder in die Zeitung. Frei nach dem Motto „wo Rauch ist, ist auch Feuer“ würde der Betreffende in seinem Umfeld kein Bein mehr an die Erde bekommen. Deswegen Verschwiegenheitspflicht.

Wichtig ist, dass ich diesen Inhalt unterzeichne – welche Bezeichnung dabei in den Bildausschnitt rückt, ist relativ egal.

 

Kaum war das erledigt und ein schnelles Abendessen eingeworfen, machte mein Streifenteam, Joshua und Jasmin, sich mit mir im Schlepptau auf zu einer „Objektschutzstreife“. Es gibt im Bereich der Polizeiinspektion verschiedene Objekte, die der besonderen Aufmerksamkeit der Polizei bedürfen, da sie aus den unterschiedlichsten Gründen gefährdet sind. Sei es, dass die Bewohner dem einen oder anderen aus ideologischen Gründen nicht in den Kram passen, sei es, dass eine Vorgeschichte aus dem Bereich der Kriminalität dahintersteckt, in deren Rahmen Menschen bedroht werden, sei es ein anderer Grund – die Gründe, warum Menschen andere Menschen einschüchtern und/oder verletzen oder gar töten wollen, sind vielfältig. Man sehe mir nach, wenn ich hier nicht genauer werde, aber es heißt ja nicht umsonst Objekt“schutz“.

Wir waren damit noch nicht ganz fertig, als wir einen Einsatz reinbekamen. „Verwirrte Personen auf der Fahrbahn“. Auf einer stark befahrenen Straße. Unmittelbare Gefahren haben Vorrang. Also unterbrechen.

Am Ort angekommen, den der Anrufer am Telefon genannt hatte, erblickten wir vor allen Dingen – eine leere Fahrbahn. Hm?

Vorsichtig fuhren wir die Straße entlang und sahen dann tatsächlich zwei junge Leute, eine Frau und einen Mann, die auf der Fahrbahn entlang schlenderten. Verwirrt wirkten sie aber nicht.

Joshua stoppte den Streifenwagen, wir stiegen aus und meine beiden Begleiter überprüften kurz die Personalien der beiden. Gegen beide lag nichts vor. Es stellte sich heraus, dass sie auf dem Rückweg von einer Party waren und ihre rebellischen fünf Minuten hatten. Ein freundlicher Hinweis von Joshua, dass der Bürgersteig grundsätzlich ein sicherer Aufenthaltsort ist als eine stark befahrene Straße rundete die Sache ab.

 

Wir wollten uns gerade wieder auf den Weg auf die Objektschutzstreife machen, als der KVD (kommunaler Vollzugsdienst oder Ordnungsamt) um Unterstützung bat. Auf einem Spielplatz hielten sich lärmende Jugendliche auf.

Bei unserem Eintreffen hatten die Herren vom KVD die Sachlage vollkommen im Griff, es ging nur darum, die Unterzahl auszugleichen.

Die Jugendlichen waren in der Nähe auf einer Party, verlegten aber einen Part, der auch das Rauchen einer selbst gebastelten Shisha beinhaltete, an diesen Ort.

Es war allerdings deutlich nach 22 Uhr, die Anwohner hatten ein berechtigtes Interesse an Schlaf, und so ein Spielplatz richtet sich eigentlich an eine deutlich jüngere Zielgruppe. Ein bisschen kühl war es auch.

 

Auch dieser Einsatz endete freundlich. Wenn ich mich recht entsinne, erhoben die beiden Herren vom Ordnungsamt eine Geldbuße. Na ja, und die selbst gebastelte Shisha wurde vom KVD beschlagnahmt.

 

Nächster Versuch, die Objektschutzstreife wieder aufzunehmen. Dieses Mal kam eine Unfallaufnahme dazwischen. Auf der Anfahrt fuhren wir über eine Straße, von der aus man Ludwigshafen am Horizont sehen kann. Ein sehr beeindruckender Anblick. Der kommt natürlich auf einem Handyfoto aus einem fahrenden Auto nur sehr eingeschränkt raus – aber man sieht schon, welch enormes Licht diese Stadt abstrahlt.

Auf einer Kreuzung hatten sich zwei KFZ getroffen. Der Schaden hielt sich in Grenzen, entsprechend waren alle Beteiligten vergleichsweise ruhig. Im Grunde ging es primär darum, dass eine ordentliche Unfallaufnahme stattfinden musste, weil einer der Unfallbeteiligten einen Firmenwagen fuhr und für die Versicherung ein Protokoll der Polizei brauchte.

 

Wieder ein Versuch, die Objektschutzstreife fortzusetzen. Diese wurde durch eine rasante Blaulichtfahrt unterbrochen. Eine Nachbardienststelle brauchte Unterstützung. Schlägerei.

Als wir eintrafen, waren bereits zwei Rettungswagen vor Ort sowie etwa zehn Streifenwagen. Aus Frankenthal kamen insgesamt noch drei Streifenwagen hinzu. Ein sehr beeindruckendes Bild, von dem ich leider nur einen Ausschnitt fotografieren konnte, als der Einsatz beendet war. Mein Interesse ist nicht, bei Schlägereien die Aggressionen noch anzuheizen, indem ich den Menschen eine Kamera oder mein Handy ins Gesicht halte. Was in solchen Situationen nicht diskret aus der Hüfte geht, wird nicht abgelichtet. Fertig!

Ich sah sogar einige bekannte Gesichter aus Ludwigshafen 1, aber die Situation war ganz klar zu angespannt, um ein Wiedersehen zu feiern. Falls Ihr mich erkannt habt – ich hab Euch auch erkannt und mich gefreut, Euch zu sehen.

Nun zum Einsatz an sich. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben.

Wir leben in einem gesellschaftlichen Klima, in dem für viele Teilnehmer an der öffentlichen Diskussion zwischen schwarz und weiß keine Graustufen mehr existieren. Das trifft mittlerweile für die meisten Themen zu, bei diesem verstärkt sich das Phänomen allerdings wie unter einem Brennglas.

Der eine oder andere wird mit Sicherheit kräftig verallgemeinern – manche lesen ja grundsätzlich aus jedem Text das raus, was sie rauslesen wollen.

In dieser Gemengelage werden unsere Polizeibeamten zerrieben, denn sie müssen mit der Realität umgehen. Eine Realität, die zu komplex ist, um sie zu reduzieren. Sie hat unendliche viele Ursachen, vermutlich so viele Ursachen, wie es individuelle Menschen gibt.

Dies war mein zweiter Einsatz in einer Unterkunft für Migranten. Mein erster fand in Fürth statt (ich beschrieb den Einsatz im Nachgang in einem Artikel dazu), ein einer Unterkunft, in der in erster Linie Familien und Paare leben. Wir sind damals zu dritt (zwei Polizeibeamte und ich) hineingegangen. Uns schlug keinerlei Aggression entgegen, im Gegenteil half uns eine Bewohnerin an unser Ziel. Ich verspürte zu keinem Zeitpunkt Angst. Auch meine beiden Begleiter gaben sich nicht anders als für den Rest der Schicht.

In dieser Unterkunft war das völlig anders. Die Wohnstätte ist ausschließlich mit jungen Männern belegt.

Die Wohnverhältnisse sind reichlich beengt. Entsprechend ist es insgesamt recht unordentlich und entsprechendes Konfliktpotential ist vorhanden.

Natürlich sieht das Konfliktpotential da, wo viele Familien aufeinander treffen, völlig anders aus als dort, wo ungebundene junge Menschen zusammenkommen, die für niemanden unmittelbare Verantwortung tragen.

Das sollte jeder im Hinterkopf haben, wenn er beurteilen will, warum es hier zu einer Schlägerei mit insgesamt drei Verletzten kam. Damit möchte ich die Schläger keinesfalls entschuldigen. Im Gegenteil. Ich bin nach wie vor große Freundin der Eigenverantwortung. Für meinen Geschmack machen es sich viele Menschen zu leicht, indem sie die Ursachen für ihre Schwierigkeiten grundsätzlich woanders verorten.

Wir sind durch dieses Wohnheim gegangen, durch einen Flur, in dem sich eine riesige, weiträumig verschmierte Blutlache ausbreitete. Im Unterschied zu Fürth hatte ich Angst. Wie immer weniger um mich, als um meine Begleiter. Ich weiß, die würden mich nicht mit reinnehmen, wenn sie nicht wüssten, dass sie mich heil und am Stück wieder rausbringen können – ich will nur nicht, dass sie sich dafür eine Verletzung fangen. Im Unterschied zu Fürth kamen wir aber auch in eine hochaggressive Grundstimmung. Nach einer Schlägerei wird man grundsätzlich recht wenige tiefenentspannte Menschen vorfinden.

Die Beamten veränderten ihre Körpersprache und ihre Stimmlage mit Betreten der Unterkunft sehr deutlich, hier war ganz klar Schluss mit lustig. Sie haben in jedes Zimmer geschaut. Natürlich haben sie angeklopft – sehr nachdrücklich. Sie haben alles konfisziert, was sich als Waffe benutzen lassen kann – Latten, Fahnenstangen, Besenstile und versuchten, die um die Blutlache herum Wohnenden zu befragen. Niemand hatte etwas gesehen und niemand hatte etwas gehört.

Natürlich ist mit Abrücken der Polizei die Ursache für das Problem nicht beseitigt. Für Sozialarbeit in großem Umfang ist die Polizei allerdings nicht zuständig – und wenn ich meine eigenen Erfahrungen aus den Schichtbegleitungen mal zugrunde legen darf, dann tun die allermeisten Polizisten sowieso schon weit mehr davon als in ihrer Arbeitsplatzbeschreibung steht. Trotz der personell angespannten Lage.

Das dürfte wieder einer der Einsätze gewesen sein, die ein Gefühl der Vergeblichkeit zurücklassen und ein Gefühl, allein gelassen zu werden von der Gesellschaft.

 

Direkt im Anschluss wurde mir wieder eine Blaulichtfahrt geboten – in einem der Nachbarorte von Frankenthal sollte es zu einem Fall von häuslicher Gewalt gekommen sein. Der entpuppte sich allerdings als Fehlalarm.

In der Zwischenzeit beendete eine andere Streife unsere Objektschutzstreife. Wieder einmal eine Schicht, in der alles anders kam als es angedacht… und sie war ja noch lange nicht vorbei.

Als nächstes bekamen Joshua, Jasmin und ich einen Einsatz rein, in dem ein Mann die Polizei um Hilfe rief, weil seine Freundin betrunken Auto fahren wollte. Er habe sie daran gehindert.

Symbolfoto: Andere Einsatzörtlichkeit

Als wir an seiner Wohnadresse eintrafen, schlug uns beim Öffnen der Tür schon eine stramme Alkoholfahne entgegen. Würde ich so nach Alkohol riechen, läge ich vermutlich bewusstlos unter dem Tisch.

Der Herr erschien aber durchaus orientiert und sprach sehr klar. Er hatte genau das Richtige getan, nämlich seiner Freundin ihren Autoschlüssel abgenommen. Sie sei daraufhin zu Fuß verschwunden, sie hatte seine Maßnahme wohl auch nicht sonderlich erfreut aufgenommen.

Er zeigte uns den Wagen, ein Halterabfrage bestätigte seine Angaben.

Den Autoschlüssel wollte er auch nicht behalten, vermutlich um sich im Nachgang nicht irgendwelchen Vorwürfen durch die Frau auszusetzen. Also nahmen den meine beiden Begleiter an sich, nicht ohne ihn an dem fraglichen Auto auszuprobieren.

Den konnte sich die Dame dann nach erfolgter Ausnüchterung auf der Wache in Frankenthal abholen. Dies erlebte ich natürlich nicht mehr selbst mit, da die Schicht sich zunehmend ihrem Ende zuneigte.

 

Der nächste Einsatz war ein Einbruchsalarm in einem Supermarkt. In einem Vorraum vor dem Supermarkt befindet sich eine kleine Filiale einer Bäckereikette. Die Verkäuferin hatte morgens den Laden geöffnet, und hatte dabei versehentlich den Alarm ausgelöst.

Leider erwies sie sich nicht als sonderlich auskunftsfreudig oder gar hilfsbereit in Hinblick darauf, dass sie den Zuständigen alarmiert hätte, der diesen Alarm abstellen könnte. So standen wir eine Weile in diesem Nerven zerfetzenden Jaulton, während Joshua versuchte, der Dame Informationen abzuringen.

 

Als endlich ein Verantwortlicher alarmiert worden war, um den Alarm zu beenden, lag das Schichtende bereits in greifbarer Nähe. Jasmin und Joshua wollten gerade Richtung Dienststelle fahren, als der nächste Alarm kam. Wieder in einem Supermarkt. Zur Abwechslung allerdings ein Feueralarm.

Offenbar zu Alarmspezialisten ernannt, wurde meine Streife geschickt. Mit mir. Was mir jetzt nichts ausmachte, denn meine Züge nach Hause fahren sowieso eher spät. Ich bin nicht unglücklich, wenn ich bespaßt werde. Für meine beiden Begleiter tat es mir allerdings schon leid.

Wir waren die ersten am Einsatzort, bei einem Brandalarm kommt natürlich auch die Feuerwehr ins Spiel. Wir umkreisten zweimal das Gebäude, konnten aber keine Rauchentwicklung erkennen.

Dann tauchte die Feuerwehr auf. Mit zwei Löschzügen und zwei weiteren Fahrzeugen. Ich war im Blaulichtparadies. Yeah!

Die Feuerwehrleute betraten zuerst das Gebäude, um einen Brandherd zu finden. Auch hier war es nur ein Fehlalarm.

Nachdem sowohl die Feuerwehr als auch die Polizei den Knopf zum Abschalten des Alarms nicht fanden, musste wieder ein Verantwortlicher her.

Bis der erschien, blieben wir, also mein Streifenteam und ich, vor Ort, da ja durch den Feuerwehreinsatz eine Tür offenstand. Die Feuerwehr hingegen rückte nach und nach ab.

Schließlich konnten auch wir abrücken und es ging zurück in die Dienststelle. Die Folgeschicht war schon da, aber Joshua und Jasmin hatten noch ein paar Berichte zu schreiben.

So lange saß ich schon mal mit dem Rest der Nachtschicht im Sozialraum und wir tranken zusammen noch einen Kaffee. Schließlich kam mein Streifenteam auch noch dazu.

Gemeinsam konnten wir die Nacht noch einmal Revue passieren lassen, insbesondere den Einsatz bei der Schlägerei.

Ich verstehe, dass diese Zusammenkünfte vielen Polizeibeamten gut tun, denn mir hat es auch gut getan. Das ist noch einmal etwas anderes als darüber zu schreiben.

Danke für die gemeinsame Runde am Morgen und danke für die spannende Nacht mit den interessanten Einblicken.

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Mein erstes Mal im Gewahrsam – Nachtschicht mit der PI Koblenz 1

„Wir haben nichts gegen eine Schichtbegleitung. Im Gegenteil.“

Mit diesem Worten beruhigte mich Marc, einer der Kollegen meines heutigen Streifenpartners Sven. Sven selbst war bereits bei meiner Ankunft im ersten Einsatz – was mich leise ahnen ließ, wie das Einsatzaufkommen in Koblenz wohl aussehen mag.

 

Ein bisschen Beruhigung konnte ich wohl gut brauchen. Bisher wurde ich von allen Dienstgruppen mit offenen Armen empfangen, weil es ihnen Freude macht, Außenstehenden ihre Arbeit zu zeigen. Privat kenne ich aber durchaus Polizisten, die das vollkommen anders sehen. Deswegen versuche ich immer, mir Dienststellen auszusuchen, von denen ich weiß, dass es dort Leute gibt, die mich gerne in ihrem Streifenwagen haben wollen.

In Koblenz 1, der Dienststelle, die unten im Koblenzer Polizeipräsidium angesiedelt ist, sah das so aus, dass ich dort von einem Polizisten wenigstens etwas in der Art wusste – Sven. Als er vor vielen Monaten mitbekommen hatte, dass ich hier und da eine Schicht mitfahre, fand er: „Du solltest mal Koblenz 1 versuchen.“ Da er kurz darauf dorthin versetzt wurde, interpretierte ich das zu meinen Gunsten so, dass er mich als Achslastbeschwerer akzeptieren würde.

In meiner Jugend „genoss“ Koblenz den zweifelhaften Ruf, dass da „nix los“ sei und wir waren eher nach Bonn orientiert. Was als „Bundeshauptstadt ohne nennenswertes Nachtleben“ auch nicht gerade als Zentrum der Sensationen durchgehen konnte. Mich interessierte, wie es wohl heute in Koblenz zugehen mag.

Für Sven hieß das erst einmal, dass er eines schönen Tages zu Dienstantritt direkt in die Pressestelle des Koblenzer Polizeipräsidiums gebeten wurde, wo mein Ansinnen an ihn herangetragen wurde. Offensichtlich hatte er das positiv aufgenommen, denn in dieser regnerischen Märznacht sollte ich bei ihm im Streifenwagen landen.

 

Marc machte sich dann direkt mit mir auf die Suche nach einer Schussweste. Es dauerte eine Weile bis ich eine passende gefunden hatte. Dieses Mal habe ich mir die Größe gemerkt. Allmählich lohnt sich das. Ich denke sogar über eine eigene nach – so wie Castle in der gleichnamigen Serie. Über den passenden Aufdruck denke ich noch nach. „Writer“ wird es schon mal nicht, obwohl das gar nicht mal so abwegig wäre.

 

Kaum war ich eingekleidet, war auch Sven wieder da und stellte mir die Leute in der Dienststelle vor, insbesondere seine Streifenpartnerin Kathi. Dann gab er mir einige Verhaltensmaßregeln für die Nacht. Für mich dabei ganz neu die Anweisung: „Je nachdem, wo wir hinfahren, ziehst du bitte deine Jacke über die Schussweste. Da wird dann gerne mal hinterrücks mit Flaschen auf die Polizei geworfen – da musst du nicht noch die Zielscheibe abgeben. Das sage ich dir dann. Und eventuell sage ich dir auch, dich unauffällig zu entfernen und uns besser nicht zu kennen.“

Oha!

Innerlich machte ich einen dicken roten Strich durch den Teil mit „nix los in Koblenz“ und versuchte mich mit dem für mich ideologisch etwas schwierigen Gedanken abzufinden, im Zweifel so zu tun als sei Freund und Helfer genau das nicht – mein Freund. Grmpf! Aber was meine Streifenpartner sagen, mache ich auch. Ich bin nur die Praktikantin.

 

Unser erster Einsatz führte uns in ein Einkaufszentrum, das bis acht Uhr geöffnet ist. Es war zu einem Diebstahl aus Schließfächern gekommen.

Vor Ort trafen wir vier junge Leute an, die sich einen Shopping-Nachmittag gemacht hatten.

„Wir haben einige Tüten hier in zwei Schließfächern gelagert – und jetzt sind in den Schließfächern andere Sachen drin.“

Zuerst nahmen Kathi und Sven die Personalien aller Beteiligten auf. Ein Mitarbeiter der Security-Firma hatte sich ebenfalls eingefunden. Er wusste schon, dass die Polizei Interesse an den Überwachungsvideos haben würde.

Die Schließfächer haben Glasscheiben und sind mit einer PIN zu bedienen, die man sich selbst ausdenkt.

„Die muss einer beobachtet haben“, mutmaßte Sven, da die Schließfächer selbst unversehrt waren. So schnell wird ein „Diebstahl“ zum „schweren Diebstahl“.

Eine der jungen Damen hatte ihre Kassenzettel in den Tüten im Schließfach gelassen. Deswegen entschieden Kathi und Sven, dass wir noch in den Geschäften, aus denen die gestohlenen Kleider stammten, fragen würden, ob jemand versucht hatte, die Sachen umzutauschen. Unseren jugendlichen Begleitern erschien das zwar sinnlos, aber so eine Personenbeschreibung oder ein Kassenzettel mit Zeitstempel, um das durchzusehende Videomaterial der Überwachungskamera einzugrenzen, kann hilfreich sein. Man kann der Polizei ihren Job erklären, muss man aber nicht… 😉

Immerhin konnte einer der Kassierer einen Kontakt zum Geschäftsführer vermitteln.

Leider war ich an dieser Stelle maximal abgelenkt. Ich hatte nämlich einen heftigen Flirt mit einem jungen Mann mit strahlend blauen Augen. Er saß in einem Kinderwagen gerade mal drei Meter vom Geschehen entfernt. Schon zur Begrüßung krähte er fröhlich: „Hallooooo Polizei!“ Da musste ich natürlich schon lächeln. Als er diese nette Ansprach wiederholte, konnte ich mich wirklich nicht um die Details der Ermittlungen kümmern. Ich hatte genug damit zu tun, mit dem jungen Herrn Lächeln und Winken auszutauschen. Worüber sich übrigens auch sein Vater freute. Einkaufen ist für ein Kind in dem Alter nämlich auch nicht unbedingt spannungsgeladen.

Eine verwandte Seele!

Hoffentlich bleibt der Kleine so.

 

Leider unterbrach das Einsatzende meine Werbekampagne für die Polizei. Auf dem Weg zum Streifenwagen wurden wir aufgehalten von einer Dame, die mit ihrer Tochter unterwegs war, und meinen Begleitern eine Scheckkarte überreichte.

„Die haben wir bei der Bank im Auszugsdrucker gefunden. Wurde wohl vergessen.“

Manchmal klappt es halt doch mit uns Bürgern. 😊

 

Zurück in der Dienststelle bekam ich erst einmal eine ausführliche Hausbesichtigung inklusive Gewahrsam (den ich später in der Nacht noch recht ausführlich zu Gesicht bekommen sollte) und der Führungsleitzentrale. Noch war es halbwegs ruhig in Koblenz. Mit halbem Ohr hörte ich, wie ein Streifenteam zu einer Unfallaufnahme bestellt wurde, nach wenigen Minuten gefolgt vom Funkspruch:

„Wir brauchen noch ein Team. Da ist so ein Typ, der hier rumschreit und die Unfallaufnahme stört.“

Ah, ein Pfosten.

Also jetzt nicht der funkende Polizist…

 

Als nächstes beschafften wir uns erst einmal etwas zu essen in der Nähe des Hauptbahnhofs. Dort erzählte mir Sven von einem Einsatz. Sie waren gerufen worden, weil in einem Mehrfamilienhaus eine Tür eingetreten worden war. Die Leute befürchteten Einbrecher. De facto hatte allerdings lediglich ein Besoffener den Wohnungsschlüssel seiner Freundin (ebenfalls nicht wirklich nüchtern) vergessen und hatte das dann eben so gelöst. Ah ja…

Kathi und ich teilten uns eine Pizza. Ein paar weitere Streifenteams, u.a. das mit der Unfallaufnahme, leisteten uns Gesellschaft.

„Also bei uns hier kommt das sehr gut an, was Euer Verein so macht.“

*Hach*

Das tat jetzt auch mal gut.

 

Und schon ging es raus – eine Streifenfahrt im Regen. Eigentlich hatten Kathi und Sven geplant, mir ein Foto des Streifenwagens am deutschen Eck zu ermöglichen. Dort ist abends bei gutem Wetter so viel los, dass eine Bestreifung in keinem Fall ein Fehler ist. Im Augenblick war es allerdings dermaßen nass von oben, dass wir uns das lieber sparten.

Stattdessen versuchten wir, die Scheckkarte auszuliefern. Da es witterungsbedingt noch recht ruhig war, hatten wir Zeit für solche Dinge. Da ganz in der Nähe jemand wohnte, den meine Begleiter durchaus der einen oder anderen illegalen Aktivität verdächtigten, drehten wir auch noch eine Runde bei diesem Menschen vorbei. Und bevor jetzt wieder einer Schnappatmung bekommt – über eine öffentliche Straße fahren darf jeder – auch die Polizei.

 

„Halt an!“

Sven war ganz aufmerksam, nachdem er bis hierhin entspannt gewesen war, während Kathi uns durchs Dienstgebiet fuhr und beide mir erklärten, wo sich die Brennpunkte befinden.

„Den will ich kontrollieren!“

Der junge Mann wurde sichtlich nervös, als das Polizeiauto vor ihm anhielt, beruhigte sich aber sofort wieder, als Sven ihn um seine Papiere bat. Ein langer Blick. Sven gab die Papiere zurück.

„Entschuldigen Sie, Sie sehen jemandem ähnlich.“

Damit war die Personenkontrolle auch schon beendet. Hatte keine zwei Minuten gedauert. Der junge Mann nahm das auch recht locker. Das konnte er auch, denn es wurden nicht mal Daten notiert. Man kann aus jeder Personenkontrolle ein Drama machen, muss man aber nicht… 😉

Weitere Bestreifung des Dienstgebietes.

„Fahrt mal an die folgende Adresse. Da meldete jemand einen mit Taschenlampe in einem Bürogebäude.“

Ein Teil der Anfahrt erfolgte mit Blaulicht. Als wir auf dem Parkplatz der benannten Adresse auffuhren, stand dort ein Wagen eines örtlichen Security-Unternehmens.

Kathi und Sven (und ich) dachten sich schon ihren Teil, dennoch bekam ich die Ansage, hinter ihnen zu bleiben, bis die Sachlage geklärt sei.

Tatsächlich tauchte irgendwann ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes auf.

„Ich hab mich schon gefragt, wann der Tag kommt, an dem jemand die Polizei ruft.“

 

Harmloses Bestreifen des Dienstgebietes. Wir fuhren langsam auf eine Ampelkreuzung zu, wir hatten eindeutig grün.

SWOSCHSCHSCH.

Vor der Motorhaube des Streifenwagens zischte ein Fahrrad vorbei. Ganz klar bei rot.

Sven warf das Blaulicht an und Kathi trat den Gashebel durch.

„Wo ist der?“

Auch ich verrenkte mir den Hals. Sven sah ihn als erstes.

„Da!“

Er zeigte auf den Bürgersteig, auf dem ein junger Mann auf dem Fahrrad zwischen Hauswänden und parkenden Autos fuhr. Was als Versteck gedacht war, erwies sich als Falle, denn am Ende der Parkreihe stand nun der Streifenwagen quer.

„Ihre Papiere, bitte!“

„Ich habe keine Papiere dabei.“

Dabei hechelte der junge Herr. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich das noch für eine Folge seiner recht sportlichen Fahrweise.

„Wie heißen Sie denn?“

Er nannte einen Namen. Sven machte sich Notizen. Dann trat er ein paar Schritte zur Seite, um per Funk abzufragen, ob gegen den jungen Mann etwas vorlag. Die Funkverbindung war gerade schlecht. Sven behalf sich mit dem kaufmännischen Alphabet.

„Kaufmann, Ida, München…“ (Das sind natürlich nur beispielhafte Buchstaben.)

„Das ist aber nicht mein Name.“

Was ist der denn so aggressiv?

Das Hecheln hörte nicht auf. Stattdessen tappte er nervös von einem Fuß auf den anderen.

Der ist aber schlecht in Schuss. Da komm ja sogar ich schneller wieder zu Atem…

Kathi schaltete deutlich schneller und leuchtete ihm mit ihrer Taschenlampe in die Augen.

Die Pupille reagierte so gut wie gar nicht auf den plötzlichen Lichteinfall.

Upps…

Da fiel dann sogar bei mir der Groschen… so ganz von gestern bin ich dann ja doch nicht. Rebound-Effekt nennt sich diese verlangsamte Reaktion.

Offenbar merkte jetzt auch unser Delinquent etwas.

Plötzlich machte er einen Ausfallschritt ins Svens Richtung. Der reagierte aber pfeilschnell, so dass er sich einen anderen Fluchtweg suchte.

ZISCH!

Und schon sah ich nur seine Schuhsohlen von hinten.

ZISCH!

ZISCH!

Sven und Kathi hinterher.

Macht das jetzt Sinn, wenn ich da hinterherrenne? Nein!

Vor kurzem erst von einer schweren Grippe genesen, war ich konditionell nicht gut aufgestellt – und schnell… na ja…

Ich bewunderte die Geschwindigkeit meiner beiden Begleiter.

Da komm ich eh nicht hinterher. Irgendwann müssen sie zurück zum Streifenwagen kommen… und wenn ich dann den Betrieb aufhalte, ist auch Käse…

Und irgendjemand musste ja auch auf das sündhaft teure Fahrrad aufpassen, dass unser Rotlichtsünder hinterlassen hatte.

Zwei Passanten kamen des Weges.

„Ui“, sagte der junge Mann. „Die Polizisten sind schneller.“

„Ja“, sagte die junge Frau.

Oh, bitte, ja…

Nun ja, waren sie leider nicht. Während Sven in weiter Ferne weiter hinter dem Flüchtenden herrannte, kam Kathi zurück zum Streifenwagen, um die Verfolgung im Auto fortzusetzen.

Ich sprang schon rein, bevor sie da war.

„Schickt einen Wagen, um das Fahrrad abzuholen“, gab sie in den Funk durch. Dann zu mir: „Und du hältst auch die Augen offen.“

Innerlich musste ich grinsen. Genau meine Art, Leute auf Trab zu bringen, wenn ich unter Dampf stehe. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich das immer mache. Zu irgendwas muss ich doch nützlich sein. Gucken kann ich auch besser als rennen. 😝

Leider blieb der Delinquent verschollen. Nach einer Weile erfolglosen Herumzirkelns sammelten wir Sven wieder ein, der schwer atmend an einer Straßenecke stand.

„Ich hab ihn verloren.“

Der Ärger war ihm deutlich anzuhören.

Ganz ehrlich?

Ich ärgerte mich mit ihm.

Milde frustriert nahmen wir unsere Streifentätigkeit wieder auf.

„Lass mal da lang fahren, ich mein, da wär der hingelaufen.“

Keine zwei Minuten weiter…

„Das ist der doch?“

Svens Stimme schwankte irgendwo zwischen überrascht, ungläubig und erfreut. Ich starrte in die selbe Richtung wie er.

Joah! Da spazierte unser junger Freund seelenruhig über eine Brücke.

Ich spürte das Adrenalin einschießen. Ich nehme an, meinen beiden Begleitern ging es nicht anders.

Kathi bremste den Streifenwagen.

Sven und Kathi stürzten aus dem Streifenwagen. Zeitgleich ging ein Funkspruch raus. Dann:

„Sie sind festgenommen.“

Offensichtlich war unser junger Freund vollkommen überrascht davon, dass die Polizisten, die er gekonnt abgehängt zu haben glaubte, plötzlich vor ihm auftauchten. Jedenfalls legte er vollkommen widerstandslos seine Hände auf das Dach des Streifenwagens. Ein paar dumme Faxen mit den Füßen wollte er sich allerdings nicht verkneifen. Ich wiederum freute mich innerlich wie ein Kind, dass wir ihn doch noch bekommen hatten. Also meine beiden Begleiter.

Zwei weitere Streifenwagen kamen an, einer setzte sich vor unseren, einer hinter unseren. Ein sehr beeindruckendes Bild. Schlagartig hielt er die Füße still.

„Sucht mal da bitte das Grünzeug ab – der hat irgendwas weggeworfen.“

Leider blieb die Suche erst einmal erfolglos. Sven und Kathi packten den jungen Mann in ihren Streifenwagen. Ich bekam ein kuscheliges Plätzchen bei einer anderen Streife. Hinten rechts. Freiwillig natürlich, denn hinten links saß ein Anwärter. Wie käme ich dazu, jemanden, der mir später mal den Hals retten will, auf den Platz für die Kundschaft zu verbannen. 😝

Auf der Dienststelle bekam ich dann endlich die Antwort auf die über Funk abgesetzte Frage. Die war ja unterbrochen worden durch seinen plötzlichen Abgang. Unser junger Freund hatte eine entsprechende Vorgeschichte in Sachen Betäubungsmittel, ein kleiner Widerstand war auch noch dabei. Zum Glück waren neben Sven und ihm noch weitere Beamte im Vernehmungsraum.

Also setzte sich Kathi mit dem diensthabenden Hundeführer in Verbindung. Sein Hund war leider auf Sprengstoff spezialisiert, konnte uns also in diesem Fall nicht weiterhelfen, die weggeworfenen Sachen wiederzufinden.

Der junge Mann befand sich derweil in einem Vernehmungsraum mit Sven und zwei weiteren Polizisten. Er führte sich äußerst patzig und aggressiv auf.

„Warum bin ich hier?“

„Sie sind bei rot über die Ampel gefahren, es besteht Verdacht auf Drogenkonsum und Sie sind abgehauen, als wir uns mit Ihnen unterhalten wollten.“

Svens Tonfall ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier wirklich Schluss mit lustig war.

„Verdacht auf Drogenkonsum? Wieso?“

Dieses Mal gab Kathi die Antwort:

„Sie schwitzen, Sie atmen schnell….“

„Ich war auf einem Rad unterwegs und bin schnell gefahren…“

„Ihre Pupillen zeigen den Rebound-Effekt…

„Sind Sie Ärztin?“

Als müsste man Ärztin sein, um die Effekte von Drogen zu erkennen, wenn man sie vor sich hat. Sogar ich konnte die erkennen und ich kenne die nur aus Präventionsvorträgen von Jugendsachbearbeitern.

„Was ist mit meinem Fahrrad?“

„Das haben Kollegen von uns sichergestellt. Plötzlich machen Sie sich also Sorgen um Ihr Fahrrad?“

Einen gewissen Sarkasmus konnte ich an dieser Stelle aus Svens Stimme heraushören. Immerhin hatte der junge Mann sein sündhaft teures Rad einfach offen im nächtlichen Koblenz stehen lassen, als er Sven und Kathi zu einem beeindruckenden Sprint zwang.

Apropos Fahrrad…

„Haben Sie dazu einen Eigentumsnachweis?“

„Das gehört meinem Vater.“

Sven checkte diese Information telefonisch gegen. Tatsächlich stützte der Vater diesen Teil der Aussage, auch wenn er mit dem sonstigen Verhalten seines Sprösslings eher uneinverstanden zu sein schien. Im späteren Verlauf verweigerte er sogar die Abholung seines Sohnes. Er würde am folgenden Montag mit einem Eigentumsnachweis vorbeikommen und sein Fahrrad holen.

Zurück zu den Drogen. Sven machte zwei Wischtests. Beide negativ.

Das hatte aber noch gar nichts zu sagen, denn die so genannten „Kräutermischungen“ („Legal Highs“) lassen sich durch diese Tests nicht nachweisen.

Kathi verließ wieder den Raum, dieses Mal, um den Staatsanwalt anzurufen. Der ordnete eine Blutprobe an. YAY! Sehr gut!

Also hieß es nun, auf die Polizeiärztin zu warten. In der Wartezeit unterhielt uns der junge Herr mit einer weiteren Demonstration seiner Sozialkompetenz sowie seiner angeblichen Unschuld.

„Wer hat das angeordnet?“

„Die Staatsanwaltschaft.“

„Wie heißt der Richter?“

Hallo? Staatsanwaltschaft?

Mir persönlich erschien es äußerst unwahrscheinlich, dass jemand, der schon so oft mit BTM erwischt wurde, keine Ahnung haben sollte, wie das Prozedere in solchen Fällen ist.

Mit einer Engelsgeduld beantworteten im Sven und Kathi all diese in mehr als grenzwertigem Tonfall vorgetragenen (überflüssigen) Fragen, blieben dabei aber merklich kühl.

Die Polizeiärztin, eine junge und sehr freundliche Frau, traf ein. Ihr freundliches „Guten Morgen!“ wurde von allen anwesenden Beamten und mir erwidert. Der junge Herr ignorierte sie. Sie fragte den jungen Mann, ob sie lieber den linken oder den rechten Arm nehmen solle.

„Sie machen doch sowieso, was Sie wollen.“

Ah ja. Der ist nicht nur zu Polizisten „nett“.    

Achselzuckend machte sie sich ans Werk, unterhielt sich aber weiter mit ihm. Tatsächlich holte sie einige vollständige Sätze am Stück aus ihm heraus, die nicht auf Krawall gebürstet waren, sondern eher eine gewisse Resignation mit seiner Gesamtsituation zum Ausdruck brachten. Mein Mitgefühl hatte er trotzdem nicht. In seinem Alter sollte man begriffen haben, was das eigene Verhalten damit zu tun hat, wie einem andere begegnen. Wenn die Stichprobe der Nacht ein Licht auf sein gewöhnliches Auftreten wirft, dann wundert es mich nicht, dass sein Leben wenig Erfreuliches für ihn bereithält. Aber es ist natürlich immer leichter, anderen die Schuld zu geben. In diesem Fall der Polizei.

Nach der Blutprobe konnte er im Grunde nach Hause gehen. Die Ergebnisse würden eh auf sich warten lassen.

„Fahren Sie mich nach Hause?“

Mir fiel fast das Kinn runter.

Die Polizei ist kein Taxiunternehmen!

„Die Polizei ist kein Taxiunternehmen.“

Svens Tonfall war weiterhin äußerst kalt.

Der junge Herr hatte meine beiden Begleiter seit der ersten Begegnung behandelt wie Dreck unter seinem Schuh – und jetzt sollten sie Chauffeurdienste leisten? Woher nimmt man so eine Dreistigkeit?

„Dann ruf ich halt meine Mutter an, die holt mich schon ab.“

Grmpf.

Wieder einer, wo es offenbar schon daheim mit klaren Grenzen hapert. Da ist man natürlich erstmal überfordert, wenn Polizisten bösartigerweise auf ihren Grenzsetzungen beharren.

 

Wo die Polizeiärztin schon einmal da war, wurde sie gleich zum nächsten Delinquenten gebeten. Der befand sich schon in Gewahrsam. Sven stellte fest, dass das genau der Mann war, von dem er mir zu Beginn der Nachtschicht beim Pizzakaufen erzählt hatte. Also bat er seine Kollegen, mich mit in den Gewahrsam zu nehmen, da er und Kathi sich nun dem Papierkram zu unserem flüchtigen Rotlichtsünder widmen mussten.

 

Der Mann hatte seine Freundin verprügelt und offensichtlich auch gegen die eingesetzten Beamten heftigen Widerstand geleistet. Da er mindestens hochgradig betrunken war, wenn nicht auch noch andere Substanzen eine Rolle spielten, stand auch hier eine Blutprobe an.

Zum Glück waren die betroffenen Polizeibeamten unverletzt, aber man merkte ihnen an, dass ihnen diese wenige Minuten alte Erfahrung noch in den Knochen steckte.

Er war bereits bei der Festnahme mit einer beeindruckenden Kopfplatzwunde versehen gewesen, die ich vorerst nur aus Erzählungen kannte. Zudem schlug er permanent mit seinem Kopf in der Gewahrsamszelle gegen die Wände. Die Beamten machten sich wirklich Sorgen um ihn.

Zudem brüllte er ununterbrochen herum. Dabei fielen in regelmäßigen Abständen die Sätze „Ich hab nix gemacht!“ „Ich bringe mich um!“ „Ich bringe euch alle um.“

Nun ist der erste Satz nicht weiter ungewöhnlich; im Polizeigewahrsam landen grundsätzlich jede Menge Leute, die „nichts“ gemacht haben – einfach, weil Polizisten es so schön finden, sich anbrüllen und durchbeleidigen zu lassen…

Seine letzten beiden Sätze animierten hingegen die Polizeiärztin zu der Aussage, dass es doch besser sei, den Mann in die Psychiatrie bringen zu lassen. Dafür brauchte es den kommunalen Vollzugsdienst (Ordnungsamt) und einen Rettungswagen.

Bis dahin:

„Ich denke, es ist besser, wenn die Zelle nicht so voll ist, das scheint ihn noch mehr aufzuregen.“

Drei Polizisten und die Ärztin gingen aus der Zelle in den Flur.

„Die Platzwunde ist harmlos, auch wenn sie wild aussieht.“

Zu diesem Schluss kam die Ärztin.

Ich hielt mich seit Eintreffen im Gewahrsam im Hintergrund, denn ich wollte weder zur weiteren Eskalation beitragen, noch im Flur vor den Zellen dumm im Weg herumstehen, sollte diese eintreten.

Die Wartezeit wurde erfüllt mit Brüllen und Poltern aus der Zelle. Der Mann versuchte weiterhin, sich selbst zu verletzen. Die Geräusche gingen mir ziemlich unter die Haut. Was mir noch mehr unter die Haut ging, war, dass die Beamten sichtlich besorgt waren. Für mich fühlte sich das nicht so an, als hätten sie lediglich Angst um sich selbst oder um die schlechte Presse, die sie bekommen würden, sollte er zum Erfolg kommen. Es schien ihnen auch nicht ausschließlich darum zu gehen, dass der Mann, der sich gerade selbst verletzte, möglicherweise im Nachgang versuchen würde, ihnen das mit einer Anzeige anzuhängen. Sie waren für mein Empfinden durchaus empfänglich dafür, dass der Mann sich subjektiv in einer Notsituation befand.

Nach und nach trafen Sanitäter und zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes ein.

Mit Hilfe der beiden Sanitäter gelang der Ärztin schließlich die Blutabnahme.

Nicht ganz so schnell zum Erfolg kam sie in Sachen der Einweisung. Es ist eine Sache, ein Formular für eine Einweisung nach PsychKG (Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten) auszufüllen und zu unterzeichnen. Es ist eine ganz andere Sache, eine Klinik zu finden, die willens ist, den Mann aufzunehmen. Was auch nicht unverständlich ist, denn wenn es mehrere Polizisten braucht, um eines austickenden Menschen Herr zu werden, stellt sich natürlich den Klinikmitarbeitern die Frage, wie sie das im Zweifel bewerkstelligen sollen. Zudem sind die meisten Psychiatrien gnadenlos überfüllt. Ob es wirklich daran liegt, dass immer mehr Leute ausflippen, vermag ich nicht zu beurteilen. Dafür fehlen mir valide Statistiken.

Aber ebenso nachvollziehbar war, dass die Polizei ihn nicht in ihrem Gewahrsam haben wollte. Derzeit band er insgesamt vier Polizeibeamte. Es gab aber auch ohne ihn genug zu tun und es ist nicht primäre Aufgabe der Polizei, einen Mann zu hüten, der definitiv nicht bei sich ist.

Während der Dauer der Verhandlungen um einen Platz für den Mann befand sich noch ein Beamter mit ihm in der Zelle. Der hatte offenbar einen Draht zu ihm gefunden, denn er wurde ruhig. Man hörte die beiden relativ entspannt miteinander sprechen. Übrigens duzte der Polizist den Mann durchgehend, was merkbar zu dessen Beruhigung beitrug. Dies allen, die bei dem Gedanken Schnappatmung bekommen, dass ein Polizist sein Gegenüber duzen könnte, weil das angeblich mangelnden Respekt signalisiere.

Schließlich fand die Ärztin eine Klinik, die bereit war, den Mann aufzunehmen. Die Ordnungsbeamten und die Sanitäter betraten die Zelle. Sofort ging wieder das Gebrüll los und die Drohungen. In der Zelle wurden die Handfesseln der Polizei gegen eine Schließacht des kommunalen Vollzugsdienstes ausgetauscht.

Als er vor die Zelle trat, blieb er stehen, machte sich sehr gerade und teilte jedem von uns einzeln mit:

„Ich bring dich um.“

Dabei sah er jedem genau in die Augen.

Auch ich kam in den Genuss dieser Ansage. Gänsehaut!

Nein, ich nahm das als Drohung nicht wirklich ernst. Dennoch sollte das jeder mal selbst live und in Farbe erlebt haben, der derartige Ansagen klein redet und Polizisten erklärt, wie falsch sie die Welt sehen. Vielleicht würde das ja dem einen oder anderen Polizeikritiker zu mehr Verständnis verhelfen.

Aus dem Gewahrsam wieder aufgetaucht (es befindet sich tatsächlich eine Etage tiefer) folgte ich erst einmal dem Ruf der Natur auf die Toilette.

Fehler!

Kaum war ich damit fertig, sprinteten mir auch schon Kathi und Sven entgegen.

Ein kurzer Blick auf mich!

„Du kannst so nicht mit! Du hast deine Jacke nicht dabei und das wäre jetzt so ein Einsatz! Schlägerei vor einer Disko!“

Weg waren sie!

Grmpf!

Schade!

Aber natürlich hatte Sven Recht. Zugegeben, ich war damit nicht glücklich, aber wie schon gesagt – ich weiß, dass die Polizei nicht zu meinem persönlichen Vergnügen abgestellt ist. Und wenn ich schon mitgenommen werde, dann halt so, dass ich nicht eine größere Belastung darstelle als sowieso schon.

Ich blieb also in der Dienststelle und unterhielt mich mit denen, die da waren.

 

Sven und Kathi waren schneller zurück als gedacht. Die Schlägerei war schon vorbei gewesen. Lustigerweise waren es aber wohl die beiden, die letztlich einen der Schläger dingfest gemacht hatten. Da der Junge eher aussah wie ein Nerd, war er niemandem aufgefallen – und die zuletzt eintreffende Streife, Kathi und Sven, hatte sich seiner angenommen.

 

Schließlich fuhren die beiden noch einmal mit mir raus. Positiver Nebeneffekt – es regnete nicht mehr. Also kriege ich doch noch ein Foto mit Polizei vorm Deutschen Eck. Geht doch! 😊

Last but not least bekamen wir noch einen Einsatz rein wegen eines Zechbetruges. Ein Mann wollte mit seiner Mindestverzehrkarte ein Lokal verlassen. Der Inhaber des Lokals und der Türsteher sahen das naturgemäß ein bisschen anders.

Insgesamt ging es um den immensen Betrag von vier (in Ziffern 4) Euro. Wie man sich wegen einer derartigen Summe solche Probleme an den Hals laden kann, wird mir auf ewig schleierhaft bleiben.

 

Beim Bestreifen der Stadt fiel uns eine Dame auf, die in ihrem Auto genau in einem Kreisel stand – neben der Fahrbahn. Sie hatte ein Handy am Ohr (im Stehen ohne laufenden Motor kein Problem) und bewegte sich zu ihrer deutlich hörbaren Musik.

„Die hat aber gute Laune“, stellte Sven fest. Trotzdem drehten wir noch mal eine Runde durch den Kreisel, was die Dame dann doch ausreichend nervös machte, um ihr Telefonat zu beenden, den Motor zu starten und loszufahren.

Kathi folgte ihr über eine Strecke von wenigen Kilometern. Wäre ich die Dame gewesen, wäre ich zu diesem Zeitpunkt schon Schweiß gebadet gewesen. Wirklich, ich mag unsere Polizei. Trotzdem macht es mich nervös, sie für längere Strecken im Rückspiegel zu haben. Da sie aber vollkommen unauffällig fuhr, ließen die beiden sie ihrer Wege ziehen.

Zum Abschluss fing doch noch ein junger Mann eine Verkehrskontrolle. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr warum – dafür erinnere ich mich äußerst lebhaft an den Beifahrer, der quasi ununterbrochen auf meine beiden Begleiter eintextete. Er war dabei gar nicht mal unfreundlich, aber um diese Uhrzeit hatte ich eine gewisse Müdigkeit aufgebaut, so dass er mir einfach ganz erheblich auf den Wecker ging. Ich ertappte mich bei dem Wunsch, dass man die Laufschrift von „BITTE FOLGEN“ auf „BITTE SCHWEIGEN“ umstellen könnte.

Damit war die Nacht auch schon wieder vorbei. Ich verabschiedete mich noch von der Schicht und wurde von Sven auf eine kleine Bahnhofsstreife mitgenommen, wo ich meinen Zug nach Hause nahm.

 

Danke für die nette Aufnahme durch die Schicht, danke für die mal wieder sehr spannenden Einblicke und last but not least – danke für die gute Idee, Sven! 😉

Was Koblenz betrifft, so weiß ich jetzt, dass da eine ganze Menge los ist – und dass auch die Koblenzer Polizei einen klasse Job macht! Ihr seid super! Danke dafür!