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Allgemein Schweiz

Karfreitag in Luzern

Eigentlich wollte ich in den Kanton Uri. Mal so richtig in die Alpen rein. Ich mag ja Berge.

Eine ganz tolle Idee – an einem sonnigen Karfreitag!!!!

Schon nach 25 km auf der Uferstraße des Vierwaldstätter Sees Richtung Uri gab ich auf. Irgendwie klemmte ich immer hinter Radfahrern, die es offensichtlich als Affront ansahen, so weit rechts zu fahren, dass ich sie auf kurviger enger Straße hätte überholen können, ohne sie am rechten Außenspiegel kleben zu haben. Hinter mir wiederum schnüffelten Töfflenker (für Deutsche: Motorradfahrer) an meinem Auspuff, die irgendwie glaubten, ich würde nur schleichen, um sie ganz persönlich zu ärgern. Nicht alle, aber in ausreichender Menge, um mich so dermaßen in den Wahnsinn zu treiben, dass ich ernstlich darüber nachdachte, absichtlich in ein paar Blitzanlagen zu rasen – in der Hoffnung, auch diesen Nashörnern ein exklusives Erinnerungsfoto in gehobener Preisklasse aus der Schweiz zu beschaffen… lediglich die Radfahrer in der Straßenmitte haben mich letztlich davon abgehalten. So hat alles sein Gutes…

Hey, ich hab nix gegen Töfflenker. Im Gegenteil. Ich arbeite selbst an einem Führerschein dieser Art. Aber ich wäre auch gern schneller als Schneckentempo gefahren. Von daher hätte ich es wirklich begrüßt, wenn diese speziellen Verrückten nicht versucht hätten, in meinen Kofferraum einzuziehen. Für mich war es nämlich nur sehr mäßig prickelnd, vor der Wahl zu stehen, sobald etwas Unvorhergesehenes passiert, entweder einen Radfahrer platt zu fahren oder einem Motorradfahrer via Vollbremsung das Genick zu brechen…

Auch gegen Radfahrer habe ich nichts. Wenn sie nur ein bisschen darüber nachdenken könnten, dass es sie möglicherweise auch ein klitzekleines Bisschen betreffen könnte, wenn sie sich gänzlich ungeschützt ihre Vorfahrt erzwingen. Vorzugsweise, wenn sie gar keine Vorfahrt haben…

Also brach ich das Ganze ab und fuhr in einem großen Bogen über Schwyz (SZ) durch den Kanton Aargau (landschaftlich sehr lieblich und angenehm ruhig an einem Karfreitag) zurück nach Luzern, um dort in Ruhe ein Eis einzufahren.

Dort erlebte ich Folgendes:

Luzern, Alpenstrasse, Karfreitag, 15:20 Uhr

Die Alpenstrasse ist eine auch an Feiertagen recht stark befahrene Straße im Zentrum von Luzern. Vier spanische Jugendliche erachteten es für vollkommen unnötig, die etwa 20 Meter entfernte Ampel zu benutzen, um diese zu überqueren. Nun ist es so, dass die Schweizer Polizei, was rote Ampeln betrifft, recht wenig Spaß versteht. So wenig, dass die Redensart „Bisch durä bi rot?“ als Synonym für „Bist Du verrückt?“ in die Umgangssprache eingegangen ist! (Behauptet jedenfalls mein Reiseführer!) Abgesehen davon, dass man auf dieser ganz speziellen Straße wirklich einen Knall haben muss, um einfach so drüberzuhüpfen. Oder Teenager sein. Was ja in etwa das Gleiche ist.

Ich nehme an, dass es keine bewusste Provokation war, dass sie das genau vor einem Streifenwagen gemacht haben. Dieser war nicht blau-weiß, schwarz-weiß oder auch rot-gelb. Er war silber-orange. Auch stand nicht „Policia“ drauf, sondern „Polizei“. Bis auf die Blaulichter also eigentlich nicht zu erkennen…

Jedenfalls hielt dieser Streifenwagen an. Andernfalls hätte er die Hoffnung und Zukunft der spanischen Nation umgefahren. Muss ja nicht sein.

Drei der hoffnungsfrohen Jungtouristen versammelten sich auf meiner Straßenseite und guckten erstmal dumm. Der Vierte hatte wohl als erstes gepeilt, was Sache war, denn er sprang schnell zurück auf den Bürgersteig.

Der Polizist am Steuer lehnte sich aus dem Fenster und erklärte dem jungen Mann die Bedeutung und Funktion von Ampeln an stark befahrenen Straßen.

Es war übrigens nicht misszuverstehen. Selbst wenn man des Schwiizerdütschen noch weniger mächtig ist als ich. Selbst für einen spanischen Schüler lag auf der Hand, um was es ging.

Die drei Jugendlichen auf meiner Seite erhielten nur einen scharfen Blick der Polizeibeamtin auf dem Beifahrersitz. Der Vierte signalisierte auch mit einer Handbewegung Verständnis. Daraufhin verzichteten die beiden Beamten auf weitere Maßnahmen und ließen die Angelegenheit auf sich beruhen.

Nun, ich hatte als Teenie einmal eine durchaus ähnliche Begegnung mit der Polizei. Damals ging mir der Arsch auf Grundeis.

Tja, andere Zeiten, andere Sitten.

Unsere vier jungen Spanier kannten jedenfalls keine Vokabel für „Respekt“ oder „Wertschätzung“. In keiner Sprache. Als es den drei Geistesleuchten vor mir dämmerte, dass es sich hier um die Polizei gehandelt hatte („Es la policia!“ – Ach, nee… Applaus, Du Blitzmerker!), ging es los.

Sie brüllten los: „Fuck la policia!“ (Nicht mal für ein korrektes „Fuck the police“ reichte das Englisch aus.) Mehrfach. Ziemlich lächerlich aus Kehlen, die den Stimmbruch nicht einmal in entferntester Aussicht haben. Noch bevor das Polizeiauto außer Sicht war, begannen sie eindeutige und international verständliche Gesten in Richtung des Wagens zu machen. Gesten, die eine Kastration andeuten. Ziemlich ordinär für meinen Geschmack. In dem Alter hatte ich so was noch nicht drauf…

(Bevor mir jetzt wieder Vertreter einer bestimmten politischen Richtung mit dem Schmu über meine privilegierte Kindheit kommen, über die sie nicht das Geringste wissen: denkt mal bitte darüber nach, ob es wirklich die Vertreter der ausgebeuteten Klasse Spaniens sind, die sich einen Osterurlaub in der Schweiz leisten können. Alles klar? Bingo!)

Na ja, offensichtlich haben die beiden Polizeibeamten es in ihrem Rückspiegel nicht mehr gesehen. Hoffe ich! Oder aber auch ignoriert!

Leider reicht mein Spanisch nicht aus für eine Ansage wie „unterbelichtete Vollpfosten“ oder „verzogene kleine Kackbratzen“, also beschränkte ich mich auf ein „Oh, my God!“, begleitet von einem ausdrucksvollen Augenrollen. Das reichte aber auch schon. Nicht, dass sie angemessen beeindruckt waren. Aber überrascht waren sie schon. Vermutlich nicht an Solidarität mit der Polizei gewöhnt. Möglicherweise haben auch ihre Erziehungsberechtigten eine gewisse Wahrnehmungsstörung, wer Schuld an ihren Bußen trägt. Scheint ja ein europaweites Problem zu sein.

Es ist in Luzern nicht leicht, seiner Abneigung gegen die Polizei so nachhaltig Ausdruck zu verleihen wie in vergleichbaren deutschen Städten. Das hängt damit zusammen, dass Luzern konsequent gegen Sprayer vorgeht. (Ja, ja, ich weiß, Streetart is no crime. Es ist aber auch kein Verbrechen, sich diese nicht an jeder Straßenecke aufzwingen lassen zu wollen!)

Aber in dieser Unterführung nahe beim Naturkunde-Museum haben sich doch so einige Spezialisten austoben können. Unsere kleinen, spanischen Freunde hätten sich hier zumindest über die korrekte Version ihrer Beschimpfung informieren können.

Falls es mit dem Englischen nicht so klappt, wurde netterweise auch die französische Übersetzung dazu mitgeliefert (ich habe mal ein Jahr in Paris gelebt und da einen teilweise recht bedauerlichen Wortschatz aufgeschnappt):

Abschließend sei mir noch eine Bemerkung erlaubt: Es kann durchaus sein, dass ich mir in Zürich ein feistes Bußgeld eingehandelt habe. Ich bin mir nicht sicher. Aber wenn es so ist, gibt es nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der dafür Verantwortung trägt. Ich hätte ja auch mit dem Zug fahren können, anstatt in einem fremden Land in einer fremden Stadt mit dem Auto unterwegs zu sein. Warum sollte ich also den Züricher Polizisten Vorwürfe machen?

In dem Sinne wünsche ich allen Schweizer Polizisten gute Nerven im Umgang mit nervigen Touristen. Und mit allen anderen, die ihnen das Leben manchmal schwer machen.

(Geschrieben am 22.04.2011)