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Allgemein Polizeiarbeit Verein

Nix los im Stadion – oder doch?

„Dafür, dass eigentlich nix los war, ist der Text aber ganz schön lang.“
Mit diesen Worten kommentierte einmal ein Bereitschaftspolizist einen Artikel von mir.

Schon!

Der Text war lang.

Aber warum sollte man immer nur etwas schreiben, wenn etwas Außergewöhnliches vorfällt? Okay, weil die Menschen schlechte Nachrichten lieber lesen als Gute. Deswegen kriegen auf unserer Facebook-Seite die Danke-Nachrichten auch standardmäßig weit weniger Likes als die Katastrophennachrichten.

Ist mir aber egal!

99% der Polizeieinsätze laufen super – auch darüber kann man reden.

So wie der Polizeieinsatz zum Spiel Mainz 05 gegen Schalke 04.

Ok, für mich persönlich lief einiges schief. 12 km Stau, die ich geschickt umfahren konnte – und dann mitten im Berufsverkehr vom Rhein-Main-Gebiet gestrandet. Entsprechend kam ich erstmal zu spät.

 

Heiko Arnd, der Einsatzleiter, übergab mich an zwei Herren, die Mitglieder des Social Media Teams sind. Übrigens „echte“ Polizisten, die den Social Media Teil halt AUCH bewältigen. An diesem Spieltag zum Beispiel.

 

Zuerst besuchten wir, bei „traumhaftem Wetter“, gemeinsam die Bereitschaftspolizei, die natürlich u.a. am Stadion steht.

Dann zeigten mir meine beiden Begleiter das Stadion. Im Unterschied zum Stadion in Kaiserslautern, wo ich ja auch schon einmal im Fußballeinsatz war, ist es deutlich neuer. Für mich persönlich ist es ziemlich neu – in den 90ern war ich nämlich ab und an mal im alten Bruchwegstadion dabei. Mainz war damals noch in der 2. Liga. Auch da kam mal Schalke zu Besuch und das kleine Stadion platzte aus allen Nähten. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an Durchsagen des Stadionsprechers mit der Bitte an die Schalke-Fans, die keinen Platz im Stadion mehr ergattert hatten, doch bitte aus den umliegenden Bäumen herauszuklettern. Doch genug Anekdoten aus grauer Vorzeit…

Das Stadion, derzeit Opel-Arena genannt (nennt mich altmodisch – ich mochte das noch ganz gern, als Stadien nicht nach dem Hauptgeldgeber benannt wurden, sondern Namen hatten, die man sich merken konnte und die sich auch nicht pausenlos änderten), liegt ziemlich auf der grünen Wiese. Entsprechend „erfreulich“ war es für die Fans, dass keine Parkplätze zur Verfügung standen – weil offensichtlich die Verhandlungen mit den Eigentümern der fraglichen Grundstücke ergebnislos blieben. Mittlerweile hat die Universität zur Problemlösung beigetragen, indem sie ihre Parkplätze an Spieltagen zur Verfügung stellt.

Aus polizeilicher Sicht ist an diesem Stadion sehr viel Positives. Die Lage vor den Toren der Stadt führt dazu, dass die Fans relativ problemlos zum Stadion geführt werden können und ihre Wege sich nicht kreuzen – wie es am 11-Freunde-Kreisel in Kaiserslautern passiert.

Am Stadion angekommen, werden die Fans der Gästemannschaft durch einen Tunnel in ihren Block geführt. Entsprechend können Heimfans tatsächlich einmal ums Stadion drum herumlaufen – ohne sich mit den Gästefans ins Gehege zu kommen.

Die Polizei hat eine eigene kleine Wache. Auch die wollten wir anschauen, allerdings waren die Beamten darin offensichtlich mit einem Fußballfan beschäftigt, der nicht allzu glücklich aussah. Entsprechend wollten wir nicht stören. Auch eine Leitstelle hat die Polizei, doch dazu später.

 

Zu einem gelungenen Fußballeinsatz in Mainz trägt auch die Verkehrspolizei bei. Ein Freitagabendspiel hat die Eigenschaft, dass sich der Berufsverkehr durch die Anreise von Fans nicht wirklich entspannt, entsprechend gab es auch gut zu tun.

 

Schließlich ging es wieder ins Stadion, dieses Mal in die Leitstelle. Von dort aus hat man einen guten Blick ins Stadion und auch aufs Spielfeld. Blöd, wenn man als überzeugte Rheinland-Pfälzerin genau dann auf selbiges guckt, wenn Schalke das einzige Tor des Abends in das Mainzer Netz ballert. Hmpf!

Heiko Arnd, Andrea Funke, und ich beim Schnuppern von Stadionatmosphäre vor der Leitstelle – an dieser Stelle einen herzlichen Dank an den Herrn von der Feuerwehr für das Foto inklusive der Bildrechte.

 

Heiko Arnd nahm mich mit in zwei Besprechungen, eine kurz vor Anpfiff. Dabei kamen die szenekundigen Beamten (Polizisten, die ihr Ohr möglichst am Puls der Fußballfanszene haben) aus Gelsenkirchen und aus Mainz, der Sicherheitsbeauftragte des Stadions, der Fanbeauftragte von Mainz 05 und eben die Einsatzleitung zusammen, um Eindrücke und Beobachtungen auszutauschen.

 

In der Halbzeitpause gab es eine zweite Besprechung, dieses Mal kamen die Teilnehmer nur aus den Reihen der Polizei. Bereitschaftspolizei, Verkehrspolizei und die szenekundigen Beamten gaben noch einmal ihre Eindrücke zum Besten.

 

Auch nach Spielende gestaltete sich alles ruhig. Entsprechend konnte ich mich um kurz nach Mitternacht schon wieder auf den Heimweg machen.

 

Eigentlich gab es nur zwei Dinge, die mich gestört haben.

 

Zu einem bestimmten Zeitpunkt lief ich mit zwei uniformierten Polizeibeamten durch die Wandelhalle des Stadions. Nur das – einfach gehen. Und prompt pöbelte uns jemand an: „Scheiß-Bullen!“

Ich nehme an, meine Begleiter haben das nicht gehört. Bei meiner Einstellungsuntersuchung wurde mir gesagt, mein Gehör sei zu gut – und jeder, der in meiner Gegenwart flüstert, kann das bestätigen.

Danke an die Absender dieser netten Worte für das Kompliment! Es ehrt mich immer, wenn ich mit Angehörigen einer Berufsgruppe verwechselt werde, die bei mir sehr hoch im Kurs steht.

 

Im Schalker Fanblock wurde permanent jede Menge Pyrotechnik abgebrannt. Dabei gab es auch Verletzte, das ist aber nicht mein Punkt. Offensichtlich waren dies alle Verletzte, die durch „friendly fire“ getroffen wurden – insofern bin ich da relativ mitleidlos.

Ich stelle mir dazu vielmehr zwei Fragen.

  1. Warum nutzten eigentlich die Schalker Spieler nicht ihren Einfluss auf die Fans und zeigen denen einfach mal, dass es so nicht geht? Wäre übrigens auch mal eine Maßnahme, wenn diese unsäglichen ACAB-Plakate irgendwo erscheinen. Einfach mal den entsprechenden Block nach dem Spiel bei der „Danke-Runde“ ignorieren.
  2. Wenn man Bengalos in dieses Stadion schmuggeln kann – was kann man da noch alles reinbringen? Diese Frage geht an die Verantwortlichen von Mainz 05, denn die Polizei ist an diesem Punkt raus. Die haben mit den Einlasskontrollen nichts zu tun.
    Ich bin nun mal halbe Französin und ich habe während der Terrorwelle der 90er Jahre in Paris gelebt. Bei den Anschlägen am 13. November 2015 in Paris hätte es noch viel mehr Tote gegeben, wenn die beiden Terroristen, die sich vor dem Stade de France in die Luft gesprengt haben, es in dieses Stadion geschafft hätten. Was ist der Unterschied zwischen französischen und deutschen Einlasskontrollen?
    Deutschland ist nicht Frankreich? Vielleicht! Aber seit dem 19.12.2016 und dem, was am Breitscheidplatz geschah, sollten wir uns vielleicht doch endlich mal klar werden, dass dieser Terrorismus sich nicht für Ländergrenzen interessiert.

In dem Sinne bin ich persönlich sehr froh, einen Artikel schreiben zu dürfen über einen Einsatz, bei dem eigentlich nix los war.

Danke an die Polizei Mainz, insbesondere an Heiko Arnd sowie die beiden Herren, die mich eine Weile als Achlastbeschwerer dabei hatten, für die spannenden Einblicke.

Allgemein Trauriges

Wann, wenn nicht jetzt?

Eine Frau ist mit ihren Kindern allein zuhause. Das Wetter ist nicht so sonnig wie die Tage davor. Es ist 20 Uhr.

Vielleicht sind die Kinder noch so klein, dass sie gerade ins Bett gebracht werden. Vielleicht sind sie schon in dem Alter, in dem sie sich überlegen, ob sie noch einmal ausgehen.

Plötzlich marschieren 60 Vermummte vor dem Haus auf. Sie sind laut. Sie bringen Plakate mit politischen Botschaften an.

Jäh ist die friedliche Stimmung für die Familie dahin. Eingeschüchtert sind sie. An Schlaf oder Ausgehen ist nicht mehr zu denken. Was mögen diese Menschen fühlen, allein in diesem Haus. Mit Sicherheit fühlen sie sich entsetzlich schutzlos.

Wer würde sich da nicht fürchten, allein schon vor der schieren Überzahl? Dass diese Menschen ihr Gesicht nicht zeigen, verschärft die Furcht mit Sicherheit noch.

Die Polizei schreitet ein. Medien sprechen von einem „Großeinsatz“. Das ist auch das Mindeste, was ich bei solch einer Aktion erwarten würde.

Die Familie, die diese Erfahrung machen musste, ist die Familie eines niedersächsischen Polizisten. Übrigens ein Staatsschutzbeamter.

 

Die Polizeigewerkschaften melden sich zu Wort, verurteilen diesen Vorfall. Natürlich auch polizeifreundliche Initiativen wie „Solidarität mit den Beamten der Davidwache“ und „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, also wir. Wir mit einer Stunde Verspätung, weil ich das erstmal für mich verdauen musste. Durch den Verein entstanden Freundschaften zu Polizistinnen und Polizisten. Ich kenne teilweise ihre Familien und ich weiß, wie sie zu ihren Familien stehen. Würde der Familie eines mir bekannten Polizisten so etwas zustoßen, würde es mir das Herz brechen. Da ich von emotionalisierten Schnellschuss-Statements immer weniger halte, je älter ich werde, habe ich mir erstmal eine Weile genommen.

 

24 Stunden später meldet sich der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius als Dienstherr des betroffenen Polizeibeamten zu Wort. „Wenn der Name und die Adresse dieses Beamten aus Hitzacker auf einschlägigen Seiten der linksautonomen Szene veröffentlicht werden und er dann zuhause mit seiner Familie Opfer einer solchen Bedrohungslage wird, können wir das nicht hinnehmen und müssen reagieren.“

 

48 Stunden später äußert sich Lorenz Caffier, der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, in einer Pressemitteilung. „Linke Gewalt darf nicht mehr verharmlost und von Teilen des politischen Spektrums in Deutschland insgeheim noch entschuldigt werden, sonst werden solche Auswüchse eines Tages zur Gefahr für das staatliche Gewaltmonopol.“

 

Ansonsten – nichts!

 

I am not amused.

 

Wir leben in einer Zeit, in der Polizisten gekennzeichnet werden sollen, und teilweise schon sind, damit sich das polizeiliche Gegenüber gegen „Polizeigewalt“ wehren kann. Jeder Fall von gefühlter oder tatsächlicher übertriebener Gewaltanwendung durch Polizeibeamte wirbelt medialen und politischen Staub auf in der Größenordnung der Wolke über dem Pinatubo unmittelbar nach seinem Ausbruch. Die laut PKS 2017 im Schnitt 204 gewalttätigen Übergriffe auf Polizeibeamte am Tag hingegen sind eine Meldung unter „ferner liefen“. Die Einführung der Body-Cam, die ja nun sehr hilfreich ist bei der Beurteilung, wer denn bei einer Eskalation angefangen hat, brachte eine Menge Datenschützer auf die Palme und sie ist immer noch nicht in jedem Bundesland vorhanden.

Es wird alles dafür getan, uns Bürger vor unseren Polizeibeamten zu schützen – und umgekehrt?

 

Diese Bürger in Uniform halten für uns den Kopf hin, ihr Dienst an uns als Gesellschaft sorgt dafür, dass sich das Recht des Stärkeren nicht gesamtgesellschaftlich durchsetzt. Sie gehen jeden verdammten Tag raus auf die Straße, lassen sich bepöbeln, beschimpfen, anspucken und angreifen, um da aufzuräumen, wo elterliche Erziehung gepaart mit einem zu Tode gesparten Bildungssystem und einer zu Tode gesparten Justiz versagen. Nicht, dass die Polizei nicht zu Tode gespart worden wäre…

Die meisten Polizistinnen und Polizisten, die ich kennenlernen und bei ihren Schichten begleiten durfte, tun das nach wie vor hochmotiviert und gerne. Sie tun das für eine Besoldung, die im Vergleich zu dem Geld, das man anderswo bekommen würde, nicht gerade überzeugend ist.

Es gibt ein Schema zur Messung der Bezahlungsgerechtigkeit, das Genfer Schema. Die vier Kategorien, nach denen gemessen wird, lauten

  • geistige Anforderungen (Fachkenntnisse, Nachdenken)
  • körperliche Anforderungen (Geschick, Muskelbelastung, Nerven- und Sinnesbelastung)
  • Verantwortung (beispielsweise für Betriebsmittel, Sicherheit und Gesundheit anderer)
  • Arbeitsbedingungen (Temperaturen, Nässe, Schmutz, etc.).

Je stärker eine Anforderung / Belastung ist, desto besser sollte die Tätigkeit bezahlt werden. Da fängt man schon an, sich Fragen zu stellen, wieso ein Polizist deutlich weniger verdient als ein Vorstandsmitglied eines deutschen Großunternehmens. Doch zurück zum aktuellen Vorfall in Niedersachsen.

 

Das Schweigen im Walde von unseren Regierenden wurde nämlich sehr schön ausgeglichen durch eine Verlautbarung der Initiative, die hinter dem Aufmarsch vor dem Haus des Polizisten steht. In einer geradezu halsbrecherischen Täter-Opfer-Umkehr teilen sie mit, dass es sich eigentlich nur um ein harmloses „Straßenkonzert“ vor dem Haus eines „übermotivierten Staatsschutzbeamten“ gehandelt habe, in dessen Nachgang man Opfer von „Polizeigewalt“ geworden sei.

Ja, nee, ist klar!

 

Und auch dazu hat niemand etwas zu sagen, der in diesem Land etwas zu sagen hat? Wie sich da Leute anmaßen, angebliches polizeiliches Fehlverhalten mal so ganz nebenbei in Eigenregie zu ahnden??? Und ich dachte bislang immer, man schreibt, wenn man an einer polizeilichen Maßnahme etwas zu meckern hat, eine Dienstaufsichtsbeschwerde oder erstattet bei Strafbarkeit Anzeige bei einer Staatsanwaltschaft. Ich hatte ja keine Ahnung, dass das offensichtlich vollkommen veraltete Vorstellungen sind, denen ich da aufsitze…

 

Auf Facebook entblödete sich bereits gestern Abend ein mittlerweile von mir blockierter, weil keiner sachlichen Auseinandersetzung fähiger, Nutzer nicht, zu schreiben, er verstünde das Problem nicht, wenn ein „Nazibulle“, wofür die „Ostgebiete“ Deutschlands ja bekannt seien, mal ein bisschen Gegenwind bekäme.

Ach so. Ja, dann. Ich meine, gut, Niedersachsen gehörte schon immer zu Westdeutschland, aber wen interessiert das schon, wenn man begründen möchte, warum die Angehörigen eines Polizisten verdienen, was sie bekommen haben? Da wird dann eben mal ein bisschen die Geschichte geklittert und gen neue Bundesländer herumverallgemeinert. Vermutlich sind es auch diese mangelnden Geschichtskenntnisse, die verantwortlich dafür sind, dass ich durch diesen Vorfall von dem ernstlichen Gedanken geheilt wurde, in dieser Republik hätte seit 1945 die Praxis, Angehörige für unliebsame Taten eines Familienmitgliedes leiden zu lassen, keinen Platz mehr. So kann man sich irren.

 

Solche obskuren Gedanken einer totalen Fehlinterpretation einer demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei wird es immer geben, sobald diese es wagt, die eigenen Kreise zu stören und Grenzen zu setzen. Die Dreistigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der diese Ideen mittlerweile geäußert werden, hat aber sehr viel damit zu tun, dass kaum jemand widerspricht.

 

Ich erwarte von meinen Regierenden bis hin zur Bundeskanzlerin und zum Bundespräsidenten klare Worte des Rückhalts. An diesen Polizeibeamten, an seine Familie und an alle anderen Polizistinnen und Polizisten dieser Republik ebenfalls. Und auch andere Innenminister und –senatoren dürfen ihren beiden Kollegen aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern gern unterstützen. Ziemlich zügig, bevor noch mehr Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird und irgendwann die halbe Republik ernsthaft glaubt, der Mann habe es irgendwie schon verdient. In völliger Verkennung der Tatsache, dass dieser Polizist nach allem, was wir wissen, einfach seine Arbeit getan hat und dass es hier Angehörige des Mannes getroffen hat.

 

Wann, wenn nicht jetzt, sollen solche Worte denn mal kommen?

 

Meinen Rückhalt habt Ihr jedenfalls, liebe Polizisten und Polizisten, und den eines kleinen Vereins von Bürgern für Polizeibeamte. Auch, wenn Ihr Euch davon leider aktuell nichts kaufen könnt…

 

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Nächtliches Twittern in Frankenthal

Ende Januar durfte ich wieder bei der PI Frankenthal mitfahren. „Meine“ Streife bestand aus Jasmin, mit der ich schon einmal eine Spätschicht gefahren war, sowie ihrem neuen Streifenpartner Felix.

 

Seit einigen Wochen leide ich an einer Schreibhemmung, deswegen habe ich entschieden, meine Twitterbegleitung in den Artikel zu übertragen. Vielleicht für jene Leser mal ganz spannend, die kein Twitter haben.

 

Wieder darf ich eine #Nachtschicht bei der #Polizei #Frankenthal mitfahren. Auf dem Weg zum ersten Einsatz. @polizei_FT #polizeilive

 

Die Raute nennt sich Hashtag und dient als eine Art Markierung. Sucht bspw. jemand auf Twitter alle Tweets zum Thema „Polizei“, so wird ihm mein Tweet unter vielen anderen ausgeworfen. Ebenso verhält es sich mit #Frankenthal. #polizeilive ist mein persönlicher Hashtag, mit dem ich anzeige, dass ich live aus einem Streifenwagen twittere. Vielleicht setzt sich das ja mal durch. ;-)

Mit @polizei_FT spreche ich den Account der Polizei Frankenthal an, damit sie dort wissen, was über sie durch den Äther rauscht.

 

Nun geht es aber richtig los:

1. Einsatz: #Handbremse vergessen. #Auto parkte sich selbstständig um und schmiegte sich liebevoll zwischen #Hauswand und weiteres #Auto. Alle Beteiligten freundlich. #polizeilive @polizei_FT

2. Einsatz: Der #Fahrer eines Motorrollers (15) erarbeitete sich eine #Kontrolle, weil er auffällig schnell durch die #Zone 30 düste… #Eltern freuten sich, ihren #Spross abzuholen. #polizeilive @polizei_FT

Man muss dazu sagen, dass er tatsächlich dem Streifenwagen, den er nicht bemerkte, buchstäblich davonfuhr – bis Jasmin mit Blaulicht beschleunigte und der junge Herr gestoppt wurde.

Ergänzend möchte ich dazu bemerken, dass wir eigentlich auf dem Weg in die Dienststelle waren, wo mein Abendessen auf mich wartete. An dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank an den Dienstgruppenleiter dafür, es in den warmen Ofen zu stellen. Das Prozedere mit dem jungen Mann dauerte nämlich länger.

Um eine Weiterfahrt zu verhindern, wollten Jasmin und Felix das Versicherungskennzeichen abschrauben. Allerdings waren die Schrauben rostig und das Ding ließ sich einfach nicht lösen. Eine weitere Streife brachte sogar nochmal Werkzeug vorbei.

 

Das (dank DGL) noch warme Essen hatte ich gerade drin, als ein Notruf reinkam:

#Blaulichtfahrt. Nach #Notruf #Verdacht auf #häusliche #Gewalt. Waren lediglich #Streitigkeiten, bei Eintreffen der #Polizei bereits beigelegt. #polizeilive @polizei_FT

 

Wir fuhren mit zwei Streifen an. Natürlich befand sich der Einsatzort recht weit oben im Haus. (In Polizeikreisen wird das oberste Stockwerk auch gern als „Schutzmannparterre“ bezeichnet.)

 

Wo wir schon einmal unterwegs waren, fuhren wir eine Runde Streife – wo unser Blick auf einen Wagen fiel, der just einen Parkplatz verließ, als wir auf selbigem eintrafen. Das erregte natürlich Jasmins und Felix Aufmerksamkeit.

#Kontrolle eines #Fahrzeuges wegen auffälliger #Fahrweise – nur ein #Jäger auf der #Suche nach jagdbarem #Wild. #polizeilive @polizei_FT

Natürlich kontrollierten meine Begleiter auch gleich seine Waffenbesitzkarten. Auch da war alles in Ordnung.

 

Der nächste Einsatz kam über Funk rein:

#Einsatz im #Krankenhaus, wo eine #Verletzung durch #Spiegelabtreten behandelt wurde. Im #Anschluss nettes #Kurzgespräch mit noch netteren #Rettungssanitätern. #polizeilive @polizei_FT

Tatsächlich hatte sich ein junger Mann selbst verletzt, nachdem er eine Reihe Spiegel abgetreten hatte. Den Grund für die Verletzung gab er im Krankenhaus bekannt, woraufhin die Polizei gerufen wurde.

Alkohol und andere bewusstseinseintrübende Substanzen sind und bleiben einfach nicht gut für’s Denkfach…

 

Wieder auf der Straße ging es zu Sache:

#Vier #Verkehrskontrollen in #Folge. Bis jetzt zeigten sich alle von ihrer besten #Seite. #Sehr #löblich. #polizeilive @polizei_FT

Anschließend mussten meine Begleiter die Erlebnisse dieser Nacht schon einmal so weit zu Papier bringen… oder besser: in die PCs hacken.

 

Nach dem #Schreiben einiger #Berichte wieder auf #Streife. Als erstes einen verlassenen #PKW im #Feld vorgefunden. #Kurios, aber keine #Feststellungen. #polizeilive @polizei_FT

Und bevor wieder jemand fragt – der abgebildete PKW war es natürlich nicht. Allerdings nehme ich es mit dem Datenschutz sehr genau – genauer als ich müsste. Und außerdem heißt „Fotografie“ so viel wie „Malen mit Licht“. Was schon einen gewissen Hinweis darauf gibt, dass man eine Lichtquelle braucht. Nachts. Mitten im Feld… muss ich noch deutlicher werden, dass das Bild vermutlich nichts geworden wäre?

 

Und wieder eine Verkehrskontrolle:

#Voll #abgefahren. Bei #Reifen grundsätzlich keine gute #Idee. #Bußgeld und ein #Punkt in Flensburg. #polizeilive @polizei_FT

 

#Abschluss mit #Verlängerung. #Unterstützungseinsatz für das #DRK. #Unfreiwillige #Einweisung. Nicht schön. Für keinen. #polizeilive @polizei_FT

Was in diesem Tweet so lapidar zusammengefasst ist, fing an mit einem Notruf einer Frau über die 112. Ihr hochgradig unter einer Psychose leidender Sohn hatte, wohl nicht zum ersten Mal, seine Medikamente eigenmächtig abgesetzt. Ein Zustand, in dem er aggressiv gegen jeden wird. Seine Mutter, Rettungssanitäter und Polizei. Dies ist bei sämtlichen Blaulichtorganisationen auch durchaus bekannt. Entsprechend rief das DRK die Polizei zu Hilfe. Diese kam mit allem, was die Polizei Frankenthal für die Nacht aufbieten konnte.

Mit entsprechend vielen Leuten ging die Polizei zu der Wohnung des besagten jungen Mannes.

Wider Erwarten hielt sich sein Aggressionsniveau in Grenzen, aber er hatte ganz klar einen psychotischen Schub und musste vor sich selbst geschützt werden. Leider wollte er unter keinen Umständen eingewiesen werden, sodass letztlich die Polizei helfen musste. Er wurde u.a. in Handschellen gelegt.

Polizeibeamte fuhren im Rettungswagen mit und Streifenwagen begleiteten den RTW in die entsprechende Klinik.

In der Klinik wehrte der junge Mann sich weiterhin gegen seine Einweisung und zwar so sehr, dass er letztlich erst ein weiteres Mal Handschellen angelegt bekam und dann mit Gurten an ein Bett gefesselt werden musste, um eine Beruhigungsspritze bekommen zu können. Dabei blieb die Polizei anwesend.

 

Ich verzichte auf die Details. Ich kann allerdings allen versichern, dass die Situation für keinen schön war. Sicherlich war sie am hässlichsten für den jungen Mann auf dem Bett, aber auch sonst hatte keiner Spaß dran – weder die Sanitäter, noch der Arzt oder die Pfleger, noch die Polizistinnen und Polizisten. Ich auch nicht. Niemand war blind dafür, dass dieser Mann ernsthaft litt. Allen war aber klar, dass dies die einzige Lösung war. Das jenen, die ebenso hartnäckig wie falsch im Internet behaupten, die Polizei würde leichtfertig jeden einweisen, der ihre Kreise stört. Abgesehen davon, dass sie das gar nicht darf, weil derartige Entscheidungen an klare gesetzliche Vorgaben gebunden sind (in RLP das Landesgesetz für psychisch kranke Personen (PsychKG), zudem muss, wo vorhanden, der kommunale Vollzugsdienst das anordnen) und die letzte Entscheidung sowieso bei einem Arzt liegt.

Jedenfalls waren alle froh, dass dieser Einsatz vorbei war – und das nicht nur, weil der Schichtwechsel schon eine gute halbe Stunde verstrichen war.

 

Danke an die Polizei Frankenthal, besonders Jasmin und Felix für den tollen Empfang. Ihr wart mal wieder klasse! Oder, wie ich auf Twitter schon sagte:

#Danke, liebe #Polizei #Frankenthal. Ich bin mal wieder #begeistert. Ihr wart #klasse. #Nachtschicht #polizeilive #gutearbeit #ihrmachttollearbeit #ihrseidklasse @polizei_FT

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Warum greift die Polizei hier nicht mal ordentlich durch?

Der Polizist neben mir und ich tauschten einen Blick. Innerlich atmete ich einige Male tief durch. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Ehrlichkeit mit schlechtem Betragen verwechseln. Wenn ich meine Meinung nicht sagen kann, ohne anderen gleich verbal an die Wäsche zu gehen, dann schweige ich lieber.

Ich pumpte aktuell nicht wenig Adrenalin. Ich hatte keinerlei Ahnung, wie die Sachlage, die eine Dame gerade auf diese „nette“ Weise beurteilte, ausgehen würde. Genau deswegen war mir reichlich unwohl. Angst ist kein gute Grundlage für rationale Erklärungen. Deswegen war ich froh, dass der junge Mann neben mir das Wort ergriff und die Dame aufklärte, die uns diese „nette“ Frage um die Ohren geschlagen hatte.

 

*

 

„Nimm alles mit, wir räumen den Wagen schon mal aus“, hatte Maurice zu mir gesagt. Ich hielt mich gerade im Wachraum der Polizeiinspektion Mainz 1 auf und überlegte, ob ich leichtsinnigerweise doch mal wieder einen vorzeitigen Abgang einleiten sollte. Immerhin hatte ich noch fast zwei Stunden Fahrt vor und noch mehr „Solidarisches Frieren mit unserer Polizei“ (Verkehrskontrolle mit Maurice, Jonas und vier Bereitschaftspolizisten an einem kalten Dezemberabend) hinter mir. Ich taute nur langsam auf und es war schon recht spät.

 

Auch vor dem Verharren an der Kontrollstelle war die Spätschichtbegleitung vergleichsweise ruhig gewesen. Nach einer Unfallaufnahme passierten wir auf dem Rückweg in die Dienststelle einen Bus, dessen Fahrer meinte, den Berufsverkehr an einem Freitagnachmittag blockieren zu müssen. Seine Begründung: Es habe beinahe einen Unfall gegeben. Die Polizei sollte den Beinaheunfallverursacher nun die Konsequenzen seines Handelns spüren lassen.

Aha?

Wir erinnern uns – es hatte keinen Unfall gegeben. Vor dem Hintergrund war seine Blockadeaktion natürlich eine Überreaktion. Zwar passt er damit gut in den Zeitgeist, gefährdete aber wiederum andere Verkehrsteilnehmer. Er kassierte einen Platzverweis und war sichtlich überrascht, dass nicht immer nur die anderen Leute Fehler machen.

 

Würden auch die letzten Minuten der Schicht so bleiben, wäre es kein Verlust, verschwände ich zeitnah… allerdings hatte ich derartige Entscheidungen schon bereut. Und beendet ist eine Schicht grundsätzlich erst dann, wenn der Dienstgruppenleiter „Schichtende“ ausruft…

 

„Da wollen welche eine Gaststätte nicht verlassen.“

 

Im Laufen zum Streifenwagen ringelte ich mich wieder in die Schussweste.

Wir fuhren mit vier oder fünf Streifenwagen vor der fraglichen Gaststätte vor. Übrigens ein sehr gutes Etablissement, in dem ich als Studentin bereits mehr als einmal verkehrte und auch jederzeit wieder einkehren würde.

 

Der Innenraum war gerammelt voll. Sogar die Terrasse war bis zum letzten Platz besetzt. Zur Erinnerung, es war Anfang Dezember. Vorm Eingang knubbelten sich weitere Gäste – die an einem Türsteher abprallten.

Hätte ich dafür Zeit gehabt, hätte ich mich gefreut, dass eine von mir sehr geschätzte Gaststätte mittlerweile derart gut läuft. Hatte ich aber nicht.

„Ein Junggesellenabschied“, informierte der Türsteher meine Begleiter. „Haben sich dann daneben benommen und wollen jetzt nicht mehr gehen.“

Meine Begleiter drängelten sich in den Innenraum. Schlagartig stiegen Erinnerungen an einen Einsatz in einer Kneipe in Ludwigshafen in mir auf – bei dem zum schlechten Schluss ein Zechpreller zu Boden hatte gebracht werden müssen. Dafür wäre hier kein Platz. Zumindest würde ich in keinem Fall ausweichen können, sollte es so weit kommen.

Hier bin ich nur im Weg – und verstehen werde ich auch nichts…

Also bog ich vor der Tür ab und postierte ich mich auf der Terrasse – vor einem Fenster mit ungebremsten Blick auf den Tisch, an dem die besagten Herren saßen.

Entsprechend konnte ich nichts hören, aber sehen – Maurice schien die Verhandlungen zu führen. Zwei der Herren schienen die Wortführer der Junggesellenabschiedsfeier zu sein, sie wirkten aufgebracht. Einer der beiden sprang auf.

Oha…

Das sah für mich reichlich bedrohlich aus.

Was, wenn die Situation darin kippt?

Vor meinem inneren Auge sah schon ich eine Hundertschaft dieses Etablissement stürmen. Die darauf folgenden Schlagzeilen konnte ich mir ebenfalls lebhaft vorstellen.

Irgendwie bekam ich so langsam das Gefühl, dass, egal was meine Herren darin auch machen würden, es irgendwie falsch enden würde…

Zwar hörte ich nichts vom Gespräch drinnen – dafür umso mehr von den auf der Terrasse geäußerten Expertenmeinungen draußen.

„Die Bullen kriegen es mal wieder so gar nicht hin.“

Ach nein? Was genau weißt du denn, warum sie hier sind und was sie wollen?

Aber wen interessierte das schon? Wir leben schließlich in einer Zeit, in der es als absolut verzichtbar erachtet wird, sich zur Unterfütterung seiner Meinung erstmal mit Faktenwissen zu versorgen…

„Die sind so lächerlich.“

Ich schaltete wieder in den Ignoriermodus. Wenn man einem polizeifreundlichen Verein vorsitzt, kann man nicht jedem Kommentar auf einem derartigen Niveau Aufmerksamkeit schenken…

 

Maurice schaffte es, die Junggesellenrunde dazu zu überreden, Personalausweise auszuhändigen. Zwei der Polizisten kamen aus der Gaststätte. Einer ging zum Streifenwagen, um abzufragen, ob gegen einen der Herren der lustigen Runde etwas vorlag. Sein Kollege blieb bei mir vor der Gaststätte stehen. Ich weiß nicht, ob er hier nur auf seinen Kollegen wartete oder ob sein Job gewesen war, auf mich aufzupassen. Jedenfalls kam es so, dass wir nebeneinander standen, gemeinsam durch die Scheibe starrten und lauthals mit der Frage konfrontiert wurden, die die Überschrift dieses Erlebnisberichtes bildet.

 

„Warum greift die Polizei hier nicht mal ordentlich durch?“

 

Die Sprecherin ließ diese Frage hinter unserem Rücken erschallen. Wir drehten uns zeitgleich um. Eine Frau kam näher.

Nun ja, auf diese Frage würden mir eine ganze Latte Antworten einfallen.

Weil 10 Polizisten gegen 10 Junggesellen ein ziemlich ungünstiges Verhältnis ist.

Weil es zu Solidarisierungseffekten der Umstehenden kommen könnte und das Verhältnis dann noch schlechter wäre. Und ja, die Polizeibeamten waren bewaffnet. Aber kein Polizeigesetz Deutschlands gibt es her, in solch einer Umgebung eine Schusswaffe einsetzen – und das ist auch gut so.

Weil man folgerichtig im Falle eines Falles tatsächlich Verstärkung würde kommen lassen müssen – und weil vermutlich die Besitzer dieser Gaststätte kaum glücklich über das zweifellos folgende Rauschen im Blätterwald sein dürften.

Weil es jede Menge Leute treffen würde, die zum gegebenen Zeitpunkt einfach nur friedlich ihre Freizeit genossen. Selbst wenn sie teilweise ausgesprochen unintelligente Sprüche absonderten, so hatten sie dafür noch lange nicht verdient, unter Umständen auch einen Schlagstock abzubekomen. Zumindest nehme ich an, dass ein „robuster Schlagstockeinsatz“ gemeint ist, wenn Leute fordern, dass die Polizei „mal ordentlich durchgreifen soll“. Gut, ich hätte die Dame fragen können, was sie sich eigentlich genau darunter vorstellt.

 

Letztlich ist aber die genaue Definition von „mal ordentlich durchgreifen“ egal. Denn jeder, der eine solche Polizei fordert, muss sich darüber im Klaren sein, dass diese Polizei dann IMMER ordentlich durchgreift. Nicht nur bei den anderen.

Wir haben auf der Facebook-Seite unseres Vereins eine ganze Menge Leser, die sich für polizeifreundlich halten und bei jeder sich bietenden Gelegenheiten Waffeneinsatz aller Art fordern. „Die müssen einfach mal ordentlich durchgreifen.“

Gleichzeitig ist das Gros genau dieser Leser nicht in der Lage, sich an die einfachsten von uns Seitenadmins aufgestellten Regeln eines respektvollen Miteinanders zu halten. Wie können diese Leute so sicher sein, dass eine Polizei, die „mal ordentlich durchgreift“, dies nicht bei ihnen selbst tun würde?

Was auf die Situation in der Gaststätte übertragen geheißen hätte, dass meine Herren nicht nur die widerspenstigen Junggesellenverabschieder mit ihren Schlagstöcken quer durch den Raum geprügelt hätten, sondern dass auch der Polizist neben mir der Dame mal schnell für ihre unbotmäßige Hinterfragung des laufenden Einsatzes den Schlagstock in die Zähne geschlagen hätte.

Ja, sie hatte „nur mal eben“ gefragt. Aber die Herren in der Kneipe waren auch „nur mal eben“ laut geworden und wollten „nur mal eben“ in Ruhe weiterfeiern. Nicht vergleichbar?

Dann versuchen Sie doch mal, in Russland bei einem Polizeieinsatz der Polizei eine derartige Frage zu stellen. Die Begeisterung darüber, wenn ihnen ihr Job in einer derartigen Weise erklärt wird, dürfte sich da deutlich anders auswirken als hierzulande…

Um nicht missverstanden zu werden. Ich finde durchaus, dass hier auf einige Formen des Fehlverhaltens eine Konsequenz deutlich schneller und vielleicht auch in manchen Fällen härter erfolgen sollte. Das muss nicht unbedingt bei jedem Delikt eine knackige Gefängnisstrafe sein. Aber eine Geldbuße, wenn man Polizisten im Einsatz mit überflüssigen Fragen nervt, wäre aus meiner Sicht schon mal ein guter Anfang. Ich bin durchaus der Ansicht, dass die eine oder andere Strafe durchaus höher ausfallen dürfte und dass Judikative und Legislative da nacharbeiten sollten. Dennoch halte ich unreflektierte Forderungen nach einer Polizei, die hart durchgreift, vielfach für unausgegoren. Ich jedenfalls bin froh, dass unsere Polizei ist, wie sie ist – demokratisch legitimiert und rechtsstaatlich verfasst. Eine Polizei, die man hinterfragen darf.

 

Im Übrigen vergessen auch viele Leute, was es mit Menschen macht, die sehr oft zu ihren Waffen greifen (müssen). Ein Verrohungseffekt tritt ein, der auch die eigene Seele belasten kann. Die meisten Polizistinnen und Polizisten, mit denen ich ins Gespräch komme, haben ihren Beruf gewählt, um anderen Menschen zu helfen. Mir sagte einmal ein Polizist, der für eine gewisse Zeit mit einer ganzen Menge sehr grenzwertiger Menschen konfrontiert war: „Ich merke, dass ich im Umgang mit diesen Leuten selbst zum Arschloch werde. Ich will aber kein Arschloch werden.“

Darüber sollte der eine oder andere nachdenken, bevor er unreflektiert solche Forderungen in die Welt haut.

 

Um es kurz zu machen – mein Begleiter sagte der Dame, dass es derzeit keinen Anlass gäbe, etwas anderes zu tun als zu reden.

Gegen keinen der Herren lag etwas vor. Der Polizist, der die Abfragen gemacht hatte, verschwand mit den Ausweisen wieder im Lokal, Maurice redete weiter auf die Gruppe ein – und plötzlich standen sie auf und griffen nach ihren Jacken.

Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis die Herren Junggesellenverabschieder sich zur Tür geschafft hatten. Genug Weile, dass ein junger Mann den Polizisten, der schon der Dame ihre Frage beantwortet hatte, ansprechen konnte:
„Ich bin hier ganz hart am Wetten, dass ich auf ein Foto mit einem Polizisten komme.“

Übrigens eine Frage, die ich auch öfters stelle – aber nicht, wenn ganz klar ein Einsatz stattfindet.

Nun ja.

Der Polizist lehnte ab. Weil er gerade im Einsatz war und immer noch nicht klar war, ob die Truppe rund um den Junggesellen auf Abruf es wirklich problemlos aus der Gaststätte schaffen würde.

Und tatsächlich…

Zwar strömten sie alle auf die Straße, aber einer von ihnen schaukelte sich plötzlich hoch, dass er seinen Ausweis noch nicht wiederhätte. Er beschuldigte Maurice, seinen Ausweis einbehalten zu haben.

Die Situation wurde wieder kritisch.

„Ich habe Ihren Ausweis nicht.“

„Doch, natürlich. Und ich gehe hier nicht weg, bevor ich den nicht wiederhabe.“

Aggression lag in der Luft.

„Ich habe alle Ausweise Ihrem Kumpel gegeben, der X heißt.“

„Sie haben meinen Ausweis nicht irgendwem zu geben. Ich geh hier nicht weg, bevor ich meinen Ausweis nicht habe.“

Zu meiner Erleichterung trat X auf den Plan und reichte dem Herrn seinen Ausweis.

Der entschuldigte sich (!) und trollte sich.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Alkohol ist nicht wirklich hilfreich beim Verstehen von Situationen, die komplexer sind als das Anheben eines Bierglases…

 

Tatsächlich war dies nun der letzte Einsatz! Ich war sehr erleichtert, dass meine Herren es so lösen konnten.

Ich bewundere (mal wieder) die endlose Geduld, mit der sie die Sachlage gelöst haben. Aber sie haben sie gelöst. Mit den Mitteln, die sie hatten.

Ich fand sie jedenfalls mal wieder klasse, unsere Polizeibeamten. Danke dafür nach Mainz 1.

Allgemein Schusswaffengebrauch

Gedanken zum Schusswaffengebrauch in Fulda

In den letzten Monaten hatten wir so ein bisschen das Gefühl, dass sich die Presse ingesamt derartiger Situationen mit deutlich mehr Zurückhaltung annehmen würde als früher.

Dieser Eindruck ist allerdings durch die Berichterstattung über den tödlichen polizeilichen Schusswaffengebrauch in Fulda komplett zunichte gemacht worden. Nach wie vor gibt es durchaus einzelne Presseprodukte, die umfassend berichten, ohne Vorverurteilung der eingesetzten Polizeibeamten. Andere eher weniger.

Es begann mit einer Aussage einer Reporterin von n-tv, man müsse prüfen, ob die Schussabgabe der Polizei nicht vielleicht rassistisch motiviert gewesen sei. Diese Aussage fiel bereits am 13. April – dem Tag des Geschehens selbst. Damit war dann die Jagd sozusagen eröffnet.

Gut, es wurde erst drei Tage später genauer bekannt, welches Szenario die Polizei am Einsatzort vorfand – einen mit einem Stein am Kopf schwer verletzten Bäckereiausfahrer. Ein Polizist ist mit dem 19-Jährigen in ein „Gerangel“ gegangen, dabei wurde dem Polizisten der Schlagstock entwendet und der Polizist schwer am Arm verletzt.

Das ging weit über „harmlose“ Randale hinaus. Man muss schon der Realität ziemlich weit entrückt sein, um die Idee zu haben, dass in einer solchen Einsatzlage ein Polizist sich ernsthaft Gedanken über die Herkunft des Angreifers macht, bevor er zur Waffe greift.

Am 16.04. überschlugen sich diverse Medien mit der Feststellung in diversen Artikelüberschriften, dass insgesamt 12 Schüsse abgefeuert wurden. Diese Information reicht den meisten Menschen mit unbedingtem Willen zur Empörung dicke aus, um genau zu wissen, dass dieser Polizist nicht rechtmäßig gehandelt haben kann. Erst weiter unten im Artikeltext findet man dann die Information, dass es sich bei einigen der Schüsse um Warnschüsse gehandelt haben dürfte. Übrigens ein ziemlich gutes Indiz dafür, dass der Schusswaffengebrauch rechtlich durchaus im grünen Bereich gewesen sein dürfte, dafür muss man allerdings einen Blick ins Gesetz tun und nicht aus dem Bauch heraus irgendetwas absondern, was gerade durch den Kopf springt.

Bis hierher habe ich übrigens nichts darüber geschrieben, dass der 19-Jährige ein Afghane war, weil ich ehrlich gesagt den unbedingten Willen zur Empörung gegen alles, was nicht deutsch ist, genau so daneben finde. Diese Verallgemeinerei hilft keinem Menschen weiter und macht die Sache nur noch schlimmer, weil es irgendwann nämlich dann gar nicht mehr um den Vorfall an sich geht, sondern sich beide Seiten nur noch ihre Stereotypen um die Ohren schlagen. Sowohl der 19-Jährige als auch der Schütze werden durch solche Diskussionen einfach nur missbraucht.

Der Vorsitzende des Fuldaer Ausländerbeirats, Abdulkerim Demir, bezeichnete gegenüber dem Portal Osthessen-News das Verhalten der Polizei als „aggressiv“ und „gänzlich falsch“. War er als Augenzeuge dabei, oder was befähigt ihn zu einer derartigen Aussage? Ist er ausgebildeter Polizist? Bei allem Verständnis dafür, dass man die Interessen einer bestimmten Gruppe vertritt – es gibt echt Grenzen.

Der Vorsitzende Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Hessen, Enis Gülegen, forderte eine lückenlose Aufklärung sowie eine Prüfung der Verhältnismäßigkeit des Schusswaffengebrauchs zu prüfen. Für Herrn Gülegen eine gute Nachricht: Das ist in Deutschland bei unnatürlichen Todesfällen, also auch bei polizeilichen Schusswaffengebräuchen, generell üblich. Es wird immer ein Ermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft eingeleitet. Deutschland ist nämlich ein Rechtsstaat und das ist auch gut so. Wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. sind übrigens große Freunde dieser Verfahren, die Gründe dafür haben wir schon oft genug dargelegt. Einer davon ist der, dass die Verarbeitung für die betroffenen Polizisten einfacher ist, wenn eine unabhängige Instanz draufsieht und bescheinigt, dass der Schusswaffengebrauch juristisch gerechtfertigt war. Entgegen der obskuren Vorstellungen, die manch einer über unsere Polizisten und Polizistinnen zu haben scheinen, will nämlich keiner von ihnen die Schusswaffe in die Hand nehmen. Keiner von ihnen tritt an, um Leben zu beenden.

Hier nun einige Links zur Debatte. Lobend hervorheben möchte ich dabei die Statements des Staatsanwaltes Harry Wilke sowie des LKA-Sprechers Christoph Schule, die versuchen, mit Sachlichkeit gegen die ins Kraut schießenden Spekulationen anzugehen.

https://www.hersfelder-zeitung.de/hessen/getoeteter-mann-in-fulda-polizist-schoss-zwoelf-mal-9786536.html

http://www.fr.de/rhein-main/landespolitik/schuesse-aus-polizeipistole-zwei-von-vier-kugeln-waren-toedlich-a-1487884?GEPC=s5

Unsere Gedanken sind bei den eingesetzten Polizeibeamten. Wie mag es ihnen damit gehen, einer derartigen Hexenjagd ausgesetzt zu sein? Hoffentlich finden sie ausreichend Ruhe, um den Einsatz für sich nachzubearbeiten, denn – auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – keine Polizistin und kein Polizist tritt an, um Leben zu nehmen.

Allgemein Verein

Post aus Mittelfranken an Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.

Hallo liebes KGgP-Team!

Herzlichen Dank für eure Anteilnahme an meinem dienstlichen Ereignis, bei dem ich verletzt wurde. Die Genesungswünsche sind bei mir eingegangen und ich habe mich sehr darüber gefreut!
Von mir zum Vorfall ein kurzes Feedback:
Ich bin mittlerweile vollständig genesen und befinde mich auch wieder im Dienst. Zum Glück blieb es bei der Prellung meines rechten Knöchels und den verbalen Ausfällen des Herrn, welcher mir diese Verletzung zugefügt hatte.

Weiterhin möchte ich euch für euer Engagement und den Respekt gegenüber uns Polizisten entgegenbringt, bedanken. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man als Polizist dies in dem von euch gezeigten Umfang erfährt. Bei solch einem Zuspruch fühle ich mich in meinem Beruf wieder etwas wohler und kann auf Rückhalt von Personen zählen, welche keine Kollegen sind.

Macht weiter so!

Viele Grüße aus Mittelfranken!

Allgemein

Der Polizist, der mir die Zunge rausstreckte

Bildquelle: privat

„Schau mal“, sagte Don und streckte mir die Zunge heraus.

Mein kleiner Sinn für absurde Situationen amüsierte sich. Da streckt ein Kölner Polizist der Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. die Zunge heraus. Und es war absolut nett gemeint.

Dirk Rohde, genannt Don, hat nur noch eine halbe Zunge.

„Ich musste sehr hart üben, um wieder normal sprechen zu können. Sonst hat man in meinem Beruf keine Chance.“

Don und ich waren gerade auf dem Weg zu Bazaar Kebap, einem Lokal in Köln-Nippes, wo er mit mir essen gehen wollte. Ich hatte ihn um ein Interview gebeten, weil mich seine Geschichte fasziniert hat. Der Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dem ich vorsitze, macht es sich ja unter anderem zur Aufgabe, zu zeigen, dass hinter Polizeiuniformen Menschen stecken – und eines war mir im Vorfeld schon klar – dieser Mensch ist ein sehr außergewöhnlicher.

Nun ist es ja grundsätzlich nichts Besonderes, wenn man ein Interview anlässlich eines gemeinsamen Essens vornimmt. Wenn allerdings für einen der Interviewpartner Essen mehr mit Qual als mit Genuss zu tun hat, weil er krankheitsbedingte Schluckbeschwerden hat und auch nichts mehr schmeckt, dann zeigt schon dieser Vorschlag, dass er kein Mensch ist wie jeder andere.

 

Don ist seit 35 Jahren Polizist. Er hat sogar vor etwa 30 Jahren eine Ausbildung beim SEK gemacht, diese aber aus privaten Gründen abgebrochen.

Im Mai 2015 bekam er die Diagnose „Mundbodenkrebs“. Seit Januar 2017 ist er wieder im Dienst als Motorradpolizist in der Kölner Innenstadt. Zwischen diesen Daten lag eine unglaubliche Zeit des Leidens und eines Kampfes zurück ins Leben.

 

Im Bazaar Kebap holte ich zwar mein Notizbuch raus, schrieb dann aber doch nichts auf. Ich entschied, diesen Artikel rein aus der Erinnerung zu schreiben.

Auch meine vorbereiteten Fragen brauchte ich nicht. Don lenkte das Gespräch. Und er lenkte es gut. Wenn etwas gut läuft, kann ich mein inneres Alphatier auch mal im Zaum halten.

 

„Das waren teilweise unvorstellbare Schmerzen“, sagte er über die Zeit seiner Krankheit. „Noch einmal halte ich das so nicht durch.“

Er zeigte mir Bilder von Freunden, die er durch den Krebs kennen gelernt hat. Teilweise schlimme Bilder. Von Menschen, die bereits tot sind. Man sieht diesen Bildern an, dass es kein schöner Tod war.

„So was mache ich nicht mit. Ich muss alle sechs Wochen zur Tumorkontrolle. Sagen die mir, dass der Krebs wieder da ist, schmeiße ich eine Riesenabschiedsfeier. Und dann geht’s in die Schweiz.“ Dort hat er bei einer Sterbehilfeorganisation für den Fall einer tödlichen Diagnose eine Freitodverfügung unterzeichnet.

Er begründet seine Einstellung zum Tod mit seiner SEK-Vergangenheit. „Menschen, die beim SEK waren, sind vermutlich so. Die nehmen ihre Gegner mit, nicht umgekehrt. Ich möchte in Würde gehen. Nicht qualvoll und langsam sterben.“

Er weiß auch, dass dieses Thema polarisiert. Meiner Ansicht nach muss das jeder für sich selbst entscheiden.

„Diese Tumorkontrollen sind für mich immer wieder ein Datum, an dem ich erfahre, ob ich weiterlebe – oder sterbe.“

 

Er erzählt von seinem Kampf gegen die Krankheit und zurück ins Leben. Zeigt mir die Narbe, die er einmal bei einem Bagatellunfall den gegnerischen Parteien gezeigt hat, die sich gegenseitig wegen Kleinkram zerfleischten. Die Unfallbeteiligten trennten sich friedlich. Die Geschichte postete er in seinem Facebook-Blog. Die Presse kam drauf. Und ich dann durch die Berichterstattung auch.

Bei mir traf er damit einen Nerv. Seit ich die Polizei öfters mal in den Einsatz begleiten darf, kommen mir viele Alltagssituationen vor wie Kleinigkeiten. Verstärkt wird das durch zwei Menschen in meinem Umfeld, deren Krebs nur noch palliativ behandelt werden kann. Deswegen wollte ich ihn gern interviewen und über ihn schreiben.

 

Don zeigt mir auch, wie viele Muskeln an seinem Hals weggenommen wurden. Ich bin beeindruckt davon, dass er weiterhin einen Motorradhelm trägt.

 

Essen dauert bei ihm sehr lang. Er trinkt dazu eine Art Smoothie, in dem er Gemüse verarbeitet hat.

„Meine Speichelproduktion ist kaputt. Also muss ich beim Essen viel trinken, weil ich es sonst nicht schlucken kann. Und wenn ich das Gemüse nicht zusetze, dann nehme ich zuviel ab.“

Fast habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wie ich meine Lammkoteletts genieße. Aber eben nur fast, denn er schafft es, mir trotz allem das Gefühl zu geben, als sei das hier ein normales Essen.

Was sicherlich auch an den Betreibern des Lokals liegt. Sie kennen sein Problem, er muss nichts erklären.

Deswegen hat er sogar eine Sondergenehmigung des Polizeipräsidiums, dort seine Essenspausen zu machen, obwohl es nicht in seinem Dienstgebiet liegt. Überhaupt verhält sich das Präsidium ihm gegenüber hochanständig. Das finde ich klasse.

Don engagiert sich auch für andere Krebskranke. Nicht nur in seinem Blog „Schockdiagnose Krebs. Und plötzlich ist alles anders.“ auf Facebook. Er fungiert auch als Ansprechpartner für Kopf-Hals-M.U.N.D. Krebs e.V., ein Selbsthilfeverein. Er verschenkt gerne Polizeiteddys. Ich bekam auch einen zum Empfang. Der steht auf einem Ehrenplatz.

„Einer meiner Freunde hat sich damit beerdigen lassen.“

Man merkt Don an, dass ihn das sehr bewegt hat. Mich bewegt es auch.

Bildquelle: privat

Nach dem Essen fährt er mich noch an den Bahnhof. In seinem neuen Auto. Ein schicker Flitzer. Der gehört zu seinem Programm, sein Leben zu genießen, so lange er kann.

„Ich genieße jeden Tag, den ich noch habe. Das Leben ist schön.“

 

Ein Mensch, der durch die Hölle gegangen ist, und für sich nicht nur Lebensfreude wiedergefunden hat, sondern auch einen Sinn. Anderen bei diesem Gang durch die Hölle helfen.

 

Ich wünsche mir, dass Menschen, die einem Polizisten gegenüberstehen, in diesem nicht nur die Funktion sehen, sondern auch den Menschen. Vielleicht ist nicht jeder Mensch ein so beeindruckender Typ wie dieser spezielle Polizist – aber Don ist der Beweis, dass uns diese Menschen überraschen können.

Lassen wir unsere Blicke nicht an der Uniform abprallen, sondern schauen wir tiefer.

Allgemein Polizeiarbeit

Autobahnpolizei – ein Luxus?

Sonntag, später Nachmittag bis Abend. Ich hatte einen schönen Tag in der Pfalz hinter mich gebracht und fuhr auf der A61 gen Norden. Gerade passierte ich Frankenthal.

Plötzlich fiel mir an dem Wagen, hinter dem ich fuhr, etwas auf.

Hä? Was hat der denn unterm Auto hängen?

Vorsichtig nahm ich das Ganze näher in Augenschein, nicht ohne den Verkehr und die Autobahn generell aus den Augen zu lassen.

Gehört das so, oder kann das gefährlich sein? Ein Fall für die 110?

Eine Baustelle.

Der Fahrer vor mir scherte plötzlich auf die linke Spur, ich blieb rechts, weg war er.

Kurz vor Gau-Bickelheim, also fast 50 Kilometer weiter, hatte ich ihn wieder vor mir. Dort gibt es eine Autobahnpolizeistation.

Wäre ja günstig.

Entgegen der hier und da in den Sozialen Netzwerken laut werdenden Unterstellungen bin ich auf Grund meiner Vereinstätigkeit nicht zur Oberverdachtschöpferin vor dem Herrn mutiert. Im Gegenteil. Mein Wissen um die personelle Lage einer „auf Kante genähten“ Polizei macht mir wenig Lust, die Damen und Herren für nichts in den Einsatz zu jagen. Also schaute ich noch einmal ganz genau hin.

Der Unterboden hängt halb auf dem Asphalt. Geht gar nicht…

Also Polizeinotruf. Über Freisprechanlage übrigens, aber das nur am Rande.

„Polizeinotruf.“

Ich nannte meinen Namen, dann: „Ich bin auf der A61 unterwegs Richtung Köln. Ich bin kurz vor Gau-Bickelheim. Vor mir fährt ein niederländisches Fahrzeug, dem der Unterboden halb auf dem Asphalt hängt.“

Polizist: „Ein niederländisches Fahrzeug?“

Ich: „Ja, folgende Zulassung..“
Ich diktierte die Zulassung.

Der Beamte wiederholte die Zulassung, nannte dabei eine 93[*].

Als er fertig war, korrigierte ich noch einmal: „Nein, Zwoundneunzig. Der Rest stimmt.“ Dann schob ich nach: „Renault, dunkelblau, soweit ich das unter dem Dreck erkennen kann.“

Polizist: „Fährt der Wagen schnell?“

Ich: „Ja, wir fahren beide 140!“

Polizist: „Sind Sie schon an Gau-Bickelheim vorbei?“

Ich: „Nein, wir passieren gerade den letzten Parkplatz vor Gau-Bickelheim.“

Polizist: „Alles klar, ich schicke sofort eine Streife!“

Ich: „Danke! Tschüß!“

Ich entschied, hinter dem Fahrzeug zu bleiben, falls es die Autobahn verlassen sollte. Dann hätte ich noch einmal bei der 110 durchgeklingelt. Allerdings hielt ich das Szenario für unwahrscheinlich, da ja die A61 geradewegs in die Niederlande führt, aber man weiß nie.

Zehn Minuten später (ich war schon echt nervös), sah ich dann im Rückspiegel Blaulicht. Mit hoher Geschwindigkeit kam der Mercedes der Autobahnpolizei RLP näher. Ich sofort rechts eingeschert. Die flogen an mir vorbei, ich zog hinter ihnen raus. Ich gebe offen zu, ich wollte möglichst sehen, was passiert!

Das Fahrzeug war auch vor dem Streifenwagen auf die rechte Spur gezogen, die Polizei setzte sich sofort vor das Fahrzeug und warf „FOLGEN“ an. Bei der nächsten Anschlussstelle verließen sie die Autobahn.

Meine Helden!!!

Ich nehme nicht an, dass sie meinen Daumen hoch gesehen haben…

Im Grunde könnte mit meinem Erleichterungsgefühl und meinem Dank an die Autobahnpolizei dieser Artikel enden. Tut er aber nicht…

Die nächste PASt (Polizeiautobahnstation) hinter Gau-Bickelheim ist Emmelshausen. Dazwischen liegen etwa 58 Autobahnkilometer. Die nächste nach Emmelshausen ist Mendig, ca. 45 Autobahnkilometer weiter.

Wenn es nach dem Willen des Innenministers von Rheinland-Pfalz geht, wird die PASt Emmelshausen wohl demnächst geschlossen. Dann wären insgesamt 103 Autobahnkilometer ohne PASt.

Was, wenn ich den Wagen erst kurz nach Gau-Bickelheim aufgelesen hätte anstatt bei Frankenthal und genau so lange gebraucht hätte, mir klar zu werden, dass ein Notruf sinnvoll ist? Ich hätte den Entschluss mitten im autobahnpolizeimäßigen Niemandsland gefasst.

Aus beiden Richtungen zwischen 30 und 45 Minuten Anfahrt – bei normalen Verkehrsverhältnissen. Fragt sich halt, was auf deutschen Autobahnen normal ist… Die Anfahrtszeiten passen aber nur, wenn die fraglichen Streifen nicht gerade am anderen Ende des Dienstgebietes sind, was bei Gau-Bickelheim beispielsweise auch bedeuten kann, dass sie auf der A63 schon ganz schön weit Richtung Kaiserslautern unterwegs sein können. Auch müssen alle Mitautofahrer bei Sinnen sein, wenn das Polizeifahrzeug mit Blaulicht von hinten kommt. Zu der Thematik des Verhaltens von uns Bürgern, wenn ein Blaulichtfahrzeug mit Sondersignalen unterwegs ist, kann man ja mal mit Polizisten Gespräche führen…

In meinem Fall waren sie innerhalb von zehn Minuten da. In dem von mir konstruierten Beispiel hätten sie bis zu vier Mal so lang gebraucht. Was hätte in der Zeit alles passieren können? Der Unterboden kommt runter und fliegt dem nachfolgenden Fahrzeug in die Windschutzscheibe. Oder zwingt das nachfolgende Fahrzeug bei rappelvoller Autobahn in wilde Ausweichmanöver. Oder…

Übrigens – außer mir hatte wohl niemand angerufen. Was in mir mal wieder die Frage aufwirft, wo meine Mitbürger beim Autofahren ihre Augen haben. Aber das wäre ein anderer Artikel.

Laut Innenminister wird übrigens das Anfahrtsproblem dadurch gelöst, dass ununterbrochen im aktuellen Dienstgebiet der PASt Emmelshausen eine „Hunsrückstreife“ unterwegs sein soll.

Liest sich gut.

Heißt das aber, dass da zwei Beamte eine Achtstundenschicht ununterbrochen im Auto verbringen sollen? Holla, die Waldfee! Mein Rücken ist ja schon nach spätestens drei Stunden komplett bedient und ich sitze noch nicht mal mit einem schweren Waffengürtel an der Hüfte im Auto.

Kaffee trinken gestrichen? Oder soll das dann in den Raststätten stattfinden? Wäre sicherlich eine schöne Erfahrung, wenn man bedenkt, wie viele meiner Mitbürger Schnappatmung von dem Gedanken bekommen, ein Polizeibeamter könne ernstlich eine Pause machen wollen. Und wer bezahlt die raststättentypischen Mondpreise?

Und was ist eigentlich für den Schichtwechsel vorgesehen? Für mindestens eine Stunde keine Hunsrückstreife, oder ein überlappender Schichtwechsel?

Meiner Meinung nach wird es am Ende darauf hinauslaufen, dass die Inspektionen im Dunstkreis der Autobahn das mit abdecken. Abgesehen davon, dass sie weniger stark motorisiert sind (ok, „mein“ Fall war mit 140 km/h unterwegs, aber es geht ja auch schneller), müssen sie auch erstmal zur Autobahn kommen.

Wenn es darum geht, den Fahrer in eine Ausfahrt zu ziehen, mag das ja noch angehen. Aber was, wenn der Verkehr auf einer Autobahn komplett zum Stehen gebracht werden muss. Dafür haben Autobahnpolizisten eine spezielle Ausbildung. Oder was, wenn es um noch speziellere Einsätze geht?

Irgendwann ist einfach mal Schluss mit „auf Kante nähen“. Insbesondere, wenn die Kante sowieso schon nur noch aus sehr fadenscheinigem Stoff besteht und jeden Augenblick zu reißen droht.

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[*] Aus Datenschutzgründen wurden sämtliche Daten des KfZ verändert.

Allgemein Danke-Polizei-Tag Verein

„Danke-Polizei-Tag“ am 16. September 2017

Polizistinnen und Polizisten: „Menschen im Dienst für Menschen“

Der „Danke-Polizei-Tag“ findet 2017 – der angelsächsischen Tradition folgend – am Samstag, 16. September, statt. An diesem „“Say thank you to a police officer day“ sind Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen, „ihre“ Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten auf den Dienststellen aufzusuchen und ihnen für deren Einsatz zu danken.

Einen „Danke-Polizei-Tag“ hat die Vorsitzende des Vereins „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, Gerke Minrath-Grunwald, vor drei Jahren erstmals initiiert. In den Jahren 2015 und 2016 folgten weitere Aktionen in den Bereichen der Polizeipräsidien in Mainz und Rheinpfalz. Und dieses Jahr wird dieser besondere Tag beim Polizeipräsidium Westpfalz stattfinden. Auftakt dazu war die heutige Pressekonferenz in Kaiserslautern, an dem der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz teilgenommen hat, der Schirmherr des „Danke-Polizei-Tages“ ist, sowie der Behördenleiten des Polizeipräsidiums Westpfalz, Michael Denne, sowie die Vereinsvorsitzende Gerke Minrath-Grunwald.

Polizeipräsident Michael Denne machte in seinem Statement deutlich, dass die allermeisten den Polizeiberuf gewählt hätten, weil sie anderen Menschen helfen wollen. Polizistinnen und Polizisten seien Menschen im Dienst für Menschen, stellte er heraus. Dass sie dabei respektlos behandelt, beleidigt oder manchmal schwer verletzt werden, könne nicht hingenommen werden. „In den Polizeiuniformen stecken Menschen – Frauen und Männer mit Gefühlen und Verletzlichkeit!“, konstatierte er.

Seit Jahren stellt die Polizei bundesweit und landesweit einen permanenten Anstieg von Gewaltdelikten unterschiedlichster Art und Weise gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten fest. Auch in der Westpfalz ist die Anzahl der Straftaten gegen Polizeikräfte in den letzten Jahren gestiegen.

Mit dem „Danke-Polizei-Tag“ könne man gut ein Signal gegen die steigende Respektlosigkeit und die zunehmende Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten setzen, das sei seine Überzeugung, so der Polizeichef. Dieser Tag sei eine tolle Sache: Bürgerinnen und Bürger könnten auf diesem Wege mit ihrer Polizei ins Gespräch kommen und die Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte erhielten ein Dankeschön, ein Zeichen der Wertschätzung ihrer Arbeit. Michael Denne bedankte sich herzlich für das Engagement der Initiatorin, Gerke Minrath-Grunwald, und allen Mitgliedern ihres Vereins.

Innenminister Roger Lewentz, Schirmherr des „Danke-Polizei-Tages“ 2017, stellte heraus, dass man den Einsatz der Vorsitzenden des Vereins „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. gar nicht hoch genug einschätzen könne. Ein großes Dankeschön richtete er an alle, die die Zielsetzung des Vereins mittragen.

„Ich freue mich, wenn Bürgerinnen und Bürger hinter unserer Polizei stehen!“, so der Minister. Der größte Teil der Bevölkerung habe Vertrauen in die Polizei und stehe hinter ihr. Sie sei nicht der Fußabstreifer der Nation. Seit Jahren sei eine konstant hohe Zahl von Angriffen auf Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte auch in Rheinland-Pfalz zu beklagen: In 2016 seien insgesamt 2.421 Straftaten registriert worden, darunter 1.398 Gewaltdelikte, wie Körperverletzungen oder Widerstände sowie 1.023 Beleidigungen. Dies bedeute eine Steigerung von beinahe 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Um unsere Polizistinnen und Polizisten besser zu schützen, seien Investitionen getätigt worden, und zwar in die polizeiliche Schutzausstattung sowie in Aus- und Fortbildung. Beispielhaft nannte Roger Lewentz den landesweiten Einsatz von Bodycams oder die Beschaffung von Titanhelmen.

Gerke Minrath-Grunwald stellte ihren Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ vor, der zurzeit 130 Mitglieder zähle. Genau zwei Ziele verfolge ihr Verein: „Gewalt gegen Polizei: Wir wollen, dass darüber gesprochen wird! Und außerdem wollen wir den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten Rückhalt geben.“, erklärte die Vorsitzende die hehren Ziele.

Einblicke in den Polizeialltag, insbesondere im Umgang mit Gewalt gegen Polizeikräfte, hatten der Leiter der Polizeiinspektion 1 in Kaiserslautern, Polizeirat Thorsten Mayer, und Polizeioberkommissar Ben Witthaus, ein erfahrener Polizist im Wechselschichtdienst, der seit Jahren in der Kaiserslauterer Altstadt unterwegs ist, geben können. Dabei wurde herausgestellt, dass der Faktor ALKOHOL eine zentrale Rolle bei der Gewaltbereitschaft und -ausübung spiele. Die Gesprächsrunde mit den beiden Polizeibeamten führte die Leiterin der Pressestelle, Kriminalhauptkommissarin Angela Walz.

Bildquelle: PP Westpfalz

Am Ende der Pressekonferenz waren sich alle einig: Ein großartiges Engagement im Ehrenamt, das gar nicht hoch genug geschätzt werden kann, so wie es Innenminister Roger Lewentz heute treffend formulierte.

PM des PP Westpfalz vom 01.09.2017

Allgemein Polizistenstimmen

Polizisten eine Stimme geben: Ihr geht mir auf den Sack – Gedanken zu Kommentaren zu G20

Symbolfoto: Der Verfasser arbeitet nicht bei der abgebildeten Einheit

 

Ich selbst bin Polizeibeamter und war 2013 in Hamburg im Schanzenviertel und auch bei Blockupy eingesetzt, diese Art von Einsätzen ist mir also bekannt, wenn auch nicht in diesem derben Ausmaß. Ich finde es toll, Kommentare zu lesen die „Pro-Polizei“ sind und bin mit den Gedanken bei den Kollegen und Kolleginnen in Hamburg, ich hoffe sie kommen alle gesund nach Hause.

Natürlich gibt es auch Kommentare die sich gegen die Polizei richten, das ist normal und gehört zu einem offenen Diskurs dazu.

Was allerdings überhaupt nicht geht und meinen Kollegen und Kolleginnen, sowie mir massiv gegen den Strich geht, ist die ständige Forderung nach dem Schusswaffengebrauch. Ich denke keiner der Kommentatoren macht sich überhaupt einmal Gedanken darüber welche Folgen das für den jeweiligen Polizisten hat. Von der Gefährdung Unbeteiligter einmal ganz zu schweigen. Wenn diese Menschen wirklich (!!) hinter den Beamten stehen wollen, dann sollen sie diese Forderung bitte unterlassen.

Das nächste Große Thema das mir ebenfalls massiv auf den Sack geht (entschuldigt die Ausdrucksweise) ist die ständige Forderung nach dem Einsatz der Bundeswehr. Was zum Teufel soll die Bundeswehr denn hier ausrichten?? Das ist eine Militäreinheit die für diese Art von Einsatz weder ausgebildet noch ausgerüstet ist. Kein Polizeibeamter möchte, dass die Bundeswehr diese Lage löst. Wie könnte sie auch? Zumal die Voraussetzungen zum Einsatz der Bundeswehr im Inneren (zurecht) sehr streng angelegt sind.

Mit dieser Forderung wird meinen Kollegen und Kolleginnen der Eindruck vermittelt, sie wären nicht in der Lage ihre Arbeit so auszuführen wie es von ihnen erwartet wird. Durch die Blume werden wir als zu weich, zu labil und einfach zu lasch hingestellt und das lasse ich nicht gelten.

Die Kollegen vor Ort leisten tolle Arbeit und dies soll anerkannt werden, ohne Rufe nach Schusswaffen oder dem Militär.