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Allgemein Polizeiarbeit

Autobahnpolizei – ein Luxus?

Sonntag, später Nachmittag bis Abend. Ich hatte einen schönen Tag in der Pfalz hinter mich gebracht und fuhr auf der A61 gen Norden. Gerade passierte ich Frankenthal.

Plötzlich fiel mir an dem Wagen, hinter dem ich fuhr, etwas auf.

Hä? Was hat der denn unterm Auto hängen?

Vorsichtig nahm ich das Ganze näher in Augenschein, nicht ohne den Verkehr und die Autobahn generell aus den Augen zu lassen.

Gehört das so, oder kann das gefährlich sein? Ein Fall für die 110?

Eine Baustelle.

Der Fahrer vor mir scherte plötzlich auf die linke Spur, ich blieb rechts, weg war er.

Kurz vor Gau-Bickelheim, also fast 50 Kilometer weiter, hatte ich ihn wieder vor mir. Dort gibt es eine Autobahnpolizeistation.

Wäre ja günstig.

Entgegen der hier und da in den Sozialen Netzwerken laut werdenden Unterstellungen bin ich auf Grund meiner Vereinstätigkeit nicht zur Oberverdachtschöpferin vor dem Herrn mutiert. Im Gegenteil. Mein Wissen um die personelle Lage einer „auf Kante genähten“ Polizei macht mir wenig Lust, die Damen und Herren für nichts in den Einsatz zu jagen. Also schaute ich noch einmal ganz genau hin.

Der Unterboden hängt halb auf dem Asphalt. Geht gar nicht…

Also Polizeinotruf. Über Freisprechanlage übrigens, aber das nur am Rande.

„Polizeinotruf.“

Ich nannte meinen Namen, dann: „Ich bin auf der A61 unterwegs Richtung Köln. Ich bin kurz vor Gau-Bickelheim. Vor mir fährt ein niederländisches Fahrzeug, dem der Unterboden halb auf dem Asphalt hängt.“

Polizist: „Ein niederländisches Fahrzeug?“

Ich: „Ja, folgende Zulassung..“
Ich diktierte die Zulassung.

Der Beamte wiederholte die Zulassung, nannte dabei eine 93[*].

Als er fertig war, korrigierte ich noch einmal: „Nein, Zwoundneunzig. Der Rest stimmt.“ Dann schob ich nach: „Renault, dunkelblau, soweit ich das unter dem Dreck erkennen kann.“

Polizist: „Fährt der Wagen schnell?“

Ich: „Ja, wir fahren beide 140!“

Polizist: „Sind Sie schon an Gau-Bickelheim vorbei?“

Ich: „Nein, wir passieren gerade den letzten Parkplatz vor Gau-Bickelheim.“

Polizist: „Alles klar, ich schicke sofort eine Streife!“

Ich: „Danke! Tschüß!“

Ich entschied, hinter dem Fahrzeug zu bleiben, falls es die Autobahn verlassen sollte. Dann hätte ich noch einmal bei der 110 durchgeklingelt. Allerdings hielt ich das Szenario für unwahrscheinlich, da ja die A61 geradewegs in die Niederlande führt, aber man weiß nie.

Zehn Minuten später (ich war schon echt nervös), sah ich dann im Rückspiegel Blaulicht. Mit hoher Geschwindigkeit kam der Mercedes der Autobahnpolizei RLP näher. Ich sofort rechts eingeschert. Die flogen an mir vorbei, ich zog hinter ihnen raus. Ich gebe offen zu, ich wollte möglichst sehen, was passiert!

Das Fahrzeug war auch vor dem Streifenwagen auf die rechte Spur gezogen, die Polizei setzte sich sofort vor das Fahrzeug und warf „FOLGEN“ an. Bei der nächsten Anschlussstelle verließen sie die Autobahn.

Meine Helden!!!

Ich nehme nicht an, dass sie meinen Daumen hoch gesehen haben…

Im Grunde könnte mit meinem Erleichterungsgefühl und meinem Dank an die Autobahnpolizei dieser Artikel enden. Tut er aber nicht…

Die nächste PASt (Polizeiautobahnstation) hinter Gau-Bickelheim ist Emmelshausen. Dazwischen liegen etwa 58 Autobahnkilometer. Die nächste nach Emmelshausen ist Mendig, ca. 45 Autobahnkilometer weiter.

Wenn es nach dem Willen des Innenministers von Rheinland-Pfalz geht, wird die PASt Emmelshausen wohl demnächst geschlossen. Dann wären insgesamt 103 Autobahnkilometer ohne PASt.

Was, wenn ich den Wagen erst kurz nach Gau-Bickelheim aufgelesen hätte anstatt bei Frankenthal und genau so lange gebraucht hätte, mir klar zu werden, dass ein Notruf sinnvoll ist? Ich hätte den Entschluss mitten im autobahnpolizeimäßigen Niemandsland gefasst.

Aus beiden Richtungen zwischen 30 und 45 Minuten Anfahrt – bei normalen Verkehrsverhältnissen. Fragt sich halt, was auf deutschen Autobahnen normal ist… Die Anfahrtszeiten passen aber nur, wenn die fraglichen Streifen nicht gerade am anderen Ende des Dienstgebietes sind, was bei Gau-Bickelheim beispielsweise auch bedeuten kann, dass sie auf der A63 schon ganz schön weit Richtung Kaiserslautern unterwegs sein können. Auch müssen alle Mitautofahrer bei Sinnen sein, wenn das Polizeifahrzeug mit Blaulicht von hinten kommt. Zu der Thematik des Verhaltens von uns Bürgern, wenn ein Blaulichtfahrzeug mit Sondersignalen unterwegs ist, kann man ja mal mit Polizisten Gespräche führen…

In meinem Fall waren sie innerhalb von zehn Minuten da. In dem von mir konstruierten Beispiel hätten sie bis zu vier Mal so lang gebraucht. Was hätte in der Zeit alles passieren können? Der Unterboden kommt runter und fliegt dem nachfolgenden Fahrzeug in die Windschutzscheibe. Oder zwingt das nachfolgende Fahrzeug bei rappelvoller Autobahn in wilde Ausweichmanöver. Oder…

Übrigens – außer mir hatte wohl niemand angerufen. Was in mir mal wieder die Frage aufwirft, wo meine Mitbürger beim Autofahren ihre Augen haben. Aber das wäre ein anderer Artikel.

Laut Innenminister wird übrigens das Anfahrtsproblem dadurch gelöst, dass ununterbrochen im aktuellen Dienstgebiet der PASt Emmelshausen eine „Hunsrückstreife“ unterwegs sein soll.

Liest sich gut.

Heißt das aber, dass da zwei Beamte eine Achtstundenschicht ununterbrochen im Auto verbringen sollen? Holla, die Waldfee! Mein Rücken ist ja schon nach spätestens drei Stunden komplett bedient und ich sitze noch nicht mal mit einem schweren Waffengürtel an der Hüfte im Auto.

Kaffee trinken gestrichen? Oder soll das dann in den Raststätten stattfinden? Wäre sicherlich eine schöne Erfahrung, wenn man bedenkt, wie viele meiner Mitbürger Schnappatmung von dem Gedanken bekommen, ein Polizeibeamter könne ernstlich eine Pause machen wollen. Und wer bezahlt die raststättentypischen Mondpreise?

Und was ist eigentlich für den Schichtwechsel vorgesehen? Für mindestens eine Stunde keine Hunsrückstreife, oder ein überlappender Schichtwechsel?

Meiner Meinung nach wird es am Ende darauf hinauslaufen, dass die Inspektionen im Dunstkreis der Autobahn das mit abdecken. Abgesehen davon, dass sie weniger stark motorisiert sind (ok, „mein“ Fall war mit 140 km/h unterwegs, aber es geht ja auch schneller), müssen sie auch erstmal zur Autobahn kommen.

Wenn es darum geht, den Fahrer in eine Ausfahrt zu ziehen, mag das ja noch angehen. Aber was, wenn der Verkehr auf einer Autobahn komplett zum Stehen gebracht werden muss. Dafür haben Autobahnpolizisten eine spezielle Ausbildung. Oder was, wenn es um noch speziellere Einsätze geht?

Irgendwann ist einfach mal Schluss mit „auf Kante nähen“. Insbesondere, wenn die Kante sowieso schon nur noch aus sehr fadenscheinigem Stoff besteht und jeden Augenblick zu reißen droht.

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[*] Aus Datenschutzgründen wurden sämtliche Daten des KfZ verändert.

Allgemein Danke-Polizei-Tag Verein

„Danke-Polizei-Tag“ am 16. September 2017

Polizistinnen und Polizisten: „Menschen im Dienst für Menschen“

Der „Danke-Polizei-Tag“ findet 2017 – der angelsächsischen Tradition folgend – am Samstag, 16. September, statt. An diesem „“Say thank you to a police officer day“ sind Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen, „ihre“ Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten auf den Dienststellen aufzusuchen und ihnen für deren Einsatz zu danken.

Einen „Danke-Polizei-Tag“ hat die Vorsitzende des Vereins „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, Gerke Minrath-Grunwald, vor drei Jahren erstmals initiiert. In den Jahren 2015 und 2016 folgten weitere Aktionen in den Bereichen der Polizeipräsidien in Mainz und Rheinpfalz. Und dieses Jahr wird dieser besondere Tag beim Polizeipräsidium Westpfalz stattfinden. Auftakt dazu war die heutige Pressekonferenz in Kaiserslautern, an dem der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz teilgenommen hat, der Schirmherr des „Danke-Polizei-Tages“ ist, sowie der Behördenleiten des Polizeipräsidiums Westpfalz, Michael Denne, sowie die Vereinsvorsitzende Gerke Minrath-Grunwald.

Polizeipräsident Michael Denne machte in seinem Statement deutlich, dass die allermeisten den Polizeiberuf gewählt hätten, weil sie anderen Menschen helfen wollen. Polizistinnen und Polizisten seien Menschen im Dienst für Menschen, stellte er heraus. Dass sie dabei respektlos behandelt, beleidigt oder manchmal schwer verletzt werden, könne nicht hingenommen werden. „In den Polizeiuniformen stecken Menschen – Frauen und Männer mit Gefühlen und Verletzlichkeit!“, konstatierte er.

Seit Jahren stellt die Polizei bundesweit und landesweit einen permanenten Anstieg von Gewaltdelikten unterschiedlichster Art und Weise gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten fest. Auch in der Westpfalz ist die Anzahl der Straftaten gegen Polizeikräfte in den letzten Jahren gestiegen.

Mit dem „Danke-Polizei-Tag“ könne man gut ein Signal gegen die steigende Respektlosigkeit und die zunehmende Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten setzen, das sei seine Überzeugung, so der Polizeichef. Dieser Tag sei eine tolle Sache: Bürgerinnen und Bürger könnten auf diesem Wege mit ihrer Polizei ins Gespräch kommen und die Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte erhielten ein Dankeschön, ein Zeichen der Wertschätzung ihrer Arbeit. Michael Denne bedankte sich herzlich für das Engagement der Initiatorin, Gerke Minrath-Grunwald, und allen Mitgliedern ihres Vereins.

Innenminister Roger Lewentz, Schirmherr des „Danke-Polizei-Tages“ 2017, stellte heraus, dass man den Einsatz der Vorsitzenden des Vereins „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. gar nicht hoch genug einschätzen könne. Ein großes Dankeschön richtete er an alle, die die Zielsetzung des Vereins mittragen.

„Ich freue mich, wenn Bürgerinnen und Bürger hinter unserer Polizei stehen!“, so der Minister. Der größte Teil der Bevölkerung habe Vertrauen in die Polizei und stehe hinter ihr. Sie sei nicht der Fußabstreifer der Nation. Seit Jahren sei eine konstant hohe Zahl von Angriffen auf Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte auch in Rheinland-Pfalz zu beklagen: In 2016 seien insgesamt 2.421 Straftaten registriert worden, darunter 1.398 Gewaltdelikte, wie Körperverletzungen oder Widerstände sowie 1.023 Beleidigungen. Dies bedeute eine Steigerung von beinahe 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Um unsere Polizistinnen und Polizisten besser zu schützen, seien Investitionen getätigt worden, und zwar in die polizeiliche Schutzausstattung sowie in Aus- und Fortbildung. Beispielhaft nannte Roger Lewentz den landesweiten Einsatz von Bodycams oder die Beschaffung von Titanhelmen.

Gerke Minrath-Grunwald stellte ihren Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ vor, der zurzeit 130 Mitglieder zähle. Genau zwei Ziele verfolge ihr Verein: „Gewalt gegen Polizei: Wir wollen, dass darüber gesprochen wird! Und außerdem wollen wir den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten Rückhalt geben.“, erklärte die Vorsitzende die hehren Ziele.

Einblicke in den Polizeialltag, insbesondere im Umgang mit Gewalt gegen Polizeikräfte, hatten der Leiter der Polizeiinspektion 1 in Kaiserslautern, Polizeirat Thorsten Mayer, und Polizeioberkommissar Ben Witthaus, ein erfahrener Polizist im Wechselschichtdienst, der seit Jahren in der Kaiserslauterer Altstadt unterwegs ist, geben können. Dabei wurde herausgestellt, dass der Faktor ALKOHOL eine zentrale Rolle bei der Gewaltbereitschaft und -ausübung spiele. Die Gesprächsrunde mit den beiden Polizeibeamten führte die Leiterin der Pressestelle, Kriminalhauptkommissarin Angela Walz.

Bildquelle: PP Westpfalz

Am Ende der Pressekonferenz waren sich alle einig: Ein großartiges Engagement im Ehrenamt, das gar nicht hoch genug geschätzt werden kann, so wie es Innenminister Roger Lewentz heute treffend formulierte.

PM des PP Westpfalz vom 01.09.2017

Allgemein Polizistenstimmen

Polizisten eine Stimme geben: Ihr geht mir auf den Sack – Gedanken zu Kommentaren zu G20

Symbolfoto: Der Verfasser arbeitet nicht bei der abgebildeten Einheit

 

Ich selbst bin Polizeibeamter und war 2013 in Hamburg im Schanzenviertel und auch bei Blockupy eingesetzt, diese Art von Einsätzen ist mir also bekannt, wenn auch nicht in diesem derben Ausmaß. Ich finde es toll, Kommentare zu lesen die „Pro-Polizei“ sind und bin mit den Gedanken bei den Kollegen und Kolleginnen in Hamburg, ich hoffe sie kommen alle gesund nach Hause.

Natürlich gibt es auch Kommentare die sich gegen die Polizei richten, das ist normal und gehört zu einem offenen Diskurs dazu.

Was allerdings überhaupt nicht geht und meinen Kollegen und Kolleginnen, sowie mir massiv gegen den Strich geht, ist die ständige Forderung nach dem Schusswaffengebrauch. Ich denke keiner der Kommentatoren macht sich überhaupt einmal Gedanken darüber welche Folgen das für den jeweiligen Polizisten hat. Von der Gefährdung Unbeteiligter einmal ganz zu schweigen. Wenn diese Menschen wirklich (!!) hinter den Beamten stehen wollen, dann sollen sie diese Forderung bitte unterlassen.

Das nächste Große Thema das mir ebenfalls massiv auf den Sack geht (entschuldigt die Ausdrucksweise) ist die ständige Forderung nach dem Einsatz der Bundeswehr. Was zum Teufel soll die Bundeswehr denn hier ausrichten?? Das ist eine Militäreinheit die für diese Art von Einsatz weder ausgebildet noch ausgerüstet ist. Kein Polizeibeamter möchte, dass die Bundeswehr diese Lage löst. Wie könnte sie auch? Zumal die Voraussetzungen zum Einsatz der Bundeswehr im Inneren (zurecht) sehr streng angelegt sind.

Mit dieser Forderung wird meinen Kollegen und Kolleginnen der Eindruck vermittelt, sie wären nicht in der Lage ihre Arbeit so auszuführen wie es von ihnen erwartet wird. Durch die Blume werden wir als zu weich, zu labil und einfach zu lasch hingestellt und das lasse ich nicht gelten.

Die Kollegen vor Ort leisten tolle Arbeit und dies soll anerkannt werden, ohne Rufe nach Schusswaffen oder dem Militär.

Allgemein Polizistenstimmen

Polizisten eine Stimme geben: Offener Brief eines Polizisten: Was macht Ihr mit den Berliner Polizisten?

Liebe Medienwelt!

Ich verstehe sicher ebensowenig von Eurer Arbeit, wie Ihr vom Dienst eines Polizisten.

Gerade Berliner Kollegen sind gebeutelt genug. In den vergangenen Wochen wurden immer wieder aus Hinterhalten einzelne Beamte angegriffen. Ich möchte in keiner Einsatzhundertschaft meinen Dienst verrichten. Wenig freie Wochenenden, tausende Überstunden, ständig weg von zu Hause. Viele Kollegen aus den Hundertschaften sehen seltenst Frau und Kinder. Die Ehen gehen zu Bruch.

Wofür ein Haus bauen und finanzieren, wenn man mehr im Grukw (=Gruppenkraftwagen, Anm. d. Red.) wohnt, als zu Hause? Wofür zuhause bekocht werden, wenn man doch Verpflegungsbeutel mit gammeligen Schnitzeln im Einsatz bekommt?

Die Polizei ist eh schon die zweite Familie für die meisten. Wenn dann mal der Druck abfällt, dann wird auch mal gefeiert. Das muss man den Beamten doch bitte auch zugestehen.

Falls hier Straftaten begangen werden, so soll und muss hier unbedingt ermittelt werden.  Aber hier hunderte Kollegen über einen Kamm zu scheren, das ist einfach nur FALSCH.

Bitte lasst der Polizei doch mal die Wertschätzung zukommen, die sie verdient. Jeden Tag retten Polizisten in Deutschland viele Menschenleben – berichtet wird hierüber nur selten.

Mattes (ein Polizist aus NRW)

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ruhig ist ein dehnbarer Begriff – eine Nachtschicht voller Rettungsdienste mit der PI Ludwigshafen 1

„Habe ich doch gestern Abend gesagt, dass es eine eher ruhige Nacht wird.“

So der Dienstgruppenleiter zu mir am Morgen danach.

Ja, das stimmt. Das hatte er gesagt. Und offensichtlich verschiebt sich die Bedeutung von „ruhig“, wenn man in einer Stadt Dienst tut, in der ich selbst schon mal fünf Stunden lang aus einem Streifenwagen nicht mehr rauskam (meine erste Nachtschicht)… aber „ruhig“ wäre dennoch nicht unbedingt der Begriff der Wahl, der mir zur Umschreibung dieser Nacht in den Sinn kommen würde.

Doch sehen wir selbst.

 

Für mich begann schon der Vorlauf aufregend. Mainz 05 hatte gespielt – und verloren. Was dazu führte, dass ich beim Umsteigen in meinen Anschluss dort einem Haufen Bereitschaftspolizisten der Bundespolizei in die Arme lief. Leider konnte ich ihnen nicht persönlich für das Sicherheitsgefühl danken, das mich schlagartig anfiel. Mein Anschluss drohte, mir vor der Nase wegzufahren.

Der Anschlusszug wiederum war so gerammelt voll, dass ich darauf verzichtete, mich auf die Suche nach einem Sitzplatz zu begeben und mir zwischen einer Menge ebenso unzufriedener wie alkoholisierter Fußballfans einen Klappsitz suchte. War ja nur bis Frankenthal. Dachte ich.

In Bodenheim, der nächsten Ortschaft hinter Mainz, blieb der Zug stehen. Personen im Gleis.

Macht nichts! Ich habe ja 20 Minuten zum Umsteigen in Frankenthal!

Vierzig Minuten später standen wir immer noch und ich hatte ein Problem.

Mein aktueller Zug fuhr zwar nach Ludwigshafen, aber an den falschen Bahnhof. Wenn er denn fuhr…

Ich würde glasklar zu spät erscheinen. Meine Erziehung gebot mir, bei der Dienststelle anzurufen und das mitzuteilen. Mein Verstand widersprach vehement und befand, dass ich vielleicht nicht gerade in der optimalen Umgebung unterwegs sei, um das Wort „Polizei“ oder die Wortgruppe „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ allzu laut auszusprechen. Zumal das Eingepferchtsein in einem stehenden Zug den sowieso schon dürftigen Launepegel um mich herum nicht wirklich angehoben hatte. Da half auch die offene Zugtür auf den winzigen Bahnsteig der Weltstadt Bodenheim nicht weiter…

Genau DA wünschte ich mich gerade hin…

 

Irgendwann drängelte sich ein Mann im Trikot der gegnerischen (und – wir erinnern uns – überlegenen) Mannschaft durch die Menge. Er wurde eigentlich gar nicht beachtet.

Na, denn…

Einmal tief Luft geholt… Nummer gewählt.

„Polizeiinspektion Ludwigshafen 1.“

Ein junger Mann. Er nannte auch einen Namen. Der ging nur in dem Krach im Zug unter.

„Hallo, hier ist Gerke Minrath. Ich bin heute Nacht bei Euch bei der Nachtschicht.“

Nachtschicht. Völlig unverfängliche Vokabel.

„Ich sitze in einem Zug fest, der nicht fährt. Ich werde zu spät kommen. Könnten Sie das der Nachtschicht bitte ausrichten?“

Vielleicht habe ich Glück, und der junge Mann kennt mich sogar von einer meiner Schichten…

„Für wen hospitieren Sie denn? Die Staatsanwaltschaft?“

Hmpf!

„Für diesen Verein…“

„Entschuldigen Sie bitte, ich bin noch aus der Schicht davor. Deshalb frage ich. Für wen nochmal?“

Du kannst ja nichts für meine aktuellen Begleiter… Ach komm, egal jetzt! No risk, no fun!

Mein Smartphone rutschte mir fast aus meiner schlagartig schweißnassen Hand.

„Für den Verein ‚Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.‘.“

Schlagartiges Verstummen aller Gespräche um mich herum. Alles starrte mich an.

Ach herrje…

„Ach so“, klang es fröhlich aus meinem Hörer. „Richte ich aus. Rufen Sie einfach an, wenn Sie in Ludwigshafen sind.“

Gleichzeitig fingen um mich herum alle an zu lachen.

Ich legte auf. Nicht ohne mich bedankt zu haben.

Einer der Jungs im roten Trikot sagte: „Den Verein kennen wir. Acht Cola, acht Bier.“

Der Rest war einfach nur freundlich und ließ mich in Ruhe.

Uff! Schon vor der Nachtschicht nass geschwitzt.

Neben mir saß ein Herr, der sich als Mitglied der Grünen outete und im gleichen Atemzug als bekennender Polizistenfreund. Sicherlich wären wir nicht in allen Dingen einer Meinung (ich habe eigentlich in Sachen „Polizei“ an den meisten Parteiprogrammen etwas auszusetzen… 😉 ). Muss man ja auch nicht. Aber wir führten bis Ludwigshafen ein ebenso spannendes wie angenehmes Gespräch. Er erklärte mir auch genau, wie ich vom Bahnhof zur Polizeiinspektion komme. Sehr nett!

 

Das war aber gar nicht nötig, denn mein erstes Streifenteam, Alex und Christian, bestreifte den Bahnhof und lud mich bei der Gelegenheit direkt hinten ein. Ich stand noch so unter dem Eindruck meiner Zugfahrt, dass ich um ein Haar auf der falschen Seite eingestiegen wäre…

 

In der Dienststelle wurde ich vom Dienstgruppenleiter begrüßt. Er kündigte mir an, dass es wegen der insgesamt eher kühlen Witterung vermutlich ruhig werden würde. Dann reichte er mir eine Schussweste.

 

Und schon ging es los auf Streife. Die Tatsache, dass Ludwigshafen erst noch einmal durchzuatmen schien, bevor es loslegte, nutzte Christian, um mir auf den Zahn zu fühlen, was mich bewegt, regelmäßig in Streifenwagen mitzufahren und was Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. überhaupt für ein Verein ist.

 

Recht zügig kam die Unterbrechung durch den ersten Einsatz.

In einem Einkaufszentrum hatte ein junger Mann um die 18 Pfefferspray ins Gesicht bekommen – der Malteser Hilfsdienst traf kurz nach uns ein. Alarmiert hatte die Retter ein junger Mann, der in einem der Ladengeschäfte dort arbeitet.

„Ich halte Augen und Ohren immer offen.“

Sehr löblich.

Die Geschichte des jungen Mannes, dem Augen und Gesicht höllisch brannten, war eher unzusammenhängend und wenig logisch. Vor zwei Tagen sei ihm das Portemonnaie gestohlen worden, soeben seien ihm die Täter wiederbegegnet. Weil sie nicht wollten, dass er sie verrät, sprühten sie ihm eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht. Anschließend hätte einer davon ihm in der Toilette des Einkaufszentrums geholfen.

Öhm… wie jetzt?

Auch Christian und Alex fanden die Geschichte eher verwirrend, nahmen aber die Personalien des Opfers und die Personenbeschreibungen der Täter auf.

Im Anschluss suchten wir die Umgebung des Einkaufszentrums ab. Keine Leute, die der Beschreibung entsprachen. Christian telefonierte mit der Dienststelle. Dort wurden Jugendliche, ebenfalls wegen eines Gewaltdeliktes, überprüft. Von denen passte aber auch keiner auf unsere Täterbeschreibung.

 

Während unserer Suche winkte ein junges Mädchen den Streifenwagen heran. Sie sei von einem Typen „gestalkt“ worden. Christian befragte sie, was genau vorgefallen sei. Letztlich war sie lediglich angesprochen worden, ob sie öfters an dieser Stelle sei. Als sie verneinte, sei der Mann gegangen. Keine Straftat und auch noch sehr weit entfernt von „Stalking“.

„Wenn das nochmal vorkommt, und der geht dann nicht, dann kommen Sie bitte zur Polizei!“

 

Als nächstes wurde meine Streife per Funk gebeten, auf dem Theaterplatz am Pfalzbau einen vergessenen Feuerlöscher zu suchen und ggf. sicherzustellen.

Da bleibt ein Feuerlöscher lange genug liegen, dass die Polizei ihn einsammeln kann?

Nein, blieb er nicht.

Also weiterstreifen.

 

Wir passierten ein Etablissement, vor dem ein Oberklassewagen im absoluten Halteverbot stand.

Alex steuerte den Streifenwagen direkt hinter das andere Auto.

Im Etablissement plötzlich hektische Betriebsamkeit. Offensichtlich arbeitete sich jemand zur Tür, um sein Auto wegzufahren…

Ich freute mich schon auf den Fortgang der Geschichte, als plötzlich…

 

„Fahrt mal an den Rhein. Da soll es einen Streit gegeben haben zwischen Jugendlichen. Einer soll laut geschrien haben ‚Bitte hör auf!“, kam aus dem Funk. Dann:

„Der Anruf kam aus Mannheim.“

Oha… von der anderen Rheinseite? Muss ja ganz schön laut gewesen sein…

Christian warf Blaulicht und Martinshorn an, Alex startete den Streifenwagen durch. Christian drehte sich zu mir um.

„Wenn da nur ein einziger Anruf kam, ist da vermutlich nicht viel dran…“

Macht Sinn!

Und wirklich – weder konnten wir Jugendliche in einem heftigen Streit finden, noch Leute, die das ebenfalls gehört hatten.

 

Allerdings fanden wir Jugendliche vor, die meinen beiden Herren wohl bekannt waren. Diese Erfahrungen animierten Alex dazu, das Gespräch zu suchen. Er ließ die Fahrerscheibe runter.

„Habt Ihr was von einem Streit hier am Rheinufer mitbekommen? Wir haben da einen Notruf reingekriegt.“

„Nein, hier war alles friedlich.“

„Ok. Wäre schön, wenn das so bleibt und wir euch heute Abend nicht wiedersehen.“

„Wir sehen uns nie wieder“, versprach der junge Mann mit treuherzigem Augenaufschlag dem Polizisten vor sich. Der ließ das Fenster wieder hochsurren.

Christian und er tauschten einen kurzen Blick.

„Da sollten wir nicht drauf wetten, obwohl die Quoten hoch wären.“

Zumindest in dieser Nacht sahen wir sie nicht wieder.

Zurück zu unserem Falschparker. Der stand tatsächlich immer noch unverändert, als wir da vorbeipirschten.

Unglaublich!

„Ok, jetzt wird es richtig teuer.“

 

Plötzlich fielen uns zwei Jugendliche ins Auge, auf die die Beschreibung des jungen Mannes im Einkaufszentrum aufs Haar passte. Der mit dem Pfefferspray im Gesicht.

Alex stoppte den Wagen. Personenkontrolle.

Tatsächlich waren es unsere beiden Gesuchten, die allerdings abstritten, etwas mit der Sache zu tun zu haben.

„Ich hab dem doch noch geholfen!“

Das hatte das Opfer ja auch ausgesagt. Hm…

Einer der beiden hatte mehrere Smartphones. Alex überprüfte bei allen die IMEI, das ist eine 15-stellige Nummer, mit der jedes mobile Endgerät (Smartphone, Tablet…) eine eindeutige Identifizierung erhält. Wird so ein Gerät gestohlen und man gibt bei Anzeigeerstattung seine IMEI an, so kann man Glück haben und die Polizei findet es eines Tages wieder.

Von den IMEI-Nummern in diesem Fall gehörte allerdings keine zu einem gestohlenen Gerät.

Aus meiner Sicht übrigens mit am Erstaunlichsten, dass die beiden jungen Herren zu Beginn unserer Überprüfung allein auf weiter Flur waren, sich aber im Laufe der Unterhaltung mehrere Gleichaltrige, weiblich wie männlich, hinzugesellten. Einer Jugendlichen meinte, es sei eine tolle Idee, ständig mit dem Fahrrad um uns herumzuwuseln. Er und eine junge Dame stellten mehrfach die Frage, was da bitte vor sich ginge.

Wohlgemerkt, wir sprechen von einer Personenkontrolle, die vollkommen harmlos war – und nebenbei bemerkt noch wesentlich harmloser verlaufen wäre, wenn sich die beiden jungen Herren nicht so sperrig gegeben hätten, sondern einfach vollkommen normal die Fragen meiner beiden Begleiter beantwortet hätten.

Übrigens habe ich mir gemerkt, wie ich an meine IMEI-Nummer komme (*#06# ins Telefonfeld eingeben) und diese als erste Amtshandlung nach der Nachtschicht notiert. Für den Fall der Fälle. 😉

 

Weiterstreifen.

„Jetzt reden wir aber mit dem Falschparker!“

 

„Wir haben einen Ladendiebstahl in einem Supermarkt“, durchkreuzte der Funk den Plan.

In dem Supermarkt erwartete uns die Marktleiterin. Der Täter befand sich in einem vom Markt abgetrennten Raum. Dazu zwei Mitarbeiter des Supermarktes. Alex und Christian betraten den Raum, eine zweite Streife kam hinzu.

Kuschelig…

„Kann mal einer die Tür da feststellen?“, bat einer meiner beiden Herren. Ganz klar ein Job für die Praktikantin, die direkt neben der Tür stand. Mit zwei Handgriffen machte ich einen Mülleimer zum Türstopper.

Alex verließ den brechend vollen Raum, um mit der Marktleiterin zu sprechen. Da der Täter nun durchsucht werden würde, folgte ich Alex. Auch ein 17-jähriger Ladendieb hat Menschenrechte, die u.a. beinhalten, dass er nicht in Anwesenheit von Frauen durchsucht werden kann. Selbst wenn ich keine Frau wäre – auch ein Ladendieb ist kein Zootier.

Die Marktleiterin zeigte uns die Ware, die er unter seinem Pullover versteckt hatte – 10 Fläschchen Kräuterschnaps.

„Der ist total renitent geworden – wollte abhauen. Da haben mir die Leute da geholfen.“

Sie zeigte auf Zeugen.

Christian fragte später sehr genau nach, um herauszufinden, was „renitent“ bedeutet. Dabei ging es darum, wo genau sich die Schwelle zwischen „Diebstahl“ und „Räuberischem Diebstahl“ befindet. Es bringt keinen Menschen weiter, wenn die Polizei da die falsche Anzeige erstattet und das Verfahren dann deswegen eingestellt wird. Auch ein Gedankengang, der in heutigen Zeiten schwierig zu vermitteln ist, da sich die Opfer einer solchen Straftat häufig nicht ernst genommen fühlen und glauben, die Polizisten wollten das, was ihnen passiert ist, klein reden.

Für meinen Geschmack hat Christian diese Hürde gut genommen – er hat ihr sehr genau erklärt, warum er diese Fragen stellte und nach meinem Eindruck hat sie es auch verstanden.

Schließlich brachten wir den Jungen heim und übergaben ihn an seine Erziehungsberechtigten. Als wir das Haus verließen, in dem er wohnte, befanden sich die Nachbarn vom Haus gegenüber auf ihrem Balkon. Sie grüßten uns sehr freundlich und wünschten uns allen einen schönen Feierabend.

„Das dauert noch ein paar Stunden“, klärte einer meiner beiden Begleiter auf.

„Na, dann noch eine ruhige Schicht.“

Nett! Geht doch!

 

„Fahrt mal dahin (es folgte eine Adresse). Da vermissen welche ihren Nachbarn.“

Gesagt! Getan!

„Wir haben auch die Handynummer des Mannes und rufen da regelmäßig an. Derzeit geht keiner dran.“

Diese Information der Leitstelle wurde nachgelegt. Sie beunruhigte mich.

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

Erwartet wurden wir von zwei Herren in einem Mehrfamilienhaus. Einer der beiden war abends heimgekommen und hatte gesehen, dass bei einem seiner Nachbarn die Tür offenstand. Er versuchte, auf sich aufmerksam zu machen. Ohne Erfolg. Also holte er einen weiteren Nachbarn zu Hilfe. Zusammen gingen sie in die Wohnung. Alles war hell erleuchtet, es sah auch furchtbar unordentlich aus – aber der Nachbar war verschwunden.

„Er hatte vor einigen Wochen eine schwere Operation – wir machen uns Sorgen.“

Meine beiden Begleiter wirkten unbewegt, aber ich merkte ihnen an, dass sie der Sache durchaus Gewicht beimaßen.

Wir betraten die Wohnung, die beiden Nachbarn im Schlepptau, und fanden alles vor wie beschrieben.

Noch während Christian im Flur das Gespräch mit den Nachbarn führte und Personalien aller Beteiligten erhob, begann Alex, sich in der Wohnung umzusehen – nicht nur sicherheitshalber noch einmal nach dem Nachbarn, sondern auch nach weiteren Hinweisen. Ich begleitete ihn dabei. Nichts!

„Haben Sie ein Bild von Ihrem Nachbarn?“

Aus dieser Frage von Christian schloss ich, dass sofort eine Fahndung ausgelöst werden sollte. Meine Handflächen wurden feucht.

Das ist wirklich ernst…

Sofort machte Alex sich nochmal daran, durch die Zimmer zu gehen, dieses Mal hielt er Ausschau nach einem Foto. Ich folgte ihm. Vier Augen sehen vielleicht mehr als zwei. Zeitgleich durchsuchte einer der Nachbarn sein Smartphone nach einem Bild.

Plötzlich knackte es in Christians Funkgerät. Die Leitstelle. Meine Streife wurde gerufen.

Christian antwortete mit dem entsprechenden Rufnamen, dann: „Ja?“

„Der Mann hat uns zurückgerufen, er kommt nach Hause. Er ist an seiner Arbeitsstelle.“

Uff!

Alle im Raum atmeten erleichtert auf. Die vier eben noch so besorgt aussehenden Männer lächelten, ich vermutlich auch.

Wir verließen die Wohnung, die Nachbarn gingen erst einmal in ihre eigenen Wohnungen, wir erwarteten den ehemaligen Vermissten vorm Haus.

Der kam auch tatsächlich in wenigen Minuten an. Er war wirklich an seiner Arbeitsstelle gewesen, aber im Funkloch und hatte deswegen die Anrufe der Nachbarn und danach der Polizei nicht sofort bemerkt.

„Das Licht hatte ich absichtlich angelassen, damit Einbrecher glauben, ich sei daheim. Das mit der Tür verstehe ich auch nicht.“

Es war ihm sichtlich unangenehm, was er ausgelöst hatte.

„Das Wichtigste ist, dass es Ihnen gut geht. Und Sie haben echt tolle Nachbarn.“

Mit dem Satz nahm Christian ihm sichtlich sämtliche negativen Gefühle.

WOW! Super gemacht, Christian!

Abgesehen davon, dass der Satz nur zu wahr war.

Als der Ex-Vermisste außer Sicht- und Hörweite war, klärte Christian mich auf: „Gerade die Vorgeschichte mit der OP hat mich hellhörig gemacht. Das wäre nicht der erste Fall dieser Art, der schlimm endet.“

Hatte ich also richtig wahrgenommen, wie ernst der Polizei das Ganze war.

 

Da die beiden nun ihre ersten Berichte verfassen mussten, übergaben sie mich an ein zweites Team, Steini und I.

Erstmal einen Kaffee…

Gerade hatte ich die Hand nach der gefüllten Tasse ausgestreckt, als Steini mich in der Küche abholte.

„Den musst du erstmal vergessen! Einsatz!“

 

Blaulichtfahrt. An einer roten Ampel stand ein PKW – und bewegte sich keinen Millimeter in die Kreuzung rein. Wann spricht sich endlich bis zum letzten meiner Mitbürger herum, dass ein Einsatzfahrzeug sein Blaulicht und Martinshorn anwirft, wenn es dringend ist – man also Platz machen muss? Was in dem Fall heißt, vorsichtig in die Kreuzung reinfahren und den Rest den Fahrer des Einsatzfahrzeugs machen lassen.

„Klassiker“, brummte Steini nur.

I. steuerte den Streifenwagen irgendwie um das andere Auto herum, halb auf einer Verkehrsinsel. Tatsächlich ließ sich mein Mitbürger irgendwann dazu herab, minimal aus dem Weg zu kriechen. Na, bravo!

Steini und I. hatten schon einen Einsatz wegen eines Unfalls hinter sich, in den ein Motorrad verwickelt war – und hatten nun den nächsten. An dieser Stelle möchte ich die Pressestelle zu Wort kommen lassen:

„Eine Nasenbeinfraktur erlitt am Samstagabend ein 63-jähriger Motorradfahrer, als er in der Mundenheimer Straße in Fahrtrichtung Von-Weber-Straße einen einparkenden PKW verbotswidrig rechts überholte und dabei mit diesem kollidierte. Der Motorradfahrer stürzte auf die Straße und verletzte sich an der Nase, sowie an beiden Knien. An beiden Fahrzeugen entstand zudem erheblicher Sachschaden. Im Rahmen der Unfallaufnahme wurde beim PKW Fahrer Atemalkoholgeruch festgestellt. Ein anschließender Alkoholtest ergab eine geringe Alkoholisierung. Nach der Entnahme einer Blutprobe auf der Dienststelle wurde der PKW Fahrer aus den polizeilichen Maßnahmen entlassen. Der verletzte Motorradfahrer verblieb zur ärztlichen Beobachtung eine Nacht in der BGU.“ (Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Rheinpfalz vom 30.04.2017)

 

Wir waren die zweite Streife am Ort, die erste Streife hatte das Heft in der Hand. Ich warf einen Blick auf die Sanitäter, die mit dem Motorradfahrer sprachen. Er antwortete, war orientiert. Beruhigend! So ein Nasenbeinbruch verursacht nämlich eine beklemmend große Menge Blut.

Irgendwie wussten alle, was zu tun war – außer mir. Also versuchte ich möglichst, nicht im Weg rumzustehen und Leuten, die aufgeregt auf mich einsprechen wollten, deutlich zu machen, dass ich hier gar nichts zu melden hatte.

„Wen kann ich denn dann fragen?“

Keine Ahnung! Alle hatten etwas zu tun, was für mich wichtig aussah.

„Warten Sie einfach ein bisschen, bis einer der Polizisten sich um Sie kümmert.“

Deswegen war ich sehr froh, als mir eine Polizistin erstmal alle möglichen Habseligkeiten des verunfallten Motorradfahrers in die Hand drückte, um ihre Hände freizuhaben. Im Laufe der Unfallaufnahme konnte ich auch wieder als Taschenlampenhalter dienen. Das kennzeichnete mich dann auch dem Publikum ausreichend als Praktikantin, um mich keinen weiteren Fragen ausgesetzt zu sehen.

Grundsätzlich kann ich ja verstehen, dass jeder aufgeregt ist. Ich war auch aufgeregt, als ich vor vielen Jahren mal in Mainz Zeugin wurde, wie ein PKW eine Fußgängerin auf einem Zebrastreifen umnietete.

Auf die Einsatzkräfte stürzt allerdings auch schlagartig sehr viel ein. Nicht zu vergessen, dass sie schon während der Anfahrt mit Blaulicht und Martinshorn Adrenalin ausschütten. Lebensrettende Maßnahmen nötig? Rettungskräfte alarmieren? Wer hat den Notruf abgesetzt? Wer ist Unfallbeteiligter? Wer ist Zeuge? Wer ist Gaffer? Die sind ja schon froh, wenn sie Ressourcen haben, die Gaffer ihrer Wege zu schicken.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen – wenn man als Zeugin einfach ruhig wartet, möglichst an einer Stelle, an der man nicht im Weg ist, kommt irgendwann eine Polizeibeamtin oder ein Polizist und stellt Fragen. Dann bekommt man auch gesagt, wie es weitergeht. Die beherrschen ihren Job.

Wie in der Pressemitteilung beschrieben hatte der Fahrer des PKW offensichtlich Alkohol getrunken. Zur Dienststelle wurde er übrigens in unserem Streifenwagen gebracht. Ich zog kurzfristig auf die Beifahrerseite um und Steini auf meinen Platz.

Nun ging es erstmal lediglich um eine Blutprobe. Der Alkoholkonsum des PKW-Fahrers war nach allem, was man zu diesem Zeitpunkt wusste, nicht der alleinige Grund für diesen Unfall gewesen. Da er allerdings kein Deutsch sprach, war ihm nicht ganz klar, warum er von der Polizei mitgenommen worden war. Letzteres war ihm merkbar unheimlich.

In der Dienststelle gab I. alles, um dem Fahrer mit Hilfe einer Dolmetscherin deutlich zu machen, dass er nicht in der Dienststelle war, weil er die Alleinschuld bekommen sollte. Das fand ich klasse. Nach meinem Eindruck wurde der Mann auch ruhiger.

 

Nach der Blutprobe schaute I. noch einmal schnell nach einem Herrn, den die Polizei in Gewahrsam genommen hatte.

„Herr X., alles in Ordnung bei Ihnen?“

Diese Frage wiederholte I. so lange, bis von Herrn X. eine Reaktion kam. Vielleicht nicht besonders angenehm, ständig unterbrochen zu werden, während man seinen Rausch ausschläft – aber besser als unbemerkt zu sterben.

 

Anschließend bekamen wir einen Ermittlungsauftrag. An einer bestimmten Straße war ein Wohnwagen gesehen worden. Es gab die Vermutung, dass darin der illegalen Prostitution nachgegangen würde.

Auf dem Weg dahin outete sich Steini als Empfänger einer unserer Karten. „Damals war ich aber noch auf einer anderen Dienststelle.“

Er hatte sich sehr darüber gefreut. Was wiederum mich freut und auch motiviert.

In der genannten Straße war kein Wohnwagen zu sehen. Wenn der Verdacht also stimmte, hatte man sich wohl vorsichtshalber eine andere Ecke gesucht. Oder aber der Wohnwagen hatte einen harmlosen Hintergrund gehabt. Wer weiß…

 

„Wo Ihr gerade da in der Ecke seid – fahrt mal zum Herrn X. Der ist zusammengeschlagen worden, hat sich irgendwie noch nach Hause geschleppt und ist wohl ziemlich durch den Wind.“

Es folgte eine Adresse.

Die Anfahrt gestaltete sich schwierig, weil die Verkehrsführung dank diverser Einbahnstraßen an dieser Ecke der Stadt nicht auf Anhieb durchschaubar ist – um es mal vorsichtig auszudrücken. Wir fanden die Straße dennoch.

„Welche Hausnummer suchen wir nochmal?“ fragte Steini.

I. nannte die Nummer. Praktisch zeitgleich rief ich: „Hier!“

I. setzte zurück und fand eine Parklücke.

Das Rote Kreuz in Gestalt von zwei freundlichen Sanitäterinnen war schon bei Herrn X. Er ist ein älterer Herr, der schwerbehindert ist und eine Beinprothese hat. Die saß eindeutig nicht mehr so, wie sie sitzen sollte. Zudem hatte er ganz gut einen getrunken. Beides machte ihn, leider, für eine bestimmte Sorte Mensch zu einem guten Opfer. Die erkennen diese Schwächen ganz genau und wissen auch, dass Alkohol die Täterbeschreibungen nicht unbedingt hilfreicher macht.

Herr X. war völlig fertig mit der Welt. Er weinte.

Das ging mir in dieser Nacht unter die Haut. Mein eigener Tag hatte mit einer Todesnachricht begonnen, die mich mitgenommen hatte. Ich kann solche Dinge sehr gut beiseiteschieben, wenn ich anderweitig gefordert bin. Hier war ich aber gerade nicht gefordert. Also musste ich mich ziemlich zusammenreißen, um mich nicht dazuzusetzen und mitzuweinen. Was ich natürlich meinen beiden Herren auf keinen Fall antun wollte. Also riss ich mich zusammen.

Steini merkte trotzdem was. Wir führten dann kurz darauf, als ein wenig Zeit war, ein kleines Gespräch, dessen Quintessenz war: Man kann als Polizist nicht alles an sich heranlassen.

Kann ich so bestätigen. Würde ich alles, was ich im Leben an Schrecklichem oder Traurigem zu Gesicht/Gehör bekomme, so dicht an mich heranlassen, wie den Anblick des weinenden Herrn X., dann hätte ich schon mehrere Burn-Outs hinter mir. Polizeibeamte bekommen berufsbedingt mehr Schlimmes zu sehen als ich. Entsprechend wichtig ist es für die seelische Gesundheit, dass sie sich eben nicht jeden Einsatz emotional bis zum Anschlag reinziehen.

Merken, liebe Mitbürger! Es ist kein Zeichen von Unsensibilität, wenn ein Polizist im Einsatz einen kühlen Kopf bewahrt, sondern von Professionalität. Die meisten Polizeibeamten sind keinesfalls herzlos für Zwischenmenschliches. Das merkt man ihnen auch an, wenn man selbst nicht vollkommen gefühllos für andere ist.

Herr X. vermisste sein Handy. I. fragte ihn ausführlich nach den genauen Umständen aus, unter denen sein Handy abhandengekommen war. Auch hier ging es um den Unterschied zwischen zwei Delikten: Schwerer Diebstahl oder Raub.

Herr X. war dafür kaum empfänglich, also überließen wir ihn erst einmal den beiden freundlichen Sanitäterinnen.

Stattdessen machten wir uns daran, seinen Weg von der Kneipe um die Ecke nach Hause abzulaufen, in der Hoffnung, das Smartphone zu finden. Die Gaststätte befand sich um die Ecke. Es gab nur eine einzige etwas dunklere Ecke an dem Weg – und genau da war es seiner Beschreibung nach passiert. Natürlich war das Handy nicht aufzutreiben.

I. befragte drei junge Männer, die des Weges kamen. Die hatten zwar nichts gesehen, waren aber in höchstem Maße empört, was ihrem Mitbürger da passiert war.

„Altaaa, sowas macht man einfach nicht“, fasste einer der drei lautstark zusammen.

Ganz meine Meinung!

Für mein Gefühl waren sie darin auch vollkommen ehrlich.

Wir suchten die Kneipe auf, in der Herr X. seinen Abend verbracht hatte.

„Haben Sie vielleicht gesehen, wie jemand direkt nach ihm rausgegangen ist?“ fragte einer meiner beiden Herren.

Allgemeines Kopfschütteln, niemand war dem Mann gefolgt. Zudem allseitige Fassungslosigkeit.

Die Dame hinter dem Tresen wollte sofort Herrn X. Freundin informieren. I. ließ sich das Smartphone geben und übernahm das Gespräch. Gute Idee! Ich würde vergleichbare Nachrichten auch lieber sachlich von einem Polizisten bekommen.

Insgesamt ließ sich über die Täter nichts herausfinden – was vermutlich bedeutet, dass diese gewissenlosen Menschen damit durchkommen werden. Schade!

 

Und schon war es Zeit für die Rückübergabe an das erste Streifenteam.

Wir bekamen auch gleich einen Einsatz rein. Eine hilflose Person war vom Roten Kreuz, dieses Mal zwei freundlichen Herren, aufgegriffen worden. Es ging nun darum, die Identität zu klären.

Das klappte ganz gut. Dann ging es um seinen Wohnsitz. Der Herr war sich ziemlich sicher, in Mannheim zu wohnen, wo er allerdings nicht gemeldet war. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass er aus einem nahe gelegenen Krankenhaus abgängig war. Das traf sich sehr gut, denn in dessen Nähe lag schon der nächste Einsatz an. (Wie sich ruhige Nächte in Ludwigshafen halt so präsentieren!) In dieses Krankenhaus musste der Herr auch zurück. Also ging es „nur“ noch darum, ihn davon zu überzeugen, dass dieser Transport nicht von der Polizei, sondern vom Roten Kreuz erledigt werden musste.

„Wir dürfen keine Krankentransporte durchführen“, erklärte Christian ihm mehrfach. Irgendwann stieg er dann in den Rettungswagen.

Hello again!

Tatsächlich stellte sich heraus, dass der nächste Einsatz sich nicht um eine hilflose Person in der Nähe des Krankenhauses drehte, sondern diese Person ebenfalls aus dem Krankenhaus abgängig war. Eine Frau mit einer behandlungsbedürftigen Kopfplatzwunde hatte das Krankenhaus auf eigene Faust verlassen.

In diesem Krankenhaus trafen wir übrigens die beiden Sanitäter aus dem letzten und ich die beiden Sanitäterinnen aus dem vorletzten Einsatz wieder.

Während Christian und Alex noch versuchten, herauszufinden, was nun genau vorgefallen war, bekamen wir mit halbem Ohr mit, dass eine dritte Person aus dem Krankenhaus verschwunden war.

Was stimmt nicht mit diesem Krankenhaus?

Einer der jungen Sanitäter outete sich nebenbei meinen beiden Begleitern gegenüber als angehender Polizist (zum 1. Mai). In dem Zusammenhang erfuhr ich auch, wie lange meine beiden Begleiter schon dabei waren, wobei sich Christian mit fünf Jahren Dienst in Ludwigshafen schon als „Fossil“ zu bezeichnen beliebte.

Nach fünf Jahren im Beruf ein Fossil? Dann bin ich aus der Ursuppe gekrochen… 😉

 

Pragmatischerweise entschieden Alex und Christian, dass wir die Dame einfach mal suchen fahren.

 

Unterwegs trafen wir vier junge Männer, die sichtlich wohlgelaunt und nicht ganz leise durch die Nacht zogen – unter Ausnutzung der gesamten Fahrbahnbreite.

Christian sprach sie freundlich an und ermahnte sie, doch besser den Bürgersteig zu benutzen. Die Reaktion der Jungs war nicht unfreundlich. Allerdings hängte sich einer der vier gemütlich in das Beifahrerfenster des Streifenwagens. Wir leben definitiv in neuen Zeiten. Ich hätte mich das in dem Alter nicht getraut. Generell bin ich eher der Typ für Abstand. Mir wäre das definitiv zu distanzlos.

 

Wir waren bei unserer Suche schon fast an der Adresse der verletzten Frau angelangt – als uns ein Funkspruch aus der Leitstelle erreichte.

„Die Dame hat uns angerufen. Sie ist wohlbehalten zuhause. Die hatte einfach keine Lust mehr zu warten.“

„Wann ist sie denn eingeliefert worden?“

„Um neun.“

Meine Uhr zeigte knapp drei Uhr morgens an.

Joah!

Da hätte ich auch nicht mehr gewartet.

 

Wir bestreiften weiter das nächtliche Ludwigshafen. Dabei passierten wir in einer kleinen Grünanlage fünf junge Leute. Wobei „passieren“ die Sache nicht ganz trifft. Zwei von den beiden spurteten schon los, als der Streifenwagen gerade am Horizont auftauchte.

Alex gab dem Wagen die Sporen.

Die beiden trennten sich.

Nun galt es, zu entscheiden, wem wir folgen.

Unser Favorit schlug plötzlich einen Haken.

Man kann einen Passat aber auch sehr schnittig wenden, wenn es sein muss. Alex kann das auch. 😊

Der Flüchtende passierte eine Mauer. Eine kurze Handbewegung.

Hä? Will der über die Mauer klettern? Das schafft der doch nie…

Nein, er rannte weiter.

Nach wenigen Sekunden waren wir nah genug dran, dass Christian die Tür aufreißen und ihm folgen konnte. Pfeilschnell!

Alex parkte den Wagen, wir stiegen auch aus.

Christian hechtete auf den jungen Mann, und brachte ihn zu Boden.

„Hey, das ist Polizeigewalt!“

Na, klar.

Christian erklärte dem jungen Mann, inwiefern er berechtigt gewesen war, zu handeln wie er handelte, und warum er es getan hatte. Der blieb jedoch bei seiner Ansicht. Eine Diskussion, auf die sich Christian gar nicht weiter einließ.

Allerdings sagte Christian im Nachgang zu mir, dass er schon nachvollziehen könne, dass der junge Mann davon geschockt gewesen war. Fand und finde ich klasse!

Während Alex die Personalien des jungen Mannes aufnahm, spazierte Christian zu der Mauer. Um die Mauer. Hinter die Mauer. Und fand – ein kleines Druckverschlusstütchen mit weißem Pulver.

„Das haben Sie doch selbst dabeigehabt, um mir das hier unterzuschieben.“

Klar, da warten wir schon den ganzen Abend drauf…

Nach Beschlagnahme des Pulvers („Warum sollte ich etwas dagegen haben? Das Zeug gehört mir doch gar nicht!“) durfte der junge Mann weiter seiner Wege ziehen.

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

 

Meine beiden Herren fanden es im Nachgang sehr schade, dass uns der andere durch die Lappen gegangen ist. Ich auch! Wer weiß, was wir bei ihm gefunden hätten.

 

Alex und Christian tippten bei dem weißen Pulver auf Amphetamin. Sie begründeten das mit dem Geruch und mit den Symptomen, die der junge Mann aufgewiesen hatte (Trockene Mundwinkel, Paranoia…).

 

Bevor wir das überprüfen konnten, bekamen wir allerdings noch eine Ruhestörung rein. Es ging hart auf vier Uhr zu – und in einem Saal über einem Restaurant ging es musikalisch noch hoch und vor allen Dingen laut her. Es handelte sich um die Feier der Neueröffnung dieses Restaurants.

Christian und Alex gratulierten freundlich dazu, was die Bereitschaft, die Musik leiser zu stellen, drastisch erhöhte. Wenn es auch ein bisschen dauerte, bis die Anweisung der Verantwortlichen sich bis zum „DJ“ herumgesprochen hatte…

 

Als wir nach einer weiteren kurzen Streifenfahrt in die Dienststelle kamen, machte Christian als erstes einen Schnell-Test. Den kannte ich ja schon aus meiner Januar-Schicht. Dieses Mal verfärbte sich das Röhrchen nahezu in Lichtgeschwindigkeit orange. Wie vermutet – Amphetamin.

Das Amphetamin roch auch deutlich weniger nach Waschmittel, war also vermutlich von „besserer“ Qualität – hatte aber immer noch keinen Geruch, der mich animieren würde, so etwas zu mir zu nehmen.

 

Das Wiegen hatte ich schon verpasst, und den Fortgang sollte ich auch nicht mehr mitbekommen, weil mich Steini und I. wieder in ihre Obhut nahmen. Wir hatten die Streifenfahrt gerade erst aufgenommen, als wir schon einen Einsatz wegen einer Schlägerei vor einer Disko hereinbekamen.

Wieder waren wir die zweite Streife am Ort, was dazu führte, dass meine beiden Herren in erster Linie damit beschäftigt waren, die Kontrahenten voneinander zu trennen.

Nach Darstellung des jungen Mannes, um den sich meine beiden Herren vorrangig kümmerten, waren zwei andere junge Männer auf ihn losgegangen. Um diese beiden kümmerte sich gerade die andere Streife. Beiden pappte in der Tat ein ebenso provozierendes wie überflüssiges Grinsen im Gesicht. Was unseren jungen Herrn noch weiter auf die Palme brachte. Seine Freundin versuchte hartnäckig und leider erfolglos, ihn runterzubringen.

Nach und nach kamen weitere Streifenwagen eingeflogen, bis die Polizei letztlich mit insgesamt sechs Wagen am Ort war. Einer davon war der Dienstwagen eines Hundeführers, der sich aber erstmal ohne seinen Hund im Abseits hielt.

Der junge Mann, der angegriffen worden war, war nicht willens, die Fragen der Polizisten zur Klärung der Sachlage zu beantworten. Stattdessen versuchte er ständig, aus dem Kreis der ihn umgebenden Polizisten auszubrechen. Als das misslang, versuchte er es mit einem Tränenausbruch.

„Da will man einen schönen Abend verbringen, und dann passiert sowas. Und jetzt glaubt mir keiner.“

Auch hier versuchte die Freundin, beruhigend auf ihn einzuwirken.

„Die Polizisten machen doch nur ihre Arbeit.“

Natürlich zog auch hier der Blaulichtauflauf einige Schaulustige an, u.a. einen Kumpel des Opfers, der mit den beiden den Abend verbracht hatte. Der wusste offensichtlich von nichts, er konnte auch keine Zeugenaussage beitragen, die irgendwie weitergeholfen hatte. Zum Ausgleich wusste er hingegen ganz genau, wie Polizeiarbeit geht – und war auch so liebenswürdig, das den anwesenden Beamten exakt zu erklären.

„Die beiden greifen an und wir sind die Deppen. Das sind unsere Beamten und das deutsche Rechtssystem.“

Inwiefern er als Unbeteiligter, der nicht dabei gewesen war, nun der Depp sein wollte, erschloss sich mir nicht. Zum Ausgleich erschloss sich ihm aber auch nicht so recht die Funktionsweise eines Rechtsstaates, denn die Polizei ist nach wie vor lediglich dafür da, Sachverhalte aufzunehmen. Wer dann letztlich „der Depp“ ist, entscheiden Staatsanwaltschaft oder Gericht.

Ihm dauerte das auch alles zu lange. Zitat:

„Zwanzig Polizisten und das dauert ewig. So arbeitet die deutsche Polizei.“

Ja, man kann sagen, er gab wirklich alles um mein Herz zu gewinnen. Zumal er, wie eine Polizistin treffend bemerkte, jederzeit hätte gehen können. Er war ja nicht mal als Zeuge gefragt.

„Sechs Streifenwagen. Vollkommen überzogen, der Einsatz.“

Bingo! Ich hatte schon Angst, das heute Nacht mal nicht zu hören zu bekommen!

Hätte Mr. Wichtig auch nur ansatzweise den Durchblick gehabt, den er zu haben glaubte, hätte ihm auffallen müssen, dass der Diensthund die ganze Zeit im Wagen blieb. Somit also ein insgesamt sehr zurückhaltender Einsatz. Aber gut – seitdem mir sogar im Dienstgebiet der Polizei Remagen einer was von einem überzogenen Einsatz erzählen wollte, habe ich begriffen, dass auch das zum Standardrepertoire der Phrasen gehört, die man reflexartig auf Polizisten abfeuert, sobald diese irgendwie die eigenen Kreise stören.

Wirklich nett war die Freundin, die ja schon eigentlich alle Hände voll mit ihrem Freund zu tun hatte, nun aber noch seinen Kumpel im Zaum zu halten suchte. Ein echt patentes Mädchen, das sich dringend Gedanken um seinen Umgang machen sollte.

Mein persönliches „Highlight“ war übrigens der Moment, als sie versuchte Mr. Wichtig zu mehr Respekt zu bewegen. Sie sagte:
„Du redest hier nicht mit deinen Eltern, sondern mit der Polizei.“

Ein Satz, der im Nachgang im Streifenwagen bei mir einen Lachanfall hervorrief. Bei Licht betrachtet ist er aber einfach nur traurig!

Irgendwann waren alle Personalien aufgenommen und alle Gemüter so weit beruhigt, dass beide Parteien in unterschiedlichen Richtungen ihrer Wege gehen konnten. Die Polizei hielt sich noch einige Minuten am Ort auf, um sicherzugehen, dass der Teil mit den unterschiedlichen Richtungen auch hinhaut.

 

Bei der Gelegenheit sprach mich der Diensthundeführer an, der wohl schon länger auf unserer Facebook-Seite mitliest. Er mag uns!

Danke für die Rückmeldung! Auch das motiviert!

 

Zurück in der Dienststelle musste ich eigentlich nur noch die Schussweste abgeben, dann bestreiften Steini und I. netterweise noch einmal den Bahnhof Ludwigshafen-Mitte.

 

Es war auch neben der Polizeiarbeit spannend, mit vier Persönlichkeiten unterwegs zu sein, die so unterschiedlich sind – und alle einen tollen Job gemacht haben. Christian, der mir jeden Schritt sehr ausführlich aus Polizeisicht begründet hat. Steini, der mir vieles aus der individuellen Sicht eines Polizisten erklärt hat. Alex, der sofort macht, wenn es Not tut, ohne viel zu reden. (Deshalb kommt er in meinem Text auch ein bisschen zu kurz – was eigentlich nicht fair ist.) Und I., der umgekehrt recht viel redet, dabei aber eine so deeskalierende Art an Tag legt, dass es mir Spaß machte, ihm zuzuhören.

Danke Euch allen. Fast bedaure ich, nicht in Ludwigshafen zu wohnen und zu wissen, dass Ihr auf mich aufpasst. Aber nur fast. 😝 (Ein kleines Danke auch an I. dafür, dass du unsere Patches so mochtest.. 😉 )

Und danke an die PI Ludwigshafen 1 in ihrer Gesamtheit. Ihr macht einen echt tollen Job!

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Die Nacht der Unverschämtheiten – Nachtschicht in Remagen

„Ist das nicht langweilig, wenn du schon wieder in meinem Streifenwagen landest?“

Marcs Frage war ernst gemeint.

Nein, ist es nicht. Abgesehen davon, dass es auch keine andere Lösung gab. Mindestens einer der Dienst habenden Polizisten würde bereits gegen drei Uhr morgens die Nachtschicht beenden und dann war da noch eine Anwärterin, deren Ausbildung selbstverständlich Vorrang hat.

Der Dienstgruppenleiter der Vorschicht hatte es da schon eher getroffen.

„Du hast da Spaß dran, oder?“

Oh ja, und wie. Sonst würde ich es nicht so oft tun. Hinopfern tue ich mich nicht. Insgesamt macht mir KGgP ziemlichen Spaß – wenn man mal den ganzen Papierkram und einige unsägliche Kommentare auf Twitter und Facebook weglässt. Mit am meisten Spaß habe ich daran, darüber so viele neue Leute kennenzulernen.

Trotzdem freue ich mich auch mal hin und wieder bei Leuten mitfahren zu dürfen, die ich schon kenne. Marc hatte mich in meiner ersten Nachtschicht in Remagen schon im Streifenwagen gehabt. Für mich eine gute Erfahrung. Ich freute mich auf die Wiederholung.

Marcs Streifenpartnerin, Kathy, und der Rest der Schicht begrüßten mich auch sehr freundlich. Tatsächlich würden in dieser Nacht wenigstens bis drei Uhr insgesamt drei Streifen auf die Straße gebracht werden können. Tschakka!

Insgesamt stehen die Dinge in Remagen mittlerweile so, dass ich mir meine Schussweste und meinen nicht minder überlebensnotwendigen Kaffee selbst beschaffe.

„Du kennst dich ja aus.“

 

In der Schicht gibt es auch einen Polizisten, T., der schon einmal dienstlich an mir geworden war – nach einem Spiegelklatscher. Sein Kollege und er hatten das so freundlich abgewickelt, dass ich im Nachgang dem Dienststellenleiter dazu eine Mail schrieb. Wenn man sich schon permanent über die miserable Lobkultur in Deutschland beklagt, dann muss man selbst es anders halten. Nur Jammern bringt nichts.

 

Die Nacht begann wie die letzte mit Marc geendet hatte – mit einer Ruhestörung.

Übrigens meine erste Nacht auf der Rückbank des neuen Audis. War dann letztlich gar nicht mal so unbequem wie ursprünglich befürchtet – und die Sitzbank ist sehr komfortabel geformt.

Symbolfoto

 

An der Ausfahrt der Polizeidienststelle stoppte Marc den Streifenwagen, weil Kathy noch mit dem äußerst störrischen Navi kämpfte.

„Links lang“, sagte ich. Für genaue Wegbeschreibungen kann ich mir Straßennamen zu schlecht merken, sogar in einer Gegend, in der ich lebe und aufgewachsen bin. Aber für grobe Richtungsangaben reicht es. Marc vertraute meiner Angabe und bog nach links ab.

Am Fahrtziel angekommen, erwies sich diese Ruhestörung wirklich als extrem ähnlich zur letzten… wir hörten nämlich mal wieder… nichts.

Kathy und Marc klingelten bei den angegebenen Namen. Die jungen Damen waren offensichtlich schon gewohnt, dass ihnen die Polizei für nichts ins Haus geschickt wurde, denn sie reagierten freundlich und entspannt. Ein Spieleabend, aber die Musik hatten sie schon lange ausgeschaltet. Sie kannten ihre Nachbarn nämlich…

Dafür erwies sich die Einstellung des Bewegungsmelders als nervig. Das Licht sprang zwar an, aber jeweils nur für wenige Sekunden. Da ich mich als Praktikantin immer sehr gerne ums Licht kümmere (irgendwas muss jeder können), winkte ich etwa drei bis vier Mal pro Minute, um eine Unterhaltung unter der Beleuchtung einer sparsamen Energiesparlampe zu ermöglichen.

Irgendjemand sollte dem Menschen, der diese Taktung eingerichtet hat, mitteilen, dass der gewünschte Spareffekt davon mit Sicherheit nicht eintritt. Nun unterhält man sich nicht jeden Tag mehrere Minuten lang mit der Polizei, aber bei der Taktung wäre ja nicht mal aufschließen möglich, ohne dass das Licht zwischendurch ausgeht. Ständiges An und Aus frisst bekanntlich mehr Strom als so eine Lampe einfach mal zwei Minuten brennen zu lassen.

 

Als nächstes wurden wir zu einem Hausfriedensbruch in einer mir recht gut bekannten Gegend gerufen. Ein der Beschreibung der Hausbewohner nach zu urteilen heillos Besoffener hatte versucht, ihren Garten zu entern. Den Bewohnern war er unheimlich gewesen.

„Er hat erzählt, dass er mit einem X. am Rhein einen trinken war. Mittlerweile ist er nach da gegangen.“

Einer der Herren zeigte in Richtung Bahnhof. Ein anderer brachte uns transportable Lautsprecher und…

…ein Netz Zwiebeln.

Öhm…

„Das hat er hier liegen lassen.“

Ach so…

Für mich übrigens ein Einsatz, der mit einem sehr merkwürdigen Gefühl verbunden war. Wenige Häuser weiter war ich aufgewachsen. Damals, Ende der 80er, hatte mich die Polizei in einer kalten Februarnacht von Weiberdonnerstag auf Karnevalsfreitag mit dem Streifenwagen heimgefahren.

 

„Na, jetzt kannst du doch endlich sagen, was du damals wirklich angestellt hast“, mit diesen Worten wurde ich noch vor wenigen Jahren von einer ehemaligen Nachbarin, die ich zufällig im Supermarkt getroffen hatte, darauf angesprochen – was den Eventcharakter dieses Ereignisses vielleicht deutlich macht. Leider konnte ich der Nachbarin auch nach so vielen Jahren dazu nichts Spektakuläreres bieten als die Wahrheit – ich hatte den letzten Zug verpasst und die zufällig vorbeifahrende Streife, die ich darum gebeten hatte, mir ein Taxi zu beschaffen, hatte mich nach Hause gebracht. Womit die beiden Herren damals einen der Grundsteine für meine Sympathie für die Polizei gelegt haben. So gesehen sind sie „mitschuldig“ an der Existenz von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.

Offensichtlich haben sich die Zeiten geändert und das Auftauchen unseres Streifenwagens in dieser Straße wird in 30 Jahren kein Aufreger mehr sein… tja…

Zurück zum Eigentümer der Lautsprecher und der Zwiebeln…

Noch während Kathy seine Besitztümer ins Auto legte, kam ein Funkspruch rein, dass wenige 100 Meter weiter in genau der angegebenen Richtung ein Bewusstloser aufgefunden worden war.

Ah ja…

Den Zusammenhang kapierte sogar ich.

Wir fuhren los – und richtig. Da lag ein junger Mann, auf den die Beschreibung passte, am Wegesrand, bewusstlos. Ein Mitbürger hatte ihn dort liegen sehen und die Polizei alarmiert. Sehr lobenswert, aus meiner Sicht.

Marc sprach den Bewusstlosen an. Nach und nach kam er wieder zu sich, so dass er Marc seinen Ausweis reichen konnte. Kathy überprüfte per Funk seine Personalien. Gegen ihn lag nichts vor. Marc packte ihm seine Lautsprecher und Zwiebeln in den Rucksack.

Meine beiden Begleiter überlegten kurz, ob sie einen Rettungswagen alarmieren sollten, entschieden sich dann aber dagegen. Der Mann selbst wollte auch keinen. Er war ganz klar ziemlich volltrunken, aber nicht unfreundlich. Nachdem Marc ihm nach mehreren Anläufen klargemacht hatte, dass der Bahnhof nicht in der Richtung lag, in die er mehrfach starten wollte, sondern genau in die andere, schwankte er los. Damit war dieser Einsatz vorerst beendet.

Übrigens wäre in diesem Zusammenhang noch zu erwähnen, dass der ominöse X., mit dem unser Klient wohl am Rhein getrunken hatte, ein relativ polizeibekannter Herr ist, der am Ort eine Art Trinkerszene bildet. Selbst wenn die Polizei den einen oder anderen Betrunkenen (noch) nicht kennt, den sie aufgreift – X. ist das gemeinsame Zentrum, um das sie alle kreisen.

 

Als nächstes wurden wir zu Randalierern auf der Straße einen Ort weiter geschickt. Wir trafen drei junge Männer vor einem schicken Wagen aus Hamburg.

„Hier sollen welche randalieren.“

„Ja, nee, also ich hatte Streit mit meiner Verlobten“, sagte einer der jungen Herren. „Wir sind aber jetzt ruhig.“

Eine zweite Streife rückte an. Gut so!

„Läuft das jetzt wirklich friedlich?“

„Ja, versprochen! Ich hol da nur noch ein paar Sachen und dann fahre ich nach Hause.“

Das erschien nicht unwahrscheinlich, denn der junge Mann trug lediglich Shorts und T-Shirt – in einer nicht wirklich warmen Märznacht.

Da wir in dieser Nacht nichts mehr von dieser Front hörten, scheint er sein Versprechen gehalten zu haben.

 

Wir bestreiften ein wenig die Gegend, bei dieser Gelegenheit suchten wir noch einmal die Strecke zwischen der Stelle, wo die beiden unseren Betrunkenen auf den Weg zum Bahnhof gebracht hatten, und eben diesem Bahnhof ab. Er war verschwunden. Die Chancen standen also gut, dass er seinen Zug bekommen hat und bald sicher in seinem (mutmaßlich heftig unter ihm drehenden) Bett gelandet sein dürfte.

 

Von hier wurden wir von Ts. Streife als Verstärkung zu einem Einsatz hinzugerufen, bei dem es um einen Brand ging. Eine Sitzbank war angezündet worden. Die Feuerwehr war so schnell eingetroffen, dass kein Sachschaden entstanden war. T. und seine Partnerin hatten drei männliche Jugendliche gestellt, die sie im Verdacht hatte, diesen Brand verursacht zu haben.

Als wir eintrafen, war einer der Jugendlichen dabei, T. seinen Job zu erklären. Schon der Tonfall des Jugendlichen bei unserer Ankunft machte mir klar, dass dieser junge Herr im Unterschied zu mir wohl keine Mail an den Dienststellenleiter schicken würde – und wenn er es täte, würde sie ziemlich viele alternative Fakten, oder kurz gesagt Schwachsinn, beinhalten…

Zuerst einmal kam der Standardsatz, dass insgesamt fünf Beamte doch reichlich übertrieben seien als Kräfteansatz. (Für mich in Remagen überraschend. Vielleicht ist der Spruch mit dem „voll übertrieben“ auch einfach ein Reflex, der durch das Auftauchen von Menschen in blauer Uniform mit der Aufschrift POLIZEI ausgelöst wird. Wer weiß das schon so genau?) Schließlich, auch Standard, hätten sie ja gar nichts gemacht.

Der Wortführer hatte angegeben, dass er und seine Kumpels zum Zeitpunkt der Brandlegung nicht am Ort gewesen seien. Ihre Anwesenheit bei Eintreffen der Feuerwehr erklärte er damit, dass er eine WhatsApp-Nachricht bekommen habe, er solle dort erscheinen.

Diese WhatsApp-Nachricht wollte er aber nicht vorzeigen.

„Sie dürfen mein Handy gar nicht einsehen.“

Das ist so leider nicht ganz richtig, denn bei Sachbeschädigung und Brandstiftung geht es um Straftaten. Der Absender der Nachricht könnte mindestens ein wichtiger Zeuge, wenn nicht sogar der Täter sein – und in solch einem Fall ist die Strafprozessordnung da sehr eindeutig! Ein Blick in die §§ 94 ff. der Strafprozessordnung erleichtert hier die Rechtsfindung. In diesem Fall ist das Handy ein Beweismittel und darf in der Tat von der Polizei beschlagnahmt werden.

Dies versuchte T. seinem Gegenüber zu erklären.

Die Reaktion:

„Sie haben Ihre Meinung, ich habe meine.“

Das in einem unfassbar großkotzigen Tonfall vorgetragen. Als sei es nicht schon arrogant genug, einen unbestreitbar vorhandenen Gesetzestext als „Meinung“ zu titulieren.

Es ist mir zu müßig, das unsinnige Gerede des jungen Herrn hier en détail zu wiederholen. Fakt ist, dass er den Beamten weitere Unsäglichkeiten um die Ohren schlug, von denen ich hier nur zwei Highlights wiedergeben möchte:

  1. Als wir uns ans Einsteigen machten, beglückte er uns mit dem „freundlichen“ Hinweis: „Sie wissen ja, kein Alkohol am Steuer!“
  2. Im Laufe des „Gesprächs“ verstieg er sich zu dem Spruch: „Lassen Sie uns in Ruhe, dann lassen wir Sie in Ruhe!“ – was aus meiner Sicht schon recht nahe an einer Bedrohung liegt. Zumindest aber liegt bei ihm eine ganz klare Wahrnehmungsstörung vor, wer hierzulande die Rechtslage durchsetzt und wer nicht.
Symbolfoto

Nun habe ich bei meinen Schichten schon so einiges gehört, was Polizisten um die Ohren geschlagen wurde. Bis hierher hatten aber alle Absender derartiger Botschaften entweder kräftig unter Substanzen gestanden, waren nicht ganz Herr ihrer Sinne, gerade festgenommen worden oder eben alles zusammen. Hier traf nichts von allem zu. Gut, der junge Mann war nicht ganz nüchtern, aber keinesfalls besoffen genug, um ein derartiges Auftreten auch nur im Ansatz zu erklären.

 

Leider sollte das nicht unser letztes Zusammentreffen für die Nacht mit ihm werden, denn kurz darauf wurde die Polizei zu einer Schlägerei auf einem Platz gerufen, in dessen Nähe sich ein paar Restaurants, Kneipen und Gaststätten befinden.

Meine Freude kannte keine Grenzen, ein weiteres Mal Zeugin der charmanten Erziehung des jungen Herrn werden zu dürfen. Seine beiden Kumpels, die ihm schon bei der Geschichte mit der brennenden Bank sekundiert hatten, waren auch vor Ort, sowie weitere Herz erwärmende Exemplare seines Alters.

Eine Schlägerei gab es allerdings nicht – nur schlechtes Benehmen gepaart mit Gegröle.

Zuerst einmal wies Marc ihn an, eine Zigarettenschachtel aufzuheben, die er vor unseren Augen auf den Boden geworfen hatte, und in einem ganze fünf Meter entfernt stehenden Papierkorb zu entsorgen.

„Wieso ich?“

Ja, wieso nur?

Zu meiner Genugtuung gab er letztlich nach, wozu sicherlich beitrug, dass die dritte Streife ebenfalls einrückte. Natürlich nicht, ohne uns zu erklären:

„Voll übertrieben, das Polizeiaufgebot!“

Ja, ja, das hatten wir ja gerade schon mal.

Ich persönlich finde es eher übertrieben, dass man überhaupt ein solches Polizeiaufgebot braucht, um normal sozialkompatibles Verhalten durchzusetzen, aber gut…

Endlich, nach Absondern weiterer Sinnlosigkeiten, rückten diese Zeitgenossen ab und machten auch für den Rest der Nacht keinen Ärger mehr. Da war das Polizeiaufgebot im zweiten Anlauf wohl genau richtig gewesen, würde ich mal behaupten!

 

Nun ging es erst einmal in die Dienststelle, weil Marc und Kathy ihre ersten Berichte schreiben wollten.

 

Kurze Zeit später wurde wieder die Polizei angerufen. In einem Saal, den man extra für solche Events mieten kann, fand eine Feier zu einem 18. Geburtstag statt. Aus dem Ortsinneren kamen insgesamt 30 bis 40 Jugendliche zu diesem Saal geströmt. Der Anrufer teilte mit, dass es bereits zu verbalen Aggressionen gekommen sei. Der Inhaber des Etablissements befürchtete, dass sich eine Schlägerei entwickeln könnte.

Seine Befürchtungen waren derart stark, dass er noch einmal anrief, während wir schon auf dem Weg waren.

Mit allem, was die Polizei Remagen aufbieten konnte, also drei Streifenwagen, fuhren wir erst einmal die Straße auf und ab, um uns ein Bild zu machen. Tatsächlich schien es, als bewegten sich viele junge Leute auf den Saal zu. Gleichzeitig quollen aber auch viele aus dem Saal heraus. Die jungen Menschen, die in Richtung des Saals liefen, trugen auch vielfach keine Jacke. Es konnte also durchaus sein, dass die nur mal frische Luft geschnappt hatten. Aus Sicht meiner Begleiter sprach derzeit nichts für die Version des Betreibers. Dennoch…

Die drei Streifenwagen wurden abgestellt und wir machten uns, alle in einer großen Gruppe, zusammen auf den Weg und schlenderten zu Fuß die Straße entlang.

Einer der Jugendlichen stand allein am Straßenrand und wirkte auf den ersten Blick nicht unfreundlich.

Kathy sprach ihn mit einem höflichen „Guten Morgen!“ an und fragte dann nicht minder nett:

„Und, wie ist die Party?“

„Gut!“

Oha. Ein ganz gesprächiges Exemplar.

„Und wieso stehen Sie dann hier draußen?“

Nach wie vor war Kathy sehr freundlich.

„Weil ich es darf!“

Dies in einem Tonfall, der sich weit jenseits der Grenze zur Unverschämtheit befand.

Habe ich was verpasst? Ist heute die allgemeine Nacht der Arroganz ausgerufen oder was ist mit den Leuten los?

Auch dieser junge Mann schien nicht unter Substanzen zu stehen, hatte sich also bei klarem Verstand für ein derartiges Benehmen entschieden.

Ich muss zugeben, dass ich an dieser Stelle froh war, Marc aus den Augenwinkeln zum Streifenwagen gehen zu sehen. Ich folgte ihm auf dem Fuße. Hätte ich Zeugin einer weiteren Unverschämtheit an die Adresse meiner Begleiter werden müssen, hätte ich größte Schwierigkeiten gehabt, den Mund zu halten.

Kathy stieß auch wieder zu uns. Als nächstes begegneten wir dem Betreiber, dessen Auftreten gegenüber der Polizei ich auch im Rückblick eher mit Stirnrunzeln betrachte. Erstmal wurde nämlich aufgezählt, was die Polizei beim letzten Einsatz alles falsch gemacht habe.

Na, wenn er dafür Zeit hat, scheint es ja so furchtbar dringend nicht zu sein, mit der anstehenden Schlägerei.

Marc entschied sich für eine ungewöhnliche Maßnahme. Er setzte den Streifenwagen mehr oder minder genau vor den Eingang des Saals. Und da blieben wir erst einmal eine Weile stehen.

Symbolfoto

Warum?

Weil die Polizei es darf!

Und weil die liebenswürdige Reaktion von Kathys jungem Gesprächspartner schon recht deutlich gemacht hatte, dass die Polizei ganz klar störte – wenn auch noch nicht offensichtlich war, bei was.

Ich gebe zu, dass ich eine diebische Freude an Marcs so einfacher und doch so wirkungsvoller Idee hatte.

Die beiden anderen Streifenwagen fuhren weiter auf der Straße auf und ab. Hier und da wurde mal jemand von den beiden anderen kontrolliert, zum Beispiel, wenn er trotz des deutlich sichtbaren Polizeiautos vor dem Etablissement meinte, seinen Wagen ins Halteverbot stellen zu müssen. Das machte dann 15 Euro…

Das Gewusel aus jungen Menschen um uns herum nahm erst einmal zu. Nicht wenige, die aus dem Saal kamen und den Streifenwagen sahen, drehten wieder ab. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrfach, gerne auch mehrmals mit denselben Jugendlichen.

Wir standen. Es ging mittlerweile deutlich auf drei Uhr zu.

Nach einer Dreiviertelstunde tauchten plötzlich erste Taxis auf.

„Was wir hier an Trunkenheitsfahrten verhindern…“, stellte Marc gemütlich fest. „Wir ersetzen hier eine ganze Hundertschaft.“

Das Grinsen in seiner Stimme schwang deutlich mit. Ich grinste mit.

Nach etwas über einer Stunde hatten alle ihr Taxi nach Hause genommen und wir konnten abrücken.

Von diesem Einsatz erzählte ich am Tag danach Dirk, dem stellvertretenden Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. Er ist Polizist in Berlin, und das seit Jahren im Wedding. Mit Sicherheit gibt es in ganz Rheinland-Pfalz keine Dienststelle, die auch nur ansatzweise eine ähnliche Bevölkerungsstruktur vorfindet, wie die, mit der es die Polizei im Wedding zu tun hat. Da existiert einfach bei uns nichts Vergleichbares. Aber dafür gibt es in Berlin Verstärkung innerhalb sehr kurzer Zeit. Im Bereich der Polizeiinspektion Remagen nichts, worauf man hoffen könnte. Dirk zeigte sich sehr beeindruckt davon, wie die Schicht das gelöst hatte. Das macht mich ehrlich gesagt schon ein bisschen stolz, dass „meine“ Remagener einen altgedienten Berliner Polizisten beeindrucken.

 

Fast zum Abschluss der Nacht bekamen wir noch einmal eine Ruhestörung rein. Das war ein sehr spezieller Einsatz. Schon bei Betreten des Hauses schlug mir ein Geruch entgegen, der mich geistig in meinen ersten Einsatz in Ludwigshafen in einen sozialen Brennpunkt zurückkatapultierte.

Oha!

So weit muss man also gar nicht fahren, um mit solchen Verhältnissen zu tun zu bekommen.

Ein mir bekannter Polizist sagte einmal:

„Wir schauen in unserem Beruf hinter Türen, von denen viele Bürgerinnern und Bürger nicht einmal wissen, dass sie existieren.“

Stimmt!

Ich hatte nicht gewusst, dass es solche Häuser in meiner Heimatregion gibt.

Die Anruferin empfing uns nicht unfreundlich und informierte uns, dass ihre Nachbarin herumschreie und -poltere.

Kathy klingelte.

Keine Reaktion.

Sie klopfte.

„WAS?“

Nicht freundlich, aber wenigstens eine Reaktion von innen.

„Frau X., hier ist die Polizei.“

„Ich bin nicht angezogen.“

„Dann ziehen Sie sich bitte an. Wir möchten uns überzeugen, dass es Ihnen gut geht.“

„Rufen Sie die tschechoslowakische Kriminalpolizei.“

Hä?

Das wird schwer. Speziell vor dem Hintergrund, dass die Tschechoslowakei vor geraumer Zeit aufgehört hat zu existieren.

So schnell wollten Kathy und Marc nicht aufgeben

„Lassen Sie uns bitte rein“, dieses Mal versuchte es Marc. Mit einer derart beruhigenden Stimme – also ich hätte ihn reingelassen. „Wir wollen nur wissen, wie es Ihnen geht.“

„Ihr seid Engländer, also geht nach Hause.“

Das hatte immerhin eine gewisse Logik. Die Tschechoslowakei war lange eine kommunistische Diktatur gewesen. Jemand, der in den Zuständigkeitsbereich der tschechoslowakischen Kripo fiel und das auch gut fand, dürfte von Engländern tatsächlich nur mäßig begeistert sein.

„Lassen Sie uns bitte rein.“

„Rufen Sie die tschechoslowakische Kriminalpolizei. Ich komme morgen auf die Dienststelle. Da zeige ich ihnen dann, dass die tschechoslowakische Kripo für mich zuständig ist. Das steht in jedem PC.“

„Wir würden aber gern sehen, ob es Ihnen gut geht…“

Langer Rede, kurzer Sinn – der Dialog erwies sich als vollkommen fruchtlos und drehte sich im Kreis. Letztlich rückten wir wieder ab. Es gab keine Handhabe, sie zu zwingen, die Tür zu öffnen – ihre ziemlich laute Stimmlage legte nahe, dass sie sich bester Gesundheit erfreute.

Wie ihre Nachbarin allerdings das Problem mit den nächtlichen Ruhestörungen lösen kann? Das dürfte sehr problematisch werden.

 

Auf dem Rückweg in die Dienststelle ereilte uns noch einmal ein Funkspruch.

„Schaut mal in der N-Straße. Da ist ein verdächtiges Fahrzeug gesichtet worden.“

Wir fanden nichts.

Allerdings wohnt in dieser Straße einer der wenigen meiner Bekannten, die meinem Engagement mit Unverständnis begegnen.

Siehste, und trotzdem ist die Polizei für Dich da. Denn auch für Deine Sicherheit ist gesorgt, selbst wenn Du es nicht wahrnimmst und auch nicht bestellt hast. So sind sie, unsere Polizeibeamten.

 

 

Damit war auch diese Nachtschicht zuende.

 

Für mich bleibt als Fazit, dass ich nachts bestens schlafe, weil es meinem Sicherheitsgefühl weitgehend gut geht. Auch wenn bei uns (häufig zu) wenige Polizeibeamte am Start sind – was die wuppen und vor allen Dingen, WIE sie es wuppen… ich fühle mich in den besten Händen. Trotzdem wären mehr Polizisten kein Fehler, liebe Innenminister. Sie werden gebraucht!

Ein bisschen schockierend fand ich die unglaubliche Respektlosigkeit, der wir in dieser Nacht begegnet sind. Wie schon bemerkt, war das in der Form für mich mein bisheriger Rekord. Nun kann ich Respektlosigkeit gegenüber unseren bundesdeutschen Polizeibeamten generell nicht ausstehen, weil sie das definitiv nicht verdient haben. Gegenüber „meinen“ Remagener Polizisten kann ich es allerdings noch weniger leiden, da bin ich aus Gründen der Heimatbindung echt zu dicht dran. Na ja, und so weit zum Thema, dass in ländlichen Gebieten die Welt noch in Ordnung wäre.

Voll in Ordnung jedenfalls sind die Beamtinnen und Beamten, die Tag und Nacht für meine Sicherheit sorgen. Ihr seid super!

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Objektschutzstreife mit Hindernissen – Nachtschicht in Frankenthal

Im September vereinbart – fünf Monate später dann zur Ausführung gekommen… als Mensch, der hauptberuflich nicht für die Polizei arbeitet, muss ich meine Nachtschichten sorgfältig planen. Das geht nicht immer von jetzt auf gleich.

Anfang Februar befand ich mich auf den Weg nach Frankenthal zu meiner zweiten Nachtschicht dort. Obwohl ich das nun schon oft gemacht habe, bin ich jedes Mal ein wenig aufgeregt. Da half es, schon auf der Hinfahrt einen so netten Willkommenstweet zu lesen zu bekommen:

 

Netterweise wurde zum Zeitpunkt meiner Ankunft der Bahnhof bestreift – und ich gleich ins blau-weiße Auto eingesackt.

Dann ging es erstmal zur Dienststelle, die Formalitäten erledigen. Nachdem ich letztes Jahr noch in einer anderen Dienststelle als „Schülerpraktikantin“ mitfuhr, war ich dieses Mal schon „Filmproduzentin“. Sag noch einer, dass Schulbesuch sich nicht lohnt. (*Achtung! Witz!*)

Natürlich habe ich hier einen Fotoausschnitt gewählt, der mal wieder nicht alles zeigt – sozusagen ein klassisches Beispiel, warum man so genannte „Fotobeweise“ im Internet mit Vorsicht genießen sollte. Es geht dabei darum, dass ich eine Erklärung zum Thema Verschwiegenheit und Datenschutz unterzeichne.

Man stelle sich beispielsweise vor, jemand ruft die Polizei auf den Plan, weil ein Mann angeblich eine Frau sexuell belästigt. Nun gibt es tatsächlich Männer, die so etwas tun, aber eben auch einige, die eben nicht so sind. Die Polizei rückt ein – der Vorwurf stellt sich als haltlos heraus, aber die Person (Reporter, Schülerpraktikant oder ich) setzt den Vorfall mit Namen, Adresse und am besten noch mit exakter Personenbeschreibung und Berufsbezeichnung ins Internet oder in die Zeitung. Frei nach dem Motto „wo Rauch ist, ist auch Feuer“ würde der Betreffende in seinem Umfeld kein Bein mehr an die Erde bekommen. Deswegen Verschwiegenheitspflicht.

Wichtig ist, dass ich diesen Inhalt unterzeichne – welche Bezeichnung dabei in den Bildausschnitt rückt, ist relativ egal.

 

Kaum war das erledigt und ein schnelles Abendessen eingeworfen, machte mein Streifenteam, Joshua und Jasmin, sich mit mir im Schlepptau auf zu einer „Objektschutzstreife“. Es gibt im Bereich der Polizeiinspektion verschiedene Objekte, die der besonderen Aufmerksamkeit der Polizei bedürfen, da sie aus den unterschiedlichsten Gründen gefährdet sind. Sei es, dass die Bewohner dem einen oder anderen aus ideologischen Gründen nicht in den Kram passen, sei es, dass eine Vorgeschichte aus dem Bereich der Kriminalität dahintersteckt, in deren Rahmen Menschen bedroht werden, sei es ein anderer Grund – die Gründe, warum Menschen andere Menschen einschüchtern und/oder verletzen oder gar töten wollen, sind vielfältig. Man sehe mir nach, wenn ich hier nicht genauer werde, aber es heißt ja nicht umsonst Objekt“schutz“.

Wir waren damit noch nicht ganz fertig, als wir einen Einsatz reinbekamen. „Verwirrte Personen auf der Fahrbahn“. Auf einer stark befahrenen Straße. Unmittelbare Gefahren haben Vorrang. Also unterbrechen.

Am Ort angekommen, den der Anrufer am Telefon genannt hatte, erblickten wir vor allen Dingen – eine leere Fahrbahn. Hm?

Vorsichtig fuhren wir die Straße entlang und sahen dann tatsächlich zwei junge Leute, eine Frau und einen Mann, die auf der Fahrbahn entlang schlenderten. Verwirrt wirkten sie aber nicht.

Joshua stoppte den Streifenwagen, wir stiegen aus und meine beiden Begleiter überprüften kurz die Personalien der beiden. Gegen beide lag nichts vor. Es stellte sich heraus, dass sie auf dem Rückweg von einer Party waren und ihre rebellischen fünf Minuten hatten. Ein freundlicher Hinweis von Joshua, dass der Bürgersteig grundsätzlich ein sicherer Aufenthaltsort ist als eine stark befahrene Straße rundete die Sache ab.

 

Wir wollten uns gerade wieder auf den Weg auf die Objektschutzstreife machen, als der KVD (kommunaler Vollzugsdienst oder Ordnungsamt) um Unterstützung bat. Auf einem Spielplatz hielten sich lärmende Jugendliche auf.

Bei unserem Eintreffen hatten die Herren vom KVD die Sachlage vollkommen im Griff, es ging nur darum, die Unterzahl auszugleichen.

Die Jugendlichen waren in der Nähe auf einer Party, verlegten aber einen Part, der auch das Rauchen einer selbst gebastelten Shisha beinhaltete, an diesen Ort.

Es war allerdings deutlich nach 22 Uhr, die Anwohner hatten ein berechtigtes Interesse an Schlaf, und so ein Spielplatz richtet sich eigentlich an eine deutlich jüngere Zielgruppe. Ein bisschen kühl war es auch.

 

Auch dieser Einsatz endete freundlich. Wenn ich mich recht entsinne, erhoben die beiden Herren vom Ordnungsamt eine Geldbuße. Na ja, und die selbst gebastelte Shisha wurde vom KVD beschlagnahmt.

 

Nächster Versuch, die Objektschutzstreife wieder aufzunehmen. Dieses Mal kam eine Unfallaufnahme dazwischen. Auf der Anfahrt fuhren wir über eine Straße, von der aus man Ludwigshafen am Horizont sehen kann. Ein sehr beeindruckender Anblick. Der kommt natürlich auf einem Handyfoto aus einem fahrenden Auto nur sehr eingeschränkt raus – aber man sieht schon, welch enormes Licht diese Stadt abstrahlt.

Auf einer Kreuzung hatten sich zwei KFZ getroffen. Der Schaden hielt sich in Grenzen, entsprechend waren alle Beteiligten vergleichsweise ruhig. Im Grunde ging es primär darum, dass eine ordentliche Unfallaufnahme stattfinden musste, weil einer der Unfallbeteiligten einen Firmenwagen fuhr und für die Versicherung ein Protokoll der Polizei brauchte.

 

Wieder ein Versuch, die Objektschutzstreife fortzusetzen. Diese wurde durch eine rasante Blaulichtfahrt unterbrochen. Eine Nachbardienststelle brauchte Unterstützung. Schlägerei.

Als wir eintrafen, waren bereits zwei Rettungswagen vor Ort sowie etwa zehn Streifenwagen. Aus Frankenthal kamen insgesamt noch drei Streifenwagen hinzu. Ein sehr beeindruckendes Bild, von dem ich leider nur einen Ausschnitt fotografieren konnte, als der Einsatz beendet war. Mein Interesse ist nicht, bei Schlägereien die Aggressionen noch anzuheizen, indem ich den Menschen eine Kamera oder mein Handy ins Gesicht halte. Was in solchen Situationen nicht diskret aus der Hüfte geht, wird nicht abgelichtet. Fertig!

Ich sah sogar einige bekannte Gesichter aus Ludwigshafen 1, aber die Situation war ganz klar zu angespannt, um ein Wiedersehen zu feiern. Falls Ihr mich erkannt habt – ich hab Euch auch erkannt und mich gefreut, Euch zu sehen.

Nun zum Einsatz an sich. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben.

Wir leben in einem gesellschaftlichen Klima, in dem für viele Teilnehmer an der öffentlichen Diskussion zwischen schwarz und weiß keine Graustufen mehr existieren. Das trifft mittlerweile für die meisten Themen zu, bei diesem verstärkt sich das Phänomen allerdings wie unter einem Brennglas.

Der eine oder andere wird mit Sicherheit kräftig verallgemeinern – manche lesen ja grundsätzlich aus jedem Text das raus, was sie rauslesen wollen.

In dieser Gemengelage werden unsere Polizeibeamten zerrieben, denn sie müssen mit der Realität umgehen. Eine Realität, die zu komplex ist, um sie zu reduzieren. Sie hat unendliche viele Ursachen, vermutlich so viele Ursachen, wie es individuelle Menschen gibt.

Dies war mein zweiter Einsatz in einer Unterkunft für Migranten. Mein erster fand in Fürth statt (ich beschrieb den Einsatz im Nachgang in einem Artikel dazu), ein einer Unterkunft, in der in erster Linie Familien und Paare leben. Wir sind damals zu dritt (zwei Polizeibeamte und ich) hineingegangen. Uns schlug keinerlei Aggression entgegen, im Gegenteil half uns eine Bewohnerin an unser Ziel. Ich verspürte zu keinem Zeitpunkt Angst. Auch meine beiden Begleiter gaben sich nicht anders als für den Rest der Schicht.

In dieser Unterkunft war das völlig anders. Die Wohnstätte ist ausschließlich mit jungen Männern belegt.

Die Wohnverhältnisse sind reichlich beengt. Entsprechend ist es insgesamt recht unordentlich und entsprechendes Konfliktpotential ist vorhanden.

Natürlich sieht das Konfliktpotential da, wo viele Familien aufeinander treffen, völlig anders aus als dort, wo ungebundene junge Menschen zusammenkommen, die für niemanden unmittelbare Verantwortung tragen.

Das sollte jeder im Hinterkopf haben, wenn er beurteilen will, warum es hier zu einer Schlägerei mit insgesamt drei Verletzten kam. Damit möchte ich die Schläger keinesfalls entschuldigen. Im Gegenteil. Ich bin nach wie vor große Freundin der Eigenverantwortung. Für meinen Geschmack machen es sich viele Menschen zu leicht, indem sie die Ursachen für ihre Schwierigkeiten grundsätzlich woanders verorten.

Wir sind durch dieses Wohnheim gegangen, durch einen Flur, in dem sich eine riesige, weiträumig verschmierte Blutlache ausbreitete. Im Unterschied zu Fürth hatte ich Angst. Wie immer weniger um mich, als um meine Begleiter. Ich weiß, die würden mich nicht mit reinnehmen, wenn sie nicht wüssten, dass sie mich heil und am Stück wieder rausbringen können – ich will nur nicht, dass sie sich dafür eine Verletzung fangen. Im Unterschied zu Fürth kamen wir aber auch in eine hochaggressive Grundstimmung. Nach einer Schlägerei wird man grundsätzlich recht wenige tiefenentspannte Menschen vorfinden.

Die Beamten veränderten ihre Körpersprache und ihre Stimmlage mit Betreten der Unterkunft sehr deutlich, hier war ganz klar Schluss mit lustig. Sie haben in jedes Zimmer geschaut. Natürlich haben sie angeklopft – sehr nachdrücklich. Sie haben alles konfisziert, was sich als Waffe benutzen lassen kann – Latten, Fahnenstangen, Besenstile und versuchten, die um die Blutlache herum Wohnenden zu befragen. Niemand hatte etwas gesehen und niemand hatte etwas gehört.

Natürlich ist mit Abrücken der Polizei die Ursache für das Problem nicht beseitigt. Für Sozialarbeit in großem Umfang ist die Polizei allerdings nicht zuständig – und wenn ich meine eigenen Erfahrungen aus den Schichtbegleitungen mal zugrunde legen darf, dann tun die allermeisten Polizisten sowieso schon weit mehr davon als in ihrer Arbeitsplatzbeschreibung steht. Trotz der personell angespannten Lage.

Das dürfte wieder einer der Einsätze gewesen sein, die ein Gefühl der Vergeblichkeit zurücklassen und ein Gefühl, allein gelassen zu werden von der Gesellschaft.

 

Direkt im Anschluss wurde mir wieder eine Blaulichtfahrt geboten – in einem der Nachbarorte von Frankenthal sollte es zu einem Fall von häuslicher Gewalt gekommen sein. Der entpuppte sich allerdings als Fehlalarm.

In der Zwischenzeit beendete eine andere Streife unsere Objektschutzstreife. Wieder einmal eine Schicht, in der alles anders kam als es angedacht… und sie war ja noch lange nicht vorbei.

Als nächstes bekamen Joshua, Jasmin und ich einen Einsatz rein, in dem ein Mann die Polizei um Hilfe rief, weil seine Freundin betrunken Auto fahren wollte. Er habe sie daran gehindert.

Symbolfoto: Andere Einsatzörtlichkeit

Als wir an seiner Wohnadresse eintrafen, schlug uns beim Öffnen der Tür schon eine stramme Alkoholfahne entgegen. Würde ich so nach Alkohol riechen, läge ich vermutlich bewusstlos unter dem Tisch.

Der Herr erschien aber durchaus orientiert und sprach sehr klar. Er hatte genau das Richtige getan, nämlich seiner Freundin ihren Autoschlüssel abgenommen. Sie sei daraufhin zu Fuß verschwunden, sie hatte seine Maßnahme wohl auch nicht sonderlich erfreut aufgenommen.

Er zeigte uns den Wagen, ein Halterabfrage bestätigte seine Angaben.

Den Autoschlüssel wollte er auch nicht behalten, vermutlich um sich im Nachgang nicht irgendwelchen Vorwürfen durch die Frau auszusetzen. Also nahmen den meine beiden Begleiter an sich, nicht ohne ihn an dem fraglichen Auto auszuprobieren.

Den konnte sich die Dame dann nach erfolgter Ausnüchterung auf der Wache in Frankenthal abholen. Dies erlebte ich natürlich nicht mehr selbst mit, da die Schicht sich zunehmend ihrem Ende zuneigte.

 

Der nächste Einsatz war ein Einbruchsalarm in einem Supermarkt. In einem Vorraum vor dem Supermarkt befindet sich eine kleine Filiale einer Bäckereikette. Die Verkäuferin hatte morgens den Laden geöffnet, und hatte dabei versehentlich den Alarm ausgelöst.

Leider erwies sie sich nicht als sonderlich auskunftsfreudig oder gar hilfsbereit in Hinblick darauf, dass sie den Zuständigen alarmiert hätte, der diesen Alarm abstellen könnte. So standen wir eine Weile in diesem Nerven zerfetzenden Jaulton, während Joshua versuchte, der Dame Informationen abzuringen.

 

Als endlich ein Verantwortlicher alarmiert worden war, um den Alarm zu beenden, lag das Schichtende bereits in greifbarer Nähe. Jasmin und Joshua wollten gerade Richtung Dienststelle fahren, als der nächste Alarm kam. Wieder in einem Supermarkt. Zur Abwechslung allerdings ein Feueralarm.

Offenbar zu Alarmspezialisten ernannt, wurde meine Streife geschickt. Mit mir. Was mir jetzt nichts ausmachte, denn meine Züge nach Hause fahren sowieso eher spät. Ich bin nicht unglücklich, wenn ich bespaßt werde. Für meine beiden Begleiter tat es mir allerdings schon leid.

Wir waren die ersten am Einsatzort, bei einem Brandalarm kommt natürlich auch die Feuerwehr ins Spiel. Wir umkreisten zweimal das Gebäude, konnten aber keine Rauchentwicklung erkennen.

Dann tauchte die Feuerwehr auf. Mit zwei Löschzügen und zwei weiteren Fahrzeugen. Ich war im Blaulichtparadies. Yeah!

Die Feuerwehrleute betraten zuerst das Gebäude, um einen Brandherd zu finden. Auch hier war es nur ein Fehlalarm.

Nachdem sowohl die Feuerwehr als auch die Polizei den Knopf zum Abschalten des Alarms nicht fanden, musste wieder ein Verantwortlicher her.

Bis der erschien, blieben wir, also mein Streifenteam und ich, vor Ort, da ja durch den Feuerwehreinsatz eine Tür offenstand. Die Feuerwehr hingegen rückte nach und nach ab.

Schließlich konnten auch wir abrücken und es ging zurück in die Dienststelle. Die Folgeschicht war schon da, aber Joshua und Jasmin hatten noch ein paar Berichte zu schreiben.

So lange saß ich schon mal mit dem Rest der Nachtschicht im Sozialraum und wir tranken zusammen noch einen Kaffee. Schließlich kam mein Streifenteam auch noch dazu.

Gemeinsam konnten wir die Nacht noch einmal Revue passieren lassen, insbesondere den Einsatz bei der Schlägerei.

Ich verstehe, dass diese Zusammenkünfte vielen Polizeibeamten gut tun, denn mir hat es auch gut getan. Das ist noch einmal etwas anderes als darüber zu schreiben.

Danke für die gemeinsame Runde am Morgen und danke für die spannende Nacht mit den interessanten Einblicken.

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ein Besuch bei unseren Nachbarn

„Denen sitzt der Schlagstock / die Schusswaffe lockerer als bei uns.“

„Die sind deutlich härter als unsere Polizisten.“

Solche Sätze höre ich immer wieder, wenn es um die französische Polizei geht. Spannenderweise höre ich seit Jahren entsprechende Töne in Frankreich, wenn es um die deutsche Polizei geht. Übrigens in beiden Fällen auch von Polizisten.

Dabei sind die Unterschiede gar nicht mal so groß – Frankreich und Deutschland sind beides Demokratien mit einer rechtstaatlich verfassten Polizei.

Ja, es ist korrekt, dass es in Frankreich keine eigene Vokabel für „Körperverletzung im Amt“ gibt. Das heißt aber deswegen noch lange nicht, dass Polizisten dort alles dürfen. Sie werden dann eben wie jeder andere Bürger auch wegen „coups et blessures volontaires“ (vorsätzliche Schläge und Verletzungen, also Körperverletzung) zur Verantwortung gezogen.

Ich bekam auch schon die These zu hören, gegen französische Polizisten würde nach Schusswaffengebräuchen kein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Natürlich passiert das. Allerdings haben sie keine Ermächtigungsgrundlage dafür, die den bundesdeutschen Polizeigesetzen vergleichbar wäre. Sie haben ein Notwehrrecht, dass bis Januar 2017 im Umfang sogar unter dem der deutschen Polizeibeamten lag. Es wurde allerdings mittlerweile sinnvollerweise an das der Gendarmerie angepasst und ist damit der deutschen Rechtslage recht ähnlich geworden.

 

Wer regelmäßig meinen Blog liest, weiß, dass ich Frankreich als meine zweite Heimat betrachte. Deswegen freut es mich auch immer, wenn ich nicht nur dort sein darf, sondern auch mit französischen Polizistinnen und Polizisten ins Gespräch komme. Während ich mich zu einem Kurzaufenthalt in Paris aufhielt, fand der Anschlag auf den BVB-Bus statt, bei dem auch ein Polizist verletzt wurde. Dazu twitterte die Police Nationale 67, also des Départements Bas-Rhin rund um Straßburg – Elsass:

 

 

Das gefiel mir so gut, dass ich über die Nachrichtenfunktion von Twitter Kontakt zum Absender des Tweets aufnahm.

 

Keine Woche später, am 18. April 2017 war ich dann in Straßburg und stellte fest, dass es dort Hotels für bekennende Polizistenfreundinnen gibt. 😉

 

 

Vor diesem Kommissariat eine lange Schlange (im Bild hinter der Hecke wegen der Persönlichkeitsreche der Wartenden). Entsprechende Schlangen sind mir auch schon in Paris vor den Dienststellen aufgefallen.

Am 23. April 2017 fand in Frankreich der erste Wahlgang für die Präsidentschaftswahlen statt. Wenn man sich aus irgend einem Grund nicht persönlich zum Wahllokal begeben kann, kann man sich entweder für Briefwahl entscheiden oder aber auch für die Wahl „par procuration“. Man gibt jemandem eine Wahlvollmacht, der dann in Vertretung die Wahl vornimmt. Für das Ausstellen dieser „procuration“ ist die Polizei zuständig. Man kann sich über den Sinn dieser Zuständigkeit streiten, denn über viele Tage waren damit in sämtlichen Polizeidienststellen einige Kräfte gebunden. Gerade in der aktuellen Lage wäre da aus meiner Sicht eine Alternativlösung mehr als angebracht. Für mich persönlich war allerdings auch erstaunlich, wie viele Menschen ernstlich einen Stellvertreter in die Wahlkabine schicken. Das setzt für mich ein sehr großes Vertrauen voraus, dass der Vertreter wirklich das wählt, was man selbst wählen würde.

 

 

Ich rief meinen Gesprächspartner an und wurde abgeholt. Joël, so heißt er, ist verantwortlich für die Kommunikation der Police Nationale in Straßburg. Er interviewte mich nach einer freundlichen Begrüßung für einen Artikel im Intranet der Police Nationale. Dabei hatte ich das Gefühl, noch mal ein wenig auf den Zahn gefühlt zu bekommen. Gut so, denn in heutigen Zeiten kann die Polizei nicht vorsichtig genug sein. Zu viele Extremisten jeglicher Couleur, die sich über erstaunlich lange Zeiträume gut verstellen können.

Dann bekam ich eine Führung durchs Haus. Zuerst besichtigten wir die Einsatzleitzentrale. Wie bei uns laufen dort die Notrufe auf, werden direkt ins System eingegeben und den eingesetzten Polizeibeamten zur Weiterbearbeitung zugeleitet. Auf dem Fernseher lief gerade BFM-TV. „Das ist doch der Sender, der beim Einsatz am 9. Januar 2015 im HyperCacher mehr wusste als die Polizei?“ (Der Geiselnehmer hatte den Sender angerufen, der dann seinerseits zum Leidwesen der Einsatzleiter alles an Informationen rausknallte, was er von dem Mann bekam…)

 

Damit ersparte ich Joël schon mal die halbe Erklärung. Die Medien sind heutzutage so schnell, dass die Einsatzmaßnahmen schneller anlaufen können, wenn man weiß, was in der Welt vorgeht. Auch deutsche Einsatzleitzentralen haben einen Fernseher, aus dem gleichen Grund.

Ein augenfälliger Unterschied ist hingegen hinter mir zu sehen. Straßburg ist mit insgesamt 600 Überwachungskameras ausgestattet. Die Aufnahmen von acht von diesen werden direkt in die Einsatzleitzentrale geleitet.

Diese 600 Kameras werden von Mitarbeitern der Stadt Straßburg bedient. Die entscheiden auch, was für die Polizei wichtig sein könnte und welche Bilder auf diesem Bildschirm landen. Allerdings kann die Polizei jederzeit dort anrufen, und um bestimmte Bilder bitten bzw. um einen Zoom auf entsprechende Ereignisse. Joël versicherte mir, dass die Zusammenarbeit mit diesen Kollegen, wie er sie sympathischerweise nennt, sehr gut klappt.

Übrigens legt sich ein automatischer Grauschleier über den Teil des Bildes, der ein Fenster oder eine Glastür abbildet, wenn die Kamera Gebäude streift. Auch in Frankreich darf ausschließlich öffentlicher Grund überwacht werden.

 

Anschließend bekam ich den Fuhrpark gezeigt. Wenig überraschend, die Motorräder sind Maschinen von BMW. Ich wüsste gar nicht, wer neben BMW noch Motorräder für Sicherheitskräfte herstellt.

 

Die KFZ hingegen sind französische Fabrikate. Dabei war ein Modell besonders auffällig. Im Blaulichtbalken befinden sich insgesamt acht Kameras, die bei einer Streifenfahrt ununterbrochen die Nummernschilder der Fahrzeuge abtasten, denen der Streifenwagen begegnet. Ist ein KFZ-Kennzeichen als gestohlen gemeldet, geht automatisch eine Meldung an das Streifenteam, der Wagen kann also sofort einer Kontrolle unterzogen werden. Dieses Modell ist übrigens gerade nicht im Bild. Mein Daumen hoch im Foto bezieht sich auf meine Sympathie für französische Ordnungskräfte.

Vermutlich bekommen jetzt so einige Datenschützer Ausschlag. Allerdings kann ich sie beruhigen. Auch die französische Polizei hat bei weitem nicht das notwendige Personal, das man für eine lückenlose Überwachung braucht. Ich empfehle dazu die Lektüre des Buches von Egbert Bülles (Deutschland, Verbrecherland? Mein Einsatz gegen die organisierte Kriminalität), einem ehemaligen Kölner Staatsanwalt. In einem Kapitel beschreibt er den Kräfteansatz, den es brauchte, um einen Schwerverbrecher rund um die Uhr zu überwachen. Rechnet man das hoch, weiß man, dass die Polizei diese Überwachung schon personell gar nicht leisten kann.

 

Insgesamt hat mir der Besuch sehr gut gefallen. Ich freue mich, dass die Arbeit von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. auch bei unseren Nachbarn auffällt und ankommt.

 

 

Bei Joël handelt es sich übrigens um einen Franzosen, dessen Sympathien für Deutschland den meinen für Frankreich durchaus ähneln. Er hat auch für die gemeinsamen Fahrradstreifen zwischen Straßburg und Kehl folgendes Logo entwickelt:

 

 

Im Grund könnte mit diesem schönen Zeichen gutnachbarschaftlicher Beziehungen der Artikel enden, wenn nicht zwei Tage nach meinem Besuch auf den Champs-Elysées ein Anschlag auf Polizisten verübt worden wäre. Der Täter eröffnete das Feuer auf einen Mannschaftwagen der Polizei. Ein Polizist, Xavier Jugelé, starb mit gerade mal 37 Jahren. Zwei weitere Beamte wurden verletzt, ebenso eine deutsche Touristin.

 

(Heute Abend blutet das Herz der Polizisten. Es gibt keine Worte, um unseren Schmerz zu beschreiben. Unsere Gedanken gehören allen Opfern und jenen, die ihnen nahestehen.)

 

Nicht nur in den sozialen Netzwerken wurde dieser Vorfall missbraucht, um auf dem Rücken der Opfer weiterhin Hass zu schüren… und damit genau das getan, was Ziel der Terroristen ist.

Ich hoffe, dass dieser Erstkontakt zwischen Joël und mir, der Police Nationale und Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dazu beiträgt, Gräben der Vergangenheit gar nicht erst wieder aufkommen zu lassen oder auch bestehende Gräben zu schließen – zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen Polizisten und Nichtpolizisten… Mich persönlich erfüllen jedenfalls die Gräben, die sich derzeit an allen Ecken und Enden auftun, mit Sorge und mit Traurigkeit. Dagegen werde ich mich stemmen, wo ich kann.

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Rosenmontag im Advent – Nachtschicht in Mainz

Zufällig und zu meiner großen Freude handelte es sich bei der Nachtschicht nach der Weihnachtsmarktstreife genau um die Schicht, mit der ich vor etwa einem Jahr schon einmal unterwegs gewesen war. „Meine“ damalige Streifenpartnerin Marina nahm mich auch gleich wieder unter ihre Fittiche und stellte mich ihrem Streifenpartner für die Nacht, Felix, vor. David ist mittlerweile an einer anderen Dienststelle. Auch die anderen aus der Schicht freuten sich, mich wiederzusehen. Ganz meinerseits!

 

Unsere erste Mission war, Essen zu beschaffen. Das war auch gut so, denn ich hatte allmählich Hunger bis unter beide Arme. Diese Düfte auf dem Weihnachtsmarkt, die von allen Seiten an mich herangezogen waren, hatten die Sachlage nicht besser gemacht.

 

Ich hatte meine Pizza noch nicht einmal zur Hälfte eingefahren, als ein Einsatz wegen eines vermissten Kindes reinkam. Das sind Einsätze, bei denen die Polizei alles auf die Straße wirft, was sie hat.

Also nix wie raus.

Eine weitere Streife war schon bei der Mutter des Kindes eingetroffen. Diese gab an, sie sei mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt gewesen. Das Sohn, drei Jahre alt, sei beim Freund der Mutter gewesen, und von dort abhandengekommen.

Polizei: „Kann er beim Vater sein?“

„Der Vater sitzt im Knast.“

Polizei: „Und wieso war das Kind bei Ihrem Freund?“

„Das ist der Adoptivvater. Also ab übermorgen.“

Innerlich runzelte ich die Stirn. Zufällig kenne ich mich mit Adoptionsrecht halbwegs aus. Seit wann reicht da eine Beziehung ohne Trauschein? Aber gut, vielleicht hat sich die Rechtslage da kürzlich geändert. Ich hatte allerdings keine Zeit, das tiefer zu durchdenken. Schließlich wollte ich nichts verpassen.

Polizei: „Und wo ist der jetzt?“

„Na, irgendwo.“

Ah ja…

Einer der versammelten Polizeibeamten versuchte, die Personalien der Beteiligten aufzunehmen. Bei einer Freundin der Mutter stimmte die angegebene Adresse mit der Adresse auf dem Personalausweis nicht überein. Nun hatte ich selbst schon mal in meinen jungen Jahren eine Ummeldung verschlampt. Das ist aber kein Grund, dann pampig zu Polizisten zu werden, wenn die versuchen, ordentliche Personalien zu bekommen.

Schließlich fragte einer der Beamten die Mutter:

„Und wo ist Ihr Freund gemeldet?“

Hätte ja sein können, dass der mit dem Jungen daheim ist, deswegen war die Frage mehr als berechtigt.

„Der hat derzeit keine Meldeadresse.“

Jetzt war ich vollends verwirrt. Jemand, der keinen offiziellen Wohnsitz hat, soll demnächst ein Kind adoptieren dürfen? In der Bundesrepublik Deutschland? NEVER EVER.

Marina wählte einen pragmatischen Ansatz:

„Haben Sie ein Foto von dem Jungen?“

Sehr gute Frage.

„Ja. Moment.“

Es folgte eine ausgiebige Suche in der Galerie des Smartphones. Sehr ausgiebig.

Also ich tendiere ja auch zu Datenmüll, weil ich viele Fotos mache, finde aber doch ziemlich schnell Bilder der Menschen, die mir lieb und teuer sind.

Schließlich hielt sie uns ein Bild unter die Nase, das einen kleinen Jungen im Bademantel zeigte. Offensichtlich mit Photoshop ausgeschnitten, denn er schwebte frei vor einem weißen Hintergrund.

Nicht nur mir drängte sich an dieser Stelle der Verdacht auf, dass hier die Polizei mit einem Phantom beschäftigt sei. Dennoch – solange nicht ganz sicher war, dass dieses Kind tatsächlich nur in der Phantasie dieser Frau existierte, musste alles getan werden, um es zu finden.

Marina, Felix und ich suchten den mittlerweile weitestgehend in Schließung begriffenen Weihnachtsmarkt ab. Niemand berichtete uns von einem weinenden Kind. Wir schauten bei einem kleinen Karussell. Nichts!

In der Zwischenzeit befassten sich weiterhin zwei Polizisten mit der Frau, andere suchten ebenfalls die Stadt ab.

Ergebnislos.

Da wir im Nachgang auch nichts mehr davon hörten und auch keine Vermisstenanzeige einging, gehe ich davon aus, dass dieses Kind niemals existiert hat. Allerdings hatte ich auch nicht den Eindruck, dass die Dame einfach mal so eben aus Spaß ein ganzes Rudel Polizisten mit einer sinnlosen Suche beschäftigen wollte. Ich persönlich vermute ein psychologisches Problem dahinter.

 

Wir begaben uns zurück zur Dienststelle und aßen unsere Pizza fertig. Im Anschluss daran lieferten wir einen USB-Stick beim Geschäftsführer eines Mainzer Lokals ab. Darauf hatten sich Aufzeichnungen seiner Videoüberwachung befunden, mit der er eine Straftat aufgezeichnet hatte. Zwar wurden wir neugierig beäugt, aber ich hörte keine dummen Kommentare. Geht doch!

 

Als nächstes wurde ein Einbruch in eine Kindertagesstätte gemeldet. Mit zwei Streifen fuhren wir zur angegebenen Adresse.

Die Kita lag am Ende einer Sackgasse, aus der sich auch gerade ein Kleinwagen entfernen wollte. Was Felix vereitelte, indem er den Passat mitten in den Weg parkte.

Am Steuer des Kleinwagens eine junge Frau. Sie sah nicht so aus, wie ich mir den typischen Einbrecher vorstelle – aber wenn ich eines bei der Polizei gelernt habe, dann, dass die Dinge selten so sind wie sie scheinen.

Hier trog der Schein aber nicht. Während Marina die Personalien der jungen Frau aufnahm, schaute eine weitere Streife danach, was in der Kita selbst los war. Dort fand eine Adventsfeier statt. Die Mutter der jungen Frau nahm an dieser Feier teil und hatte etwas daheim vergessen. Ihre Tochter brachte es ihr, für die Übergabe war eine Tür geöffnet worden, die einen stillen Alarm in Gang gesetzt hatte.

Im Grunde war damit alles geregelt.

„Bin ich jetzt vorbestraft?“

Jetzt verstand ich. Ich hatte mich die ganze Zeit gewundert, warum die junge Frau die ganze Zeit so hart an der Grenze zur Patzigkeit laviert war. Die hatte einfach Angst.

Marina erklärte ihr sehr freundlich, dass das nicht der Fall sei und warum.

Nun werde ich selbst angemessen nervös, wenn die Polizei an mir dienstlich wird. Insofern verstehe ich das grundsätzlich. Aber was für ein Polizeibild steckt bitte mittlerweile in den Köpfen vieler Menschen, wenn man sich für solch eine harmlose Sache vorbestraft glaubt? Meines Erachtens muss da bereits im Bildungssystem dringend Aufklärung stattfinden. Lehrer sollten da mit Polizisten viel mehr an einem Strang ziehen und klar machen, dass man nicht gleich vorbestraft ist, wenn Polizisten mal ein paar Fragen stellen.

 

Anschließend hatten wir Zeit für etwas, was vielen Polizisten auf ländlichen Dienststellen mittlerweile als reiner Luxus erscheint. Einbruchspräventionsstreifen.

Symbolfoto: Andere Einsatzörtlichkeit

Allerdings dauerte auch in der Landeshauptstadt dieses Glück nicht allzu lang an, denn es kam ein Funkspruch rein:

„Am Bahnhof kam es zu Randale in einem Lokal. Die Randalierer sind noch vor Ort.“

Eigentlich das Dienstgebiet von Mainz 2, aber wir waren ziemlich nah dran. Näher als alle Streifen von Mainz 2.

Also entschieden Felix und Marina, hinzufahren. Mit Blaulicht und Martinshorn.

Wir waren die erste Streife am Bahnhof.

Raus aus dem Streifenwagen. Umschauen.

Randalierer? Wo jetzt?

Ein junger Mann im Kellnerdress mit einem hübschen Hämatom auf der Wange deutete auf eine Gruppe sehr bürgerlich aussehender Menschen.

Die?

Ein zweites und ein drittes Polizeiauto flogen ein. Noch mal Mainz 1 sowie die Wochenend-Verstärkung im Viererbus (je zwei Beamten der PI Mainz 1 sowie zwei Beamten einer anderen Dienststelle), mit der aktuell die Auswirkungen des in den letzten 25 Jahren deutlich lebhaft gewordeneren Mainzer Nachtlebens in Schach gehalten werden.

Marina, Felix und zwei der Polizisten aus dem Viererbus widmeten sich nun der Gruppe, die uns der Kellner gezeigt hatte, die anderen sprachen mit dem Kellner. Zwei gingen auch in das fragliche Lokal.

Die Leute, auf die wir zugingen, wirkten sympathisch. Da konnte ich mir durchaus vorstellen, mit denen mal einen trinken zu gehen. Sie erzählten uns, dass sie auf dem Weihnachtsmarkt gewesen waren und von dort mit dem Zug hätten heimfahren wollen. Wegen dem Glühwein. Aus meiner Sicht ein sehr vernünftiger Ansatz. Da zwischen Schließung des Weihnachtsmarktes und Abfahrt des Zuges eine gute Stunde totzuschlagen war und die Nacht allmählich bitter kalt wurde, entschlossen sie sich, in ein Lokal zu gehen. Dort sei man dann aber unberechtigterweise herausgeflogen.

Eine vierte Streife, dieses Mal von Mainz 2, traf ein.

Eine Frau, die sich bisher zurückgehalten hatte, gab in recht schriller Stimmlage von sich:

„Bei Einbrechern kommt keiner, aber bei uns, da kommen sie gleich mit vier Streifenwagen.“

Damit rutschte sie auf meiner Sympathieskala schon mal einige Stufen nach unten. Ich weiß nicht, was sie von Beruf macht, aber kein Polizist erklärte ihr ihren Job. Vielleicht sollte sie das dann umgekehrt auch unterlassen.

Meine Polizisten nahmen ungerührt weiter Personalien auf und Aussagen zu Protokoll. Was die Dame auch massiv störte. Niemand reagierte jedoch auf ihre beleidigte Attitüde.

Mittlerweile waren in dem Lokal die Befragungen weitgehend abgeschlossen. Einer der Polizisten, die diese vorgenommen hatten, informierte uns über die Ergebnisse.

Die Aussagen stimmten bis zu dem Punkt überein, an dem unsere so sympathisch wirkende Gruppe das Lokal betreten hatte. Sie waren nämlich nicht die einzigen gewesen, die diese Idee gehabt hatten, entsprechen voll war es. Also positionierte man sich an der Bar, unglücklicherweise an einer Stelle, an der die Kellner vorbeimussten, um ihre Kundschaft zu bedienen. Gemeinerweise wollten diese Kellner tatsächlich ihrem Beruf nachgehen und baten mehrfach darum, dass ihnen Platz gemacht werde. Davon hatte sich ausgerechnet die Dame, die gerade der Polizei ihren Job erklärt hatte, offensichtlich sehr gestört gefühlt. Diesem Gefühl hatte sie Ausdruck verliehen, indem sie die Kellner u.a. mit „dumme Sau“ und „Hure“ betitelt hatte. Dreien von ihnen hatte sie auch ihre Fingernägel durchs Gesicht gezogen und einem ins Gesicht geschlagen. Das war der junge Mann mit dem schicken Hämatom, der uns empfangen hatte.

Da hatte ja einer der jungen Viererbus-Polizisten noch richtig Glück, dass er „nur“ mit „so ein dummer Kerl“ bewertet wurde. Mir ist übrigens schleierhaft, womit er sich diese Ansage verdient hat. Er war über die ganze Befragung hinweg freundlich und sachlich zu der „Dame“ gewesen. Womit er meine uneingeschränkte Bewunderung hatte, denn ich kochte innerlich über.

Im Laufe der weiteren Befragungen durch die Polizei hörte die „Dame“ nämlich nicht auf, wieder und wieder darauf hinzuweisen, wie übertrieben doch diese Präsenz sei, die da aufgefahren werde. Während gegen Einbrecher nichts passiere.

Meistens bin ich heilfroh, dass ich nur zuschauen und nichts sagen muss, wenn ich mit der Polizei unterwegs bin. Hier sehnte sich alles in mir, einfach zu sagen:

„Gute Frau, die beiden hier waren gerade dabei, ein einbruchsgefährdetes Viertel zu bestreifen, als dieser überflüssige Scheiß hier hereinkam.“

Ja, genau in der Wortwahl!

Aber ich hielt mich zurück. Erstens will ich nicht daran Schuld haben, wenn eine Situation eskaliert. Zweitens möchte ich auch weiterhin mitfahren dürfen. Und drittens bringt das Auffahren von Fakten bei solchen Menschen erfahrungsgemäß sowieso nichts. Schon der junge Viererbus-Polizist war ja daran gescheitert.

Den Abschluss des Einsatzes übernahm die Streife der PI Mainz 2, so dass wir anderen uns verabschieden konnten.

„Ich schäme mich gerade sowas von fremd“, sagte ich im Streifenwagen. Abgesehen davon, dass ich ganz klar zu altmodisch bin, um den Zusammenhang zwischen Advent und überzogenem Alkoholkonsum zu begreifen: „Wie können so normal wirkende Leute so dermaßen ausrasten und so uneinsichtig sein?“

Diese Frage stellt sich mir bis heute. Ich weiß nicht, ob es dazu wissenschaftliche Untersuchungen gibt, aber ich empfinde es so, als nehme die Bereitschaft zur Übernahme von Eigenverantwortung in unserer Gesellschaft kontinuierlich ab. Es ist immer jemand anders schuld, nur man selbst hat mit seinen eigenen Schwierigkeiten wenig bis nichts zu tun. Nötigenfalls ist halt die Polizei der Böse, weil sie bösartigerweise gerade keine „echten“ Verbrecher jagen will… schließlich gibt es Schlimmeres als Kellnern seine Fingernägel durchs Gesicht zu ziehen. Es gibt aber auch Schlimmeres als einzubrechen. Wo ist denn dann bitte die Grenze? Und tatsächlich hatte Mainz in dieser Nacht keinen psychopathischen Serienmörder aufzufahren, der vom gesamten Polizeiaufgebot der Stadt gesucht werden musste. Auch der Attentäter von Berlin hatte sein Verbrechen am Breitscheidplatz an diesem Tag noch nicht begangen. In solchen Nächten müssen auch wir Normalos wohl damit leben, dass unsere Verfehlungen Konsequenzen haben. Etwas mehr Würde durch das Eingestehen eigener Fehler wäre dabei wünschenswert.

 

Marina, Felix und ich fuhren weiter Streife, u.a. auf dem Unigelände. Ein sehr merkwürdiges Gefühl. Zuletzt war ich vor 18 Jahren nachts auf diesem Gelände unterwegs gewesen, wenn ich von einer Party kam oder ähnliches. Es hatte sich äußerlich nichts verändert, obwohl nun die nächste Generation dort studiert. Danke jedenfalls für diese Kurzreise in sehr gute Jahre meiner Vergangenheit.

 

Anschließend fuhren wir die Dienststelle an. Auf einer abschüssigen Straße kam uns auf der Gegenspur ein Oberklasse-Wagen entgegen. Mit laut aufheulendem Motor raste er an dem Streifenwagen vorbei. In der Innenstadt! Na, wenn ein Fahrer so sehr um eine Kontrolle bettelt, dann soll er sie auch bekommen. Was für ein unfassbarer Schnösel. Selten bin ich derart geballter Arroganz am Stück begegnet.

 

Nach einem Zwischenaufenthalt in der Dienststelle rückten wir wieder aus, um einen jungen Mann dabei zu erwischen, wie er hingebungsvoll an die Ecke einer Großbank pinkelte. Er war für meinen Geschmack wenig einsichtig, Felix und Marina waren allerdings Schlimmeres gewöhnt.

Symbolfoto: Andere Einsatzörtlichkeit

 

Als nächstes wurde ein Autofahrer mit einem Handy am Ohr verwarnt.

Schließlich kam ein Funkspruch über einen Einbruch in einen Supermarkt rein, mit einer Personenbeschreibung. Wir bestreiften den Nahbereich um den Supermarkt. Eine zweite Streife nahm sich zweier junger Männer an, auf die die Beschreibung passte. Die waren es wohl nicht gewesen. Unsere Suche blieb ebenfalls erfolglos.

 

„Eine junge Frau ist vor der Diskothek xy beleidigt worden.“

Eigentlich keine große Sache, sollte man meinen. Die Türsteher dieser Disko sind allerdings dafür bekannt, nicht gerade von allererster Qualität zu sein. Man könnte es auch so ausdrücken, dass der eine oder andere bis vor Kurzem Kundschaft der Polizei war und die Verhaltensweisen aus dieser Zeit noch nicht ganz abgelegt hat. Auch sonst eskaliert an diesem Ort gerne mal was. Also fuhren nicht nur wir, sondern auch der Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei vor.

Die junge Dame war in jedem Fall sehr beleidigt. In ihrer Rage (und leichten Alkoholisierung) war nur sehr schwer aus ihr herauszubringen, was nun genau passiert war. Offensichtlich hatte sie Hausverbot bekommen. Weil sie dem nicht unwidersprochen nachkommen wollte, hatten die Türsteher nachgeholfen und waren dabei verbal unfreundlich geworden. So weit so schlecht.

Offenbar war sie sehr unzufrieden damit, dass die Polizisten nun auch noch die Aussage des von ihr beschuldigten Türstehers einholen wollten. Ihr Tonfall, sowieso schon mit einem pampigen Unterton unterlegt, wurde noch ein paar Stufen schriller.

„Meine Mama ist Beamtin bei….“

Sie nannte eine Polizeibehörde. Zum Glück nicht die Polizei Rheinland-Pfalz.

„Meine Mama holt mich auch gleich hier ab, dann regelt die das hier…“

Sie musste das „Ihr blöden Deppen“ nicht dazusagen, es schwang auch so deutlich durch die mittlerweile eiskalte Nachtluft.

„Ich ruf mal meinen Freund dazu.“

Der junge Mann war wohl noch in der Disko. Sie zückte ihr Handy. Offensichtlich nahm er das Gespräch blitzschnell an, denn sie blaffte ins Telefon:

„Du kommst jetzt SOFORT hierher. Die Polizei ist hier. Meine Mama kommt auch gleich.“

Holla, die Waldfee! So rede ich vielleicht mit meinem Hund. Und selbst das nicht ohne Not!

Ich war allmählich geneigt, dem Türsteher eine Menge Verständnis entgegenzubringen, sollte er diese gewinnende junge Dame tatsächlich beleidigt haben. Was immer noch ungeklärt war, denn auf die mehrfache Nachfrage, ob sie denn nun Anzeige erstatten wollte oder nicht, antwortete sie ebenso wortreich wie unklar. Übrigens immer noch in einem, wie ich fand, ausgesprochen unangemessenen Tonfall. Am patzigsten war sie ganz klar zu dem jungen Viererbus-Ppolizisten, an dem sich schon die „Dame“, die Einbrecher wichtiger fand als ihre Fingernägel im Gesicht ihrer Mitmenschen, abgearbeitet hatte. Für mich immer noch äußerst unverständlich. Ich habe ihn als sehr freundlich empfunden. Vielleicht war das sein „Fehler“. Manche vertragen das einfach nicht. Ich schon. Falls er das liest und mal dienstlich an mir werden muss… ;-)

Die „Mama“, die Beamtin bei der Polizeibehörde ist, wurde noch öfters als graue Eminenz im Hintergrund ins Spiel gebracht. Nicht wirklich überraschend, dass keiner der Polizeibeamten sich davon auch nur im Ansatz erschüttern ließ, seine Arbeit so zu tun wie er oder sie es für richtig hielt.

Übrigens sei mir an dieser Stelle die Bemerkung erlaubt, dass eine Mitte Zwanzigjährige, die glaubt, ihre „Mama“ berechtige sie, gestandenen Streifenpolizisten ihren Job zu erklären, genau so überzeugend ist, wie ein gleichaltriger Polizei-Azubi, der mit ganzen sieben Wochen Diensterfahrung dasselbe versucht (siehe mein Bericht über die Nachtschicht in Kaiserslautern). Nämlich gar nicht!

 

Endlich war dieser Einsatz beendet. Auf dem Weg zum Streifenwagen wurden wir von drei Jungspunden überholt. Einer von ihnen sagte zu seinen Kumpels: „Immer wenn wir gehen, ist hier was los.“

Meinte der uns? Egal!

Ich war froh, im warmen Streifenwagen zu sitzen. Felix und Marina kamen überein, dass man kurz in der Dienststelle auftauen wollte. Dazu sollte es vorerst nicht kommen, denn kaum war dieser Entschluss gefasst, musste Felix wieder drehen.

Schlägerei vor genau derselben Disko. Die Bereitschaftspolizisten hatten es noch nicht einmal bis in den Mannschaftswagen geschafft.

Also wieder hinaus in die Kälte.

Tatsächlich stand vor der Disko ein junger Mann mit einer blutigen Nase. Er gab zu Protokoll, dass der Türsteher ihn die Treppe heruntergeworfen und geschlagen habe.

Die Beamten nahmen seine Personalien auf, sowie die seines Freundes. Ein Rettungswagen wurde einbestellt. Sie fragten nach einer Personenbeschreibung. Diese konnte das Opfer der Tat aber nicht geben.

Sein Kumpel war Augenzeuge und beschrieb, was er gesehen hatte. Auch er konnte keine zufriedenstellende Personenbeschreibung abliefern.

„Ich habe den nur von oben gesehen und sein Gesicht nicht. Aber ich würde den sofort wiedererkennen.“

Deswegen bestürmte er die Polizisten, mit ihm in die Disko zu gehen, um den Mann zu suchen. Dies lehnten die Beamten ab. Übrigens mit einer Begründung. Es hat mehr Beweiswert, wenn die Beamten eine Personenbeschreibung bekommen und finden dann einen Menschen vor, der darauf passt, als wenn bei einer Gegenüberstellung der erste des Weges kommende Türsteher beschuldigt wird.

Diese Ablehnung wollte er nicht akzeptieren und wiederholte seine Forderung wieder und wieder.

In der Zwischenzeit wurde sein Freund im Rettungswagen behandelt.

Marina und Felix überließen ihren Kollegen das nichtendenwollende Bitten um eine gemeinsame Suche des Mannes und betraten die Disko. Sie fragten mich, ob ich mitkommen wolle. Ja, ich wollte. Eigentlich stehe ich nicht auf Lärm. Aber meine klappernden Zähne und ich hofften auf eine Heizung.

Der Türsteher (der übrigens schon „Mamas“ Tochter beleidigt haben soll) gab seine Version der Geschichte zum Besten.

„Ich habe dem Mann nach draußen geholfen.“

An dieser Stelle war ich geneigt, dann vielleicht doch der jungen Frau zu glauben. Trotz ihres grenzwertigen Auftretens. Gut, dass ich da nichts zu entscheiden habe, sondern die Staatsanwaltschaft.

Zu erwähnen wäre bei diesem Einsatz auch noch ein junger Mann, der nichts, aber auch gar nichts, mit der Sache zu tun hatte, aber meinte, es sei eine supertolle Idee, mehrfach mitten durch diesen Blaulichtauflauf hindurchzumarschieren. Dabei telefonierte er mit seinem Handy und gab sich furchtbar wichtig. Aus meiner Sicht eine sehr seltsame Verhaltensweise.

Als endlich alle Anzeigen aufgenommen waren, ging es endlich in die Dienststelle zum Schreiben der Berichte. In dieser verdammt kalten Nacht war das genau mein Ding.

 

Wie beim letzten Mal kam wieder kurz vor Schichtende ein Einsatz rein über eine Schlägerei. Ein Mann sei mit einer abgebrochenen Flasche auf einen anderen Mann losgegangen. Wieder ging es mit Blaulicht und Martinshorn zur genannten Adresse.

(Drei Streifenwagen in einem Foto – für ländliche Dienststellen ein seltener Anblick. Die sind ja froh, wenn sie zwei Wagen besetzt kriegen.)

Den mutmaßlichen Täter fanden wir am Einsatzort vor – das Opfer war offensichtlich geflüchtet. Allerdings wartete ein Augenzeuge auf uns. Übrigens wieder ein Türsteher eines anderen Etablissements. Die haben ein deutlich besseres Verhältnis zur Polizei. Das merkte man auch an seiner Aussage: sehr schlüssig und klar.

Zwei Streifen kümmerten sich um den Täter, die Zeugenvernehmung und die Spurensicherung. Die Spuren bestanden aus mehreren zertrümmerten Flaschen und Blutspuren. Eine davon an einem Auto. Ein breites rostrotes Rinnsal lief über die Motorhaube. Mir wurde ein wenig schwindelig, denn in der Straße hatte eine Studienfreundin von mir gewohnt. Ich war, ohne mir viel dabei zu denken, oft nachts allein zu Fuß durch diese Straße gegangen. Entweder war ich unfassbar naiv, oder Mainz hat sich nicht nur in Sachen Nachtleben massiv verändert.

Andere Streifen suchten nach dem Opfer, es konnte aber nicht wiedergefunden werden.

 

Mit diesem Einsatz war auch diese Schicht zu Ende. Netterweise nahm mich die Frühschicht mit auf Streife zum Bahnhof, wo sie mich aus dem Wagen ließ. Ich fror nämlich mittlerweile wie ein junger Hund und war deshalb dankbar, nicht durch die Kälte laufen zu müssen.

Es hat mich wirklich gefreut, noch einmal mit dieser Schicht unterwegs zu sein. Danke, Marina und Felix, danke der ganzen Schicht, danke den Weihnachtsmarktspezialisten und danke Heiko Arnd für den herzlichen Empfang. Ich war genau so beeindruckt wie beim ersten Mal. Ihr seid einfach klasse, liebe Polizei Mainz!

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Rosenmontag im Advent – auf Weihnachtsmarktstreife in Mainz

Ein wenig fassungslos starrte ich auf die Menschenmenge zwischen mir und der anderen Seite der Weißliliengasse – entgegen ihres Namens eine zweispurige Straße. Die Menschen ihrerseits starrten auf drei riesige rote Trucks, die sich Richtung Innenstadt arbeiteten. Darauf tanzten Menschen zu lauter Musik und winkten in die Menge.

Ich rieb mir verwundert die Augen.

Bin ich durch ein Loch in der Zeit gerutscht?

Eigentlich war ich an einem Adventsamstag in den Zug nach Mainz gestiegen. Da ich eine WhatsApp-Nachricht über die Verspätung dieses Zuges mit Heiko Arnd, dem Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Mainz 1, ausgetauscht hatte, war ich offensichtlich am gleichen Tag in Mainz angekommen. Das hier sah mir allerdings schwer nach Rosenmontag aus.

Irgendwann wurde mir klar, dass die Menschen nicht verkleidet waren und ich keine Helau-Rufe hörte. Auch wurden von den Wagen keine Gegenstände in die Menge geworfen. Da sie mit Coca-Cola beschriftet waren, war das vermutlich auch ganz gut so. Dosen und Flaschen sind nichts, was man auf Menschen werfen sollte. Zufällig war ich wohl zeitgleich mit den Coca-Cola-Trucks in Mainz. Nun denn…

 

Zum Glück hielt sich meine Verspätung in Grenzen.

Die Weihnachtsmarktstreifen setzen sich zusammen aus Polizeibeamten der Bereitschaftspolizei sowie aus dem Regelschichtdienst. Einer der letzteren sagte zu mir, er fände es mal ganz schön, für eine Zeit regelmäßige Dienstzeiten zu haben. Eine der beiden jungen Damen hatte ich kürzlich erst bei einer Feier an der Polizeihochschule gesehen. Da der „normale“ Schichtbetrieb weiterläuft, haben die Weihnachtsmarktstreifen einen eigenen Dienstraum.

In den hatte Heiko Arnd mich gerade geführt als ein Funkspruch reinkam: „Auf dem Weihnachtsmarkt wurde ein Dieb festgehalten.“ Die vier Weihnachtsmarkt-Beamten sprangen auf.

„Am besten gehen Sie gleich mit. Ich warte solange.“
Heiko Arnd schmunzelte in sich hinein.

Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt outete sich einer der beiden jungen Männer als Empfänger unserer Karten.

„Ich hab schon drei Mal eine bekommen. Danke!“

Hmpf!

Wieder einmal gemischte Gefühle. Wie kann man nur auf einen so freundlichen jungen Mann einprügeln bis zur Verletzung? Wie kann man überhaupt so eskalieren? Aber wieder einmal zeigte sich, dass unsere Karten genau die Unterstützung vermitteln, die sie vermitteln sollen. Das motiviert mich sehr.

Am Weihnachtsmarkt angekommen musste ich erst einmal die Luft anhalten. Was für ein Gewimmel. Der Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz hatte noch nicht stattgefunden. Außer mir, die ich als „halbe Französin“ ziemlich viel Zeit in Paris verbringe und immer ein Ohr bei den französischen Sicherheitsbehörden habe, dachte vermutlich an diesem Tag kein Nichtpolizist über einen möglichen Terroranschlag in Deutschland nach. Seit ich in Paris gelebt habe (und zwar genau zu der Zeit in den 90ern, in der es von einer Terrorwelle heimgesucht wurde), lebe ich mit dem andauernden Gedanken an derartige Szenarien. Dies ruft auch ein gewisses Unwohlsein bei mir hervor. Besonders, wenn ich in großen Menschenansammlungen unterwegs sein muss.

Da ich nicht gewillt bin, mir von diesem Unwohlsein mein Leben diktieren zu lassen, holte ich tief Luft und tauchte mit meinen vier Begleitern in die Massen ein.

Wir arbeiteten uns zu einem bestimmten Stand vor. Auf dem Weg dahin hörte ich sehr oft: „Guck mal, die Polizei. Das ist gut, dass die hier sind.“ Derartige Töne trafen im Laufe der Weihnachtsmarktstreife noch öfter mein Ohr. Ich sage ja immer, dass die allermeisten Menschen hinter unserer Polizei stehen. Zu tun bekommt sie halt vielfach mit den anderen. Und dann wären da noch die Menschen, die ihre Sympathien in dem Augenblick vergessen, in dem sie für eigenes Fehlverhalten von der Polizei zur Verantwortung gezogen werden. Doch davon später.

 

„Der hat versucht, eine Figur zu klauen.“
Der Standinhaber zeigte auf einen jungen, schmächtigen Mann in Jogginghose.

„Und außerdem hat er nach mir geschlagen.“

Festgehalten wurde der Beschuldigte von einem kräftigen Mann, zwei Köpfe größer.

„Ich war hier Kunde.“

Es stellte sich heraus, dass er nicht nur Kunde, sondern auch ehemaliger Polizist war, weswegen er sich den Dieb schneller gegriffen hatte als der sich hatte träumen lassen.

Einer meiner Begleiter legte dem jungen Dieb Handschellen an und wir machten uns durch die Menschenmenge auf den Weg zurück in die Dienststelle. Dabei hatte ich meinen Blick fest auf die Aufschrift „POLIZEI“ auf der Schussweste vor mir geheftet, um im Gewühl nicht verloren zu gehen. Natürlich hätte ich auch allein zurückgefunden. Aber ich wollte keinesfalls den Betrieb aufhalten.

Wir passierten eine Familie mit Kindern. Ein Kind, vielleicht acht Jahre alt, piepste ganz aufgeregt:

„Guck mal, Mama, die Polizei hat einen Dieb festgenommen.“

Dann fiel sein Blick auf mich, die ich nicht uniformiert war. Ein kurzes Stirnrunzeln, dann:

„Zwei Diebe!“

Mein Lachanfall hielt an bis zur Dienststelle.

Ich bin im Übrigen überzeugt, dass dieses Kind genau das aussprach, was viele Erwachsene dachten. Mit einer der Gründe, warum ich unsere Polizeibeamten sehr gerne begleite. Zum einen, weil ich es spannend finde, hinter die Kulissen zu schauen und gängige Polizeibilder zu hinterfragen. Zum anderen aber, weil meinem Sinn fürs Absurde immer wieder eine Menge geboten wird.

 

Nach einem sehr informativen Gespräch mit Heiko Arnd ging es dann wieder mit den vier jungen Leuten auf den Weihnachtsmarkt. Sie teilten sich in je zwei gemischte Streifen auf. Mit einer der beiden Streifen tauchte ich wieder in die Menge ein.

 

In erster Linie wurde die Polizei als Auskunftei gebraucht.

„Wo geht es hier zu…?“

„Wissen Sie, wo die Coca-Cola-Trucks fahren?“

„Wo bekomme ich hier…?“

Nach bestem Wissen und Gewissen gaben meine Begleiter die gewünschte Information – sofern sie sie hatten. Nicht jeder in Mainz im Einsatz befindliche Polizist ist Urmainzer und kennt die Stadt wie seine Westentasche. Das sollte man bedenken, wenn man mal den Weg zu irgendeinem Insider-Tipp nicht von der Polizei bekommt (daher ja auch „Insider“). Einmal konnte ich mit einer Wegbeschreibung aushelfen zu einem Restaurant, das ich in meiner Mainzer Zeit häufig frequentiert hatte.

Auch hier häuften sich die regelmäßigen freundlichen Rückmeldungen. Geht doch!!!

 

Meine Streife erspähte drei Männer, die allesamt ihre Schuhe wechselten. Das war ungewöhnlich und Ungewöhnliches erfordert polizeiliche Aufmerksamkeit. Die beiden entschieden sich, eine Personenkontrolle durchzuführen. Zwei der Herren reichten einfach ihre Ausweispapiere an, der dritte beschwerte sich sofort lauthals.

Interessanterweise war er der einzige der drei, der bereits polizeibekannt war – u.a. mit einigen Körperverletzungsdelikten.

Irgendwann trafen die vier wieder zusammen und die beiden jungen Frauen verabschiedeten sich zum nächsten Dienst – Wachdienst in der Mainzer Staatskanzlei. Die beiden jungen Männer und ich setzten die Fußstreife fort.

Plötzlich wurden wir angehalten. Ein junger Mann gab eine Fundsache ab – ein Portemonnaie mit viel Bargeld, Papieren usw. Meine beiden Herren nahmen die Personalien des Finders auf. Dann stellten sie die obligate Frage:

„Möchten Sie Finderlohn?“

Das kann man nämlich bei Fundsachen angeben. Ich persönlich lehne das immer ab, nachdem mir in den 90er Jahren eine US-Amerikanerin in Jerusalem meinen verlorenen Brustbeutel mit meiner gesamten Barschaft, meinem Rückflugticket und meinen Papieren in ein Straßencafé nachgetragen hat. Soviel Glück hat man nicht oft im Leben… das möchte ich gerne weitergeben. Allerdings finde ich die Idee nicht schlecht. Vielleicht motiviert das den einen oder anderen, gefundene Wertsachen zur Polizei zu bringen anstatt sie sich selbst unter den Nagel zu reißen. Nicht alle Menschen ticken so wie ich.

Auch dieser Finder lehnte das ab.

„Ich bin Polizist in Frankfurt.“

Schon der zweite Einsatz des Tages mit unverhoffter Polizeibeteiligung. Mir kam der gern zitierte Satz „Die Polizei ist ein Spiegel der Gesellschaft“ in den Sinn. Schon länger zweifele ich an seiner Richtigkeit. Sicherlich ist die Polizei in jedem Fall eine von Menschen gemachte und somit unperfekte Organisation. Insofern gibt es in ihren Reihen erfreuliche und eher unerfreuliche Exemplare Mensch (um kräftigere Vokabeln zu vermeiden), reflektierte und unreflektierte, kluge und dumme, gesunde und kranke und sicherlich auch einige mit einem Suchtproblem. Polizisten sind in meinen Augen keinesfalls bessere Menschen.

Aber ein „Spiegel der Gesellschaft“ wäre im reinen Wortsinne ein 1:1-Abbild der Gesellschaft. Schon allein von der statistischen Verteilung der Berufsgruppen her kann das nicht hinhauen. Nach meinen Informationen besteht unsere Gesellschaft nicht ausschließlich aus Polizeibeamten. Umgekehrt dürfte der Anteil an Menschen ohne Schulabschluss innerhalb der Polizei bei Null liegen, in der Gesamtgesellschaft ist er hingegen unbestreitbar vorhanden.

Zumindest war es für mich an diesem Tag auffällig, dass schon zwei Polizisten, die eigentlich nicht mit der Absicht, Polizeiarbeit zu verrichten, auf diesem Weihnachtsmarkt unterwegs gewesen waren, Kriminalität verhindert hatten. Kann natürlich auch Zufall gewesen sein…

 

Mit diesem Ereignis endete auch die Weihnachtsmarktstreife und ich wurde der Nachtschicht übergeben. Wo ich schon mal in Mainz war… so eine Anfahrt muss sich ja auch lohnen, nicht wahr?

 

Fortsetzung folgt…