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Allgemein Polizeiarbeit

Bedrohungslage aus dem Paralleluniversum

„Ich hätte jetzt gern was zum Türaufmachen“, seufzte Markus.

„Du hast doch mich dabei“, sagte Mario.

 

Dieser Kurzdialog ist exemplarisch für die Stimmung des Streifenteams, das mich für die Nachtschicht unter seine Fittiche genommen hatte. Markus und Mario sind erfahrene Polizisten. Sie hatten sich mit einem Witz (Situationskomik, also niedergeschrieben nicht lustig) bei mir eingeführt. Die Nacht begann also mit einem Lacher und das sollte nicht der letzte bleiben.

 

 

Doch zurück zur Haustür eines Mehrfamilienhauses, vor der wir standen.

 

Die Polizei Montabaur hatte einen Anruf aus einem benachbarten Bundesland bekommen. Ein junger Mann hatte sich gemeldet und mitgeteilt, dass sein Freund wiederum von dessen Ex bedroht werde. Der bedrohte Freund wohnte im Zuständigkeitsbereich der Inspektion, bei der ich diese Nachtschicht mitfahren durfte. Entsprechend fuhren meine Herren als erste Streife an die genannte Adresse.

Es war alles ruhig. Nichts wies auf eine Bedrohungslage an. Da man aber nie wissen konnte, hätte Markus gern unauffällig die Haustür geöffnet und vorsichtig dahinter gespäht. Marios Vorschlag war allerdings recht weit von dem entfernt, was man sich unter „unauffällig“ vorstellt.

Letztlich entschieden sich die beiden, einfach bei dem genannten Namen zu klingeln.

Keine Reaktion.

Noch einmal, etwas nachdrücklicher.

„Joah?“ erklang eine müde Frauenstimme.

Irritierter Blickwechsel zwischen den beiden Beamten.

„Polizei, lassen Sie uns bitte herein.“

 

In der Wohnung, die zum Klingelschild mit dem Namen des Bedrohten gehörte, empfing uns eine Frau, die sichtlich schon geschlafen hatte. Die Wohnung strahlte Familienleben aus. Bunt. Ein bisschen unaufgeräumt. Bügelwäsche. Vor allen Dingen – total friedlich.

Von einer Bedrohung keine Spur.

Markus erzählte von dem Anruf, den die Polizei bekommen hatte.
„Ihr Name und Ihre Adresse wurden genannt.“

„Aber hier ist alles ruhig“, sagte die Dame ratlos.

Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie rief einen Jungennamen.

Ein Teenager trat auf den Plan.

Der Blick, mit dem er die Polizei maß, wirkte so betont harmlos, dass ich gar nicht anders konnte als misstrauisch zu werden.

Und richtig …

Nach einigen gewechselten Worten, durch meine Polizisten in sehr eindringlichem Tonfall vorgetragen, gab er zu:
„Na ja, das war ich. Ich hab das meinem Freund geschrieben.“

„Was? Dass du bedroht wirst?“
Seine Mutter war fassungslos.

„Ja, schon.“

Er wollte nicht weiter mit der Sprache heraus. Der Grund dafür war allerdings für die Polizei nicht weiter relevant. Wichtig war, dass sich niemand in Gefahr befand.

Meine These ist, dass er sich interessant machen wollte. Er war nämlich blutjung. Und – wie sich später im Laufe des Gespräches herausstellte, kannte sich das Paar nicht einmal persönlich.

Nun, denn …

 

Im Streifenwagen stellte Mario fest:
„Sensationell. Das war wirklich eine Bedrohungslage aus dem Paralleluniversum.“

 

 

Die beiden waren nicht nur lustig, sie waren auch sehr nett. Nicht nur zum Gast auf der Rückbank, sondern auch zu Kindern und älteren Damen.

 

Unser erster Einsatz war ein Ladendiebstahl in einem Baumarkt, der aber letztlich gar keiner war. Ein Kunde, Kunde 1, hatte eine bereits bezahlte Ware umgetauscht und die neue Ware aus dem Regal genommen. Er lief dann nicht zur Kasse, sondern direkt zum Ausgang, was einen Mitkunden, Kunde 2, misstrauisch machte.

Resultat: Kunde 1 fand sich im Büro der Marktleitung wieder und die Polizei traf auf eine hochgradig aggressive Stimmung. Kunde 2 war noch vor Ort, weil Kunde 1 ihn wegen Verleumdung anzeigen wollte. Der Marktleiter versuchte beiden Seiten klarzumachen, dass doch eigentlich nichts passiert war, schließlich hatte die Kassiererin die Sachlage schon lange aufgeklärt. Kunde 2 war mit dieser Interpretation grundsätzlich durchaus einverstanden, wurde allerdings langsam sauer, weil er die Anzeige in Aussicht hatte.

Das Erscheinen der Polizei wirkte auf beide Seiten höchst deeskalierend und schließlich trennte man sich dann friedlich. Ohne sich verbal oder via Anzeige weiter auf die Füße zu treten.

 

Beim Verlassen des Baumarktes erspähten meine beiden Herren einen kleinen Jungen auf dem Arm seines Vaters, der äußerst fasziniert den Streifenwagen anstarrte. Vollkommen nachvollziehbar, aus meiner Warte. ;-)

Keine Minute später saß der Kleine auf dem Fahrersitz und durfte mal das Blaulicht anwerfen.

Ich weiß schon, warum ich Fan unserer Polizisten bin, die meisten sind einfach zu nett.

 

 

Nach kurzen Ermittlungen wegen eines verlorenen Kennzeichens wurde mir die beste Pizza von Montabaur vorgeführt – und ja, sie ist wirklich sehr lecker.

In diesem Zusammenhang lege ich Wert auf die Feststellung, dass Polizeibeamten keine festgelegten Pausenzeiten haben. Man stelle sich das auch mal vor – eine Streife bei der Festnahme beispielsweise eines Mannes, der eine alte Dame beraubt, also mit Gewalt um ihr Erspartes erleichtert hat.

Nach einem kurzen Blick auf die Uhr sagt Polizist 1 zu Polizistin 2: „Du, jetzt ist Pause.“
Polizistin 2: „Ach ja. Moment!“
Polizistin 2 zu Räuber: „Setzen Sie sich doch mal bitte auf die Bank da und warten Sie, bis wir fertig sind.“

Diese Berufsgruppe kann nicht einfach zu einer festgeschriebenen Zeit den Stift, bzw. die Handschellen, fallen lassen und eine Pause einlegen.

§ 4 ArbZG (Arbeitszeitgesetz) schreibt vor, dass ein Arbeitnehmer, der zwischen sechs und neun Stunden arbeitet, 30 Minuten Pause machen muss. Dies dient der Erhaltung der Arbeitsfähigkeit. Nun wird mir bestimmt wieder jemand entgegenhalten, dass Beamte ja keine Arbeitnehmer seien. Aber Menschen sind sie und müssen ebenfalls ihre Arbeitsfähigkeit erhalten. Also muss bei einer Achtstunden- (oder gar Zwölfstunden)-Schicht Zeit für eine Mahlzeit sein Die wird halt eingenommen, wenn Zeit ist. Manchmal ist auch keine Zeit. Sogar ich, die ich nur ab und an mitfahre, habe schon erlebt, dass Essen einfach nicht drin war. Da bin ich dann morgens erstmal in irgendeinem großen Bahnhof über das Sortiment der nächstbesten Bäckereikette hergefallen.

Hier war es zum Glück anders.

Wenn man also Polizisten voll uniformiert bei der Nahrungsbeschaffung antrifft, ist also ein Anzeichen dafür, dass sie nebenbei, während sie ihren Job machen, sich etwas zu Essen holen – allzeit bereit, selbiges kalt werden zu lassen, wenn ein Einsatz ansteht.

 

„Notruf der Polizei Montabaur.“

Ein Anruf hatte mein Gespräch mit dem Wachhabenden unterbrochen. Eine ältere Dame erkundigte sich, ob die Polizei bei ihr angerufen hätte.

Nein, hatte sie nicht.

Durch gezielte Fragen des Wachhabenden stellte sich heraus, dass die Dame offensichtlich Opfer falscher Polizeibeamte werden sollte – der Anrufer hatte sich als Polizist der benachbarten Polizeiinspektion Straßenhaus ausgegeben. Die Dame wohnt allerdings gar nicht im Dienstgebiet von Straßenhaus, sondern im Gebiet der PI Montabaur. Zum Glück hatte sie Verdacht geschöpft.

Markus und Mario nahmen sich, mich im Schlepptau, der Sache an. Sie wartete bereits auf ihrem Balkon, sichtlich beunruhigt.

„Wir sind jetzt die Echten“, rief Markus ihr beim Aussteigen zu, und nahm damit schon einmal eine Menge Druck aus der Situation. Ihr gelang sogar ein kurzes Lächeln.

Markus und Mario nahmen ihre Aussage auf. Immer in der Hoffnung, dass die die Polizei irgendwann genug Informationen hat, um solchen Betrügern nachhaltig das Handwerk zu legen. Das Hauptaugenmerk der Dame lag allerdings in erster Linie auf ihrer persönlichen Sicherheit.
„Was mache ich denn, wenn die wiederkommen?“

Ein Nachbar war bei ihr und versprach zu bleiben.

Grundsätzlich ist es untypisch für falsche Polizisten, trotzdem anzurücken, wenn sie aufgeflogen sind. Ich kann allerdings die Beunruhigung der Dame sehr gut verstehen. Meinen beiden Herren konnten das auch, und es gelang ihnen, sie zu beruhigen.

 

Wo wir schon mal draußen waren, bekam meine Streife den Einsatz wegen der Bedrohungslage. Von dort ging es zum Streifefahren.

 

Nach einer kurzen Pause in der Dienststelle, weil Markus und Mario ihre Berichte verfassen mussten, wurden sie zu einem Randalierer in einer Kneipe gerufen. Nach weiterem Streifefahren und weiteren Berichten in der Dienststelle kam noch ein Einbruchsalarm rein. Allerdings hatten wir zum Tatort, einem Einfamilienhaus im Grünen, gute 20 Minuten Anfahrt, was der Einbrecher genutzt hatte, um sich davon zu machen.

Schon auf der Anfahrt ging die Sonne auf. Das ist im Westerwald wirklich ein grandioses Schauspiel. Während Markus und Mario sich mit der Spurenlage befassten, wurde ich von Frühlingsgefühlen übermannt. Bei der Rückfahrt in die Dienststelle wurde ich durch die tolle Landschaft im Licht eines Frühlingsmorgens schwer von der Polizeiarbeit abgelenkt. Trotzdem ist mein Fazit: Polizei Montabaur – Ihr seid sensationell!

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Das war haarscharf – nicht nur eine Unfallaufnahme im Westerwald – Nachtschicht in Straßenhaus

Endlich! Seit sechs Wochen hatte er den Führerschein. Und heute Abend hatte Papa ihm endlich mal den BMW geliehen. Weil er seine Kumpels mitnehmen wollte.

Hier, im tiefsten Westerwald, ging ohne Auto gar nichts. Und Mamas Kleinwagen war einfach nur peinlich.

Ok, dass es den ganzen Tag geregnet hatte und immer noch regnete, war schon blöd. Dabei war der Sommer sowas von bombastisch gewesen und hatte bis in den September gedauert. Diesen einen Tag hätte der sich auch noch halten dürfen. Aber davon ließen doch er und seine Kumpels sich den Abend nicht versauen. Ein kleiner Wechsel der Location lag aber schon noch an. So gegen Mitternacht war eben ein anderer Club angesagt.

„Fahr mal schneller, die anderen sind schon da.“

„Mann, ich fahr das erste Mal bei Regen.“
Er nahm den Fuß vom Gas.

Eine langgestreckte Kurve. Die rot-weißen Richtungstafeln leuchteten im Scheinwerferlicht auf.

Ein leichtes Schleudern.

„Alter, was tust du?“

Er spürte wie der Wagen unter ihm ausbrach.

„Scheiße.“

Der schwere BMW pflügte über den Straßengraben. Es krachte.

 

„Polizeinotruf der Polizei in Straßenhaus.“

„Ich habe gerade ein Schild umgefahren.“

Zufällig befand ich mich gerade im Wachraum, als dieser Notruf hereinkam. Eine junge Stimme. Seltsam unbeteiligt. So unbeteiligt, dass ich vor meinem inneren Auge ein Bild hatte, wie ich selbst mal vor vielen Jahren ein Schild „umgefahren“ hatte. Auf einer Verkehrsinsel. Es hatte sich schlicht um 90 Grad gedreht, ansonsten war der Sachschaden gleich Null. Trotzdem war ich deutlich nervöser gewesen als der Anrufer sich anhörte.

Wie immer liegt mir die Erlaubnis der abgebildeten Polizisten zur Veröffentlichung vor.

Wenig später fuhren Christian, Alex und ich im Streifenwagen vor. Das Blaulicht reflektierte in einer großen Rauchwolke, mehrere Fahrzeuge standen am Straßenrand, junge Menschen wuselten durcheinander.

Hatte ich irgendetwas an dem Notruf missverstanden?

War doch mehr als nur ein Schild zu Schaden gekommen?

Brannte da etwa ein Unfallfahrzeug?

Und was war das für eine Musik, die da durch den nächtlichen Wald wummerte?

 

Meine beiden Herren schienen ebenso verwundert wie ich. Wir steigen aus. Sofort stieg mir Zigarettengeruch in die Nase.

Damit hatte sich schon einmal die Herkunft des Rauchs geklärt und ich entspannte mich wieder.

„Zuerst mal wird jetzt hier die Musik ausgemacht, bitte.“

Natürlich spricht es für das sonnige Gemüt der jungen Menschen, dass sie das Event, zu dem nun einige von ihnen nicht erscheinen konnten, einfach mal locker an den Unfallort verlegten. Aber wir waren hier nicht auf einer Open-Air-Party, sondern die beiden Beamten hatten zu arbeiten. Man kann sich einfach nur schwer konzentrieren, wenn man rein akustisch in einer Art Freiluftdisko steht.

Mit großer Geduld fanden Christian und Alex heraus, wer nun eigentlich etwas zum Unfallgeschehen beitragen konnte. Alle anderen wurden weggeschickt. Da die Party mangels Musik sowieso vorbei war, trollten sich die jungen Leute auch nach und nach widerspruchslos. Teilweise warteten sie, bis die Aussagen und Personalien der Mitfahrer aufgenommen waren, sodass sie diese gleich mitnehmen konnten.

Übrig blieben am Schluss nur noch der Fahrer selbst sowie einer seiner Kumpel. Allmählich erschloss sich mir auch die Ruhe des Fahrers – vor so vielen Kumpels geht das natürlich gar nicht, wegen eines popeligen Straßenschildes die Fassung zu verlieren …

 

„Ich habe meinen Führerschein erst seit sechs Wochen“, teilte uns der junge Fahrer mit. „Das ist meine erste Fahrt bei Regen.“

Das passte durchaus zum Wetter der letzten Wochen und Monate.

„Ich habe gebremst, aber wohl nicht genug und zu spät.“

Er sah sich das Loch genauer an, das das abrasierte Schild in die Motorhaube geschlagen hatte.

Die beiden Polizisten machten Fotos und schauten sich die Unfallstelle genauer an, um aus den Splittern, herumliegenden Autoteilen und den Reifenspuren ein Bild des Unfallhergangs zu gewinnen.

Christian machte den jungen Mann darauf aufmerksam, wie haarscharf die Reifenspuren an einem ausgewachsenen Baum vorbeigeschrammt waren.

Oha.

Das hätte auch ganz anders ausgehen könnten.

Der junge Mann gab sich weiter cool, schon wegen seines Kumpels. Eine Spur blasser und deutlich ruhiger wurden sie allerdings beide.

Im Grunde war die Aufgabe der Polizei hier beendet. Die beiden jungen Männer würden von den Eltern des Fahrers abgeholt, die sich auch um das Abschleppen des Wagens kümmern würden. Fehlte eigentlich nur noch eins:

„Der Wagen kann hier so nicht stehen bleiben“, sagte Christian.

Machte Sinn! Schwarzes unbeleuchtetes Auto in schwarzer Nacht auf unbeleuchteter Straße im Wald. Potentielle Gefahrenstelle!

Christian und Alex schauten sich das Auto noch einmal genauer an.

„Wir versuchen es mal. Fahren Sie das Auto mal bitte in den nächsten Ort auf den Parkplatz vor der Kirche. Das klappt wahrscheinlich noch.“

Es stellte sich heraus, dass wir gerade mal 500 Meter von einer kleinen Ortschaft entfernt waren. Den anderen war das natürlich klar gewesen. Mir nicht.

Der junge Mann und sein Kumpel stiegen ein.

Alex ging einige Meter in Richtung der Ortschaft, da der BMW drehen musste. Er wollte vorbeikommende Autofahrer warnen. In der anderen Richtung warnte ja das nach wie vor flackernde Blaulicht.

Der Fahrer startete den Motor, gab Gas. Mit einem erschöpften Knirschen löste sich der Wagen aus dem Graben. Etwas schleifte über den Asphalt, aber es sah aus, als würde es im Schritttempo gehen.

Ich wandte mich um, um Alex Gesellschaft zu leisten, als es plötzlich einen metallischen Knacks gab. Recht laut.

Ich wandte mich um.

Der BMW spreizte beide Vorderreifen ab.

Das sah nicht gut aus. Soviel sah sogar ich als Laie.

Christian schaute unter den Wagen und diagnostizierte einen Achsbruch.

Das Auto stand quer über der Landstraße.

Upps.

Damit war nun die Straße blockiert.

Als nächstes galt es nun, den Verkehr, bis der Abschlepper kam, umzuleiten. Je einer der beiden postierte sich auf einer der beiden Seiten des Autos. Ich stellte mich dabei neben Alex. Erstaunlich, wie viel um diese Uhrzeit, gegen zwei Uhr morgens, in einem dunklen Wald in einem Mittelgebirge noch los ist. Die Umleitung, die Alex den Fahrers erklärte, würde ich jetzt auch finden, sollte ich sie jemals dort oben brauchen …

Schließlich kam der Abschlepper und auch die Eltern holten ihren Sprössling ab.

Damit war dieser Einsatz beendet.

 

Das war natürlich nicht der einzige Einsatz dieser Nachtschicht. Es begann mit der Sicherstellung eines Portemonnaies, das spielende Kinder im Wald gefunden hatten – die es auch superspannend fand, dass die Polizei erschien.

 

Wir suchten einen Herrn, der aus einem Krankenhaus abgängig war, der schließlich in NRW gefunden werden konnte.

 

Während wir Streife fuhren und die Herren mir das vergleichsweise große Dienstgebiet zeigten, das zum Glück ein großes Stück Autobahn hat, die wir auch mehrfach benutzten, kam ein Einsatz wegen einer Schlägerei auf einer Kirmes rein. Blaulichtfahrt! Auf der Kirmes – keine Schlägerei.

 

Schließlich noch ein „Vermisstenfall“, der eigentlich keiner war, weil die Eltern durchaus wussten, mit wem die junge Dame unterwegs war … (die näheren Infos sind mir entfallen …)

 

Alles in allem eine wetterbedingt eher ruhige Nacht (so ziemlich die einzige Regennacht im Frühherbst des Jahres 2018), aber ausreichend um zu sehen, dass da eine der vergleichsweise kleineren Polizeiinspektionen von Rheinland-Pfalz in einem großen Dienstgebiet sehr gute Arbeit leistet. Danke dafür!

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Der Ex-Polizist und mehr …

„Wer hat Sie denn zum Polizeihauptkommissar gemacht? Sie sind ja eine Niete.“

Innerlich zuckte ich zusammen, äußerlich blieb ich möglichst unbewegt. Die in harschem Ton vorgebrachte Liebesbekundung galt meinem heutigen Streifenpartner, Thomas. Er, in der Tat Polizeihauptkommissar, und drei Polizistinnen und Polizisten, Kommissare, standen um einen älteren Herrn herum. Er trug einen Jogginganzug und Badelatschen. Ohne Socken. Ich wunderte mich ein Bisschen, wieso ihm nicht kalt war. Okay, für einen richtigen Winter war es mit etwa 10 Grad deutlich zu warm, aber immerhin hatten wir Ende Dezember.

„Bei mir wären Sie jedenfalls nicht befördert worden, Sie können ja gar nichts“, feuerte er die nächste Salve ab.

Auch Thomas und seine Kollegen blieben unbewegt.

Die Wormser Polizei war gerufen worden, weil der Herr in seinem Altersheim herumrandaliert hatte. Den Beschreibungen nach war ein Flur abgeräumt und eine Mitarbeiterin von Ort als „Schlampe“ tituliert worden. Offensichtlich war von einer Beruhigung seines erhitzten Gemütes nicht auszugehen, also rief das Altersheim einen Rettungswagen, um ihn in die Rheinhessen-Fachklinik nach Alzey zu bringen. Dort gibt es eine Abteilung, die auf Fälle wie ihn spezialisiert ist.

Allerdings war die Besatzung des RTW auch nicht besser empfangen worden als meine Begleiter, also kam die Polizei zum Helfen.

„Das ist nicht mehr mein Land“, tönte der ältere Herr weiter.

Das konnte ich mir sehr gut vorstellen, denn er litt an Alzheimer. Eine Bekannte von mir hatte Alzheimer und ich erinnere mich sehr gut daran, wie sie es anfänglich noch schaffte, den Schein zu wahren und enorme geistige Anstrengungen unternahm, um nicht aufzufallen, oder Erinnerungslücken zu umschiffen. Irgendwann gelang ihr das aber nicht mehr. So fragte sie mich sehr oft, wie mir denn der Ruhestand so gefalle – ein Zustand, von dem ich noch viele Jahre entfernt bin und damals erst recht war. Sie sah dann an meinem Gesichtsausdruck, dass etwas an ihren Worten nicht stimmte und ruderte wild zurück. Sie wirkte oft sehr müde, denn es muss einerseits sehr anstrengend sein, vor den anderen so zu tun, als sei alles in Ordnung. Auf der anderen Seite ist es sicherlich schrecklich, wenn man in seinen lichten Momenten mitbekommt, wie die geistigen Kräfte nach und nach verfallen.

Ich persönlich hätte damit auch allergrößte innere Schwierigkeiten und deswegen schwanke ich, wenn ich mit Alzheimerkranken zu tun habe, immer zwischen großem Mitgefühl mit den Kranken selbst und nicht minder großem Mitgefühl mit dem Umfeld dieser Menschen, die sich oft die unglaublichsten Dinge anhören müssen. Oder eben mit Einsatzkräften, über die sich eine Kaskade übelster Beleidigungen ergießt.

Dieser Mann hier war in seinem früheren Leben Polizist gewesen, sogar in einer Führungsposition. Es ist schon ein Unterschied, ob man selbst Menschen führt und für diese Gesellschaft antritt – oder ob man nun von anderen gesagt bekommt, wo es lang geht und sich den Regeln eines Altersheimes unterwirft. Wo man wegen seiner Krankheit auch nicht mehr allzu viel für die Gesellschaft leisten kann. Natürlich ist das für ihn nicht „sein Land“. Wäre es für mich auch nicht. Rein vom Krankheitsbild her gesprochen.

Insofern konnte ich seine Aggressionen schon nachvollziehen. Was natürlich keinesfalls heißt, dass ich in irgendeiner Weise seine Tiraden, die sich gegen meine Begleiter und das Rettungspersonal richteten, gut hieß, oder deren Maßnahmen anzweifelte. Wenn jemand in dem Zustand herumrandaliert, gefährdet er sich selbst und andere.

Thomas fackelte gar nicht lange und dirigierte ihn sanft in den Rettungswagen. Natürlich stieg er zu und begleitete zusammen mit einem Sanitäter die Fahrt. Dessen junge Kollegin, die auch dabei war, fuhr.

„Möchtest du auf den Beifahrersitz?“

Dieses von Carina, Thomas Streifenpartnerin, gemachte Angebot, nahm ich natürlich an.

„Ich bin sehr froh, dass Thomas dabei war. Ich glaube, uns als Polizeikommissare hätte er weniger ernst genommen“, mutmaßte Carina. Da mochte sie Recht haben.

Übrigens das erste Mal in all den Jahren, dass diese Amtsbezeichnungen überhaupt eine Rolle spielten im Gespräch mit dem Streifenteam, das mich dabei hatte. Natürlich war das in diesem Fall der besonderen Situation des Herrn geschuldet.

Die Fahrt dauerte etwa 20 Minuten. Thomas sagte später, er und der Sanitäter seien die ganze Fahrt weiter durchbeleidigt worden.

„Wir haben irgendwann gar nicht mehr hingehört, sondern uns einfach unterhalten.“

Nachvollziehbar, denn selbst wenn man ganz genau weiß, dass der Mensch, der einem ununterbrochen Unverschämtheiten an den Kopf wirft, nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, ist solch ein Dauerbombardement nur schwer auszuhalten.

Die Einweisung in die gerontopsychiatrische Abteilung, also die Abteilung, die für die psychiatrische Behandlung älterer Menschen zuständig ist, vollzog sich recht problemlos. Zumindest ab dem Zeitpunkt, an dem der Mann erst einmal verstand, dass in dem Raum, der er bitte betreten sollte, deshalb kein Bett stand, weil er erst einmal aufgenommen werden musste, also Papierkram zu erledigen war, bevor er schlafen gehen konnte.

Die Besatzungen des RTW und des Streifenwagens verließen gleichzeitig die Klinik.

„Eine scheußliche Krankheit“, stellte der durchbeleidigte Retter fest. Da mussten wir ihm Recht geben. Alle.

Ein Einsatz, der nachdenklich macht. Vor wenigen Jahrzehnten machte dieser Mann genau das, was nun Thomas und Carina machten.

Wo wir alle wohl im Alter landen werden?

 

Ein weiterer Einsatz wurde auch in Alzey losgetreten. Junge Leute riefen bei der benachbarten Polizeiinspektion Alzey an, dass einer ihrer Freunde alkoholisiert in ein Auto gestiegen sei und nicht davon abzubringen gewesen sei. Da die Halteranschrift des Wagens im Bereich der PI Worms lag, fuhren die Alzeyer hinterher und die Wormser, um genau zu sein, Thomas und Carina mit mir als Achslastbeschwerer, zur Halteranschrift.

Wir näherten uns der Adresse bereits, als aus einer Nebenstraße vor uns ein Wagen auf die Straße schoss. Er schlingerte leicht, fuhr dann aber geradeaus weiter.

Thomas gab Gas, um aufzuschließen.

„Das ist er“, vermeldete ich, auf meiner Rückbank vom Jagdfieber gepackt. Das KFZ-Kennzeichen stimmte.

Also wurde der Fahrer herausgewinkt. Tatsächlich handelte es sich um den gesuchten jungen Mann – mit einer spannenden Alkoholfahne.

Also ab zur Dienststelle zur Blutprobe.

Seinen Führerschein hatte er übrigens gerade mal ein halbes Jahr. Da er bereits in Kaiserslautern im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln aufgefallen war (übrigens vor der berühmten Diskothek „Nachtschicht“, vor der ich auch schon Einsätze miterleben durfte), dürfte sich das wohl erledigt haben. Hoffe ich wenigstens. Ich überlebe nämlich meine Abstecher in den Straßenverkehr ganz gerne …

Wieder zog ich auf den Beifahrersitz, da Carina sich mit dem jungen Herrn auf die Rückbank setzte. Wir waren noch nicht angefahren, als dieser schon sein Handy zückte und mit seiner Freundin telefonierte. Diese schien ihm einige Vorhaltungen zu machen, was sie mir grundsätzlich erst einmal sympathisch machte. Unter dem Einfluss bewusstseinseintrübender Substanzen Auto zu fahren geht einfach gar nicht. Später erfuhr ich dann allerdings, dass sie wohl zuerst mit im Wagen gesessen hatte, dann aber schnell daheim abgeliefert worden war – aus welchem kühlen Grund auch immer. Da war es dann aus mit meiner Sympathie.

Netterweise traf ich bei der Gelegenheit die Polizeiärztin wieder, die ich auch schon einmal in Ludwigshafen 1 getroffen hatte.

 

Dieses sollte der letzte Einsatz der Nacht gewesen sein. Natürlich war das nicht alles. Ziemlich zu Beginn der Nacht fuhr uns ein Wagen mit defektem Rücklicht vor die Nase und gewann eine Verkehrskontrolle. Kein Verbandskasten, keine Warnweste und kein Führerschein am Fahrer kamen noch hinzu. Alles spielte sich sehr freundlich und zugewandt ab.

Eigentlich waren wir zu diesem Zeitpunkt auf Objektschutzstreife gewesen, denn auch Worms hat einige sensible Liegenschaften, die als besonders gefährdet gelten.

Zwischendurch waren wir in der Dienststelle, als ein junger Mann belegen wollte, dass er die auf einer Mängelkarte einer anderen Polizeidienststelle in einem anderen Bundesland aufgeführten Mängel an seinem Fahrzeug beseitigt hatte. Er bekam seinen Stempel und konnte damit dann pünktlich zu Weihnachten seine Karte loswerden.

Dann wurden wir auf den Weihnachtsmarkt gerufen, der zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen war. Offenbar ist es in Worms notwendig, diesen Weihnachtsmarkt auch nach Schließung der Hütten über Nacht zu bewachen. Es gibt offensichtlich die kulturell beflissenen Wormser, die sich um die Nibelungenfestspiele kümmern – und die anderen …

Jedenfalls hatte es eine Auseinandersetzung zwischen zwei Herren gegeben. Der eine beschuldigte den anderen, ihm fünf Euro gestohlen zu haben. Der andere beschuldigte den einen sowie Angehörige des Sicherheitsdienstes, ihn geschlagen zu haben. Interessanterweise war er vollkommen unversehrt. Die fünf Euro waren allerdings auch nicht zu finden. Eine Anzeige wegen Diebstahls und eine Anzeige wegen Körperverletzung wurden aufgenommen – letzteres angesichts seines einwandfreien körperlichen Zustandes nicht ohne Hinweis auf die Folgen einer falschen Beschuldigung.

In einem kleinen Ort, etwa eine Viertelstunde Fahrzeit von Worms, klingelte ein Betrunkener an einer Tür. Bei unserem Eintreffen war er allerdings nicht mehr zu sehen. Als wir gerade wieder Richtung Worms fahren wollten, kam ein Anruf wegen eines Einbruchsalarms in einer Spielhalle. Diese wurde von zwei Streifen umrundet – ohne Ergebnis.

 

Traurig war der Einsatz, den andere Streifenteams hatten – es hatte einen Unfall gegeben, bei dem eine alte Dame angefahren und schwer verletzt wurde. Als ich die Dienststelle morgens verließ, rang sie noch mit ihrem Leben. Ich weiß nicht, was aus ihr wurde. Ich weiß allerdings, dass der Vorfall keinen der Polizeibeamten unberührt ließ.

 

Eine ereignisreiche Nachtschicht ging zu Ende.

Danke, Thomas und Carina. Danke, Polizei Worms. Ihr seid klasse!

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Wasserschutzpolizei – was machen die eigentlich?

„Die sind ja wohl total tiefenentspannt“, stellte ein Bekannter fest, nachdem er mir von einem Erlebnis mit der Berliner Wasserschutzpolizei erzählt hatte.

Mag sein.

Wenn man damit meint, dass die Wasserschutzpolizei fast nie durch die Einsatzlage getrieben wird und ihr auch so gut wie keine Gewalt entgegenschlägt (zum Glück!) dann ist das wohl korrekt.

Wenn man damit meint dass die Damen und Herren bei der Wasserschutzpolizei nichts schaffen – wenn man davon absieht, dass sie bei bestem Wetter auf landschaftlich schönen Gewässern herumschippern – dann liegt man mit dieser Einschätzung natürlich meilenweit daneben.

Dazu sollte man wissen, dass beispielsweise eine umfassende Kontrolle eines Frachtschiffs zwei bis drei Stunden dauern kann. Besetzung, Sozialvorschriften, Ladung, Gefahrgutvorschriften, Technik usw.)

Zwei Beamte sind auf dem Schiff. Dieses geht natürlich nicht vor Anker, sondern fährt weiter. Da steht Zeitdruck dahinter, es geht um Geld, nicht nur, wenn die Schiffe kaum noch Ladung aufnehmen können, weil es nicht regnen will und die Flüsse Niedrigwasser haben.

Ein dritter Polizeibeamter folgt also mit dem Polizeiboot, damit seine Kollegen nach beendeter Kontrolle wieder umsteigen können.

Drei Beamte und ein Boot sind also über Stunden gebunden und rein statistisch war es dann nur ein einziger Einsatz. So kann man schon mal rein rechnerisch auf solche falschen Annahmen kommen wie mein Bekannter weiter oben.

Um zur Wasserschutzpolizei zu kommen, muss man zuerst eine Polizeiausbildung absolvieren, danach kommt noch mal zwei Jahre Ausbildung. Bis zum Bootsführerschein. „Ich habe also sozusagen zwei Berufe“, sagte einer der Herren zu mir. Danach braucht man ein weiteres Jahr Fahrtzeit, um das Behördenpatent zu erwerben, das einen letztlich zum „kompletten Wasserschutzpolizisten“ macht.

Boot fahren sieht übrigens einfach aus, ist es aber nicht! Ein nicht unwesentlicher Teil des Bootes liegt unter Wasser. Fahren auf Sicht fällt also aus. Man fährt mit Echolot. Für mich ziemlich komplex …

Nicht nur deshalb fand ich meinen Besuch bei der Wasserschutzpolizei Koblenz sehr spannend und beeindruckend. Auch wenn wir uns nur wenig vorstellen können, was die Wasserschutzpolizei macht – da sind kompetente Leute unterwegs, die einen Job machen.

Ich wünsche Euch immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.

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„Du gehörst doch nach Andernach!“

Mitte der 80er Jahre eine nicht sonderlich gepflegte Beleidigung, wenn jemandes Verhalten nicht in die Normen passte, die uns als Teenager beherrschten. Die auch reichlich eng waren – was für Pubertierende auch normal ist. Schlecht ist nur, wenn man sich auch im Erwachsenenalter von diesen allzu eng gesteckten Normen nicht befreien kann.

Jedenfalls wusste im nördlichen Rheinland-Pfalz, wo ich aufwuchs, zumindest in den Orten an der Rheinschiene jeder, was gemeint war. Der Spruch spielte an auf die Rhein-Mosel-Fach-Klinik, eine Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie.

Jahrelang verschwand diese Klinik aus meinen Gedanken, eine gute Bekannte wohnte lange in Andernach, ich ging hier und da in Andernach aus. Dann ergab es sich, dass ich eine Nachtschicht bei der Polizeiinspektion Andernach mitfahren durfte. Da mir schon bei diversen Besuchen zu Heiligabend oder auch zum Danke-Polizei-Tag aufgefallen war, dass das Einsatzaufkommen dort eigentlich immer recht hoch ist, freute ich mich schon auf diese Erfahrung.

 

Als ich ankam, erwartete mich das mir für ländliche Dienststellen mittlerweile wohlbekannte Phänomen – an allen Ecken und Enden fehlte Personal. Zwei Beamte waren erkrankt, zwei waren nach Koblenz zu einem plötzlichen Sondereinsatz abgeordnet worden und es gab einen Anwärter, der ausgebildet zu werden hatte. Ursprünglich war der Gedanke gewesen, mich von Streifenteam zu Streifenteam weiterzureichen, um die Belastung aufzuteilen. So blieb ich die ganze Nacht bei Michael und Jil.

 

Wir bestreiften das noch recht ruhige Andernach. Als erstes fiel uns ein weißer Kastenwagen auf, der am Straßenrand vor einer Liegenschaft im Gewerbegebiet stand. Etwas, was sogar mir als Laie komisch vorkam. Entsprechend langsam steuerte Michael den Streifenwagen an dem Lieferwagen vorbei. Hektische Betriebsamkeit brach aus, ein Mann sprang ins Führerhäuschen des weißen Wagens. Er fuhr an.

Entschlossen wendete Michael den Streifenwagen und folgte. Der Weiße fuhr auf eine weitere Gewerbeliegenschaft auf. Michael stellte den Streifenwagen genau davor.

 

„Guten Abend. Polizei Andernach.“

„Guten Abend.“

Fahrzeugkontrolle. Papiere waren soweit in Ordnung. Auch Verbandskasten, Warndreieck und Warnwesten waren wie erforderlich vorhanden.

„Ich möchte mir mal die Ladungssicherung anschauen“, teilte Michael mit. Der Mann riss die Tür zur Ladefläche auf.

Es gab keine Ladung. Die sollte nämlich erst hier abgeholt werden, wie uns der Fahrer mitteilte. Was auch ein Herr bekräftigte, der aus dem Haus kam.

Kurz und gut – es schien alles in Ordnung. Warum nur hatte er weiter hinten so komisch geparkt? Ein Rätsel, was sich wohl nicht mehr lösen lassen würde.

Offensichtlich merkte der Mann, dass die beiden Polizeibeamten und ich noch jede Menge Fragezeichen im Kopf hatten – denn er verabschiedete sich mit den Worten:

„Und danke, dass Ihr mich eben beim Pipimachen noch nicht gestört habt.“

 

 

Wir lachten noch im Streifenwagen.

„In unserem Beruf erlebst du ständig was Neues.“

Darüber waren sich Michael und Jil einig. Natürlich quetschten auch sie mich interessiert aus, warum ich mir freiwillig die Nachtschichten mit der Polizei antue. Ich legte meine Gründe dar. Abgesehen davon, dass das für mich ein Zeichen der Wertschätzung ist, mir anzusehen, wie unsere Polizistinnen und Polizisten arbeiten, ist es auch eine gute Möglichkeit, mit jenen zu reden, die sozusagen an der Alltagsfront Tag für Tag ihren Kopf für uns hinhalten. Außerdem macht es mir Spaß.

„Das kann ich verstehen“, sagte Jil. „Mein Beruf macht mir auch Spaß.“

Michael bestätigte das.

Das vielleicht mal für alle, die in den Kommentarspalten unserer Präsenzen in den Sozialen Netzwerken Polizistinnen und Polizisten gern zu Opfern machen. Das sind sie nicht. Sie machen eine fantastische, manchmal gefährliche Arbeit für unsere Gesellschaft und werden dafür von manchen Teilen der Gesellschaft unsäglich behandelt. Aber sie haben oft Spaß an ihrer Arbeit und tun sie gerne.

Last but not least helfen mir meine Nachtschichten auch beim Argumentieren gegen die ganzen Hintertreppengerüchte aka Scheißhausparolen, die über unsere Polizei kursieren. Erst neulich hatte ich eine interessante Konversation mit einem Menschen, der ernstlich der Ansicht war, über eine Einweisung in eine Psychiatrie könne die Polizei jeden Menschen für jedes beliebige Vergehen 48 Stunden festhalten, ohne dass sich ein Richter da einzumischen habe. Und natürlich macht in seinem Weltbild die Polizei das auch pausenlos und mit jedem, der ihr nicht in den Kram passt. Was für ein blühender Unsinn. Und ich konnte ihm das wenigstens teilweise ausreden…

Da dieses „Gespräch“ in einem Sozialen Netzwerk stattfand, hoffe ich immer, dass genug Schweigende mitlesen, die sich vielleicht von den besseren Sachargumenten überzeugen lassen.

 

 

Schließlich hatte ich im Laufe der Andernacher Nacht zwei Einweisungen miterlebt.

 

Im ersten Fall handelte es sich um eine Frau, die bereits vom Rettungsdienst versorgt wurde. Zumindest mühten sich bei unserem Eintreffen die beiden Sanitäter redlich, sie zu versorgen. Allein – sie wollte nicht. Entsprechend war sie ihnen gegenüber aggressiv geworden. Sie hatten die Polizei gerufen, den Einsatz bekamen wir. Was zu einer Miniblaulichtfahrt über etwa einen Kilometer führte, da wir ganz in der Nähe waren.

Die Dame war ganz klar nicht wegefähig. Sobald sie nicht an einem Zaun oder einer Mauer lehnte, brauchte sie nicht nur den Bürgersteig in seiner gesamten Breite, sondern auch noch die Fahrbahn dazu. Auf einer viel befahrenen Straße ein unkalkulierbares Risiko.

 

Zudem hatte ich das dringende Gefühl, allein durch das Einatmen in ihrer Gegenwart einen ähnlich Grad an Alkoholisierung zu erreichen wie sie ihn offensichtlich hatte.

„Ich will nach Hause“, wiederholte sie hartnäckig.

„Wir können Sie nicht nach Hause lassen. Wir können Sie auch nicht allein gehen lassen“, wiederholte Michael ebenso hartnäckig wie freundlich.

Letztlich stieg sie in den Krankenwagen. Da sie im Vorfeld aggressiv gegen die Sanitäter geworden war, stieg Jil mit ein. Und ich durfte nach vorne rücken (Yay!).

Auf der Fahrt zur Rhein-Mosel-Fachklinik erklärte mir Michael, dass hier eine deutliche Eigengefährdung vorlag. Eifrige Leser meiner Artikel werden sich jetzt fragen: Wieso müssen die denn in Andernach – im Unterschied zu kreisfreien Städten wie bspw. Ludwigshafen den Kommunalen Vollzugsdienst nicht fragen, bevor sie eine Einweisung vornehmen. Dies hat damit zu tun, dass in ländlicheren Gebieten von Rheinland-Pfalz die Kreisverwaltung zuständig ist, die zum einen über keinen eigenen Vollzugsdienst verfügt und zum anderen nur innerhalb der Geschäftszeiten zu erreichen ist. Also nicht während einer Nachtschicht. Entsprechend tritt die Polizei direkt in Verhandlungen mit den Ärzten.

Bei dieser Dame war es auch keine Einweisung im klassischen Sinne, denn es ging ja um ihren sehr hohen Alkoholisierungsgrad. Im Grunde musste die Polizei sie in Gewahrsam nehmen, um sie vor sich selbst zu schützen. Allerdings war wiederum der Alkoholisierungsgrad derart hoch, dass kein Arzt ihr eine Gewahrsamsfähigkeit ausgestellt hätte. In diesem Fall hat also die Rhein-Mosel-Fachklinik den Polizeigewahrsam stellvertretend vorgenommen, aber eben unter Aufsicht fachkundiger Ärzte.

 

„Wir können sie wirklich nicht weiter draußen rumlaufen lassen. Da kann jede Menge passieren. Sie könnte überfahren werden oder auch bei sich zu Hause einen Unfall haben.“
Michael konnte offensichtlich mein Schweigen zu der Thematik nicht einordnen. Dabei war ich in der Sache ganz auf seiner Seite. Schweigsam war ich nur, wie ich ihm dann auch erklärte, weil ich einen Fall aus dem niedersächsischen Rastede im Kopf hatte, wo zwei junge Polizisten einen Betrunkenen aus dem Streifenwagen gelassen hatten und er kurz darauf überfahren wurde. Die beiden müssen nun nicht nur mit ihren Schuldgefühlen fertig werden, sondern auch mit einer öffentlichen Hexenjagd und Angst um ihre Existenz.

Ich teilte meine Gedankengänge dazu mit Michael.

Wir hatten auch jede Menge Zeit für derartige Gespräche, weil der Haupteingang zur Klinik wegen Bauarbeiten nicht benutzbar war. Die Suche nach dem Nebeneingang gestaltete sich komplex. Zudem führten die letzten paar Meter über eine Umleitung quer durch ein Krokusbeet. Darauf muss man erstmal kommen. Jedenfalls hatten sowohl Michael als auch der Fahrer des RTW echte Skrupel, quer durch die Blümchen zu fahren, die nach einem langen, harten Spätwinter schüchtern aus dem Gras lugten.

Die Ärztin sah die Eigengefährdung ähnlich wie die Sanitäter und Beamten und nahm die Dame auf.

„Die handeln doch eh im Sinne der Beamten“, meinte der Diskutant, dessen eigenartige Meinung über die Möglichkeiten einer demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei, Menschen einfach mal eben so in einer Psychiatrie verschwinden lassen zu können, mir ganz schön viel Kopfschmerzen bereitete.

In diesem Fall ja. Ich kenne auch andere Fälle, in denen die Ärzte die Leute unmittelbar nach Eintreffen in der Psychiatrie wieder auf freien Fuß gesetzt haben.

Wobei der Sinn der Beamten nicht darin lag, die Dame „verschwinden“ zu lassen, sondern sie vor sich selbst zu schützen. Ein wesentlicher Unterschied!

Im Übrigen habe ich noch bei keiner einzigen Schichtbegleitung erlebt, dass eine Polizistin oder ein Polizist einfach so mal schnell jemanden einweisen wollte. Es gab immer sehr gute und nachvollziehbare Gründe.

Bis hierhin hätte man auch alles in einschlägigen Gesetzen nachlesen können, wie bspw. dem Landesgesetz für psychisch kranke Personen (PsychKG) für RLP bzw. ähnlichen Gesetzen für andere Bundesländer. Wie sagt ein von mir geschätzter Polizist oft und gern: „Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung.“

Nicht im Gesetz nachlesbar ist die Menschlichkeit, mit der die beteiligten Blaulichter an die Sache herangingen. Niemand hat sich über die Dame lustig gemacht. Alle hatten vor allen Dingen ihr Wohlergehen im Auge – und das der anderen Verkehrsteilnehmer. Für denjenigen, dem sie genau vors Auto fallen würde, wäre das nämlich auch kein Zuckerschlecken.

Im Nachhinein sagte Jil im Auto: „Sie hat mir im Krankenwagen ihr ganzes Leben erzählt – also einfach hatte sie es nicht!“

 

Besonders augenfällig wurde das beim folgenden Einsatz gegen Ende der Nacht. Ein junger Mann hatte den Notruf gewählt und dort mitgeteilt, dass er seine Lebensgefährtin geschlagen hätte. Er wolle sich selbst anzeigen. Meine Streife wurde zu ihm geschickt, um den Sachverhalt aufzunehmen.

Er erwartete uns bereits vor seiner Haustür. Der junge Mann wirkte zeitgleich verzweifelt und aggressiv, er hantierte mit einem großen Feuerzeug (eines von denen mit dem langen Rüssel, um Kamine anzuzünden oder Teelichter am Boden eines tiefen Glases) herum.

„Legen Sie das mal bitte weg“, forderte Jil auf, nachdem allseits „Guten Morgen“ gewünscht wurde.

Zack!

Er pfefferte das Teil in eine Ecke seines Eingangsbereichs.

Hoppla!

Definitiv ein Fall, in dem ich mich nicht unbedingt nach vorne drängeln und zusehen sollte, dass alle Fluchtwege offen bleiben.

Da es ziemlich kalt war, gingen wir mit ihm ins Haus. Dort fragten Michael und Jil ihn aus, was passiert war. Ich bewunderte den Boden, der nicht nur derart klebte, dass er bei jedem Schritt schmatzende Geräusche abgab, sondern auf dem auch dunkelrote Spritzer prangten.

Blut?

Der Mann erzählte uns, dass er Streit mit seiner Freundin bekommen hätte, daraufhin habe er ihr eine Ohrfeige verpasst. Diese Entgleisung erfüllte ihn mit Verzweiflung, so sehr, dass die Aussage fiel:

„Ich will mich suizidieren.“

Michael bohrte nach.

Die Freundin sei dann schließlich mit einem dreistelligen Eurobetrag und zwei Bekannten verschwunden. Das Geld stammte vom Konto seiner Mutter, er hatte es mit einer EC-Karte abgehoben. Die Mutter war im Krankenhaus.

„Die bringt mich um“, sagte er.

Die Höhe des Betrages schwankte im Laufe des Gespräches mehrfach – ebenso wie seine Stimmung, was ihn äußerst unberechenbar erscheinen ließ.

Meinem Eindruck nach war es hauptsächlich die Tatsache, dass ihm die Hand ausgerutscht war, die ihn mit Verzweiflung erfüllte. Ein bisschen Angst vor seiner Mutter schien aber auch dabei.

„Wir müssen Sie einweisen lassen, wegen Ihrer Suizidgedanken“, stellte Michael fest.

„Ich bin doch nicht blöd.“
Dabei wirkte der Mann wieder sehr aggressiv.

„Das hat doch mit ‚blöd‘ nichts zu tun“, sagte Jil.

Der junge Mann kam wieder ein bisschen runter.

Ich machte mir milde Sorgen um meine beiden Begleiter, die ihn auch für keine Sekunde aus den Augen ließen. Dennoch gingen sie sehr freundlich auf ihn ein.

Letztlich funkten sie eine zweite Streife herbei, da in unserem Streifenwagen meinetwegen kein Platz war.

„Ich kann nicht in die Klinik“, sagte der junge Mann schließlich.

„Warum nicht?“

„Ich hab keinen Schlüssel. Wenn die mich wieder wegschicken, weiß ich nicht, wo ich schlafen soll.“

Die zweite Streife kam genau zu dieser Diskussion dazu. Letztlich willigte er ein, sich in die Klinik bringen zu lassen.
„Aber nur, wenn ich meine Decken holen gehen kann, dann nehme ich die mit raus und übernachte notfalls im Gartenhäuschen.“

„Ich hol die gerade“, erbot sich eine der neu hinzugekommen Polizistinnen, Silvia. „Wo sind die denn?“

„Oben im Schlafzimmer.“

Silvia und ein weiterer Polizist stiegen die Treppe ein Stockwerk nach oben.

„Oben keine Blutflecken“, vermeldete Silvia leise zu den anderen, als sie wieder nach unten kam.

Die Decken wurden außer Sicht von der Straße neben der Haustür deponiert.

Die zweite Streife war mit dem Bus und einem Anwärter gekommen, so dass drei Polizeibeamte bei ihm waren, als er in die Klinik gefahren wurde.

Selbstverständlich versuchten im Nachgang mehrere Streifen die Freundin zu finden. Immerhin war immer noch nicht geklärt, von wem das Blut war. Auch wir suchten eine Adresse einer der beiden Bekannten auf, mit der die Freundin unterwegs gewesen sein soll. Da die beiden Bekannten polizeibekannt waren, war es für die Polizei nicht weiter schwierig, an die Adressen zu kommen.

Eine andere Streife traf schließlich die Lebensgefährtin bei bester Gesundheit an.

Von wem nun das Blut war, bliebt unklar. Sicher ist, dass kein Gewaltverbrechen stattgefunden hatte.

 

 

Natürlich haben wir uns in dieser Nacht nicht nur mit der Rhein-Mosel-Fachklinik beschäftigt, sondern hatten auch andere Einsätze:

„Meine“ Streife hat im Laufe der Nacht insgesamt vier Verkehrskontrollen durchgeführt.

Ein Fahrer musste seinen Führerschein abgeben, weil er mit deutlich über 1,1 Promille fuhr. Interessantes Detail: auf dem Beifahrersitz saß seine stocknüchterne Ehefrau. Muss man nicht verstehen!

 

Es gab einen Einsatz wegen eines betrunkenen Randalierers, der sich aber bei unserem Eintreffen schon wieder beruhigt hatte. Die Sachlage entpuppte sich als Streitigkeiten zwischen Vater und Sohn.

Auch gab es eine Schlägerei vor einer Diskothek, dem Rasputin, zu der wir mit insgesamt vier Streifen ausrückten (der Sondereinsatz in Koblenz war zu diesem Zeitpunkt bereits beendet). Die Türsteher hatten zwei junge Männer nicht reinlassen wollen, die ihrerseits partout reinwollten. Die Gründe der Türsteher sind im Zweifel vollkommen egal, sie haben das Hausrecht und dürfen auch dann den Zutritt verwehren, wenn ganz einfach die Nase nicht gefällt.

Als persönlichen Höhepunkt bekam ich noch eine ausgiebige Blaulichtfahrt von Weißenthurm bis knapp ins Dienstgebiet der PI Koblenz 2 geschenkt, als uns ein Auto mit Schlangenlinien auf der B9 gemeldet wurde.

 

Danke an die PI Andernach für diese spannenden Einblicke, besonders an Michael und Jil. Ihr seid klasse!

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Bremen, Klappe die Zweite

Nach meiner Schicht im Sommer 2016 hatte Peter befunden, dass Bremen sich mir nicht in angemessener Weise präsentiert hätte. Die Schicht war einfach zu ruhig gewesen. Entsprechend hatten wir beschlossen, das Ganze bei Gelegenheit zu wiederholen – im Sommer 2017.

Zuerst präsentierte sich mir die Bahn wieder einmal mit einer hübschen Verspätung, so dass Peter mich nicht am Hauptbahnhof abholen konnte. Das macht aber nichts, denn Bremen hat einen sehr guten Nahverkehr. Die Zeit in der Tram gab mir auch Gelegenheit, abzukühlen.

Im Zug nach Bremen machte ich nämlich Bekanntschaft mit einer Bremer Familie, bestehend aus einem Vater und zwei seiner Töchter im angehenden Pubertätsalter. Sie fuhren in der ersten Klasse und waren, soweit ich das beurteilen kann, das, was man linksaußen so schön „Biodeutsche“ nennt. Diese Information gebe ich nur, um wiederum den einen oder anderen Leser rechtsaußen vor Schnappatmung zu bewahren.

Dazu muss man sagen, dass ich mir ein Ticket erster Klasse geleistet hatte (zum Supersparpreis von 30 Euro), weil die Fahrt ja nun doch länger dauert und weil ich auf langen Fahrten gerne Genesungskarten schreibe.

Nun kenne ich beruflich eine Menge mehr oder minder pubertierender Jugendlicher, aber auch dieses Hormonchaos erklärt und entschuldigt nicht alles…

Zuerst schafften die beiden es, eine Lärmkulisse zu produzieren, dass ein ausgewachsener Frauenkegelclub bei einer Weinprobe dagegen als eine Oase der Stille rüberkommt.

Kein Ding! Ich habe immer Musik dabei, die mich so abschließt, dass ich mich auf meine Karten konzentrieren kann.

Mir ist unklar, ob den beiden jungen Damen nicht passte, dass ich so gar nicht auf ihre Vorstellung reagierte, aber sie drehten zunehmend auf. Irgendwann konnte ich meine Musik nicht mehr lauter stellen, wollte ich keinen Hörschaden riskieren.

Ich ignorierte das Theater aus Prinzip und begann mich zu fragen, ob die gesamte Erziehungstätigkeit des Herrn Vaters wohl weiterhin darin bestehen würde, interessiert zuzuschauen, wie seine beiden Grazien gerade einen ganzen Großraumwaggon terrorisierten – wissend, dass der erste, der es wagen würde, etwas zu sagen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Kinderfeindlichkeit geziehen werden würde.

Nun kriegten die beiden Damen irgendwie heraus, dass meine Beschäftigung etwas mit dem Thema „Polizei“ zu tun hatte – und beglückten den ganzen Waggon in unbeschreiblicher Lautstärke (zur Erinnerung – ich trug Kopfhörer mit Musik) mit Polizeiwitzen dümmlichster Art, die sie extra zu diesem Behufe aus dem Internet zogen. Nebenbei bemerkt waren die auch alt wie die Zeit… also die Witze.

Auch hier – erzieherische Worte des Vaters – Fehlanzeige. Er fand das wohl noch lustig.

Da hatte ich dann eine sehr gute Vorstellung von dem, was Polizeibeamte sich teilweise auch von „gutsituierten“ Bürgern an Dreistigkeiten gefallen lassen müssen.

Das Ganze endete übrigens damit, dass ich mir noch in Nordrhein-Westfalen einen neuen Platz suchte – zwei Waggons weiter.

Ich hoffe, der Vater liest diesen Artikel und es ist ihm angemessen peinlich.

 

Netterweise holte Peter mich (bereits in Uniform) von der Tram ab. Herrlich! Ich hätte zu gern die Gesichter der Leute in der Bahn gesehen, dass ich nicht nur von der Polizei schon in Empfang genommen, sondern auch gleich mit einer Umarmung begrüßt werde.

Im Unterschied zum letzten Mal hatten wir auch Zeit für eine kurze Vorstellung während der Schichtbesprechung.

Peter hatte noch Papierkram aus der Vorschicht da liegen, also wurde ich schon einmal mit Andreas und Tobias rausgeschickt.

Der erste Einsatz ließ auch nicht lange auf sich warten.

 

Einbruchsalarm in einem Großlager.

Blaulichtfahrt.

Das fängt ja gut an… ;-)

Der Sicherheitsdienst ließ uns auf das Gelände, wir fuhren einmal mit dem Streifenwagen um Lagergebäude und Gelände – nichts!

Eindeutig ein Fehlalarm.

Wir rückten ab, zumal der Verantwortliche für das Lager nun selbst nach dem Rechten sehen wollte.

 

Nächster Einbruchsalarm.

Ein leer stehendes Hotel. Dieses hatte eine Weile als Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge gedient. Der Nachbar, der die Polizei alarmiert hatte, sagte: „Das Haus steht leer.“

Tobias bezweifelte das.

„Da übernachten bestimmt welche drin.“

Schon auf der Anfahrt wunderte ich mich. Für mein rheinisches Gemüt ist Bremen eine Großstadt. Allerdings fuhren wir durch eine sehr ländliche, flache Landschaft, die in mir durchaus Entspannungsgefühle aufkommen ließ – erinnerte sie mich doch schwer an diverse schöne Urlaub in Norddeutschland.

Als wir ausstiegen, stiegt mir der Duft von Kuhdung in die Nase…

Vielseitig, diese Großstadt!

In der Einfahrt des Nachbargrundstücks stand ein Auto. Während Andreas versuchte, Einblick ins Haus zu gewinnen, entdeckte Tobias in dem Auto Leute. Ein Mann kam um das Auto herum auf uns zu.

„Haben Sie hier was mitgekriegt?“ wollte Tobias wissen.

„Ja, also eigentlich wurde wohl die Polizei wegen uns gerufen?“

Hä?

Andreas gesellte sich zu uns.

„Na ja“, fuhr der Herr fort. „Sie (er zeigte auf eine junge Frau, die auf dem Beifahrersitz eines Wagens saß) hat Drogen genommen, ist ein bisschen durchgedreht und dann bin ich mit ihr hierhergefahren, damit sie runterkommt.“

Aha?

Er war aber noch nicht fertig.

„Dann hat sie geschrien, und deswegen haben wohl einige Passanten die Polizei gerufen.“

Natürlich führten meine beiden Herren eine Personenkontrolle durch. Resultat: Der junge Mann war der Polizei bekannt – u.a. auch wegen Vergewaltigung. Natürlich gingen bei meinen Begleitern sämtliche roten Lampen an, auch wenn sie nach außen hin unbewegt blieben.

Andreas bestand darauf, mit der Frau zu sprechen, während Tobias mit dem Mann allein blieb.

Sie versicherte mehrfach (und nicht nur aus meiner Sicht glaubwürdig), ihr ginge es gut.

Entsprechend war für die Polizei nichts zu tun, der Einbruch war keiner gewesen und es gab, trotz der Vorgeschichte des Mannes, keinerlei Anzeichen für eine Straftat.

Ein Einsatz, der ganz anders war, als noch bei der Anfahrt gedacht.

„Sowas gibt es oft“, stellte Tobias fest.

 

Wir bestreiften Huchting, einen Stadtteil von Bremen, der einige Straßenzüge hat, die durchaus polizeilicher Aufmerksamkeit bedürfen. Es ist keine NoGo-Area, aber es soll auch keine werden.

 

Dem Streifenwagen kam ein Fahrradfahrer ohne Licht entgegen. Selbstverständlich qualifizierte sich der Mann für eine Kontrolle. Er sprach kein Deutsch, dafür kam nach und nach seine ganze Familie angerückt. Letztlich gingen aber alle ihrer Wege, nachdem ihm eindringlich klar gemacht wurde, dass er für Licht an seinem Fahrrad zu sorgen habe.

 

Ein Auto fuhr sehr schnittig an uns vorbei, also wurde auch hier eine Kontrolle durchgeführt. Die ergab nichts, außer der Erkenntnis, dass Shisha-Tabak sehr stark und gar nicht mal schlecht riecht. Damit war nämlich der Kofferraum voll bis zum Rand.

 

Wir passierten eine Shisha-Bar, vor der ein Auto mitten auf dem Gehweg parkte. Andreas, der den Streifenwagen fuhr, gab dem Halter eine faire Chance, aus der Bar zu kommen und seinen Wagen auf einen ordentlichen Parkplatz zu fahren. Der ließ diese Chance jedoch verstreichen, also wird er in den folgenden Tagen wohl Post bekommen haben.

 

Zwei junge Herren machten sich auf verdächtige Art in einer dunklen Ecke an einem Auto zu schaffen. Alles ok, einer davon war der Fahrzeughalter.

 

Wo wir schon mal in der Ecke waren, haben wir auch kurz geschaut, ob der Wagen eines Halters mit Fahrverbot bewegt worden war. War er nicht!

 

Im Funk hörten wir mit, wie in einem anderen Teil von Bremen fünf Streifen zu einem Einsatz flogen, weil Rettungssanitäter angegriffen wurden. Kranke Welt!

 

Nächster Einsatz.

Verdächtige Vorkommnisse in einem Einfamilienhaus, dessen Eigentümer in Urlaub waren.

Wir wurden vor Ort von der Anruferin erwartet.

„Im Haus brennt Licht. Das war aber vorher nicht an.“

Nun war die Frage aller Fragen:

Einbrecher oder Zeitschaltuhr?

Die Dame hatte auch schon den Bruder der in Urlaub befindlichen Frau angerufen, der einen Schlüssel hatte. Er schloss auf, die Polizei betrat das Haus. Meine beiden Begleiter checkten überall, ob sich niemand im Haus aufhielt und ob alle Fenster und Türen unversehrt waren. Auch durch den Garten drehten sie eine Runde.

Letztlich stellte sich heraus: die Eigentümer hatten tatsächlich Zeitschaltuhren installiert.

Der Bruder schaltete sie alle ab.

„Wenn das so schnell bemerkt wird, wenn Licht an ist, dann wird das Haus ja gut bewacht.“

Die aufmerksame Nachbarin entschuldigte sich bei meinen beiden Herren.

„Nicht doch. Wir kommen gerne.“

Deswegen finde ich euch auch so klasse.

 

Zu diesem Zeitpunkt endete Andreas Arbeitszeit und die beiden fuhren wieder zur Dienststelle.

Peter übernahm das Fahren des Streifenwagens und es ging direkt raus zu einer Ruhestörung.

Tatsächlich hörten wir in der Nähe des Wohnhauses des Anrufers eine öffentliche Party – diese war aber durchaus gemäßigt in der Lautstärke. Im Gegensatz dazu tobte allerdings genau im Nachbarhaus eine viel lautere Unterhaltung. Die hatte den Anrufer aber offensichtlich nicht weiter gestört.

Auch seine eigene Klingel störte ihn nicht weiter, nachdem Peter und Tobias drei Mal geklingelt hatten, rückten wir wieder ab. Offensichtlich lag der Mann schon in tiefstem Schlummer… dachten wir.

 

Nächster Einsatz:

Eine verwirrte alte Dame mit einer Katze randaliert an einer Tür.

Schon auf der Anfahrt mutmaßte Tobias, um wen es sich handeln könne – und richtig!

Die Dame hatte allein er schon sechs Mal in diesem Jahr nach Hause gebracht. Sie ist hochgradig dement und lebt mit ihrem Mann zusammen. Der, schon an die 90 Jahre alt, hat nicht mehr die notwendigen Kräfte, um alles, was damit zusammenhängt, zu bewältigen.

Tobias wusste, wo die Dame wohnt. Peter brachte sie sehr liebenswürdig dazu, zu uns ins Auto zu steigen (ich durfte wieder auf den Beifahrersitz umziehen). Dafür nahm er sich sehr viel Zeit und Ruhe – was ich wirklich toll fand. Ich gebe zu, dass ich ein bisschen eine Schwäche habe, wenn es um demente Menschen geht. Mir ist diese Krankheit ausgesprochen unheimlich, vermutlich weil ich selbst sehr rational bin und viel über den Kopf löse. Es macht mich immer ein bisschen fassungslos, wenn Menschen über Vernunft und Logik nicht zu erreichen sind – auch, wenn sie gar nichts dafür können. Deswegen bewunderte ich Peter gerade uneingeschränkt.

In jedem Fall wird Peter einen Bericht an das Amt für Soziale Dienste der Stadt Bremen verfassen, damit dem Ehepaar geholfen werden kann. Der nächste Ausflug ist vorprogrammiert und wenn erst die kalte Jahreszeit kommt, kann das schlimm enden.

 

 

 

Kaum war dieser Einsatz beendet, erfuhren wir, dass der Anrufer wegen der Ruhestörung tatsächlich noch einmal die Polizei angerufen hatte. Wir mussten aber nicht noch einmal hinfahren – es reicht aus, einmal nicht hineingelassen zu werden.

 

Wieder eine Ruhestörung.

Und wieder einmal kam es mir gar nicht so laut vor, was da aus der Kneipe schallte.

„Machen Sie einfach die Tür zu, dann werden wir auch nicht mehr angerufen!“

Stimmt! Wurden wir auch nicht mehr.

 

Ein Auto mit schwedischem Kennzeichen kreuzte unseren Weg. An einem der Nummernschilder fehlte eine Plakette. Verkehrskontrolle. Alles in Ordnung.

 

Anschließend ging es in die Dienststelle, weil Peter und Tobias nun einiges an Berichten angehäuft hatten. Zumindest war das der Plan, der aber unterbrochen wurde durch einen Notruf.

Der Anrufer hatte einen lauten Knall gehört, was i.d.R. bedeutet, dass ein Zigarettenautomat aufgesprengt wurde.

Wir fuhren in die angegebene Straße.

Ein Zigarettenautomat.

Intakt!

Hm…

Keine hundert Meter weiter noch ein Zigarettenautomat.

Ebenfalls intakt.

„War am Ende doch ein Fehlalarm?“

Noch einmal 100 Meter weiter…

Oha…

Wir fanden Einzelteile des Automaten noch auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein ganz schön hohes Risiko für die paar Kröten, die man heutzutage in diesen Automaten findet. Zudem roch es dermaßen nach Schwarzpulver, dass nach meinem Dafürhalten diese Zigaretten im Anschluss arg gesundheitsschädlich gewesen sein dürften. Ok, sind sie sowieso… trotzdem…

 

Letztlich galt es, Beweise zu sichern. Peter machte Fotos.

 

Dann überlegten meine Herren, wie sie dieses Gerät in die Dienststelle bringen. Dazu muss es erst einmal von seinem Sockel gelöst werden. Das ist nicht allzu einfach, sonst bräuchte man die Teile ja auch nicht mühevoll zu sprengen…

 

Kurz: die Feuerwehr musste kommen.

In der Wartezeit drehten Peter und ich ein paar Runden durch die Umgebung – in der Hoffnung, ein paar Spuren der Automatenaufbrecher zu finden – vergeblich.

 

Die Feuerwehr arbeitete fast eine halbe Stunde daran, diesen Automaten von seiner Halterung zu lösen.

Zum Transport wurde ein Bulli von der Dienststelle geholt. Ich kriegte bei seinem Anblick feuchte Augen – erinnerte mich sehr an meine Jugend…

Netterweise halfen die Feuerwehrleute dann noch, den Automaten in den Bulli zu verladen. Sie fuhren sogar mit zur Dienststelle, um beim Entladen zu helfen. Sehr nett! Ich weiß schon, warum ich bekennender Blaulichtfan bin.

 

Nun ging es für Peter und Tobias aber wirklich an ihre Berichte. Ich amüsierte mich in der Zwischenzeit damit, einen Bücherschrank zu durchforsten, in dem einige Bücher zu verschiedenen polizeirelevanten Themen standen. Polizeirecht, Einsatzlehre, Eigensicherung, Gesetzeskommentare… überall standen Namen drin. Offensichtlich private (Leih-)gaben von Polizeibeamten, die hier arbeiten. Übrigens alle ziemlich aktuell und mit deutlichen Gebrauchsspuren versehen. Besonders in Erinnerung ist mir ein Buch geblieben mit dem klangvollen Titel „Reducing ethnic profiling in the European Union – a handbook of good practices“. Ich habe kurz hineingelesen. Nun kann man über Racial Profiling trefflich diskutieren und unterschiedlicher Ansicht sein – das ist in einer pluralistischen Gesellschaft auch gut so! Fakt ist aber doch, dass ein derartiges Buch, dass die These vertritt, dass Racial Profiling in der Polizeiarbeit eher hinderlich sei und wie man es vermeiden könne, in einer Sammlung von privaten Büchern von Polizisten in einer deutschen Polizeidienststelle eine ziemlich klare Antwort auf eine ganze Latte von Unterstellungen gibt, die regelmäßig auf unsere Polizei abgeschossen werden.

 

Damit verging auch der kurze Rest der Nacht sehr schnell und schon war es Zeit für das Abschiedsfoto vorm Dienststellenschild – wie üblich nach der Nachtschicht mit der Gefahr, nicht wirklich wach rüberzukommen (irgendwo zwischen grenzdebil und auf Droge…).

 

Danke an die Polizei Bremen für die nette Aufnahme und die spannenden Einblicke. Immer wieder gerne! Und da meinen Herren immer noch nicht genug los war – ich komm wieder. Ich mach das so lange, bis es passt… ;-)

 

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Nix los im Stadion – oder doch?

„Dafür, dass eigentlich nix los war, ist der Text aber ganz schön lang.“
Mit diesen Worten kommentierte einmal ein Bereitschaftspolizist einen Artikel von mir.

Schon!

Der Text war lang.

Aber warum sollte man immer nur etwas schreiben, wenn etwas Außergewöhnliches vorfällt? Okay, weil die Menschen schlechte Nachrichten lieber lesen als Gute. Deswegen kriegen auf unserer Facebook-Seite die Danke-Nachrichten auch standardmäßig weit weniger Likes als die Katastrophennachrichten.

Ist mir aber egal!

99% der Polizeieinsätze laufen super – auch darüber kann man reden.

So wie der Polizeieinsatz zum Spiel Mainz 05 gegen Schalke 04.

Ok, für mich persönlich lief einiges schief. 12 km Stau, die ich geschickt umfahren konnte – und dann mitten im Berufsverkehr vom Rhein-Main-Gebiet gestrandet. Entsprechend kam ich erstmal zu spät.

 

Heiko Arnd, der Einsatzleiter, übergab mich an zwei Herren, die Mitglieder des Social Media Teams sind. Übrigens „echte“ Polizisten, die den Social Media Teil halt AUCH bewältigen. An diesem Spieltag zum Beispiel.

 

Zuerst besuchten wir, bei „traumhaftem Wetter“, gemeinsam die Bereitschaftspolizei, die natürlich u.a. am Stadion steht.

Dann zeigten mir meine beiden Begleiter das Stadion. Im Unterschied zum Stadion in Kaiserslautern, wo ich ja auch schon einmal im Fußballeinsatz war, ist es deutlich neuer. Für mich persönlich ist es ziemlich neu – in den 90ern war ich nämlich ab und an mal im alten Bruchwegstadion dabei. Mainz war damals noch in der 2. Liga. Auch da kam mal Schalke zu Besuch und das kleine Stadion platzte aus allen Nähten. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an Durchsagen des Stadionsprechers mit der Bitte an die Schalke-Fans, die keinen Platz im Stadion mehr ergattert hatten, doch bitte aus den umliegenden Bäumen herauszuklettern. Doch genug Anekdoten aus grauer Vorzeit…

Das Stadion, derzeit Opel-Arena genannt (nennt mich altmodisch – ich mochte das noch ganz gern, als Stadien nicht nach dem Hauptgeldgeber benannt wurden, sondern Namen hatten, die man sich merken konnte und die sich auch nicht pausenlos änderten), liegt ziemlich auf der grünen Wiese. Entsprechend „erfreulich“ war es für die Fans, dass keine Parkplätze zur Verfügung standen – weil offensichtlich die Verhandlungen mit den Eigentümern der fraglichen Grundstücke ergebnislos blieben. Mittlerweile hat die Universität zur Problemlösung beigetragen, indem sie ihre Parkplätze an Spieltagen zur Verfügung stellt.

Aus polizeilicher Sicht ist an diesem Stadion sehr viel Positives. Die Lage vor den Toren der Stadt führt dazu, dass die Fans relativ problemlos zum Stadion geführt werden können und ihre Wege sich nicht kreuzen – wie es am 11-Freunde-Kreisel in Kaiserslautern passiert.

Am Stadion angekommen, werden die Fans der Gästemannschaft durch einen Tunnel in ihren Block geführt. Entsprechend können Heimfans tatsächlich einmal ums Stadion drum herumlaufen – ohne sich mit den Gästefans ins Gehege zu kommen.

Die Polizei hat eine eigene kleine Wache. Auch die wollten wir anschauen, allerdings waren die Beamten darin offensichtlich mit einem Fußballfan beschäftigt, der nicht allzu glücklich aussah. Entsprechend wollten wir nicht stören. Auch eine Leitstelle hat die Polizei, doch dazu später.

 

Zu einem gelungenen Fußballeinsatz in Mainz trägt auch die Verkehrspolizei bei. Ein Freitagabendspiel hat die Eigenschaft, dass sich der Berufsverkehr durch die Anreise von Fans nicht wirklich entspannt, entsprechend gab es auch gut zu tun.

 

Schließlich ging es wieder ins Stadion, dieses Mal in die Leitstelle. Von dort aus hat man einen guten Blick ins Stadion und auch aufs Spielfeld. Blöd, wenn man als überzeugte Rheinland-Pfälzerin genau dann auf selbiges guckt, wenn Schalke das einzige Tor des Abends in das Mainzer Netz ballert. Hmpf!

Heiko Arnd, Andrea Funke, und ich beim Schnuppern von Stadionatmosphäre vor der Leitstelle – an dieser Stelle einen herzlichen Dank an den Herrn von der Feuerwehr für das Foto inklusive der Bildrechte.

 

Heiko Arnd nahm mich mit in zwei Besprechungen, eine kurz vor Anpfiff. Dabei kamen die szenekundigen Beamten (Polizisten, die ihr Ohr möglichst am Puls der Fußballfanszene haben) aus Gelsenkirchen und aus Mainz, der Sicherheitsbeauftragte des Stadions, der Fanbeauftragte von Mainz 05 und eben die Einsatzleitung zusammen, um Eindrücke und Beobachtungen auszutauschen.

 

In der Halbzeitpause gab es eine zweite Besprechung, dieses Mal kamen die Teilnehmer nur aus den Reihen der Polizei. Bereitschaftspolizei, Verkehrspolizei und die szenekundigen Beamten gaben noch einmal ihre Eindrücke zum Besten.

 

Auch nach Spielende gestaltete sich alles ruhig. Entsprechend konnte ich mich um kurz nach Mitternacht schon wieder auf den Heimweg machen.

 

Eigentlich gab es nur zwei Dinge, die mich gestört haben.

 

Zu einem bestimmten Zeitpunkt lief ich mit zwei uniformierten Polizeibeamten durch die Wandelhalle des Stadions. Nur das – einfach gehen. Und prompt pöbelte uns jemand an: „Scheiß-Bullen!“

Ich nehme an, meine Begleiter haben das nicht gehört. Bei meiner Einstellungsuntersuchung wurde mir gesagt, mein Gehör sei zu gut – und jeder, der in meiner Gegenwart flüstert, kann das bestätigen.

Danke an die Absender dieser netten Worte für das Kompliment! Es ehrt mich immer, wenn ich mit Angehörigen einer Berufsgruppe verwechselt werde, die bei mir sehr hoch im Kurs steht.

 

Im Schalker Fanblock wurde permanent jede Menge Pyrotechnik abgebrannt. Dabei gab es auch Verletzte, das ist aber nicht mein Punkt. Offensichtlich waren dies alle Verletzte, die durch „friendly fire“ getroffen wurden – insofern bin ich da relativ mitleidlos.

Ich stelle mir dazu vielmehr zwei Fragen.

  1. Warum nutzten eigentlich die Schalker Spieler nicht ihren Einfluss auf die Fans und zeigen denen einfach mal, dass es so nicht geht? Wäre übrigens auch mal eine Maßnahme, wenn diese unsäglichen ACAB-Plakate irgendwo erscheinen. Einfach mal den entsprechenden Block nach dem Spiel bei der „Danke-Runde“ ignorieren.
  2. Wenn man Bengalos in dieses Stadion schmuggeln kann – was kann man da noch alles reinbringen? Diese Frage geht an die Verantwortlichen von Mainz 05, denn die Polizei ist an diesem Punkt raus. Die haben mit den Einlasskontrollen nichts zu tun.
    Ich bin nun mal halbe Französin und ich habe während der Terrorwelle der 90er Jahre in Paris gelebt. Bei den Anschlägen am 13. November 2015 in Paris hätte es noch viel mehr Tote gegeben, wenn die beiden Terroristen, die sich vor dem Stade de France in die Luft gesprengt haben, es in dieses Stadion geschafft hätten. Was ist der Unterschied zwischen französischen und deutschen Einlasskontrollen?
    Deutschland ist nicht Frankreich? Vielleicht! Aber seit dem 19.12.2016 und dem, was am Breitscheidplatz geschah, sollten wir uns vielleicht doch endlich mal klar werden, dass dieser Terrorismus sich nicht für Ländergrenzen interessiert.

In dem Sinne bin ich persönlich sehr froh, einen Artikel schreiben zu dürfen über einen Einsatz, bei dem eigentlich nix los war.

Danke an die Polizei Mainz, insbesondere an Heiko Arnd sowie die beiden Herren, die mich eine Weile als Achlastbeschwerer dabei hatten, für die spannenden Einblicke.

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Nächtliches Twittern in Frankenthal

Ende Januar durfte ich wieder bei der PI Frankenthal mitfahren. „Meine“ Streife bestand aus Jasmin, mit der ich schon einmal eine Spätschicht gefahren war, sowie ihrem neuen Streifenpartner Felix.

 

Seit einigen Wochen leide ich an einer Schreibhemmung, deswegen habe ich entschieden, meine Twitterbegleitung in den Artikel zu übertragen. Vielleicht für jene Leser mal ganz spannend, die kein Twitter haben.

 

Wieder darf ich eine #Nachtschicht bei der #Polizei #Frankenthal mitfahren. Auf dem Weg zum ersten Einsatz. @polizei_FT #polizeilive

 

Die Raute nennt sich Hashtag und dient als eine Art Markierung. Sucht bspw. jemand auf Twitter alle Tweets zum Thema „Polizei“, so wird ihm mein Tweet unter vielen anderen ausgeworfen. Ebenso verhält es sich mit #Frankenthal. #polizeilive ist mein persönlicher Hashtag, mit dem ich anzeige, dass ich live aus einem Streifenwagen twittere. Vielleicht setzt sich das ja mal durch. ;-)

Mit @polizei_FT spreche ich den Account der Polizei Frankenthal an, damit sie dort wissen, was über sie durch den Äther rauscht.

 

Nun geht es aber richtig los:

1. Einsatz: #Handbremse vergessen. #Auto parkte sich selbstständig um und schmiegte sich liebevoll zwischen #Hauswand und weiteres #Auto. Alle Beteiligten freundlich. #polizeilive @polizei_FT

2. Einsatz: Der #Fahrer eines Motorrollers (15) erarbeitete sich eine #Kontrolle, weil er auffällig schnell durch die #Zone 30 düste… #Eltern freuten sich, ihren #Spross abzuholen. #polizeilive @polizei_FT

Man muss dazu sagen, dass er tatsächlich dem Streifenwagen, den er nicht bemerkte, buchstäblich davonfuhr – bis Jasmin mit Blaulicht beschleunigte und der junge Herr gestoppt wurde.

Ergänzend möchte ich dazu bemerken, dass wir eigentlich auf dem Weg in die Dienststelle waren, wo mein Abendessen auf mich wartete. An dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank an den Dienstgruppenleiter dafür, es in den warmen Ofen zu stellen. Das Prozedere mit dem jungen Mann dauerte nämlich länger.

Um eine Weiterfahrt zu verhindern, wollten Jasmin und Felix das Versicherungskennzeichen abschrauben. Allerdings waren die Schrauben rostig und das Ding ließ sich einfach nicht lösen. Eine weitere Streife brachte sogar nochmal Werkzeug vorbei.

 

Das (dank DGL) noch warme Essen hatte ich gerade drin, als ein Notruf reinkam:

#Blaulichtfahrt. Nach #Notruf #Verdacht auf #häusliche #Gewalt. Waren lediglich #Streitigkeiten, bei Eintreffen der #Polizei bereits beigelegt. #polizeilive @polizei_FT

 

Wir fuhren mit zwei Streifen an. Natürlich befand sich der Einsatzort recht weit oben im Haus. (In Polizeikreisen wird das oberste Stockwerk auch gern als „Schutzmannparterre“ bezeichnet.)

 

Wo wir schon einmal unterwegs waren, fuhren wir eine Runde Streife – wo unser Blick auf einen Wagen fiel, der just einen Parkplatz verließ, als wir auf selbigem eintrafen. Das erregte natürlich Jasmins und Felix Aufmerksamkeit.

#Kontrolle eines #Fahrzeuges wegen auffälliger #Fahrweise – nur ein #Jäger auf der #Suche nach jagdbarem #Wild. #polizeilive @polizei_FT

Natürlich kontrollierten meine Begleiter auch gleich seine Waffenbesitzkarten. Auch da war alles in Ordnung.

 

Der nächste Einsatz kam über Funk rein:

#Einsatz im #Krankenhaus, wo eine #Verletzung durch #Spiegelabtreten behandelt wurde. Im #Anschluss nettes #Kurzgespräch mit noch netteren #Rettungssanitätern. #polizeilive @polizei_FT

Tatsächlich hatte sich ein junger Mann selbst verletzt, nachdem er eine Reihe Spiegel abgetreten hatte. Den Grund für die Verletzung gab er im Krankenhaus bekannt, woraufhin die Polizei gerufen wurde.

Alkohol und andere bewusstseinseintrübende Substanzen sind und bleiben einfach nicht gut für’s Denkfach…

 

Wieder auf der Straße ging es zu Sache:

#Vier #Verkehrskontrollen in #Folge. Bis jetzt zeigten sich alle von ihrer besten #Seite. #Sehr #löblich. #polizeilive @polizei_FT

Anschließend mussten meine Begleiter die Erlebnisse dieser Nacht schon einmal so weit zu Papier bringen… oder besser: in die PCs hacken.

 

Nach dem #Schreiben einiger #Berichte wieder auf #Streife. Als erstes einen verlassenen #PKW im #Feld vorgefunden. #Kurios, aber keine #Feststellungen. #polizeilive @polizei_FT

Und bevor wieder jemand fragt – der abgebildete PKW war es natürlich nicht. Allerdings nehme ich es mit dem Datenschutz sehr genau – genauer als ich müsste. Und außerdem heißt „Fotografie“ so viel wie „Malen mit Licht“. Was schon einen gewissen Hinweis darauf gibt, dass man eine Lichtquelle braucht. Nachts. Mitten im Feld… muss ich noch deutlicher werden, dass das Bild vermutlich nichts geworden wäre?

 

Und wieder eine Verkehrskontrolle:

#Voll #abgefahren. Bei #Reifen grundsätzlich keine gute #Idee. #Bußgeld und ein #Punkt in Flensburg. #polizeilive @polizei_FT

 

#Abschluss mit #Verlängerung. #Unterstützungseinsatz für das #DRK. #Unfreiwillige #Einweisung. Nicht schön. Für keinen. #polizeilive @polizei_FT

Was in diesem Tweet so lapidar zusammengefasst ist, fing an mit einem Notruf einer Frau über die 112. Ihr hochgradig unter einer Psychose leidender Sohn hatte, wohl nicht zum ersten Mal, seine Medikamente eigenmächtig abgesetzt. Ein Zustand, in dem er aggressiv gegen jeden wird. Seine Mutter, Rettungssanitäter und Polizei. Dies ist bei sämtlichen Blaulichtorganisationen auch durchaus bekannt. Entsprechend rief das DRK die Polizei zu Hilfe. Diese kam mit allem, was die Polizei Frankenthal für die Nacht aufbieten konnte.

Mit entsprechend vielen Leuten ging die Polizei zu der Wohnung des besagten jungen Mannes.

Wider Erwarten hielt sich sein Aggressionsniveau in Grenzen, aber er hatte ganz klar einen psychotischen Schub und musste vor sich selbst geschützt werden. Leider wollte er unter keinen Umständen eingewiesen werden, sodass letztlich die Polizei helfen musste. Er wurde u.a. in Handschellen gelegt.

Polizeibeamte fuhren im Rettungswagen mit und Streifenwagen begleiteten den RTW in die entsprechende Klinik.

In der Klinik wehrte der junge Mann sich weiterhin gegen seine Einweisung und zwar so sehr, dass er letztlich erst ein weiteres Mal Handschellen angelegt bekam und dann mit Gurten an ein Bett gefesselt werden musste, um eine Beruhigungsspritze bekommen zu können. Dabei blieb die Polizei anwesend.

 

Ich verzichte auf die Details. Ich kann allerdings allen versichern, dass die Situation für keinen schön war. Sicherlich war sie am hässlichsten für den jungen Mann auf dem Bett, aber auch sonst hatte keiner Spaß dran – weder die Sanitäter, noch der Arzt oder die Pfleger, noch die Polizistinnen und Polizisten. Ich auch nicht. Niemand war blind dafür, dass dieser Mann ernsthaft litt. Allen war aber klar, dass dies die einzige Lösung war. Das jenen, die ebenso hartnäckig wie falsch im Internet behaupten, die Polizei würde leichtfertig jeden einweisen, der ihre Kreise stört. Abgesehen davon, dass sie das gar nicht darf, weil derartige Entscheidungen an klare gesetzliche Vorgaben gebunden sind (in RLP das Landesgesetz für psychisch kranke Personen (PsychKG), zudem muss, wo vorhanden, der kommunale Vollzugsdienst das anordnen) und die letzte Entscheidung sowieso bei einem Arzt liegt.

Jedenfalls waren alle froh, dass dieser Einsatz vorbei war – und das nicht nur, weil der Schichtwechsel schon eine gute halbe Stunde verstrichen war.

 

Danke an die Polizei Frankenthal, besonders Jasmin und Felix für den tollen Empfang. Ihr wart mal wieder klasse! Oder, wie ich auf Twitter schon sagte:

#Danke, liebe #Polizei #Frankenthal. Ich bin mal wieder #begeistert. Ihr wart #klasse. #Nachtschicht #polizeilive #gutearbeit #ihrmachttollearbeit #ihrseidklasse @polizei_FT

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Eiskalt – mit der Bundespolizei im Einsatz

Doch, wir hatten schon recht früh einen ersten Winter in Rheinland-Pfalz. Anfang Dezember. Ich weiß das zufällig so genau, weil ich in der Nacht die Bundespolizei im Einsatz begleiten durfte.

 

Da ich in der Rheinschiene lebe, werde ich gelegentlich mal von Schnee überrascht – so auch an diesem Nachmittag, an dem mein Nahverkehrszug sich in die Westpfalz hochschraubte… von schneefreiem Gebiet in eine Gegend mit immer mehr Schnee. Ich gratulierte mir zu meinen wasserfesten Halbschuhen und den standardmäßig im Rucksack befindlichen Handschuhen mit Mütze – und hoffte ansonsten auf warme Streifenwagen. Ich hatte ja keine Ahnung…

 

In der Dienststelle wurde ich zuerst freundlich von Anja, der Pressesprecherin, begrüßt. Ich wunderte mich ein bisschen, dass sie voll uniformiert und bewaffnet war, also so, als würde sie jederzeit in einen Einsatz gehen. Anschließend wurde ich noch einmal freundlich begrüßt, von einer aus Krankheitsgründen schwer reduzierten Dienstgruppe. Neben dem Dienstgruppenleiter versammelten sich im Aufenthaltsraum der Bundespolizeiinspektion Kaiserslautern drei ausgelernte Bundespolizisten und drei Anwärter. Innerlich machte ich mich da schon wieder auf den Weg nach Hause, da ich ja keine Belastung sein will. Aber unsere Polizei regelt das schon.

 

Sven, der Polizist, der sich eigentlich um mich hatte kümmern wollen, wurde mit einem der Anwärter nach Mainz abgeordnet. Da waren es nur noch vier. Und Anja. Und ich…

 

Die erste Hälfte der Nacht verbrachte ich mit Igor, einem erfahrenen Bundespolizisten, und Till, einem Anwärter. Und Anja, die ja auch ausgebildete Polizistin ist.

 

„Wir nehmen einen Zug, fahren bis Homburg und wieder zurück. Und schauen mal, was wir da so finden“, entschied Igor.

Für mich hörte sich das nach einem guten Plan an. Gemeint war übrigens Homburg an der Saar im Saarland, für jene Leserinnen und Leser, die sich in der Westpfalz und ihren Anrainern nicht so gut auskennen. Da ich selbst dort noch nie gewesen war, war der neugierige Teil in mir durchaus erfreut. Obwohl mir natürlich klar war, dass ich viel mehr als den Bahnhof nicht zu sehen bekommen würde. Aber auch sonst hatte ich ja keine Ahnung…

Ich bekam eine Weste mit dem Aufdruck „POLIZEI“, damit klar war, zu wem ich gehöre, und los ging es. Noch zu fünft, am Bahnhof selbst zeigten Siggi und Martin Polizeipräsenz.

Entsprechend blieben sie zurück, während wir den Bahnsteig zum Zug nach Homburg erklommen. Dort pfiff ein ganz schön kalter Wind.

 

 

„Wir werden weniger von der Einsatzlage getrieben als die Landespolizei. Schwerpunkte unserer Arbeit liegen auch im Bereich der Fahndung“, erklärte Igor mir und unterbrach damit meine Überlegungen, ob es wohl lohnen würde, die Mütze aus dem Rucksack zu kramen. Ein empfindlich kalter Wind strich über den Bahnsteig.

Der Zug fuhr ein. Jetzt verstand ich auch, was Igor damit meinte, sich selbst Arbeit zu suchen. Schon mit der Einfahrt des Zuges begann er, den Bahnsteig entlang zu gehen, den Blick dabei in den Zug gerichtet. Im Verlauf der Nacht sollte sein Auge für jene Mitbürger, bei denen es sich lohnt, mal genauer hinzusehen, mir noch echte Bewunderung abringen.

Zuerst einmal war ich froh, in den ein wenig miefigen, aber sehr schön warmen, Zug zu kommen.

Wir stiegen ein und gingen nach und nach durch den Zug. Eine stichprobenartige Kontrolle hier, eine Kontrolle da. Das Ganze begleitet von interessierten Blicken der Fahrgäste.

Plötzlich richtete sich Igors Aufmerksamkeit auf eine minimal derangiert wirkende Frau, die sichtlich nicht ganz Herrin ihrer Sinne war, und von einem Mann an die Zugtür begleitet wurde. Dabei hatte er auch seine Hand auf ihrem Hintern. Insgesamt wirkte das Ganze recht vertraut.

Entsprechend überraschend war für mich die Reaktion des Herrn auf Igors Ansprache. Er sagte: „Das ist nur eine Kollegin. Wir kommen von einer Weihnachtsfeier.“

Aha?

„Die wird in X-stadt abgeholt.“

X-stadt, ein Bahnhof zwischen Kaiserslautern und Homburg/Saar. Der Zug stoppte. Tatsächlich machte der Mann ernsthafte Anstalten, die halb besinnungslose Frau sich selbst zu überlassen.

„Meine“ Bundespolizisten schritten ein und nahmen sich der Dame an. Sie konnte sich kaum aufrecht halten. Von Igors Fragen zeigte sie sich unbegeistert. Er wollte wissen, in wie weit sie orientiert war, indem er erfragte, ob sie wusste, wo sie war und wie sie hieß. Vielleicht merkte sie durchaus, dass sie gerade nicht das beste Bild abgab und ihr war das alles peinlich.

Auf dem Bahnsteig war es noch kälter als in Kaiserslautern.

Immerhin wusste sie ihren Namen. Und wusste, dass ihr Mann sie abholen wollte. Seinen Namen konnte sie auch nennen und ihre Papiere vorzeigen. Nur das Laufen gestaltete sich problematisch. Sie musste von Till und Anja gestützt werden, um nicht ins Gleisbett zu torkeln.

 

„Wir können sie nicht sich selbst überlassen“, erklärte mir Igor.

Der Weg vor den Bahnhof dauerte entsprechend der motorischen Restfähigkeiten der Dame ein wenig länger.

Tatsächlich stand ein Wagen vorm Bahnhof. Örtliches Kennzeichen, dann zwei Buchstaben, die die Initialen des Ehemannes bildeten. Zum Glück war er es wirklich. Natürlich überprüften Igor und Till erst seine Papiere, bevor sie ihm die Dame mitgaben.

Er war sichtlich angefressen vom Zustand seiner Frau. Ich persönlich war auch angefressen – davon, dass er sich nicht einmal zum Bahnsteig bemüht hatte. Mein Mann tut das.

Nun hieß es warten auf den nächsten Zug. Ich nahm mir doch die Zeit, meine Mütze rauszukramen. Dabei erklärte mir Igor die strikte Trennung der Zuständigkeiten zwischen Landes- und Bundespolizei. Ich habe nicht alles behalten, aber die Quintessenz für mich war, dass die Zuständigkeiten von Landes- und Bundespolizei klar gesetzlich geregelt und vorgegeben sind. Da würde es mich freuen, wenn häufiger das Gespräch gesucht würde, um das gegenseitige Verständnis zu erhöhen. Letztlich kämpfen alle Polizeien für das Gleiche und unter den gleichen schwierigen Umständen.

„Wir können uns per Eilzuständigkeit eines Falles annehmen. Aber es gibt bestimmte Delikte wie Drogen- und Waffendelikte, die wir nicht übernehmen dürfen. Da müssen wir die Bearbeitung an die Landespolizei weitergeben.“

Endlich kam der Zug zurück nach Kaiserslautern. Von dort unternahmen wir einen weiteren Versuch, nach Homburg an der Saar zu gelangen. Dieses Mal kamen wir bis Landstuhl, von dort ging es mit der letzten Bahn zurück nach Kaiserslautern.

Insgesamt förderte Igor bei seinen Befragungen ein illegales Messer, einen illegalen Böller Marke Eigenbau und diverse Betäubungsmittel zu Tage.

 

In Landstuhl landeten wir übrigens zwischen, weil ein junger Mann Cannabis bei sich hatte und auch konsumiert hatte.

Die Bearbeitung des Falles fand in der Polizeiinspektion Landstuhl (Polizei Rheinland-Pfalz) statt. Irgendwie fühlte es sich für mich eigentümlich an, eine Dienststelle „meiner“ Polizei zu betreten, ohne dort den Achslastbeschwerer zu geben.

PI Landstuhl

 

Übrigens haben sich Landespolizei Rheinland-Pfalz und Bundespolizei für das Gebiet von Rheinland-Pfalz auf gemeinsame, vereinfachte Formulare geeinigt, um die Abwicklung solcher Fälle reibungsloser zu gestalten.

Während Igor noch mit der Befragung des jungen Mannes befasst war, standen plötzlich zwei Polizisten der örtlichen PI im Raum. Ich war so fasziniert von dem Vorgang, dass mir erst nach einiger Zeit der Groschen fiel.

Freudige Begrüßung.

Einer der jungen Herren war mal in Ludwigshafen mein Streifenpartner gewesen.

Breites Lächeln bei Igor.

Und ich gewann eine Nachtschichtbegleitung in Landstuhl.

 

Wieder in Kaiserslautern fuhren keine Züge mehr. Was nicht hieß, dass meinen Begleitern die Arbeit ausging. Während sich Igor und Till schon einmal ihren Berichten widmeten, gingen Siggi, Martin, Anja und ich auf Fußstreife. Einmal unter dem Bahnhof durch, dann vor der Disko „Nachtschicht“, die ich ja schon während zweier Nachtschichten bei der Landespolizei kennen lernen durfte. Allerdings richteten meine Begleiter den Blick auf die Gleise und die Bahnanlagen hinter der Disko.

Hatte ich bis hierher wenigstens ab und zu in einem warmen Zug auftauen können, war damit jetzt Schluss.

Zurück im Bahnhof galt es, Präsenz zu zeigen. Für mich interessant, wie viel in so einem Bahnhof um eine derartige Uhrzeit noch los ist. Junge Leute, die ihr Handy aufluden. Viele Diskogänger, die auf ihre Züge nach Hause warteten.

 

Siggi zeigte mir zwischendurch die Leitstelle (zum Auftauen), dann bat er Martin, den Bulli für eine Autostreife freizumachen. Ich half Martin und nutzte die Gelegenheit für ein Shooting mit dem Thema „schneebedecktes Polizeiauto“.

Wir fuhren über ein Bahngelände. Ich gebe an dieser Stelle zu, dass ich es auch deswegen spannend finde, die Polizei zu begleiten, weil man auch so viele andere Einblicke bekommt. Anschließend ging es weiter zu einem anderen Gelände der Bahn. Auf dem Weg dahin passierten wir zwei junge Herren, die Siggi verdächtig vorkamen. Er hielt an.

Und siehe, sie hatten Sprayerausrüstung dabei. Also ins Auto mit ihnen und ab zur Dienststelle.

Letztlich hieß das, dass wir auf dem zweiten Bahngelände nach den Werken der Sprayer suchten.

„Pass bloß auf Dich auch. Immer genau in alle Richtungen gucken, damit man nicht von einem Zug überfahren wird.“

Mit dieser Warnung im Kopf hielt ich mich an Siggi.

Sehr spannend, nachts zwischen stehenden Zügen herumzulaufen. Aber auch verdammt kalt. ;-)

 

Zum Abschluss starteten wir noch zu einer Fußstreife an den Bahnhof. Schon, als wir vor die Dienststelle traten, sprach uns ein junger Mann an:

„Beeilen Sie sich, da schlagen sich welche.“

Wir rannten los. Natürlich kam ich als Letzte an. Ein Mann lag auf dem Boden, kam gerade zu Bewusstsein.

Die Schlägerei selbst war schon vorbei, der Schläger nicht vor Ort.

Meine Begleiter nahmen auf, was aufzunehmen war.

 

Schon kamen auch Sven und sein Begleiter aus Mainz zurück. Eine interessante Nacht war schnell umgegangen. Da die Zugverbindungen aus der Westpfalz zu mir nach Hause nicht ganz so toll sind, musste ich noch eine Weile in Kaiserslautern ausharren. Netterweise leistete Sven mir dabei Gesellschaft. Wir begannen mit einem kleinen Abschiedsfotoshooting vor einem schicken Bundespolizei-BMW. Da Sven mittlerweile wieder in zivil war, brachte uns das einen höchst misstrauischen Blick einer passierenden Streife der Landespolizei ein. Sehr gut! Passt aufeinander auf!

Danke an die Bundespolizeiinspektion Kaiserslautern für diese ganzen spannenden Eindrücke und den herzlichen Empfang! Ihr seid klasse!

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Unbekannte Türen – Nachtschicht in Ludwigshafen

„In meinem Beruf schaut man hinter Türen, von denen die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass es sie gibt“, sagte vor einigen Monaten ein ehemaliger Polizist zu mir.

An ihn muss ich sehr oft denken, bei meinen Schichtbegleitungen. Bei einer Schichtbegleitung in Ludwigshafen im letzten Januar kam er aus meinen Gedanken gar nicht mehr raus.

 

Dabei begann es eigentlich sehr lustig. Im Regelfall frage ich nämlich die Damen und Herren, deren Achslastbeschwerer ich für die Nacht sein darf, sofort, wie ich sie in meinem Artikel dazu nennen soll. Die Betroffenen sollen sich ja damit wohl fühlen, bisher entschieden sich die Beteiligten entweder für ihre Klarnamen, ihre Spitznamen oder eben Initialen. „Mein“ erstes Streifenteam , Timo und Tom, platzte auf meine Frage dazu heraus: „Supercop 1 und Supercop 2.“

Danach arbeiteten wir eine Menge Einsätze ab – also um genau zu sein, arbeiteten die anderen, ich schaue ja nur zu – um zuguterletzt einen traurigen Höhepunkt zu erleben.

 

Springen wir also direkt zum letzten Einsatz der Nacht, als wir (Supercop 1 und 2 und ich) gegen vier Uhr morgens zu einem Krankenhaus gerufen wurden. Die drei „Damen“, die die Polizei alarmiert hatten, wollten ihren Großvater in ein anderes Krankenhaus verlegen lassen. Sie warfen dem behandelnden Arzt vor, den alten Herrn nicht richtig zu behandeln und hatten auch schon in einem anderen Krankenhaus ein Bett für ihn gebucht. Einziges Problem: Der Arzt im Ludwigshafener Krankenhaus wollte den Großvater nicht in das andere Krankenhaus lassen.

Das hörte sich insgesamt gruselig an. Allerdings fragte ich mich, wie die Polizei das lösen sollte. Ich denke, man merkt, dass ich unsere Polizistinnen und Polizisten ganz überwiegend für sehr kompetent halte. Aber um solche Dinge beurteilen zu können, braucht man nun mal eine medizinische Ausbildung.

„Wir gehen mal rein und reden mit dem Arzt.“

Gute Idee!

Ich folgte meinen beiden Herren ins Krankenhaus.

 

„Gut, dass sie da sind.“

Der Arzt, der uns entgegen kam, wirkte auf mich nach diesen Worten nun nicht gerade wie jemand, der sich einer Freiheitsberaubung schuldig macht.

Hmmm…

Seine Version der Geschichte war eine ganz andere: Die drei jungen Damen hatten im Foyer des Krankenhauses herumrandaliert, weil sie nicht akzeptieren wollten, dass der Mann im Sterben läge.
„Ich kann den Herrn nicht verlegen. Das wäre in seinem jetzigen Zustand nicht menschenwürdig. Jetzt kann man ihn nur noch in Würde gehen lassen.“

Darüber hinaus bat er meine Begleiter, den jungen Frauen einen Platzverweis zu erteilen.
„Ich habe nicht von mir aus die Polizei gerufen, weil ich irgendwo verstehen kann, dass die an ihrem Opa hängen. Aber wo Sie schon mal da sind…“

Nachvollziehbar. Herumrandalieren in einem Krankenhaus geht gar nicht! Der Mann hat Verantwortung für kranke und sterbende Menschen.

Also ging mein Streifenteam wieder nach draußen, um den drei jungen Frauen den Platzverweis zu erteilen.

 

Erwartungsgemäß gestaltete dies sich nicht einfach und auch nicht ohne jede Menge Schreierei. Die Drei waren auch nicht in der Lage zu verstehen, dass die beiden Beamten keine Gesundheitsgutachten erstellen können und dass der Arzt Hausrecht hat und sie dieses im Zweifel durchsetzen müssen.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch durchaus in der Lage, die emotionale Situation der drei jungen Frauen nachzuvollziehen. Der Tod ist auch nicht gerade mein bester Freund, allerdings gehört er nun mal zum Leben dazu. Wir müssen mit ihm leben, ob wir das wollen oder nicht. Ich spare meine Kräfte lieber auf, um mich gegen Dinge zu stemmen, die ich tatsächlich verändern kann.

Selbstverständlich reichte mein Verständnis nicht so weit, dass ich Randale in einem Hospital entschuldigen würde, aber wären sie jetzt einfach gegangen, wären sie mir trotz dieser Entgleisung nicht unsympathisch gewesen.

Das änderte sich schlagartig, als zwei der jungen Frauen das Krankenhausgelände verließen, die Dritte sich aber beharrlich weigerte. Also berührte einer meiner Herren sie an der Schulter, um sie zum Gehen zu bewegen.

 

Im Internet kursiert ein Video aus Frankreich. Ein Polizist drückt einen Luftballon weg, den eine Demonstrantin ihm einige Male auf den Helm klopft. Unglückerweise platzt der Ballon. Die Frau bricht laut kreischend zusammen. Das Video kursiert ernstlich unter dem Titel „Polizeigewalt“.

 

So ähnlich muss man sich vorstellen, was sich vor meinen Augen abspielte. Ich zog schon mein Handy aus der Tasche und überlegte ernstlich, die Situation mitzufilmen, um im Zweifel für meinen Begleiter aussagen zu können.

„Sie haben mich angefasst. Sie dürfen mich nicht anfassen.“

Und ob er das durfte.

 

Bevor er nun endgültig die „Dame“ vom Krankenhausgelände begleitete, kamen drei weitere Verwandte des Mannes vor das Eingangsportal. Offensichtlich hatte man das Theater bis ins Sterbezimmer vernommen.

Sie bestätigten, dass der alte Herr im Sterben läge und im Kreise seiner Familie sei. Es könne nicht die Rede davon sein, dass er dort festgehalten würde.

Eine der Frauen entschuldigte sich bei den Polizisten für den Auftritt der jungen Frauen.

Immerhin!

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

Nur wenige Tage nach dieser Nachtschicht starb ein Freund von mir. Ich bin sehr froh, dass man ihn in Ruhe gehen ließ und nicht so ein Affentheater veranstaltet wurde.

 

 

Eine Tür zu einem weiteren menschlichen Abgrund öffnete sich nur halb. Eine junge Frau, schwer betrunken, hatte ihrer Schwester ihren Suizid angekündigt. Diese hatte, richtigerweise, die 112 betätigt. Ein Rettungswagen war vor Ort – nur wollte die Frau sich nicht retten lassen. Offensichtlich wurden die Rettungssanitäter in der Wohnung im zweiten Stock übel beschimpft, anstatt dass die „Dame“ in den Rettungswagen stieg.

Diese konnten sie aber auch nicht ihrem Schicksal überlassen, denn nach einer solchen Ankündigung muss eine Einweisung erfolgen. Entsprechend wurde die Polizei hinzugerufen.

Ich ahnte Schlimmes, doch es kam alles ganz anders.

„Du bist süß!“ flötete die Suizidentin im Angesicht eines meiner beiden Begleiter. Und sprang anstandslos aus dem Bett, um in den Rettungswagen zu steigen.

Ich gebe zu, dass es mich rührte, als sie auf der Treppe nach unten meine Hand nahm.

Darf ich das überhaupt?

Ich entschied, dass mir das an dieser Stelle einfach mal egal war. Sie wollte es so und wenn es „meinen“ Blaulichtern den Einsatz einfacher gemacht hat, dann ist das doch meine leichteste Übung.

Ich hoffe, sie hat sich das mit dem Suizid noch mal anders überlegt. Und lässt die Finger vom Alkohol.

 

 

„Fahrt mal zu einer Ruhestörung in die X-Straße.“

Ja, es war eine Ruhestörung. Aber in einer Wohnung, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht gesehen hat. Äußerst spärlich möbliert, ein extrem verdreckter Teppich, eine Luft zum Schneiden – und ein Kühlschrank, der zu meiner persönlichen Erbauung mit Nettigkeiten wie „ACAB“ und „FUCK COPS“ beschmiert war. Dafür muss man ein ganz schönes Sendungsbewusstsein haben – ich bemühe mich ja immer, dass meine Pro-Polizei-Devotionalien auf mein Arbeitszimmer beschränkt bleiben. Selbstverständlich durften auch harter Alkohol und Kippen nicht fehlen.

In der Wohnung gleich zwei Minderjährige.

Einer wurde vor Ort abgeholt, den anderen fuhren wir nach Hause.

 

 

„Nachbarschaftsstreitigkeiten.“

Eine Dame, die ich übrigens schon von einer anderen Schichtbegleitung kannte, hatte sich mit ihrem Nachbarn gegenüber angelegt. Auch diese Situation kannte ich aus der anderen Schichtbegleitung. Der Grund war allerdings neu:

„Der Hund stinkt!“

Über manche Gründe dafür, die Polizei zu rufen, kann man sich wirklich nur wundern.

 

 

Bliebe noch der junge Mann zu erwähnen, der mit einigen Freunden am Rheinufer einer Personenkontrolle unterzogen wurde. Der uns in ziemlich überheblichen Tonfall erzählte, dass er Alkohol nicht anrühren würde. Das sei nicht anständig.

Er war übrigens der einzige aus der ganzen Gruppe, gegen den schon polizeiliche Erkenntnisse vorlagen. Straftaten scheinen also eher weniger mit seiner Vorstellung von Anstand zu kollidieren.

 

 

Im Laufe der Nacht gab es noch weitere Personenkontrollen: Eine vor einer Berufsschule, weil es dort mehrfach zu Sachbeschädigungen gekommen war, eine vor einer Kirche aus demselben Grund.

 

Danke an Timo, Tom, Jens und Sabrina. Es war mal wieder eine spannende und erkenntnisreiche Nacht für mich. Ihr seid klasse!

 

Ich komme immer wieder sehr gern nach Ludwigshafen 1.