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Fußball Polizistenstimmen

Polizisten eine Stimme geben: Wir sind nur eine Nummer…

Wie ein Mensch die Lebensplanung eines anderen zerstörte

Ich wollte zum SEK. Immer schon. Nur deswegen bin ich zur Polizei gegangen. Und es sah verdammt gut für mich aus. Bis zu diesem Tag…

Im Mai 2008 wurde ein Drittligaspiel in meiner Heimatstadt ausgetragen. Eine sehr große Stadt, in der ich meinen Dienst verrichte. Seit zwei Jahren war ich bei der Bereitschaftspolizei. Die Aufgabe unserer Einsatzhundertschaft war, die gegnerischen „Fans“ bis zum Spielfeld zu begleiten.

Nur, damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine Vorstellung davon bekommen, was das für Einsätze sind: es waren etwa zwei- bis dreihundert Fans. Wir waren mit ungefähr sechs Hundertschaften im Einsatz. Man wirft uns dann immer vor, zu übertreiben. Sechshundert Polizisten gegen viel weniger Fans. Allerdings war es einige Jahre vorher bei einem Spiel exakt dieser Mannschaften zu Ausschreitungen gekommen. Das Spielfeld war gestürmt und ein Kollege schwer verletzt worden. Deswegen hatten wir auch unsere Schutzausrüstung an, Helm, Schienbeinschoner, alles. Insgesamt 15 Kilo. Das Ziel war, möglichst unverletzt nach Hause zu kommen.

Auch diesmal war die Stimmung total aufgeheizt. Einer der gegnerischen Hools fiel auf, weil er die anderen pausenlos zur Gewalt aufstacheln wollte. Dabei war er nicht sonderlich wählerisch. Gegen uns, gegen die Fans des Vereins meiner Stadt, gegen Ausländer – das ganze Programm. Was genau der gebrüllt hat, weiß ich nicht mehr. Will ich auch gar nicht wissen. Fakt ist, der hätte die sowieso schon brodelnde Stimmung zum Überkochen bringen können. Also entschied unsere Einsatzleitung, dass wir die Gruppe anhalten sollten. In der Nähe des Stadions befindet sich ein Parkplatz eines Discounters, in dessen Nähe ließen wir die Fans anhalten.

Wir machten uns mit insgesamt acht Kollegen auf in die Menge, um den auffälligen Rädelsführer zu einem Gespräch zu bitten. Ein Kollege und ich sollten ihn festnehmen, die anderen sechs kamen zu unserem Schutz mit. Er begleitete uns ohne Widerstand aus der Menge heraus auf den Parkplatz. Dort hielten wir ihm sein Verhalten vor.

Als wir ihm jedoch eröffneten, dass er dieses Spiel nicht zu sehen bekommen würde, tickte er vollkommen aus. Er begann, wild um sich zu schlagen. Wir konnten diesen Schlägen ausweichen. Wir fragten ihn nach seinen Personalien, die wollte er uns nicht geben. Also wollten wir ihn nach Papieren durchsuchen. Er weigerte sich, den Adler (1) zu machen und sich durchsuchen zu lassen. Weil er immer noch um sich schlug, wollten wir ihm Handschellen anlegen. Dabei machte er sich so steif, dass wir entschieden, ihn zu Boden bringen, um ihm Handschellen anlegen zu können.

Dazu wollte ich ihm in den Hosenbund packen, um ihm die Beine wegzuziehen. Ich stand links von ihm. Ich bückte mich, um seinen Hosenbund besser greifen zu können.

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist der unbeschreibliche Schmerz in meinem Knie. Ich lag in dieser schweren Ausrüstung, bei 32 Grad Außentemperatur auf dem Boden und habe vor Schmerz geschrien. Meine Kollegen haben mir die Hose aufgemacht, um wenigstens den Schienbeinschoner abzunehmen, aber diese brutalen Schmerzen wollten einfach nicht aufhören.

Er hatte mir seitlich vors Knie getreten. Es gibt dazu auch ein Beweisvideo. Das wollte ich mir übrigens nie ansehen, weil ich mich nie wieder an diese Schmerzen erinnern will.

Mein Kreuzband war zuerst nur angerissen. Das war ein Glück, denn so konnte ich eine OP vermeiden. Schließlich wollte ich ja zum SEK. Da kommt man nicht hin, wenn man irgendwelche körperlichen Gebrechen hat. Ich erhielt fast ein Jahr lang Spritzen.

Dann, etwa 12 Monate später, kam mein großer Tag. Die Sportprüfung für’s SEK. Ich schaffte alles. Beim 2000-Meter-Lauf dann der Tiefschlag. Ich musste aufgeben. Es fühlte sich an, als würde in dem Knie Knochen auf Knochen schaben.

Ein Arzt stellte fest, dass mein Kreuzband ganz kaputt und der Meniskus gerissen war. Es folgte eine erste OP, in der ich ein neues Kreuzband erhielt.

Schon im September 2009, gerade mal vier Monate danach, ging ich wieder zum Dienst. Dazu muss man sagen, dass ich mich auch ein wenig unter Druck fühlte. „Wann kommst Du endlich wieder arbeiten?“ hörte ich ziemlich regelmäßig.

Zwar brauchte ich etwa ein halbes Jahr lang starke Schmerztabletten, aber es ging.

Bis August 2010. Wir bekamen einen so genannten stillen Alarm aus einem leer stehenden öffentlichen Gebäude. Solch ein Alarm ist nur bei der Polizei zu hören. An der Stelle, wo er ausgelöst wird, bleibt es ruhig. Bei Banküberfällen wird oft ein stiller Alarm ausgelöst, um die Täter nicht unter Stress zu setzen und damit noch aggressiver zu machen.

Wir fuhren sofort los. Bei Eintreffen sahen wir schon, dass ein Fenster im ersten Stock offen stand. Durch dieses Fenster sind wir dann in das Gebäude geklettert, einer nach dem anderen. Ich war der Vorletzte.

Als ich vom Fensterbrett etwa ein Meter herunter in das Gebäude sprang, spürte ich es. Ein unbeschreiblicher Schmerz. Mein Knie wurde dicker und dicker.

Allerdings war da ja einer in dem Gebäude drin. Der musste gefunden werden. Ich wollte meine Kollegen nicht damit allein lassen. Also habe ich meinem Partner gesagt, dass ich nicht so schnell laufen kann, er hat auch Rücksicht genommen. Wir haben die Räume einzeln durchsucht und gesichert. Dabei habe ich die Schmerzen vergessen.

Letztlich waren es andere Kollegen, die den Mann gekriegt haben, der sich in dem Gebäude herumtrieb. Später, als die Kripo dazukam, bemerkte mein Gruppenführer, dass es mir dreckig geht. Ich habe zu ihm gesagt „Ich kann nicht mehr!“ und bin vom Dienst abgetreten. Dabei habe ich mich nicht einmal sonderlich schlecht gefühlt. Man kann eben keinen Dienst verrichten, wenn das Knie höllisch schmerzt.

Im Oktober 2010 hatte ich dann wieder einen OP-Termin. Nach der OP, als ich aufwachte, stellte ich fest, dass ich eine zusätzliche Narbe an der Hüfte hatte. Irgendwie kam es mir auch so vor, als habe während der OP jemand mit mir gesprochen. Allerdings dachte ich, ich hätte das nur geträumt. Später sagten mir aber meine Ärzte, dass ich aus der Narkose geholt worden war, um mir zu sagen, dass sie Knochenmaterial aus meinem Becken brauchten, um den Bohrkanal für das neue Kreuzband zu verschließen.

Eine Woche danach musste ich wieder unters Messer, weil ich eine allergische Reaktion auf die Fäden zeigte.

Im März 2011 riss das erste neue Kreuzband. Wieder eine OP, das neue wurde aus Material aus der Kniescheibe geformt.

In den folgenden Wochen konnte ich das Bein nicht mehr durchstrecken. Im Mai 2011 zeigte sich dann bei einer MRT, dass die Schraube, die das Kreuzband halten sollte, lose saß. Also wieder eine OP, am 23. Mai wurde die Schraube entnommen und es wurden einige Vernarbungen abgeschabt.

Wegen einer allergischen Reaktion auf das Narkosemittel kam ich nach der OP nicht aus der Narkose. Nicht einmal ein Notarzt konnte daran etwas ändern. Also kam ich auf die Intensivstation, wo ich erst weit nach Mitternacht erwachte.

Ich kam dann relativ schnell aus dem Krankenhaus, konnte auch mein Bein durchdrücken. Ich war total glücklich, weil ich dachte, dass endlich, endlich diese ganzen OPs ein Ende hätten. Vier Tage nach meiner Entlassung, es war ein Samstag, lag ich mit meiner Tochter im Bett. Sie ist vier Monate alt.

Von einer Sekunde auf die andere schoss mir ein heftiger Schmerz ins Knie. Meine Frau brachte mich ins Krankenhaus, in die Notaufnahme. Dort wurde mir Blut abgenommen und ich wurde heimgeschickt mit den Worten:
„Wenn es eine Thrombose ist, rufen wir Sie an.“

Es kam kein Anruf. Der Schmerz blieb trotzdem unerträglich und wurde immer schlimmer. Also ging ich Montag sofort zu meinem Arzt. Bei der OP waren rechts und links von meiner Kniescheibe Schnitte gesetzt worden. Der rechte Schnitt beulte so ein bisschen aus. Also wollte der Arzt ein Ultraschallbild von meinem Knie machen. Als er den Schallkopf auf mein Knie drückte, platzte plötzlich Eiter aus meinem Knie.

„Legen Sie sich hin!“ sagte er. Als ich mich wieder aufrichten durfte, hatte er fünf volle Spritzen Eiter aus meinem Knie geholt – zwanzig Milliliter.

„Sie müssen sofort operiert werden!“

Also kam es zu einer Not-OP. Das war Ende Mai.

Anfang Juni wurde ich dann wieder operiert. Eigentlich sollte nur eine Arthroskopie gemacht werden. d. h. man wollte sich das Kniegelenk mal näher ansehen. Dabei war aber die Entzündung so schlimm geworden, dass alles rausgeholt werden musste. Auch das neue Kreuzband.

Das ist derzeit der Stand der Dinge. Ich bin frisch aus dem Krankenhaus entlassen worden, habe kein Kreuzband mehr. Eine weitere OP will ich nicht in Kauf nehmen, weil sie dann auch das zweite Knie aufschneiden müssten, um von dort Material für das Kreuzband zu nehmen. Was, wenn ich auch mein zweites Knie verliere?

Ich will auch einfach nicht mehr.

Ich trage eine Orthese, die stützt das Knie, damit ich nicht umknicke. Dann hoffe ich, dass die Reha dazu führt, dass ich meinem Beruf weiter nachgehen kann. Leider zögert sich die Reha auch schon wieder hinaus, weil immer noch Entzündungswerte in meinem Knie vorhanden sind.

Sicher ist aber, dass ich nie mehr zum SEK kann. Selbst wenn ich wieder ganz gesund werde, bin ich jetzt über die Altersgrenze hinaus.

 

Der Täter kam wegen seines Angriffs auf mich ziemlich schnell vor Gericht, schon drei oder vier Monate später. So einen Richter habe ich auch noch nie erlebt. Der war sowieso sauer auf den Täter, weil der erst nach zwei Vorladungen überhaupt erschien. Einen Anwalt hatte er nicht dabei. Drei Kollegen und ich wurden vorgeladen . Wir standen draußen vorm Gerichtssaal und warteten auf unsere Aussagen. Durch die Tür konnten wir hören, wie der Richter den Täter so richtig zusammengeschissen hat.

Letztlich wurde ich gar nicht viel gefragt. Der Richter kannte das Video der Beweissicherung und hat mich deswegen nur über meine Verletzungen befragt. Das Video war einfach zu eindeutig.

So etwas wie Reue zeigte der Täter nicht.

„Wie kann denn von so einem Tritt ein Knie kaputt gehen?“

Dabei blieb er. Uneinsichtig.

Jedenfalls bekam er zehn Monate auf zweieinhalb Jahre Bewährung und musste 500 Euro Schmerzensgeld an mich zahlen in Raten à 50 Euro. Nach vier Monaten wunderte ich mich ein bisschen, denn die Zahlungen blieben aus. Ich rief bei der zuständigen Stelle an, um mich danach zu erkundigen. Da erfuhr ich, dass er wegen eines weiteren Widerstandes gegen einen Kollegen nun in Haft saß und die zehn Monate würde absitzen müssen. Da konnte er natürlich nicht zahlen.

Mein Traum vom SEK ist für immer geplatzt. Es kann sein, auch wenn ich das derzeit noch nicht glaube, dass ich bald Frühpensionär sein werde. Mit Mitte 30. Ich hoffe auf die Reha, aber man weiß es halt nicht. Ich muss zugeben, dass ich vor der Geburt meiner Tochter ziemlich depressiv war. Seit sie da ist, sehe ich wieder einen Sinn.

Mittlerweile habe ich entschieden, den Täter noch einmal auf Schmerzensgeld zu verklagen. Schließlich hat sich die Lage für mich seit damals drastisch verändert. Mein Anwalt hat den Täter deswegen angeschrieben. Der hat nicht mal geantwortet.

Immerhin sitze ich finanziell derzeit nicht in der Klemme, weil alle hier beschriebenen Dienstunfälle als Folgen dieses Angriffs auf mich gewertet wurden. Insofern kann ich über meinen Dienstherrn nicht meckern.

Allerdings hätte es mir schon ganz gut getan, wenn ich im Krankenhaus mal einen Anruf bekommen hätte oder eine Frage, wie es mir geht. Außer meiner Frau und unserer Tochter bekam ich keinen Besuch.

Ich werde keinen dieser Tage je vergessen. Jedes Datum jeder Verletzung und jeder OP kann ich auf den Tag genau sagen. Ich habe noch mit niemandem außerhalb der Polizei darüber geredet. Über mich oder vergleichbare Fälle wird von der Presse nie berichtet. Wen interessiert es also, dass ich schwer verletzt wurde und meine Träume begraben muss oder dass mein Berufsleben vielleicht schon vorbei ist. Aber wehe, ein Polizist muss aus Notwehr zur Waffe greifen und schießen. Die Angreifer können sich breiter Aufmerksamkeit und größten Mitleids erfreuen. Es ist echt zum Kotzen…

So ist das eben. Wir sind nur eine Nummer…

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(1) Adler = Körperhaltung, in der jemand breitbeinig und mit ausgebreiteten Armen vor einer Wand (Gesicht zur Wand) oder einem Mannschaftswagen steht, um z. B. durchsucht zu werden. Aus dieser Haltung kann man nicht so leicht schlagen oder treten.