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Allgemein Presse

Alles ist relativ

Diese Erkenntnis hatte schon Albert Einstein. Recht hatte er. Diese Erkenntnis ist auch universal anwendbar. Aus der Sicht eines deutschen Durchschnittsverdieners ist Hartz IV ein Alptraum. Aus der Sicht eines Bewohners der Slums von Kapstadt ist Hartz IV das Paradies auf Erden. Und aus der Sicht eines Kongolesen, der mitten im Bürgerkrieg lebte, waren sogar diese Slums so erstrebenswert, dass er 6.000 Kilometer zu Fuß zurücklegte, um diese zu erreichen… hat er mir selbst in Kapstadt erzählt.

Alles ist relativ, aber eigentlich wissen das doch intelligente Menschen. Sollte man nicht folgerichtig als Blogger oder Journalist bei seinen Lesern eine gewisse Grundintelligenz annehmen und im Sinne der Lesbarkeit nicht in jedem zweiten Satz eine Relativierung vornehmen?

Abgesehen davon gibt es meiner Ansicht nach Themen, da verbietet sich jegliche Relativierung, nämlich dort, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Bei einem Bericht über Gewalt gegen Frauen fände ich es ausgesprochen verfehlt, darauf hinzuweisen, dass auch Frauen Arschlöcher sein können. Was sie sehr gut draufhaben, wenn sie wollen. Dennoch ist Prügeln einfach kein zivilisierter Umgang und eine Frau, die Opfer von Gewalt wird, verdient in erster Linie Mitgefühl und Hilfe. Man würde ihr wohl auch kaum in einem Atemzug erzählen, dass es auch Frauen gibt, die verdammte Zimtzicken sind. Oder dass die Dame sieben Häuser weiter vor einigen Jahren ihrem Mann mit einem Bierseidel das Nasenbein zertrümmert hat. Auch Gewalt! Niemand, der mit einem halbwegs normalen Gefühlsleben ausgestattet ist, würde einem Gewaltopfer so kommen. Zum Glück!

Ebenso wäre die Empörung wohl groß gewesen, wenn zu Beginn der 90er bei einer Reportage über die abgefackelten Asylbewerberheime neben ausführlichen Berichten über das Leid der Opfer die Autoren sich mit den Worten vorstellen würden:

„Fritzchen Müller und Emil Schmitz lasen neulich im Hauptstadtecho, dass ein Somali einen Afghanen angriff, weil er ihn für den Mann hielt, der seine Tochter attackiert hat. Es sind also nicht immer Nichtmigranten schuld, wenn Migranten angegriffen werden.“

Mutet absurd an, nicht wahr?

Im Jahre 2011 Realität.

Glauben Sie nicht? Dann folgen Sie diesem Link zu einem Artikel des Süddeutsche Zeitung Magazins Nr. 17/2011.

Zuerst habe ich mich gefreut. Super! Eine intelligente Zeitschrift, die ich auch noch gern lese, nimmt sich dieses mir so sehr am Herzen liegenden Themas an. Mit der Überschrift „Ein Job zum Davonlaufen?“ kommt der Artikel auch vordergründig recht freundlich daher. Also habe ich mich glücklich draufgestürzt und an die Lektüre gemacht.

Es beginnt damit, dass manchmal Urinbeutel auf Polizisten geworfen werden.

Ein guter Anfang. Ekelgefühl kommt hoch. Das bringt den Leser direkt ins Thema. Endlich mal ein Perspektivwechsel?

Ja, doch, der Perspektivwechsel ist gut gelungen. So in etwa bis zur Mitte des dritten Absatzes. Der Polizist Olaf Heinze bekommt etwas zwischen die Beine geworfen. Es explodiert, er trägt Risse, Verbrennungen und Splitterwunden davon. Ein Splitter ist ihm acht Zentimeter ins Fleisch gejagt. Aber, so beruhigen uns die Autoren, es war nur ein „aufgemotzter Böller“. Keine „Bombe“ oder gar die „Rückkehr des linken Terrors“ wie angeblich, laut den beiden Schreibern, „tagelang“ die Zeitungen geschrieben haben sollen.

Ähm… hä? Nach meiner Erinnerung war diese Angelegenheit (die übrigens 15 verletzte Polizisten zurückließ, insofern ist es mir echt scheißegal, ob es ein Böller oder eine Bombe war) außer in der lokalen Presse von Berlin keine Zeile wert. Selbst da war sie nach 24 Stunden vom Tisch. Na ja, vielleicht beobachte ich einfach die falschen Zeitungen…

Hier wären wir übrigens beim Thema Empathie. Eigentlich erstaunlich, dass es ausgerechnet Männern unklar zu sein scheint, was es für einen Mann bedeutet, eine splitternde Explosion zwischen die Beine zu bekommen… ob der das dann noch so dringend braucht, im gleichen Atemzug erzählt zu bekommen, wie „harmlos“ doch eigentlich alles war?

Nach einem kurzen Ausflug über die KfN-Studie und der Feststellung, dass Straftaten gegen Polizeibeamte und polizeiliche Einrichtungen von 2009 (2.200) nach 2010 (2.900) um etwa ein Drittel angestiegen sind, werden Castor-Transporte und die Love-Parade-Katastrophe mehr oder minder in einem Atemzug abgehandelt. Ja, nee, ist klar. Dieses Drama ist natürlich unverzichtbarer Bestandteil jeglicher kritischen Auseinandersetzung mit der Polizei, weil man dieser Institution immer noch kräftig eine Mitschuld unterjubeln will. Leider unterscheidet auch hier mein Gedächtnis von der mittlerweile offiziellen Version und ich weiß noch sehr genau, dass die Polizei von Anfang an gegen das Abhalten der Love-Parade auf exakt diesem Gelände gewesen ist. Wie kann sie dann schuld sein? Wäre es nicht wirklich kritisch, mal nach der Schuld jener zu fragen, die sich gegen besseres Expertenwissen durchgesetzt haben? Vermutlich aus Profitgier?

Es geht weiter mit S21. Dazu möchte ich gar nicht viel sagen. Das ist mir mittlerweile einfach zu dumm. Es sind weiß Gott genug Videos auch von S21-Gegnern im Umlauf, mit denen die meisten Vorwürfe an die Polizei ad absurdum geführt werden.

Nur so viel. Es kommt irgendwie rüber, dass seit S21 auch noch das ganz bürgerliche Klientel nicht mehr hinter der Polizei stünde. Also, ich halte mich für sehr mäßig bürgerlich. Bürgerlich im Sinne, dass ich der bürgerlichen Demokratie anhänge, aber auch nicht bürgerlich im Sinne von spießig. Und ich stehe trotzdem hinter der Polizei!!! Bin ich wirklich damit so allein wie dieser Artikel suggeriert?

Sollte ich da heute Morgen in meiner Gemeinde etwas falsch verstanden haben, als im Gottesdienst auch und an erster Stelle für alle Polizistinnen und Polizisten gebetet wurde, die heute in den Einsatz mussten?

Nächstes Thema – Wolfgang Thierse und seine Teilnahme an der Blockade des rechtsextremistischen Aufmarsches in Dresden. “ Der Mann hatte in der Sache natürlich völlig recht,…“ steht da.

Ach ja? Ich gehe mal zu Gunsten der beiden Autoren davon aus, dass sie damit seine antiextremistische Einstellung meinen und nicht die Tatsache, dass er sich rechtswidrig verhalten hat. „Thierses Verhalten empört viele Beamte bis heute, denn er ließ die Polizei schlecht aussehen“, geht es weiter. Nein, liebe Journalisten, wenn man die Verfassung dieser Republik drauf hat, dann ließ er in erster Linie sich selbst schlecht aussehen. Die gilt nämlich für alle, auch für Leute, deren Gedankengut uns nicht gefällt. Aber das Grundgesetz spielt ja offensichtlich immer nur dann eine Rolle, wenn die Rechtsextremisten ins Spiel kommen. Alle anderen brauchen sich offenbar nicht an die Gesetzeslage zu halten, weil sie ja die politisch korrekte Einstellung haben. Ehrlich, bei so einer Argumentation glühen mir die Platinen durch. Demnach fahre ich dann ab morgen mal mit 100 durch die Innenstadt, denn ich stehe politisch auch zwischen den Extremen. Wenn ich mich deswegen nicht mal ans Grundgesetz halten muss, dann muss mich doch wohl die Straßenverkehrsordnung noch viel weniger jucken, oder? Und mein zweifellos früher oder später hereinflatterndes Knöllchen inklusive Führerscheinentzug werde ich dann als „Repression“ deklarieren und auf die böse Polizei schimpfen…

Der ganze zweite Teil des Artikels ist überschrieben mit „Polizisten sind eigentlich ständig überfordert“. Das kann man empathisch nehmen. Muss man aber nicht. Im Gesamtzusammenhang fällt mir das doch etwas schwer.

Dem Polizisten, der am 1. Mai 2010 in Berlin einem Demonstranten vor den Kopf trat, wird ein ganzer Absatz gewidmet. Die am gleichen Tag bei gleicher Gelegenheit 98 verletzten Polizisten sind keiner Erwähnung wert. Auch nicht die vier, die so schwer verletzt waren, dass Dienstunfähigkeit resultierte. Denen hätte so ein bisschen Empathie sicherlich auch gut getan.

Als Gegenpol zu den Polizisten kommen Amnesty International und ein Mitglied der Roten Hilfe zu Wort.

Amnesty beklagt ein Klima der Straflosigkeit bei der Polizei. Davon, dass diese Behauptung gebetsmühlenartig wiederholt wird, wird sie auch nicht wahrer. Dazu habe ich bereits einen langen Blogbeitrag verfasst. Zu Amnestys merkwürdiger Art des Umgangs mit Informationen bezüglich des Polizeithemas auch. An dieser Stelle wäre ein kleiner Hinweis darauf schön gewesen, wie oft jemand, der einen Polizisten angreift, mit einem warmen Händedruck vom Richter davonkommt. Aber schon klar, man muss seine Relativierungen sparsam handhaben… und möglichst an der richtigen Stelle vornehmen.

Der Herr von der Roten Hilfe ruft übrigens gemäß diesem Artikel nicht einmal die Polizei, wenn bei ihm eingebrochen wird. Ich hoffe, ihm ist verdammt bewusst, dass er damit zu einem Klima der Straflosigkeit beiträgt, denn er macht es damit der Polizei schwerer, diese Typen zu kriegen. Falls es ihn interessiert, welche schwerwiegenden psychischen Folgen Einbrüche haben, kann er ja mal ein paar Gespräche mit dem Weißen Ring führen. Schön, dass er so nett dazu beiträgt, anderen diese Erfahrungen nicht zu ersparen.

Er gibt Mitleid mit Polizeibeamten vor, was aber aufgesetzt wirkt, sonst würde er nicht die längst widerlegte Mär vom Korpsgeist wiederkäuen. Manche wenige haben den sicher. Aber eben auch nicht alle. Wieder eine Stelle, an der Relativierung aus Sicht der Autoren anscheinend unnötig ist…

Alles in Allem bleibt für mich das Fazit, dass dieser Artikel weder ausgewogen ist noch der Problematik gerecht wird.

Wäre er ausgewogen, würde doch neben der Roten Hilfe und Amnesty vielleicht einmal das viel zitierte Bürgertum, das angeblich seit neustem auch gegen die Polizei ist, zu Wort kommen. Ich zum Beispiel.

Ich zum Beispiel habe nämlich die Schnauze gestrichen voll von der permanenten Gewalt und Randale. Und zumindest der Teil des Bürgertums, den ich kenne, auch. Aber vielleicht kenne ich auch nur die falschen Leute, so wie ich offenbar die falschen Zeitungen lese…

Und nein, der Problematik wird der Artikel auch nicht gerecht. Dafür sorgt schon die relativierende Vorstellung der Autoren im Vorfeld, die direkt dazu sagen müssen, dass es nicht immer die Schuld von Demonstranten ist, wenn Polizisten verletzt werden. Nein, ist es nicht. Manchmal verunfallen sie auch einfach nur. Ändert das etwas daran, dass manche eben auf Demonstrationen Opfer von Gewalt werden und ändert das auch nur das Geringste am Leid dieser Opfer?

Wobei mir ehrlich gesagt das Wort „Demonstrant“ für solche Typen auch gar nicht in den Sinn kommt. Demonstranten sind für mich Menschen, die sich auf dem Boden des Versammlungsrechts befinden. Dieses sieht meines Wissens keine Attacken auf Polizeibeamte vor. Insofern können sich bitte mal all jene entspannen, die sich ständig auf den Schlips getreten fühlen, wenn man sich erfrecht, Gewalt gegen Polizisten auf Demos zu verurteilen.

Ich glaube mittlerweile sowieso, dass dieses ständige Angepisstsein diesbezüglich sowieso nur dazu dient, einen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen. Dann ist der Fokus wieder weg vom ungeliebten ideologischen Gegner und man selbst so schön im Mittelpunkt und in der Rolle der verfolgten Unschuld. Nicht, dass da am Ende jemand Mitleid mit den bösen Polizeibeamten entwickelt.

Nein, man sollte Gewalterfahrungen nicht relativieren. Wenn ein Mitglied egal welcher Bevölkerungsgruppe Leid erfährt, sollte es egal sein, wie die anderen Mitglieder dieser Bevölkerungsgruppe drauf sind. Dass mit Sicherheit irgendein Mitglied der besagten Bevölkerungsgruppe ein Arschloch ist, liegt für mich auf der Hand. So ist der Mensch. Die Lektüre der letzten 10.000 Jahre Menschheitsgeschichte haben mich von dem Gedanken geheilt, irgendeine Gruppe von Individuen sei rundweg gut. So etwas gibt es nicht. Und Gruppierungen, die das von sich behaupten, meide ich wie der Teufel das Weihwasser.

Auch kein einzelner Mensch ist ausschließlich edel, hilfreich und gut. Ich bspw. kann eine verdammte Zicke sein und „Keine Gewalt gegen Polizisten“ mache ich auch aus Eigennutz. Weil ich erstens Spaß an den meisten Aspekten habe und weil ich zweitens der Meinung bin, dass Polizisten eines der letzten Bollwerke sind gegen die angeblichen Heilsbringer, deren angestrebte Welt so unheimlich schön ist, dass sie nur mit Gewalt durchgesetzt werden muss, weil sie keiner freiwillig wählen würde, der halbwegs bei Verstand ist.

Insofern steht es keinem Menschen zu, über andere zu richten oder ihre Gewalterfahrungen kleinzureden. An Gewalt ist nichts zu relativieren!

Gewalt gegen Polizisten ist inakzeptabel. Punkt!

Erster_Mai

Alle so schön gleich…

Zwei Tage vor dem ersten Mai bereiten sich Städte wie Berlin und Hamburg auf diesen Tag vor. Vermutlich auch Zürich und Wien.

 

„Mit Blick auf den 1. Mai betonte die Gruppe, Gewalt sei ‚ein unverzichtbarer Bestandteil im revolutionären Aufbauprozess‘. Und eine andere Gruppe unterzeichnete ihren Aufruf zu Gewaltaktionen mit dem Schlusssatz ‚Mit feurigen Grüßen‘.“
(Quelle)

 

Was verleitet diese Menschen eigentlich dazu, sich einzubilden, ihr Weltbild sei so unvergleichlich gut, dass sie sich einfach das Recht nehmen können, andere mit ihrer Gewalt zu überziehen? Sind das einfach Leute, die sich besser fühlen, wenn ihre Gewaltexzesse von wohlklingenden Begründungen untermalt werden? Weil es irgendwie geiler ist, Polizisten aus „politischen“ Gründen zu Brei zu schlagen, als weil sie einem gerade den Führerschein abnehmen wollen? Oder liegt dem vielleicht doch eine Theorie zu Grunde, die Sinn macht?

 

Nun, wenn man die Theorien dieser Leute so liest, dann fällt einem das Hauptargument ins Auge: die Gleichheit aller Menschen! Man darf sich an dieser Stelle auf keinen Fall davon verwirren lassen, dass offenbar Menschen in Uniform weniger gleich sind, denn sonst dürfte man ja auf diese nicht hemmungslos einprügeln. Verbal und physisch. Und auf Zivilpolizisten. Und auf alle anderen, die nicht ins Weltbild passen.

 

Na gut, lassen wir diese Details einmal beiseite.

 

Wenn alle Menschen (außer Uniformierten, Zivilpolizisten und jenen, die nicht ins Weltbild passen), gleich sind, bedeutet das ganz folgerichtig, dass Frauen gleichberechtigt sind. Folgerichtig sind unsere Revolutionäre – oder politisch korrekter – revolutionäre_innen jeglichem Sexismus gänzlich abhold.

 

Ebenso spielt es diesem Weltbild überhaupt keine Rolle, welche Herkunft jemand hat. Deswegen ist es auch irrelevant, ob jemand einer außerehelichen Beziehung entsprossen (vulgo: Bastard) sein könnte.

 

Nun, die besseren Menschen, deren Vorstellungen so gerecht und menschlich sind, dass sie sie mit Gewalt durchsetzen müssen, können auch beweisen, dass sie insbesondere die beiden vorgenannten Punkte draufhaben. Guckstu hier: