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Meine Lieblingsmannschaft hat gewonnen! – Im Fußballeinsatz mit der Bereitschaftspolizei

Bildquelle: Achim Recktenwald

Dienstantritt Sonntag um 7:30 Uhr bei der Bereitschaftspolizei in Koblenz. *Schluck* Für mich als bekennende Langschläferin eine… ähm… nicht ganz so prickelnde Botschaft. Und dann noch auf der anderen Rheinseite… Ich wusste zwar, dass Koblenz Stadtteile östlich des Rheins hat, war aber maximal zwei Mal in meinem Leben dort gewesen. Wenn ich mich nicht auskenne, plane ich immer Puffer ein.

Also Abfahrt daheim vor halb sieben Uhr morgens. Dabei intensive Gedanken an meinen Schwiegersohn in spe, der mal zu mir meinte, dass er meine Freizeitgestaltung schon irgendwie eigenartig findet. In diesem Augenblick war ich geneigt, ihm Recht zu geben.

Aber ich hatte es ja nicht anders gewollt, als ich dem Leiter der Bereitschaftspolizei ein freundliches Schreiben geschickt hatte mit der Bitte, die Bereitschaftspolizei in einen Einsatz begleiten zu dürfen. Und dann noch in diesen Einsatz!

 

Angefangen hatte es mit einem Infostand in Ludwigshafen, an dem mich eine junge Frau ansprach:

„Sie sind doch die, die immer beim Streifendienst mitfährt?“

„Ja!“

„Warum fahren Sie denn nie bei der richtigen Polizei mit?“

Innerlich musste ich da schon grinsen. Für mich als Nichtpolizistin ist da, wo Polizei draufsteht, auch Polizei drin. Richtige Polizei! Dennoch belustigen mich die Sprüche, die sich die verschiedenen Sparten intern um die Ohren hauen, immer ein Bisschen. Gibt es wohl in jeder Berufsgruppe.

Aber erst einmal sicherstellen, dass ich auch weiß, wovon die Rede ist:

„Was ist denn die richtige Polizei?“

„Na, die Bereitschaftspolizei, natürlich“, kam die prompte Antwort.

 

 

Als Erklärung direkt hinterher: „Gucken Sie sich das mal an, wie wir da beleidigt werden teilweise. Stundenlang!“

Kein Ding! Also angucken. Das Beleidigen ist aus meiner Sicht bereits Gewalt gegen Polizisten, also durchaus ein Ding.

„Gerne. Können Sie das mit Ihrem Vorgesetzten abklären?“

„Mach ich. Aber rufen Sie ihn auch mal an.“

 

Den Vorgesetzten konnte ich eine Weile lang nicht erreichen, was auch mit meiner beruflichen Belastung zu tun hatte. Dafür begegnete ich kurz darauf anderen Polizisten von diesem Bereitschaftspolizei-Standort, die mich aufklärten, dass das sowieso der Chef der Bereitschaftspolizei entscheiden müsse. Damit ich auch etwas zu sehen bekommen würde, berieten die drei Herren mich dahingehend, dass ein Fußballeinsatz mit „Rotspiel“ der Einsatz der Wahl sein sollte. Am 27.11.2016 würde der 1. FC Kaiserslautern gegen den Karlsruher SC spielen. Aufgrund einer intensiven Fanfeindschaft ein Hochrisikospiel.

Freundlicherweise wurde mir die Einsatzbegleitung genehmigt und ich bekam zwei Ansprechpartner genannt – den Hundertschaftsführer der jungen Dame, die mich angesprochen hatte, sowie seinen Stellvertreter.

Ein erster Anruf, noch im September, ergab, dass ich bitte in der Woche vor dem Spiel noch einmal anrufen solle, denn noch könne man mir gar nichts sagen.

 

Das tat ich dann auch entsprechend.

„Diese Hundertschaft geht gar nicht in diesen Einsatz.“

Oha!

Der Grund war mehr als nachvollziehbar. Aber…

„Und ich?“

„Sie?“

Kurzes Überlegen. Dann:

„Moment, ich verbinde Sie weiter.“

Der Dialog wiederholte sich mit einem anderen Herrn. Der mich dann fragte:

„Wo wohnen Sie noch mal? Im Ahrkreis?“

„Ja.“

„Das ist ja nicht gerade um die Ecke. Was halten Sie davon, mit der Hundertschaft aus Koblenz nach Kaiserslautern zu fahren?“

Mir wurde leicht schwindelig.

„Sie meinen, ich darf stundenlang in einem blau-weißen Auto über die Autobahn gefahren werden?“

„So in etwa, ja.“

Mein inneres Kind hopste auf und ab und klatschte in die Hände.

„Das Paradies.“

 

 

 

Nun gut, ich schaffte es mit Unterstützung meines Mannes, der mich fuhr, erfolgreich, sogar einige Minuten zu früh das Tor zur Liegenschaft der Koblenzer Bereitschaftspolizei zu passieren. Was sich schwieriger gestaltete als gedacht, denn der (vorgewarnte) Pförtner nahm seine Aufgabe sehr ernst. Und das ist auch gut so! Gerade in heutigen Zeiten sollte nicht jeder Beliebige auf Polizeiliegenschaften herumspazieren dürfen. Ich weiß, manche sehen das anders – ich hatte aber deutlich zu viele Gespräche mit französischen Polizisten zu den Lücken in ihren Reihen. Solange die Polizei erklärtes Anschlagsziel des IS ist, kann ich von dieser Ansicht auch nicht mehr abrücken.

 

Als erstes nahm mich Christoph, „mein“ Zugführer für den Tag, in Empfang. Natürlich würde ich vor Ort nicht mit in die erste Reihe kommen. Als komplett Ahnungslose würde ich nur im Weg sein, mich selbst und die Damen und Herren, die mich netterweise mitgenommen haben, in Gefahr bringen…

 

Nach einer kurzen gegenseitigen Vorstellung platzte er sofort mit der Information heraus, dass er frisch gebackener Vater sei. Dabei strahlte er buchstäblich aus allen Poren. Wenn ich nicht seit Jahren wüsste, dass in Uniformen Menschen stecken – spätestens hier wäre es mir aufgefallen.

 

Die Liegenschaft hatte Ähnlichkeit mit dem in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts gebauten Gebäude, in dem ich zur Schule gegangen bin. Orange Türen. Viele Beige- und Brauntöne. Man kennt das.

 

Es herrschte geschäftige Betriebsamkeit, aber keine Hektik. Ein bisschen erinnerte mich das an die Szenen von Star Trek, the next generation, wenn die Kamera den Hauptdarstellern durch die Flure des Raumschiffes folgt, in denen viele Menschen mit offensichtlich klarem Ziel hin und her laufen. Jeder wusste, was er zu tun hatte, nur ich hatte keinen Durchblick. Offenbar wusste aber jeder um meine Anwesenheit, denn ich wurde, auch wenn ich gerade nicht in Christophs Begleitung war, freundlich gegrüßt, ansonsten ging jeder weiter seiner Beschäftigung nach.

 

„Um acht Uhr ist Abfahrt. Wir frühstücken jetzt erst mal in Ruhe.“

Ich linste kurz auf meine Uhr. 7:35 Uhr. In Ruhe! Offenbar ein dehnbarer Begriff.

 

Im Sozialraum war ein kleines Frühstücksbuffet aufgebaut. Ich wurde herzlich eingeladen, zuzugreifen. Mit unserer Beute ging es zurück in Christophs Büro.

„Hier liegt das Material für alle Halbgruppen.“

Offenbar sah er meinem Gesicht an, dass ich nur sehr grobe Vorstellungen von diesen Begrifflichkeiten hatte und erklärte mir das näher.

 

Im Idealfall wird in Rheinland-Pfalz eine Hundertschaft (123 Leute) aus drei Zügen (je 37 Leute) gebildet. Die Züge bestehen aus jeweils drei Gruppen (je 10 Leute), Beweissicherung und Dokumentation (je 4 Leute) und Zugführung (3 Leute). Eine Halbgruppe besteht also aus fünf Beamtinnen und Beamten, die dann auch auf einem Wagen sind. In der Bundesrepublik gibt es unterschiedliche Modelle und Personalstärken. Da man noch Urlaub und Krankheitsfälle einrechnen muss, ist es oft schwer die vorgesehenen Personalstärken zu erreichen.

 

 

Wir waren bspw. später auf der Autobahn ganz klar nicht mit so vielen Wagen unterwegs, die eine ganze Idealfall-Hundertschaft gebraucht hätte.

Für jede Halbgruppe war ein Funkgerät vorgesehen, eine entsprechende Anzahl an taktischen Kennzeichen, die mit Klett auf dem Rückenteil der Uniform befestigt werden sowie fünf Akkus.

„Die halten nicht so lange.“

Ach so?

Na, die Herrschaften haben ja sonst nichts zu schleppen… (Vorsicht, dieser Satz enthält Spuren von Ironie.)

 

Die Materialien wurden auch nach und nach von den Gruppen- / Halbgruppenführerinnen und -führern abgeholt.

„Ich habe Sie in Remagen gesehen“, hörte ich hier und da. Offensichtlich war der Demo-Einsatz von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. gut angekommen. Unsere Karte hing auch noch an der Pinnwand.

 

Es war noch Zeit, mal eben das Gepäck eines Bereitschaftspolizisten anzuschauen: Eine große Tasche mit der Körperschutzausstattung (KSA), eine ebenso große Tasche mit persönlichen Gegenständen (Uniformteile, Wasser etc…) und ein Rucksack. Der war schwerer als meiner mit der Spiegelreflexkamera, die ziemlich schwer ist, weil ein Halbprofimodell. Schon mehrfach hatte ich mich gefragt, was da wohl drin sein mochte. Christoph erklärte es mir. Formulare!

Wenn es zu Straftaten kommt, haben die Beamten vor Ort direkt die notwendigen Papiere griffbereit. Natürlich muss nicht jeder die schleppen, sondern einer pro Zug. Das ist auch gut so, denn auch der Rest des Gepäcks ist größer und schwerer als das, was ich zu einem fünfwöchigen Urlaub mitnehmen würde – und mein Mann zieht mich schon immer damit auf, dass ich zuviel einpacke…

Ehe ich mich versah, saß ich abgefüttert im Auto. Tatsächlich starteten wir um Punkt acht Uhr in zwei Kolonnen.

Apropos Kolonnen.

„Christoph, wie war das nochmal mit den grünen und blauen Fähnchen?“

Ich hatte dunkel in Erinnerung, dass bei Kolonnenfahrten das erste und das letzte Auto mit einem dieser Fähnchen gekennzeichnet wurden, um dem übrigen Verkehr zu signalisieren, dass es sich bei diesem Fahrzeugverband um eine Kolonne handelt. Was dann z.B. bedeutet, dass man als Autofahrer möglichst nicht in diese Kolonne einscheren soll.

„Die nutzen wir nicht mehr. Die halten nur bis 80 km/h und mit diesen Sprintern können wir viel schneller fahren. Jeder hat ein Navi an Bord und kennt das Ziel. Kolonnenrechte brauchen wir eigentlich nur noch in Innenstädten. Da werfen wir dann alle das Blaulicht an, um das zu signalisieren.“

Oha!

So lange mache ich jetzt schon Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dass meine Informationen teilweise schon veralten.

Hab gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Ein gutes Zeichen!

 

In Kaiserslautern brachten Christoph und einer seiner Kollegen mich noch schnell zu einem meiner Ansprechpartner. Ich hatte insgesamt drei davon genannt bekommen und deswegen nicht so recht den Überblick.

Noch während ich auf den Herrn wartete, der Christoph genannt worden war, klingelte mein Handy, dass ein weiterer meiner Ansprechpartner im Präsidium auf mich warten würde.

Von dort war ich eh nur fünf Minuten entfernt. Also nichts wie hin. Christoph würde das für mich schon klären.

 

Ich war nicht der einzige Gast. Auch Wolfgang Schwarz (Landtagsabgeordneter der SPD), Xaver Jung (Bundestagsabgeordneter der CDU), dessen Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin des Polizeipräsidiums Mainz waren dabei. Zu meiner Freude war auch Achim Recktenwald, Personalrat der Bereitschaftspolizei, mit von der Partie. Wir hatten schon mehr als einen Demoeinsatz zusammen – sozusagen. Achim versprach mir auch, mich im Laufe des Einsatzes einem der beiden anderen Ansprechpartner zu übergeben. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen, was ich ein bisschen schade finde. Aber ich habe sie im Getümmel einfach nicht gefunden…

 

Wir bekamen eine Menge Hintergrundinformationen zu dem Spiel, den erwarteten Fans, den Problemen, die ein Stadion mitten im Wohngebiet mit sich bringt und zur Vorarbeit der Polizei bis hin zum augenblicklichen Stand der Planung. Teilweise hatte ich das schon im März mitbekommen, als ich beim Spiel des FCK gegen RB Leipzig (damals noch zweite Liga) die Polizeiarbeit begleiten durfte. Es wurde aber klar, dass das hier nochmal eine Nummer größer werden würde.

 

Hauptproblem in Kaiserslautern ist, dass sich die Fanströme immer am Elf-Freunde-Kreisel kreuzen (müssen). Eine Gaststätte, in der sich FCK-Fans vor Spielbeginn traditionell treffen, befindet sich in der Innenstadt und die Gästefans kommen vielfach mit der Bahn. Sowohl vom Bahnhof als auch von der Gaststätte aus führt der Weg ins Stadion über diesen Kreisel. Bei einer derart verfestigten und intensiven Fanfeindschaft wie der zwischen dem FCK und dem KSC liegt auf der Hand, dass ein Zusammentreffen jedoch unbedingt vermieden werden muss.

 

Anschließend begaben wir uns zum Kreisel. Zu meiner großen Überraschung sah ich dort einen der beiden rheinland-pfälzischen Wasserwerfer stehen. Ich hatte ihn schon öfters zur Kenntnis genommen, aber noch niemals im Einsatz wirklich sichtbar gesehen. Und jetzt stand er gleich an diesem neuralgischen Punkt.

Er hatte auch eine deutlich wahrnehmbare Wirkung, viele der vorbeikommenden Fans hatten sichtlich Respekt vor diesem riesigen Fahrzeug. Gleichzeitig sorgte es für lebhaftes Interesse. Viele Menschen fragten die eingesetzten Polizisten, was das für ein Gerät sei. Sie bekamen alle freundlich Auskunft.

Würde Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. für jedes Foto des Tages vom Wasserwerfer 50 Cent Spende bekommen, hätten wir auf Jahre hinaus keine finanziellen Sorgen mehr.

An dieser Stelle ein herzlicher Dank an die Wasserwerfer-Besatzung für die ausführliche Erklärung der Funktionsweise.

Die Kaiserslautern-Fans hatten mittlerweile einen Fan-Marsch angemeldet. Nach aktuellem Stand bei unserem Eintreffen war geplant, erst die beiden Sonderzüge mit den KSC-Fans abzuwarten, diese dann zum Stadion zu begleiten (übrigens durch „meine“ Koblenzer) und erst dann die FCK-Fans durch den Kreisel zu begleiten. Direkt neben dem Kreisel befindet sich eine Unterführung, das Viadukt, vor deren anderem Ende sich die Lautern-Fans sammelten. Es baute sich bereits ein enormer Druck auf. Der führte schließlich dazu, dass das Viadukt und auch der Kreisel noch vor Eintreffen des zweiten Zuges der Gästefans für den Fanmarsch freigegeben wurden.

 

Prompt meinte gleich der erste „Fan“, Vorurteilen gegen Fußballfans allgemein Vorschub leisten zu müssen, indem er im Tunnel Pyrotechnik zündete. Netterweise hatte auch uns Gästen einer der Bereitschaftspolizeiführer vor Ort Ohrstöpsel gegeben, die ich auch sofort reinsteckte. Wenn ich eins auf der Welt nicht brauche, dann ein Knalltrauma. Wie ich der (dem Text angehängten) Pressemitteilung der Polizei zu diesem Einsatz entnehmen durfte, war für denjenigen dann für diesen Tag auch Feierabend mit Fußball. Gut so!

Entsprechend dauerte es, bis der Fanmarsch aus dem Viadukt heraus und über den Kreisel zum Stadion gehen konnte. Durch die Ohrstöpsel ein wenig abgetrennt von meiner Umwelt und vollkommen absorbiert von meiner Motivsuche, fand ich mich plötzlich ziemlich allein vor dem Wasserwerfer wieder. Gerade noch sah ich Xaver Jung hinter einem unserer beiden Begleiter Richtung Bahnhof entschwinden. Schnell galoppierte ich hinterher. Schließlich wusste ich „meine“ Koblenzer in der Ecke. Vielleicht würde ich sie ja kurz sehen. Ich sah sie auch…

 

Erst, als wir Besucher in ein Parkhaus geführt wurden, von dem aus man einen guten Überblick über die Lage auf der Strecke vom Bahnhof zum Elf-Freunde-Kreisel hat, merkte ich, dass ich Achim verloren hatte. Noch stand ja im Raum, dass wir meine ursprünglichen Ansprechpartner treffen würden, die ich noch nicht gesehen hatte. Raus kam ich aber aus der Nummer in diesem Augenblick nicht mehr, denn vor dem Parkhaus rückten nun Polizei und KSC-Fans vor, um Platz für die im zweiten Zug befindlichen Karlsruhe-Anhänger zu schaffen.

Unser Begleiter bat uns, mit den dicken Kameras nicht zu auffällig zu hantieren, da das bei Fußballfans schon mal zu Aggressionen führen könne. Ist ja nicht völlig unverständlich, wer wird schon gern ungefragt fotografiert in Zeiten, in denen man nie weiß, wo das Bild letztlich landet. Jeder hat ein Persönlichkeitsrecht. Da ich grundsätzlich nicht will, dass die Polizei im allgemeinen und an dem speziellen Tag „meine“ Koblenzer im besonderen Prügel beziehen und schon gar nicht, weil ich meinen Fotoapparat zu deutlich hergezeigt habe, machte ich Fotos aus der zweiten Reihe. Reichte auch.

Auch die Bundespolizei entdeckte dieses Parkhaus für sich als guten Beobachtungspunkt.

Endlich fuhr der zweite Fanzug ein. Als erstes einmal wurde direkt neben den Bundespolizisten auf dem Bahnhof ein Böller gezündet. Auch hier endete dann für einen „Fan“ der Spieltag. Das ist auch richtig so. Entsprechende „Fan“-Gruppierungen begründen ja ihren Hang zu diesem Zeugs damit, dass sie ihre „Emotionen ausdrücken“ wollen. Wenn man seinen Gefühlen nicht anders Ausdruck verleihen kann als unter Inkaufnahme von Hörstürzen (Böllern) und schweren Brandverletzungen (Bengalo) bei seinen Mitmenschen (und damit sind neben den eingesetzten Polizeibeamten auch Mitfans gemeint, die man mit reinzieht), dann sollte man sich mal ernstlich ein paar Gedanken über sich selbst machen.

 

Insgesamt wirkten die vor dem Parkhaus versammelten Fans recht friedlich, es entspannen sich auch einige freundlich wirkende Gespräche mit den begleitenden Polizeibeamten. Dennoch stellte ich auch hier für mich fest, dass ich diesen Beruf nicht ausüben könnte. Ich hasse Menschenmengen und ich hasse es besonders, von einer solchen möglicherweise an die Wand gedrückt zu werden. Selbst wenn es also so aussieht, als würden Bereitschaftspolizisten nur dastehen, machen sie aus meiner Sicht eine wirklich anspruchsvolle Arbeit.

Nachdem die KSC-Fans und ihre Begleitung über den Kreisel in Richtung Stadion abgezogen waren, verließen wir wieder das Parkhaus. Meine aktuellen Begleiter begaben sich Richtung Stadion, ich freute mich an den Segnungen der modernen Technik und rief Achim an. Der war immer noch am Elf-Freunde-Kreisel. Da jetzt erst einmal nichts weiter Aufregendes passierte (wie mir später erzählt wurde, zündeten allerdings ein paar unbelehrbare Fans im Stadion zu der Zeit Pyro), durften Wolfgang Schwarz, die Dame aus Mainz und ich auch einmal die Körperschutzausstattung (KSA) anlegen. Anschließend bearbeitete Achim uns alle kräftig mit dem Schlagstock. Ich gebe zu, ich hatte am Anfang echt Angst und ich habe mich auch erschreckt, denn es knallte ganz ordentlich. Aber die Ausstattung schützt wirklich. An den Beinen spürte ich gar nichts. Die Schläge auf den Rücken ließen zwar meinen Kopf bis in die Haarspitzen vibrieren, aber ich spürte keine Schmerzen. Ich bin wirklich froh, dass unsere Bereitschaftspolizisten so geschützt ins Getümmel gehen.

 

Aber auch hier: WOW! Den ganzen Tag darin herumzulaufen wäre für mich schon im Winter sehr hart, im Sommer ist das bestimmt kein Vergnügen. Das Knien ist eine Kunst, wenn man bspw. jemanden durchsuchen will. Und, wie ich mir sagen ließ, wenn man in der KSA erstmal auf dem Boden liegt, kommt man nur sehr schwer wieder hoch. Ohne Hilfe eigentlich gar nicht.

Nun sind Bereitschaftspolizisten deutlich durchtrainierter als ich, aber dennoch. Hut ab!

Bildquelle: Achim Recktenwald

Übrigens macht es mich nach wie vor immer wieder stolz, wenn ich im Einsatz Menschen treffe, die unser Patch tragen. DANKE!

 

 

Von hier begaben wir uns kurz zur Befehlsstelle im Stadion, die ich ja schon zwei Mal sehen durfte. Immer wieder ein besonderes Gefühl, das Fritz-Walter-Stadion zu betreten. Leider hat der FCK den ersten Auftritt, wo ich quasi mit Betreten des Stadions das erste von mehreren Toren serviert bekam, nicht mehr wiederholt. Ich mag Euch trotzdem…

 

Vor der Leitstelle trafen wir einen mir bekannten Herrn, der sich bei meinem letzten Mal im Fußballeinsatz sehr nett um mich gekümmert hat. Wir freuten uns gegenseitig, uns zu sehen. Es entspann sich folgender denkwürdiger Dialog:

Er: „Lässt Sie der Fußball nicht los?“

Ich: „Ich bin eher wegen der dritten Mannschaft hier, meiner Lieblingsmannschaft.“

Er: ???

Achim: „Die ist wegen uns hier, nicht wegen deinem FCK.“

Genau. Meine Lieblingsmannschaft ist und bleibt das Team Polizei.

 

 

 

Nach dieser kurzen Stippvisite wurde es wieder Zeit zurück zum Kreisel zu gehen. Meine beiden Ansprechpartner hatte ich immer noch nicht gefunden, ich traute mich aber auch nicht wirklich, mich aus Achims Begleitung zu entfernen.

 

Wieder wurden nacheinander beide Fanströme am Elf-Freunde-Kreisel aneinander vorbeigeführt. Der Wasserwerfer warf sein Blaulicht an. Auch tauchte der Polizeihubschrauber auf. Für alle, die das zweifellos mal wieder übertrieben finden werden – vor zwei Jahren gab es bei Fanausschreitungen im Stadion beim Spiel FCK:KSC insgesamt 18 Verletzte? Wer war schuld? Richtig! Natürlich auch die Polizei. Ist sie ja immer. Jetzt gab es keine Ausschreitungen. Man könnte meinen, dass die Polizei dann alles richtig gemacht hätte. Könnte man dann auch mal mitteilen. Das mache ich hiermit:

Ihr habt einen super Job gemacht!!!

 

Deswegen endete der Einsatz auch reibungslos. Wenn man davon absieht, dass einer der Polizisten, die sich mit um mich gekümmert hatten, in einen Hundehaufen getreten war, was zwei seiner Kollegen zu einem Sprechgesang animierte: „Nicht bei uns im Auto!“ Ich hoffe, er kam trotzdem irgendwie heim.

Die Sonne war schon ziemlich weit unten, als Achim mich zurück zu „meinen“ Koblenzern brachte. Mittlerweile machte sich ein Hungergefühl in meinem Magen breit. Ich hoffte, noch irgendwo einen offenen Supermarkt zu finden, in dem ich etwas zu essen beschaffen könnte. Der fand sich sogar, aber das erwies sich als unnötig, denn ich bekam reichlich von der Verpflegung der Koblenzer ab. Danke dafür!

 

Übrigens hatten Christoph und seine Leute ihre Verpflegung erst kurz vor meinem Auftauchen bekommen. Ich war gegen 17 Uhr wieder dort gewesen. Fast zehn Stunden ohne Essen, dafür in der schweren KSA und den ganzen Tag auf den Beinen. Verständlich, dass die Laune erstmal nicht so klasse war.

 

Mein Weltbild erhielt einen weiteren kleinen Riss, als zwei von Christophs Kollegen ihren Mannschaftswagen hinten öffneten, um noch warmen Kaffee (heiß war er nicht mehr) aus einem Kanister rauszuholen. Dabei fiel nämlich der große Mercedesstern auf dem Schloss der beiden Heckflügeltüren ab. Dabei musste ich feststellen, dass das kein Chrom ist, wie ich bislang immer annahm, sondern Plastik. Na ja…

 

Während wir noch auf das offizielle Einsatzende warteten, bot uns der Supermarkt seine Toiletten an. Auch darauf wartete ich schon länger, also ging ich mit einer langen Reihe Polizisten zum „Entsorgen“. Auch mal eine ganz neue Erfahrung, dass die Schlange vor der Herrentoilette meterlang ist und die Damentoilette sofort frei. Kenne ich sonst nur andersrum.

 

Kaum war ich wieder bei Christophs Mannschaftswagen angekommen, konnte ich eine Szene auf dem Parkplatz, auf dem die Mannschaftswagen der Koblenzer Hundertschaft standen, beobachten. Zwei jugendliche FCK-Fans (ja, leider!) waren irgendwie der Meinung, drei Bereitschaftspolizisten bepöbeln zu müssen, die aus dem Supermarkt kamen. Genaueres konnte ich leider nicht hören, aber ich sah den Mienen der Herren an, dass sie eher unbegeistert von den Worten waren, die ihnen entgegenschallten.

 

Ist das nötig? Die Mitglieder dieser Hundertschaft sind um sieben Uhr morgens zum Dienst angetreten, also vermutlich zwischen fünf und halb sieben Uhr (je nach Wohnort) aufgestanden, und haben sich einen Samstag um die Ohren geschlagen, damit diese beiden Jungs sich ungefährdet einen netten Nachmittag beim Fußball machen können – und dann kommen die denen so?

Und man erspare mir bitte „Das ist deren Job“. Ich hatte erst neulich ein Gespräch mit einem Bereitschaftspolizisten, der bereits intensiven Überstundenabbau betrieben hat. Er hat etwa 5 Wochen Urlaub genommen, um sie abzubauen und hat jetzt nur noch schlappe 600 übrig. Wenn ich der Einfachheit halber von einer 40-Stunden-Woche ausgehe, stehen da noch 15 Wochen Urlaub an, um die auszugleichen. Wir dürfen gespannt sein, ob das in diesem Leben noch was wird…

Und selbst wenn die Überstundensituation weniger angespannt wäre? Es ist auch der Job meines Arztes, sich um meine Gesundheit zu kümmern, aber mir fällt trotzdem kein Zacken aus der Krone, wenn ich nett zu ihm bin und mich mal dafür bedanke, wenn er seinen Job gut macht.
Als das Einsatzende ausgerufen wurde, hieß es erstmal „abrödeln“. So heißt das, wenn man sich aus der nicht wirklich bequemen KSA schält. Zu meiner Erleichterung hatte es keine Verletzten gegeben, also auch keine verletzten Polizisten. Damit hatte meine Lieblingsmannschaft dieses Match gewonnen!!!

Auf der Heimfahrt stellte Christoph fest, dass sich der Akkustand seines Diensthandys dem Ende zuneigte. Glücklicherweise hatte er eine Frau mit zwei nigelnagelneuen Powerbanks neben sich sitzen. Nachdem wir rausgefunden hatten, dass man die auch einschalten muss, bevor sie Saft liefern, wurde es sehr ruhig. Meine Begleiter waren ziemlich müde und entsprechend schweigsam. Nett fand ich, dass Christoph trotzdem irgendwann den Fahrer fragte, ob der Ablösung brauchte. Nett und sehr verantwortungsbewusst.

 

Ich fand selbst diese ruhige Fahrt noch aufregend und spannend, auch wenn es im Funk nur noch darum ging, dass eines der Fahrzeuge mal eben zum „Entsorgen“ anhalten musste.

 

In Koblenz wurden die Fahrzeuge noch einmal aufgetankt. Nicht auszudenken, wenn es am nächsten Tag oder noch in der Nacht zu einer Alarmierung käme und die Fahrzeuge wären nicht voll betankt.

 

Die Einsatzkräfte trafen sich noch einmal zu einer Nachbesprechung in ihrer Dienststelle. Dabei konnte auch gleich das ausgegebene Material wieder eingesammelt werden. Diese Besprechung habe ich nicht mehr erlebt, weil mein Mann schon bei Eintreffen unserer Kolonne vor dem Tor der Bereitschaftspolizei stand. Also wurde ich direkt übergeben.

 

 

Christoph: „Da haben Sie sie wieder. Heil und am Stück.“
Mein Mann: „Daran habe ich keine Sekunde gezweifelt.“

 

Musste er auch nicht.

 

Danke für die nette Aufnahme und die spannenden Einblicke.

 

Ich finde unsere Bereitschaftspolizei klasse. Danke für Euren Einsatz für uns alle!

 

Anhang

Text der gemeinsamen Pressemitteilung des PP Westpfalz und der Bundespolizei vom 27.11.2016

 

Nach dem Südwestderby zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem Karlsruher SC (0:0) am Sonntagnachmittag hat die Polizei eine positive Bilanz gezogen – die Einsatzkonzeption hat funktioniert und es kam zu keinen größeren Zwischenfällen. Einsatzleiter Wolfgang Schäfer lobte seine „Mannschaft“ für die konzentrierte und professionelle Arbeit und hob insbesondere die gute Zusammenarbeit mit der Bundespolizei hervor. Mehrere hundert Beamtinnen und Beamte des Polizeipräsidiums Westpfalz sowie der rheinland-pfälzischen Bereitschaftspolizei und der Bereitschaftspolizei aus Baden-Württemberg waren im Einsatz. Auch die Bundespolizei Kaiserslautern war mit starken Kräften und Unterstützung der Bundesbereitschaftspolizei St. Augustin, Hünfeld, Bad Bergzabern und der Mobilen Kontroll – und Überwachungseinheit Koblenz im Einsatz. Ein Lob gilt zudem den Anhängern beider Verein, die sich bis auf wenige Ausnahmen an die Regeln gehalten haben. Gut 28.000 Zuschauer sind zu dem Spiel ins Fritz-Walter-Stadion gekommen – davon etwa 4.000 KSC-Anhänger, die ihr Team in die Westpfalz begleitet haben. Die meisten Karlsruher Fans nutzten zwei bereitgestellte Entlastungszüge, dabei zündeten auf der Anfahrt nach Kaiserslautern Unbelehrbare im Zug Pyrotechnik und vermummten sich vereinzelt. Glücklicherweise gab es keine Verletzten. Ein Störer wurde bei Ankunft des Zuges durch die Bundespolizei in Gewahrsam genommen. Ein weiterer Fußballanhänger durfte ebenso das Spiel nicht sehen, weil er sich vermummte und auch Widerstand leistete. Knapp 2.000 KSC-Anhänger reisten mit den Entlastungszügen nach Kaiserslautern und wurden am Bahnhof von Polizeieinheiten in Empfang genommen und zum Stadion begleitet. Dabei wurde der 11-Freunde-Kreisel weiträumig gesperrt, um ein Aufeinandertreffen mit einheimischen Fans zu verhindern. Ein Lauterer Anhänger, der im Viadukt Pyrotechnik zündete, wurde ihn Gewahrsam genommen. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Körperverletzungen in mehreren Fällen. Vereinzelt kam es auf dem Weg zum Stadion auch auf Seiten der KSC-Fans zum Einsatz von Pyrotechnik und Böllern. Kurz vor dem Anpfiff zündeten KSC-Anhänger im Gästeblock mehrfach pyrotechnische Gegenstände und schossen Leuchtkugeln ab. Dabei erlitt ein Karlsruher eine Rauchvergiftung und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Wegen der starken Rauschwaden auf dem Spielfeld konnte die Partie nicht pünktlich angepfiffen werden. Nach dem Spiel verließen die Fangruppen der beiden Vereine zeitversetzt das Stadion, um auch nach dem Abpfiff die kategorische Fantrennung zu gewährleisten. Die Bahnreisenden wurden wiederum mit starker Präsenz zum Bahnhof begleitet. Während der Abreisephase musste zur strikten Fantrennung der Hauptbahnhof gesperrt werden. Die beiden Züge nach Karlsruhe verließen um 16.28 Uhr und 16.45 Uhr Kaiserslautern. Dass das Spiel eine hohe Brisanz hat, zeigte auch die Anwesenheit des Bundestagsabgeordneten Thomas Hitschler. Er machte sich persönlich ein Bild vom Einsatzgeschehen und informierte sich vor Ort bei Polizeidirektor Ralf Leyens, dem Einsatzleiter der Bundespolizei, der bei Einsatzende feststellte, dass der hohe Kräfteansatz aufgrund der spürbaren Brisanz gerechtfertigt war und letztlich auch schwerwiegende Auseinandersetzungen im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei verhindert hat! Besondere Erwähnung verdient der enge partnerschaftliche Schulterschluss mit der Landespolizei Rheinland – Pfalz sowie die Unterstützung der DB-AG.

 

 

 

Allgemein Fußball Polizeiarbeit Verein

Fußballeinsatz in Kaiserslautern

Symbolfoto
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Nachdem ich Ende 2014 schon einmal bei einem Fußballeinsatz der Polizei Kaiserslautern dabei sein durfte, war es wieder so weit. 2014 habe ich besonders die Pressearbeit dazu ansehen dürfen und hatte mich als kleine Nebenwirkung ein bisschen in den FCK verliebt. Was soll man auch machen, wenn eine Mannschaft gleich mehrere Tore schießt, wenn man gerade mal für wenige Minuten im Stadion ist?

Dieses Mal spielte Kaiserslautern an einem Montagabend gegen RB Leipzig und hatte ich die Ehre, die Arbeit der Einsatzleitung aus der Nähe zu sehen. Das mit der Ehre meine ich ernst.

Wieder einmal bin ich beeindruckt. Obwohl mir schon klar war, dass die Organisation eines Einsatzes dieser Art mehr an Arbeit verursacht als ein Kindergeburtstag, hat mich der tatsächliche Aufwand überrascht.

Seit dem 25. April weiß ich, dass ich damit richtiger lag als ich selbst vermutete. Für diesen Teil der Planung muss man nämlich wissen, wie viele Fans beider Lager zum Spiel kommen werden. Entsprechend muss man die Anzahl der eingesetzten Polizeibeamten planen.

Aufgrund meiner Tätigkeit als Vorsitzende von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. werde ich oft und gern als ausgelagerte Beschwerdestelle der Polizei betrachtet und bekomme häufig zu hören, dass „mal wieder übertrieben viel Polizei“ bei Fußballspiel x oder Demo y „aufgelaufen“ sei. Schon immer war meine Antwort darauf: „Nun stell dir vor, du würdest dir da eine blutige Nase holen, weil nicht genug Polizei da war – und dann?“ Ich warte auf den Tag, an dem ich mal höre: „Die Polizei war genau richtig aufgestellt, denn alles blieb ruhig!“ Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Nun ist ja unsere Polizei sehr kompetent, aber Hellsehen kann sie leider nicht. Also muss mit der Informationsgewinnung für die Planung des Personaleinsatzes schon Wochen vorher angefangen werden. Dabei ist die Anzahl der verkauften Tickets nur ein Anhaltspunkt von vielen.

Wie so oft ist es eine winzige Minderheit, die den meisten Aufwand verursacht, nämlich jene „Fans“, die in erster Linie wegen der Möglichkeit kommen, Gewalt zu verüben. Die große Mehrheit will einfach Spaß haben und einen schönen Nachmittag oder Abend verleben.

Diese Minderheit muss allerdings berücksichtigt werden, selbst wenn sie letztlich gar nicht erscheint. Wobei wir wieder bei dem Problem mit dem Hellsehen wären.

Symbolfoto
Symbolfoto

Darüber hinaus sind auch Fanfeind- und -freundschaften zu berücksichtigen. Wenn sich die Fans der beiden Mannschaften überwiegend nicht riechen können, ist eine strikte Trennung sinnvoll. Auch dafür braucht man Polizeibeamte.

Letztlich muss auch flexibel reagiert werden können – wenn nämlich beispielsweise auf einer Einfallstraße, auf der der Bus mit der gegnerischen Mannschaft entlangkommen wird, ein Unfall passiert. Der Bus muss pünktlich im Stadion sein und eine Attacke durch jene eben erwähnte Minderheit auf den Bus darf auch nicht passieren.

Insgesamt sind die Bereitschaftspolizei, Hundeführer, die Motorradstaffel und noch weitere Einheiten im Einsatz.

Während des Spiels (dieses Mal nicht ganz so spektakulär in Sachen geschossene Tore wie beim letzten Mal) wurde es etwas ruhiger. Da blieb auch mal Zeit für ein paar private Worte. Ich erinnere mich daran, wie sich vier Polizeibeamte aller Dienstgrade und Funktionen darüber unterhielten, wie schön es ist, Vater zu werden und dann zu sein. Das war was fürs Herz. Menschen in Uniform eben.

Insgesamt waren die in den Einsatz involvierten Polizistinnen und Polizisten ab 12:30 Uhr mittags im Einsatz. Offizielles Einsatzende wurde gegen 23:30 Uhr ausgerufen. Dies war möglich, weil alles ruhig blieb. Es kann auch anders kommen.

Übrigens macht es mich sehr froh, wenn es ruhig bleibt. Der Verein heißt ja Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. Ich finde es deswegen spannend, der Polizei beim Arbeiten aus allernächster Nähe zusehen zu dürfen, weil mir das hilft, gegen negative Rückmeldungen anzuargumentieren.

Das nächste Mal, wenn mir jemand erzählen will, da sei ein Einsatz „total schlecht gemacht“ gewesen, nur weil er bei seinem Besuch im Stadion mal ein paar Minütchen länger warten musste oder weil er bei demonstrieren nicht genau da langlaufen durfte, wo er wollte, weiß ich Bescheid – natürlich kann es immer mal sein, dass es irgendwo nicht ganz rund läuft. Aber daraus zu konstruieren, dass ein ganzer Einsatz schlecht war, nur weil man selbst minimal in seinen Wünschen beeinträchtigt wurde, geht deutlich zu weit.

In ganz seltenen Fällen gehen sicherlich tatsächlich Einsätze auch mal komplett schief. Dieses Urteil zu fällen bedarf aber sehr vieler Informationen, über die wir Bürger im Regelfall nicht vollständig verfügen. Überlassen wir solche Urteile doch besser den dafür zuständigen Instanzen.

Allen, die daran beteiligt waren, dass ich diese Erfahrung machen durfte, möchte ich herzlich für ihr Vertrauen danken. Und allen Einsatzkräften, die nicht nur an diesem Tag ihren Dienst in Kaiserslautern verrichten – vielen Dank für Ihren täglichen Einsatz!

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Allgemein Fußball Verein

Brief an den DFB

Folgendes Schreiben hat der Vorstand von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. an das Präsidium des DFB geschrieben:

 

„Fan“plakat, das am 23.03. sowohl beim Spiel Hansa-Rostock gegen Darmstadt 98 als auch beim Spiel der 2. Mannschaft des 1. FC Köln gegen Rot-Weiß Essen gezeigt wurde

Sehr geehrte Herren,

wir sind ein eingetragener und gemeinnütziger Verein aus Nichtpolizisten und Polizeibeamten und wenden uns gegen Gewalt gegen Polizeibeamte. Die dabei regelmäßig auch im Rahmen von Fußballeinsätzen stattfindende Gewalt beschäftigt uns natürlich auch.

Mit diesem Plakat („Wer hoch fliegt fällt auch tief a.c.a.b.“) wurde nun eine letzte Grenze der Menschenverachtung überschritten.

Jedes Wochenende halten Tausende von Polizeibeamten ihren Kopf bei Fußballeinsätzen hin. Ihre Familien und Freunde hoffen, dass sie heil und am Stück wieder nach Hause kommen.

Wir im Verein sind der Ansicht, dass Menschen, die ihren Kopf für die Gesellschaft hinhalten, nicht mit Gewalt begegnet werden sollte. Wir sind teilweise selbst Fußballfans, aber es kann doch nicht sein, dass Wochenende für Wochenende Polizeibeamte beleidigt, bespuckt, angegriffen und teilweise auch verletzt werden, nur weil eine Minderheit der Fußballfans meint, aus einem schönen Sport einen Vorwand für eine Art Krieg machen zu müssen.

Am 21. März starb ein Bundespolizist bei einer Übung, die eben wegen solcher so genannter „Fans“ stattgefunden hat (meines Erachtens kann man mit einem derart merkwürdigen Verständnis von sportlicher Fairness eigentlich kein Fußballfan sein).

Es ist unerträglich, dass sich zwei Tage nach diesem Vorfall Angehörige und Kollegen des Verstorbenen auf eine derart geschmacklose Weise öffentlich verhöhnen lassen müssen.

Wir erwarten vom DFB eine deutliche Entschuldigung für diese Vorfälle. Rot-Weiß Essen und Hansa-Rostock haben es vorgemacht, sich bei der Familie des tödlich Verunglückten zu entschuldigen.

Darüber hinaus möchten wir Sie bitten, dem guten Beispiel von Hannover 96 zu folgen und sich dafür einzusetzen, dass endlich die A.C.A.B.-Transparente in deutschen Stadien verboten werden. Es kann doch nicht sein, dass sich gerade jene, die mit ihrem allwochenendlichen Einsatz den Gewinn der Fußballvereine – und damit letztlich auch Ihr Einkommen, meine Herren – sicherstellen, auch noch als Bastarde beleidigen lassen müssen.

Hertha BSC plant ein Benefizspiel für die Hinterbliebenen des Bundespolizisten Lutz Albrecht. Es wäre doch eine gute Idee, wenn der DFB ebenfalls eine Spende an das von der Bundespolizeistiftung eröffnete Spendenkonto für die Hinterbliebenen überweisen würde. Das kann zwar den Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen nicht aufwiegen. Ebenso kann es den Schmerz, dafür auch noch öffentlich verhöhnt zu werden, nicht ausgleichen, aber wenigstens auf dem Weg in die Zukunft helfen. Und es wäre ein klares Zeichen, was der Deutsche Fußballbund von der Aussage A.C.A.B. hält. Vielen Dank dafür im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

 

Nachtrag: Auch im Fußballstadion Zwickau wurde ein Plakat gezeigt. Die Aufschrift: „Bundespolizei: Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund.“

Fußball Polizistenstimmen

Polizisten eine Stimme geben: Wir sind nur eine Nummer…

Wie ein Mensch die Lebensplanung eines anderen zerstörte

Ich wollte zum SEK. Immer schon. Nur deswegen bin ich zur Polizei gegangen. Und es sah verdammt gut für mich aus. Bis zu diesem Tag…

Im Mai 2008 wurde ein Drittligaspiel in meiner Heimatstadt ausgetragen. Eine sehr große Stadt, in der ich meinen Dienst verrichte. Seit zwei Jahren war ich bei der Bereitschaftspolizei. Die Aufgabe unserer Einsatzhundertschaft war, die gegnerischen „Fans“ bis zum Spielfeld zu begleiten.

Nur, damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine Vorstellung davon bekommen, was das für Einsätze sind: es waren etwa zwei- bis dreihundert Fans. Wir waren mit ungefähr sechs Hundertschaften im Einsatz. Man wirft uns dann immer vor, zu übertreiben. Sechshundert Polizisten gegen viel weniger Fans. Allerdings war es einige Jahre vorher bei einem Spiel exakt dieser Mannschaften zu Ausschreitungen gekommen. Das Spielfeld war gestürmt und ein Kollege schwer verletzt worden. Deswegen hatten wir auch unsere Schutzausrüstung an, Helm, Schienbeinschoner, alles. Insgesamt 15 Kilo. Das Ziel war, möglichst unverletzt nach Hause zu kommen.

Auch diesmal war die Stimmung total aufgeheizt. Einer der gegnerischen Hools fiel auf, weil er die anderen pausenlos zur Gewalt aufstacheln wollte. Dabei war er nicht sonderlich wählerisch. Gegen uns, gegen die Fans des Vereins meiner Stadt, gegen Ausländer – das ganze Programm. Was genau der gebrüllt hat, weiß ich nicht mehr. Will ich auch gar nicht wissen. Fakt ist, der hätte die sowieso schon brodelnde Stimmung zum Überkochen bringen können. Also entschied unsere Einsatzleitung, dass wir die Gruppe anhalten sollten. In der Nähe des Stadions befindet sich ein Parkplatz eines Discounters, in dessen Nähe ließen wir die Fans anhalten.

Wir machten uns mit insgesamt acht Kollegen auf in die Menge, um den auffälligen Rädelsführer zu einem Gespräch zu bitten. Ein Kollege und ich sollten ihn festnehmen, die anderen sechs kamen zu unserem Schutz mit. Er begleitete uns ohne Widerstand aus der Menge heraus auf den Parkplatz. Dort hielten wir ihm sein Verhalten vor.

Als wir ihm jedoch eröffneten, dass er dieses Spiel nicht zu sehen bekommen würde, tickte er vollkommen aus. Er begann, wild um sich zu schlagen. Wir konnten diesen Schlägen ausweichen. Wir fragten ihn nach seinen Personalien, die wollte er uns nicht geben. Also wollten wir ihn nach Papieren durchsuchen. Er weigerte sich, den Adler (1) zu machen und sich durchsuchen zu lassen. Weil er immer noch um sich schlug, wollten wir ihm Handschellen anlegen. Dabei machte er sich so steif, dass wir entschieden, ihn zu Boden bringen, um ihm Handschellen anlegen zu können.

Dazu wollte ich ihm in den Hosenbund packen, um ihm die Beine wegzuziehen. Ich stand links von ihm. Ich bückte mich, um seinen Hosenbund besser greifen zu können.

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist der unbeschreibliche Schmerz in meinem Knie. Ich lag in dieser schweren Ausrüstung, bei 32 Grad Außentemperatur auf dem Boden und habe vor Schmerz geschrien. Meine Kollegen haben mir die Hose aufgemacht, um wenigstens den Schienbeinschoner abzunehmen, aber diese brutalen Schmerzen wollten einfach nicht aufhören.

Er hatte mir seitlich vors Knie getreten. Es gibt dazu auch ein Beweisvideo. Das wollte ich mir übrigens nie ansehen, weil ich mich nie wieder an diese Schmerzen erinnern will.

Mein Kreuzband war zuerst nur angerissen. Das war ein Glück, denn so konnte ich eine OP vermeiden. Schließlich wollte ich ja zum SEK. Da kommt man nicht hin, wenn man irgendwelche körperlichen Gebrechen hat. Ich erhielt fast ein Jahr lang Spritzen.

Dann, etwa 12 Monate später, kam mein großer Tag. Die Sportprüfung für’s SEK. Ich schaffte alles. Beim 2000-Meter-Lauf dann der Tiefschlag. Ich musste aufgeben. Es fühlte sich an, als würde in dem Knie Knochen auf Knochen schaben.

Ein Arzt stellte fest, dass mein Kreuzband ganz kaputt und der Meniskus gerissen war. Es folgte eine erste OP, in der ich ein neues Kreuzband erhielt.

Schon im September 2009, gerade mal vier Monate danach, ging ich wieder zum Dienst. Dazu muss man sagen, dass ich mich auch ein wenig unter Druck fühlte. „Wann kommst Du endlich wieder arbeiten?“ hörte ich ziemlich regelmäßig.

Zwar brauchte ich etwa ein halbes Jahr lang starke Schmerztabletten, aber es ging.

Bis August 2010. Wir bekamen einen so genannten stillen Alarm aus einem leer stehenden öffentlichen Gebäude. Solch ein Alarm ist nur bei der Polizei zu hören. An der Stelle, wo er ausgelöst wird, bleibt es ruhig. Bei Banküberfällen wird oft ein stiller Alarm ausgelöst, um die Täter nicht unter Stress zu setzen und damit noch aggressiver zu machen.

Wir fuhren sofort los. Bei Eintreffen sahen wir schon, dass ein Fenster im ersten Stock offen stand. Durch dieses Fenster sind wir dann in das Gebäude geklettert, einer nach dem anderen. Ich war der Vorletzte.

Als ich vom Fensterbrett etwa ein Meter herunter in das Gebäude sprang, spürte ich es. Ein unbeschreiblicher Schmerz. Mein Knie wurde dicker und dicker.

Allerdings war da ja einer in dem Gebäude drin. Der musste gefunden werden. Ich wollte meine Kollegen nicht damit allein lassen. Also habe ich meinem Partner gesagt, dass ich nicht so schnell laufen kann, er hat auch Rücksicht genommen. Wir haben die Räume einzeln durchsucht und gesichert. Dabei habe ich die Schmerzen vergessen.

Letztlich waren es andere Kollegen, die den Mann gekriegt haben, der sich in dem Gebäude herumtrieb. Später, als die Kripo dazukam, bemerkte mein Gruppenführer, dass es mir dreckig geht. Ich habe zu ihm gesagt „Ich kann nicht mehr!“ und bin vom Dienst abgetreten. Dabei habe ich mich nicht einmal sonderlich schlecht gefühlt. Man kann eben keinen Dienst verrichten, wenn das Knie höllisch schmerzt.

Im Oktober 2010 hatte ich dann wieder einen OP-Termin. Nach der OP, als ich aufwachte, stellte ich fest, dass ich eine zusätzliche Narbe an der Hüfte hatte. Irgendwie kam es mir auch so vor, als habe während der OP jemand mit mir gesprochen. Allerdings dachte ich, ich hätte das nur geträumt. Später sagten mir aber meine Ärzte, dass ich aus der Narkose geholt worden war, um mir zu sagen, dass sie Knochenmaterial aus meinem Becken brauchten, um den Bohrkanal für das neue Kreuzband zu verschließen.

Eine Woche danach musste ich wieder unters Messer, weil ich eine allergische Reaktion auf die Fäden zeigte.

Im März 2011 riss das erste neue Kreuzband. Wieder eine OP, das neue wurde aus Material aus der Kniescheibe geformt.

In den folgenden Wochen konnte ich das Bein nicht mehr durchstrecken. Im Mai 2011 zeigte sich dann bei einer MRT, dass die Schraube, die das Kreuzband halten sollte, lose saß. Also wieder eine OP, am 23. Mai wurde die Schraube entnommen und es wurden einige Vernarbungen abgeschabt.

Wegen einer allergischen Reaktion auf das Narkosemittel kam ich nach der OP nicht aus der Narkose. Nicht einmal ein Notarzt konnte daran etwas ändern. Also kam ich auf die Intensivstation, wo ich erst weit nach Mitternacht erwachte.

Ich kam dann relativ schnell aus dem Krankenhaus, konnte auch mein Bein durchdrücken. Ich war total glücklich, weil ich dachte, dass endlich, endlich diese ganzen OPs ein Ende hätten. Vier Tage nach meiner Entlassung, es war ein Samstag, lag ich mit meiner Tochter im Bett. Sie ist vier Monate alt.

Von einer Sekunde auf die andere schoss mir ein heftiger Schmerz ins Knie. Meine Frau brachte mich ins Krankenhaus, in die Notaufnahme. Dort wurde mir Blut abgenommen und ich wurde heimgeschickt mit den Worten:
„Wenn es eine Thrombose ist, rufen wir Sie an.“

Es kam kein Anruf. Der Schmerz blieb trotzdem unerträglich und wurde immer schlimmer. Also ging ich Montag sofort zu meinem Arzt. Bei der OP waren rechts und links von meiner Kniescheibe Schnitte gesetzt worden. Der rechte Schnitt beulte so ein bisschen aus. Also wollte der Arzt ein Ultraschallbild von meinem Knie machen. Als er den Schallkopf auf mein Knie drückte, platzte plötzlich Eiter aus meinem Knie.

„Legen Sie sich hin!“ sagte er. Als ich mich wieder aufrichten durfte, hatte er fünf volle Spritzen Eiter aus meinem Knie geholt – zwanzig Milliliter.

„Sie müssen sofort operiert werden!“

Also kam es zu einer Not-OP. Das war Ende Mai.

Anfang Juni wurde ich dann wieder operiert. Eigentlich sollte nur eine Arthroskopie gemacht werden. d. h. man wollte sich das Kniegelenk mal näher ansehen. Dabei war aber die Entzündung so schlimm geworden, dass alles rausgeholt werden musste. Auch das neue Kreuzband.

Das ist derzeit der Stand der Dinge. Ich bin frisch aus dem Krankenhaus entlassen worden, habe kein Kreuzband mehr. Eine weitere OP will ich nicht in Kauf nehmen, weil sie dann auch das zweite Knie aufschneiden müssten, um von dort Material für das Kreuzband zu nehmen. Was, wenn ich auch mein zweites Knie verliere?

Ich will auch einfach nicht mehr.

Ich trage eine Orthese, die stützt das Knie, damit ich nicht umknicke. Dann hoffe ich, dass die Reha dazu führt, dass ich meinem Beruf weiter nachgehen kann. Leider zögert sich die Reha auch schon wieder hinaus, weil immer noch Entzündungswerte in meinem Knie vorhanden sind.

Sicher ist aber, dass ich nie mehr zum SEK kann. Selbst wenn ich wieder ganz gesund werde, bin ich jetzt über die Altersgrenze hinaus.

 

Der Täter kam wegen seines Angriffs auf mich ziemlich schnell vor Gericht, schon drei oder vier Monate später. So einen Richter habe ich auch noch nie erlebt. Der war sowieso sauer auf den Täter, weil der erst nach zwei Vorladungen überhaupt erschien. Einen Anwalt hatte er nicht dabei. Drei Kollegen und ich wurden vorgeladen . Wir standen draußen vorm Gerichtssaal und warteten auf unsere Aussagen. Durch die Tür konnten wir hören, wie der Richter den Täter so richtig zusammengeschissen hat.

Letztlich wurde ich gar nicht viel gefragt. Der Richter kannte das Video der Beweissicherung und hat mich deswegen nur über meine Verletzungen befragt. Das Video war einfach zu eindeutig.

So etwas wie Reue zeigte der Täter nicht.

„Wie kann denn von so einem Tritt ein Knie kaputt gehen?“

Dabei blieb er. Uneinsichtig.

Jedenfalls bekam er zehn Monate auf zweieinhalb Jahre Bewährung und musste 500 Euro Schmerzensgeld an mich zahlen in Raten à 50 Euro. Nach vier Monaten wunderte ich mich ein bisschen, denn die Zahlungen blieben aus. Ich rief bei der zuständigen Stelle an, um mich danach zu erkundigen. Da erfuhr ich, dass er wegen eines weiteren Widerstandes gegen einen Kollegen nun in Haft saß und die zehn Monate würde absitzen müssen. Da konnte er natürlich nicht zahlen.

Mein Traum vom SEK ist für immer geplatzt. Es kann sein, auch wenn ich das derzeit noch nicht glaube, dass ich bald Frühpensionär sein werde. Mit Mitte 30. Ich hoffe auf die Reha, aber man weiß es halt nicht. Ich muss zugeben, dass ich vor der Geburt meiner Tochter ziemlich depressiv war. Seit sie da ist, sehe ich wieder einen Sinn.

Mittlerweile habe ich entschieden, den Täter noch einmal auf Schmerzensgeld zu verklagen. Schließlich hat sich die Lage für mich seit damals drastisch verändert. Mein Anwalt hat den Täter deswegen angeschrieben. Der hat nicht mal geantwortet.

Immerhin sitze ich finanziell derzeit nicht in der Klemme, weil alle hier beschriebenen Dienstunfälle als Folgen dieses Angriffs auf mich gewertet wurden. Insofern kann ich über meinen Dienstherrn nicht meckern.

Allerdings hätte es mir schon ganz gut getan, wenn ich im Krankenhaus mal einen Anruf bekommen hätte oder eine Frage, wie es mir geht. Außer meiner Frau und unserer Tochter bekam ich keinen Besuch.

Ich werde keinen dieser Tage je vergessen. Jedes Datum jeder Verletzung und jeder OP kann ich auf den Tag genau sagen. Ich habe noch mit niemandem außerhalb der Polizei darüber geredet. Über mich oder vergleichbare Fälle wird von der Presse nie berichtet. Wen interessiert es also, dass ich schwer verletzt wurde und meine Träume begraben muss oder dass mein Berufsleben vielleicht schon vorbei ist. Aber wehe, ein Polizist muss aus Notwehr zur Waffe greifen und schießen. Die Angreifer können sich breiter Aufmerksamkeit und größten Mitleids erfreuen. Es ist echt zum Kotzen…

So ist das eben. Wir sind nur eine Nummer…

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(1) Adler = Körperhaltung, in der jemand breitbeinig und mit ausgebreiteten Armen vor einer Wand (Gesicht zur Wand) oder einem Mannschaftswagen steht, um z. B. durchsucht zu werden. Aus dieser Haltung kann man nicht so leicht schlagen oder treten.