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Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ein Besuch bei unseren Nachbarn

„Denen sitzt der Schlagstock / die Schusswaffe lockerer als bei uns.“

„Die sind deutlich härter als unsere Polizisten.“

Solche Sätze höre ich immer wieder, wenn es um die französische Polizei geht. Spannenderweise höre ich seit Jahren entsprechende Töne in Frankreich, wenn es um die deutsche Polizei geht. Übrigens in beiden Fällen auch von Polizisten.

Dabei sind die Unterschiede gar nicht mal so groß – Frankreich und Deutschland sind beides Demokratien mit einer rechtstaatlich verfassten Polizei.

Ja, es ist korrekt, dass es in Frankreich keine eigene Vokabel für „Körperverletzung im Amt“ gibt. Das heißt aber deswegen noch lange nicht, dass Polizisten dort alles dürfen. Sie werden dann eben wie jeder andere Bürger auch wegen „coups et blessures volontaires“ (vorsätzliche Schläge und Verletzungen, also Körperverletzung) zur Verantwortung gezogen.

Ich bekam auch schon die These zu hören, gegen französische Polizisten würde nach Schusswaffengebräuchen kein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Natürlich passiert das. Allerdings haben sie keine Ermächtigungsgrundlage dafür, die den bundesdeutschen Polizeigesetzen vergleichbar wäre. Sie haben ein Notwehrrecht, dass bis Januar 2017 im Umfang sogar unter dem der deutschen Polizeibeamten lag. Es wurde allerdings mittlerweile sinnvollerweise an das der Gendarmerie angepasst und ist damit der deutschen Rechtslage recht ähnlich geworden.

 

Wer regelmäßig meinen Blog liest, weiß, dass ich Frankreich als meine zweite Heimat betrachte. Deswegen freut es mich auch immer, wenn ich nicht nur dort sein darf, sondern auch mit französischen Polizistinnen und Polizisten ins Gespräch komme. Während ich mich zu einem Kurzaufenthalt in Paris aufhielt, fand der Anschlag auf den BVB-Bus statt, bei dem auch ein Polizist verletzt wurde. Dazu twitterte die Police Nationale 67, also des Départements Bas-Rhin rund um Straßburg – Elsass:

 

 

Das gefiel mir so gut, dass ich über die Nachrichtenfunktion von Twitter Kontakt zum Absender des Tweets aufnahm.

 

Keine Woche später, am 18. April 2017 war ich dann in Straßburg und stellte fest, dass es dort Hotels für bekennende Polizistenfreundinnen gibt. 😉

 

 

Vor diesem Kommissariat eine lange Schlange (im Bild hinter der Hecke wegen der Persönlichkeitsreche der Wartenden). Entsprechende Schlangen sind mir auch schon in Paris vor den Dienststellen aufgefallen.

Am 23. April 2017 fand in Frankreich der erste Wahlgang für die Präsidentschaftswahlen statt. Wenn man sich aus irgend einem Grund nicht persönlich zum Wahllokal begeben kann, kann man sich entweder für Briefwahl entscheiden oder aber auch für die Wahl „par procuration“. Man gibt jemandem eine Wahlvollmacht, der dann in Vertretung die Wahl vornimmt. Für das Ausstellen dieser „procuration“ ist die Polizei zuständig. Man kann sich über den Sinn dieser Zuständigkeit streiten, denn über viele Tage waren damit in sämtlichen Polizeidienststellen einige Kräfte gebunden. Gerade in der aktuellen Lage wäre da aus meiner Sicht eine Alternativlösung mehr als angebracht. Für mich persönlich war allerdings auch erstaunlich, wie viele Menschen ernstlich einen Stellvertreter in die Wahlkabine schicken. Das setzt für mich ein sehr großes Vertrauen voraus, dass der Vertreter wirklich das wählt, was man selbst wählen würde.

 

 

Ich rief meinen Gesprächspartner an und wurde abgeholt. Joël, so heißt er, ist verantwortlich für die Kommunikation der Police Nationale in Straßburg. Er interviewte mich nach einer freundlichen Begrüßung für einen Artikel im Intranet der Police Nationale. Dabei hatte ich das Gefühl, noch mal ein wenig auf den Zahn gefühlt zu bekommen. Gut so, denn in heutigen Zeiten kann die Polizei nicht vorsichtig genug sein. Zu viele Extremisten jeglicher Couleur, die sich über erstaunlich lange Zeiträume gut verstellen können.

Dann bekam ich eine Führung durchs Haus. Zuerst besichtigten wir die Einsatzleitzentrale. Wie bei uns laufen dort die Notrufe auf, werden direkt ins System eingegeben und den eingesetzten Polizeibeamten zur Weiterbearbeitung zugeleitet. Auf dem Fernseher lief gerade BFM-TV. „Das ist doch der Sender, der beim Einsatz am 9. Januar 2015 im HyperCacher mehr wusste als die Polizei?“ (Der Geiselnehmer hatte den Sender angerufen, der dann seinerseits zum Leidwesen der Einsatzleiter alles an Informationen rausknallte, was er von dem Mann bekam…)

 

Damit ersparte ich Joël schon mal die halbe Erklärung. Die Medien sind heutzutage so schnell, dass die Einsatzmaßnahmen schneller anlaufen können, wenn man weiß, was in der Welt vorgeht. Auch deutsche Einsatzleitzentralen haben einen Fernseher, aus dem gleichen Grund.

Ein augenfälliger Unterschied ist hingegen hinter mir zu sehen. Straßburg ist mit insgesamt 600 Überwachungskameras ausgestattet. Die Aufnahmen von acht von diesen werden direkt in die Einsatzleitzentrale geleitet.

Diese 600 Kameras werden von Mitarbeitern der Stadt Straßburg bedient. Die entscheiden auch, was für die Polizei wichtig sein könnte und welche Bilder auf diesem Bildschirm landen. Allerdings kann die Polizei jederzeit dort anrufen, und um bestimmte Bilder bitten bzw. um einen Zoom auf entsprechende Ereignisse. Joël versicherte mir, dass die Zusammenarbeit mit diesen Kollegen, wie er sie sympathischerweise nennt, sehr gut klappt.

Übrigens legt sich ein automatischer Grauschleier über den Teil des Bildes, der ein Fenster oder eine Glastür abbildet, wenn die Kamera Gebäude streift. Auch in Frankreich darf ausschließlich öffentlicher Grund überwacht werden.

 

Anschließend bekam ich den Fuhrpark gezeigt. Wenig überraschend, die Motorräder sind Maschinen von BMW. Ich wüsste gar nicht, wer neben BMW noch Motorräder für Sicherheitskräfte herstellt.

 

Die KFZ hingegen sind französische Fabrikate. Dabei war ein Modell besonders auffällig. Im Blaulichtbalken befinden sich insgesamt acht Kameras, die bei einer Streifenfahrt ununterbrochen die Nummernschilder der Fahrzeuge abtasten, denen der Streifenwagen begegnet. Ist ein KFZ-Kennzeichen als gestohlen gemeldet, geht automatisch eine Meldung an das Streifenteam, der Wagen kann also sofort einer Kontrolle unterzogen werden. Dieses Modell ist übrigens gerade nicht im Bild. Mein Daumen hoch im Foto bezieht sich auf meine Sympathie für französische Ordnungskräfte.

Vermutlich bekommen jetzt so einige Datenschützer Ausschlag. Allerdings kann ich sie beruhigen. Auch die französische Polizei hat bei weitem nicht das notwendige Personal, das man für eine lückenlose Überwachung braucht. Ich empfehle dazu die Lektüre des Buches von Egbert Bülles (Deutschland, Verbrecherland? Mein Einsatz gegen die organisierte Kriminalität), einem ehemaligen Kölner Staatsanwalt. In einem Kapitel beschreibt er den Kräfteansatz, den es brauchte, um einen Schwerverbrecher rund um die Uhr zu überwachen. Rechnet man das hoch, weiß man, dass die Polizei diese Überwachung schon personell gar nicht leisten kann.

 

Insgesamt hat mir der Besuch sehr gut gefallen. Ich freue mich, dass die Arbeit von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. auch bei unseren Nachbarn auffällt und ankommt.

 

 

Bei Joël handelt es sich übrigens um einen Franzosen, dessen Sympathien für Deutschland den meinen für Frankreich durchaus ähneln. Er hat auch für die gemeinsamen Fahrradstreifen zwischen Straßburg und Kehl folgendes Logo entwickelt:

 

 

Im Grund könnte mit diesem schönen Zeichen gutnachbarschaftlicher Beziehungen der Artikel enden, wenn nicht zwei Tage nach meinem Besuch auf den Champs-Elysées ein Anschlag auf Polizisten verübt worden wäre. Der Täter eröffnete das Feuer auf einen Mannschaftwagen der Polizei. Ein Polizist, Xavier Jugelé, starb mit gerade mal 37 Jahren. Zwei weitere Beamte wurden verletzt, ebenso eine deutsche Touristin.

 

(Heute Abend blutet das Herz der Polizisten. Es gibt keine Worte, um unseren Schmerz zu beschreiben. Unsere Gedanken gehören allen Opfern und jenen, die ihnen nahestehen.)

 

Nicht nur in den sozialen Netzwerken wurde dieser Vorfall missbraucht, um auf dem Rücken der Opfer weiterhin Hass zu schüren… und damit genau das getan, was Ziel der Terroristen ist.

Ich hoffe, dass dieser Erstkontakt zwischen Joël und mir, der Police Nationale und Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dazu beiträgt, Gräben der Vergangenheit gar nicht erst wieder aufkommen zu lassen oder auch bestehende Gräben zu schließen – zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen Polizisten und Nichtpolizisten… Mich persönlich erfüllen jedenfalls die Gräben, die sich derzeit an allen Ecken und Enden auftun, mit Sorge und mit Traurigkeit. Dagegen werde ich mich stemmen, wo ich kann.

 

Allgemein Polizistenstimmen

Fast wie daheim – und doch anders / Wasserstandsmeldung aus meiner zweiten Heimat

Heute vor fünf Tagen: Ich sitze in einem meiner Lieblingscafés an der Place de la République. Eigentlich ist alles wie immer. Alle paar Minuten fliegt ein Polizeiauto, zwischendurch auch mal in zivil, mit Blaulicht und Martinshorn an mir vorbei. Je nach Verkehrslage versuchen sie auch nur, zu fliegen, kommen aber lediglich im Schneckentempo voran.

Einmal sehe ich, wie drei Wagen von Pariser Bürgern über eine rote Ampel fahren, um das Einsatzfahrzeug durchzulassen. Manchmal klappt’s. Sogar in der Stadt des nahezu unendlichen Verkehrschaos.

Manchmal klappt es auch nicht, so wie hier. Leider sieht man auf dem Bild nicht, warum sie nicht auf der Gegenspur überholen konnten. Jedenfalls ging es nicht und nach vorne rührte sich nichts.

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Symbolfoto

Ähnliches spielte sich vor meinen Augen am Arc de Triomphe ab, wo ich dann kurz darauf zwei Polizisten in einem Streifenwagen einen aus deutscher Sicht recht gewagten Spurwechsel über acht Spuren vornehmen sah, beide über das ganze Gesicht grinsend. Vermutlich ein gewisses Amüsement über überforderte Touristen, die sich leichtsinnigerweise in diesen Kreisverkehr gewagt haben. Gewagte Spurwechsel kann man öfter und auch an anderen Stellen beobachten. Wer braucht auch Spuren?

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Symbolfoto

Alles wie immer?

Nicht wirklich.

In der Pariser Polizei, in der französischen Polizei insgesamt, rumort es gewaltig.

Auch wenn es vordergründig nicht erkennbar ist – die Pariser Polizei befindet sich im Bummelstreik. Dienst nach Vorschrift. Sie machen, was sie sollen. Mehr aber auch nicht.

Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhängt, dass an neuralgischen Punkten wie rund um den Eiffelturm keine merkbare Polizeipräsenz vorhanden war. Ja, der Ausnahmezustand wurde heruntergefahren, weil er schlicht auch nicht mehr durchhaltbar war. Aber dennoch gibt es nach wie vor die Bedrohung durch Terror. Die gab es auch schon 2013, lange vor dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Seitdem waren gerade dort immer reihenweise Mannschaftswagen von CRS und Polizei zu finden.

Wie auch immer, mir ist nicht bekannt, dass irgendein Notfall nicht abgearbeitet wurde, insofern hat der Dienst nach Vorschrift (noch) keine allzu negativen Folgen. Ich vermute, dass Verkehrsdelikte einfach gepflegt übersehen werden.

Der Anlass für den Bummelstreik ist die steigende Gewalt gegen Polizisten in Zeiten nahezu unerträglicher Arbeitsbedingungen.

„Nun gut“, werden mir jetzt sicherlich einige entgegenhalten. „Die französische Polizei ist aber auch nicht gerade für Zimperlichkeit bekannt.“ Soll heißen, dass sie schneller und härter zuschlägt als unsere…

Lustigerweise glauben Franzosen genau dasselbe von der deutschen Polizei. Interessant, oder?

Ja, es gibt sie, die französischen Polizisten, die überziehen. Gegen diese wird sofort ein Verfahren der IGPN (Inspection générale de la Police Nationale, Interne Ermittlungsabteilung) eröffnet und natürlich auch ein Strafverfahren. Beispielhaft kann man das nachlesen im Fall des Professors der Sorbonne, der Polizisten beschuldigt, am 22.9.2016 von ihnen bedroht, auf sexueller Basis beleidigt und gewalttätig behandelt worden zu sein. Er hatte zuvor die Festnahme einer Frau am Bahnhof seiner Heimatstadt Saint-Denis (Vorort von Paris) gefilmt. Ebenso läuft ein Verfahren, nachdem ein Student in Rennes im Rahmen einer Demonstration durch ein Gummigeschoss sein Auge verlor. In diesem Fall haben die Eltern des Studenten bei der IGPN Anzeige erstattet. Ende Mai wurde ein Polizist zu zwei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, nachdem er in Caen einen Demonstranten geschlagen hatte.

Es kursiert hierzulande sogar das Gerücht, dass französische Polizisten sich nach Schusswaffengebräuchen auf Menschen keinem juristischen Verfahren stellen müssten. Das ist nachweislich falsch, wie man nicht nur an diesem Beispiel erkennen kann: In Lille kam es durch zwei Sondereinheiten zu einem Einsatz im Drogenmilieu, bei dem ein Mann durch eine Polizeikugel starb. Im letzten Absatz des hier verlinkten Artikels wird die Einleitung des Verfahrens erwähnt.

Ja, es gibt auch interkulturelle Unterschiede. Zumindest vor 20 Jahren gingen sie bei rot über die Ampel. Macht in Frankreich aber jeder. Die Regel lautet, dass man dann über die Ampel geht, wenn gerade kein Auto kommt. Die Tatsache, dass man als Fußgänger grün hat, bedeutet nämlich nicht zwingend, dass man gefahrlos über die Straße gehen kann. Wer das nicht glaubt, kann ja mal zur Stoßzeit die Champs Elysées in ihrer ganzen Länge vom Arc de Triomphe bis hinunter zur Place Concorde gehen und dabei die vielen kleinen Querstraßen überwinden. Viel Spaß dabei!

Gelegentlich parken sie auch sehr… äh… im Pariser Stil, aber manchmal hat man in Paris auch keine Wahl. Nicht mal vor seiner eigenen Dienststelle.

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Symbolfoto

Nichtsdestotrotz kann für mich kein Zweifel daran bestehen, dass die französische Polizei genau so demokratisch legitimiert und rechtsstaatlich verfasst ist, wie unsere. Und deshalb gehört der Polizei meiner zweiten Heimat mein Herz nicht minder als der deutschen. Ich würde beiden Polizeien bedenkenlos mein Leben anvertrauen.

Nun ist der Trend ähnlich wie bei uns. Wegen der Terroranschläge der letzten Monate schätze ich die Überstundenlage in Frankreich als noch angespannter ein. Auf die maximale Terrorwarnstufe wurde dann noch die EM draufgepackt. In der ersten Jahreshälfte ging es ununterbrochen rund wegen einer Arbeitsmarktreform, die auf breiten Widerstand in der Bevölkerung stieß und fast täglich Massendemonstrationen auslöste. Seit einigen Tagen sind auch wieder die Ultrakonservativen gegen die Homo-Ehe auf der Straße. Bis jetzt haben sie aber noch nicht ihr Niveau von 2013 erreicht, als sie ganze Straßenzüge gekonnt in Schutt und Asche legten. Viel gekonnter entglasen die Linksaußen auch keine Schaufenster und Bushaltestellen. Ich weiß schon, warum ich keine politische Richtung für besser halte als die andere.

Viele Polizisten kamen über Monate nicht aus den Uniformstiefeln. Nicht erst seit der Terrorbedrohung ist die Polizei mit deutlich zu wenig Personal ausgestattet. Sie arbeiten mit teilweise unsäglichem Material, ich habe da schon Mannschaftswagen gesehen, in denen die Sitzbezüge in Fetzen herunterhingen. Dieser Mannschaftswagen ist noch einer der schöneren:

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Symbolfoto

Obwohl man in der Bevölkerung sehr viele positive Stimmen zur Polizei hört, fühlen sie sich ungeliebt und gehasst, weil auch Frankreichs Lobkultur miserabel ist. In meinem Bekanntenkreis dort höre ich fast nur Lob über die französische Polizei, aber meine Versuche, klarzumachen, dass ich der falsche Adressat für diese Äußerungen bin, schlagen regelmäßig fehl.

Schon letzten Februar hat mir ein Polizist der CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité, kasernierte Bereitschaftspolizei), der eigentlich aus Toulouse stammte und dort arbeitete, erzählt, dass er nun seit sechs Monaten in Paris stationiert sei und eigentlich nur noch nach Hause zu seiner Familie wolle. Aber das Schlimmste sei, dass er nur noch beleidigt und beschimpft werde. Als er hörte, dass ich einen Verein gegründet habe, der sich hinter deutsche Polizisten stellt, wollte er schon einen Versetzungsantrag nach Deutschland schreiben. Da Deutschland bei Franzosen, insbesondere bei Südfranzosen, im Allgemeinen als Urlaubsziel nicht die alleroberste Priorität hat, illustriert diese Aussage seine Gefühlslage recht eindrucksvoll.

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Symbolfoto

Seit Monaten werden Frankreichs Polizisten mit unfassbaren Gewaltakten überzogen. Bis jetzt wurden in 2016 wurden im Schnitt monatlich 500 Polizisten verletzt, das ist eine Steigerung zum Vorjahr von 14%. Insgesamt hat die Police Nationale 150.000 Mitarbeiter, die natürlich nicht alle auf der Straße arbeiten. Ich habe keinen direkten Vergleich, weil mir die Zahlen der verletzten Polizeibeamten bundesweit für diesen Zeitraum nicht vorliegen. Im Prinzip ist es auch wurscht, wo jetzt genau es schlimmer ist. Ich kann in beiden Fällen nachvollziehen, dass für die Betroffenen eine Grenze erreicht ist, und  dass auch die Polizisten in Paris „ras le bol“ haben, also die Schnauze voll. Gestrichen voll.

Ende April 2016: Bei Demonstrationen gegen die Arbeitsmarktreform wurden 78 Polizisten verletzt.

03.05.2016: Bei Demonstrationen gegen die Arbeitsmarktreform in Nantes werden 7 Polizisten verletzt.

18.05.2016: Frankreichweit demonstrierten Polizisten gegen den Hass, der ihnen entgegenschlägt. In Paris wurden durch Gegendemonstranten zwei von ihnen verletzt.

02.07.2016: Bei Demonstrationen gegen die Arbeitsmarktreform in Toulouse werden 8 Polizisten verletzt.

14.07.2016: Unter dem Eindruck des Anschlags von Nizza unbemerkt geblieben ist ein Polizist, der in Villiers-le-Bel bei Paris bei einem Einsatz wegen Ausschreitungen und brennenden Autos verletzt wurde.

15.09.2016: Bei Demonstrationen gegen die Arbeitsmarktreform wurden 15 Polizisten und Gendarmen verletzt.

Das sind nur wenige Beispiele, was sich in Frankreich in den letzten Monaten abgespielt hat, ausgewählt nach dem Zufallsprinzip bzw. danach, was Google so auswirft, wenn man entsprechende Suchworte eingibt.

 

Seinen Höhepunkt fand diese Welle der Gewalt am 8. Oktober. In Viry-Châtillon nicht weit von Paris befanden sich zwei Streifenwagen bei der Verkehrsüberwachung an einer Kreuzung. Plötzlich tauchten etwa 15 Leute auf, schlugen die Scheiben der Polizeifahrzeuge ein und warfen Molotow-Cocktails hinein. Sie versuchten, die darin befindlichen Polizisten mit Faustschlägen vom Aussteigen abzuhalten.

Vincent, 28 Jahre alt, adjoint de sécurité (einer der Hilfspolizisten, die im Nachgang zu den Terroranschlägen vom 13. November innerhalb von drei Monaten ausgebildet und eingestellt wurden), erlitt Verbrennungen auf 25% seiner Haut, insbesondere an Gesicht und Händen. Seine Streifenpartnerin Jenny, 38 Jahre alt, brigadiére (in etwa Polizeiobermeisterin), erlitt zu 15% Verbrennungen in Gesicht und Händen. Die beiden Polizeibeamten in dem anderen Auto kamen mit leichten Verletzungen und Schock davon.

Vincent lag bis gestern im künstlichen Koma, er befindet sich glücklicherweise auf dem Weg der Besserung. Im Moment wird davon ausgegangen, dass er in etwa einem Jahr erst wieder dienstfähig sein wird. Jenny konnte das Krankenhaus mittlerweile verlassen. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie aus dem brennenden Auto herauskam. Beide wurden im Hôpital Saint Louis in Paris behandelt, Vincent befindet sich weiterhin dort.

 

An diesem Punkt war für die Pariser Polizisten Schluss mit lustig. Seit Montag (16.10.) gehen sie nun jede Nacht auf die Straße. Unangemeldet. Sie überraschten damit sogar die Polizeigewerkschaften. Es begann auf den Champs-Elysées. Etwa 500 Polizisten versammelten sich dort, teilweise in Uniform und mit ihren Dienstwagen, um den Verkehr zu stören.

Dienstagmorgen erklärte der Generaldirektor der Police Nationale, dass er entsprechende Verfahren bei der IGPN eingeleitet habe, da er das Verhalten seiner Leute „inakzeptabel“ findet.

In der folgenden Nacht von Dienstag auf Mittwoch versammelten sich wieder um die 500 Polizisten vor dem Krankenhaus, in dem Jenny und Vincent lagen, sangen dort die Marseillaise und zogen weiter zu den Champs-Elysées. Auch in Nizza und Marseille gingen Polizisten auf die Straße. In Evry bei Paris versammelten sich 400 Polizisten vor ihrem Kommissariat.

Mittwochmorgen schafften es diese Polizisten auf das Titelblatt des Figaro. Es kursierte das Gerücht, diese Demonstrationen seien vom Front National, der rechtsextremen Partei, angezettelt worden. Freitag gab das Innenministerium bekannt, dass es für diesen Vorwurf keinerlei Belege gäbe.

Deeskalierend wirkte dieses Gerücht nicht, denn jetzt wurden einige Polizisten noch saurer. Ja, auch in Frankreich versuchen sich Ultrarechte an die Polizei heranzuwanzen und auch in Frankreich fällt ihr süßes Gift bei dem einen oder anderen auf fruchtbaren Boden. Doch auch in Frankreich lässt sich die Mehrheit der Polizisten glücklicherweise nicht einwickeln. Um die Nase voll zu haben, braucht es den FN wahrlich nicht…

Der Innenminister Cazeneuve empfing am Nachmittag Vertreter der drei führenden Polizeigewerkschaften. Er sagt, dass er nicht in einen Teufelskreis aus Sanktionen eintreten möchte, aber doch an Prinzipien erinnern möchte.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag versammelten sich etwa 300 Polizisten an der Place de la République. Anhänger der Antifa versuchten, diese Versammlung zu stören, wurden aber von einer Gendarmerie-Einheit des Platzes verwiesen. Von dort begaben sich die Polizisten wieder zum Hôpital Saint Louis und schließlich zu den Champs-Elysées. Als sie zum Innenministerium gehen wollten, wurden sie von besagter Gendarmerie-Einheit aufgehalten. Wieder fanden sich auch in Nizza und Marseille Polizisten zusammen. Polizisten in Toulon, Tours, Bordeaux, Le Mans, Toulouse, Nancy und Montbéliard taten es ihnen gleich. Einer von ihnen fasste die Situation so zusammen: „Man verspricht uns Autos mit Sicherheitsglas, während wir noch nicht mal Klopapier haben.“

In Paris fuhren Taxifahrer die demonstrierenden Polizisten kostenlos nach Hause.

Donnerstagmorgen waren diese Demonstrationen Thema auf den Titelseiten von Le Monde und Libération.

Donnerstagabend ging es weiter. In Paris 400 Polizeibeamte am Trocadéro, die sich dann zu den Champs-Elysées bewegten, in Marseille, Grenoble, Colmar (hier auch Feuerwehrleute), Lyon, Reims, Bordeaux, sogar im Überseedépartment Guyane versammeln sich Polizisten in der Hauptstadt Cayenne.

Wieder fuhren die Taixfahrer die demonstrierenden Polizisten kostenlos nach Hause.

Freitagmorgen waren sie nicht mehr Titelthema der Presse, was sich schlagartig änderte, nachdem der Staatspräsident zusagte, Montag Vertreter der drei führenden Polizeigewerkschaften zu empfangen.

Der Generaldirektor der Polizei, Jean-Marc Falcone, äußerte, dass er sich die Frage nach seinem Rücktritt nicht stelle, er habe nicht schlecht gearbeitet.

In der Nacht auf Samstag versammelten sich 200 bis 300 Polizisten vor Notre Dame, von wo aus sie zum Rathaus der Stadt Paris zogen. Wieder taten es ihnen Polizisten in anderen Städten gleich.

In der Nacht auf Sonntag (heute) versammelten sich Polizisten auf der Place de la République und zogen von dort zum Hôpital Saint Louis, wo sie riefen „Vincent! On est là!“ (Vincent, wir sind da!).

Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht und was bei der ganzen Sache herauskommen wird.

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Um hier nicht missverstanden zu werden – das hier ist kein Aufruf an deutsche Polizisten, es ihren französischen Kollegen gleichzutun. Zum einen kenne ich mich viel zu wenig im Beamtenrecht aus, um beurteilen zu können, ob das rechtlich überhaupt möglich wäre und wie die Risiken für den einzelnen Beamten dabei sind. Zum anderen denke ich nicht, dass das unser Job als Verein von Bürgern, die hinter ihren Polizeibeamten stehen, ist, darüber zu befinden, ob und wann Polizisten so etwas tun sollten. Das müssen sie schon selbst entscheiden, oder die Gewerkschaften.

Zudem lässt sich meiner Meinung nach die Situation in Frankreich aus vielen Gründen nicht 1:1 auf die hiesige übertragen.

Ich habe lediglich die Situation beschrieben, wie sie sich in Frankreich für mich in der vergangenen Woche darstellte.

Übertragbar ist, dass hoffentlich in beiden Ländern bald flächendeckend die Erkenntnis Oberhand gewinnt, dass die Gewalt gegen Polizisten selbst das Problem ist und nicht die Menschen, die über diese Gewalt sprechen. Denn was die Polizeien beider Länder gemeinsam haben – sie stehen unter massivem Druck und repräsentieren gleichzeitig die Werte ihres jeweiligen Staates. Ein Staat, der etwas auf seine Werte hält, sollte also auch jene, die diese repräsentieren, angemessen ausstatten und sich klar und deutlich hinter sie stellen.

Übertragbar ist aber auch, dass wir Bürger nicht immer nur mit dem Finger auf andere (den ominösen Staat, die Regierung, die Justiz, die Politik…. Liste beliebig erweiterbar) zu zeigen brauchen, sondern dass jeder von uns bei sich selbst anfangen kann.

Erst vorgestern sagte ein französischer Polizist zu mir „Merci. Merci du fond de mon coeur.“ (Aus meinem tiefsten Herzen Danke.) nachdem ich ihm von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. erzählt hatte. Und das, obwohl er als Franzose gar nichts davon hat, weil wir nicht einmal genug Hände und Spenden haben, um die Sachlage in Deutschland zu wuppen. Ich antwortet ihm: „Merci à vous pour votre service.“ (Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz.) Seine beiden Kollegen und er strahlten im Kreis.

paris_polizist_klein_schriftSie wirken hart, die Pariser Polizisten. So hart, dass sogar ich als stramme halbfranzösische Polizistenfreundin mir selbst Mut machen muss, sie anzusprechen. Noch nicht einmal wurde ich jedoch unhöflich behandelt. Im Gegenteil, sobald sie verstehen, dass ich ihnen einfach nur mal danke sagen möchte, können sie eine Herzlichkeit an den Tag legen, die mich persönlich immer wieder von den Socken haut. Manche probieren sogar äußerst charmant akzentuiert ihr deutsch an mir aus. Was, wenn man weiß, wie die meisten Franzosen es im Regelfall mit Fremdsprachen halten, ein Zeichen äußerster Wertschätzung darstellt.

Das kann übrigens jeder von uns tun: Danke sagen. Dafür muss man nicht mal bis Paris fahren und französisch beherrschen.  Auch unsere bundesdeutschen Polizisten hören sehr gerne einen ernst gemeinten Dank. Ihre Reaktionen sind ebenfalls oft Herz erwärmend. Sagen wir es ihnen also so oft es irgend geht.  Am besten auch mal außerhalb der Sozialen Netzwerke. Ich jedenfalls habe für mich entschieden, weniger Zeit mit den Unerfreulichkeiten in den Sozialen Netzwerken zu verbringen und stattdessen noch häufiger Polizisten im realen Leben Danke zu sagen.

Danke! Danke für Euren täglichen Einsatz! Ich bin froh, dass es Euch gibt. Überall, wo ich zuhause bin.

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Allgemein Trauriges

#noussommesunis

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Allgemein

Mein Beitrag zur Klimaerwärmung in Paris

Meine Flucht nach Paris diente unter anderem dazu, mich dem Karneval zu entziehen. Wer Spaß dran hat, dem sei es gegönnt, aber mir war dieses Jahr so gar nicht danach.

Da ist es nur konsequent, dass ich mich vor Ort in eine riesige Menschenmenge gestellt und anderen Menschen in exotischen Kostümen bei einem Umzug durch die Stadt zugesehen habe… wp-monalisa icon

Die chinesische Gemeinde von Paris feierte ihr Neujahr in sehr beeindruckender Weise. Das hat wirklich Spaß gemacht. Mit der Anzahl meiner Fotos bin ich ganz knapp dreistellig geblieben…

Das Jahr des Drachen endete und das Jahr der Schlange begann. Fragt mich jetzt bitte nicht, ob das hier ein Drachen oder eine Schlange ist. Aber es sieht schon aus.
Das Jahr des Drachen endete und das Jahr der Schlange begann. Fragt mich jetzt bitte nicht, ob das hier ein Drachen oder eine Schlange ist. Aber es sieht schön aus.

An solchen Zuschauermassen kann der deutsche Karneval noch lange stricken… was wohl mit daran liegt, dass die Region Paris ganze 10 Millionen Einwohner hat und sich ja auch der eine oder andere Tourist dort aufzuhalten pflegt.

Natürlich waren neben den feiernden Chinesen und den Zuschauern auch eine Menge Polizisten im Einsatz. Teilweise aus anderen Gegenden von Frankreich (am Akzent erkennbar), so dass die armen Kerle sich nicht recht auskannten und schon mal von dem einen oder anderen kräftig angekackt wurden, weil sie nicht auf Anhieb detaillierteste Wegbeschreibungen zu jeder obskuren Ecke der Stadt liefern konnten. Dabei verwiesen sie doch auf die „motards“, also die Polizisten auf den lustigen kleinen Mopeds, von denen sie sicher sein konnten, dass diese sich in Paris auskennen würden.

Sag einer, die Polizei hätte keinen Plan...
Sag einer, die Polizei hätte keinen Plan…

Im Gegenzug blieben alle eingesetzten Polizisten freundlich und gelassen. Als an einer Ecke ein bisschen Chaos auszubrechen drohte, weil die Menge nicht so recht wusste, wohin, sprang sofort ein Pariser Polizist (ebenfalls am Akzent erkennbar) bei und regelte das ebenso zügig wie höflich.

Zum Ende des Umzugs fing es an zu schneeregnen. So ein fieser Niederschlag aus dicken nassen Flocken, der einen in Sekundenschnelle durchweicht und bis in die Knochen frieren lässt. Da kann man dann auch mal mitten in Paris mit einer wind- und wasserfesten Jacke in einem den französischen Vorstellungen von Chic diametral entgegenstehenden Schnitt (von der äußerst unfranzösischen Signalfarbe gar nicht zu reden) allgemein tiefen Neid erregen. wp-monalisa icon

Entweder gibt es in Frankreich keine speziellen Winteruniformjacken oder die Herren (es waren keine Damen da, zumindest nicht da, wo ich war) hatten die samt und sonders vergessen. Die hatten nicht mehr an als der Polizist auf dem Foto oben. Ganz schön verfroren sahen die Jungs aus… und klapperten buchstäblich mit den Zähnen.

Da dachte ich, ich lege mal auf das Lächeln, das ich eh meistens im Gesicht habe, noch eine Schaufel drauf. Wenigstens ein bisschen mentale Wärme abstrahlen.

Nun bin ich zwar nicht mehr in dem Alter, in dem französische Polizisten für mich den Verkehr auf einem vierspurigen Boulevard anhalten – aber gefreut haben sie sich doch. Das war ihnen anzusehen.

Keine Polizei. Steht ja auch dran. Aber man sieht ein bisschen das traumhafte Wetter. Diese beiden netten Gendarmen, die den Palais de Justice bewachen hatten übrigens nicht nur ein Dach, sondern auch eine Heizung (der rote Knopf, der hinter dem rechten Gendarm erkennbar ist). Sie versicherten glaubhaft, dass die auch nett warm halte....
Keine Polizei. Steht ja auch dran. Aber man sieht ein bisschen das traumhafte Wetter. Diese beiden netten Gendarmen, die den Palais de Justice bewachen, hatten übrigens nicht nur ein Dach, sondern auch eine Heizung (der rote Knopf, der hinter dem rechten Gendarm erkennbar ist). Sie versicherten glaubhaft, dass die auch nett warm halte….

 

Das mit dem Lächeln kann man übrigens auch in Deutschland probieren. Wahlweise auch in der Schweiz oder in Österreich. Ich spreche da aus Erfahrung.

Das ist nämlich kein Inventar, das in unzureichend wärmender Ausrüstung bei dem größten Schweinewetter in die Kälte gestellt wird, damit solche Veranstaltungen nicht aus dem Ruder laufen. Das sind auch keine staatlich geprüften Auskunfteien. Wenn sich einer mal nicht auskennt, weil er wegen eines Großereignisses von Gott weiß wo ausgeliehen wurde, ist das kein Grund, ihn anzuschnauzen. Das sind ganz normale Menschen, die sich auch freuen, wenn das zur Kenntnis genommen wird. Und sei das nur mit einem kleinen, warmen Lächeln zum richtigen, saukalten, Zeitpunkt.

Paris, 10.02.2013

Allgemein

Déformation professionelle – Berufskrankheit

Manchmal wird dieser Begriff als Waffe verwendet. „Ist ja klar, dass du das so siehst. Berufskrankheit.“ Damit unterstellt man dem Gegenüber schon mal, dass seine derzeitige Meinung nicht das Produkt eines selbstständigen Denkprozesses ist, sondern irgendwie aus einem dumpfen Reflex resultiert. So sind in derartigen Weltbildern Lehrer prinzipiell besserwisserische Klugscheißer und Polizisten durch die Bank krankhaft misstrauisch.

Nun kenne ich durchaus Lehrer und Polizisten, auf die diese Urteile zutreffen, aber eben nicht alle. Was mich angeht, so weiß ich in dem Moment, in dem mir im Zuge einer Argumentation eine Berufskrankheit unterstellt wird, dass meinem Gegenüber die Argumente ausgegangen sind. Auch eine Aussage…

Manchmal hingegen geht es um einen eher liebenswerten Hinweis auf Schwächen. Davon habe ich einige. Ob ich die wegen meines Berufes habe oder schlicht, weil ich als Mensch so furchtbar unperfekt bin, lasse ich mal dahingestellt. Jedenfalls versuche ich zu vermeiden, Gewohnheiten einreißen zu lassen.

Klappt nur nicht immer…

Ja, bei der Vorsitzenden von „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ haben sich gewisse Reflexe eingeschlichen, die mittlerweile sehr fest sitzen. Die funktionieren sogar auf französisch…

Vor fast 20 Jahren hatte ich das große Vergnügen, für einige Zeit in Paris zu leben. Mein französischer Anteil hat seitdem permanent Heimweh und dem wollte ich spontan wieder Gelegenheit zu geben, sich zu Hause zu fühlen.

Ich weiß nicht, ob man mir ein gewisses Interesse am Thema „Polizei“ anmerkt, aber doch… ich habe da eines. Also schlug ich meiner Pariser Familie eine Besichtigung des „Musée de l’histoire de la préfecture de police de Paris“ (Museum der Geschichte der Pariser Polizeipräfektur) vor.

So kann man auch alteingesessene Pariser noch überraschen, dieses spezielle Museum war nämlich bis heute an meinen Leuten vollkommen vorbeigegangen.

Dazu sei am Rande bemerkt, dass ich auch in Frankreich nur gute Erfahrungen mit der Polizei gemacht habe. Mein persönliches Highlight ist die Geschichte dem Polizisten, der mir 50 Meter vor einer Ampel den Verkehr auf einem vierspurigen Boulevard angehalten hat. Damit ich mit meinen schmerzenden Füßen direkt in die Metro abtauchen konnte.

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Bevor sich jetzt jemand darüber aufregt – das ist ziemlich lange her. Quasi verjährt. Damals war ich noch jung und schön. Heutzutage würde er mir vermutlich freundlich erklären, wie man eine Fußgängerampel bedient. wp-monalisa icon

Außerdem verstehen die meisten Franzosen so etwas. Und die sollten immer noch selbst entscheiden dürfen, wann sie etwas als Willkür empfinden möchten und wann nicht.

Nun, jedenfalls fand meine Familie die Idee durchaus ein bisschen abgefahren, aber warum nicht? A., zu trockenen Sprüchen neigend, meinte zwar: „Paris ist wegen des Mali-Einsatzes sowieso voll von Polizei, da hast Du dann doch genug zu sehen.“ aber auch Pariser schauen sich gerne mal was Neues an.

Auf dem Weg zum Museum fragte M.: „Was machen wir denn, wenn wir das Museum nicht finden?“

Ich: „Wir könnten uns dann bei einem Polizisten erkundigen – wenn doch eh so viele davon da sind.“

Die Blicke…

Offenbar erschien mein Vorschlag ähnlich abwegig als hätte ich angeregt, den Mann im Mond zu befragen.

Da war sie dann. Meine „Berufskrankheit“! Eigentlich wollte ich Frankreich ja nicht auch noch abarbeiten, irgendwann muss ich auch mal Pause machen dürfen. Uneigentlich entfleuchte mir – mit leicht rebellischem Unterton – die Frage: „Was ist an der Idee so erstaunlich?“

„Oh, weißt du… Polizisten und Museum“, lautete die obskure Antwort.

„Pardon?“ wp-monalisa icon

Offenbar schien da ein unüberwindlicher Gegensatz angenommen zu werden. Nun gibt es sicherlich Polizisten, die sich nicht gern in Museen aufhalten. Was ich auch völlig legitim finde. Das ist ja das Schöne an einer freien Gesellschaft. Aber von vorneherein auszuschließen, dass Mitglieder dieser Berufsgruppe solche Einrichtungen auch nur betreten… Wieso? Weil sie eh nur unterbelichtete Haudraufs sind?

Die französische Sprache hat für solche Fälle eine schöne Redewendung. „On verra.“ Man wird sehen. Sehr höflich für: „Ich diskutiere das jetzt nicht mehr. Ich lasse sogar offen, dass du möglicherweise Recht hat – aber das sehen wir dann noch.“

Das besagte Museum befindet sich im Gebäude des 5. Polizeikommissariats. Dieses war nicht allzu schwer zu finden – immer den Schildern zum Kommissariat nach.

Mit Adresse... falls jemand interessiert ist. Es gibt aber verdammt viel zu lesen.
Mit Adresse… falls jemand interessiert ist. Es gibt aber verdammt viel zu lesen.

Und dann das Gebäude mit den vielen Polizeiautos davor.

Vor dem Kommissariat im 5. Arrondissement....
Vor dem Kommissariat im 5. Arrondissement….

Aber wie dann weiter? Während meine Familie noch etwas ratlos herumstand, hatte ich schon einen jungen Polizisten erblickt, der auf uns zukam.

„Kann ich helfen?“

Vermutlich waren wir nicht die ersten und würden auch nicht die letzten sein, die an dieser Stelle strandeten.

Mein Einsatz: „Wir suchen das Museum der Geschichte der Polizeipräfektur von Paris.“

Ein freundliches Lächeln.

„Dann folgen Sie mir bitte.“

Eine gewisse Überraschung machte sich in den Gesichtern meiner Familie breit.

Köstlich auch die etwas befremdeten Blicke als wir zu viert in einem (typisch Paris) viel zu kleinen Aufzug standen und er seinen Schlagstock in die Hand nahm. Die Alternative wäre gewesen, ihn im vorgesehenen Holster zu lassen und mir somit einen ordentlichen blauen Fleck zu zaubern… die Liftkabine war wirklich unvorstellbar eng. Ja, der Mann hat mitgedacht. (Wie hirnlose Schläger nun mal so sind, nicht wahr, liebe Polizistenhasser?)

Er begleitete uns bis vor den Eingang des Museums im dritten Stock des Kommissariates. (Übrigens auch typisch Paris, sich für gerade mal drei Stockwerke lieber in einen klaustrophobisch engen Aufzug zu zwängen als mal eben eine Treppe zu benutzen. Da ist man sich offensichtlich berufsgruppenübergreifend einig.) Dabei erzählte er uns ganz aufgeschlossen: „Das Museum ist übrigens super. Ich war da schon dreimal drin.“

Ihm war vermutlich unklar, dass mein sonniges Lächeln nicht ausschließlich seinen Ausführungen galt, sondern auch der Tatsache, dass er gerade in meinem Sinne Vorurteile zerstörte. Vom Feinsten. Besser hätte ich das auch nicht hingekriegt. Als hätte ich das so bestellt… wp-monalisa icon

Was ich an meiner Familie mag, ist, dass sie umdenken können und zwar zügig. Deswegen zeigte M. sich reumütig und gab zu, dass sie nur wegen des Besuchs aus Deutschland, meiner Wenigkeit, überhaupt von der Existenz dieser Sehenswürdigkeit erfahren hatten.

„Ah, Deutschland.“ Als hätte er das nicht schon lange an meinem breiten Akzent bemerkt.

Jedenfalls sagte er zum Abschied noch ganz nett: „Auf Wiedersehen.“ In deutsch. wp-monalisa icon

Das Museum war übrigens wirklich toll. Da hatte der junge Mann Recht gehabt. Und M. war total begeistert als sie beim Rausgehen auf einen weiteren Polizisten traf, der mit ihr sogar eine Fachdiskussion zu dem Thema anfing, ob das erst ganz frisch aufgetauchte Bildnis eines Kopfes zu dem von Courbet gemalten Torso passt oder eben nicht – derzeit in Frankreich unter Kunstliebhabern ein großes Thema.

Mission erfüllt.

Zwei Franzosen mehr, die jetzt wissen, dass in einer blauen Uniform durchaus Individuen stecken können.

Wenn wir irgendwann mal außerhalb des deutschen Sprachraums expandieren, weiß ich dann ja, wo ich die erste Dépendence gründe… ;-)

A., M. und ich hatten noch beim Abendessen (5 Gänge… mjam, mjam) ausgiebigen Gesprächsstoff aus dem Museum. Wir waren uns einig, dass wir wirklich Glück haben, in einem Zeitalter zu leben, in dem eine demokratisch verfasste und rechtsstaatlich handelnde Polizei mit doch recht ordentlich ausgebildeten Polizisten für unseren Schutz sorgt. Im Gegensatz zu den Zeiten, in denen die Polizei der ausführende Arm eines absolutistischen Herrschers war – da konnte man schon mal Pech haben, wenn man zu kritisch war. Oder in denen jeder in die Polizei eintreten durfte, der geradeauslaufen konnte, um die Ansprüche der neuesten durch gewaltsamen Umsturz entstandenen Regierung durchzusetzen. Da bekamen dann schon teilweise Individuen Macht in die Hände, die diese für ihre persönlichen kleinen Feldzüge nutzten.

Vielleicht sollten mal jene, die der Polizei eines demokratischen Landes heutzutage pausenlos Willkür und Repression vorwerfen, dieses Museum besuchen? Wenn man sich da mal in vergangenen Zeiten umschaut, wacht man vielleicht doch mal auf, in welcher Gegenwart man lebt?

Paris, 09.02.2013