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Allgemein Verein

Hambacher Forst und Gewalt gegen Polizisten

Symbolfoto: Menschen in Uniform

Da wir als gemeinnütziger Verein zur politischen Neutralität verpflichtet sind, hat sich der geschäftsführende Vorstand von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. bislang nur sehr eingeschränkt zu den Einsätzen im Hambacher Forst geäußert – in Form von Genesungswünschen für verletzte Polizeibeamte.

Wir waren der Ansicht, dass ja nun allmählich sattsam bekannt sei, wo wir stehen – als Verein, der sich hinter seine demokratisch legitimierte und rechtsstaatlich verfasste Polizei stellt – und dass ebenso sattsam bekannt sei, dass es uns in erster Linie um die in diesen Einsätzen verletzten Polizistinnen und Polizisten geht.

Nun ergab es sich aber, dass Äußerungen im Internet aufkamen, die sich zwar vordergründig auf die Seite der in diesem Einsatz verletzten Beamtinnen und Beamten stellten – aber gleichzeitig unterschwellig in Zweifel zogen, dass der Einsatz der Polizei Aachen rechtmäßig sei. Es wurde nach einer Einsatz“order“ gefragt.

Manche äußerten die These von der Unrechtmäßigkeit des Polizeieinsatzes auch ganz offen und untermauerten diese mit einem Verweis auf den am 28.11.2017 vom OVG Münster verhängten Rodungsstopp.

In diesem Zusammenhang sei im Übrigen deutlich gemacht, dass das OVG Münster mit diesen Stopp mitnichten die Rodung als solche als unrechtmäßig deklariert hat. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen Zwischenbeschluss, der bis Vorliegen eines finalen Beschlusses Gültigkeit hat. „Die Zwischenentscheidung sei zur Gewährleistung effektiven Rechtsschutzes angesichts der Komplexität des Sachverhalt und der sich stellenden Rechtsfragen sowie zur Vermeidung irreversibler Zustände erforderlich.“ (Pressemitteilung des OVG Münster vom 28.11.2017). Zudem hat es am 01.12.2017 dem BUND und der RWE Power AG einen Vergleichsvorschlag vorgelegt. Bis da also eine finale richterliche Entscheidung vorliegt, dürfte noch einiges an Zeit ins Land ziehen.

Auch hat der Rodungsstopp rückwirkend nicht den Polizeieinsatz unrechtmäßig gemacht, wie der eine oder andere es wohl gerne in einem ideologisch bedingten Schnellschusswunschgedanken gerne hätte.

 

Der Grund und Boden, auf dem diese Rodungen stattfinden, gehört seit 1978 der Rheinbraun AG, die seit Oktober 2003 durch Fusion in der RWE Power AG aufgegangen ist.

Egal, wie man nun zu den Rodungen speziell, zum Braunkohleabbau insgesamt und zur RWE Power AG als Unternehmen steht (in unserem Verein findet sich dazu ein ganzes Sammelsurium an Ansichten – und das ist auch gut so), so gibt es doch keinerlei rechtlichen Zweifel an der Eigenschaft der RWE Power AG als Eigentümerin des fraglichen Grund und Bodens. Zwar darf nicht jeder mit einem Grund und Boden machen, was er will (das ergibt sich auch aus dem Art. 14 Abs. 2 des GG – Eigentum verpflichtet). Da muss eine sorgfältige Interessenabwägung abfinden, daher der Rodungsstopp. Wer nun gewinnen wird – das werden wir sehen. Unbenommen davon darf aber jeder Eigentümer eines Grundstücks entscheiden, wer sich darauf aufhalten darf und wer nicht. Dabei ist es auch vollkommen wurscht, wie hoch oder niedrig die Sympathiewerte des Eigentümers des Grundstücks sind.

Hält sich jemand gegen den Willen der RWE Power AG dort auf, so ist das ein Hausfriedensbruch.

Verletzen dann auch noch einige der Personen, die sich auf diesem Grund und Boden aufhalten, Waldarbeiter, so sind das Körperverletzungsdelikte.

Körperverletzungen und Hausfriedensbruch finden sich beide im Strafgesetzbuch wieder (§§ 223 bis 231 StGB sowie §123 StGB), es handelt sich folgerichtig um Straftaten. Wer ist bei Straftaten zuständig? Korrekt! Die Polizei.

Der Einsatz der Polizei Aachen dort vor Ort war und ist also in keiner Weise juristisch anrüchig.

 

Ich habe grundsätzlich hohen Respekt vor Menschen, die sich engagieren und für andere einsetzen. Aber auch, wenn man glaubt, dass man mit seinen politischen Aktivitäten nur das Beste für die Welt erreichen möchte, so rechtfertigt das weder das Begehen von Straftaten noch das mehr oder minder unterschwellige Adressieren von Unterstellungen an die Polizei Aachen.

Ich distanziere mich im Namen des geschäftsführenden Vorstandes von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. ausdrücklich von derartigen Unterstellungen.

 

Den im Hambacher Fort bis hierher verletzten Polizistinnen und Polizisten wünschen wir herzlichst gute Besserung! Sollten dort weitere Einsätze vonnöten sein, so wünschen wir allen Einsatzkräften, dass sie aus diesen gesund wieder nach Hause kommen.

 

G. Minrath im Namen des Vorstandes von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Neuwieder Bullshit-Bingo

„Nur noch ein Stündchen“, sagte Aline und klang dabei auch ein bisschen müde.

„Joah“, sagte Stephan.

Ich auf meiner Rückbank hatte zu diesem Zeitpunkt deutliche Schwierigkeiten, die Augen aufzuhalten. Neuwied und Umgebung präsentierten sich nach einer durchschnittlich ereignisreichen Schicht sehr friedlich. Übermächtige Sehnsucht nach meinem Bett machte sich in mir breit. Ich hatte genug erlebt, um einen Artikel zu schreiben – von mir aus konnte jetzt gern das Schichtende in greifbare Nähe rücken.

Plötzlich knackte es noch mal im Funk:

„Fahrt mal zur folgenden Disko.“ (Es folgte eine Ortsangabe in der Innenstadt.) „Da hat es eine Erpressung gegeben, zwei Täter. Wo seid Ihr gerade?“

Zu weit weg. Zwei andere Streifen wurden vorgeschickt.

Aline warf die Sondersignale an, Stephan trat den Gashebel durch. Mit Blaulicht und Martinshorn brausten wir los. Mittlerweile braucht man mir das nicht zu erklären. Die fortgeschrittene Uhrzeit, eine Disko, eine Straftat – alles Zutaten, die man für eine hochaggressive Situation braucht – in die gerade mal zwei Streifen fuhren.

Symbolfoto

Meine Müdigkeit schlug um in wildes Pumpen von Adrenalin.

Über Funk hörten wir, wie die beiden anderen Streifenwagen eintrafen.

„Stephan, beeil dich“, rief Tobi aus dem Funk. Ganz klar unter Dampf.

Schluck.

Zum Glück waren wir fast da, Stephan hatte schon abgebremst.
„Wo sind die denn?“
Suchend sah er sich um.

„Da.“

Meine beiden Begleiter sprangen aus dem Wagen, rannten los, ich hinterher, in Richtung Menschenmenge.

Zwei Polizisten, Wolle und Niklas, hatten bereits einen Herrn auf der Motorhaube eines Streifenwagens abgelegt.

„Ich kann nicht atmen, ich kriege keine Luft“, schrie der laut. Übrigens derart ausgiebig, dass mit seiner Atmung ganz klar alles in bester Ordnung war. Im späteren Verlauf wurde er mit K. angesprochen. Fast über den gesamten Einsatz hinweg demonstrierte K. uns den hervorragenden Zustand seiner Atemorgane und Stimmbänder.

Den anderen Beamten, Tim, Lisa und Tobi, standen etwa 35 Personen gegenüber, die aufgebracht und teilweise aggressiv wirkten und auf die Beamten einredeten. Stephan begab sich zu den Kollegen, die der Menschenansammlung gegenüberstanden, Aline half Wolfgang und Niklas, da K. sich immer wieder mal wehrte.

Ich postierte mich in respektvollem Abstand zu den Beinen des jungen K., falls er nochmal auskeilen sollte. Möglichst nicht im Weg stehen, alles im Blick behalten, im Zweifel die Flucht ergreifen können. Natürlich weiß ich, dass die anwesenden Polizisten alles tun würden, um mich heil aus welcher Lage auch immer rauszubringen. Ich würde jedem einzelnen meiner bisherigen Streifenpartner mein Leben bedingungslos anvertrauen. Aber wenn ich es ihnen einfacher machen kann, indem sie gar nicht in die Lage kommen, mir den Allerwertesten retten zu müssen, finde ich persönlich das noch viel besser.

Aus der Menge kamen Rufe wie „Der hat doch gar nichts gemacht!“ und „Voll übertrieben!“

Schade, dass ich meine Bullshit-Bingo für Polizisten-Karte nicht dabei habe. Das wären schon mal zwei Haken!

Allerdings war mir nicht wirklich lustig zumute. Das waren etwa 35 Leute gegen sieben Polizisten. Mich selbst zähle ich ehrlichkeitshalber nicht dazu. Mein Trainingsstand ist im Vergleich zu dem der Beamten, mit denen ich unterwegs bin, nicht der Beste. Irgendetwas, womit ich im Zweifel zuschlagen konnte, war auch nicht in greifbarer Nähe.

Zwei Männer taten sich besonders hervor. Sie gingen aggressiv auf die Beamten zu.

„Bleiben Sie stehen!“

Diese Aufforderung erfolgte mehrmals.

„Nehmen Sie die Hände aus den Taschen.“

Stephan war unmissverständlich. Diese Ansage galt einem der beiden aggressiven Männer. (Wie ich später erfuhr, heißt er W.)

„Warum?“
Die Frage triefte nur so von Provokation.

Weil er es sagt? Und weil gerade keine Zeit und auch nicht ganz die richtige Situation ist, um Dir haarklein die Grundlagen der Eigensicherung zu erklären.

„Die Hände aus den Taschen.“
Stephan wiederholte seine Aufforderung.

Polizistinnen und Polizisten wissen nie, was ihr Gegenüber in den Taschen hat. Im schlimmsten Fall ein Messer oder eine Schusswaffe. Stephan und seine Kollegen wollten gesund an Leib und Seele nach Hause kommen – und das ist auch ihr verdammtes Recht!

Für den Bruchteil einer Sekunde nahm W. die Hände aus den Hosentaschen. Versenkte sie sofort wieder darin.

„Nehmen Sie die Hände aus den Taschen.“

W. ließ die Hände tief in den Hosentaschen.

„Dann geben Sie mir Ihre Personalien, Sie stören hier eine Amtshandlung.“

Nun wollte W. den Ort des Geschehens verlassen. Stephan griff nach ihm, W. schlug ihm gegen den Arm.

Mit einem Griff beförderte Stephan W. auf den Streifenwagen, dessen Motorhaube er sich nun brüderlich mit K. hätte teilen können.

Stattdessen leistete er heftigen Widerstand, keilte und schlug in alle Richtungen aus. Niklas sprang Stephan zu Hilfe.

Gemeinsam brachten sie W. zu Boden.

Im Gerangel ein heftiger Krach.

Ach du Sch****

Mein Adrenalinpegel stieg noch einmal an.

Später stellte sich heraus, dass durch die Gegenwehr von W. der Kotflügel des Streifenwagens eingebeult worden war.

Das Foto habe ich natürlich erst nach Schichtende gemacht. Es hätte sicherlich nicht deeskalierend gewirkt, wenn ich noch mit der Kamera durch den Einsatz gehüpft wäre.

W. wurden Handschellen angelegt.

Nahezu zeitgleich wurde der dritte im Bunde von Lisa und Tobi zu Boden gebracht.

„Wir brauchen Verstärkung für den Abtransport“, teilte Stephan über Funk mit. Das machte Sinn, in unserem Streifenwagen saßen drei Personen und wenn ich die Polizisten vor Ort durchzählte, war auch eine der anderen Streifen zu dritt eingerückt. Noch nie hatte sich einer der Menschen, die mit mir im selben Streifenwagen transportiert wurden, derart aggressiv gebärdet.

Tim nahm in der Zwischenzeit erste Personalien auf.

Eine blonde Frau rief: „Nun hör doch auf, dich zu wehren. Dann hört auch die Polizei auf. “

Mir war nicht klar, welchen der drei sie meinte. Aber sie zeigte damit eine durchaus realistische Einschätzung der Lage.

Ein weiterer Mann mischte sich ein:
„Ich bin ein besorgter Bürger. Ich hinterfrage die anlasslose Gewalt durch die Polizei, die ich mit ansehen musste.“

Bingo. Und… Hä? Wieso anlasslos?

Er wiederholte das mantraartig.

Stephan erteilte ihm mehrfach einen Platzverweis. Den ignorierte er fröhlich. Vielleicht ist er nicht mehr ganz so fröhlich, wenn er seinen Bußgeldbescheid in Höhe von 250 Euro für das Nichtbefolgen desselben erhält. Der nigelnagelneue §99a des POG RLP erlaubt das. Gute Sache, wenn man mich fragt.

 

„Der Einsatz ist vollkommen übertrieben“, kam irgendwo aus der Menge.

Bingo!

Ja, klar. Sieben Polizisten gegen 35 Mann, die sie attackieren und auf ihnen herumhacken und dann übertrieben.

Interessante Wahrnehmung.

Zwischenzeitlich war W. etwas runtergekommen, fuhr sich aber immer wieder hoch. Aline musste sich auf seine Beine setzen, damit keiner der Beamten von seinen Tritten getroffen wurde.

Niklas unterstützte wieder Wolle.

Ich stand weiterhin auf meinem Standort und versuchte, das Zittern meiner Knie zu unterdrücken, das durch die Flutung mit Adrenalin hervorgerufen wurde. Außerdem war es kalt. Und ich hatte Angst.

Die Menge wurde auch immer wieder durch entsprechende Zwischenrufe hochgebracht.

Was, wenn das hier kippt?

Schließlich rief Wolle laut:
„Die Securitys bitte mal alle zu mir.“

Hier sind Securitys?

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das gar nicht bemerkt.

Etwa fünf Männer traten hervor, Stephan wies sie dann an, sich als „Kette“ zwischen die Polizeibeamten, die ja mit den drei aggressiven Festgenommenen beschäftigt waren, und die Menge zu stellen.

Puh!

Mein Kniezittern ließ merklich nach.

Die Menge wurde dann endlich ruhiger, die ersten trollten sich sogar.

Ein weiterer, bis hierher unbeteiligter, Mann mischte sich ein:
„Ich kenne mich mit Strafrecht aus. Das ist ganz klar ein Rechtsbruch, was ich da vor mir sehe.“

Bingo!

Einer der Mitarbeiter der Security der Disko fragte ihn:
„Machen Sie das beruflich?“

„Ich hab BWL studiert. Aber ich habe auch Ahnung von Strafrecht.“

Ja, das sieht man ja gerade sehr deutlich…

Das Grinsen des Security-Mannes war in etwa so süffisant wie meine Gedanken zu dieser Thematik. Der Gerechtigkeit halber sei dazu gesagt, dass Stephan ihn so verstanden hat, dass der Mann den Polizeieinsatz für rechtmäßig befunden hätte.

 

Allmählich wurde K. ruhiger und konnte aus seiner Haltung entlassen werden. Niklas versuchte mehrfach, ihm zu erklären, dass er nicht wegen der Vorkommnisse in der Diskothek auf der Motorhaube des Streifenwagens gelandet war, sondern weil er auf ganz normale Fragen feindselig und explosiv reagiert hatte. Niklas fand einen Zugang zu K., der dann eine vernünftige Aussage machte.
Ein Bekannter von ihm, ein gewisser S., sei Opfer einer Erpressung geworden. Die Täter seien W. und der Mann gewesen, der gerade mit W. zusammen am Boden lag.
„Ich hab nur meinem Kumpel geholfen.“

„Wo ist denn der S.?“

„Der ist schon im Bett, der muss morgen arbeiten“, schallte es aus der Menge zurück. Tatsächlich war S. nicht mehr vor Ort.

Wie bitte?

Auch K. war darüber einigermaßen fassungslos, was noch verstärkt wurde durch den Spruch einer gemeinsamen Bekannten der beiden:
„Arbeiten ist wichtiger als das hier.“

Ach so?

Ok. Ausgeschlafen bei der Arbeit zu erscheinen ist wichtig. Sehe ich ein. Aber wichtiger, als einem Freund mit einer Aussage bei der Polizei weiterzuhelfen? Mein Freund wäre der die längste Zeit gewesen…

 

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit (meine Armbanduhr sagte was von 10 Minuten), hörte ich in der Ferne Martinshörner.

Oh bitte, lass das die Verstärkung sein.

Zuerst sah ich Blaulichter am Ende der Straße in der mittlerweile diesigen Nachtluft flackern.

Uff!

Dann sah ich sie verschwinden.

Was zum…

Quietschende Reifen.

Die Blaulichter kamen wieder mein Blickfeld.

Ein Motor heulte auf, ein Streifenwagen wurde sichtbar.

Halleluja!

Noch einmal quietschende Reifen. Vom Bremsen. Immerhin waren Kollegen in Not. Bei einer längeren Anfahrt zu solchen Situationen steigt der Adrenalinpegel nicht schlecht an. Besonders, wenn man sich in fremdem Dienstgebiet nicht so gut auskennt und deshalb um ein Haar falsch abgebogen wäre. Nichts, was mit einem Minimum an Einfühlungsvermögen nicht nachzuvollziehen wäre.

„Der hat zu viel GTA gespielt“, demonstrierte jemand aus der Menge einen eklatanten Mangel an genau diesem.

Witzig… ganz witzig…

 

Im Angesicht der neu hinzugekommen Beamten überzog W. Stephan mit einer ganzen Tirade an Unterstellungen, u. a. habe er ihn grundlos angegriffen.
„Sie sind brutal. Sie sind ein gewalttätiger Mensch.“

Die Neuankömmlinge kümmerten sich zuerst um den dritten Mann am Boden.

 

Eine zweite Streife aus Koblenz traf ein. Dem Streifenwagen entstiegen Sven und Kathi, „meine“ Streifenpartner aus meiner Nachtschicht bei der PI Koblenz 1.

Ich freute mich, sie zu sehen. Die beiden nahmen sich kurz die Zeit, mich zu begrüßen. Das freute mich auch, und es beruhigte mich kolossal.

Wenn dafür Zeit ist, ist die Situation jetzt genau so sehr unter Kontrolle, wie sie mir mittlerweile vorkommt.

Auch ihnen erzählte W. von Stephans „Brutalität“. Er schob nach:
„Ich hab nichts gemacht.“

Wenn man bedrohliches Verhalten, Widersetzen gegen eine polizeiliche Anweisung, Widerstand und Unterstellungen am laufenden Band als „Nichts“ definieren möchte…

Da auch die Koblenzer Polizei (wie wohl alle Polizistinnen und Polizisten) mit jeder Menge Leute zu tun hat, die alle nichts gemacht haben wollen, wussten Sven und Kathi diese Botschaften durchaus einzuordnen.

Die beiden brachten auch W. in die Dienststelle.

Im Nachgang erfuhr ich übrigens von Sven, dass auch in Koblenz 1 die Nachtschicht gerade dem Ende zugegangen war, als der Funkspruch aus Neuwied kam. Die Beiden hatten neun Minuten gebraucht, um von Koblenz nach Neuwied zu fahren (Respekt!). Auch meine Einschätzung mit dem gewaltigen Adrenalinpegel hatte gestimmt.

Ich glaube mich zu erinnern, dass noch ein weiterer Streifenwagen einrückte. Ich bin mir allerdings nicht sicher, da Stephan und Aline wieder in die Dienststelle wollten, um sich mit W. zu beschäftigen. Die Schicht neigte sich ihrem Ende zu, aber es war klar, dass die beiden Herren der Polizei noch jede Menge Arbeit bescheren würden. Da die Situation unter Kontrolle war, konnten wir drei auch abrücken.

Als wir auf dem Weg zum Streifenwagen waren, traf dann noch ein letzter Streifenwagen ein, der aus einem entfernten Winkel des Dienstgebietes der Polizeiinspektion Straßenhaus gekommen war. Der Fahrer hatte alles gegeben, aber es dauert eben eine Weile, derartige Entfernungen zu überwinden.

Stephan, Aline und ich fuhren in die Dienststelle. Die beiden Koblenzer Streifen waren mit den beiden Festgenommenen schon eingetroffen, einer der Herren saß im Flur, ein anderer in einem Vernehmungsraum. K. hatte mittlerweile gehen dürfen, da er sich komplett beruhigt und seine Aussage gemacht hatte.

 

Ich hatte im Einsatz mitbekommen, dass Niklas durch die Widerstandshandlungen von W. verletzt worden war. In der Dienststelle hatte er kurz Zeit, mir seine Blessuren zu zeigen.

 

Dazu kam noch ein geschwollenes Handgelenk. Das mag erstmal „gar nicht mal so schlimm“ aussehen. Niklas sagte auch, es sei gar nicht mal so schlimm.

Davon unbenommen ist die Tatsache, dass Polizistinnen und Polizisten das Recht haben, gesund nach Hause zu kommen. Das beinhaltet auch Kratzer und Schürfwunden.

Hinzu kommt, dass sich das Ganze im Nachgang dann doch nicht mehr so harmlos herausstellte. Niklas verschwand erst einmal, um sich in einem nahe gelegenen Krankenhaus untersuchen zu lassen.

 

Nach dem Austausch der Handschellen und einiger Informationen verließen die Koblenzer die Dienststelle.

Stephan und Aline vernahmen W., der weiterhin Handschellen trug (nun ein Neuwieder Modell, kein Koblenzer).

 

Es folgt ein Auszug aus seinem Benehmen den beiden Beamten gegenüber:

Er fragte Stephan mehrmals, warum er festgenommen worden sei, er habe nichts gemacht.

Stephan setzte mehrfach zu einer Erklärung an, wurde dann aber unterbrochen und angeschrien. Dabei fielen folgende Vokabeln:

„Sie sind doch nicht normal.“

„Sie ticken nicht ganz richtig.“

„Drecksack.“

Als Stephan und Aline ihn darauf aufmerksam machten, dass das nun eine Beleidigung sei, sagte er:

„Das ist mir egal, ich sage trotzdem Drecksack.“

Er erhöhte um:
„Ihr könnt mich am Arsch lecken.“

„Sie können mir einen blasen.“ (An Stephan gewandt.)

Örks!

 

Tobias versuchte, ihn einen Atemalkoholtest machen zu lassen. Anstatt einfach in das Plastikröhrchen des Alkomaten zu pusten, bombardierte W. Tobias mit Fragen:
„Warum bin ich hier? Warum mit Gewalt? Warum muss ich das machen?“ und an Stephan wieder und wieder: „Sie sind ein brutaler Mensch.“

Letztlich erklärte er zwar vordergründig seine Bereitschaft, in den Alkomaten zu pusten, tat es dann aber nicht.

Da Stephan und Tobias nicht bis abends mit dem Mann herumdiskutieren wollten, vermerkte Stephan in seinem Bericht, dass der Atemalkoholtest verweigert worden war. Dies teilte er W. mit. Der rastete verbal völlig aus.
„Wieso verweigert? Ich wollte doch pusten!“

Du hast aber nicht gepustet…

Entsprechend lautete Tobias nächste Frage:
„Stimmen Sie einer freiwilligen Blutprobe zu?“

Derselbe Tanz ging von vorne los. „Warum bin ich hier? Warum mit Gewalt? Warum muss ich das machen?“ Dieses Mal erweiterte er sein Repertoire um: „Ich habe den Alkotest nicht verweigert.“

Letztlich lief es auf dasselbe hinaus. Anstatt seine Bereitschaft zu erklären, sich vom Polizeiarzt Blut abnehmen zu lassen, schlug er den beiden sein Lamento um die Ohren.
„Ich habe mich gar nicht gewehrt.“

Der Dienstgruppenleiter rief den Dienst habenden Bereitschaftsstaatsanwalt an. Der ordnete eine Blutprobe an, entsprechend machte sich der Polizeiarzt auf den Weg zur Dienststelle.

 

Beim Warten auf den Polizeiarzt musste Stephan natürlich W. im Auge behalten. Gleichzeitig arbeitete er schon einmal an seinem Bericht zu dem Vorfall. Soweit das möglich ist, wenn man von der Seite pausenlos von W. beschimpft und beleidigt wird.

Niklas, mittlerweile mit Bandage, kam in den Raum, um Stephan den Befund vom Krankenhaus zu geben, da dieser in den Bericht zu dem ganzen Einsatz mit aufgenommen werden musste.

„Du warst doch gar nicht dabei“, behauptete W. schlankweg.

„Doch“, sagte Niklas.

„Ich hab mich doch gar nicht gewehrt. Du kannst nicht verletzt sein. Du bist doch ein kleiner Lutscher.“

„Wie bitte?“

Ich bewunderte Niklas gerade uneingeschränkt für seine Sachlichkeit. Ich kochte innerlich gerade wieder mal.

„Schlag mich doch, schlag mich doch, das willst du doch.“

Niklas lehnte dieses Angebot ab:
„Nein, das gibt mir nichts.“

 

Plötzlich brachte W. eine ganz neue Variante ins Spiel.
„Du hattest deine Füße in meinem Rücken“, warf er Stephan vor, als sein nicht enden wollendes Dauerlamento sich gerade mal wieder um dessen angebliche „Brutalität“ drehte.

Hä?

Das war definitiv nicht der Fall gewesen. Ich habe das von meinem Standort sehen können.

„Nein, das war mein Knie“, teilte Stephan ganz ruhig mit.

Genau so hatte ich das gesehen. Stephan hatte ihn teilweise allein mit dem Knie im Rücken am Boden gehalten.

„Du hast mir ins Gesicht getreten“, kam die nächste Neuigkeit aus den unerforschlichen Tiefen von W.s Fantasie.

Oh, wie ich kochte.

Es wäre für Stephan anatomisch schlicht unmöglich gewesen, W. aus der Position heraus, aus der er ihn mit seinem Knie am Boden gehalten hatte, ins Gesicht zu treten. Abgesehen davon, dass W. zwar ein ordentliches Hämatom aufwies und auch einige andere kleinere Verletzungen, die alle aber keinesfalls von einem ordentlichen Tritt mit dem Einsatzstiefel herrühren konnten.

„Du hast mich auch getreten.“
Nun war Aline an der Reihe, in den Genuss seiner Liebenswürdigkeiten zu kommen. Dabei hatte sie lediglich auf seinen Beinen gesessen, weil er mit den Füßen nach den Beamten gekeilt hatte.

„Ich wurde von euch zusammengetreten.“

Das wird ja immer besser.

 

Im Laufe seines Monologs sprang W. wieder und wieder auf und schrie herum. Zweimal mussten andere Polizisten hereingestürzt kommen, um ihn zu bändigen und auf den Stuhl zurück zu bringen.

Irgendwann brüllte er:
„Ihr könnt einen nur fesseln, ins Gesicht treten, auf einen Stuhl setzen und wenn er aufsteht, tretet ihr ihn wieder ins Gesicht.“

W. war auch in der Dienststelle zu keinem Zeitpunkt mit Tritten traktiert worden, er wurde lediglich mit Hilfe der Hände in eine sitzende Position gebracht. Langsam erreichte ich den Siedepunkt. Falsche Anschuldigungen und dann auch noch auf so eine Art und Weise, sind für mich mit das widerwärtigste Mittel in einer Auseinandersetzung.

 

„Ich bin vierfacher Familienvater. Ich bin selbstständiger Unternehmer. Was tun Sie mit mir?“
Als täte das irgendetwas zur Sache. W.s Benehmen war trotzdem unterirdisch.

„Rufen Sie Herrn X. an.“ Diese Aufforderung an Stephan und Aline erging mehrfach. Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, dass Herr X. offensichtlich bei der Kriminalpolizei beschäftigt ist. Lustigerweise war W. der festen Überzeugung, dass X. Stephans Vorgesetzter sei.

„Ich weiß genau, dass ich einen Anruf frei habe. Sie brechen gerade massiv das Recht.“

Bingo. Und du schaust zu viele amerikanische Krimiserien.

„Sie schauen sich offensichtlich zu viele amerikanische Krimiserien an“, wieRderholte Stephan meine Gedanken.

Deutsche Krimiserien wohl auch, wenn er glaubt, die Kripo sei der Schutzpolizei vorgesetzt…

Innerlich musste ich grinsen. Das fuhr meine Temperatur wieder etwas herunter.

 

„Ich habe der Polizei neulich erst 300 Euro gespendet.“

Die Polizei darf doch gar keine Spenden nehmen. Verwechselst du da was?

„Nun bin ich enttäuscht von der deutschen Polizei, wie soll man deutschen Polizeibeamten noch vertrauen?“

Nun, damit habe ich keine Probleme. Die bleiben nämlich konsequent bei ihren Vorwürfen (Erpressung, Widerstand und fertig). Du packst doch sekündlich eine neue Geschichte aus.

 

Mehrfach wandte sich W. an mich, was ich dazu denken würde.

Zuerst sagte er zu mir:
„Sie finden das sicher auch sehr lustig.“

„Ich kann hier gerade überhaupt nichts lustig finden.“

Fand ich auch nicht. Ich habe ja schon einige Aggressoren erlebt bei der Polizei (und alle hatten nichts gemacht), aber er war ganz klar ein Spitzenreiter. Insbesondere seine Verweigerung, den Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und den Reaktionen der Polizeibeamten darauf auch nur im Ansatz anzuerkennen, war mir unheimlich.

„Was sagen Sie denn dazu? Ich hab doch gar nichts gemacht.“

Ich darf mich ja nicht einmischen, konnte mir aber, da er mich nun schon mal fragte, nicht verkneifen:
„Ich habe das alles genau so wahrgenommen, wie es die Polizeibeamten sagen.“

Offenbar verstand er mich nicht genau, denn er versuchte weiterhin, mich auf seine Seite zu ziehen. U. a. sagte er zu mir:
„Was sagen Sie denn dazu? Sie stehen ja auch ratlos da.“

Stephan sprang mir bei:
„Die ist nicht ratlos, die ist fassungslos, wie sich jemand so benehmen kann.“

„Das trifft es ziemlich genau.“

 

Eine weitere Beamtin, Annika, dokumentierte mit einem Fotoapparat seine Wunden, die er sich bei der Festnahme zugezogen hatte – soweit das möglich war.
„Halten Sie bitte still“, bat sie mehrfach.

„Ich halte doch still“, sagte W. – und zappelte derart herum, dass es wirklich schwer war, vernünftige Fotos zu machen.

 

„Ihr seid wie Bonnie und Clyde“, teilte er irgendwann Stephan und Aline mit. Alles andere wiederholte er mehr oder weniger regelmäßig. Stephan entschied schließlich, seine Body-Cam einzuschalten.

Gute Idee!

 

Selbstverständlich teilte Stephan W. mit, dass dieser nun gefilmt wird. Was diesen zu einer neuen Variante zu animieren schien:

„Flippen Sie öfters so aus?“ wollte er von Stephan wissen. „Ist die deutsche Polizei instabil? Soll ich das so meinen Töchtern erzählen? Wie soll man einer solchen Polizei vertrauen?“

„Sie sind ein schlechter Verlierer“, teilte er Stephan weiter mit. „Sie haben sich zum Affen gemacht. Was kann ich dafür, dass Sie Russlanddeutsche hassen? Sie sind rassistisch, Herr Y. Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“

Rassistisch. Bingo.

 

Irgendwann sagte Stephan: „Es wäre besser, Sie würden endlich von Ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen.“

Oh ja, bitte. Einfach still sein.

Auf sein Recht, die Aussage zu verweigern, hatte Stephan W. schon ganz zu Anfang mehrfach hingewiesen, aber der hörte ja nicht zu. Wie auch? Dazu hätte er ja für wenige Minuten aufhören müssen, herumzuschreien und Stephan zu beschimpfen.

„Wieso soll ich diesen Gebrauch machen? Ich habe doch nichts gemacht.“

Argh!

Aline versuchte es mit Vernunft: „Der Kollege hat Sie nur auf Ihr Recht aufmerksam gemacht, denn schließlich leiten wir gerade ein Strafverfahren gegen Sie ein.“

W. explodierte förmlich.
„Ein Strafverfahren? Dazu sind Sie nicht befugt. Ohne Staatsanwalt und ohne Richter.“

Aline versuchte ein letztes Mal, ihm zu erklären, dass Richter mitnichten Strafverfahren einleiten, sondern über Strafen entscheiden. Und dass die Polizei natürlich ein Strafverfahren einleiten darf. Ohne Erfolg. Ich persönlich tippe darauf, dass W. der Unterschied zwischen Straf- und Gerichtsverfahren nicht ganz klar ist. Aber Hauptsache, mal wieder der Polizei ihren Job erklärt.

Endlich kam der Polizeiarzt. Da W. auch hier zwar verbal Kooperationsbereitschaft signalisierte, sich aber körperlich sperrte und unkooperativ verhielt, wurde er mit Handschellen auf den Boden in eine liegende Position gebracht und der Arzt entnahm ihm dort sein Blut. Natürlich war auch das aus W.s Warte rechtswidrig, da weder Richter noch Staatsanwalt zugegen seien.

Allen drei dabei anwesenden Beamten (Tobias, Stephan und Aline) drohte er an, dass sie ihren Job los seien (Bingo!). Stephan und Aline bescheinigte er noch: „Sie haben hier ihren Abgang.“ Was immer er damit meinte.

Die Body-Cam hing in einem ungünstigen Winkel an Stephans Revers. Sie würde in erster Linie interessantes Büromobiliar filmen, wenn W. zu Boden gebracht werden würde. Kurzerhand drückte Tobi mir das Gerät noch vor der Blutentnahme in die Hand, damit sie alles aufzeichnen konnte.

Schließlich halfen ihm die drei Polizeibeamten auf und brachten ihn ins Gewahrsam. Dort wollte er sogar noch Tobias seine Uhr in die Hand drücken… was auch immer er nun damit bezweckte.

Danach, es war mittlerweile fast eine Stunde über die Zeit, verließ ich die Dienststelle und machte mich auf den Heimweg. Ich hatte mich als Zeugin zur Verfügung gestellt. Also verfasste ich daheim meine Aktennotiz dazu, solange mein Gedächtnis noch frisch war. Dafür brauchte ich fast bis mittags. Es sei nur am Rande erwähnt, dass ich diese Nachtschicht „heimatnah“ hatte absolvieren wollen, um früh ins Bett zu kommen.

Meine Bullshit-Bingo-Karte war voll. Ok, drei Haken hatte ich einem Einsatz aus dem ersten Teil der Nacht zu verdanken. Dort wurden „meine“ Polizisten beglückt mit „Anstatt mal die Grenzen zu kontrollieren…“,  „Jeder darf hier rein, aber ich werde kontrolliert…“ sowie „Haben Sie keine richtigen Verbrecher zu jagen?“ Aber das wäre ein anderer Artikel…

Später erfuhr ich noch, dass W. den Richter beleidigt hatte, als der zur Polizeiinspektion kam, um über den weiteren Gewahrsam zu entscheiden. Der Richter entschied dann, ihn bis 16 Uhr im Gewahrsam zu lassen. Ebenfalls erfuhr ich, dass Niklas Verletzungen doch nicht so harmlos gewesen waren, wie sie oberflächlich ausgesehen hatten. Er wurde am Folgetag krank geschrieben.

Schon länger lese ich die auf wenige Zeilen komprimierten Pressemitteilungen zu solchen Einsätzen anders als früher. Seit dieser Nacht kann ich mir noch besser vorstellen, was an Zeitaufwand, Aggressionen, die an den Beamten ausgetobt werden, Arbeit und Emotionen dahinterstehen kann.

Auch wenn Stephan und ich unsere inneren Bullshit-Bingo-Karten vollgekriegt hatten – ich brauche solche Erlebnisse nicht wirklich.

Gewalt gegen Polizisten ist hässlich. Wenn man sie live sieht, ist sie noch viel hässlicher. Und wenn es Polizisten trifft, die man persönlich mag, dann ist sie an Hässlichkeit kaum zu überbieten.

Danke nach Neuwied! Ihr seid klasse!

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Tropenregen – eine Nachtschicht in Ludwigshafen

Eine Woche vor der Nachtschicht. Elsass. Nach einem heißen Tag folgt eine Nacht ohne jede Abkühlung. Ich sagte zu meinem Mann: „Die Nachtschicht nächste Woche in Ludwigshafen wird wohl ziemlich tropisch. Und dann steppt da bestimmt wieder der Bär.“

Sieben Tage später. Mein Mann brachte mich zum Zug nach Ludwigshafen. Ungefähr 20 Grad weniger Außentemperatur. Er zeigte auf den Regen:
„Kannst dir ja vorstellen, das sei ein Tropenregen.“

Zwei Stunden später in Ludwigshafen: Der Dienstgruppenleiter, mit dem ich übrigens auch schon mal Streife gefahren bin, wollte mich vorsichtig auf eine langweilige Nacht vorbereiten. Ich glaubte ihm nicht.

Ludwigshafen und langweilig schließen sich grundsätzlich aus. Polizei und langweilig übrigens auch. Für mich jedenfalls!

Der DGL reichte mir meine Schussweste mit den Worten: „Ich denke, das ist die Richtige. Das ist jedenfalls die, die im DGL-Raum für dich liegt.“

Ein ziemlich breites Grinsen erschien auf meinem Gesicht.

WOW!

Da liegt schon eine Weste vorbereitet? Ich bin inventarisiert. Ich fühle mich geehrt. Und das meine ich ernst.

 

 

Mal wieder hatte ich nicht mal Zeit, meine Tasse auszupacken, als schon der erste Einsatz anstand. Mit Timo und Ferry ging es zu einer Unfallaufnahme. (Mit Timo war ich übrigens schon einmal Streife gefahren. Eine sehr gute Erinnerung.) An einer Ampelkreuzung waren ein blauer Kleinwagen und ein Mercedes kollidiert.

Wie üblich hatten natürlich beide Seiten grün gehabt. Es gab auch Zeugen für beide Varianten. Da kann die Polizei dann gar nicht anders, als entsprechend alle Daten und Aussagen aufzunehmen und ansonsten zu hoffen, dass die Wahrheit gewinnen möge.

 

Zwei der Zeugen, die auf der Seite des Mercedesfahrers waren, amüsierten sich damit, die Polizei mit ziemlich viel Unsinn vollzutexten. Zwar war ich nicht die Polizei, wie ich auch unmissverständlich zu verstehen gab („Ich schreibe anschließend einen Artikel darüber.“), aber ich war in Begleitung der Polizei aufgetaucht und ging somit als adäquater Ersatz durch („Schreiben Sie doch mal einen Artikel über meinen Boxclub.“). Immerhin bestand mein Nutzen darin, meinen beiden Herren den Rücken freizuhalten. Abgesehen davon, dass das Gespräch streckenweise tatsächlich nicht ganz uninteressant war.

 

Zuerst wurde ich von einem der Herren darüber aufgeklärt, dass ich mit „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ völlig falsch läge, da ja eigentlich „Polizeigewalt“ das Problem in dieser Gesellschaft sei. Er selbst sei in Mannheim Opfer von Polizeigewalt geworden. Ehrlich gesagt habe ich die Geschichte nicht genau verstanden. Es ging um die Haltung eines Hundes einer Rasse, die nicht ganz einfach ist. Ich dachte ja immer, Hunde lägen im Aufgabenbereich des Ordnungsamtes. Vielleicht lag da auch einfach eine Verwechslung der Uniformen vor? Jedenfalls endete er damit, dass er von allen „gefickt“ (ich zitiere) worden sei, inklusive seinem eigenen Anwalt. Wenn in einer Erzählung immer alle böse sind außer dem Erzähler, dann fange ich immer an, mir Fragen zu stellen…

Nachdem er damit fertig war, fragte mich sein Kumpel, also Zeuge 2, ob er auch noch zur Polizei könne.

„Wie alt sind Sie denn?“

Sein Alter passte.

Ich: „Dann sollten Sie mal die Einstellungsberatung anrufen.“

Zeuge 1: „Aber du hast da doch eine Anzeige.“

Zeuge 2: „Aber nur eine. Das muss doch noch klappen.“

Ich: „Rufen Sie am besten die Einstellungsberatung an. Die sind sehr nett da. Wie gesagt, ich bin ja nicht die Polizei.“

Zeuge 2: „Ich war mal bei der Bundeswehr. Ich habe etwas für dieses Land getan. Da muss doch was gehen.“

Zeuge 1: „Vergiss nicht, bei dem Telefonat zu sagen, dass die Anzeige wegen Körperverletzung mit Todesfolge war.“

Zeuge 2: „Aber doch nur einmal.“

Ich lasse den Dialog an dieser Stelle einfach mal so stehen…

 

 

Anschließend wurden wir zu einem Einsatz im Dienstgebiet der Inspektion Ludwigshafen 2 als Verstärkung hinzugerufen. Es handelte sich um eine Razzia in einer Gaststätte. Ausgelöst worden war das Ganze durch eine Schlägerei. Offensichtlich hatten die eingesetzten Beamten bei einem der Kontrahenten Drogen gefunden und es drängte sich der Verdacht auf, dass sich in dieser Gaststätte noch mehr davon finden könnte.

 

„Erst mal schauen, was da angedacht ist“, sagte Timo zu mir. „Wenn wir da reingehen, bleibst du besser im Auto.“

Ja, das würde ich auch so sehen.

Nach wie vor ist meine einzige Angst, wenn ich Polizeibeamte in den Einsatz begleite, dass ein Fehler von mir ihnen Ärger bereitet. Um mich habe ich nie Angst. Ich weiß, dass die, mit denen ich losgeschickt werde, mich aus allem rausholen würden.

 

Der Einsatzleiter am Ort, ein Polizist der PI LU2, starrte mich bei Eintreffen erst einmal an – mit diesem Blick, der für sich genommen ausreichen sollte, um als Platzverweis verstanden zu werden. Um ein Haar wäre ich gegangen. Bis mir einfiel, dass ich mich einfach kurz vorstellen könnte.
„Ich gehöre zu den beiden. Ich bin die Praktikantin.“

„Ja, die gehört zu uns“, bestätigte Timo.

Damit durfte ich bleiben.

Uff!

Der Plan war, den Anwesenden das Weggehen unmöglich zu machen und im Rahmen einer Bearbeitungsstraße Personalien aufzunehmen und die Leute zu durchsuchen.

Timo und Ferry fiel erstmal die Aufgabe zu, die andere Seite der Straße abzusperren. Das hörte sich für meine beiden Herren und mich nicht so an, als müsste ich im Auto bleiben.

Es regnete übrigens immer noch. Schräg vor mir stand ein Hundeführer mit seinem Hund. Sogar der Hund hat gezittert. Ob vor Kälte oder Aufregung weiß ich nicht. Mein Hund friert bei Regen jedenfalls.

Ich fror auch nicht schlecht. Und der Einsatz würde noch mehrere Stunden dauern. Aber es kam keinesfalls in Frage, meine Begleiter im Regen stehen zu lassen. Abgesehen davon, dass ich eine Bearbeitungsstraße noch nie erlebt hatte. Ich fand das alles mal wieder äußerst spannend. So vergaß ich hin und wieder, dass mir eigentlich kalt war.

Sollte übrigens jeder mal erlebt haben, der meint, Polizeiarbeit beurteilen zu müssen.

 

Es rückten noch weitere Streifen an, von beiden Ludwigshafener Dienststellen, aus Frankenthal, Speyer und Oggersheim.

 

Einige der überwiegend jungen Männer, die teils im, teils vor dem Lokal warteten, waren meinen beiden Herren wohlbekannt. Sie gaben sich dermaßen cool, dass es schon ans Klischeehafte grenzte. Da wurden gegenseitig Handyfotos gemacht und natürlich wurde ausgetestet, wie weit einen die Polizisten laufen lassen würden. Und natürlich war man plakativ gut gelaunt. Alles, um der Polizei zu zeigen, dass man sie so gar nicht ernst nimmt.

Aus meiner Sicht war es zumindest beim einen oder anderen nur Fassade, das wurde mir sehr deutlich, als einer der jungen Herren lamentierte: „Wie kommt es, dass ich fünf Mal innerhalb von fünf Tagen kontrolliert werde?“

Ein anderer junger Mann versuchte das, ins Lustige zu ziehen: „Beim sechsten Mal gibt es einen Lutscher.“

Damit war auch die allgemeine Coolness wieder hergestellt.

 

Nach fast zwei Stunden waren alle Anwesenden durch die Bearbeitungsstraße gegangen und das Lokal war leer. Dafür war so einiges von der Polizei beschlagnahmt worden, Drogen, Bargeld und Handys, die als gestohlen gemeldet waren. Ich hatte lange den Überblick verloren, wie oft Timo und Ferry gesagt hatten: „Gehen Sie bitte außen rum. Sie können hier jetzt nicht durch.“ Immerhin drehten die meisten dann ab. Nur zwei kamen mit: „Ich muss aber hier durch.“

Manchmal frage ich mich wirklich, was Leute denken, wenn sie irgendwo eine derartige Ansammlung von Polizei sehen. Ein riesiger Gesprächskreis mitten auf der Straße? Betriebsausflug?

Die Streifen aus den Nachbarorten wurden alle aus dem Einsatz entlassen.

 

Jetzt kam die Stunde der Hundeführer. Es waren Drogenspürhunde am Start. Einer der Herren, der sich später als Leser unserer Seite outete, fragte mich, ob ich mir das mal ansehen wolle. Natürlich wollte ich. Wir stiegen in die Kelleretage der Gaststätte ab.

Der Hund bekam ein Signal, das ihm bedeutete, dass er nun mit der Suche beginnen solle. Das tat er dann auch. Manchmal ein wenig hektisch. Da musste Herrchen ihn noch einmal an die eine oder andere Ecke erinnern. Erinnerte mich sehr an meinen Hund, der auch sehr bemüht ist, beim Lernen alles richtig zu machen, aber beim Präsentieren seines Repertoires mal ein bisschen abkürzt, um schneller an die Belohnung zu kommen. Soll übrigens ein Anzeichen für herausragende Intelligenz beim Hund sein. Ich persönlich glaube das. ;-)

Eine Belohnung bekam der Polizeihund hier am Ende natürlich auch.

In der oberen Etage wurde „mein“ Hundeführer von seiner Kollegin gebeten, auch noch einmal den Hund durch eine bestimmte Ecke zu schicken. Ihr Hund hatte in einem der Spielautomaten Drogen angezeigt. Bevor man aber so ein teures Gerät auseinandernehmen wollte, sollte noch eine Gegenprobe her. Was soll ich sagen? „Unser“ Hund zeigte dasselbe an und tatsächlich fand sich dort ein Stückchen Marihuana.

Nun endlich tauchte auch der Eigentümer auf, mit der Bemerkung auf den Lippen: „Oh. So viele Polizeiautos. Was ist passiert bei uns?“

Der Einsatzleiter machte ihn darauf aufmerksam, dass an diesem Abend schon deutlich mehr Polizeiautos vor Ort gewesen waren.

Einsatzort, als die meisten schon abgerückt waren.

Übrigens war auch der Kommunale Vollzugsdienst von Beginn an vor Ort gewesen, denn Gaststättenkonzessionen sind Aufgabenbereich der Kommune. Wie es für diese spezielle Gaststätte weiterging, weiß ich nicht, denn wir rückten ab.

 

 

Einer der jungen Herren dieser Schicht, mit dem ich übrigens auch schon mal Streife gefahren bin, hatte seine letzte Nachtschicht und hatte entsprechend ein sehr leckeres saarländisches Gericht gekocht. Er hat nämlich saarländischen Migrationshintergrund. Ich bekam auch eine Portion ab.

Da auch der Hundeführer von eben dabei war, vertieften wir unser Gespräch vom Einsatzort. Nicht für lange.

Der Dienstgruppenleiter stürzte in den Sozialraum.
„Einsatz! In Mannheim ist ein Notruf aufgelaufen, da soll ein Kind angerufen haben, dass seine Mama schreit. Hört sich nach häuslicher Gewalt an. Anschrift hier in LU.“

Zum Glück war mein Teller leer.

Timo und Ferry sprangen auf, ich hinterher. Im Laufschritt ab in den Streifenwagen.

Blaulichtfahrt!

Symbolfoto

Da es wegen des Regens auf den Straßen von Ludwigshafen recht ruhig war, ohne Martinshorn.

 

 

Am Einsatzort sprangen wir aus dem Wagen. Timo klingelte einmal überall.
„Polizei! Wir müssen mal ins Haus!“

Während wir die Treppe hochhetzten (nachdem die Tür unten festgestellt worden war), öffneten sich überall die Wohnungstüren. Erschreckte Gesichter.

„Alles in Ordnung, wir wollen nicht zu Ihnen!“

Polizisten wird es kaum überraschen, dass wir natürlich fast ganz nach oben mussten.

Vor der Tür, hinter der die Familie, um die es ging, wohnen sollte, hielten wir an. Kein Mucks war zu hören.

Meine beiden Herren klingelten.

Das Spiel mit den Einsatzstiefeln, die die Treppen hochpolterten und dem „Alles in Ordnung, wir wollen nicht zu Ihnen!“, wiederholte sich, eine zweite Streife traf zur Verstärkung ein. Übrigens bin ich mit einem der Herren auch schon Streife gefahren und würde ihm bedenkenlos mein Leben anvertrauen. Wie übrigens allen, mit denen ich bisher fahren durfte.

Keine Reaktion auf das Klingeln.

Die Nachbarn wurden rausgeklingelt.

„Haben Sie etwas gehört?“

„Nein, da war es den ganzen Abend ruhig.“

Hm…

Wir waren etwas ratlos.

„Um jetzt diese Wohnung aufzubrechen, haben wir viel zu wenig in der Hand. Das genehmigt uns auch kein Richter“, erklärte Timo.

Ein Funkspruch zurück in die Zentrale.

Es stellte sich heraus, dass das Kind in Mannheim keinen Namen genannt hatte, man hatte geschaut, wem das Handy gehörte, von dem der Anruf gekommen war. Das hatte diese Adresse in Ludwigshafen ergeben.

Damit war die Sache natürlich nicht erledigt. Das erklärte mir später in der Dienststelle der Wachhabende. Ich hatte mir schon gedacht, dass die Polizei derartige Anrufe nicht auf sich beruhen lässt. Zeitgleich mit unserem Abflug in diesen Einsatz hatte die Mannheimer Polizei jede Menge Maßnahmen anlaufen lassen, u.a. vermutlich eine Handyortung.

Bei derartigen Anrufen ist es mit einem Einsatz, der nichts ergibt, nicht getan. Für meine Streife allerdings war allerdings erst einmal nichts mehr in dieser Sache zu tun.

 

 

Zurück in der Dienststelle wurde ich der nächsten Streife übergeben. Marcel, mit dem ich schon einmal gefahren war, und Jan, eigentlich ein Koblenzer, den die Folgen der Umstrukturierung der Bereitschaftspolizei temporär nach Ludwigshafen verschlagen haben.

Wir bestreiften Ludwigshafen, u.a. das Rheinufer, und stolperten direkt über einige junge Herren, die trotz des Regens ein wenig am Kornspeicher „chillten“. Im wahren Wortsinn, denn es war nicht wärmer geworden. Zuerst einmal baten wir um Verstärkung, dann unterzogen meine Herren, unterstützt von einer weiteren Streife, die jungen Männer einer Personenkontrolle. Einige davon waren übrigens auch bei dem Einsatz vor der Gaststätte dabei gewesen. Insgesamt verlief die Kontrolle dennoch in guter und kooperativer Stimmung.

 

 

Weiterstreifen. Ein Fahrzeug ohne Licht aus dem Hessischen. Damit gewann der Fahrer natürlich eine Verkehrskontrolle. Da ansonsten alles in Ordnung war, kam er mit einer Verwarnung davon.

 

 

 

Weiterstreifen. Schließlich bekamen wir einen Funkspruch:
„Fahrt mal in die x-Straße. Da gab es wohl eine Unfallflucht.“

Am angegebenen Ort erwarteten uns zwei Herren, Brüder. Sie zeigten uns einen Wagen mit auswärtigem Kennzeichen. Der gehörte einem der beiden, der gerade seinen Bruder in Ludwigshafen besuchte. Dahinter stand ein in Ludwigshafen zugelassener Wagen. Beide wiesen recht eindeutige Spuren dessen auf, was uns nun erzählt wurde.

Der Ludwigshafener war hinter dem auswärtigen Auto rückwärts eingeparkt und dabei mit dem linken vorderen Kotflügel am rechten Hinterteil des Wagens vor ihm hängen geblieben.

Ja, so sah das auch aus.

Der Halter und sein Bruder hatten das mitbekommen und waren auf die Straße gestürzt.

„Der hat mindestens zehn Anläufe gebraucht, der kann gar nicht fahren“, stellte einer der beiden fest.

Der Herr sei dann ausgestiegen und als er nach seinen Daten gefragt wurde, um den von ihm angerichteten Schaden zu begleichen, sei er einfach gegangen. Mit einem Hund übrigens. Das Ganze sei gegen viertel vor eins morgens passiert.

Es sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt, dass der Herr auch noch vor einem Tor eingeparkt hatte, an dem ein eindeutiges Parkverbotsschild hing.

 

Jan und Marcel machten schnell einige Fotos von den Schäden. Dann machten wir uns auf zur Halteradresse des Herrn. Dazu kam noch eine weitere Streife zur Verstärkung, denn es gab „Vorerkenntnisse“. Der Fahrzeughalter hatte Vorstrafen wegen Körperverletzung im Register.

An der angegebenen Adresse klingelte Marcel. Niemand reagierte.
„Eigentlich möchte ich um die Uhrzeit nicht überall klingeln. Die armen Leute.“

Er klingelte noch einmal, sehr nachdrücklich. Uns wurde geöffnet.

Geht doch!

In der entsprechenden Wohnung (fast ganz oben) empfing uns eine Frau.

Mit vier Polizisten, mir und der Dame war der Flur recht voll. Nicht zu voll für einen kleinen, weißen Hund, der sich neugierig in die Menschenmassen schob und jedem Mal am Hosenbein schnupperte. U.a. bei mir verweilte er ein wenig länger, vermutlich weil ich interessant nach unserem Hund roch. Er wiederum roch auch interessant nach Hund, er war nämlich feucht.

Marcel stellte sich kurz vor.
„Wir suchen den Herrn X.“

„Der ist nicht hier.“

Die Wohnung war klein, alle Türen standen offen. Man konnte in alle Zimmer hineinsehen. Es war also klar, dass der Gesuchte sich hier nicht befinden konnte. Zumindest nicht mehr…

„Wer sind denn Sie?“ fragte Marcel weiter.

„Seine Frau.“

„Wo ist denn Ihr Mann jetzt?“

„Ich weiß nicht.“

„Wann haben Sie Ihren Mann denn zuletzt gesehen?“

Kurz und schlecht: Die Dame gab an, um 23 Uhr nach Hause gekommen zu sein und ihren Mann seit dem Vorabend nicht gesehen zu haben.

„Wie viele Hunde haben Sie denn?“

„Einen.“

Wir erinnern uns – der Unfallflüchtige war mit einem Hund ausgestiegen. Es regnete leicht. Dieser Hund hier war feucht.

„Und der war den ganzen Tag allein hier?“

„Er war hier, als ich heimkam.“

Ach so?

Marcels Blick fiel auf einen Schlüsselbund mit einem Autoschlüssel und diversen Schlüsseln, die nach Haus- und Wohnungstürschlüsseln aussahen. Wie es der Zufall wollte, passte die Marke zum Wagen des Unfallflüchtigen.

„Und was ist das für ein Autoschlüssel?“

„Der ist für das Auto von meinem Mann.“

„Dann müssen Sie Ihren Mann aber doch gesehen haben, wenn Sie um 23 Uhr schon hier waren.“

„Nein, der lag schon hier.“

„Und wie ist Ihr Mann dann gefahren.“

„Oh, der fährt immer mit dem Ersatzschlüssel.“

Ja, das macht total Sinn.

Als Ehepartner hat man übrigens das Recht, die Polizei zu belügen, dass sich die Balken biegen.

Marcel und seine Kollegen wirkten insgesamt nicht wirklich überzeugt. Auch ich hatte den Eindruck, die Dame hatte ihren Gatten nicht nur gesehen, sondern wusste ganz genau, wo er sich gerade aufhielt.

Zum Abschluss reichte Marcel der Dame seine Visitenkarte.

„Sagen Sie Ihrem Mann, er soll bei uns vorbeikommen. Oder mich hier anrufen. Sofort, wenn Sie ihn sehen. Das ist wichtig!“

Damit verließen wir den Ort mit den nach meinem Eindruck arg gebogenen Balken.

Was dieser Berufsstand in meiner Gegenwart schon belogen worden ist… Das sollte auch mal jeder erlebt haben, der Polizisten überzogenes Misstrauen vorwirft.

 

 

Weiterstreifen.

„Boah, dass wir den nicht gekriegt haben, das ärgert mich gerade“, sagte Marcel im Streifenwagen. Nicht nur einmal. Mehrfach.

Was soll ich sagen?

Ich ärgerte mich sowas von mit ihm und teilte das auch mit. Mehrfach.

Vermutlich ärgerte sich auch Jan, aber da er ein nicht ganz so extrovertierter Typ ist, erzählte er es uns nicht dauernd.

 

 

Während wir also weiter Ludwigshafen bestreiften, mussten wir nicht nur an einer roten Ampel halten. An einer davon trat ein junger Mann an den Streifenwagen heran und machte Zeichen, dass er Gesprächsbedarf habe.

Marcel ließ die Scheibe herunter.

„Fahrt Ihr mich nach Hause?“

Ich musste schon wieder alle Kraft aufwenden, um keinen Lachanfall erster Klasse zu bekommen. Immerhin hatte ich in Koblenz schon einen jungen Herrn erlebt, der meinte, diese Frage stellen zu müssen, nachdem er meine Begleiter über einige Stunden äußerst beleidigend und herablassend behandelt hatte. Dagegen war dieses hier eine richtig liebenswürdige Version.

„Nein, das dürfen wir nicht. Die Polizei ist kein Taxiunternehmen.“

„Bitte.“

Ah. Geht doch!

Dennoch DARF die Polizei es einfach nicht. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

„Rufen Sie sich doch ein Taxi.“

Es stellte sich heraus, dass der junge Mann – er war übrigens 19, wie er uns zwischendurch erzählte – weder Geld, noch ein Handy, noch seine Jacke dabei hatte. Offensichtlich war er mit seiner Freundin in einer Disko gewesen. Dort hatte sie ihm den Laufpass gegeben und er war dann auch losgelaufen.

Er blieb ein wenig unklar, warum er seine Sachen in der Disko nicht abholte. Es handelt sich dabei übrigens um eine Disko mit sehr gewissenhaften Türstehern, mit denen die Polizei sehr gut zusammenarbeitet. Ich persönlich tippe deswegen darauf, dass seine Reaktion auf diese zugegebenermaßen schmerzhafte Nachricht dafür gesorgt hatte, dass ihn die Türsteher wohl nicht mehr in ihren Verantwortungsbereich lassen würden. Das ist aber nur eine Mutmaßung.

„Ich wohne in X. Das sind 6 Kilometer. Das kann man doch nicht zu Fuß gehen.“

Ok, das Wetter wäre jetzt auch nicht das Wetter meiner Wahl für eine Wanderung gewesen. Aber sogar ich schaffe Fußmärsche von bis zu 20 Kilometer. Sein konditioneller Zustand hätte ihn das in maximal anderthalb Stunden bewältigen lassen.

„Wir dürfen es nicht.“

Die konsequente Weigerung meiner beiden Herren führte zu einigen sehr unwilligen Äußerungen an die Adresse der beiden. Ich habe die Details vergessen.

„Hey, es gibt keinen Grund, UNS jetzt dumm zu kommen“, machte Marcel klar.

Er erntete dafür ein verächtliches Abwinken. Der 19-Jährige drehte sich auf dem Absatz um und lief los.

„Ist das die richtige Richtung?“ erkundigte sich Jan.

Das wäre auch meine Frage gewesen.

„Ja“, befand Marcel.

Meine beiden Begleiter (und ich) beobachteten ihn noch eine Weile sehr scharf aus dem stehenden Streifenwagen. Er hatte minimal Schlagseite, machte aber insgesamt den Eindruck, dass er sechs Kilometer zu Fuß anstandslos bewältigen würde.

Also fuhr Marcel, vermutlich nach der 15. Rotphase, seit wir an der Ampel eingetroffen waren, den Streifenwagen wieder an, um weiter in Ludwigshafen nach dem Rechten zu sehen.

„Wo ist der plötzlich hin?“ fragte Jan, als wir die Stelle passierten, an der wir den jungen Herrn zuletzt gesehen hatten.

Er war nicht mehr zu sehen. Aber wir hatten ja gesehen, dass er in gutem Zustand losgezogen war.

 

Wir kamen gerade mal 500 Meter weit, als Marcel den Streifenwagen wendete.

Was jetzt?

Marcel kurvte um die nächste Verkehrsinsel und fuhr zurück.

Da lag unser junger Herr lang hingestreckt auf dem Trottoir im Nieselregen.

Huch. Geht es dem doch schlechter als gedacht?

Wir stiegen aus. Bauten uns um ihn herum auf.

Er öffnete ein Auge, schielte uns an.
„Fahrt Ihr mich jetzt nach Hause?“

„Wir dürfen nicht“, sagte Marcel. „Aber wir bestellen jetzt einen RTW, der fährt Sie ins Krankenhaus, wenn es Ihnen scheinbar so schlecht geht.“

„Ich will aber von Euch nach Hause gebracht werden.“

Herrje. Alkohol ist wirklich nicht gut für die Auffassungsgabe.

„Wir dürfen nicht.“

Der 19-Jährige richtete sich auf.
„Kommen Sie mal in meine Lage!“

Mit diesen Worten stand er auf, stand dabei auch sehr gerade und hatte keine Schwierigkeiten, sich aufrecht zu erhalten.

Er erzählte uns noch einmal seine Geschichte.

Nun war wirklich keiner meiner beiden Herren unempfindlich für seine Situation. Ich auch nicht. Natürlich ist es mies, wenn die Freundin Schluss gemacht hat und man ohne Geld, ohne Jacke und ohne Handy leicht alkoholisiert in einer verregneten Großstadt sitzt und die einzige Lösung sechs Kilometer Fußmarsch sind. Dennoch durfte die Polizei ihn nicht mitnehmen. Punktum!

Marcel und Jan signalisierten auch Verständnis. Aber:
„Wir dürfen Sie nicht fahren. Deshalb gehen Sie jetzt bitte nach Hause.“

Ein neuer Aggressionsschub.
„Ich hoffe, Sie verlieren auch einmal Ihre Freundin und alles, was Sie haben.“

Schlagartig kam er dabei dermaßen aggressiv rüber, dass ich mich schon mal vorsichtig aus dem Weg schlich, damit meine beiden Begleiter im Falle eines Falles freie Bahn hätten.

„Wir haben Ihnen nichts getan“, machte Marcel ganz richtig aufmerksam, und eröffnete ihm eine neue Option.
„Wir können Sie auch mitnehmen, wenn Sie sich weiterhin so aggressiv verhalten, und Sie übernachten bei uns. Das ist aber ziemlich teuer.“

Diese Aussicht ließ den jungen Mann noch zorniger werden. Ein schier endloser Wortschwall prasselte auf uns hernieder – immer wieder machte er darauf aufmerksam, dass er alles verloren habe, und dass wir das auch mal erleben sollten.

Ehrlich gesagt hatte sein Auftritt etwas Komisches. Ich habe vor allen Dingen in Begleitung der Polizei (aber auch sonst hier und da) einige Menschen gesehen, die wirklich alles verloren hatten. Deswegen konnte ich die Dramatik in seinen Worten nur mäßig ernst nehmen. Auf der anderen Seite konnte ich mich sehr gut an mich selbst in dem Alter erinnern. Man glaubt tatsächlich allen Ernstes, man hätte alles durch, hätte einen immensen Reifegrad erreicht und bricht zusammen wie ein Kartenhaus, sobald das Leben mal nicht so mitspielt, wie man selbst es gerne hätte. War echt eine tolle Zeit, aber sehr anstrengend. Müsste ich nicht unbedingt noch einmal haben. Ich bin wirklich froh, eine gewisse Altersgelassenheit entwickelt zu haben.

Marcel schaffte es noch einmal, ihn runterzusprechen. Letztlich zog er seiner Wege, die erste Teilstrecke unter dem aufmerksamen Blick meiner Begleiter. Er hatte keinerlei Schwierigkeiten, die Spur zu halten. So kam er dann wohl tatsächlich heil und am Stück zuhause an. Zumindest hörten wir nichts Gegenteiliges mehr.

„Sagte ich eigentlich schon, dass mich das echt ärgert, dass wir diesen Unfallflüchtigen nicht bekommen haben?“

„Ja, Marcel. Mich auch,“ teilte ich mit.

 

 

Zu meinem Bedauern fuhren wir in die Dienststelle, wo ich mir einen Kaffee gönnte. Marcel und Jan teilten sich ihre Berichte auf, ich stand dabei und überlegte, wen ich als nächstes bitten würde, mich mitzunehmen. Der Dienstgruppenleiter kam mit dem Dienststellentelefon in der Hand herein.

„Für dich!“ sagte er und hielt Marcel den Apparat hin.

Marcel meldete sich mit Namen.

Es stellte sich heraus, dass am anderen Ende der Leitung unser Unfallflüchtiger war.
„Ich bin bei einem Kumpel. Ich sag euch aber nicht, wo ich bin.“

Marcel versuchte, ihn zu überreden, in die Dienststelle zu kommen. Vergeblich.

Das Gespräch war ziemlich schnell beendet.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Wachhabende schon die Adresse, von der der Anruf eingegangen war.

Und nein, die Polizei hat nicht irgendwelche geheime Technik zur Verfügung. Wenn man von einem Festnetzanschluss anruft, der seine Nummer mit durchleitet und diese im Telefonbuch steht, ist das keine sonderliche Kunst, eine solche Adresse zu bekommen.

Mit zwei Streifen fuhren wir los an die angegebene Adresse. Zwei der Herren gingen ums Haus, um zu schauen, wo überall Licht war. Es ging mittlerweile hart auf drei Uhr morgens zu, da ist es nicht so nett, alle Hausbewohner rauszuklingeln.

Beim zur Telefonnummer gehörigen Namen reagierte niemand. Dafür ging nach dem ersten Klingeln das Licht aus.

Joah…

Nach einem wieder etwas nachdrücklicheren Klingeln öffnete dann doch jemand.

Wir betraten das Haus.

Natürlich wohnte auch dieser Herr fast ganz oben.

Seufz…

Er öffnete uns die Tür.

„Wir suchen den Herrn X.“

„Den habe ich schon ewig nicht mehr gesehen.“

Die Augenbrauen meiner Begleiter wanderten bis unter den Haaransatz.
„Komisch, der hat gerade von Ihrer Nummer bei uns angerufen.“

„Äh… öhm… also…“

Just in diesem Moment setzte sich ein Aufzug von noch weiter oben nach unten in Bewegung. Ich drückte mich schon mal an die Wand des Treppenhauses.

Oha…

Das dachte wohl auch das andere Streifenteam, denn die beiden stürmten an mir vorbei nach unten.

Bitte, lass es ihn sein…

Marcel und Jan sprachen weiter mit dem Wohnungsbesitzer, aber ich weiß nicht mehr, worum es ging, da ich meine Ohren ganz nach unten richtete.

„Herr X.?“

„Ja?“

STRIKE! STRIKE! STRIKE!

 

Keine zwei Minuten später saß ich auf dem Vordersitz und Herr X. fuhr mit uns zur Dienststelle. Da er in keiner Weise aggressiv war, trotz seiner Vorgeschichte, ging das.

Dort pustete er erst einmal. Freiwillig übrigens. 1,92 Promille.

 

Aus meiner persönlichen Warte ein ganz schön strammer Wert. Aus der Warte diverser Pressemitteilungen der Polizei, die ich zu diesem Thema schon gelesen habe, gar nicht mal so viel.

Übrigens hatte er schon im Streifenwagen in eine Blutprobe eingewilligt.

Wir warteten auf die Polizeiärztin.

Dabei erzählte uns der Herr seine Geschichte. Er hatte tatsächlich wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis gesessen, sich aber seit 10 Jahren nichts mehr zuschulden kommen lassen. Er hatte eine gute Arbeit, für die er allerdings seinen Führerschein brauchte. Deswegen war er auch abgehauen.

Was ein wenig mit seiner recht eigenwilligen Interpretation des Vorfalls in der Straße kollidierte:

„Ich habe die ganze Nacht durchgesoffen, aber ich bin nicht gefahren. Ich bin nur eingeparkt.“

Marcels Einwand, dass einparken auch fahren sei, ließ er nicht gelten.

Natürlich ließ auch hier keinen kalt, dass da jemand Angst um seine Existenz hatte, die er sich sehr mühsam aufgebaut hatte. Aber dafür konnte nun wirklich keiner was, außer ihm selbst. Dass man alkoholisiert sein Auto nicht bewegen sollte ist ja nun auch nicht so neu als Botschaft.

 

Im Flur der Dienststelle entstand plötzlich hektische Aktivität. Einige Beamten liefen im Laufschritt Richtung Streifenwagen.

„Wow“, machte Herr X. „Ihr habt auch einen gefährlichen Job.“

 

Die Polizeiärztin traf ein.

„Ich nehme übrigens ein Medikament, das beim Blutbild so aussieht, als wäre ich auf Methadon. Bin ich aber nicht. Nur, damit Sie das wissen.“

„Wie heißt denn das Medikament?“

Er nannte einen Namen.

Sie sah ihn mit einem freundlich-strengen Blick an.

„Sie wissen aber doch, dass man das nicht mit Alkohol kombinieren sollte, oder?“

Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Er wusste das.

Natürlich hatte er sich selbst in diese Lage gebracht. Trotzdem blöd, wenn gerade alles, was man sich mühsam aufgebaut hat, den Bach runtergeht.

 

Wieder ging es auf dem Flur rund. Mit halbem Ohr bekam ich mit, dass jetzt sogar der DGL mit ausrückte, weil keiner mehr da war.

„Ist das immer so bei euch?“ fragte Herr X.

„Oft.“

„Krass.“

Ja, ich sag ja immer, dass „meine“ Ludwigshafener einen tollen Job machen. Ok, nicht nur „meine“ Ludwigshafener, ich habe noch in keiner Dienststelle schlechte Arbeit präsentiert bekommen. Aber Dienst in Ludwigshafen ist schon sehr speziell. Schön, dass auch der eine oder andere Ludwigshafener Bürger das mal mitbekommt.

 

Nachdem Herr X. verarztet war und seiner Wege gehen konnte, nahm sich die Polizeiärztin kurz Zeit, mich auszufragen. Sie lobte den Verein ausdrücklich. Wir waren uns auch beide einig, dass der Tonfall, den manche gegenüber der Polizei anschlagen, mehr als inakzeptabel ist. Darüber hinausgehende Gewaltakte sowieso.

 

 

Nun näherte die Nacht sich ihrem Ende. Fast alle waren draußen. Jan und Marcel hatten jede Menge Schreibarbeit vor sich. Ich saß eine Weile beim Wachhabenden. Wir waren beide ziemlich müde und schwiegen uns an. Für mich war das vollkommen in Ordnung. Für ihn wohl auch…

 

 

Schließlich kam eine Streife, Max und Lucie, rein, um mich noch für einen Einsatz mitzunehmen. Kollision zwischen Taxi und Laterne. Es gab nur einen geringen Blechschaden. Dieser Unfall war recht schnell aufgenommen. Der Taxifahrer war nicht alkoholisiert und hatte selbst die Polizei angerufen, also ging das ganz schnell.

 

 

„Ich hätte nicht gedacht, dass bei dem Wetter so viel passiert“, sagte der Dienstgruppenleiter abschließend zu mir, als ich ihm die Schussweste aushändigte.

War halt doch ein Tropenregen!

 

Damit war auch diese Nacht wieder zuende und ich ergatterte eine Mitfahrgelegenheit nach Koblenz. Auch nicht schlecht! Danke dafür!

 

Allgemein Demo Verein

Am Ende hatte ich feuchte Augen – Demoeinsatz in Remagen – 18.11.2017

Unsere Polizei hat mir an diesem Tag feuchte Augen verschafft. Unsere Polizei, einige Vereinsmitglieder und weitere Unterstützer.

Mehr helfende Hände als sonst hatte ich beim jährlichen Demoeinsatz in Remagen. Darauf und auf die Reaktionen aus den Reihen der Polizei möchte ich den Schwerpunkt dieses Artikels legen. Dem Einsatzanlass möchte ich nur wenige Worte zum Schluss widmen. Einer demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei Rückhalt zu vermitteln ist als Absage an jede Form des Extremismus deutlich genug.

Mein Einsatz begann, nach dem Einholen der entsprechenden Genehmigungen bei den beiden zuständigen Polizeipräsidenten, mit dem Bestellen der Leckereienspende im Vorfeld. Da wir im Vorjahr zurückgemeldet bekommen hatten, dass der viele Kuchen zusammen mit den Nussecken der Gewerkschaft der Polizei dafür gesorgt hatte, dass der eine oder andere Polizeibeamte sich kurz vorm Zuckerschock befand, wollten wir umdenken. Der Verein heißt schließlich KEINE Gewalt gegen Polizisten e.V.. Also sprachen wir im Verein seit Monaten über Alternativen. Zwei Mitglieder spendeten Geld, damit wir dieses Jahr mit mehr Variationen antreten konnten.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Bäckerei Müller und die Markthalle Remagen für sehr gute Beratung in der Sache. Neben Muffins spendeten wir dieses Mal Laugenkonfekt, Mini-Partystangen und Äpfel. Es kam alles sehr gut an. Zwar haben wir den einen oder anderen Apfel übrig, aber wir üben ja noch. In 20 Jahren haben wir es auf den Apfel und den Muffin genau austariert.wp-monalisa icon

Nach und nach bat ich in der Innenstadt wieder um das Aushängen diverser Plakate. Neben Grund- und Realschule (an dieser Stelle mein besonders herzlicher Dank an die jeweiligen Hausmeister für ihre Unterstützung und natürlich auch an die Schulleitungen) hängten die Kreissparkasse Ahrweiler, die Fahrschule Kühn, die Buchhandlung Hauffe, die Post, die Hubertus-Apotheke, die Graben-Apotheke und die Remagener Markthalle unsere Plakate aus. Um das Aushängen im Schaukasten der Evangelischen Kirche kümmerte sich unsere Schatzmeisterin. Danke auch an das Ordnungsamt für die Genehmigung, Plakate in der Lagerhalle am Bahnhof anzubringen, die ebenalls als Versorgungsstelle für die Bereitschaftspolizei dient.

Zwei Tage vor dem Einsatz machte ich mich daran, die Hundekekse für die Diensthunde zu backen. Unser Schriftführer hatte mir netterweise das notwendige Hackfleisch gekauft. Freitag brachte unser Mitglied Sabine Thumm-Kißling selbst gebackene Muffins – mengenmäßig ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir verteilten diese aber gleichmäßig auf alle Versorgungsstellen, um rüberzubringen, dass die Polizistinnen und Polizisten im Einsatz Sabine wichtig genug sind, sich an den Ofen zu stellen. In der Zeit war ich mit unserem Mitglied Svenja unterwegs, schon einmal Plakate in einigen Versorgungsstellen aufzuhängen und noch letzte Besorgungen zu tätigen.

Die helfenden Hände unseres Schriftführers

Am Einsatztag selbst begann unser Tag um 6:30 Uhr damit, das Auto zu beladen. Dabei halfen der Schriftführer und unser Neumitglied Julia. Um Punkt sieben Uhr fuhren wir vor der Bäckerei vor. Unsere Schatzmeisterin und Nadine stießen dazu. Dadurch waren wir so schnell fertig, dass wir noch ein kleines Frühstück kaufen konnten. So brachten uns später die köstlichen Düfte, die aus den hübschen Geschenkkartons der Bäckerei Müller waberten und die Fensterscheiben beschlagen ließen, nicht ganz so um den Verstand. Unsere Schatzmeisterin fuhr dann erst einmal wieder nach Hause, um mit ihrem Mann zu frühstücken. Für den Rest des Tages blieb sie in Bereitschaft, aber wir konnten ihr einen ruhigen Samstag gönnen.

Wir lagen so gut in der Zeit, dass Nadine, Julia und ich die erste Versorgungsstelle schon bestückt hatten, bevor wir in der Feuerwache um acht Uhr morgens unsere Plakate aufhängen konnten. Zu Nadines und meiner Freude trafen wir dort Polizeibeamte, die uns schon vom Vorjahr kannten. Also brauchten wir gar nicht viel zu erklären und machten uns ans Aufbauen des ersten Tisches.

Im Vordergrund: Sabines selbst gebackene Muffins

Weiter ging es zur Feuerwache. Dort waren schon einige Polizisten und auch Feuerwehrleute emsig am Werk.

Am Streifenwagen ganz links sieht man, wie schattig es war.

Auch hier bekamen wir einen Tisch zur Verfügung gestellt und hängten unsere Plakate aus. Zu meiner Freude begegnete ich dem einen oder anderen, den ich schon mal bei einer Schicht begleiten durfte. Einer der Herren war kürzlich im Einsatz verletzt worden und hatte eine Karte von KGgP bekommen. Er zeigte mir die letzten Narben: „Aber schau mal, kaum noch etwas zu sehen.“

Abgesehen davon machte die Müdigkeit uns ein wenig albern, so dass ich, als wir wieder ins Auto stiegen, das hier vorfand. Danke, Nadine, Du Künstlerin! wp-monalisa icon

Nadine, Du bist echt eine Wolke.

 

Nach einer kurzen Erledigung in der Innenstadt kamen wir noch einmal wieder – ich wusste, dass der Einsatzleiter der Hundeführer kurz an der Feuerwache sein würde. So konnte ich ihm für alle Diensthunde unsere Hundekekse geben. Darauf regierte er mit großer Freude. Hunde sind auch nur Menschen. Und ja, wäre eine Reiterstaffel anwesend, würde Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. auch Möhren spenden.

Nächste Station – Polizeiinspektion. Auch hier lieferten wir einige Leckereien ab – schließlich muss neben dem Großeinsatz auch der normale Dienstbetrieb abgewickelt werden. Da war auch einiges geboten, jedenfalls kam der Wachhabende kaum dazu, ein paar Worte mit mir zu wechseln. Nun blieb nur noch die Lagerhalle am Bahnhof, damit wir unsere letzte Versorgungsstelle der Landespolizei bestücken konnten. Also nix wie los.

Am Bahnhof war es im Vergleich zu sonst deutlich zugeparkter. Offensichtlich waren die Parkverbotsschilder von unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern nur sehr eingeschränkt wahrgenommen worden.

Ein Mannschaftswagen der Polizei hatte sich jedoch ein Plätzchen ganz nah an der Lagerhalle gesucht. Um genau zu sein, den Platz, den ich gern gehabt hätte. Also wurde ich mal kurz ein bisschen dreist und rangierte den Wagen mit unserem Kofferraum genau vor den Bug des Mannschaftswagens – das kurzfristig fassungslose Gesicht des Fahrers im Rückspiegel.

Aus beiden Fahrzeugen stiegen alle aus. Schnell hob ich die Kofferraumhaube, um die beiden Beamten mit dem Anblick unserer Leckereien friedlich zu stimmen. Beide lachten.

Der Beifahrer sagte: „Ich meinte bereits zu meinem Kollegen: ‚Pass auf, da geht gleich der Kofferraum auf und da kommt Kuchen raus!‘ So war es dann auch!“

Ich erkannte den Herrn wieder, der schon im Vorjahr die Schlüsselgewalt über die Lagerhalle gehabt hatte. Nachdem wir uns ausgiebig begrüßt hatten, halfen uns die beiden Herren dabei, unsere Gaben in die Lagerhalle zu tragen.

 

Da ich mittlerweile ein dringendes Bedürfnis verspürte, ging ich auf die an die Lagerhalle angeschlossenen Toiletten. Nach Vollendung meiner Erledigung wusch ich mir die Hände.

Seife?

Suchend schweifte mein Blick umher.

Keine Seife!

Zurück zu meinem Ansprechpartner.
„Habt Ihr eigentlich Seife dabei?“

„Nein! Ist da keine?“

„Nein!“

Unfassbar. Das ging gar nicht. Über mehrere Stunden ohne eine Möglichkeit, sich ordentlich die Hände zu waschen – und das in einer Jahreszeit, in der erste Grippe- und Erkältungswellen um sich greifen…

Da unser Termin bei der Bundespolizei erst um elf Uhr stattfinden würde, blieb uns noch Zeit.

„Wir kommen wieder!“

Mit Julia und Nadine fuhr ich zu einem Supermarkt in der Nähe und beschaffte vier Seifenspender und – wo ich schon mal da war – Desinfektionstücher. Auf Vereinskosten. Damit fuhren wir zurück zum Parkplatz und übergaben das an unseren Ansprechpartner.

„Ihr seid der Wahnsinn!“ war seine Reaktion.

Gerne! Aus unserer Sicht das Mindeste.

 

Schließlich fuhren wir los zur Versorgungsstelle der Bundespolizei. Genau vor der Haustür war ein Parkplatz frei. Manchmal muss man auch Glück haben. Ich glaube, die Idee war auch, dass dort für das Versammlungsgeschehen die Parkplätze frei gemacht werden sollten – aber wir standen ja nur zehn Minuten da.

Wir wurden sehr herzlich empfangen. Offenbar machte unsere Spende Freude. Uns freut es jedenfalls, wenn es gemundet hat.

Bildquelle: Bundespolizei

 

Nun wurde es Zeit, das Auto aus der Stadt zu schaffen. Oder sollten wir doch noch mal versuchen, zur ersten Versorgungsstelle zu kommen und noch etwas nachzulegen? Ok, das wollten wir probieren.

Klappte nicht!

Wir liefen auf zwei Straßensperrungen auf und entschieden, das Auto dann doch aus der Stadt zu bringen. Was uns eine interessante Schleichfahrt hinter einem Streifenwagen einbrachte.  wp-monalisa icon Ist ok. Ich mag solche Aussichten. wp-monalisa icon

Julia musste uns wegen anderweitiger Verpflichtungen verlassen, Nadine und ich gingen wieder zurück in die Stadt. Als erstes besuchten wir noch einmal die Bundespolizei – wir hatten doch glatt die Hundekekse für die Hundeführer beim ersten Anlauf nicht abgegeben. Da die Bundespolizei schon heftig im Einsatz und unter Strom stand, versprach uns eine Polizistin, die Hundekekse weiterzugeben.

Danke! Ihr macht mich stolz.

Anschließend liefen Nadine und ich durch die Stadt, von Versorgungsstelle zu Versorgungststelle. Von einigen mir bekannten Polizisten wusste ich, dass sie in diesem Einsatz stehen würden – ich schaffte auch im Laufe des Tages, jedem von ihnen wenigstens die Hand zu schütteln. Das ist mir auch immer sehr wichtig. Von einigen Bekannten wusste ich es nicht – und freute mich über ein Wiedersehen. Wir lernten viele neue Polizeibeamtinnen und -beamten kennen, die sich interessiert nach unserem Verein erkundigten. Und nicht nur Polizeibeamte…

Zu meiner Freude hörten wir mehrfach, dass sich zunehmend Bürgerinnen und Bürger einfach mal so bei der Polizei bedanken. Einige Gesprächspartner hatten den Eindruck, ein gesellschaftlicher Wandel finde statt. Einige führten es auf den islamistischen Terror zurück, der den Bürgern wieder vor Augen führe, was sie an ihrer Polizei haben. Was immer der Grund ist – wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. können diese Entwicklung nur begrüßen.  wp-monalisa iconHoffen wir, dass sie nachhaltig ist.

Abschließend war noch Zeit für ein gemeinsames Gruppenbild mit den Leuten von der GdP, die ihrerseits im Versorgungseinsatz standen und eifrig Nussecken verteilten. Man beachte das schöne rote Auto im Hintergrund. Sagte ich bereits, dass ich auch großer Fan der Feuerwehr bin?

Wie immer war ich nebenher auf der Jagd nach Symbolfotos. Dabei musste ich einigen Polizisten die Angst vor meinem großen Objektiv nehmen. Bei mir gelten Persönlichkeitsrechte auch für Polizeibeamte. Wie immer sagte ich am Ende des Einsatzes: „Ich bin kaum zum Fotografieren gekommen!“ Und wie immer waren es am Ende dann doch einige brauchbare Fotos.

Wir schauten auch an der Fachhochschule vorbei, wo wir kurz auf eine liebe Bekannte trafen, die im Remagener Bündnis für Frieden und Demokratie aktiv ist. Auch hier schüttelten wir einige Hände.

Auf dem Weg dahin kamen wir einige hundert Meter entfernt an der Aufzugstrecke einer Gegendemonstration vorbei, pünktlich zu dem Zeitpunkt, an dem eine Lautsprecherdurchsage erklang: „Die Polizisten haben Helme auf. Das finden wir nicht gut.“

Da war ich inhaltlich dabei. Ich finde das auch nicht gut, wenn Polizisten ihre Helme aufsetzen müssen. Das heißt nämlich, dass es dann gewisse Anzeichen dafür gibt, dass sie etwas an den Kopf geworfen bekommen könnten. Aus Spaß tun sie das jedenfalls nicht.

Sie sind nämlich nicht zwingend scharf darauf, ihre Helme aufzusetzen. Es wäre also allseits geholfen, wenn man sich als Demonstrant von denen trennen könnte, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nicht gewaltlos ausüben können oder wollen.

Stünde jemand so dicht hinter mir, wie der Demonstrant links außen hinter den beiden Polizisten, würde ich mich reichlich körperlich bedrängt fühlen. Auch nicht nett!

Insgesamt verlief der Einsatz friedlich und endete entsprechend früh. Darüber bin ich sehr froh. Der Verein heißt schließlich KEINE Gewalt gegen Polizisten e.V. Früher als gedacht begannen die Beamten mit dem Abbau. Netterweise halfen uns Polizistinnen und Polizisten an allen Versorgungsstellen einfach damit, unsere Materialien vor die Tür zu stellen. So brauchten wir sie letztlich nur noch schnell einzusammeln.

Bevor ich nun zum Ende des Artikels komme, noch einmal eine kleine Ansage für alle, denen meine Absage an Extremismus in jeglicher Form zu subtil war: Ich lehne Rechtsextremismus ab. Jede Form der Menschenverachtung ist mir zutiefst zuwider. Da ich dem rechten Aufzug aber weitestgehend aus dem Weg gegangen bin, sehe ich nicht ein, wieso ich diesen Leuten in diesem Artikel eine Bühne bieten sollte.

Ganz am Schluss fand ich auf einigen übrig gebliebenen Äpfeln folgende Nachricht vor:

 

WOW!

Davon hatte ich echt feuchte Augen! Ihr seid der Hammer. Ihr und unsere Mitglieder, die mich so tatkräftig unterstützt haben. Ich bin immer noch ganz gerührt, wenn ich dieses Bild sehe.

Zum Abschluss trotzdem noch unser Dank – denn es ist ganz an uns Bürgerinnen und Bürgern, Euch für Euren täglichen Einsatz für uns als Gesellschaft zu danken!

 

Und wie immer zum Abschluss die Pressemitteilung der Polizei dazu:

Versammlungsgeschehen in Remagen

Aktivisten aus verschiedenen politischen Lagern hatten heute zu Versammlungen und Kundgebungen in Remagen aufgerufen und bei der Kreisverwaltung Ahrweiler angemeldet. Aufgabe der Polizei ist es, die von der Verfassung garantierten Grundrechte auf Versammlungsfreiheit zu gewährleisten und Konfrontationen zwischen den rivalisierenden Aktivisten zu verhindern. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, setzte die Polizeidirektion Mayen mehrere hundert Einsatzkräfte in und um Remagen ein.

Um 11:00 Uhr fand an der „Schwarzen Madonna“, einer kleinen Friedenskapelle in der Nähe der Rheinwiesen, ein ökumenischer Gottesdienst statt.

Über den Tag verteilt fanden in Remagen und am Rhein-Ahr-Campus eine Vielzahl von verschiedenen Veranstaltungen statt, welche sich gegen die rechte Gesinnung richteten.

Die Anhänger „Rechts“, ca. 200 Personen, trafen sich ab 12.00 Uhr im Bereich des Güterbahnhofs an der B 9. Die Teilnehmer zogen durch verschiedene Straßenzüge der Innenstadt. Nach einer Kundgebung in der Nähe der Friedenskapelle ging der Aufzug wieder zurück zum Güterbahnhof und endete dort.

Zirka 350 Personen des linken Spektrums suchten heute den Weg nach Remagen. Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Gruppen konnte durch die eingesetzten Polizeikräfte verhindert werden.

Pressemitteilung der Polizeidirektion Mayen vom 18.11.2017

Allgemein Verein

Danke-Polizei-Tag 2017 – Bilanz

Wie jedes Jahr bin ich beim Schreiben dieser Bilanz am Tag danach genau so glücklich wie ich erschöpft bin. Sehr happy und einfach nur müde. Und einfach nur froh,  dass wir daran arbeiten, diesen Tag in Deutschland einzuführen.

Ich höre und lese sehr oft, dass es dieses Tages nicht bedürfe, weil man doch der Polizei täglich danken könne. Den zweiten Teil des Satzes unterschreibe ich zu 100%. Es gibt einen Polizisten, der hat noch eine Mail, die ich vor vier Jahren seinem Dienststellenleiter geschrieben habe, in der ich mich für einen Routineeinsatz bedankt habe. Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer. Mit Sicherheit war ich nicht die einzige Person in all seinen Dienstjahren, bei der er seine Arbeit gut gemacht hat. Offensichtlich war ich aber die einzige Person in all seinen Dienstjahren, die ihm dafür Danke gesagt hat.

Soweit zum Thema, was man nicht alles könnte…

Wir, also der Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., wollen erreichen, dass es dieses Tages tatsächlich eines Tages nicht mehr bedarf, weil das Bewusstsein dafür geschärft wurde, dass man der Polizei nicht nur danken kann – sondern es auch tut. Gerne auch einmal anlasslos, denn selbst wenn gerade keine Polizeibeamtin oder kein -beamter an uns dienstlich tätig wird, so können wir doch noch weitgehend ruhig schlafen, weil diese Menschen rund um die Uhr ihren Dienst für uns verrichten. Sie geben uns Sicherheit, sie helfen uns, wenn wir Opfer werden, sie schützen die Meinungsfreiheit. Selbst wenn man die Polizei 40 Jahre lang nicht zu Gesicht bekommen hat, wie eine Dame, mit der ich mich neulich unterhalten habe, so zeigt das doch, dass diese Dame in den 40 Jahren die Polizei auch nicht bewusst brauchte. Sie lebte 40 Jahre lang sicher und ohne Opfer zu werden. Warum? Weil viele Männer und Frauen ihre Arbeit tun und uns Sicherheit geben. Diese Dame konnte ich überzeugen. Sie sagte schließlich danke, mit einer Postkarte.

Selbst wenn wir mit diesem Tag nichts erreichen außer den leuchtenden Augen unserer Gesprächspartner, die sich freuen, dass da anlasslos Menschen in ihre Dienststelle kommen, um sich für ihren täglichen Dienst zu bedanken – dann ist das schon sehr viel. Mir persönlich bedeutet diese Freude, die wir damit bereiten, jedenfalls eine ganze Menge. Hier eine Auswahl der Worte, die wir im Zusammenhang mit diesem Tag zu hören bekamen:

„Ich weiß, es ist Danke-Polizei-Tag, aber wir wollen Euch für Eure Arbeit danken.“

„Das gibt Rückhalt, dass es Menschen gibt, die versuchen, diesen Tag zu etablieren.“

„Ich hoffe, dass dieser Tag sich einbürgert. Nicht, weil ich unbedingt ein Danke bräuchte, aber etwas mehr Anerkennung wäre schön.“

„Ich lese immer, dass die Mehrheit der Bevölkerung hinter uns steht – zu sehen war davon bisher sehr wenig.“

„Anlassbezogen kommt schon mal ab und zu ein Danke, aber sehr selten. Anlasslos gar nicht. Das freut uns jetzt sehr.“

 

Der Tag selbst

Auch dieses Jahr war Nadine meine Begleiterin für den Tag selbst (und am Tag davor – dazu komme ich noch). Er begann um acht Uhr bei der Bundespolizeiinspektion in Kaiserslautern. Wir wurden herzlich empfangen und bekamen den ersten Kaffee des Tages. Der tat sehr gut, insbesondere, weil der Morgen kalt und neblig angefangen hatte – da ist so eine Tasse Heißgetränk genau das Richtige.

 

Um neun Uhr ging es weiter mit der Polizeiinspektion Kaiserslautern 2, direkt um die Ecke. Der Tag wurde übrigens ab hier von Frau Walz von der Pressestelle des PP Westpfalz begleitet. An dieser Stelle ein herzlicher Dank für die kontinuierliche Abdeckung unseres Einsatzes auf Twitter und Facebook. Ich bin wirklich froh, dass dadurch so viele Polizistinnen und Polizisten sehen konnten, dass wir uns bedanken, und auch viele Mitbürgerinnen und Mitbürger vielleicht auf diese Idee gekommen sind. Danke!

Die Inspektion befindet sich in einem Gebäude mit dem Polizeipräsidium Westpfalz. Dort stieß ein Journalist der Rheinpfalz zu uns, mit dem wir erst einmal zu einem Informationsgespräch zusammenkamen.

Wir bedankten uns bei den Herren der Schutzpolizei sowie beim Kriminaldauerdienst – repräsentiert von den beiden Herren in Zivil links im Bild unten. Meinem Eindruck nach waren alle, die vor Ort im Dienst waren zuerst ein wenig verwirrt, weil sie es nicht gewohnt waren, anlasslos gedankt zu bekommen. Aber zuguterletzt tauten sie auf, als sie merkten, dass wir das ernst meinen. „Wir sind über diese Wertschätzung und Würdigung sehr froh.“

Nach einem weiteren Kaffee ging es von hier zur Polizeiinspektion Kaiserslautern 1. Auch hier war der Empfang sehr herzlich. Mittlerweile hatte sich der Nebel gehoben und die Sonne strahlte von einem tiefblauen Himmel. Hier stieß ein Team des SWR zu uns und drehte einen sehr schönen Kurzbeitrag (ab 10:36), den ich auch abends im Fernsehen gesehen habe. Übrigens an dieser Stelle ein Dank an den SWR für die Erwähnung des Tages auf Facebook!

Auch hier freuten sich die Anwesenden Polizistinnen und Polizisten über unser Kommen. Ein junger Mann dankte mir im Gespräch für eine Genesungskarte, die er einmal vom Verein bekommen hatte.

Insgesamt stieß die Idee des Tages auf positive Resonanz. Unser Ziel ist ja nicht, dass die Menschen NUR an diesem Tag ihrer Polizei danken, sondern dass sie es irgendwann überhaupt einmal tun. Insgesamt kam bei uns an, dass die Arbeit des Vereins Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. bekannt ist und auch gewürdigt wird. „Es ist toll, dass es diese Initiative gibt, hoffentlich etabliert sich der Tag bundesweit.“

Von diesem Ort, an dem die Sonne in den Herzen lachte, ging es zuerst in eine kleine Kaffee- und Kuchenpause:

 

Von hier ging es zur Autobahnpolizei. Auch dort war der Empfang sehr herzlich und unser Danke wurde positiv aufgenommen. Autobahnpolizisten sind in der Regel bei den Bürgern, mit denen sie zu tun haben, willkommen, da sie in einer helfenden Rolle auftreten. Da hören sie schon hier und da mal ein Danke, aber im Großen und Ganzen wird ihre Anwesenheit als selbstverständlich aufgenommen. Wir haben mal stellvertretend gedankt!

 

Von hier ging es nach Kusel, als Landdienststelle ein gewisser Kontrast zu den Dienststellen in Kaiserslautern. Dort herrschte eine hohe Geschäftigkeit bei unserem Eintreffen, da ein kleiner Demoeinsatz anstand und zudem zwei Parteien dort Wahlkampfveranstaltungen abhielten. Dennoch nahm man sich kurz für uns und unseren Dank Zeit. Der stellvertretende Dienststellenleiter bezeichnete unser Engagement als eindrucksvoll und sagte „Das gibt Rückhalt!“ Das tat uns auch gut. Danke!

 

 

Zuguterletzt ging es nach Zweibrücken. Auch dort wurden wir erst einmal misstrauisch beäugt, dann jedoch auf das Liebenswürdigste empfangen. Ich denke, das Lächeln in den Gesichtern der Herrschaften spricht für sich. „Es geht mir nicht darum, dass mir gedankt würde. Aber es ist schön, die Wertschätzung der Bevölkerung, von der ich in der Zeitung lese, auch mal zu erfahren“, sagte einer der Herren. Damit fasste er sehr gut zusammen, worum es mir mit diesem Tag geht.

 

Von dort ging es dann nach Hause.  Egal, wo in Deutschland ich mich befinde – selbstverständlich besuche ich an diesem Tag noch die Polizeiinspektion Remagen. Das ist ein Muss – keine Frage. Dort waren schon wieder alle im Einsatz, bis auf zwei nette Menschen, von denen einer das Foto von uns machte, während der andere Funk und Telefon bewachte.

 

Unsere Mitglieder:

Netterweise waren auch noch andere Mitglieder aktiv. Unser Mitglied Silvia Gutermuth war in Mönchengladbach unterwegs:

 

 

 

Unsere Mitglieder Steffi Poth und ihr Mann waren bei der Polizei in Braunschweig: „Da saßen sechs oder sieben Polizeibeamte m/w hinterm Tresen… das war sooooo unglaublich COOL! Die waren alle so LIEB (obwohl sie still blieben und nur einer sprach) und ich sah in deren Gesichtern, dass sie sich wirklich gefreut haben, so verhalten es auch immer gewirkt haben mag.“

 

Majonna, Mitglied in Berlin:

 

Ein Neumitglied besuchte zwei Dienststellen:

 

 

 

Unser Mitglied Bea Müller besuchte zwei Dienststellen. Vorgesehen waren fünf, bei dreien traf sie aber niemanden an und steckte die Post in den Briefkasten:

Mannheim-Neckarau:

Mannheim-Käfertal:

 

Weitere Mannheimer Dienststellen:

 

Nichtvereinsmitglieder:

Zu meiner großen Freude sind viele Nichtvereinsmitglieder zur Polizei gegangen, um den Danke-Polizei-Tag zu begehen. So viele, dass es viel zu viel wäre, die alle hier aufzulisten. Deswegen nur beispielhaft dieser Besuch hier:

Mein herzlicher Dank an diese Menschen!

 

Rückmeldungen aus der Polizei:

Eine Rückmeldung aus Sachsen:

„Huhu, ich habe gestern aus der Revierpost eure Karte herausgefischt. Schön, dass ihr an uns gedacht habt!“

 

Eine Rückmeldung aus Norddeutschland:

„Danke für die Karte! Toll das es euch gibt!“

 

Polizei Mannheim auf Twitter und auf Facebook:

 

Polizei Mönchengladbach auf Twitter und auf Facebook:

 

Auch ein Dank von der Wasserschutzpolizei war dabei: „Eure Karte kam an. Vielen dank dafür und für eure Arbeit.“

Insgesamt sind wieder 4.800 Karten auf die Reise gegangen, an alle Polizei- und Zolldienststellen der Republik! Dabei wurde ich von einigen Mitgliedern unterstützt. Danke dafür! Ihr seid großartig!

 

Im Vorfeld:

Einige Tage vor dem Danke-Polizei-Tag wurde schon dieses Plakat an einer von uns, Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. gekauften, Plakatwand angebracht:

Schon letzten Sonntag (10.09.) haben einige Mitglieder von uns die Polizeiinspektion Bad Neuenahr-Ahrweiler, der Kreisstadt des Vereinssitzes, besucht. Unglücklicherweise waren auch hier gerade alle im Einsatz, so dass wir zwar unser Foto bekamen, aber niemand mit uns aufs Bild konnte.

 

Mittwoch, den 13.09., war ich zufällig in Linz am Rhein und nutzte die Gelegenheit, mich auch dort für den täglichen Einsatz zu bedanken:

 

Freitag, den 15.09., starteten Nadine und ich gen Süden, weil wir in Kaiserslautern übernachten wollten, um am 16.09. selbst die stressige Autobahnfahrt zu vermeiden, und um schon mal ein wenig Freizeit zu genießen. Da am Weg zu unserer Freizeitgestaltung zwei von mir häufig frequentierte Dienststellen liegen, habe ich mir erlaubt, mich auch dort schon einmal zu bedanken.

PI Ludwigshafen 1:

 

PI Frankenthal:

An dieser Stelle ein herzliches Danke an unser Frankenthaler Mitglied Claudia Berg, dass sie auch dabei war.

Danke auch an den Dienststellenleiter, Thomas Lebkücher, der uns im Zusammenhang mit dem Strohhutfest (das ist ein einmal im Jahr in Frankenthal stattfindendes Volksfest) erzählte, dass dieses Jahr viel mehr Bürger danke gesagt haben als sonst: „Das ist mit ein Verdienst von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ – Ich war an dieser Stelle gerührt und ehrlich gesagt auch ein bisschen stolz – und ich hatte feuchte Augen.

Anschließend genossen wir in der Tat ein wenig Freizeit und besichtigten das Hambacher Schloss, das 1832 beim Hambacher Fest zu einem der Schauplätze früher Demokratiebewegungen in Deutschland wurde. Aus unserer Sicht ein durchaus passender Programmpunkt, wenn man gerade dabei ist, seiner demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei zu danken.

 

 

Von hier ging es nach einem kleinen Schlenker über Frankreich zur Polizeiinspektion Pirmasens. Die Dienststelle umrundeten wir vier bis fünf Mal. Schließlich rief Nadine verzweifelt dort an, weil wir keinen Parkplatz fanden.

„Parken Sie einfach bei uns im Hof!“

Und schon öffnete sich das Gitter!

Danke!

Wir wurden vom Dienststellenleiter, Herrn Bauer, in Empfang genommen. Nachdem er uns erst noch einmal ein wenig über den Verein und unsere Motivation ausgefragt hat, kamen nach und nach einige seiner Mitarbeiter aus dem Einsatz und gesellten sich zu uns. Das Gespräch wurde sehr offen und ausführlich. Vermutlich würden wir jetzt noch reden, wenn Nadine und ich nicht noch einen Folgetermin in Waldfischbach-Burgalben gehabt hätten. Ich komme aber in jedem Fall noch einmal wieder. Pirmasens scheint mir eine Nachtschicht wert.

 

Die Polizeiinspektion in Waldfischbach-Burgalben ist ein recht kleine Dienststelle. Dennoch hielten wir uns da am längsten auf. Der Empfang war sehr freundlich. Ich selbst war ja schon um Ostern herum anlässlich eines Urlaubs in der Pfalz dort gewesen, um den Verein kurz vorzustellen. Dieses Mal war das Willkommen nicht minder herzlich, man hatte uns sogar einen Kuchen besorgt. DANKE!

Wir bekamen die Dienststelle gezeigt, viel über das Dienstgebiet erzählt und machten schon einmal ein Foto. Anschließend, nach dem Schichtwechsel, zeigte uns der Dienstgruppenleiter der Nachtschicht den Gewahrsam, wo wir uns – neben der Toilette einer Zelle – ausführlich unterhielten. Das Gespräch war so spannend, dass wir alle erst im Nachgang merkten, wo wir gestanden hatten.

 

Irgendwann kurz vor dem Tag selbst klappte auch die Plakatwand „um“, d.h. unser Motiv war für eine ganze Weile auf der anderen Seite zu sehen:

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Im Nachgang:

Am 19.09. besuchte ich die Polizeiinspektion Neuwied. Dort war schon jemand vor mir gewesen, der einen viel schöneren Dank abgegeben hat als ich, deswegen gibt es nur ein Foto von seinem Kunstwerk. Das Bild wurde übrigens äußerst liebevoll in einer Plastikhülle am Dienstgruppenschrank aufgehängt:

 

Last but not least besuchten unser Mitglied Andrea Eickhoff und ich noch am 22.09. die Polizeiinspektion Adenau – im selben Landkreis wie der Vereinssitz, aber 50 Minuten mit dem Auto von dort entfernt. Danke für den sehr herzlichen Empfang dort.

 

Unsere Schatzmeisterin Erdmute Wittmann besuchte ebenfalls die Polizei Remagen – offenbar zur Frühschicht. Das ist gut, denn Nadine und ich waren zur Spätschicht da – so hatten zwei Schichten etwas davon!

 

Unser Mitglied Susan Walsh-Nass hat folgende Dienststellen besucht: 16.09.: Polizei Kleve, 18.09.: Polizei Geldern, 19.09. Polizei Neukirchen/Vluyn und am 20.09. Polizei Krefeld-Nord.

Unser Mitglied Michaela B. berichtete Folgendes:
Da ich im Vorfeld zu Besuch in anderen Städten war, habe ich auch dort die örtlichen Polizeidienststellen besucht, um anlässlich des bevorstehenden Danke-Polizei-Tages einen Dank auszusprechen.
  • Am 29. August besuchte ich die Wache Nord in Gelsenkirchen. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Danke-Polizei-Karte hatte, habe ich eine von den allgemeinen Karten mitgenommen. Der diensthabende Beamte war über die Existenz eines Vereins wie den KGGP erstaunt und fragte mich nach meinen Beweggründen dafür, mich auf diese Weise zu engagieren.
  • Am 30. August war ich in der Polizeiinspektion Lüdinghausen. Die diensthabenden Beamten waren sehr erfreut über meinen Besuch und darüber, dass sie einen Dank ganz ohne Grund erhalten. Einen Dank bekomme man normalerweise sowieso nie zu hören, aber auch das respektvolle Miteinander habe insgesamt stark nachgelassen, auch in ländlichen Gebieten. Daher sei jede freundliche Geste besonders willkommen.
  • Am 8. September war ich an der Verkehrspolizeiinspektion Würzburg-Biebelried. Die Pforte war jedoch nicht persönlich  besetzt, sodass ich die Karte in den Postkasten geworfen habe.
  • Am 9. September war ich an der Polizeiinspektion in Kitzingen. Dort war man gerade sehr gestresst, nahm sich jedoch trotzdem ein paar Minuten Zeit für mich. Die Überraschung war groß, dass es überhaupt einen Verein wie den KGGP gibt und dann auch noch einen Danke-Polizei-Tag.
  • Am 13. September stieß ich beim Einwerfen der Karten vor der Post auf eine Streife der Wasserschutzpolizei. Auch diesen sprach ich meinen Dank aus und zeigte ihnen die Karten, die ich gleich einwerfen würde. Sie waren sehr erfreut darüber, dass es eine solche Initiative gibt.
  • Am 16. September suchte ich die Wachen in Nürnberg auf.
    • Zuerst besuchte ich die Polizeiinspektion Nürnberg-Süd. Die beiden anwesenden Polizisten waren zuerst etwas skeptisch, gaben mir jedoch Gelegenheit, über die Arbeit des Vereins zu berichten und gaben anschließend auch einige Einblicke in ihre Arbeit. So berichteten sie, dass es zwar oft Beschwerden gäbe, selten aber einmal einen Dank, weshalb man auch etwas erstaunt über meinen Besuch sei. Schließlich dankten sie mir im Namen der Dienststelle und versprachen, die Dankesbotschaft an die gesamte Dienststelle weiterzuleiten.
    • Anschließend machte ich Halt bei der Bereitschaftspolizei. Dem diensthabende Beamten an der Pforte war der KGGP bislang auch noch nicht bekannt. Er freute sich über meinen Dank dafür, diesen Beruf trotz aller Gefahren auszuüben. Bescheiden erwiderte er, dass ja jeder letzlich immer Gefahren ausgesetzt sei, auch zu Hause könne man sich schließlich tödlich verletzen. Auch half er mir mit einem Tesastreifen aus, um ein Foto von der Karte vor dem Dienststellenschild machen zu können. Er erwies sich somit als ein pragmatisch denkender und handelnder Zeitgenosse, somit genau richtig bei der Polizei :) Er informierte auch seinen Vorgesetzten über meinen Besuch, dieser ließ seinen herzlichen Dank an den Verein ausrichten.
    • Danach besuchte ich die Polizeiinspektion Nürnberg-Ost. Die diensthabenden Beamten waren sehr zurückhaltend, da auch sie noch nie etwas vom Verein Keine Gewalt gegen Polizisten oder vom Danke-Polizei-Tag gehört hatten. Nachdem ich über die Hintergründe berichtet hatte, freuten sie sich jedoch, dass es solche Initiativen gibt.
    • Im Anschluss besuchte ich die Polizeiinspektion Nürnberg-West. Die anwesenden Polizisten nahmen mein Anliegen zunächst etwas ungläubig entgegen, zeigten sich dann jedoch sehr interessiert, und ich bekam Gelegenheit, ausführlich über den Verein und seine Arbeit zu berichten.
    • Als nächstes stattete ich der Polizeiinspektion Nürnberg-Mitte einen Besuch ab. Nach einer kurzen Erläuterung  meines Anliegens durfte ich die Glaspforte passieren und den diensthabenden Beamten „Auge in Auge“ für ihre Arbeit danken. Mir wurden viele Fragen gestellt, auch zu meiner persönlichen Motivation, mich für die Polizei zu engagieren. Die mitgebrachte Karte wurde von allen Anwesenden genauestens inspiziert und man versprach, hierfür einen guten Platz in der Dienststelle zu finden.
    • Abschließend schlenderte ich noch über das Nürnberger Altstadtfest, das an diesem Tag von der Polizei Schwabach gesichert wurde. Insgesamt sprach ich dort mit etwa 10 Polizisten, dankte ihnen für ihre Arbeit und überreichte ihnen jeweils eine Karte. Einige dieser Polizisten kannten den Verein bereits, unter anderem, weil sie schon einmal eine Genesungskarte bekommen hatten. Die anderen zeigten sich sehr an den Hintergründen des Vereins interessiert.
An den Dienststellen in Nürnberg habe ich überall auch noch ein von befreundeten Kindern gemaltes und eingerahmtes Bild hinterlassen, was auf positive Resonanz gestoßen ist. Auch der Polizei Schwabach, die auf dem Altstadtfest Nürnberg anwesend war, habe ich ein solches Bild überreicht.
Insgesamt war es eine schöne, aber auch anstrengende Aufgabe, der Polizei einmal einen Dank auszusprechen. Schön war, dass man die Polizisten auf diese Weise positiv überraschen konnte. Anstrengend war, dass man fast immer zunächst auf eine gewisse Skepsis gestoßen ist. Dies zeigt leider, dass eine explizit  positive Haltung gegenüber der Polizei wohl eher die Ausnahme ist. Ich freue mich, wenn ich durch den Verein und den Danke-Polizei-Tag ein wenig dazu beizutragen kann, diese Situation ein wenig zu ändern.
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Unser Mitglied Bea Müller besuchte noch im Nachgang das Revier Schwetzingerstadt:
Bericht unseres Mitglieds Kerstin Wenninger:
Den Anfang machten unsere Dietenheimer Polizisten :-) Sie hatte dieses Jahr viel Zeit für mich und den Verein. Es entstand ein schönes Gespräch und natürlich der Wunsch das mehr Menschen einfach mal DANKE sagen.
Als nächstes besuchte ich die Polizei in Memmingen – ein etwas kürzeres Gespräch mit Vorstellung des Vereins, aber auch alle sehr freundlich und freuten sich über den Besuch – teilweise kennt man uns aus Facebook :-)
Illertissen war nun dran, wobei wir auf später vertröstet wurden da Sie gerade Stress hatten.
In Weißenhorn kannte man uns noch nicht war aber auch erfreut dass mal jemand DANKE sagt :-) auch hier der Wunsch das dies öfter passieren könnte das jemand einfach mal Danke sagt. Desweiteren bemängelte man die Übergriffe auf Beamte da auch dies erst neulich in der Dienststelle Thema war und zwei Beamte bei einer Widerstandshandlung verletzt worden waren.
Als wir in Senden waren wurden wir fast schon übermäßig begrüßt da der Beamte dort KGgP von Facebook kennt. Wir wurden herein gebeten und bekamen zu trinken wärend wir eine informative Unterhaltung führten :-D
Wieder zurück in Illertissen wurden wir etwas kurz empfangen und konnten gerade noch erklären was wir wollten.
Auf Bitte eines Beamten aus Dietenheim fuhren wir den Polizei Posten in Ulm-Wiblingen an wo leider keiner vor Ort war und wir somit mit dem Briefkasten vorlieb nahmen.
In Neu-Ulm war heute wohl auch viel Stress angesagt da es auch hier recht kurz von statten ging.
Als wir nach Ulm wollten stellten wir fest, dass an diesem Tag der Einstein-Marathon stattfindet und ganz Ulm abgeriegelt ist.
Wir kämpften uns wieder zurück und fuhren erstmal nach Laupheim . Dort wurden wir freundlich begrüßt und man freute sich auch hier über unseren Besuch der auch etwas kürzer war.
In Biberach angekommen wurde ich in den Besucherraum gebeten und der Dienststellenleiter kam persönlich zu mir. Ich meinen geübten Spruch gesagt und schon ging es in ein super tolles Gespräch über. Er kennt die Kartenaktion vom letzten Jahr und freut sich im Namen der Kollegen. Er teilte mir mit, dass ich die Kollegen aus Ochsenhausen eher nicht erreichen kann (einsatzbedingt).
Nach einer kurzen Pause fuhren wir wieder zurück nach Ulm ins Polizeipräsidium. Bedingt durch den Marathon war man dort heute auch sehr kurz, aber die Freude war auch hier groß.
Im Anschluss und mit viel Stau verbunden kämpften wir uns zum Bahnhof um die Bundespolizei Ulm zu besuchen. Ein kurzes, freundliches Gespräch war auch hier da es heute sehr stressig bei Ihnen zugeht. Gefreut hat man sich auch hier :-D

Alles in allem gesehen war die Runde sehr erfolgreich und die Gespräche super :-D Im Prinzip wünschen sich alle das selbe – ein besseres Ansehen in unserer Gesellschaft, mehr Bürger die mal eben nur Danke sagen wollen, mehr Respekt und Anerkennung.

Einen Tag später habe ich den Polizeiposten in Ochsenhausen besucht. Ich hatte Glück, denn die Beamten waren da. Es ist wieder ein wunderbares Gespräch entstanden, wobei auch hier die gewaltbereite und respektlose Gesellschaft zu Sprache kam. Auch diese Beamten würden sich mehr Respekt und Anerkennung wünschen. Das war der letzte Besuch dieses Danke Polizei Tages 2017.
Per Post gingen Karten nach Günzburg, Krumbach, Kempten Polizeipräsidium sowie die Bundespolizei, Lindau BUPO Und Polizeiinspektion und Ravensburg.
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Nadine ging im Nachgang auch noch zur Anlaufstelle GABI in Bonn. Die Herrschaften hatten einsatzbedingt wenig Zeit, aber für ein Danke reichte es.

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Was uns stolz macht:

Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte teilte die Polizei Rheinland-Pfalz unsere Inhalte auf ihrer Facebook-Seite. DANKE!

Was uns außerdem das Herz erwärmt, ist, wenn wir in eine Dienststelle kommen und sehen auf einer Einsatztasche das:

 

Oder auf einem Ärmel in trauter Zweisamkeit dies hier:

Danke dafür!

 

Fazit:

Unsere Polizistinnen und Polizisten leisten jeden Tag für uns alle hochprofessionelle Arbeit. Zeigen wir ihnen, dass wir sie dafür wertschätzen!!! Sicher, man kann mit einem Danke-Polizei-Tag nicht die Besoldungssituation verbessern, man kann keinen Respekt bei jenen erzwingen, die keinen haben, man kann damit nicht mehr Polizisten herzaubern, man kann damit keinen Rückhalt da erzwingen, wo er fehlt und man kann es sicherlich nicht allen Recht machen. Man kann damit allerdings langfristig das gesellschaftliche Klima dahingehend verändern, dass sich diese Probleme leichter anpacken und vielleicht sogar lösen lassen – wenn man denn am Ball bleibt.

Wenn man es ganz ohne Emotionen betrachten möchte, kann man sich sagen, dass die Beziehung zwischen Bürger und Polizist ein Stück weit eine Arbeitsbeziehung ist, in der der Polizist für den Bürger arbeitet. Professionelle Arbeitgeber loben ihre Mitarbeiter regelmäßig. Professionelle Mitarbeiter wissen Lob anzunehmen. Auf dieser sachlichen Ebene waren wir alle hochprofessionell.

Professionelle Menschen schämen sich auch nicht ihrer Gefühle und deswegen möchte ich damit enden, dass ich immer wieder sehr berührt davon bin, wie viel Freude dieser Tag allen Beteiligten immer wieder macht. Allein dafür werden wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. diesen Tag immer wieder begehen.

 

 

 

 

Allgemein Danke-Polizei-Tag Verein

„Danke-Polizei-Tag“ am 16. September 2017

Polizistinnen und Polizisten: „Menschen im Dienst für Menschen“

Der „Danke-Polizei-Tag“ findet 2017 – der angelsächsischen Tradition folgend – am Samstag, 16. September, statt. An diesem „“Say thank you to a police officer day“ sind Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen, „ihre“ Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten auf den Dienststellen aufzusuchen und ihnen für deren Einsatz zu danken.

Einen „Danke-Polizei-Tag“ hat die Vorsitzende des Vereins „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, Gerke Minrath-Grunwald, vor drei Jahren erstmals initiiert. In den Jahren 2015 und 2016 folgten weitere Aktionen in den Bereichen der Polizeipräsidien in Mainz und Rheinpfalz. Und dieses Jahr wird dieser besondere Tag beim Polizeipräsidium Westpfalz stattfinden. Auftakt dazu war die heutige Pressekonferenz in Kaiserslautern, an dem der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz teilgenommen hat, der Schirmherr des „Danke-Polizei-Tages“ ist, sowie der Behördenleiten des Polizeipräsidiums Westpfalz, Michael Denne, sowie die Vereinsvorsitzende Gerke Minrath-Grunwald.

Polizeipräsident Michael Denne machte in seinem Statement deutlich, dass die allermeisten den Polizeiberuf gewählt hätten, weil sie anderen Menschen helfen wollen. Polizistinnen und Polizisten seien Menschen im Dienst für Menschen, stellte er heraus. Dass sie dabei respektlos behandelt, beleidigt oder manchmal schwer verletzt werden, könne nicht hingenommen werden. „In den Polizeiuniformen stecken Menschen – Frauen und Männer mit Gefühlen und Verletzlichkeit!“, konstatierte er.

Seit Jahren stellt die Polizei bundesweit und landesweit einen permanenten Anstieg von Gewaltdelikten unterschiedlichster Art und Weise gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten fest. Auch in der Westpfalz ist die Anzahl der Straftaten gegen Polizeikräfte in den letzten Jahren gestiegen.

Mit dem „Danke-Polizei-Tag“ könne man gut ein Signal gegen die steigende Respektlosigkeit und die zunehmende Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten setzen, das sei seine Überzeugung, so der Polizeichef. Dieser Tag sei eine tolle Sache: Bürgerinnen und Bürger könnten auf diesem Wege mit ihrer Polizei ins Gespräch kommen und die Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte erhielten ein Dankeschön, ein Zeichen der Wertschätzung ihrer Arbeit. Michael Denne bedankte sich herzlich für das Engagement der Initiatorin, Gerke Minrath-Grunwald, und allen Mitgliedern ihres Vereins.

Innenminister Roger Lewentz, Schirmherr des „Danke-Polizei-Tages“ 2017, stellte heraus, dass man den Einsatz der Vorsitzenden des Vereins „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. gar nicht hoch genug einschätzen könne. Ein großes Dankeschön richtete er an alle, die die Zielsetzung des Vereins mittragen.

„Ich freue mich, wenn Bürgerinnen und Bürger hinter unserer Polizei stehen!“, so der Minister. Der größte Teil der Bevölkerung habe Vertrauen in die Polizei und stehe hinter ihr. Sie sei nicht der Fußabstreifer der Nation. Seit Jahren sei eine konstant hohe Zahl von Angriffen auf Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte auch in Rheinland-Pfalz zu beklagen: In 2016 seien insgesamt 2.421 Straftaten registriert worden, darunter 1.398 Gewaltdelikte, wie Körperverletzungen oder Widerstände sowie 1.023 Beleidigungen. Dies bedeute eine Steigerung von beinahe 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Um unsere Polizistinnen und Polizisten besser zu schützen, seien Investitionen getätigt worden, und zwar in die polizeiliche Schutzausstattung sowie in Aus- und Fortbildung. Beispielhaft nannte Roger Lewentz den landesweiten Einsatz von Bodycams oder die Beschaffung von Titanhelmen.

Gerke Minrath-Grunwald stellte ihren Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ vor, der zurzeit 130 Mitglieder zähle. Genau zwei Ziele verfolge ihr Verein: „Gewalt gegen Polizei: Wir wollen, dass darüber gesprochen wird! Und außerdem wollen wir den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten Rückhalt geben.“, erklärte die Vorsitzende die hehren Ziele.

Einblicke in den Polizeialltag, insbesondere im Umgang mit Gewalt gegen Polizeikräfte, hatten der Leiter der Polizeiinspektion 1 in Kaiserslautern, Polizeirat Thorsten Mayer, und Polizeioberkommissar Ben Witthaus, ein erfahrener Polizist im Wechselschichtdienst, der seit Jahren in der Kaiserslauterer Altstadt unterwegs ist, geben können. Dabei wurde herausgestellt, dass der Faktor ALKOHOL eine zentrale Rolle bei der Gewaltbereitschaft und -ausübung spiele. Die Gesprächsrunde mit den beiden Polizeibeamten führte die Leiterin der Pressestelle, Kriminalhauptkommissarin Angela Walz.

Bildquelle: PP Westpfalz

Am Ende der Pressekonferenz waren sich alle einig: Ein großartiges Engagement im Ehrenamt, das gar nicht hoch genug geschätzt werden kann, so wie es Innenminister Roger Lewentz heute treffend formulierte.

PM des PP Westpfalz vom 01.09.2017

Allgemein Schusswaffengebrauch Trauriges Verein

Forderungen nach Respekt und Schusswaffengebräuchen – in einem Atemzug?

Aus gegebenem Anlass hier noch einmal eine Erläuterung, für WEN wir unsere Arbeit machen – sei es auf Facebook, auf Twitter oder sei es der Löwenanteil unserer Arbeit außerhalb der sozialen Netzwerke (aka Realität).

In allererster Linie machen wir das hier, um jenen Polizistinnen und Polizisten, die Gewalt erleben mussten, Rückhalt aus der Bevöökerung zu signalisieren.

Darüber hinaus geben wir auch gerne Rückhalt an Polizeibeamte generell – für die fantastische Arbeit, die sie für uns alle tun.

Last but not least können sich auch unsere Vereinsmitglieder auf unseren Internetpräsenzen informieren, was so im Verein läuft.

Die erste genannte Gruppe ist jedoch prioritär – der Name des Vereins gibt da auch einen gewissen Hinweis. Entsprechend interessieren uns vorrangig deren Gefühle.

Ein Mensch (oder mehrere) wurde im Dienst an uns als Gesamtgesellschaft verletzt. Eine Organisation, die sich gegründet hat, um in solchen Fällen Rückhalt zu geben, hat eine Facebook-Seite / einen Twitter-Account. Auf diese schaut dieser Mensch dann… und muss zur Kenntnis nehmen, dass dort fröhlich mehr oder minder berufene Menschen ausführlich darlegen (zum Glück ist Twitter durch die Begrenzung auf 140 Zeichen da nicht ganz so intensiv, aber gruselig genug), was er alles falsch gemacht haben soll. Menschen, die bei dem Einsatz nicht einmal dabei waren und in nicht wenigen Fällen ganz eindeutig keine blasse Ahnung von Polizeiarbeit haben. Aber Hauptsache, mal einem Opfer von Gewalt öffentlich deutlich machen, dass es selbst einfach zu doof war.

Am besten packt dann noch mindestens ein Schlauberger (allerdings ist auch hier eine steigende Tendenz erkennbar) eine Forderung nach einem Schusswaffengebrauch hinzu, mit einem Hinweis darauf, dass es anders ja wohl nicht mehr ginge.

Früher hatten wir häufig das Problem, dass nach Schusswaffengebräuchen den Polizisten erklärt wurde, was sie stattdessen  hätten tun sollen (von Leuten, die keinen Fatz mehr Ahnung hatten als jene, die heute bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach einem Schusswaffengebrauch schreien), um das zu vermeiden. Heute ist es umgekehrt.

Geht es eigentlich noch? Wo leben solche Menschen eigentlich? Im Fernsehen, in irgendwelchen Actionserien, wo irgendwelche Typen (deren Sozialkompetenz mir vielfach äußerst fragwürdig erscheint) reihenweise Leute umnieten ohne einen Hauch von Gewissensbissen zu verspüren?

Leute, werdet mal erwachsen. Die Realität ist eine andere. Ein Schusswaffengebrauch gegen einen Menschen ist kein Spaziergang. Manche der Betroffenen gehen danach durch ein wahres Martyrium.

Wer sowas leichtfertig fordert, verübt Gewalt gegen Polizisten – in einer sehr heftigen Weise.

Aber das ist diesen Leuten wohl egal. Man selbst muss es ja nicht machen. Hauptsache, mal wieder irgendwas in eine Kommentarspalte gekotzt…

Abgesehen davon, dass die betroffenen Beamten kompetent genug sind, sowas selbst zu entscheiden. Wenn sie sich gegen die Ultima Ratio, das letzte Mittel, entschieden haben, dann haben sie sich dagegen entschieden. Und das ist dann, verdammt noch mal, zu respektieren.

Ich kann jedenfalls nur noch müde lächeln, wenn da jemand „Respekt“ einfordert, der selbst auf diese Weise Respektlosigkeit demonstriert – gegenüber den Polizisten, die er auf derartige Weise belehrt, denen er eine derartige Entscheidung aufzwingen will und letztlich auch gegenüber dem Gewaltmonopol, um das er sich vorgeblich solche Sorgen macht.

Für diese Menschen noch ein Rat, bevor sie blockiert werden: Fangt mal bei Euch selbst an mit dem Respekt!

Das gilt übrigens auch für sämtliche Pöbeleien an UNSERE Adresse im Zusammenhang mit diesem Post. Es hat auch etwas mit Respekt zu tun, sich zu informieren, was eine Institution eigentlich will, der man das Leben erklärt – und für uns steht das Gewaltmonopol genau so wenig zur Disposition wie die Tatsache, dass die Polizistinnen und Polizisten, für die wir das tun, bei uns an erster Stelle stehen.

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Die Nachtschicht, die tierisch schön anfing und dann… – Nachtschicht in Frankenthal

Es begann damit, dass ich schon wieder zu spät kam. Dieses Mal hatte die Bahn das allerdings ganz allein geschafft, ohne Personen im Gleis.

Die Polizei Frankenthal hatte zu Beginn der Nacht eine Streife zur Verstärkung nach Speyer entsandt. Entsprechend viel war für die übrigen Beamten zu tun und entsprechend kam ich im Laufe der Nacht fast nicht zum twittern.

Thomas holte mich am Bahnhof ab, der passenderweise am Weg zu einem Einsatzort lag, an dem schon Edu und Lukas warteten. Kurze Begrüßung, dann widmeten wir uns alle dem anstehenden Einsatz: ein hilfloses Lebewesen!

Die drei Polizisten umstellten es. Da es kein allzu großes Lebewesen war, half ich beim Umstellen. Zugreifen wollte ich allerdings nicht, denn es war scharf bewaffnet und ich besitze nach wie vor keine schnittfesten Handschuhe.

Schließlich, in einem günstigen Moment, packte Lukas zu.

Zum Dank wurde er erstmal ordentlich in den Finger gebissen. Zum Glück und dank seiner Handschuhe tat es aber nur weh, keine weiteren Verletzungen. Lukas gewann… unter heftigem Widerstand und unter Verlust seines Handschuhs, den das Wesen keinesfalls mehr hergeben wollte.

Gewalt gegen Polizisten vor meinen Augen… und ich konnte dem Täter nicht einmal böse sein. So ein niedliches Kerlchen…

Hintergrund ist, dass der Polizei ein flugunfähiger Papagei gemeldet worden war. Da sich die Tierrettung gerade in der Südpfalz befand und die Polizei zufällig gerade Zeit hatte, hat sie den Fall übernommen. Tatsächlich konnte der kleine Kerl nicht fliegen.

Transportiert wurde er in einem leeren Kopierpapierkarton. Sag noch einer, unsere Polizisten seien nicht praktisch veranlagt.

Den Handschuh hat er übrigens tatsächlich wieder rausgerückt. Allerdings erst nach einer Fahrt im Karton auf meinem Schoß.

Schließlich kam der kommunale Vollzugsdienst in die Dienststelle, um den Gast abzuholen und in ein Tierheim zu bringen.

Es handelt sich bei diesem hübschen Tierchen um einen Halsbandsittich, die teilweise tatsächlich in Deutschland mittlerweile heimisch geworden sind. Es ist also sowohl möglich, dass er jemandem entflohen ist, oder dass er tatsächlich in freier Wildbahn lebt. Wie auch immer, flugunfähig in einer Hecke kann er in keinem Fall lange überleben.

 

In der Dienststelle wurde mir dann erstmal eine Schussweste organisiert – die auch vor meiner Abfahrt nach Hause irgendjemand wieder weggeräumt hatte – noch mit dem Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.-Patch drauf und dem Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.-Kuli drin. Ich hoffe, dem Eigentümer hat’s gefallen. 😉 Danke dafür!

Thomas hatte in seiner Freizeit beim Surfen im Internet einen Post gefunden, in dem ein Frankenthaler Facebook-Nutzer den Diebstahl seines Fahrrads beklagte – garniert mit einem Foto dieses Fahrrads. Bei Thomas hatte es sofort Klick gemacht – im Keller der Polizeiinspektion befand sich ein Fundfahrrad, das dem Gesuchten glich. Also bat er seine Kollegin Julia doch mal bitte schnell die Rahmennummer des Fundfahrrades mit der im Internet abgebildeten Nummer zu vergleichen.

Strike!

„Bitte melden Sie sich bei der Polizei. Ihr Fahrrad kann gegen einen Eigentumsnachweis ausgehändigt werden.“

Dieser Brief würde noch im Laufe der Nacht zugestellt werden.

 

Vorher kam aber noch ein Notruf rein – ein Vogel würde auf einer Garage sitzen und laut schreien. Hm…

Also sprangen Edu, Lukas und ich in ein Auto und los ging es. Am angegeben Ort eingetroffen, hörten wir tatsächlich lautes Schreien. Allerdings war der besagte Vogel umgezogen – auf eine Kirche.

„Da klettere ich jetzt aber nicht hoch“, fasste einer meiner beiden jungen Herren exakt zusammen, was ich dazu dachte.

Sehr vernünftig, der junge Mann!

„Ja, ich denke, wir können dann abrücken“, sagte Lukas.

„Ja, aber…“, warf ich ein…

Da war doch was?

„Aber?“

„Von da kommen auch solche Rufe. Oder?“

Ich zeigte in den kleinen Park gegenüber.

Oder war das ein Echo?

Wir querten die Straße. Meine beiden Herren, im Unterschied zu mir vollständig ausgestattet, also auch mit Taschenlampen, suchten ein Gebüsch ab. Ich lief einen Parkweg entlang, weitestgehend unbeleuchtet, und schwankte zwischen Erleichterung, die Polizei in meiner unmittelbaren Nähe zu wissen, und dem Unwohlsein, selbige gerade möglicherweise für nichts zu beschäftigen. Allerdings hatte ich mich auf mein feines Gehör immer verlassen können.

Unschlüssig blieb ich stehen. Neben einem Baumstumpf. Zumindest sah es im Dunkeln so aus.

Ich drehte mich um. Hatte mich wohl doch verhört.

Plötzlich…

Hilfe!

Der Baumstumpf zuckte.

Halluzinationen?

Ich nehm doch gar keine Drogen…

Der Baumstumpf zuckte noch einmal.

„Hier“, rief ich. Einen Tacken zu laut. Ein bisschen erschrocken war ich durchaus.

Meine beiden Herren eilten herbei. Im Kegel ihrer Taschenlampen entpuppte sich der Baumstumpf als kleine Eule, die uns verschreckt anstarrte.

Aaaaawwwww….

Während ich meine Muttergefühle bändigte, holte einer der beiden Herren den nächsten Kopierpapierkarton aus dem Streifenwagen.

Da Lukas bereits Übung erworben hatte, fiel ihm die Ehre zu, die kleine Eule in den Karton zu komplimentieren. Auch sie gewann eine Fahrt auf meinem Schoss zur Dienststelle, wo das Ordnungsamt für eine fliegende Übergabe auf uns wartete. Dieses Mal ohne einen Handschuh als Beute.

Übrigens war es eine junge Waldohreule.

Ich nehme an, die Eule auf der Kirche war die Mutter gewesen. Für einen Augenblick überkamen mich Zweifel, ob es richtig gewesen war, die Kleine mitzunehmen. Andererseits – wie soll die Mutter ihr Baby großziehen, wenn es auf einer Rasenfläche in einem vielbesuchten Park sitzt? Das kann nicht gut gehen. Nicht in einer Gesellschaft, in der das Mitgefühl mit anderen Lebewesen derart rapide absinkt wie in unserer…

Ich dachte schon, es würde eine Nacht der Tiere werden. Als nächstes wurden Edu, Lukas und ich aber zu einem Fahrzeug geschickt, das Anwohnern verdächtig vorkam.

Ich glaube, wir alle dachten zuerst daran, dass da eine Wohngegend zwecks eines späteren Einbruchs ausbaldowert werden sollte. Also nichts wie hin.

Tatsächlich stand da ein Auto, darin ein wartender Mann. Ich kann den Finger nicht drauflegen, aber irgend etwas daran war komisch. Das witterten auch die beiden jungen Männer, mit denen ich unterwegs war.

Der Mann wies sich aus. Gegen ihn lag nichts vor. Nach einigem Herumgedruckse ließ er uns dann wissen:

„Wissen Sie, ich warte hier sozusagen privat. Meine Frau sollte davon nichts wissen.“

Oha.

Sofort unterzog ich unseren Streifenwagen einer genauen Musterung, in dem verzweifelten Versuch, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten. Jetzt bloß nicht Lachen. Es klappte!

Später, bei der Rückfahrt in die Dienststelle, stellte sich heraus, dass wir alle drei sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten, auf wen nun genau der Mann gewartet hatte. Es wurden eine Prostituierte, eine Frau aus der Nachbarschaft, die ihrem Partner fremdgeht, sowie ein Mann aus der Nachbarschaft ins Spiel gebracht. Mutmaßlich lag die Wahrheit noch einmal woanders – womit der Wunsch des Mannes nach Diskretion in jeder Hinsicht erfüllt sein dürfte. Nicht mal die Polizei weiß, was er nun genau da gemacht hatte. Klar war nur, dass es ihm äußerst unangenehm war, darauf angesprochen zu werden.

 

In der Dienststelle war mittlerweile die Streife, die in Speyer ausgeholfen hatte, wieder eingetroffen, Tim und Marvin.

Lukas begrüßte Tim mit einem fröhlichen:

„Also wir haben schon zwei Vögel eingefangen, und ihr?“

„Wir haben einen Einbrecher gefangen.“

 

„Römerberg-Heiligenstein- 13.05.2017, 19:55 Uhr: Durch einen aufmerksamen Zeugen wurde der Speyerer Polizei mitgeteilt, dass gerade mehrere Personen versuchen, in ein Einfamilienhaus in der Straße Im Gässel einzubrechen. Die Örtlichkeit wurde umgehend mit starken Polizeikräften aufgesucht. Bei Eintreffen der Polizei flüchtete ein Täter zunächst über mehrere Gärten. Im Rahmen der Fahndung wurden dieser sowie ein weiterer Tatverdächtiger im Nahbereich mit völlig durchnässter Kleidung im strömenden Regen festgenommen. An der Terrassentür des Einfamilienhauses wurden im Rahmen der Spurensicherung mehrere Hebelmarken festgestellt. Bei den Festgenommenen handelt es sich um zwei Männer im Alter von 20 und 22 Jahren mit festem Wohnsitz in Germersheim.“ (Pressemitteilung der PI Frankenthal vom 14.05.2017)

Super gemacht, übrigens! Danke!

 

Für den nächsten Einsatz fuhr ich bei Tim und Marvin mit. Ein abgängiger Jugendlicher war deutlich zu spät in seiner Unterbringung eingetroffen. Ein Heim, das auf schwer erziehbare Jugendliche spezialisiert ist.

Hier war nun ein erzieherisches Gespräch mit der Polizei gefragt.

Tim: „Und? Wo warst du?“

Jugendlicher: „Bei einem Freund.“

„Was hast du da gemacht?“

„Darf ich nicht sagen.“

„Und auf den hörst du?“

Offensichtlich tat er das, denn das Gespräch erwies sich als wenig zielführend. Immerhin scheint es wenigstens insofern gewirkt zu haben, dass die Polizei im Laufe dieser Nacht nicht noch einmal wiederkommen musste – was Tim ihm unmissverständlich in Aussicht stellte, sollte er nicht ab sofort den Anweisungen seiner Erzieherinnen Folge leisten.

 

Noch während ich dabei war, mir in meinem Notizbuch diesen Einsatz in Stichworten festzuhalten, brachte Tim plötzlich den Wagen zum Stehen.

Hm?

„Kleinniedesheim – In der Nacht von Samstag auf Sonntag, um 00:20 Uhr wurde ein 29-jähriger Pkw-Fahrer aus dem Landkreis Alzey in Kleinniedesheim einer Verkehrskontrolle unterzogen. Bei dem 29-Jährigen konnte Alkoholgeruch in der Atemluft festgestellt werden. Ein vor Ort freiwilliger durchgeführter Atemalkoholtest ergab eine Atemalkoholkonzentration von 0,53 Promille. Mit dem Pkw-Fahrer wurde auf der Polizeidienststelle ein gerichtsverwertbarer Atemalkoholtest durchgeführt. Dieser ergab eine Atemalkoholkonzentration von 0,27 mg/L. Da bei dem 29-Jährigen mehr als 0,25 mg/L Alkohol in der Atemluft festgestellt werden konnte, wurde gegen den unter Alkoholeinfluss stehenden Fahrzeugführer ein Ermittlungsverfahren wegen Trunkenheitsfahrt gem. §24a StVG eingeleitet. Gegen ihn kann Geldbuße bis zu EUR 3000,- verhängt werden.
Der Einfluss von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln stellt eine Hauptunfallursache dar. Wer berauscht fährt, gefährdet nicht nur sich, sondern auch andere.Wir wollen, dass Sie sicher leben – Ihre Polizei Frankenthal.“ (Pressemitteilung der PI Frankenthal vom 14.05.2017

Später in der Dienststelle fragte ich nach:

„Wie hat der sich eigentlich für die Kontrolle qualifiziert? Das habe ich gar nicht mitgekriegt.“

„Zu schnell gefahren. Quasi auf zwei Reifen um die Kurve.“

Oha…

Allerdings war der Herr einsichtig, was in meinen Augen für ihn spricht.

 

Nächster Einsatz: Tim, Marvin und ich machten uns auf den Weg, um den zu Beginn der Nachtschicht verfassten Brief an den Mann, der sein Fahrrad vermisste, zuzustellen. Natürlich, weit nach Mitternacht, war der Plan nicht, dort zu klingeln, sondern ihn einzuwerfen.

Die Anfahrt wurde bereits wenige hundert Meter von der Dienststelle entfernt unterbrochen:

„Frankenthal – In der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen 01:35 Uhr wurde die Polizei zunächst zu einer Ruhestörung an der Andreas-Albert-Schule in Frankenthal gerufen. Auf der Anfahrt konnten die Verursacher der Ruhestörung grölend in der Johann-Klein-Straße festgestellt und kontrolliert werden. Es handelte sich um fünf Heranwachsende aus Frankenthal und Heßheim. Durch eine weitere Polizeistreife konnte in der Nähe ein beschädigtes Fahrrad aufgefunden werden. Die Heranwachsenden gaben zwar zu das Fahrrad über die Straße geschoben und dort hingeworfen zu haben, jedoch hätten sie es nicht beschädigt. Gegen die Heranwachsenden wird nun wegen Sachbeschädigung ermittelt. Der Eigentümer des beschädigten Fahrrades konnte nicht ermittelt werden. Das Fahrrad wurde zunächst sichergestellt. (Pressemitteilung der PI Frankenthal vom 27.05.2017)

Während sich Lukas und Edu um die drei Herren kümmerten, suchten wir das zerstörte Fahrrad – und wurden fündig.

Nach erfolgter Personenkontrolle der drei Verdächtigen gesellten sich Edu und Lukas zu uns, um die gewonnenen Informationen auszutauschen.

Während dieses Gespräches machte ich wieder einige kleine Beobachtungen. Beispielsweise ein KFZ, dessen Fahrer sichtlich in die Straße einbiegen wollte, in der wir gerade standen. Sogar der Blinker war gesetzt. Blinker einziehen! Vollbremsung! Abdrehen!

Da hat wohl jemand eine ganz andere Einstellung zu Blaulichtaufläufen als ich…

Ebenso passierte uns eine auffällige Person. Ein Mann, der trotz der mäßigen Temperaturen Flipflops trug – und ein Fahrrad schob. Nun halte ich persönlich Flipflops nicht für optimale Radfahrkleidung… aber erstens sind sie nicht verboten und zweitens fuhr er ja nicht.

Schließlich kam auch Thomas – mit einem Transporter. Anders ließ sich das Fahrrad mit der beeindruckenden Acht im Hinterrad nicht mehr zur Dienststelle befördern.

 

Während Thomas noch mit Lukas und Edu Informationen austauschte, machten Tim, Marvin und ich uns auf den Weg, endlich den Brief zuzustellen. Dieses Mal kamen wir exakt 200 Meter weiter, denn:

„Frankenthal – Am Sonntagmorgen gegen 02:00 Uhr konnte in der Albertstraße ein Fahrradfahrer kontrolliert werden, der erheblich unter Alkoholeinfluss sein Fahrzeug führte. Der 40-jährige Fahrradfahrer aus Frankenthal fuhr zuvor in Schlangenlinien, weshalb er einer Kontrolle unterzogen wurde. Ein freiwilliger Atemalkoholtest bestätigte den Verdacht. Der Fahrradfahrer hatte eine Atemalkoholkonzentration von 2,4 Promille.
Gegen den 40-Jährigen wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Trunkenheit im Straßenverkehr gemäß § 316 StGB eingeleitet und eine Blutprobe entnommen. In den letzten Tagen und Wochen fallen immer wieder Fahrradfahrer mit hohen Alkoholwerten auf, welche sich der Folgen nicht bewusst sind. Nach derzeitig geltender Rechtsprechung gilt ein Fahrradfahrer ab einem Alkoholwert von 1,6 Promille als absolut fahruntüchtig und macht sich nach § 316 StGB strafbar. Bereits mit einem Alkoholwert zwischen 0,3 Promille und 1,59 Promille ist eine Strafbarkeit nach § 316 StGB möglich, wenn eine „relative Fahruntüchtigkeit“ vorliegt. Ein Fahrzeugführer ist, im Gegensatz zu der „absoluten Fahruntüchtigkeit“ ab 1,6 Promille, „relativ Fahruntüchtig“ wenn zu der Alkoholisierung eine sogenannte Ausfallerscheinung, wie z.B. das Fahren in Schlangenlinien oder die Verursachung eines Verkehrsunfalls hinzukommt.
Eine Entziehung der Fahrerlaubnis durch die Fahrerlaubnisbehörde ist auch dann möglich, wenn ein Führerscheininhaber alkoholisiert mit einem nicht führerschein-pflichtigen Fahrzeug, z.B. einem Fahrrad, am öffentlichen Straßenverkehr teilnimmt und sich hieraus Hinweise auf eine Nichteignung zum Führen von Kraftfahrzeugen ergeben.“ (Pressemitteilung der PI Frankenthal vom 14.05.2017

Muss ich gesondert erwähnen, dass es der Herr von eben mit den Flipflops war? Und dass er seine Schlangenlinien unter Ausnutzung der gesamten Fahrbahnbreite vor dem Streifenwagen zog? Übrigens gerade mal 100 Meter von seiner Haustür entfernt, wie wir später feststellten, als wir mit ihm seine Papiere holten, die er nicht dabeihatte.

Keine sonderlich schlaue Idee, wissend, dass die Polizei mit zwei bis drei Fahrzeugen in der gleichen Straße steht…

Thomas war mit seinem Transporter noch gar nicht zurück zur Dienststelle gekommen und gesellte sich zu uns.

Tim und Thomas versuchten, den Mann zu überzeugen, sein Fahrrad an einem Zaun anzuschließen, damit es nicht gestohlen werden könnte. Allerdings war er deutlich zu betrunken, um dem Ansinnen der beiden folgen zu können. Als er es dann endlich verstand, stellte sich heraus, dass er gar keinen Schlüssel für das Schloss hatte. Übrigens ein Schloss, das nicht wirklich weiterhelfen würde… aber lassen wir das.

Letztlich entschied Thomas, das Fahrrad ebenfalls in den Transporter zu laden, damit es bei der Polizei sicher untergebracht werden kann. Meine Versuche, ihm dabei zu helfen, waren nicht wirklich effizient – aber lustig.

Letztlich packten Tim und Marvin den Mann in unseren Streifenwagen, mich auf den Vordersitz und mit einem Umweg über seinen Wohnsitz wegen der Papiere ging es zurück in die Dienststelle. Es sei dabei nur am Rande bemerkt, dass ich allein vom Einatmen der Luft im Wagen vor dem Herrn schon gefährlich nahe an einen eigenen Alkoholrausch herankam.

 

Kaum in der Dienststelle angelangt, schlug schon der nächste Einsatz ein. Da Tim bereits angefangen hatte, sich um unseren Betrunkenen zu kümmern, fuhr Thomas mit Marvin (und mir auf dem Rücksitz) raus. Lukas und Edu kamen ebenfalls zum Einsatzort.

Es ging um einen Randalierer vor einer Bar, der vor dieser bereits zu Boden gebracht worden sein sollte.

Oha!

Tatsächlich befand sich bei unserem Eintreffen ein ziemlich kräftig aussehender Mann auf dem Boden. Seine Aggressionen waren mit Händen zu greifen. Der Fairness halber darf hier allerdings nicht verschwiegen werden, dass ihm ein anderer Mann verbal heftigst an die Wäsche ging und ihn auf das Übelste provozierte. Mir wird sich wohl nie erschließen, warum man noch Hohn und Spott über jemandem ausgießen muss, den man bereits körperlich besiegt hat.

Meine vier Herren brachten erst einmal Ruhe in die Lage, Marvin hielt den aggressiven Herrn erst einmal weiter unten. Auch wurden ihm Handschellen angelegt, damit die Lage nicht weiter eskalierte. Zeitgleich wurde seinem Gegner deutlich gemacht, dass er sich jetzt auch zurückzuhalten habe.

Ich stand mit dem Rücken zum Streifenwagen, beobachtete, und versuchte ansonsten nicht im Weg zu sein.

Nachdem Ruhe eingekehrt war und es möglich war, herauszufinden, wer nun wer war und was genau passiert war, stellte sich die Sachlage folgendermaßen dar:

Die Frau des Mannes, der gerade am Boden gehalten wurde, hatte sich mit ihren Freundinnen einen schönen Abend in der Bar machen wollen. Wie es heutzutage so üblich ist, wurde innerhalb dieser Bar über Soziale Netzwerke kommuniziert (warum auch sich persönlich ansprechen, das wäre doch zu einfach?) und die Frau wurde vom Sohn des Inhabers gefragt, wie es ihr denn in der Bar gefiele. Ich habe gesehen, was da geschrieben wurde, aus meiner Sicht vollkommen harmlos.

Dem aggressiven Herrn hingegen erschien dies jedoch als eine äußerst unbotmäßige Annäherung an seine Dame – und er wurde sehr laut. Mindestens!

Daraufhin warfen ihn der Sohn des Inhabers und einige andere junge Herren raus, brachten ihn zu Boden und bombardierten ihn dort mit entsprechenden Äußerungen. In diese Situation kam dann die Polizei.

 

Nachdem sich zuerst der Sohn des Inhabers der Polizei gegenüber derart grenzwertig benahm, dass er nach erfolgter Zeugenaussage und Angabe der Personalien einen Platzverweis durch Thomas in das Innere der Bar gewann, wandten sich meine Herren nun dem knieenden Randalierer zu. Der sich seinerseits derart aggressiv gebärdete, dass erstmal nicht daran zu denken war, ihn aufstehen zu lassen, oder ihm gar die Handschellen abzunehmen. Genau dies wollte er aber und in völliger Verkennung seiner Verhandlungsposition teilte er auf die Frage nach seinem Namen mit:

„Das sage ich euch erst, wenn Ihr mich losmacht.“

Da er dabei blieb, sich aber seine Brieftasche sehr deutlich in seiner Jackentasche abmalte, nahm Lukas diese an sich. Dies tat er, indem er in die Jackentasche griff, die Brieftasche entnahm, aufklappte, den Ausweis entnahm und diesen Thomas reichte. Der notierte die Personalien, gab Lukas den Ausweis zurück. Lukas steckte diesen wieder in die Brieftasche, die er bis dahin lediglich in seiner Hand gehalten hatte, klappte sie zu und beugte sich zu unserem netten Herrn. Er verstaute die Brieftasche sorgfältig in der Jackentasche und zog nicht minder sorgfältig den Reißverschluss mit seinen dann komplett leeren Händen wieder zu.

Offenbar erkannte der Mann, dass weitere Versuche, der Polizei seinen Willen aufzuzwingen, misslingen würden, und gab schließlich seine Version der Geschehnisse zum Besten. Die sich weitgehend mit der Version des Betreibersohnes deckten.

Da sein Alkoholisierungsgrad für die Staatsanwaltschaft interessant sein dürfte, durfte er auch einen Alkotest machen. Er pustete 1,2 Promille.

Letztlich erteilte Thomas ihm ebenfalls einen Platzverweis. Er trollte sich auch, seine Frau und seinen Stiefsohn im Schlepptau.

 

Kaum in der Dienststelle angelangt, wurden wir schon wieder hinausgerufen. Der Notruf war insgesamt ziemlich unverständlich abgegeben worden. Wir wussten nur – Geld war verschwunden und es hatte etwas mit dem Einsatz vor der Bar zu tun.

Erster Gedanke: Den Betreibern der Bar ist nun aufgefallen, dass auch Geld abhandengekommen ist.

Auch die Ortsangabe war undeutlich gewesen. Thomas konnte sie allerdings aufgrund seiner langen Erfahrung korrekt einordnen, nachdem wir zuerst vor der Bar kreuzten, wo eindeutig niemand auf uns wartete. In der Tat, die Anrufer winkten uns dann am von Thomas vermuteten Ort.

Zu meiner Überraschung handelte es sich um den Randalierer von eben.

Wir steigen aus.

„Als ich in die Shisha-Bar rein bin, hatte ich insgesamt 2.000 Euro im Portemonnaie. Jetzt sind es nur noch 300.“

Mit einer vorwurfsvollen Geste hielt er uns sein offenes Portemonnaie unter die Nase.

„Wollen Sie eine Anzeige erstatten?“

Thomas versuchte, das Ganze logisch zu gestalten. Warum sollte man auch sonst die Polizei mit dem Thema beschäftigen?

„Nein, ich habe das Portemonnaie in der Shisha-Bar gar nicht rausgeholt.“

Häääää?

„Was wollen Sie uns damit sagen?“

Gute Frage, Thomas. Und deutlich sinnvoller als mein „Häääää?“. Mein eigenes Hirn verweigerte sich allerdings strikt dem Verständnis dessen, was da an Andeutung in der Luft hing.

„Nur die Polizei hat das Portemonnaie herausgeholt“, sagte er.

Das meint der jetzt nicht ernst?

„Ja, um ihre Papiere herauszuholen.“

„Vorher waren aber 2.000 Euro drin und jetzt nur noch 300. Wo sind die 1.700 Euro?“

„Das weiß ich nicht“, sagte Thomas, den ich gerade für seine Ruhe und Sachlichkeit uneingeschränkt bewunderte. Ich kochte innerlich über. „Der Kollege hat lediglich Ihren Ausweis herausgeholt, mehr nicht.“

„Wo sind die 1.700 Euro?“

„Vielleicht haben Sie sie ausgegeben? Oder verlegt? Sie sind ja nicht mehr ganz nüchtern“, schlug Thomas vor, immer noch sehr ruhig.

Nicht mehr ganz nüchtern war ziemlich geschmeichelt. Um 1.700 Euro vertrunken zu haben, war er allerdings deutlich zu orientiert. Allerdings hätte das auch sonst einiges erklärt…

Unser Gegenüber beharrte darauf, seinen Punkt zu machen.

„Die Polizei hat mein Portemonnaie gehabt. Vorher waren 2.000 Euro drin. Jetzt nur noch 300 Euro. Was soll ich denken? Wo sind die 1.700 Euro?“

Nun war bei Thomas definitiv Schluss mit lustig.

„Vier Polizisten und sie“ – Thomas zeigte auf mich und ich nickte bekräftigend – „haben genau gesehen, dass der Kollege außer Ihrem Ausweis nichts aus dem Portemonnaie genommen hat. Ich schlage vor, Sie hören sofort mit Ihren Unterstellungen auf.“

„Wo sind die 1.700 Euro? Wollen Sie morgen alle feiern gehen, ja?“

Glaubt der das wirklich oder ist der einfach nur unfassbar dreist?

„Wir nehmen Ihre Aussagen diesbezüglich zu unseren Akten“, teilte Thomas ruhig mit.

Wow!

“ Die Polizei hat mein Portemonnaie gehabt. Vorher waren 2.000 Euro drin. Jetzt nur noch 300 Euro. Was soll ich denken? Wo sind die 1.700 Euro?“

Thomas wurde vehement.

„Wir nehmen Ihre Äußerungen auf. Wie gesagt, vier Polizeibeamte und eine Zeugin haben genau gesehen, was Ihrem Portemonnaie entnommen wurde. Und jetzt gehen Sie und wir fahren zurück in die Dienststelle.“

„Ach, na und? Dann suche ich mir eben 18 Zeugen und die sagen dann alle, dass ihr das Geld gestohlen habt.“

Vor meinem Blick waberten allmählich rote Rauchschwaden herum.

Was bist du eigentlich für ein Mensch?

Wir rückten ab. Die Türen des Streifenwagens fielen zu, Thomas startete den Motor.

„Ich glaub, mein Hamster bohnert“, stieß ich hervor – mit nicht zu knapp Schaum vorm Mund.

Immer, wenn ich denke, ich habe nun alles gesehen in meinen Nachtschichten, schaffen es immer noch Leute, mit neuen Varianten an unfassbaren Unverschämtheiten um die Ecke zu kommen.

„Ärgere dich nicht. Sowas passiert. Ist normal.“

Normal?

Unterstellungen und falsche Verdächtigungen sind aus meiner Sicht mit das Widerlichste, was man anderen Menschen antun kann. Und sowas ist normal?

Ich denke, ich habe noch sehr viel zu lernen darüber, was Polizisten in ihrem Dienst an uns so alles begegnet. Und wir Bürger, die wir hinter unserer Polizei stehen, sollten noch viel häufiger und viel lauter unseren Standpunkt verkünden – damit solche Menschen sich nicht auch noch von der Gesamtgesellschaft bestätigt fühlen.

Tröstlich, dass neben der Tatsache, dass seine unfassbaren Unterstellungen zu den Akten genommen wurden, auch eine Anzeige an ihn herausging.

Nicht minder erfreulich, dass zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Artikels meine Begleiter von jeglichem Verdacht befreit wurden: Die Frau hat mittlerweile eingeräumt, dass sie das Geld zu Beginn des Abends an sich genommen hatte, um es in Sicherheit zu bringen.

 

Gegen diese Szene mutet es fast schon harmlos an, was meine Begleiter dann beim nächsten Einsatz zu hören bekamen. Wieder kam ein Anruf rein wegen einiger Randalierer, die auch schon einiges zerstört hatten.

Lukas und Edu fuhren zu diesem Einsatz, mit mir hinten drin. Wir wussten, dass die Randale in Bahnhofsnähe stattfand. Entsprechend kreuzten wir dort recht langsam mit dem Streifenwagen. Da ich hinten links nur in eine einzige Richtung sehr gute Aussicht habe, spähte ich auch in diese Richtung. Hinten links…

Wir passierten einen Parkplatz. Auf diesem ein ganzes Auto. In dessen Nähe stand ein einzelner junger Mann, offensichtlich in sein Smartphone vertieft. Auch meine beiden Begleiter nahmen ihn wahr. Empfanden ihn offenbar als harmlos. Ich auch. Wir suchten ja insgesamt fünf Jugendliche.

Moment mal…

Schlagartig war ich hellwach.

„Da versteckt sich einer hinter dem Auto da.“

„Wo?“

„Das Auto da auf dem Parkplatz.“

Ich zeigte in die angegebene Richtung.

Lukas wendete den Streifenwagen schlagartig und fuhr auf den Parkplatz auf. Tatsächlich spritzen zwei junge Männer hinter dem Auto hervor.

Fürs nächste Mal übrigens ein kleiner Tipp: Wenn da nur ein einziges Auto steht, ist es erstens ziemlich sinnvoll, sich immer auf der dem Streifenwagen abgewandten Seite dieses Autos aufzuhalten. Und zweitens ist es sinnvoll, seinen Rucksack abzunehmen, der über die Motorhaube ragt.

Ich halte ja wenig davon, der Jugend von heute nachzusagen, sie sei schlimmer oder dümmer als wir damals. Allerdings tippe ich darauf, dass das in meinem Freundeskreis zumindest jenen nicht passiert wäre, die eifrig Karl May gelesen haben. Effizient verstecken lernt man da nämlich. 😉

Lukas und Edu erkannten sozusagen alte Bekannte – nämlich drei von den Jugendlichen, mit denen sie schon im Zusammenhang mit dem weiter oben erwähnten zerstörten Fahrrad zu tun hatten.

Natürlich waren sie alle drei unbegeistert davon, einer erneuten Kontrolle unterzogen zu werden. Das ist aus meiner Sicht sogar nachvollziehbar, egal, ob sie nun die waren, die wir suchten, oder nicht. Waren sie die aktuell gesuchten Randalierer, dann drohte ihnen noch mehr juristisches Ungemach als sowieso schon. Waren sie dieses Mal tatsächlich unschuldig, dann ist verständlich, dass sie von einer erneuten Personenkontrolle nicht erbaut waren.

Dennoch gestaltete sich diese Kontrolle in einem insgesamt durchaus angemessenen Tonfall. Tatsächlich hatten sie bis gerade eben noch zwei Kumpels dabeigehabt, die allerdings gerade für die Beschaffung von Fast-Food unterwegs waren. Die beiden, die hinter dem Wagen gekauert hatten, gaben als Begründung dafür an, dass sie keine Lust auf eine weitere Kontrolle gehabt hätten.

Nun ja, für mein Empfinden waren sie selbst an dem Punkt, an dem ihnen klar war, dass die Idee nur bedingt gut gewesen war.

Plötzlich – Auftritt eines vierten jungen Mannes, der schon mal aus dem Fast-Food-Restaurant zurückkehrte. Schlagartig schlug die Atmosphäre deutlich um.

Auf die Frage eines meiner beiden Begleiter, was er hier mache, antwortet er mit:

„Das geht dich gar nichts an, Alter.“

Ah ja. Duzen und ‚Alter‘. Lukas machte ihn darauf aufmerksam, dass diese Form der Ansprache nicht angemessen ist.

Daraufhin ließ Mr. Wichtig den ganzen blühenden Unsinn vom Stapel, der mir mittlerweile nach gerade mal zehn bis zwölf Praktika einerseits schon aus den Ohren rauskommt, mich andererseits aber immer wieder auf eine gewisse Art fasziniert. Ich weiß zunehmend die endlose Geduld unsere Polizeibeamten zu schätzen, die sich diese Dinge pausenlos anhören. Ich lasse die Details mal weg, sage nur so viel, dass das gesammelte Repertoire des Polizeikritikers darin seinen Platz hatte: „überzogen“, „ich kenne meine Rechte“, „übertrieben“, „hast mir gar nichts zu sagen“… ich konnte innerlich gar nicht so oft ‚Bingo!‘ schreien, wie er die Kästchen meines inneren Polizeikritiker-Bullshit-Bingos in atemberaubender Geschwindigkeit füllte.

Höhepunkt seines Wortschwalls war der Satz:

„Der Abend gehört jetzt uns, also ab mit euch.“

Ähm, wie bitte?

 

Im Nachgang musste ich mir erstmal mit diesem Tweet Luft machen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich keine Freundin von dem reflexartigen Geschrei nach hören Strafen bin, weil ich diese nicht für ein Allheilmittel halte. Aber irgendeine Reaktion auf ein derartiges Benehmen fände ich durchaus angemessen.

Es gibt sicherlich Menschen, die man über Einsicht erreicht. Es gibt aber auch Menschen, bei denen solche Versuche fehlschlagen und denen man einfach Grenzen setzen muss, bevor sie völlig aus dem Ruder laufen. Aus meiner Sicht wäre eine Geldbuße für derartiges Verhalten anzudenken. Noch sinnvoller fände ich, wenn man als Gegenleistung dafür, dass man Polizisten in solch unsäglichem Tonfall vollgetextet hat, mal die Streifenwagen polieren dürfte. Das finde ich persönlich nicht demütigend. Im Gegenteil erachte ich das als ebenso sinnvoll wie Sozialstunden.

Solch ein Verhalten unbeantwortet zu lassen, schadet meines Erachtens auch dem jungen Menschen, der es an den Tag legt. Möglicherweise finden ihn seine Kumpels total toll und megacool. Potentielle Vorgesetzte und Kollegen werden das wohl anders sehen. Eine bürgerliche Existenz in einem gut bezahlten Beruf kann er jedenfalls mit derartigen Sozialkompetenzen nachhaltig vergessen.

 

Dies war dann auch schon der letzte Einsatz der Nacht. Danke für die tolle Nachtschicht und die spannenden Einblicke. Ihr seid ein tolles Team und leistet tolle Arbeit. Danke für die supernette Aufnahme!

Und danke für die schöne Nachlese morgens im Sozialraum!

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ruhig ist ein dehnbarer Begriff – eine Nachtschicht voller Rettungsdienste mit der PI Ludwigshafen 1

„Habe ich doch gestern Abend gesagt, dass es eine eher ruhige Nacht wird.“

So der Dienstgruppenleiter zu mir am Morgen danach.

Ja, das stimmt. Das hatte er gesagt. Und offensichtlich verschiebt sich die Bedeutung von „ruhig“, wenn man in einer Stadt Dienst tut, in der ich selbst schon mal fünf Stunden lang aus einem Streifenwagen nicht mehr rauskam (meine erste Nachtschicht)… aber „ruhig“ wäre dennoch nicht unbedingt der Begriff der Wahl, der mir zur Umschreibung dieser Nacht in den Sinn kommen würde.

Doch sehen wir selbst.

 

Für mich begann schon der Vorlauf aufregend. Mainz 05 hatte gespielt – und verloren. Was dazu führte, dass ich beim Umsteigen in meinen Anschluss dort einem Haufen Bereitschaftspolizisten der Bundespolizei in die Arme lief. Leider konnte ich ihnen nicht persönlich für das Sicherheitsgefühl danken, das mich schlagartig anfiel. Mein Anschluss drohte, mir vor der Nase wegzufahren.

Der Anschlusszug wiederum war so gerammelt voll, dass ich darauf verzichtete, mich auf die Suche nach einem Sitzplatz zu begeben und mir zwischen einer Menge ebenso unzufriedener wie alkoholisierter Fußballfans einen Klappsitz suchte. War ja nur bis Frankenthal. Dachte ich.

In Bodenheim, der nächsten Ortschaft hinter Mainz, blieb der Zug stehen. Personen im Gleis.

Macht nichts! Ich habe ja 20 Minuten zum Umsteigen in Frankenthal!

Vierzig Minuten später standen wir immer noch und ich hatte ein Problem.

Mein aktueller Zug fuhr zwar nach Ludwigshafen, aber an den falschen Bahnhof. Wenn er denn fuhr…

Ich würde glasklar zu spät erscheinen. Meine Erziehung gebot mir, bei der Dienststelle anzurufen und das mitzuteilen. Mein Verstand widersprach vehement und befand, dass ich vielleicht nicht gerade in der optimalen Umgebung unterwegs sei, um das Wort „Polizei“ oder die Wortgruppe „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ allzu laut auszusprechen. Zumal das Eingepferchtsein in einem stehenden Zug den sowieso schon dürftigen Launepegel um mich herum nicht wirklich angehoben hatte. Da half auch die offene Zugtür auf den winzigen Bahnsteig der Weltstadt Bodenheim nicht weiter…

Genau DA wünschte ich mich gerade hin…

 

Irgendwann drängelte sich ein Mann im Trikot der gegnerischen (und – wir erinnern uns – überlegenen) Mannschaft durch die Menge. Er wurde eigentlich gar nicht beachtet.

Na, denn…

Einmal tief Luft geholt… Nummer gewählt.

„Polizeiinspektion Ludwigshafen 1.“

Ein junger Mann. Er nannte auch einen Namen. Der ging nur in dem Krach im Zug unter.

„Hallo, hier ist Gerke Minrath. Ich bin heute Nacht bei Euch bei der Nachtschicht.“

Nachtschicht. Völlig unverfängliche Vokabel.

„Ich sitze in einem Zug fest, der nicht fährt. Ich werde zu spät kommen. Könnten Sie das der Nachtschicht bitte ausrichten?“

Vielleicht habe ich Glück, und der junge Mann kennt mich sogar von einer meiner Schichten…

„Für wen hospitieren Sie denn? Die Staatsanwaltschaft?“

Hmpf!

„Für diesen Verein…“

„Entschuldigen Sie bitte, ich bin noch aus der Schicht davor. Deshalb frage ich. Für wen nochmal?“

Du kannst ja nichts für meine aktuellen Begleiter… Ach komm, egal jetzt! No risk, no fun!

Mein Smartphone rutschte mir fast aus meiner schlagartig schweißnassen Hand.

„Für den Verein ‚Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.‘.“

Schlagartiges Verstummen aller Gespräche um mich herum. Alles starrte mich an.

Ach herrje…

„Ach so“, klang es fröhlich aus meinem Hörer. „Richte ich aus. Rufen Sie einfach an, wenn Sie in Ludwigshafen sind.“

Gleichzeitig fingen um mich herum alle an zu lachen.

Ich legte auf. Nicht ohne mich bedankt zu haben.

Einer der Jungs im roten Trikot sagte: „Den Verein kennen wir. Acht Cola, acht Bier.“

Der Rest war einfach nur freundlich und ließ mich in Ruhe.

Uff! Schon vor der Nachtschicht nass geschwitzt.

Neben mir saß ein Herr, der sich als Mitglied der Grünen outete und im gleichen Atemzug als bekennender Polizistenfreund. Sicherlich wären wir nicht in allen Dingen einer Meinung (ich habe eigentlich in Sachen „Polizei“ an den meisten Parteiprogrammen etwas auszusetzen… 😉 ). Muss man ja auch nicht. Aber wir führten bis Ludwigshafen ein ebenso spannendes wie angenehmes Gespräch. Er erklärte mir auch genau, wie ich vom Bahnhof zur Polizeiinspektion komme. Sehr nett!

 

Das war aber gar nicht nötig, denn mein erstes Streifenteam, Alex und Christian, bestreifte den Bahnhof und lud mich bei der Gelegenheit direkt hinten ein. Ich stand noch so unter dem Eindruck meiner Zugfahrt, dass ich um ein Haar auf der falschen Seite eingestiegen wäre…

 

In der Dienststelle wurde ich vom Dienstgruppenleiter begrüßt. Er kündigte mir an, dass es wegen der insgesamt eher kühlen Witterung vermutlich ruhig werden würde. Dann reichte er mir eine Schussweste.

 

Und schon ging es los auf Streife. Die Tatsache, dass Ludwigshafen erst noch einmal durchzuatmen schien, bevor es loslegte, nutzte Christian, um mir auf den Zahn zu fühlen, was mich bewegt, regelmäßig in Streifenwagen mitzufahren und was Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. überhaupt für ein Verein ist.

 

Recht zügig kam die Unterbrechung durch den ersten Einsatz.

In einem Einkaufszentrum hatte ein junger Mann um die 18 Pfefferspray ins Gesicht bekommen – der Malteser Hilfsdienst traf kurz nach uns ein. Alarmiert hatte die Retter ein junger Mann, der in einem der Ladengeschäfte dort arbeitet.

„Ich halte Augen und Ohren immer offen.“

Sehr löblich.

Die Geschichte des jungen Mannes, dem Augen und Gesicht höllisch brannten, war eher unzusammenhängend und wenig logisch. Vor zwei Tagen sei ihm das Portemonnaie gestohlen worden, soeben seien ihm die Täter wiederbegegnet. Weil sie nicht wollten, dass er sie verrät, sprühten sie ihm eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht. Anschließend hätte einer davon ihm in der Toilette des Einkaufszentrums geholfen.

Öhm… wie jetzt?

Auch Christian und Alex fanden die Geschichte eher verwirrend, nahmen aber die Personalien des Opfers und die Personenbeschreibungen der Täter auf.

Im Anschluss suchten wir die Umgebung des Einkaufszentrums ab. Keine Leute, die der Beschreibung entsprachen. Christian telefonierte mit der Dienststelle. Dort wurden Jugendliche, ebenfalls wegen eines Gewaltdeliktes, überprüft. Von denen passte aber auch keiner auf unsere Täterbeschreibung.

 

Während unserer Suche winkte ein junges Mädchen den Streifenwagen heran. Sie sei von einem Typen „gestalkt“ worden. Christian befragte sie, was genau vorgefallen sei. Letztlich war sie lediglich angesprochen worden, ob sie öfters an dieser Stelle sei. Als sie verneinte, sei der Mann gegangen. Keine Straftat und auch noch sehr weit entfernt von „Stalking“.

„Wenn das nochmal vorkommt, und der geht dann nicht, dann kommen Sie bitte zur Polizei!“

 

Als nächstes wurde meine Streife per Funk gebeten, auf dem Theaterplatz am Pfalzbau einen vergessenen Feuerlöscher zu suchen und ggf. sicherzustellen.

Da bleibt ein Feuerlöscher lange genug liegen, dass die Polizei ihn einsammeln kann?

Nein, blieb er nicht.

Also weiterstreifen.

 

Wir passierten ein Etablissement, vor dem ein Oberklassewagen im absoluten Halteverbot stand.

Alex steuerte den Streifenwagen direkt hinter das andere Auto.

Im Etablissement plötzlich hektische Betriebsamkeit. Offensichtlich arbeitete sich jemand zur Tür, um sein Auto wegzufahren…

Ich freute mich schon auf den Fortgang der Geschichte, als plötzlich…

 

„Fahrt mal an den Rhein. Da soll es einen Streit gegeben haben zwischen Jugendlichen. Einer soll laut geschrien haben ‚Bitte hör auf!“, kam aus dem Funk. Dann:

„Der Anruf kam aus Mannheim.“

Oha… von der anderen Rheinseite? Muss ja ganz schön laut gewesen sein…

Christian warf Blaulicht und Martinshorn an, Alex startete den Streifenwagen durch. Christian drehte sich zu mir um.

„Wenn da nur ein einziger Anruf kam, ist da vermutlich nicht viel dran…“

Macht Sinn!

Und wirklich – weder konnten wir Jugendliche in einem heftigen Streit finden, noch Leute, die das ebenfalls gehört hatten.

 

Allerdings fanden wir Jugendliche vor, die meinen beiden Herren wohl bekannt waren. Diese Erfahrungen animierten Alex dazu, das Gespräch zu suchen. Er ließ die Fahrerscheibe runter.

„Habt Ihr was von einem Streit hier am Rheinufer mitbekommen? Wir haben da einen Notruf reingekriegt.“

„Nein, hier war alles friedlich.“

„Ok. Wäre schön, wenn das so bleibt und wir euch heute Abend nicht wiedersehen.“

„Wir sehen uns nie wieder“, versprach der junge Mann mit treuherzigem Augenaufschlag dem Polizisten vor sich. Der ließ das Fenster wieder hochsurren.

Christian und er tauschten einen kurzen Blick.

„Da sollten wir nicht drauf wetten, obwohl die Quoten hoch wären.“

Zumindest in dieser Nacht sahen wir sie nicht wieder.

Zurück zu unserem Falschparker. Der stand tatsächlich immer noch unverändert, als wir da vorbeipirschten.

Unglaublich!

„Ok, jetzt wird es richtig teuer.“

 

Plötzlich fielen uns zwei Jugendliche ins Auge, auf die die Beschreibung des jungen Mannes im Einkaufszentrum aufs Haar passte. Der mit dem Pfefferspray im Gesicht.

Alex stoppte den Wagen. Personenkontrolle.

Tatsächlich waren es unsere beiden Gesuchten, die allerdings abstritten, etwas mit der Sache zu tun zu haben.

„Ich hab dem doch noch geholfen!“

Das hatte das Opfer ja auch ausgesagt. Hm…

Einer der beiden hatte mehrere Smartphones. Alex überprüfte bei allen die IMEI, das ist eine 15-stellige Nummer, mit der jedes mobile Endgerät (Smartphone, Tablet…) eine eindeutige Identifizierung erhält. Wird so ein Gerät gestohlen und man gibt bei Anzeigeerstattung seine IMEI an, so kann man Glück haben und die Polizei findet es eines Tages wieder.

Von den IMEI-Nummern in diesem Fall gehörte allerdings keine zu einem gestohlenen Gerät.

Aus meiner Sicht übrigens mit am Erstaunlichsten, dass die beiden jungen Herren zu Beginn unserer Überprüfung allein auf weiter Flur waren, sich aber im Laufe der Unterhaltung mehrere Gleichaltrige, weiblich wie männlich, hinzugesellten. Einer Jugendlichen meinte, es sei eine tolle Idee, ständig mit dem Fahrrad um uns herumzuwuseln. Er und eine junge Dame stellten mehrfach die Frage, was da bitte vor sich ginge.

Wohlgemerkt, wir sprechen von einer Personenkontrolle, die vollkommen harmlos war – und nebenbei bemerkt noch wesentlich harmloser verlaufen wäre, wenn sich die beiden jungen Herren nicht so sperrig gegeben hätten, sondern einfach vollkommen normal die Fragen meiner beiden Begleiter beantwortet hätten.

Übrigens habe ich mir gemerkt, wie ich an meine IMEI-Nummer komme (*#06# ins Telefonfeld eingeben) und diese als erste Amtshandlung nach der Nachtschicht notiert. Für den Fall der Fälle. 😉

 

Weiterstreifen.

„Jetzt reden wir aber mit dem Falschparker!“

 

„Wir haben einen Ladendiebstahl in einem Supermarkt“, durchkreuzte der Funk den Plan.

In dem Supermarkt erwartete uns die Marktleiterin. Der Täter befand sich in einem vom Markt abgetrennten Raum. Dazu zwei Mitarbeiter des Supermarktes. Alex und Christian betraten den Raum, eine zweite Streife kam hinzu.

Kuschelig…

„Kann mal einer die Tür da feststellen?“, bat einer meiner beiden Herren. Ganz klar ein Job für die Praktikantin, die direkt neben der Tür stand. Mit zwei Handgriffen machte ich einen Mülleimer zum Türstopper.

Alex verließ den brechend vollen Raum, um mit der Marktleiterin zu sprechen. Da der Täter nun durchsucht werden würde, folgte ich Alex. Auch ein 17-jähriger Ladendieb hat Menschenrechte, die u.a. beinhalten, dass er nicht in Anwesenheit von Frauen durchsucht werden kann. Selbst wenn ich keine Frau wäre – auch ein Ladendieb ist kein Zootier.

Die Marktleiterin zeigte uns die Ware, die er unter seinem Pullover versteckt hatte – 10 Fläschchen Kräuterschnaps.

„Der ist total renitent geworden – wollte abhauen. Da haben mir die Leute da geholfen.“

Sie zeigte auf Zeugen.

Christian fragte später sehr genau nach, um herauszufinden, was „renitent“ bedeutet. Dabei ging es darum, wo genau sich die Schwelle zwischen „Diebstahl“ und „Räuberischem Diebstahl“ befindet. Es bringt keinen Menschen weiter, wenn die Polizei da die falsche Anzeige erstattet und das Verfahren dann deswegen eingestellt wird. Auch ein Gedankengang, der in heutigen Zeiten schwierig zu vermitteln ist, da sich die Opfer einer solchen Straftat häufig nicht ernst genommen fühlen und glauben, die Polizisten wollten das, was ihnen passiert ist, klein reden.

Für meinen Geschmack hat Christian diese Hürde gut genommen – er hat ihr sehr genau erklärt, warum er diese Fragen stellte und nach meinem Eindruck hat sie es auch verstanden.

Schließlich brachten wir den Jungen heim und übergaben ihn an seine Erziehungsberechtigten. Als wir das Haus verließen, in dem er wohnte, befanden sich die Nachbarn vom Haus gegenüber auf ihrem Balkon. Sie grüßten uns sehr freundlich und wünschten uns allen einen schönen Feierabend.

„Das dauert noch ein paar Stunden“, klärte einer meiner beiden Begleiter auf.

„Na, dann noch eine ruhige Schicht.“

Nett! Geht doch!

 

„Fahrt mal dahin (es folgte eine Adresse). Da vermissen welche ihren Nachbarn.“

Gesagt! Getan!

„Wir haben auch die Handynummer des Mannes und rufen da regelmäßig an. Derzeit geht keiner dran.“

Diese Information der Leitstelle wurde nachgelegt. Sie beunruhigte mich.

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

Erwartet wurden wir von zwei Herren in einem Mehrfamilienhaus. Einer der beiden war abends heimgekommen und hatte gesehen, dass bei einem seiner Nachbarn die Tür offenstand. Er versuchte, auf sich aufmerksam zu machen. Ohne Erfolg. Also holte er einen weiteren Nachbarn zu Hilfe. Zusammen gingen sie in die Wohnung. Alles war hell erleuchtet, es sah auch furchtbar unordentlich aus – aber der Nachbar war verschwunden.

„Er hatte vor einigen Wochen eine schwere Operation – wir machen uns Sorgen.“

Meine beiden Begleiter wirkten unbewegt, aber ich merkte ihnen an, dass sie der Sache durchaus Gewicht beimaßen.

Wir betraten die Wohnung, die beiden Nachbarn im Schlepptau, und fanden alles vor wie beschrieben.

Noch während Christian im Flur das Gespräch mit den Nachbarn führte und Personalien aller Beteiligten erhob, begann Alex, sich in der Wohnung umzusehen – nicht nur sicherheitshalber noch einmal nach dem Nachbarn, sondern auch nach weiteren Hinweisen. Ich begleitete ihn dabei. Nichts!

„Haben Sie ein Bild von Ihrem Nachbarn?“

Aus dieser Frage von Christian schloss ich, dass sofort eine Fahndung ausgelöst werden sollte. Meine Handflächen wurden feucht.

Das ist wirklich ernst…

Sofort machte Alex sich nochmal daran, durch die Zimmer zu gehen, dieses Mal hielt er Ausschau nach einem Foto. Ich folgte ihm. Vier Augen sehen vielleicht mehr als zwei. Zeitgleich durchsuchte einer der Nachbarn sein Smartphone nach einem Bild.

Plötzlich knackte es in Christians Funkgerät. Die Leitstelle. Meine Streife wurde gerufen.

Christian antwortete mit dem entsprechenden Rufnamen, dann: „Ja?“

„Der Mann hat uns zurückgerufen, er kommt nach Hause. Er ist an seiner Arbeitsstelle.“

Uff!

Alle im Raum atmeten erleichtert auf. Die vier eben noch so besorgt aussehenden Männer lächelten, ich vermutlich auch.

Wir verließen die Wohnung, die Nachbarn gingen erst einmal in ihre eigenen Wohnungen, wir erwarteten den ehemaligen Vermissten vorm Haus.

Der kam auch tatsächlich in wenigen Minuten an. Er war wirklich an seiner Arbeitsstelle gewesen, aber im Funkloch und hatte deswegen die Anrufe der Nachbarn und danach der Polizei nicht sofort bemerkt.

„Das Licht hatte ich absichtlich angelassen, damit Einbrecher glauben, ich sei daheim. Das mit der Tür verstehe ich auch nicht.“

Es war ihm sichtlich unangenehm, was er ausgelöst hatte.

„Das Wichtigste ist, dass es Ihnen gut geht. Und Sie haben echt tolle Nachbarn.“

Mit dem Satz nahm Christian ihm sichtlich sämtliche negativen Gefühle.

WOW! Super gemacht, Christian!

Abgesehen davon, dass der Satz nur zu wahr war.

Als der Ex-Vermisste außer Sicht- und Hörweite war, klärte Christian mich auf: „Gerade die Vorgeschichte mit der OP hat mich hellhörig gemacht. Das wäre nicht der erste Fall dieser Art, der schlimm endet.“

Hatte ich also richtig wahrgenommen, wie ernst der Polizei das Ganze war.

 

Da die beiden nun ihre ersten Berichte verfassen mussten, übergaben sie mich an ein zweites Team, Steini und I.

Erstmal einen Kaffee…

Gerade hatte ich die Hand nach der gefüllten Tasse ausgestreckt, als Steini mich in der Küche abholte.

„Den musst du erstmal vergessen! Einsatz!“

 

Blaulichtfahrt. An einer roten Ampel stand ein PKW – und bewegte sich keinen Millimeter in die Kreuzung rein. Wann spricht sich endlich bis zum letzten meiner Mitbürger herum, dass ein Einsatzfahrzeug sein Blaulicht und Martinshorn anwirft, wenn es dringend ist – man also Platz machen muss? Was in dem Fall heißt, vorsichtig in die Kreuzung reinfahren und den Rest den Fahrer des Einsatzfahrzeugs machen lassen.

„Klassiker“, brummte Steini nur.

I. steuerte den Streifenwagen irgendwie um das andere Auto herum, halb auf einer Verkehrsinsel. Tatsächlich ließ sich mein Mitbürger irgendwann dazu herab, minimal aus dem Weg zu kriechen. Na, bravo!

Steini und I. hatten schon einen Einsatz wegen eines Unfalls hinter sich, in den ein Motorrad verwickelt war – und hatten nun den nächsten. An dieser Stelle möchte ich die Pressestelle zu Wort kommen lassen:

„Eine Nasenbeinfraktur erlitt am Samstagabend ein 63-jähriger Motorradfahrer, als er in der Mundenheimer Straße in Fahrtrichtung Von-Weber-Straße einen einparkenden PKW verbotswidrig rechts überholte und dabei mit diesem kollidierte. Der Motorradfahrer stürzte auf die Straße und verletzte sich an der Nase, sowie an beiden Knien. An beiden Fahrzeugen entstand zudem erheblicher Sachschaden. Im Rahmen der Unfallaufnahme wurde beim PKW Fahrer Atemalkoholgeruch festgestellt. Ein anschließender Alkoholtest ergab eine geringe Alkoholisierung. Nach der Entnahme einer Blutprobe auf der Dienststelle wurde der PKW Fahrer aus den polizeilichen Maßnahmen entlassen. Der verletzte Motorradfahrer verblieb zur ärztlichen Beobachtung eine Nacht in der BGU.“ (Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Rheinpfalz vom 30.04.2017)

 

Wir waren die zweite Streife am Ort, die erste Streife hatte das Heft in der Hand. Ich warf einen Blick auf die Sanitäter, die mit dem Motorradfahrer sprachen. Er antwortete, war orientiert. Beruhigend! So ein Nasenbeinbruch verursacht nämlich eine beklemmend große Menge Blut.

Irgendwie wussten alle, was zu tun war – außer mir. Also versuchte ich möglichst, nicht im Weg rumzustehen und Leuten, die aufgeregt auf mich einsprechen wollten, deutlich zu machen, dass ich hier gar nichts zu melden hatte.

„Wen kann ich denn dann fragen?“

Keine Ahnung! Alle hatten etwas zu tun, was für mich wichtig aussah.

„Warten Sie einfach ein bisschen, bis einer der Polizisten sich um Sie kümmert.“

Deswegen war ich sehr froh, als mir eine Polizistin erstmal alle möglichen Habseligkeiten des verunfallten Motorradfahrers in die Hand drückte, um ihre Hände freizuhaben. Im Laufe der Unfallaufnahme konnte ich auch wieder als Taschenlampenhalter dienen. Das kennzeichnete mich dann auch dem Publikum ausreichend als Praktikantin, um mich keinen weiteren Fragen ausgesetzt zu sehen.

Grundsätzlich kann ich ja verstehen, dass jeder aufgeregt ist. Ich war auch aufgeregt, als ich vor vielen Jahren mal in Mainz Zeugin wurde, wie ein PKW eine Fußgängerin auf einem Zebrastreifen umnietete.

Auf die Einsatzkräfte stürzt allerdings auch schlagartig sehr viel ein. Nicht zu vergessen, dass sie schon während der Anfahrt mit Blaulicht und Martinshorn Adrenalin ausschütten. Lebensrettende Maßnahmen nötig? Rettungskräfte alarmieren? Wer hat den Notruf abgesetzt? Wer ist Unfallbeteiligter? Wer ist Zeuge? Wer ist Gaffer? Die sind ja schon froh, wenn sie Ressourcen haben, die Gaffer ihrer Wege zu schicken.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen – wenn man als Zeugin einfach ruhig wartet, möglichst an einer Stelle, an der man nicht im Weg ist, kommt irgendwann eine Polizeibeamtin oder ein Polizist und stellt Fragen. Dann bekommt man auch gesagt, wie es weitergeht. Die beherrschen ihren Job.

Wie in der Pressemitteilung beschrieben hatte der Fahrer des PKW offensichtlich Alkohol getrunken. Zur Dienststelle wurde er übrigens in unserem Streifenwagen gebracht. Ich zog kurzfristig auf die Beifahrerseite um und Steini auf meinen Platz.

Nun ging es erstmal lediglich um eine Blutprobe. Der Alkoholkonsum des PKW-Fahrers war nach allem, was man zu diesem Zeitpunkt wusste, nicht der alleinige Grund für diesen Unfall gewesen. Da er allerdings kein Deutsch sprach, war ihm nicht ganz klar, warum er von der Polizei mitgenommen worden war. Letzteres war ihm merkbar unheimlich.

In der Dienststelle gab I. alles, um dem Fahrer mit Hilfe einer Dolmetscherin deutlich zu machen, dass er nicht in der Dienststelle war, weil er die Alleinschuld bekommen sollte. Das fand ich klasse. Nach meinem Eindruck wurde der Mann auch ruhiger.

 

Nach der Blutprobe schaute I. noch einmal schnell nach einem Herrn, den die Polizei in Gewahrsam genommen hatte.

„Herr X., alles in Ordnung bei Ihnen?“

Diese Frage wiederholte I. so lange, bis von Herrn X. eine Reaktion kam. Vielleicht nicht besonders angenehm, ständig unterbrochen zu werden, während man seinen Rausch ausschläft – aber besser als unbemerkt zu sterben.

 

Anschließend bekamen wir einen Ermittlungsauftrag. An einer bestimmten Straße war ein Wohnwagen gesehen worden. Es gab die Vermutung, dass darin der illegalen Prostitution nachgegangen würde.

Auf dem Weg dahin outete sich Steini als Empfänger einer unserer Karten. „Damals war ich aber noch auf einer anderen Dienststelle.“

Er hatte sich sehr darüber gefreut. Was wiederum mich freut und auch motiviert.

In der genannten Straße war kein Wohnwagen zu sehen. Wenn der Verdacht also stimmte, hatte man sich wohl vorsichtshalber eine andere Ecke gesucht. Oder aber der Wohnwagen hatte einen harmlosen Hintergrund gehabt. Wer weiß…

 

„Wo Ihr gerade da in der Ecke seid – fahrt mal zum Herrn X. Der ist zusammengeschlagen worden, hat sich irgendwie noch nach Hause geschleppt und ist wohl ziemlich durch den Wind.“

Es folgte eine Adresse.

Die Anfahrt gestaltete sich schwierig, weil die Verkehrsführung dank diverser Einbahnstraßen an dieser Ecke der Stadt nicht auf Anhieb durchschaubar ist – um es mal vorsichtig auszudrücken. Wir fanden die Straße dennoch.

„Welche Hausnummer suchen wir nochmal?“ fragte Steini.

I. nannte die Nummer. Praktisch zeitgleich rief ich: „Hier!“

I. setzte zurück und fand eine Parklücke.

Das Rote Kreuz in Gestalt von zwei freundlichen Sanitäterinnen war schon bei Herrn X. Er ist ein älterer Herr, der schwerbehindert ist und eine Beinprothese hat. Die saß eindeutig nicht mehr so, wie sie sitzen sollte. Zudem hatte er ganz gut einen getrunken. Beides machte ihn, leider, für eine bestimmte Sorte Mensch zu einem guten Opfer. Die erkennen diese Schwächen ganz genau und wissen auch, dass Alkohol die Täterbeschreibungen nicht unbedingt hilfreicher macht.

Herr X. war völlig fertig mit der Welt. Er weinte.

Das ging mir in dieser Nacht unter die Haut. Mein eigener Tag hatte mit einer Todesnachricht begonnen, die mich mitgenommen hatte. Ich kann solche Dinge sehr gut beiseiteschieben, wenn ich anderweitig gefordert bin. Hier war ich aber gerade nicht gefordert. Also musste ich mich ziemlich zusammenreißen, um mich nicht dazuzusetzen und mitzuweinen. Was ich natürlich meinen beiden Herren auf keinen Fall antun wollte. Also riss ich mich zusammen.

Steini merkte trotzdem was. Wir führten dann kurz darauf, als ein wenig Zeit war, ein kleines Gespräch, dessen Quintessenz war: Man kann als Polizist nicht alles an sich heranlassen.

Kann ich so bestätigen. Würde ich alles, was ich im Leben an Schrecklichem oder Traurigem zu Gesicht/Gehör bekomme, so dicht an mich heranlassen, wie den Anblick des weinenden Herrn X., dann hätte ich schon mehrere Burn-Outs hinter mir. Polizeibeamte bekommen berufsbedingt mehr Schlimmes zu sehen als ich. Entsprechend wichtig ist es für die seelische Gesundheit, dass sie sich eben nicht jeden Einsatz emotional bis zum Anschlag reinziehen.

Merken, liebe Mitbürger! Es ist kein Zeichen von Unsensibilität, wenn ein Polizist im Einsatz einen kühlen Kopf bewahrt, sondern von Professionalität. Die meisten Polizeibeamten sind keinesfalls herzlos für Zwischenmenschliches. Das merkt man ihnen auch an, wenn man selbst nicht vollkommen gefühllos für andere ist.

Herr X. vermisste sein Handy. I. fragte ihn ausführlich nach den genauen Umständen aus, unter denen sein Handy abhandengekommen war. Auch hier ging es um den Unterschied zwischen zwei Delikten: Schwerer Diebstahl oder Raub.

Herr X. war dafür kaum empfänglich, also überließen wir ihn erst einmal den beiden freundlichen Sanitäterinnen.

Stattdessen machten wir uns daran, seinen Weg von der Kneipe um die Ecke nach Hause abzulaufen, in der Hoffnung, das Smartphone zu finden. Die Gaststätte befand sich um die Ecke. Es gab nur eine einzige etwas dunklere Ecke an dem Weg – und genau da war es seiner Beschreibung nach passiert. Natürlich war das Handy nicht aufzutreiben.

I. befragte drei junge Männer, die des Weges kamen. Die hatten zwar nichts gesehen, waren aber in höchstem Maße empört, was ihrem Mitbürger da passiert war.

„Altaaa, sowas macht man einfach nicht“, fasste einer der drei lautstark zusammen.

Ganz meine Meinung!

Für mein Gefühl waren sie darin auch vollkommen ehrlich.

Wir suchten die Kneipe auf, in der Herr X. seinen Abend verbracht hatte.

„Haben Sie vielleicht gesehen, wie jemand direkt nach ihm rausgegangen ist?“ fragte einer meiner beiden Herren.

Allgemeines Kopfschütteln, niemand war dem Mann gefolgt. Zudem allseitige Fassungslosigkeit.

Die Dame hinter dem Tresen wollte sofort Herrn X. Freundin informieren. I. ließ sich das Smartphone geben und übernahm das Gespräch. Gute Idee! Ich würde vergleichbare Nachrichten auch lieber sachlich von einem Polizisten bekommen.

Insgesamt ließ sich über die Täter nichts herausfinden – was vermutlich bedeutet, dass diese gewissenlosen Menschen damit durchkommen werden. Schade!

 

Und schon war es Zeit für die Rückübergabe an das erste Streifenteam.

Wir bekamen auch gleich einen Einsatz rein. Eine hilflose Person war vom Roten Kreuz, dieses Mal zwei freundlichen Herren, aufgegriffen worden. Es ging nun darum, die Identität zu klären.

Das klappte ganz gut. Dann ging es um seinen Wohnsitz. Der Herr war sich ziemlich sicher, in Mannheim zu wohnen, wo er allerdings nicht gemeldet war. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass er aus einem nahe gelegenen Krankenhaus abgängig war. Das traf sich sehr gut, denn in dessen Nähe lag schon der nächste Einsatz an. (Wie sich ruhige Nächte in Ludwigshafen halt so präsentieren!) In dieses Krankenhaus musste der Herr auch zurück. Also ging es „nur“ noch darum, ihn davon zu überzeugen, dass dieser Transport nicht von der Polizei, sondern vom Roten Kreuz erledigt werden musste.

„Wir dürfen keine Krankentransporte durchführen“, erklärte Christian ihm mehrfach. Irgendwann stieg er dann in den Rettungswagen.

Hello again!

Tatsächlich stellte sich heraus, dass der nächste Einsatz sich nicht um eine hilflose Person in der Nähe des Krankenhauses drehte, sondern diese Person ebenfalls aus dem Krankenhaus abgängig war. Eine Frau mit einer behandlungsbedürftigen Kopfplatzwunde hatte das Krankenhaus auf eigene Faust verlassen.

In diesem Krankenhaus trafen wir übrigens die beiden Sanitäter aus dem letzten und ich die beiden Sanitäterinnen aus dem vorletzten Einsatz wieder.

Während Christian und Alex noch versuchten, herauszufinden, was nun genau vorgefallen war, bekamen wir mit halbem Ohr mit, dass eine dritte Person aus dem Krankenhaus verschwunden war.

Was stimmt nicht mit diesem Krankenhaus?

Einer der jungen Sanitäter outete sich nebenbei meinen beiden Begleitern gegenüber als angehender Polizist (zum 1. Mai). In dem Zusammenhang erfuhr ich auch, wie lange meine beiden Begleiter schon dabei waren, wobei sich Christian mit fünf Jahren Dienst in Ludwigshafen schon als „Fossil“ zu bezeichnen beliebte.

Nach fünf Jahren im Beruf ein Fossil? Dann bin ich aus der Ursuppe gekrochen… 😉

 

Pragmatischerweise entschieden Alex und Christian, dass wir die Dame einfach mal suchen fahren.

 

Unterwegs trafen wir vier junge Männer, die sichtlich wohlgelaunt und nicht ganz leise durch die Nacht zogen – unter Ausnutzung der gesamten Fahrbahnbreite.

Christian sprach sie freundlich an und ermahnte sie, doch besser den Bürgersteig zu benutzen. Die Reaktion der Jungs war nicht unfreundlich. Allerdings hängte sich einer der vier gemütlich in das Beifahrerfenster des Streifenwagens. Wir leben definitiv in neuen Zeiten. Ich hätte mich das in dem Alter nicht getraut. Generell bin ich eher der Typ für Abstand. Mir wäre das definitiv zu distanzlos.

 

Wir waren bei unserer Suche schon fast an der Adresse der verletzten Frau angelangt – als uns ein Funkspruch aus der Leitstelle erreichte.

„Die Dame hat uns angerufen. Sie ist wohlbehalten zuhause. Die hatte einfach keine Lust mehr zu warten.“

„Wann ist sie denn eingeliefert worden?“

„Um neun.“

Meine Uhr zeigte knapp drei Uhr morgens an.

Joah!

Da hätte ich auch nicht mehr gewartet.

 

Wir bestreiften weiter das nächtliche Ludwigshafen. Dabei passierten wir in einer kleinen Grünanlage fünf junge Leute. Wobei „passieren“ die Sache nicht ganz trifft. Zwei von den beiden spurteten schon los, als der Streifenwagen gerade am Horizont auftauchte.

Alex gab dem Wagen die Sporen.

Die beiden trennten sich.

Nun galt es, zu entscheiden, wem wir folgen.

Unser Favorit schlug plötzlich einen Haken.

Man kann einen Passat aber auch sehr schnittig wenden, wenn es sein muss. Alex kann das auch. 😊

Der Flüchtende passierte eine Mauer. Eine kurze Handbewegung.

Hä? Will der über die Mauer klettern? Das schafft der doch nie…

Nein, er rannte weiter.

Nach wenigen Sekunden waren wir nah genug dran, dass Christian die Tür aufreißen und ihm folgen konnte. Pfeilschnell!

Alex parkte den Wagen, wir stiegen auch aus.

Christian hechtete auf den jungen Mann, und brachte ihn zu Boden.

„Hey, das ist Polizeigewalt!“

Na, klar.

Christian erklärte dem jungen Mann, inwiefern er berechtigt gewesen war, zu handeln wie er handelte, und warum er es getan hatte. Der blieb jedoch bei seiner Ansicht. Eine Diskussion, auf die sich Christian gar nicht weiter einließ.

Allerdings sagte Christian im Nachgang zu mir, dass er schon nachvollziehen könne, dass der junge Mann davon geschockt gewesen war. Fand und finde ich klasse!

Während Alex die Personalien des jungen Mannes aufnahm, spazierte Christian zu der Mauer. Um die Mauer. Hinter die Mauer. Und fand – ein kleines Druckverschlusstütchen mit weißem Pulver.

„Das haben Sie doch selbst dabeigehabt, um mir das hier unterzuschieben.“

Klar, da warten wir schon den ganzen Abend drauf…

Nach Beschlagnahme des Pulvers („Warum sollte ich etwas dagegen haben? Das Zeug gehört mir doch gar nicht!“) durfte der junge Mann weiter seiner Wege ziehen.

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

 

Meine beiden Herren fanden es im Nachgang sehr schade, dass uns der andere durch die Lappen gegangen ist. Ich auch! Wer weiß, was wir bei ihm gefunden hätten.

 

Alex und Christian tippten bei dem weißen Pulver auf Amphetamin. Sie begründeten das mit dem Geruch und mit den Symptomen, die der junge Mann aufgewiesen hatte (Trockene Mundwinkel, Paranoia…).

 

Bevor wir das überprüfen konnten, bekamen wir allerdings noch eine Ruhestörung rein. Es ging hart auf vier Uhr zu – und in einem Saal über einem Restaurant ging es musikalisch noch hoch und vor allen Dingen laut her. Es handelte sich um die Feier der Neueröffnung dieses Restaurants.

Christian und Alex gratulierten freundlich dazu, was die Bereitschaft, die Musik leiser zu stellen, drastisch erhöhte. Wenn es auch ein bisschen dauerte, bis die Anweisung der Verantwortlichen sich bis zum „DJ“ herumgesprochen hatte…

 

Als wir nach einer weiteren kurzen Streifenfahrt in die Dienststelle kamen, machte Christian als erstes einen Schnell-Test. Den kannte ich ja schon aus meiner Januar-Schicht. Dieses Mal verfärbte sich das Röhrchen nahezu in Lichtgeschwindigkeit orange. Wie vermutet – Amphetamin.

Das Amphetamin roch auch deutlich weniger nach Waschmittel, war also vermutlich von „besserer“ Qualität – hatte aber immer noch keinen Geruch, der mich animieren würde, so etwas zu mir zu nehmen.

 

Das Wiegen hatte ich schon verpasst, und den Fortgang sollte ich auch nicht mehr mitbekommen, weil mich Steini und I. wieder in ihre Obhut nahmen. Wir hatten die Streifenfahrt gerade erst aufgenommen, als wir schon einen Einsatz wegen einer Schlägerei vor einer Disko hereinbekamen.

Wieder waren wir die zweite Streife am Ort, was dazu führte, dass meine beiden Herren in erster Linie damit beschäftigt waren, die Kontrahenten voneinander zu trennen.

Nach Darstellung des jungen Mannes, um den sich meine beiden Herren vorrangig kümmerten, waren zwei andere junge Männer auf ihn losgegangen. Um diese beiden kümmerte sich gerade die andere Streife. Beiden pappte in der Tat ein ebenso provozierendes wie überflüssiges Grinsen im Gesicht. Was unseren jungen Herrn noch weiter auf die Palme brachte. Seine Freundin versuchte hartnäckig und leider erfolglos, ihn runterzubringen.

Nach und nach kamen weitere Streifenwagen eingeflogen, bis die Polizei letztlich mit insgesamt sechs Wagen am Ort war. Einer davon war der Dienstwagen eines Hundeführers, der sich aber erstmal ohne seinen Hund im Abseits hielt.

Der junge Mann, der angegriffen worden war, war nicht willens, die Fragen der Polizisten zur Klärung der Sachlage zu beantworten. Stattdessen versuchte er ständig, aus dem Kreis der ihn umgebenden Polizisten auszubrechen. Als das misslang, versuchte er es mit einem Tränenausbruch.

„Da will man einen schönen Abend verbringen, und dann passiert sowas. Und jetzt glaubt mir keiner.“

Auch hier versuchte die Freundin, beruhigend auf ihn einzuwirken.

„Die Polizisten machen doch nur ihre Arbeit.“

Natürlich zog auch hier der Blaulichtauflauf einige Schaulustige an, u.a. einen Kumpel des Opfers, der mit den beiden den Abend verbracht hatte. Der wusste offensichtlich von nichts, er konnte auch keine Zeugenaussage beitragen, die irgendwie weitergeholfen hatte. Zum Ausgleich wusste er hingegen ganz genau, wie Polizeiarbeit geht – und war auch so liebenswürdig, das den anwesenden Beamten exakt zu erklären.

„Die beiden greifen an und wir sind die Deppen. Das sind unsere Beamten und das deutsche Rechtssystem.“

Inwiefern er als Unbeteiligter, der nicht dabei gewesen war, nun der Depp sein wollte, erschloss sich mir nicht. Zum Ausgleich erschloss sich ihm aber auch nicht so recht die Funktionsweise eines Rechtsstaates, denn die Polizei ist nach wie vor lediglich dafür da, Sachverhalte aufzunehmen. Wer dann letztlich „der Depp“ ist, entscheiden Staatsanwaltschaft oder Gericht.

Ihm dauerte das auch alles zu lange. Zitat:

„Zwanzig Polizisten und das dauert ewig. So arbeitet die deutsche Polizei.“

Ja, man kann sagen, er gab wirklich alles um mein Herz zu gewinnen. Zumal er, wie eine Polizistin treffend bemerkte, jederzeit hätte gehen können. Er war ja nicht mal als Zeuge gefragt.

„Sechs Streifenwagen. Vollkommen überzogen, der Einsatz.“

Bingo! Ich hatte schon Angst, das heute Nacht mal nicht zu hören zu bekommen!

Hätte Mr. Wichtig auch nur ansatzweise den Durchblick gehabt, den er zu haben glaubte, hätte ihm auffallen müssen, dass der Diensthund die ganze Zeit im Wagen blieb. Somit also ein insgesamt sehr zurückhaltender Einsatz. Aber gut – seitdem mir sogar im Dienstgebiet der Polizei Remagen einer was von einem überzogenen Einsatz erzählen wollte, habe ich begriffen, dass auch das zum Standardrepertoire der Phrasen gehört, die man reflexartig auf Polizisten abfeuert, sobald diese irgendwie die eigenen Kreise stören.

Wirklich nett war die Freundin, die ja schon eigentlich alle Hände voll mit ihrem Freund zu tun hatte, nun aber noch seinen Kumpel im Zaum zu halten suchte. Ein echt patentes Mädchen, das sich dringend Gedanken um seinen Umgang machen sollte.

Mein persönliches „Highlight“ war übrigens der Moment, als sie versuchte Mr. Wichtig zu mehr Respekt zu bewegen. Sie sagte:
„Du redest hier nicht mit deinen Eltern, sondern mit der Polizei.“

Ein Satz, der im Nachgang im Streifenwagen bei mir einen Lachanfall hervorrief. Bei Licht betrachtet ist er aber einfach nur traurig!

Irgendwann waren alle Personalien aufgenommen und alle Gemüter so weit beruhigt, dass beide Parteien in unterschiedlichen Richtungen ihrer Wege gehen konnten. Die Polizei hielt sich noch einige Minuten am Ort auf, um sicherzugehen, dass der Teil mit den unterschiedlichen Richtungen auch hinhaut.

 

Bei der Gelegenheit sprach mich der Diensthundeführer an, der wohl schon länger auf unserer Facebook-Seite mitliest. Er mag uns!

Danke für die Rückmeldung! Auch das motiviert!

 

Zurück in der Dienststelle musste ich eigentlich nur noch die Schussweste abgeben, dann bestreiften Steini und I. netterweise noch einmal den Bahnhof Ludwigshafen-Mitte.

 

Es war auch neben der Polizeiarbeit spannend, mit vier Persönlichkeiten unterwegs zu sein, die so unterschiedlich sind – und alle einen tollen Job gemacht haben. Christian, der mir jeden Schritt sehr ausführlich aus Polizeisicht begründet hat. Steini, der mir vieles aus der individuellen Sicht eines Polizisten erklärt hat. Alex, der sofort macht, wenn es Not tut, ohne viel zu reden. (Deshalb kommt er in meinem Text auch ein bisschen zu kurz – was eigentlich nicht fair ist.) Und I., der umgekehrt recht viel redet, dabei aber eine so deeskalierende Art an Tag legt, dass es mir Spaß machte, ihm zuzuhören.

Danke Euch allen. Fast bedaure ich, nicht in Ludwigshafen zu wohnen und zu wissen, dass Ihr auf mich aufpasst. Aber nur fast. 😝 (Ein kleines Danke auch an I. dafür, dass du unsere Patches so mochtest.. 😉 )

Und danke an die PI Ludwigshafen 1 in ihrer Gesamtheit. Ihr macht einen echt tollen Job!

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Die Nacht der Unverschämtheiten – Nachtschicht in Remagen

„Ist das nicht langweilig, wenn du schon wieder in meinem Streifenwagen landest?“

Marcs Frage war ernst gemeint.

Nein, ist es nicht. Abgesehen davon, dass es auch keine andere Lösung gab. Mindestens einer der Dienst habenden Polizisten würde bereits gegen drei Uhr morgens die Nachtschicht beenden und dann war da noch eine Anwärterin, deren Ausbildung selbstverständlich Vorrang hat.

Der Dienstgruppenleiter der Vorschicht hatte es da schon eher getroffen.

„Du hast da Spaß dran, oder?“

Oh ja, und wie. Sonst würde ich es nicht so oft tun. Hinopfern tue ich mich nicht. Insgesamt macht mir KGgP ziemlichen Spaß – wenn man mal den ganzen Papierkram und einige unsägliche Kommentare auf Twitter und Facebook weglässt. Mit am meisten Spaß habe ich daran, darüber so viele neue Leute kennenzulernen.

Trotzdem freue ich mich auch mal hin und wieder bei Leuten mitfahren zu dürfen, die ich schon kenne. Marc hatte mich in meiner ersten Nachtschicht in Remagen schon im Streifenwagen gehabt. Für mich eine gute Erfahrung. Ich freute mich auf die Wiederholung.

Marcs Streifenpartnerin, Kathy, und der Rest der Schicht begrüßten mich auch sehr freundlich. Tatsächlich würden in dieser Nacht wenigstens bis drei Uhr insgesamt drei Streifen auf die Straße gebracht werden können. Tschakka!

Insgesamt stehen die Dinge in Remagen mittlerweile so, dass ich mir meine Schussweste und meinen nicht minder überlebensnotwendigen Kaffee selbst beschaffe.

„Du kennst dich ja aus.“

 

In der Schicht gibt es auch einen Polizisten, T., der schon einmal dienstlich an mir geworden war – nach einem Spiegelklatscher. Sein Kollege und er hatten das so freundlich abgewickelt, dass ich im Nachgang dem Dienststellenleiter dazu eine Mail schrieb. Wenn man sich schon permanent über die miserable Lobkultur in Deutschland beklagt, dann muss man selbst es anders halten. Nur Jammern bringt nichts.

 

Die Nacht begann wie die letzte mit Marc geendet hatte – mit einer Ruhestörung.

Übrigens meine erste Nacht auf der Rückbank des neuen Audis. War dann letztlich gar nicht mal so unbequem wie ursprünglich befürchtet – und die Sitzbank ist sehr komfortabel geformt.

Symbolfoto

 

An der Ausfahrt der Polizeidienststelle stoppte Marc den Streifenwagen, weil Kathy noch mit dem äußerst störrischen Navi kämpfte.

„Links lang“, sagte ich. Für genaue Wegbeschreibungen kann ich mir Straßennamen zu schlecht merken, sogar in einer Gegend, in der ich lebe und aufgewachsen bin. Aber für grobe Richtungsangaben reicht es. Marc vertraute meiner Angabe und bog nach links ab.

Am Fahrtziel angekommen, erwies sich diese Ruhestörung wirklich als extrem ähnlich zur letzten… wir hörten nämlich mal wieder… nichts.

Kathy und Marc klingelten bei den angegebenen Namen. Die jungen Damen waren offensichtlich schon gewohnt, dass ihnen die Polizei für nichts ins Haus geschickt wurde, denn sie reagierten freundlich und entspannt. Ein Spieleabend, aber die Musik hatten sie schon lange ausgeschaltet. Sie kannten ihre Nachbarn nämlich…

Dafür erwies sich die Einstellung des Bewegungsmelders als nervig. Das Licht sprang zwar an, aber jeweils nur für wenige Sekunden. Da ich mich als Praktikantin immer sehr gerne ums Licht kümmere (irgendwas muss jeder können), winkte ich etwa drei bis vier Mal pro Minute, um eine Unterhaltung unter der Beleuchtung einer sparsamen Energiesparlampe zu ermöglichen.

Irgendjemand sollte dem Menschen, der diese Taktung eingerichtet hat, mitteilen, dass der gewünschte Spareffekt davon mit Sicherheit nicht eintritt. Nun unterhält man sich nicht jeden Tag mehrere Minuten lang mit der Polizei, aber bei der Taktung wäre ja nicht mal aufschließen möglich, ohne dass das Licht zwischendurch ausgeht. Ständiges An und Aus frisst bekanntlich mehr Strom als so eine Lampe einfach mal zwei Minuten brennen zu lassen.

 

Als nächstes wurden wir zu einem Hausfriedensbruch in einer mir recht gut bekannten Gegend gerufen. Ein der Beschreibung der Hausbewohner nach zu urteilen heillos Besoffener hatte versucht, ihren Garten zu entern. Den Bewohnern war er unheimlich gewesen.

„Er hat erzählt, dass er mit einem X. am Rhein einen trinken war. Mittlerweile ist er nach da gegangen.“

Einer der Herren zeigte in Richtung Bahnhof. Ein anderer brachte uns transportable Lautsprecher und…

…ein Netz Zwiebeln.

Öhm…

„Das hat er hier liegen lassen.“

Ach so…

Für mich übrigens ein Einsatz, der mit einem sehr merkwürdigen Gefühl verbunden war. Wenige Häuser weiter war ich aufgewachsen. Damals, Ende der 80er, hatte mich die Polizei in einer kalten Februarnacht von Weiberdonnerstag auf Karnevalsfreitag mit dem Streifenwagen heimgefahren.

 

„Na, jetzt kannst du doch endlich sagen, was du damals wirklich angestellt hast“, mit diesen Worten wurde ich noch vor wenigen Jahren von einer ehemaligen Nachbarin, die ich zufällig im Supermarkt getroffen hatte, darauf angesprochen – was den Eventcharakter dieses Ereignisses vielleicht deutlich macht. Leider konnte ich der Nachbarin auch nach so vielen Jahren dazu nichts Spektakuläreres bieten als die Wahrheit – ich hatte den letzten Zug verpasst und die zufällig vorbeifahrende Streife, die ich darum gebeten hatte, mir ein Taxi zu beschaffen, hatte mich nach Hause gebracht. Womit die beiden Herren damals einen der Grundsteine für meine Sympathie für die Polizei gelegt haben. So gesehen sind sie „mitschuldig“ an der Existenz von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.

Offensichtlich haben sich die Zeiten geändert und das Auftauchen unseres Streifenwagens in dieser Straße wird in 30 Jahren kein Aufreger mehr sein… tja…

Zurück zum Eigentümer der Lautsprecher und der Zwiebeln…

Noch während Kathy seine Besitztümer ins Auto legte, kam ein Funkspruch rein, dass wenige 100 Meter weiter in genau der angegebenen Richtung ein Bewusstloser aufgefunden worden war.

Ah ja…

Den Zusammenhang kapierte sogar ich.

Wir fuhren los – und richtig. Da lag ein junger Mann, auf den die Beschreibung passte, am Wegesrand, bewusstlos. Ein Mitbürger hatte ihn dort liegen sehen und die Polizei alarmiert. Sehr lobenswert, aus meiner Sicht.

Marc sprach den Bewusstlosen an. Nach und nach kam er wieder zu sich, so dass er Marc seinen Ausweis reichen konnte. Kathy überprüfte per Funk seine Personalien. Gegen ihn lag nichts vor. Marc packte ihm seine Lautsprecher und Zwiebeln in den Rucksack.

Meine beiden Begleiter überlegten kurz, ob sie einen Rettungswagen alarmieren sollten, entschieden sich dann aber dagegen. Der Mann selbst wollte auch keinen. Er war ganz klar ziemlich volltrunken, aber nicht unfreundlich. Nachdem Marc ihm nach mehreren Anläufen klargemacht hatte, dass der Bahnhof nicht in der Richtung lag, in die er mehrfach starten wollte, sondern genau in die andere, schwankte er los. Damit war dieser Einsatz vorerst beendet.

Übrigens wäre in diesem Zusammenhang noch zu erwähnen, dass der ominöse X., mit dem unser Klient wohl am Rhein getrunken hatte, ein relativ polizeibekannter Herr ist, der am Ort eine Art Trinkerszene bildet. Selbst wenn die Polizei den einen oder anderen Betrunkenen (noch) nicht kennt, den sie aufgreift – X. ist das gemeinsame Zentrum, um das sie alle kreisen.

 

Als nächstes wurden wir zu Randalierern auf der Straße einen Ort weiter geschickt. Wir trafen drei junge Männer vor einem schicken Wagen aus Hamburg.

„Hier sollen welche randalieren.“

„Ja, nee, also ich hatte Streit mit meiner Verlobten“, sagte einer der jungen Herren. „Wir sind aber jetzt ruhig.“

Eine zweite Streife rückte an. Gut so!

„Läuft das jetzt wirklich friedlich?“

„Ja, versprochen! Ich hol da nur noch ein paar Sachen und dann fahre ich nach Hause.“

Das erschien nicht unwahrscheinlich, denn der junge Mann trug lediglich Shorts und T-Shirt – in einer nicht wirklich warmen Märznacht.

Da wir in dieser Nacht nichts mehr von dieser Front hörten, scheint er sein Versprechen gehalten zu haben.

 

Wir bestreiften ein wenig die Gegend, bei dieser Gelegenheit suchten wir noch einmal die Strecke zwischen der Stelle, wo die beiden unseren Betrunkenen auf den Weg zum Bahnhof gebracht hatten, und eben diesem Bahnhof ab. Er war verschwunden. Die Chancen standen also gut, dass er seinen Zug bekommen hat und bald sicher in seinem (mutmaßlich heftig unter ihm drehenden) Bett gelandet sein dürfte.

 

Von hier wurden wir von Ts. Streife als Verstärkung zu einem Einsatz hinzugerufen, bei dem es um einen Brand ging. Eine Sitzbank war angezündet worden. Die Feuerwehr war so schnell eingetroffen, dass kein Sachschaden entstanden war. T. und seine Partnerin hatten drei männliche Jugendliche gestellt, die sie im Verdacht hatte, diesen Brand verursacht zu haben.

Als wir eintrafen, war einer der Jugendlichen dabei, T. seinen Job zu erklären. Schon der Tonfall des Jugendlichen bei unserer Ankunft machte mir klar, dass dieser junge Herr im Unterschied zu mir wohl keine Mail an den Dienststellenleiter schicken würde – und wenn er es täte, würde sie ziemlich viele alternative Fakten, oder kurz gesagt Schwachsinn, beinhalten…

Zuerst einmal kam der Standardsatz, dass insgesamt fünf Beamte doch reichlich übertrieben seien als Kräfteansatz. (Für mich in Remagen überraschend. Vielleicht ist der Spruch mit dem „voll übertrieben“ auch einfach ein Reflex, der durch das Auftauchen von Menschen in blauer Uniform mit der Aufschrift POLIZEI ausgelöst wird. Wer weiß das schon so genau?) Schließlich, auch Standard, hätten sie ja gar nichts gemacht.

Der Wortführer hatte angegeben, dass er und seine Kumpels zum Zeitpunkt der Brandlegung nicht am Ort gewesen seien. Ihre Anwesenheit bei Eintreffen der Feuerwehr erklärte er damit, dass er eine WhatsApp-Nachricht bekommen habe, er solle dort erscheinen.

Diese WhatsApp-Nachricht wollte er aber nicht vorzeigen.

„Sie dürfen mein Handy gar nicht einsehen.“

Das ist so leider nicht ganz richtig, denn bei Sachbeschädigung und Brandstiftung geht es um Straftaten. Der Absender der Nachricht könnte mindestens ein wichtiger Zeuge, wenn nicht sogar der Täter sein – und in solch einem Fall ist die Strafprozessordnung da sehr eindeutig! Ein Blick in die §§ 94 ff. der Strafprozessordnung erleichtert hier die Rechtsfindung. In diesem Fall ist das Handy ein Beweismittel und darf in der Tat von der Polizei beschlagnahmt werden.

Dies versuchte T. seinem Gegenüber zu erklären.

Die Reaktion:

„Sie haben Ihre Meinung, ich habe meine.“

Das in einem unfassbar großkotzigen Tonfall vorgetragen. Als sei es nicht schon arrogant genug, einen unbestreitbar vorhandenen Gesetzestext als „Meinung“ zu titulieren.

Es ist mir zu müßig, das unsinnige Gerede des jungen Herrn hier en détail zu wiederholen. Fakt ist, dass er den Beamten weitere Unsäglichkeiten um die Ohren schlug, von denen ich hier nur zwei Highlights wiedergeben möchte:

  1. Als wir uns ans Einsteigen machten, beglückte er uns mit dem „freundlichen“ Hinweis: „Sie wissen ja, kein Alkohol am Steuer!“
  2. Im Laufe des „Gesprächs“ verstieg er sich zu dem Spruch: „Lassen Sie uns in Ruhe, dann lassen wir Sie in Ruhe!“ – was aus meiner Sicht schon recht nahe an einer Bedrohung liegt. Zumindest aber liegt bei ihm eine ganz klare Wahrnehmungsstörung vor, wer hierzulande die Rechtslage durchsetzt und wer nicht.
Symbolfoto

Nun habe ich bei meinen Schichten schon so einiges gehört, was Polizisten um die Ohren geschlagen wurde. Bis hierher hatten aber alle Absender derartiger Botschaften entweder kräftig unter Substanzen gestanden, waren nicht ganz Herr ihrer Sinne, gerade festgenommen worden oder eben alles zusammen. Hier traf nichts von allem zu. Gut, der junge Mann war nicht ganz nüchtern, aber keinesfalls besoffen genug, um ein derartiges Auftreten auch nur im Ansatz zu erklären.

 

Leider sollte das nicht unser letztes Zusammentreffen für die Nacht mit ihm werden, denn kurz darauf wurde die Polizei zu einer Schlägerei auf einem Platz gerufen, in dessen Nähe sich ein paar Restaurants, Kneipen und Gaststätten befinden.

Meine Freude kannte keine Grenzen, ein weiteres Mal Zeugin der charmanten Erziehung des jungen Herrn werden zu dürfen. Seine beiden Kumpels, die ihm schon bei der Geschichte mit der brennenden Bank sekundiert hatten, waren auch vor Ort, sowie weitere Herz erwärmende Exemplare seines Alters.

Eine Schlägerei gab es allerdings nicht – nur schlechtes Benehmen gepaart mit Gegröle.

Zuerst einmal wies Marc ihn an, eine Zigarettenschachtel aufzuheben, die er vor unseren Augen auf den Boden geworfen hatte, und in einem ganze fünf Meter entfernt stehenden Papierkorb zu entsorgen.

„Wieso ich?“

Ja, wieso nur?

Zu meiner Genugtuung gab er letztlich nach, wozu sicherlich beitrug, dass die dritte Streife ebenfalls einrückte. Natürlich nicht, ohne uns zu erklären:

„Voll übertrieben, das Polizeiaufgebot!“

Ja, ja, das hatten wir ja gerade schon mal.

Ich persönlich finde es eher übertrieben, dass man überhaupt ein solches Polizeiaufgebot braucht, um normal sozialkompatibles Verhalten durchzusetzen, aber gut…

Endlich, nach Absondern weiterer Sinnlosigkeiten, rückten diese Zeitgenossen ab und machten auch für den Rest der Nacht keinen Ärger mehr. Da war das Polizeiaufgebot im zweiten Anlauf wohl genau richtig gewesen, würde ich mal behaupten!

 

Nun ging es erst einmal in die Dienststelle, weil Marc und Kathy ihre ersten Berichte schreiben wollten.

 

Kurze Zeit später wurde wieder die Polizei angerufen. In einem Saal, den man extra für solche Events mieten kann, fand eine Feier zu einem 18. Geburtstag statt. Aus dem Ortsinneren kamen insgesamt 30 bis 40 Jugendliche zu diesem Saal geströmt. Der Anrufer teilte mit, dass es bereits zu verbalen Aggressionen gekommen sei. Der Inhaber des Etablissements befürchtete, dass sich eine Schlägerei entwickeln könnte.

Seine Befürchtungen waren derart stark, dass er noch einmal anrief, während wir schon auf dem Weg waren.

Mit allem, was die Polizei Remagen aufbieten konnte, also drei Streifenwagen, fuhren wir erst einmal die Straße auf und ab, um uns ein Bild zu machen. Tatsächlich schien es, als bewegten sich viele junge Leute auf den Saal zu. Gleichzeitig quollen aber auch viele aus dem Saal heraus. Die jungen Menschen, die in Richtung des Saals liefen, trugen auch vielfach keine Jacke. Es konnte also durchaus sein, dass die nur mal frische Luft geschnappt hatten. Aus Sicht meiner Begleiter sprach derzeit nichts für die Version des Betreibers. Dennoch…

Die drei Streifenwagen wurden abgestellt und wir machten uns, alle in einer großen Gruppe, zusammen auf den Weg und schlenderten zu Fuß die Straße entlang.

Einer der Jugendlichen stand allein am Straßenrand und wirkte auf den ersten Blick nicht unfreundlich.

Kathy sprach ihn mit einem höflichen „Guten Morgen!“ an und fragte dann nicht minder nett:

„Und, wie ist die Party?“

„Gut!“

Oha. Ein ganz gesprächiges Exemplar.

„Und wieso stehen Sie dann hier draußen?“

Nach wie vor war Kathy sehr freundlich.

„Weil ich es darf!“

Dies in einem Tonfall, der sich weit jenseits der Grenze zur Unverschämtheit befand.

Habe ich was verpasst? Ist heute die allgemeine Nacht der Arroganz ausgerufen oder was ist mit den Leuten los?

Auch dieser junge Mann schien nicht unter Substanzen zu stehen, hatte sich also bei klarem Verstand für ein derartiges Benehmen entschieden.

Ich muss zugeben, dass ich an dieser Stelle froh war, Marc aus den Augenwinkeln zum Streifenwagen gehen zu sehen. Ich folgte ihm auf dem Fuße. Hätte ich Zeugin einer weiteren Unverschämtheit an die Adresse meiner Begleiter werden müssen, hätte ich größte Schwierigkeiten gehabt, den Mund zu halten.

Kathy stieß auch wieder zu uns. Als nächstes begegneten wir dem Betreiber, dessen Auftreten gegenüber der Polizei ich auch im Rückblick eher mit Stirnrunzeln betrachte. Erstmal wurde nämlich aufgezählt, was die Polizei beim letzten Einsatz alles falsch gemacht habe.

Na, wenn er dafür Zeit hat, scheint es ja so furchtbar dringend nicht zu sein, mit der anstehenden Schlägerei.

Marc entschied sich für eine ungewöhnliche Maßnahme. Er setzte den Streifenwagen mehr oder minder genau vor den Eingang des Saals. Und da blieben wir erst einmal eine Weile stehen.

Symbolfoto

Warum?

Weil die Polizei es darf!

Und weil die liebenswürdige Reaktion von Kathys jungem Gesprächspartner schon recht deutlich gemacht hatte, dass die Polizei ganz klar störte – wenn auch noch nicht offensichtlich war, bei was.

Ich gebe zu, dass ich eine diebische Freude an Marcs so einfacher und doch so wirkungsvoller Idee hatte.

Die beiden anderen Streifenwagen fuhren weiter auf der Straße auf und ab. Hier und da wurde mal jemand von den beiden anderen kontrolliert, zum Beispiel, wenn er trotz des deutlich sichtbaren Polizeiautos vor dem Etablissement meinte, seinen Wagen ins Halteverbot stellen zu müssen. Das machte dann 15 Euro…

Das Gewusel aus jungen Menschen um uns herum nahm erst einmal zu. Nicht wenige, die aus dem Saal kamen und den Streifenwagen sahen, drehten wieder ab. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrfach, gerne auch mehrmals mit denselben Jugendlichen.

Wir standen. Es ging mittlerweile deutlich auf drei Uhr zu.

Nach einer Dreiviertelstunde tauchten plötzlich erste Taxis auf.

„Was wir hier an Trunkenheitsfahrten verhindern…“, stellte Marc gemütlich fest. „Wir ersetzen hier eine ganze Hundertschaft.“

Das Grinsen in seiner Stimme schwang deutlich mit. Ich grinste mit.

Nach etwas über einer Stunde hatten alle ihr Taxi nach Hause genommen und wir konnten abrücken.

Von diesem Einsatz erzählte ich am Tag danach Dirk, dem stellvertretenden Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. Er ist Polizist in Berlin, und das seit Jahren im Wedding. Mit Sicherheit gibt es in ganz Rheinland-Pfalz keine Dienststelle, die auch nur ansatzweise eine ähnliche Bevölkerungsstruktur vorfindet, wie die, mit der es die Polizei im Wedding zu tun hat. Da existiert einfach bei uns nichts Vergleichbares. Aber dafür gibt es in Berlin Verstärkung innerhalb sehr kurzer Zeit. Im Bereich der Polizeiinspektion Remagen nichts, worauf man hoffen könnte. Dirk zeigte sich sehr beeindruckt davon, wie die Schicht das gelöst hatte. Das macht mich ehrlich gesagt schon ein bisschen stolz, dass „meine“ Remagener einen altgedienten Berliner Polizisten beeindrucken.

 

Fast zum Abschluss der Nacht bekamen wir noch einmal eine Ruhestörung rein. Das war ein sehr spezieller Einsatz. Schon bei Betreten des Hauses schlug mir ein Geruch entgegen, der mich geistig in meinen ersten Einsatz in Ludwigshafen in einen sozialen Brennpunkt zurückkatapultierte.

Oha!

So weit muss man also gar nicht fahren, um mit solchen Verhältnissen zu tun zu bekommen.

Ein mir bekannter Polizist sagte einmal:

„Wir schauen in unserem Beruf hinter Türen, von denen viele Bürgerinnern und Bürger nicht einmal wissen, dass sie existieren.“

Stimmt!

Ich hatte nicht gewusst, dass es solche Häuser in meiner Heimatregion gibt.

Die Anruferin empfing uns nicht unfreundlich und informierte uns, dass ihre Nachbarin herumschreie und -poltere.

Kathy klingelte.

Keine Reaktion.

Sie klopfte.

„WAS?“

Nicht freundlich, aber wenigstens eine Reaktion von innen.

„Frau X., hier ist die Polizei.“

„Ich bin nicht angezogen.“

„Dann ziehen Sie sich bitte an. Wir möchten uns überzeugen, dass es Ihnen gut geht.“

„Rufen Sie die tschechoslowakische Kriminalpolizei.“

Hä?

Das wird schwer. Speziell vor dem Hintergrund, dass die Tschechoslowakei vor geraumer Zeit aufgehört hat zu existieren.

So schnell wollten Kathy und Marc nicht aufgeben

„Lassen Sie uns bitte rein“, dieses Mal versuchte es Marc. Mit einer derart beruhigenden Stimme – also ich hätte ihn reingelassen. „Wir wollen nur wissen, wie es Ihnen geht.“

„Ihr seid Engländer, also geht nach Hause.“

Das hatte immerhin eine gewisse Logik. Die Tschechoslowakei war lange eine kommunistische Diktatur gewesen. Jemand, der in den Zuständigkeitsbereich der tschechoslowakischen Kripo fiel und das auch gut fand, dürfte von Engländern tatsächlich nur mäßig begeistert sein.

„Lassen Sie uns bitte rein.“

„Rufen Sie die tschechoslowakische Kriminalpolizei. Ich komme morgen auf die Dienststelle. Da zeige ich ihnen dann, dass die tschechoslowakische Kripo für mich zuständig ist. Das steht in jedem PC.“

„Wir würden aber gern sehen, ob es Ihnen gut geht…“

Langer Rede, kurzer Sinn – der Dialog erwies sich als vollkommen fruchtlos und drehte sich im Kreis. Letztlich rückten wir wieder ab. Es gab keine Handhabe, sie zu zwingen, die Tür zu öffnen – ihre ziemlich laute Stimmlage legte nahe, dass sie sich bester Gesundheit erfreute.

Wie ihre Nachbarin allerdings das Problem mit den nächtlichen Ruhestörungen lösen kann? Das dürfte sehr problematisch werden.

 

Auf dem Rückweg in die Dienststelle ereilte uns noch einmal ein Funkspruch.

„Schaut mal in der N-Straße. Da ist ein verdächtiges Fahrzeug gesichtet worden.“

Wir fanden nichts.

Allerdings wohnt in dieser Straße einer der wenigen meiner Bekannten, die meinem Engagement mit Unverständnis begegnen.

Siehste, und trotzdem ist die Polizei für Dich da. Denn auch für Deine Sicherheit ist gesorgt, selbst wenn Du es nicht wahrnimmst und auch nicht bestellt hast. So sind sie, unsere Polizeibeamten.

 

 

Damit war auch diese Nachtschicht zuende.

 

Für mich bleibt als Fazit, dass ich nachts bestens schlafe, weil es meinem Sicherheitsgefühl weitgehend gut geht. Auch wenn bei uns (häufig zu) wenige Polizeibeamte am Start sind – was die wuppen und vor allen Dingen, WIE sie es wuppen… ich fühle mich in den besten Händen. Trotzdem wären mehr Polizisten kein Fehler, liebe Innenminister. Sie werden gebraucht!

Ein bisschen schockierend fand ich die unglaubliche Respektlosigkeit, der wir in dieser Nacht begegnet sind. Wie schon bemerkt, war das in der Form für mich mein bisheriger Rekord. Nun kann ich Respektlosigkeit gegenüber unseren bundesdeutschen Polizeibeamten generell nicht ausstehen, weil sie das definitiv nicht verdient haben. Gegenüber „meinen“ Remagener Polizisten kann ich es allerdings noch weniger leiden, da bin ich aus Gründen der Heimatbindung echt zu dicht dran. Na ja, und so weit zum Thema, dass in ländlichen Gebieten die Welt noch in Ordnung wäre.

Voll in Ordnung jedenfalls sind die Beamtinnen und Beamten, die Tag und Nacht für meine Sicherheit sorgen. Ihr seid super!