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Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ein Besuch bei unseren Nachbarn

„Denen sitzt der Schlagstock / die Schusswaffe lockerer als bei uns.“

„Die sind deutlich härter als unsere Polizisten.“

Solche Sätze höre ich immer wieder, wenn es um die französische Polizei geht. Spannenderweise höre ich seit Jahren entsprechende Töne in Frankreich, wenn es um die deutsche Polizei geht. Übrigens in beiden Fällen auch von Polizisten.

Dabei sind die Unterschiede gar nicht mal so groß – Frankreich und Deutschland sind beides Demokratien mit einer rechtstaatlich verfassten Polizei.

Ja, es ist korrekt, dass es in Frankreich keine eigene Vokabel für „Körperverletzung im Amt“ gibt. Das heißt aber deswegen noch lange nicht, dass Polizisten dort alles dürfen. Sie werden dann eben wie jeder andere Bürger auch wegen „coups et blessures volontaires“ (vorsätzliche Schläge und Verletzungen, also Körperverletzung) zur Verantwortung gezogen.

Ich bekam auch schon die These zu hören, gegen französische Polizisten würde nach Schusswaffengebräuchen kein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Natürlich passiert das. Allerdings haben sie keine Ermächtigungsgrundlage dafür, die den bundesdeutschen Polizeigesetzen vergleichbar wäre. Sie haben ein Notwehrrecht, dass bis Januar 2017 im Umfang sogar unter dem der deutschen Polizeibeamten lag. Es wurde allerdings mittlerweile sinnvollerweise an das der Gendarmerie angepasst und ist damit der deutschen Rechtslage recht ähnlich geworden.

 

Wer regelmäßig meinen Blog liest, weiß, dass ich Frankreich als meine zweite Heimat betrachte. Deswegen freut es mich auch immer, wenn ich nicht nur dort sein darf, sondern auch mit französischen Polizistinnen und Polizisten ins Gespräch komme. Während ich mich zu einem Kurzaufenthalt in Paris aufhielt, fand der Anschlag auf den BVB-Bus statt, bei dem auch ein Polizist verletzt wurde. Dazu twitterte die Police Nationale 67, also des Départements Bas-Rhin rund um Straßburg – Elsass:

 

 

Das gefiel mir so gut, dass ich über die Nachrichtenfunktion von Twitter Kontakt zum Absender des Tweets aufnahm.

 

Keine Woche später, am 18. April 2017 war ich dann in Straßburg und stellte fest, dass es dort Hotels für bekennende Polizistenfreundinnen gibt. 😉

 

 

Vor diesem Kommissariat eine lange Schlange (im Bild hinter der Hecke wegen der Persönlichkeitsreche der Wartenden). Entsprechende Schlangen sind mir auch schon in Paris vor den Dienststellen aufgefallen.

Am 23. April 2017 fand in Frankreich der erste Wahlgang für die Präsidentschaftswahlen statt. Wenn man sich aus irgend einem Grund nicht persönlich zum Wahllokal begeben kann, kann man sich entweder für Briefwahl entscheiden oder aber auch für die Wahl „par procuration“. Man gibt jemandem eine Wahlvollmacht, der dann in Vertretung die Wahl vornimmt. Für das Ausstellen dieser „procuration“ ist die Polizei zuständig. Man kann sich über den Sinn dieser Zuständigkeit streiten, denn über viele Tage waren damit in sämtlichen Polizeidienststellen einige Kräfte gebunden. Gerade in der aktuellen Lage wäre da aus meiner Sicht eine Alternativlösung mehr als angebracht. Für mich persönlich war allerdings auch erstaunlich, wie viele Menschen ernstlich einen Stellvertreter in die Wahlkabine schicken. Das setzt für mich ein sehr großes Vertrauen voraus, dass der Vertreter wirklich das wählt, was man selbst wählen würde.

 

 

Ich rief meinen Gesprächspartner an und wurde abgeholt. Joël, so heißt er, ist verantwortlich für die Kommunikation der Police Nationale in Straßburg. Er interviewte mich nach einer freundlichen Begrüßung für einen Artikel im Intranet der Police Nationale. Dabei hatte ich das Gefühl, noch mal ein wenig auf den Zahn gefühlt zu bekommen. Gut so, denn in heutigen Zeiten kann die Polizei nicht vorsichtig genug sein. Zu viele Extremisten jeglicher Couleur, die sich über erstaunlich lange Zeiträume gut verstellen können.

Dann bekam ich eine Führung durchs Haus. Zuerst besichtigten wir die Einsatzleitzentrale. Wie bei uns laufen dort die Notrufe auf, werden direkt ins System eingegeben und den eingesetzten Polizeibeamten zur Weiterbearbeitung zugeleitet. Auf dem Fernseher lief gerade BFM-TV. „Das ist doch der Sender, der beim Einsatz am 9. Januar 2015 im HyperCacher mehr wusste als die Polizei?“ (Der Geiselnehmer hatte den Sender angerufen, der dann seinerseits zum Leidwesen der Einsatzleiter alles an Informationen rausknallte, was er von dem Mann bekam…)

 

Damit ersparte ich Joël schon mal die halbe Erklärung. Die Medien sind heutzutage so schnell, dass die Einsatzmaßnahmen schneller anlaufen können, wenn man weiß, was in der Welt vorgeht. Auch deutsche Einsatzleitzentralen haben einen Fernseher, aus dem gleichen Grund.

Ein augenfälliger Unterschied ist hingegen hinter mir zu sehen. Straßburg ist mit insgesamt 600 Überwachungskameras ausgestattet. Die Aufnahmen von acht von diesen werden direkt in die Einsatzleitzentrale geleitet.

Diese 600 Kameras werden von Mitarbeitern der Stadt Straßburg bedient. Die entscheiden auch, was für die Polizei wichtig sein könnte und welche Bilder auf diesem Bildschirm landen. Allerdings kann die Polizei jederzeit dort anrufen, und um bestimmte Bilder bitten bzw. um einen Zoom auf entsprechende Ereignisse. Joël versicherte mir, dass die Zusammenarbeit mit diesen Kollegen, wie er sie sympathischerweise nennt, sehr gut klappt.

Übrigens legt sich ein automatischer Grauschleier über den Teil des Bildes, der ein Fenster oder eine Glastür abbildet, wenn die Kamera Gebäude streift. Auch in Frankreich darf ausschließlich öffentlicher Grund überwacht werden.

 

Anschließend bekam ich den Fuhrpark gezeigt. Wenig überraschend, die Motorräder sind Maschinen von BMW. Ich wüsste gar nicht, wer neben BMW noch Motorräder für Sicherheitskräfte herstellt.

 

Die KFZ hingegen sind französische Fabrikate. Dabei war ein Modell besonders auffällig. Im Blaulichtbalken befinden sich insgesamt acht Kameras, die bei einer Streifenfahrt ununterbrochen die Nummernschilder der Fahrzeuge abtasten, denen der Streifenwagen begegnet. Ist ein KFZ-Kennzeichen als gestohlen gemeldet, geht automatisch eine Meldung an das Streifenteam, der Wagen kann also sofort einer Kontrolle unterzogen werden. Dieses Modell ist übrigens gerade nicht im Bild. Mein Daumen hoch im Foto bezieht sich auf meine Sympathie für französische Ordnungskräfte.

Vermutlich bekommen jetzt so einige Datenschützer Ausschlag. Allerdings kann ich sie beruhigen. Auch die französische Polizei hat bei weitem nicht das notwendige Personal, das man für eine lückenlose Überwachung braucht. Ich empfehle dazu die Lektüre des Buches von Egbert Bülles (Deutschland, Verbrecherland? Mein Einsatz gegen die organisierte Kriminalität), einem ehemaligen Kölner Staatsanwalt. In einem Kapitel beschreibt er den Kräfteansatz, den es brauchte, um einen Schwerverbrecher rund um die Uhr zu überwachen. Rechnet man das hoch, weiß man, dass die Polizei diese Überwachung schon personell gar nicht leisten kann.

 

Insgesamt hat mir der Besuch sehr gut gefallen. Ich freue mich, dass die Arbeit von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. auch bei unseren Nachbarn auffällt und ankommt.

 

 

Bei Joël handelt es sich übrigens um einen Franzosen, dessen Sympathien für Deutschland den meinen für Frankreich durchaus ähneln. Er hat auch für die gemeinsamen Fahrradstreifen zwischen Straßburg und Kehl folgendes Logo entwickelt:

 

 

Im Grund könnte mit diesem schönen Zeichen gutnachbarschaftlicher Beziehungen der Artikel enden, wenn nicht zwei Tage nach meinem Besuch auf den Champs-Elysées ein Anschlag auf Polizisten verübt worden wäre. Der Täter eröffnete das Feuer auf einen Mannschaftwagen der Polizei. Ein Polizist, Xavier Jugelé, starb mit gerade mal 37 Jahren. Zwei weitere Beamte wurden verletzt, ebenso eine deutsche Touristin.

 

(Heute Abend blutet das Herz der Polizisten. Es gibt keine Worte, um unseren Schmerz zu beschreiben. Unsere Gedanken gehören allen Opfern und jenen, die ihnen nahestehen.)

 

Nicht nur in den sozialen Netzwerken wurde dieser Vorfall missbraucht, um auf dem Rücken der Opfer weiterhin Hass zu schüren… und damit genau das getan, was Ziel der Terroristen ist.

Ich hoffe, dass dieser Erstkontakt zwischen Joël und mir, der Police Nationale und Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dazu beiträgt, Gräben der Vergangenheit gar nicht erst wieder aufkommen zu lassen oder auch bestehende Gräben zu schließen – zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen Polizisten und Nichtpolizisten… Mich persönlich erfüllen jedenfalls die Gräben, die sich derzeit an allen Ecken und Enden auftun, mit Sorge und mit Traurigkeit. Dagegen werde ich mich stemmen, wo ich kann.

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ludwigshafen – die Nacht mit der Schneefront und der Verlängerung

Nach Möglichkeit versuche ich, eine Nachtschicht im Monat mitzumachen. Es hat sich als Optimum eingependelt, dass ich damit meinem Interessengebiet nachgehen kann und trotzdem in meinem Hauptberuf nicht eingeschränkt werde. Immerhin verdiene ich damit mein Geld und deswegen haben auch alle Beteiligten das Recht, dass ich da volle Leistung abliefere.

Im Januar war mein Terminkalender noch jungfräulich und keiner von denen, die Interesse an einer Schichtbegleitung durch mich gezeigt hatten, hatte eine für mich zeitlich machbare Nachtschicht. Da die Dienststellenleitung der PI Ludwigshafen 1 eine Art „Dauerinteresse“ signalisiert hatte, stieß mein Ansinnen auf offene Ohren.

Also reiste ich Anfang Januar, gestärkt durch einen schönen Urlaub in Franken, nach Ludwigshafen.

Außer dem Dienstgruppenleiter, der seinen Job vorübergehend zu Ausbildungszwecken an eine junge Dame abgegeben hatte, kannte ich diese Schicht noch nicht, das sollte sich aber schnell ändern. „Meine“ beiden Streifenpartner Patrick und Robin fackelten auch gar nicht lang, packten mich in einen Achtsitzer (ich fange an, die Dinger zu mögen) und los ging’s. Die beiden waren sehr kommunikativ und befragten mich ausführlich zum Verein und meinen Beweggründen. Wenn denn gerade mal Zeit war.

 

„Schaut mal in der Nähe vom Hauptbahnhof, da ist eine verdächtige Person auf einem Parkplatz unterwegs und macht sich an PKW zu schaffen.“

Wir fuhren hin. Ein harmlos aussehender Herr mit leicht wirren Haaren im Jogginganzug war offenbar unser Mann.

Personenkontrolle.

„Haben Sie Waffen oder andere gefährliche Gegenstände dabei?“

Treuherziger Augenaufschlag.

„Nein.“

„Dann machen Sie mal die Taschen leer.“

Das war wieder einmal sehr erkenntnisreich. Neben allerlei Kleinkram traten ein Schraubenzieher sowie ein Springmesser zutage. Bei diesen Messern schnellt per Knopfdruck die Klinge in einem Bogen aus dem Griff und verriegelt automatisch vorne. Es handelt sich dabei um eine verbotene Waffe.

Auch der Schraubenzieher stieß nicht gerade auf Begeisterung bei meinen Begleitern, was nicht weiter verwundert – dieses Werkzeug kann üble Verletzungen hervorrufen, wenn man es entsprechend benutzt.

Es stellte sich heraus, dass der Mann Flaschensammler war. Er gab an, das Messer mit sich zu führen, weil er Angst habe. Das kann ich mir persönlich gut vorstellen. Ich hätte in der Dunkelheit im Dunstkreis der meisten Hauptbahnhöfe auch Angst. Fragt sich halt, ob ein Springmesser im Ernstfall wirklich hilft. Je nachdem, mit wem man es zu tun bekommt, hat man sein eigenes Springmesser schneller im Leib als man gucken kann. Entsprechend ist die Gesetzeslage hier ganz klar zum Schutz so mancher vor sich selbst gedacht. Und entsprechend der Gesetzeslage beschlagnahmten meine beiden Herren das Messer auch. Den Schraubenzieher gaben sie zurück.

Insgesamt verlief das Ganze in sehr ruhigem Tonfall, aber beide machten unmissverständlich klar, dass die Lüge bezüglich der beiden Gegenstände nicht gut angekommen war.

Das sollte jeder erlebt haben, der meint, sich erstmal aufregen zu müssen, wenn Polizeibeamte seinen schönen Augen nicht alles abkaufen.

 

„Wir fahren mal in das Einkaufszentrum x und machen eine Fußstreife.“

Gesagt, getan. Zu Dritt durchquerten wir die Mall.

„Hier werden wir eigentlich immer fündig“, klärte mich Patrick auf.

Tatsächlich, nach nur wenigen Metern stießen wir auf eine Gruppe von sechs jungen Herren, Altersklasse Jugendliche bis junge Erwachsene.

Beim ersten Passieren gaben sie sich so betont unauffällig und lässig, dass sogar ich als Laie dachte: „Die würde ich jetzt kontrollieren. Aber das müssen die Profis entscheiden.“

„Die kontrollieren wir“, entschied Patrick.

Sieh an.

Gesagt, getan.

Natürlich herrschte großes Unverständnis.

„Wieso? Wieso ich? Ich hab nix gemacht.“

Ich persönlich bin durchaus jemand, der gerne mal Dinge hinterfragt und auch in Diskussionen mit Polizisten nicht alles hinnimmt. Aber was daran so schlimm ist, mal eben seinen Ausweis rüberzureichen, werde ich nie begreifen.

Um es kurz zu machen – als Robin die Personen über Funk abfragte, waren sie ausnahmslos polizeibekannt. BTM- (also Drogen) und Körperverletzungsdelikte stellten das Gros dessen dar, was Robin erfuhr. Und nein, das bekamen nicht alle Leute mit – nur ich.

Alle wurden durchsucht. In der Tasche eines der jungen Herren fand sich eine weiße Kugel, die für mich aussah, wie ordentlich durchgekautes altes Kaugummi, eingewickelt in Frischhaltefolie. Patrick schnüffelte dran.

Igitt! Warum?

„Wir müssen das hier beschlagnahmen. Hier besteht Verdacht auf Amphetamin. Das müssen wir in der Dienststelle testen.“

Oha…

„Und Sie müssen uns zum Streifenwagen begleiten.“

Der junge Mann folgte meinen beiden Begleitern brav zum vor dem Einkaufszentrum abgestellten Streifenwagen. Dabei erklärte er uns folgendes:

  • Die Tasche gehöre ihm gar nicht, die habe er sich nur geliehen und dann nicht reingesehen.
  • Er habe noch nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt, also habe er nun schon ein wenig Angst.

Auch hier ein bemerkenswert treuherziger Blick. Fakt ist zumindest, dass sein Register keinen Deut kürzer gewesen war als das der anderen. Wie er das aufgebaut haben will ohne jeden Polizeikontakt entzieht sich meiner Logik.

Es wurden ein paar Formalitäten geregelt, über die Beschlagnahme musste ein Protokoll ausgefüllt werden.

An dieser Stelle möchte ich positiv anmerken, dass ein zweiter Streifenwagen unangefordert eingetroffen war. Die beiden darin hatten offenbar keinen anderen Einsatz und schauten sich an, wie es bei uns lief. Das ist natürlich klasse, denn wenn es nötig wird, ist die Verstärkung sofort vor Ort.

Der junge Mann verabschiedete sich schließlich mit den Worten: „Rufen Sie mich an, wenn Sie das Testergebnis haben? Ich wüsste schon gern Bescheid.“

Mir drängte sich hier die logische Frage auf, ob ihm nicht der Eigentümer der Tasche die Antwort viel schneller würde geben können als die Polizei. Hm… ich tippe eher darauf, dass die Rolle des Unschuldsengels gut durchgehalten wurde.

Patrick konnte ihm versichern, dass er es erfahren würde, wenn der Amphetamin-Test positiv ausfallen sollte.

 

Anschließend beschafften wir uns erst einmal etwas zu essen. Nach der Zufuhr von Döner und türkischer Pizza machten Patrick und Robin sich unter meinen neugierigen Blicken daran, das vermeintliche Kaugummikügelchen zu untersuchen.

Zuerst durfte ich auch einmal dran riechen.

Waschmittel?

„Amphetamin wird oft mit Waschpulver verlängert. Damit macht der Dealer dann ein gutes Geschäft, die Qualität wird davon allerdings nicht besser“, erklärte Patrick.

Örks.

Warum zur Hölle führt man seinem Körper so etwas freiwillig zu?

Dann wurde das Kügelchen auf einer Feinwaage gewogen. 1,1 Gramm. Anschließend packten die beiden das Kügelchen vorsichtig aus. Zu meinem Befremden gibt es dafür keinen Abzug in der Dienststelle. Mein Chemie-Leistungskurslehrer hätte uns dafür gesteinigt, wenn wir weit harmlosere Substanzen nicht im Abzug ausgepackt hätten. Da wäre aus meiner Sicht ein wenig Nachbesserungsbedarf für alle Menschen, die dort arbeiten.

Letztlich füllte Patrick vorsichtig eine Probe davon in ein Teströhrchen. Es passierte…

nichts.

Hö?

„Hoffentlich ist das Zeug nicht dermaßen gestreckt, dass der Test das Amphetamin nicht mehr anzeigt?“ überlegte Patrick.

Schließlich färbte sich das Teströhrchen eindeutig orange. Also doch – Amphetamine. Meine beiden Herren hatten richtig gelegen!

Hatte es bis hierher nur ein wenig Schneegriesel gegeben, brach nun die von den Wetterdiensten angekündigte Kältefront über Ludwigshafen herein. Da die Einsatzlage recht ruhig war, brachte Patrick mich kurz rüber zur Führungsleitzentrale (FLZ). Das sind die Stimmen am Funk, die „meinen“ Streifen (und allen anderen in Ludwigshafen) ihre Einsätze geben. Ich wurde sehr nett empfangen und bekam einen Kaffee.

Bildquelle: PP Rheinpfalz

Zurück zur Dienststelle. Dafür mussten wir den Innenhof des Gebäudekomplexes queren, den die Polizei besetzt. Es war mittlerweile spiegelglatt. Die im Hof stehenden Fahrzeuge waren mit einer dicken Eisschicht überzogen.

Entsprechend entschied die Dienstgruppenleitung:

„Ihr fahrt nur noch raus, wenn es sein muss. Die Straßen sind spiegelglatt.“

Dann einen entschuldigenden Seitenblick zu mir.

„Tut mir jetzt leid für dich.“

„Ihr habt mein vollstes Verständnis.“

Ich bin ja dabei, um zu sehen, wie unsere Polizei arbeitet und nicht, um bespaßt zu werden (auch wenn das eine das andere nicht zwingend ausschließt). Dazu gehört natürlich auch, dass witterungsbedingte Entscheidungen eben so fallen, wie das Wetter es vorschreibt. Abgesehen davon heißt der Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ Was wäre ich für eine Vorsitzende eines solchen Vereins, wenn ich bei derartigen Witterungsverhältnissen sauer wäre, dass ich nicht durch die Gegend geschaukelt werde? Die Damen und Herren sollen gesund nach Hause kommen. Dann war die Nacht ein Erfolg für mich.

 

Kaum war diese Entscheidung gefallen, bekamen wir einen Einsatz wegen eines Unfalls herein. Der Witterung entsprechend war eine junge Frau mit drei jungen Männern im Wagen vor ein am Straßenrand parkendes Auto gerutscht. Meine beiden Herren erfragten über das Kennzeichen des parkenden Wagens den Halter. Der wohnte wenige Häuser weiter. Robin klingelte ihn aus dem Bett. Da sein Wagen neu war, war er reichlich unbegeistert. Das konnte ich nachvollziehen, wäre ich auch gewesen. Das Wichtigste ist allerdings, dass keine Personen zu Schaden gekommen waren.

Die Unfallaufnahme ergab, dass unsere junge Dame keine Winterreifen aufgezogen gehabt hatte. Nun kann man sagen, dass man solche bei den gewöhnlichen Witterungsverhältnissen in Ludwigshafen auch nicht so häufig braucht. In der Nacht hätten sie aber geholfen. Sei es auch nur bei der Versicherung, die das sicherlich sehr interessiert hat.

 

Wir saßen gerade wieder im Wagen. Durch den Funk bekamen wir den Auftrag, uns einigen Jugendlichen zu widmen, die in der Nähe des Hauptbahnhofs unterwegs wären und johlen würden.

Beim Start des Streifenwagens drehten die Reifen durch. Nicht, weil Patrick gefahren wäre wie ein Henker, sondern weil die Straßen so glatt waren. So fuhren wir zwar mit Sondersignalen, aber deutlich langsamer als gewöhnlich. Mir ist bei Glatteis immer unheimlich im Auto, aber Patrick fuhr offensichtlich vernünftig und hatte die Sachlage im Griff. Also blieb ich entspannt.

Vor Ort erblickten wir sofort, wer gemeint war. Die jungen Leute, acht an der Zahl, waren meinen Begleitern sehr gut bekannt. Auch die Besatzungen der anderen drei Streifenwagen, die nach und nach eintrudelten, kannten die Herrschaften. Eigentlich war ich die einzige, die bei diesem Treffen alter Bekannter neu war, denn auch die jugendlichen Intensivtäter vor uns wussten ziemlich genau, mit wem sie es zu tun hatten.

Zuerst versuchten die Jugendlichen, durch permanentes Durcheinanderwuseln die Personenkontrolle nach Möglichkeit zu stören. Dem wurde von Jonas, einem Polizisten, mit dem ich später noch fahren sollte, ein schnelles Ende gesetzt.

„Ihr stellt euch jetzt mal in einer Reihe an der Mauer da auf und dann machen wir das hier der Reihe nach.“

Das Ganze in einem Tonfall, der klar keinen Widerspruch duldete.

Es klappte.

Das war auch in jedermanns Sinne, denn so kamen alle so schnell wie möglich aus der beißenden Kälte wieder raus.

Bei dieser Kontrolle hatte niemand Drogen dabei, aber die jungen Leute gingen in der Folge deutlich ruhiger ihrer Wege. Zumindest wurde offensichtlich die Polizei in dieser Nacht nicht mehr wegen ihnen angerufen.

Wieder kamen wir wegen der glatten Straßen nur sehr schwer vom Fleck und schlichen vorsichtig zurück in Richtung Dienststelle. Dort kamen wir aber gar nicht an.

Soweit zum Thema „Ihr bleibt drinnen“. Schließlich spielte diese Nacht in Ludwigshafen…

 

Nächster Einsatz. Vor einer Kneipe erwartete uns ein junger Mann, der seine Empörung nur sehr mühsam unterdrücken konnte. Er gab an, in der Kneipe beleidigt worden zu sein, aus meiner Sicht eine sehr fiese Beleidigung und ein guter Grund für verstärkte Säuernis.

Er beschrieb den Täter und benannte zwei Zeugen, seinen Kumpel und die Kellnerin.

Mittlerweile war eine zweite Streife zu unserer Unterstützung eingetroffen, Jonas und Nicole.

Zu fünft betraten wir die Gaststätte.

Weder die Kellnerin noch der Freund konnten die Aussage bestätigen, sie waren mit den Ohren anderswo gewesen. Auch der mutmaßliche Beleidiger wollte nichts gesagt haben – eher weniger verwunderlich.

Nun ist es nicht Job der Polizei, in solchen Fällen darüber zu befinden, was nun tatsächlich vorgefallen ist. Das macht im Zweifel die Staatsanwaltschaft, die Polizei kann nur die Aussagen und ggf. Anzeigen aufnehmen.

Also gingen wir wieder auf die Straße, wo der Geschädigte der Beleidigung auf uns wartete.

„Wollen Sie Anzeige erstatten?“

Als Antwort auf diese doch recht einfache Frage bekam Patrick einen sehr langen und nicht wirklich strukturierten Wortschwall, in dem uns der junge Mann ausführlich seine Gefühlslage darlegte – untermalt von einer strammen Alkoholfahne, die ich im ersten Anlauf wegen der Kälte gar nicht so wahrgenommen hatte.

Ob er nun Anzeige erstatten wollte oder nicht? Keine Ahnung!

„Wollen Sie Anzeige erstatten?“ wiederholte Patrick ein wenig nachdrücklicher.

Wieder eine wort-, aber nicht hilfreiche Antwort.

„Gut“, entschied Patrick. „Außer einer Anzeige aufzunehmen können wir hier jetzt auch nicht weiterhelfen. Deswegen gehen Sie jetzt bitte.“

Immerhin wussten wir nicht, was genau vorgefallen war. Hingegen wissen Polizisten sehr wohl, was gesteigerter Alkoholkonsum gemischt mit einem durch einen kurzen Wortwechsel angefachten Aggressionspotential anrichten kann – und die Herrschaften mit denen meine Begleiter sich drinnen unterhalten hatten, hatten auch nicht gerade Tomatensaft in ihren Gläsern gehabt. Zumindest nicht pur. Da macht so ein Platzverweis schon Sinn, bevor man später mit sämtlichen Streifen der eigenen und der umliegenden Dienststellen eine Massenschlägerei beenden muss.

Ein Gedankengang, der nachvollziehbar ist – aber nur sehr schwer, wenn man heftig alkoholisiert ist und sich nicht minder heftig beleidigt fühlt. Ich konnte auch durchaus nachvollziehen, dass der junge Mann eher unbegeistert war. Dennoch wäre ich dann so gestrickt, dass ich Anzeige erstatten und dann woanders hingehen würde, um mich mit solchen Leuten einfach nicht auseinandersetzen zu müssen. Nicht nachvollziehen konnte ich deswegen, warum er partout vor der Gaststätte stehen bleiben wollte.

„Gehen Sie nach Hause“, wiederholte Patrick.

„Wieso nach Hause? Kann ich nicht hingehen, wo ich will?“

Innerlich rollte ich mit den Augen. Mittlerweile glaube ich fast, die Aufforderung von Patrick war Taktik. Einem widersprüchlichen Geist was zum widersprechen geben, damit er im Endeffekt macht, was er soll – weggehen. Wohin auch immer.

„Natürlich können Sie das. Aber Sie gehen jetzt. Das war ein Platzverweis.“

Tatsächlich trollte er sich.

Ich freute mich innerlich wie eine Schneekönigin, endlich wieder in den warmen Streifenwagen zu kommen.

Allerdings drehte er sich, kaum dass er die Streifenwagen passiert hatte, noch einmal um und begann aufs Neue, uns zu erklären, wie er die Sachlage sah. Irgendwie nachvollziehbar, aber die Polizei kann schlicht nichts machen, wenn er keine Anzeige erstatten will. Als Sorgentelefon eignet sie sich nur bedingt, insbesondere wenn vier Polizisten und ihrer Begleiterin die Zähne klappern und vor allen Dingen schon der Funk angekündigt hat, dass weitere Einsätze anliegen.

„Gehen Sie einfach nach Hause“, sagte Jonas. Wieder in einem Tonfall, der eigentlich keinen Widerspruch duldete.

Unser Nichtanzeigeerstatter erstarrte buchstäblich.

„Was hat der Polizist gesagt?“

Och nööö…

Jetzt hatte es sich mit dem warmen Streifenwagen. Mein Mitgefühl mit ihm sank schlagartig auf Null.

Patrick erklärte ihm noch einmal die Sachlage.

„Entweder Sie gehen jetzt, oder wir bringen Sie weg. Sie haben einen Platzverweis. Wohin Sie gehen, ist uns egal, aber Sie verlassen jetzt diese Örtlichkeit.“

„Der Polizist hat aber gesagt, ich soll nach Hause gehen. Ich kann doch gehen, wohin ich will…“

Es lag auf der Hand, dass jede weitere Diskussion fruchtlos sein würde. Wie ich schon mehrfach bei meinen Schichtbegleitungen bemerkte, sind sinnvolle Gespräche mit Volltrunkenen schlicht nicht möglich.

Das Ganze endete damit, dass er schicke Armbänder aus Stahl verpasst bekam und von Jonas und Nicole zur Dienststelle gefahren wurde. Patrick, Robin und ich folgten dem Streifenwagen.

Vor der Dienststelle ließen Jonas und Nicole ihn laufen. Er wollte aber auch da nicht sofort weggehen, sondern erklärte Patrick, Robin und mir, dass er sich über „den anderen Polizisten“ beschweren würde. Der hätte ihm nicht zu sagen, wohin er zu gehen habe.

An dieser Stelle bekam ich ernstliche Zweifel, ob er wirklich beleidigt worden war oder einfach der Typ Mensch ist, der schlicht alles falsch auffasst und entsprechend in einem Zustand chronischer Beleidigtheit durchs Leben läuft.

Schließlich trollte er sich dann doch. Ob er sich nun über Jonas beschwert hat, weiß ich nicht. Vielleicht fiel ihm nüchtern auf, dass an „Gehen Sie nach Hause“ nichts Verwerfliches ist.

Wir gingen kurz in die Dienststelle, da wir das eine oder andere Bedürfnis zu erledigen hatten. Das nach Kaffee zum Beispiel. Oder auch nach Zigaretten im Hof der Dienststelle. Für mich als Nichtraucherin immer interessant, weil es die Gelegenheit für gute Gespräche liefert. Hier lieferte es mir allerdings einen Kurzflirt mit einem sehr freundlichen Diensthund. Eine sehr hübsche Malinois-Hündin, die sich gerne streicheln ließ. (Achtung. Polizeidiensthunde sollten immer erst nach der Aufforderung durch den Hundeführer angefasst werden. Nicht jeder ist da so empfänglich wie diese Hündin.) Die Diensthundeführer waren noch mehr davon betroffen als wir, dass sie witterungsbedingt nur noch rausfahren konnten, wenn sie angefordert wurden. Entsprechend fühlte sich die Hündin unausgelastet und suchte ausführlich mehrfach den ganzen Innenhof ab.

 

Wir sprangen wieder ins Auto, denn der nächste Einsatz kam rein. Ruhestörung. Wir suchten die angegebene Adresse auf. Patrick und Robin klingelten bei den Leuten, die uns gerufen hatten. Es war mittlerweile nach Mitternacht. Es war deutlich zu hören, dass aus der Wohnung obendrüber Bässe wummerten. Ich war fast sicher, leise den Putz von der Decke rieseln zu hören.

Also ging es ein Stockwerk nach oben. Wieder klingelten wir. Robin wollte sich schon um den Lichtschalter kümmern, musste aber feststellen, dass die Praktikantin sich dessen bereits bemächtigt hatte. Irgendwas muss jeder können… wp-monalisa icon

Die Tür ging auf. Vor uns ein junger Mann. Äußerlich einer der üblichen Verdächtigen. Ich war sicher, dass wir in dieser Nacht noch mehrfach bei ihm auftauchen würden, bis letztlich die Stereoanlage beschlagnahmt würde.

„Entschuldigen Sie“, begann er. „Meine Tante ist gestorben. Das ist meine Trauermusik. Ich mach das sofort leise.“

Das tat er auch. Wir wurden auch in dieser Nacht nicht mehr an diese Adresse gerufen. So kann man sich irren.

Wir kondolierten und gingen wieder.

Zugegebenermaßen mussten wir später im Streifenwagen über die „Trauermusik“ trotz des traurigen Anlasses ein wenig grinsen. Aber nun ja, wo steht geschrieben, dass es nur Chopin oder das Requiem von Mozart sein dürfen? Letzteres hatte ich übrigens im Auto laufen, nachdem einer meiner Onkel verstorben war und ich von dort einige hundert Kilometer nach Hause fahren musste. Da kamen auch fast die Membranen durch die Lautsprecher, was allerdings auf einer nächtlichen Autobahn wenig gestört haben dürfte. Das Bedürfnis nach lauter Musik in einer solchen Situation ist mir also nicht fremd.

 

Auf dem Weg zur Dienststelle schlug der nächste Einsatz ein. Wir wurden vom Anrufer auf der Straße erwartet, trotz der Kälte. Das fand ich schon mal beeindruckend.

Es stellte sich heraus, dass er in einer Hochhaussiedlung auf der einen Seite der Straße wohnte, und einen ungebremsten Blick auf ein zweistöckiges Einfamilienhaus auf der anderen Seite hatte. Dort blinkte nun in unregelmäßigen Abständen ein Licht in einem der Zimmer auf. Das war ungewöhnlich und so machte der Mann sich Sorgen um die Nachbarin.

Ein Notsignal?

Während meine beiden Herren mit dem Mann sprachen, starrte ich das Blinken an.

„Ein SOS ist es schon mal nicht“, vermeldete ich nach einer Weile.

„Du warst doch beim Bund, Robin. Was morst der da?“

Patrick wollte es wissen.

Robin stellte nach wenigen Sekunden fest:

„Gar nichts! Es fehlen die langen Signale.“

Wir querten die Straße und klingelten. Mittlerweile war es noch kälter geworden und es fing an zu schneien. Die angekündigte Schneefront war eingetroffen.

Robin zog sich den Schal vor sein Gesicht. Natürlich zog er ihn wieder runter, sobald es im Haus rumorte. Es sollte niemand verängstigt werden.

Natürlich erschreckte sich die Dame trotzdem. Jeder würde sich das, wenn um zwei Uhr morgens die Polizei klingelt. Sogar ich. wp-monalisa icon

„Es ist alles in Ordnung“, teilte Patrick deshalb schnell mit und erklärte, warum wir sie aus den Federn geholt hatten.

Sie war sehr gerührt von ihren Nachbarn. Damit hatte sie sichtlich nicht gerechnet. Ich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Nicht in einer so großen Stadt in einer Hochhaussiedlung. Man sollte eben nie verallgemeinern. Nie. Bringt nix!

Es stellte sich heraus, dass nur eine Birne kaputt war. Sie drehte die Birne raus und wir zogen wieder unserer Wege.

 

Und schon kam der nächste Einsatz. Eine weitere Streife suchte jemanden, der offensichtlich über einen Zaun gesprungen war – in ein Gelände, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Wir halfen bei der Suche.

Legendär die Szene, als Patrick sagte:

„Da läuft doch einer?“

Ich: „Das ist einer von Euch.“

„Echt jetzt?“

Ich hatte Recht. Ein junger Mann aus der Schicht bei der Suche nach Spuren im Schnee. Ich nehme an, dass Patrick das natürlich auch gesehen hatte.

Den Gesuchten fanden wir nicht.

 

Auf dem Weg zurück zur Dienststelle passierten wir die amtierende Dienstgruppenleiterin, die mit ihrem Ausbilder ausgerückt war, um einige Verkehrskontrollen vorzunehmen. Das war kein Widerspruch zu der vorherigen Anweisung – sie hatten Informationen über eine Veranstaltung, auf der recht viel Alkohol geflossen sein dürfte. Das in Zusammenhang mit dem dichten Schnee, der auf die nach wie vor spiegelglatten Straßen fiel, machte es nötig, ein Auge auf den Nüchternheitsgrad der Fahrer zu haben.

 

Kaum hatten wir das fertig gedacht, als wir schon unsere eigene Verkehrskontrolle bekamen. Ein junger Mann, der drei junge Damen im Auto hatte und ganz offensichtlich auch von einer Abendveranstaltung kam.

Er zeigte sich unerfreut über diese Kontrolle. Einerseits verständlich, denn junge Männer werden in der Tat häufig kontrolliert. Junge Männer verursachen aber auch tatsächlich im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil überdurchschnittlich viele Unfälle. Insofern sollte man das keinesfalls persönlich nehmen. Keine Sorge, wir werden alle älter. Irgendwann hört das auf – sofern man menschlich fährt.

 

Schließlich enterten wir wieder die Dienststelle. Patrick und Robin mussten nun ihre Berichte schreiben, also übergaben sie mich an Jonas und Nicole. Sofort ging es wieder raus.

Für mich sehr ungewöhnlich, dass die beiden mich mit keinem Wort nach dem Verein fragten. Normalerweise werde ich immer sehr intensiv ausgequetscht. Andererseits aber auch mal schön, denn ich war zu diesem Zeitpunkt schon recht müde und ganz froh, einfach den Mund halten zu dürfen.

Der Einsatzanlass lautete Zechprellerei.

Vor Ort betraten wir sofort die Kneipe. Die Kellnerin zeigte auf einen Gast, der offensichtlich volltrunken war, und genau so offensichtlich nicht gewillt, seinen Konsum zu zahlen. Gut, der Rechnungsbetrag war für meine Verhältnisse recht hoch – aber die erhaltene Gegenleistung war deutlich erkennbar.

Jonas und Nicole begaben sich mit dem Herrn in eine etwas ruhigere Ecke der Gaststätte – zwischen einem Abgang zur Toilette und einem Billardtisch.

Eine zweite Streife stieß zu uns.

Jonas teilte dem Mann mit, was im vorgeworfen wurde. Der Herr bestritt auch nicht, entsprechend konsumiert zu haben, aber seine Rechnung wollte er trotzdem nicht bezahlen.

„Entweder Sie bezahlen, oder wir müssen eine Strafanzeige gegen Sie erstatten.“

An dieser Stelle kam die Kellnerin hinzu.

„Also anzeigen will ich ihn nicht. Er soll einfach bezahlen.“

Manchmal kann ich schon verstehen, dass Polizisten von uns Bürgern genervt sind. Entweder jemand bezahlt seine Zeche oder er bezahlt sie nicht. Dann ist das eine Straftat. Wieso man diese Straftat dann nicht sanktionieren lassen will, vor allen Dingen, wenn selbst der Gelackmeierte ist, erschließt sich mir nicht. D.h. es erschließt sich mir schon, dass jemand einfach seine Ruhe haben will, aber dann sollte er die Polizei nicht in Gang setzen.

„Er bezahlt“, teilte Jonas mit. Zumindest war es das, war der Mann aktuell gerade mal wieder hatte verlauten lassen.

Jonas nannte ihm noch einmal den offenen Betrag.

Offensichtlich fand der Herr das jetzt wieder zu hoch.

Entsprechend mussten nun seine Personalien her, wegen der Anzeige. Auch die wollte er nicht rausrücken. Also durchsuchte Jonas ihn und förderte einen Personalausweis zutage. Übrigens aus einem Portemonnaie, in dem sich sichtlich genug Geld befand, um nicht nur diese Rechnung zu begleichen, sondern auch noch mindestens zehn Mal dasselbe zu sich zu nehmen.

Wozu das Theater?

Plötzlich und ohne erkennbaren Anlass ging er auf Nicole los. Bevor er mit diesem Ansinnen zum Erfolg kam, hatte Jonas ihn gekonnt in einen bequemen Sessel befördert.

„Das reicht jetzt. Wir nehmen Sie mit zur Dienststelle.“

Zwei Polizisten nahmen ihn zwischen sich und führten ihn ab. Er begann, sich zu wehren. Als nächstes fand er sich bäuchlings auf dem Boden wieder und bekam Handschellen, klick klack.

Für mich übrigens äußerst befremdlich, wie sich während des ganzen Geschehens jede Menge Gäste zur Toilette durchdrängelten. Offensichtlich gibt es in dieser Ecke von Ludwigshafen erstaunlich viele Menschen mit einer akuten Blasenschwäche. Zwei Jugendliche in einem Alter, das bei mir schwere Zweifel hervorrief, ob sie überhaupt hier sein durften, verspürten ein unaufschiebbares Bedürfnis nach Billard…

Immerhin wollte der Zechpreller jetzt endlich wirklich bezahlen. Das übernahm Jonas für ihn, da der Mann selbst wegen der Handschellen nur schlecht an sein Geld kam. Damit war das Problem der Kellnerin gelöst. Dafür hatte die Polizei eines. Der „nette“ Zeitgenosse hatte ja nun Widerstand geleistet und musste mit in die Dienststelle.

Einer der vier hatte den Gefangenentransporter bestellt.

Unser freundlicher Ex-Zechpreller war auch vor der Tür der Bar nicht gewillt, nicht mehr nach den Polizisten zu treten. Kopfstöße verpassen wollte er ihnen auch. Entsprechend wurde er von einem von ihnen auf dem Boden gehalten.

Ja, das sah nicht schön aus.

Es war auch für den Polizisten nicht schön, denn es ist sehr unbequem, jemanden, der auf einen losgehen will, sobald man ihn loslässt, in gebückter Haltung unten zu halten. Der junge Polizist versuchte mehrfach, ihn loszulassen, aber unser ehemaliger Zechpreller wollte um jeden Preis zutreten.

Auch für uns andere war es nicht schön, in der Kälte drumherum zu stehen und sehnsüchtig auf den Gefangenentransporter zu warten. Durch diese Straße fegte ein saukalter Wind.

Uns allen wäre lieber gewesen, er hätte sich einfach sozialkompatibel benommen, dann hätte er aufstehen können.

Er erfreute uns mit einigen farbenfrohen Beleidigungen und Bedrohungen, insbesondere den jungen Mann, der ihn festhielt.

„Du bist dumm.“ – „Ich mach dich kaputt.“ – „Ich bin stärker als du.“

Ja. Das sah man ja gerade überdeutlich.

Vorsichtig musterte ich mehrfach die Umgebung. Ich hatte ein paar Filme zuviel auf Youtube gesehen, die aus irgendwelchen Fenstern gedreht worden waren, und einen Shitstorm losgetreten haben, der sich gewaschen hat. Im Regelfall vollkommen zu Unrecht, wie sich im Nachgang herausstellte. Wenn es keinen mehr interessiert und das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Wer in der Netzgemeinde hätte denn danach gefragt, was vorher geschehen war und was immer noch geschah, sobald der Mann losgelassen wurde. Alle hätten doch ganz genau gewusst, dass die böse Polizei da stundenlang im tiefsten Winter einen Unschuldigen in gemeinster Weise auf den eiskalten Boden drückt.

Apropos tiefster Winter.

Wo bleibt der Transporter?

Gerade hatte ich wieder die Fensterfronten der Umgebung nach Filmern abgesucht, als Jonas die beiden Jugendlichen mit der Billardsucht ansprach, was sie da eigentlich mit ihren Handys machen würden.

Zu meiner Erleichterung leisteten sie seinem Platzverweis sofort Folge und damit hatte sich die Sache erledigt. Auch mein Bedürfnis danach, auf einem Video zu landen, ist sehr eingeschränkt.

Ich spürte den fragenden Blick des jungen Polizisten auf mir, der unseren Tunichtgut weiter am Boden hielt. Vielleicht machte auch er sich Gedanken um die Meinung der Öffentlichkeit und ein Stück weit bin ich aus seiner Sicht Öffentlichkeit. Hoffentlich hat er meinen Blick verstanden. Wenn nicht, weiß er ja spätestens nach Lektüre dieses Textes, wie ich die Sache sehe.

Endlich hörten wir den Gefangentransporter.

„Wir mussten den freikratzen“, teilte uns die Fahrerin mit.

Stimmt, das Eis auf den Windschutzscheiben war fast fingerdick gewesen, als ich das letzte Mal auf dem Hof gewesen war. Das erklärte einiges.

Endlich konnten wir wieder den aktuell nicht mehr ganz so warmen (aber wenigstens windgeschützten) Streifenwagen besteigen. Zurück zur Dienststelle.

Dort kam noch ein Arzt, um die Gewahrsamsfähigkeit unseres nicht unerheblich angetrunkenen Delinquenten festzustellen. Er war gewahrsamsfähig. So begann seine Ausnüchterung in einer schicken Zelle.

Das sollte mein letzter Einsatz mit der Nachtschicht sein. Danke! Ihr wart klasse!

 

Da mein Zug erst gegen sieben Uhr fuhr, wurde ich an die Frühschicht übergeben, deren Dienstgruppenleiter mich noch von meiner allerersten Nachtschicht kannte – und mich auch gleich wieder in einen Streifenwagen packte.

 

Zuerst standen wir mit mehreren Streifen am Berliner Platz. An diesem Platz liegen insgesamt drei Diskotheken sowie ein Bahnhof, von dem aus die Besucher derselben heimfahren. Unter Alkohol und ausgelassener Stimmung kann es schnell zu Witzchen kommen, die blitzschnell blutiger Ernst werden. Entsprechend zeigt die Polizei dort Sonntag morgens Präsenz.

Meine Streife wurde von dort weggerufen, weil in einer Disko am anderen Ende von Ludwigshafen der Sicherheitsdienst einen Schlagring sichergestellt hatte. Um genau zu sein waren sie sich nicht sicher, ob es einer war. Er hatte eine recht ungewöhnliche Form, er sah ein bisschen aus wie ein harmloser Kettenanhänger in Form eines Osterhasen. Aber zweifelsohne ein Schlagring. Mir erscheint es manchmal ziemlich pervers, was sich manche Menschen ausdenken, um anderen Verletzungen zufügen zu können.

Der Besitzer war nicht mehr vor Ort und mehr als eine vage Personenbeschreibung hatte die Polizei nicht. Also beschlagnahmte meine Streife kurzerhand den Schlagring.

Nun ging es erst einmal in die Dienststelle, wo mich die Frühschicht netterweise zu einem Frühstück einlud. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Danke!

 

Noch einmal ging es raus. Eine junge Frau hatte den Notruf gewählt. Sie hatte aufgelöst geklungen und unklare Angaben gemacht. Klar war nur, dass sie sich in der Nähe des Bahnhofs Ludwigshafen-Mitte aufhalten sollte.

Wir fuhren alles mehrfach ab, befragten Taxifahrer, Busfahrer, Passanten. Nichts!

Mittlerweile hatte aber ein Herr der Leitstelle herausgefunden, zu wem das Handy gehörte. Eine junge Dame, die schon mehrere Körperverletzungsdelikte begangen hatte. Entsprechend bekamen wir eine Personenbeschreibung.

Also suchten wir noch einmal die Umgebung an. Tatsächlich trafen wir eine junge Frau an, auf die Personenbeschreibung zutraf, aber sie war offensichtlich nicht unsere Gesuchte.

Sah so aus, als hätte da jemand die Polizei mit etwas Sinnlosem beschäftigt.

Wo wir schon einmal am Bahnhof Ludwigshafen-Mitte waren, verabschiedete ich mich freundlich von meinen beiden Frühbegleitern und machte mich auf nach Mannheim, wo ich im Hauptbahnhof einen Lieblingsbäcker habe.

Damit endete eine sehr spannende Nacht mit Überstunden. PI LU 1, Ihr seid immer wieder klasse. Danke für die spannende Nacht.

 

Allgemein Polizeiarbeit Schusswaffengebrauch Verein

Schweißtreibendes Schießtraining bei der Polizei

Symbolfoto

Mein Puls kam gerade wieder halbwegs auf Normal runter. Soeben war die Pressekonferenz zum Danke-Polizei-Tag in Ludwigshafen zu Ende gegangen. Trotz meines enormen Lampenfiebers hatte ich ein Video von der Szene gemacht, die die Einsatztrainer aus Enkenbach-Alsenborn nachgestellt hatten. Eine tolle Szene, in der der festnehmende Polizist gebissen wurde, was aber auf dem Video nicht sichtbar ist. Ein sehr guter Beleg dafür, dass man Handyvideos manchmal nicht einmal zurechtschneiden muss und sie zeigen dennoch nicht die ganze Wahrheit.

„Kommen Sie uns doch einmal in Enkenbach-Alsenborn besuchen.“ Dieses unwiderstehliche Angebot von Rainer Köllner, Chef der Einsatztrainer, nahm ich möglichst schnell an.

Da ich das ja alles nebenberuflich mache, hieß „möglichst schnell“, dass ich Ende Januar nach einem Termin im Polizeipräsidium Westpfalz in Kaiserslautern in der Liegenschaft der Bereitschaftspolizei hereinschaute.

 

Meine Gesprächspartner in Kaiserslautern zeigten sich sehr interessiert, nachdem ich in einem Halbsatz hatte fallen lassen, was ich im Nachgang vorhatte.

„Was machen Sie denn da?“

„Ich habe keine Ahnung. Am Telefon war die Rede von einer ‚Touristenführung'“.

„Oh je!“

Bedenkliche Blicke wurden gewechselt.

???

„Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Minrath, die haben da auch eine Sanitätsstation.“ – „Ja, und einen Polizeiarzt.“ – „Ich komme Sie dann auch dort besuchen. Gerne mit Blumen.“

 

Im Gedanken an diese Frotzeleien immer noch grinsend fuhr ich auf den Parkplatz in Enkenbach-Alsenborn auf.

 

Auch diese Liegenschaft konnte ich nicht so ohne Weiteres betreten – was ich immer begrüße. Nachdem mein Gesprächspartner über meine Anwesenheit informiert worden war, durfte ich passieren.

Als erstes, nach einer freundlichen Begrüßung, bekam ich einen Kaffee. Immer ganz wichtig.

Dann zeigte mir Herr Köllner den Teil der Liegenschaft, der das Reich der Einsatztrainer darstellt. Wir begannen mit einem kleinen Besprechungsraum, in dem zwei Plakate zeigten, was Polizeibeamtinnen und -beamten hier alles angeboten wird.

Ich war ein wenig überrascht zu sehen, dass auch das Schießen auf Rehe geübt wird. Natürlich werden dafür nicht aus den Wäldern um Enkenbach-Alsenborn Rehe in den Schießstand gezerrt, sondern das Ganze findet rein virtuell statt.

Selbstverständlich geht es bei diesem Ausbildungsteil auch nicht darum, dass Polizeibeamte spaßeshalber springlebendiges Wild abschießen, sondern dass angefahrene Tiere den Gnadenschuss bekommen.

Erst vor wenigen Wochen war ich zu Besuch in einer Dienststelle gewesen und mein Gespräch mit zwei Polizisten war unterbrochen worden vom Dienstgruppenleiter mit dem Satz:

„Ihr müsst ein Reh erschießen.“

Er hatte schon erfolglos versucht, einen Jagdausübungsberechtigten zu kontaktieren.

Selten habe ich derartige Unbegeisterung in den Augen meiner Gesprächspartner gesehen, als diese sofort aufsprangen und zum Streifenwagen liefen.

Kein Polizist schießt gern auf Lebewesen. Hinzu kommt, dass verletzte Tiere oft panisch und Schmerz erfüllt schreien, weil sie nicht verstehen, was ihnen widerfährt. Diese Schreie sind nur sehr schwer zu ertragen. Last but not least reagieren viele Bürger sehr verständnislos darauf, dass überhaupt das Tier erschossen werden muss und wieso die Polizei das übernimmt. Ich als ausgelagerte Beschwerdestelle der Polizei in einem ländlichen Bundesland habe mir da schon mehrfach Beschwerden angehört. „Der Polizist hat einfach so das Reh erschossen.“ Das „einfach so“ war den Beschwerdeführern auch nicht auszureden.

Insgesamt also sowieso schon eine miese Einsatzsituation, die sicherlich nicht besser wird, wenn man bei all dem nicht beim ersten Schuss trifft…

Folglich durchaus ein sinnvolles Training!

 

Einem Training über die Abwehr von Messerangriffen durfte ich kurz zusehen.

Schließlich kam ich in einen Schießstand. Dort wurde mir angeboten, auch einmal zu schießen. Da sage ich nicht nein.

Ich durfte vor vielen Monaten mal auf einem Schießstand des Zolls schießen. Nachdem ich den ersten Schuss gerade in die Decke gesetzt hatte, habe ich im Anschluss ziemlich gut ein Viereck getroffen.

Drei Jahre später drückte mir nun Herr Köllner als erstes eine Laserpistole in die Hand. Natürlich nach ausführlichen Erläuterungen, wie man eine Waffe überhaupt handhabt.

Das hat mich gefreut, weil ich die Diskussion um das Laserschießen der Berliner Polizei verfolge und mir nun endlich ein Bild machen konnte, was es damit auf sich hat.

Tatsächlich fühlte sich die Laserpistole erstmal genau an, wie eine scharfe Waffe, allerdings hatte ich ja auch jahrelang keine Waffe in der Hand gehabt und es war auch mein zweites Mal. Sie ist nicht so laut, man braucht also keinen Gehörschutz und keinen Augenschutz, da sie keine Patronenhülsen auswirft.

 

Später stieg ich dann auf eine scharfe Waffe um. Der Rückstoß ist ein ganz anderer. Außerdem muss man sie deutlich fester umklammern. Die Muskulatur meiner Hände ist ziemlich lasch. Deswegen neige ich dazu, die Waffe nicht fest genug zu halten, was diese damit beantwortet hat, mir die eine oder andere Patronenhülse an die Schulter zu flitschen.

„Lernen durch Schmerz.“

Einsatztrainer haben einen sehr trockenen Humor.

Hinzu kommt, dass ich die Schüsse, wenn meine Hände müde werden (was sehr schnell geht) leicht nach links verreiße.

Gegen Ende meines gesamten Schießtrainings durfte ich es auch mal mit scharfen Schüssen auf ein virtuelles Reh probieren. In meinem Hinterkopf versammelten sich sämtliche Menschen, die sich jemals bei mir über polizeiliche Schusswaffengebräuche auf Rehe beklagt hatten.

Ich zielte.

Oha, das Tier ist so klein… und in der Realität hält es vermutlich auch nicht still.

Ich holte tief Luft.

Ich schoss.

Der Schuss durchsiebte das linke Ohr des Rehs.

„Tierquäler“, jaulte die Meute in meinem Kopf auf.

Ich zielte erneut, dieses Mal ein bisschen länger.

Irgendwie war ich froh, dass das hier virtuell war und das Reh nicht schrie.

Ein zweites schickes Loch prangte im linken Ohr des Rehs.

Verflucht.

„Das arme Tier! Wird das bald was, Frau Wachtmeister?“, brüllte mein Hinterkopfpublikum.

Denk an den Rückstoßeffekt und deine schwachen Hände…

Im dritten Anlauf visierte ich das rechte Ohr an.

Endlich ein letaler Schuss.

Gut, dass das nur virtuell war.

Aber ganz klar ein sehr sinnvoller Übungsinhalt!

Und ganz klar nicht mit einer Laserpistole realistisch darstellbar.

 

Damit zurück zum Lasern. Mir ist die exakte Technik dahinter nicht klar genug, um sie zu beschreiben. Ehrlich gesagt finde ich Technikfragen auch nicht sonderlich spannend. Fakt ist, dass der Laserimpuls auf einer interaktiven Leinwand auftrifft und damit ein Computer berechnen kann, ob und wo man getroffen hat. Die Leinwand lässt sich übrigens auch mit Echtmunition beschießen, dann misst das Computerprogramm dahinter die Position des Einschusslochs.

Wie beim Zoll begann ich damit, auf unschuldige Vierecke zu schießen. Gesteigert wurde das damit, dass die sich irgendwann zu bewegen begannen.

Ich muss zugeben, dass ich zu diesem Zeitpunkt Spaß daran hatte, denn ich traf ziemlich gut.

Allerdings überlegte ich schon, wie ich Herrn Köllner klarmachen würde, dass ich keinesfalls auf menschliche Umrisse oder gar interaktive Szenarien zu schießen gedachte.

Na ja… vielleicht fragt er ja gar nicht.

Es ist eine Sache, Spaß daran zu haben, Kimme und Korn übereinanderzubringen und damit auf Formen oder Zielscheiben zu schießen – eine sehr gute Konzentrationsübung übrigens. Es ist eine ganz andere Baustelle, sich auf den Echtfall vorzubereiten. Den ich nicht mal als Zuschauerin erleben möchte. Mit dem ich aber natürlich rechnen muss, wenn ich Polizisten in den Einsatz begleite.

 

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie Herr Köllner das gemacht hat, dass mir plötzlich klar wurde… wenn ich wieder einen elementaren Teil von Polizeiarbeit verstehen will, der mir bisher nur aus Erzählungen zugänglich war, dann muss ich genau das beschießen, was ich eigentlich nicht beschießen will.

Nachdem ich mich also überwunden hatte, auf den menschlichen Umriss zu schießen, ging es in das erste interaktive Szenario. Genaueres verrate ich hier nicht, denn falls Polizisten den Artikel lesen, die darauf ausgebildet werden sollen, verderbe ich denen ja den Lerneffekt…

Es geht damit los, dass man zu einem Einsatz fährt, der erst einmal klingt wie Standard. Sogar ich bin schon einmal mit so einer Ankündigung in einen Einsatz mitgefahren. Bei Eintreffen am Einsatzort übernimmt der digitale Kollege eine Personenkontrolle, man selbst sichert ihn ab.

Es beginnt immer damit, dass der digitale Kollege den Menschen, den wir antreffen, um seine Papiere bittet.

Ab hier verzweigt sich das Szenario. Ein- und dieselbe Szene kann immer wieder variieren.

Polizistinnen und Polizisten werden dabei im Vorfeld körperlich (mittels Sport) und seelisch (verbal) ziemlich unter Stress gesetzt, um einen realistischen Pulsschlag zu erreichen. Bei mir wurde darauf netterweise verzichtet. Ich hatte nämlich, wie Herr Köllner regelmäßig kontrollierte, so schon feuchte Hände und deutlich erhöhten Puls.

Die ersten beiden Szenarien schoss Herr Köllner noch.

 

Szenario 1:

„Ihre Papiere, bitte!“

Der Mann suchte in seiner Jacke herum, zog eine Schusswaffe, die er auf den Kollegen richtete.

Der Einsatztrainer neben mir erschoss den Mann virtuell.

 

Szenario 2:

„Ihre Papiere, bitte!“

Der Mann suchte in seiner Jacke herum, zog eine Schusswaffe, die er auf uns richtete.

Also auf den Einsatztrainer. Aber ich stand ja direkt neben ihm.

Ganz egal, dass es virtuell war – ich blickte in eine Pistolenmündung.

Mein Stresslevel raste nach oben.

Der Einsatztrainer schoss dem Mann ins Bein.

Dann zog er mich am Arm beiseite, drehte sich mit mir um, um mir etwas zu erklären. Aus den Augenwinkeln sah ich noch, wie der Mann mit der Waffe in der Hand sich irgendwohin setzte.

Wieso? Der hat doch noch die Waffe in der Hand? Aber gut, der Trainer ist der Chef, der weiß schon, was richtig ist. Vielleicht halten die ja auch den Film an.

PENG! PENG! PENG! PENG!

Oh Shit! Im richtigen Leben wären wir jetzt tot. Weil ich mich zu sehr darauf verlassen habe, dass mein Partner das schon regelt…

Genau das war wohl der beabsichtigte Lerneffekt.

Und:

„Sie hören erst auf zu schießen, wenn der Angreifer seine Waffe fallen lässt. Und Sie lassen erst nach, wachsam zu sein, wenn Sie oder Ihr Kollege diese Waffe in der Hand haben.“

Sollte jeder mal erlebt haben, der glaubt, ein Schuss ins Bein wäre die einzig zulässige Antwort auf Angriffe mit Waffen.

An dieser Stelle übernahm ich, obwohl ich das zuerst nicht gewollt hatte. Ich wollte wissen, wie sich solche Lagen anfühlen, die andere immer mit Genuss bequem vom Sofa aus kommentieren. Wenigstens annähernd, denn es ist und bleibt virtuell.

Mein Stresslevel kletterte weiter nach oben. Selbst im Video habe ich echte Hemmschwellen, auf einen Menschen zu schießen.

 

Szenario 3:

„Ihre Papiere, bitte!“

Der Mann suchte in seiner Jacke herum und zückte – Papiere.

Also ließ ich die Waffe, wo sie war, an meiner rechten Hüfte.

Der Schießstand wird permanent belüftet, auch wenn mit Laser geschossen wird, um dem Pulverdampf beim Scharfschießen keine Chance zu lassen. Es ist verdammt kühl in dem Raum.

Mir war verdammt heiß.

 

Szenario 4:

„Ihre Papiere, bitte!“

Der Mann beugte sich in einen großen Behälter und holte… ein Messer heraus, richtete es auf mich.

Ich schoss. Mehrmals!

Er war tot.

„Der hatte ein Messer in der Hand, oder? Der hatte doch ein Messer in der Hand?“

Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher.

„Ja, der hatte ein Messer in der Hand.“

Uff!

Dann die Nachlese.

„Wie viele Schüsse?“

„Drei.“

„Ja, das stimmt. Bis drei klappt es meistens mit dem Merken. Ab dann ist das Gehirn normalerweise überfordert und der Schütze kann sich nicht mehr an die genaue Zahl erinnern.“

Die interaktive Leinwand kann anzeigen, wo man getroffen hat – und in welcher Reihenfolge.

Die ersten beiden Schüsse waren Treffer im letalen Bereich gewesen. Mit dem dritten Schuss hatte ich den Angreifer im Fallen in die Hand getroffen, in der er das Messer gehalten hatte.

„Das könnte vor Gericht problematisch werden. Da muss man dann hoffen, dass die Spurensicherung belegen kann, dass nicht schon der erste Schuss in die Hand ging, denn dann wären die tödlichen Schüsse unnötig gewesen.“

Oha! Die Spurensicherung hat vermutlich keine interaktive Leinwand.

Der Gedanke beschäftigte mich noch, als wir ins nächste Szenario einstiegen.

Ich spürte den Schweiß unter meinen Achseln hervor in Richtung Hosenbund rinnen. Meine Hände zitterten ein Bisschen.

 

Szenario 5:

„Ihre Papiere, bitte!“

Wieder beugte sich der Mann in den dunklen Behälter.

Der zieht doch nicht schon wieder ein Messer?

Nein, tat er nicht. Stattdessen sah ich plötzlich nur noch einen Radmutternschlüssel über mir.

PENG PENG PENG

„Im Grunde sehr gute Schüsse, leider wäre zum Zeitpunkt der Schussabgabe Ihr Schädel schon bis zum Brustbein gespalten gewesen.“

Vermehrte Schweißproduktion. Händezittern verstärkte sich. Mein Puls war vermutlich mittlerweile deutlich im oberen Stressbereich und meine Atmung beschleunigt.

 

Szenario 6:

„Ihre Papiere, bitte!“

Wieder der Radmutternschlüssel. Der Mann geht auf meinen virtuellen Kollegen los.

PENG.

Warnschuss.

Er dreht zu mir ab.

PENG PENG PENG…

Der Mann liegt tot am Boden.

„Wieviele Schüsse?“

„Kein Ahnung!“

Es waren fünf gewesen.

„Auch das wäre dann vor Gericht äußerst problematisch – denn… ach, wir gucken mal die Wiederholung an.“

Ok.

Oh Shit!

Oh… Shit!

Erst in der Wiederholung nahm ich wahr, dass der Angreifer den Drehschlüssel hatte fallen lassen, nachdem er sich zu mir gedreht hatte.

Da hätte ich nicht mehr schießen dürfen.

Das braucht man auch nicht zu diskutieren. Ich hätte schlicht nicht schießen dürfen.

*Schluck*

„Ich würde jetzt doch lieber wieder auf Vierrecke schießen.“

Herr Köllner tat mir den Gefallen. So hatte ich noch eine Weile richtig Spaß. Ich kann jeden Sportschützen verstehen.

Polizisten haben diese Wahl allerdings nicht. Sie müssen im Dienst an der Gesellschaft, also an uns allen, in solche Situationen gehen. Wir erwarten das von ihnen. Ich denke, dass sie im Gegenzug durchaus von uns erwarten dürfen, dass wir dann nicht über sie herfallen, wenn sie in so einer Lage gesteckt und reagiert haben.

Und ja, ich weiß. Sie haben sich diesen Beruf ausgesucht. Aus meiner Sicht ein weiteres Argument, ihnen zu danken.

 

Als ich nach diesem interessanten Tag heimfuhr, dachte ich bereits, dass jeder, der sowas beurteilt, ein Schießtraining durchlaufen sollte – vielleicht auch Richter, die über solche Fälle urteilen müssen. Das meine ich nicht einmal negativ. Aber vielleicht hilft es dabei, alle Perspektiven besser zu beleuchten. Man bekommt wenigstens einen winzigen Einblick, in was für Situationen man als Polizist geraten kann und wie die sich anfühlen können.

Nun hatte ich ja eine Ausbildung im Bereich der Ultraschallgeschwindigkeit. Polizisten üben das über Jahre und immer immer wieder – eben um das Stressniveau zu senken und eben damit sie auch unter Stress deswegen richtig reagieren, weil sie gut geübte Abläufe abrufen können. Dennoch… keine Situation ist so wie die andere…

 

Natürlich ist ein virtuelles Training nicht vergleichbar mit der Realität. Als ich eine Woche danach eine Straftat live sah, und den Notruf betätigte, war mein Stresslevel um einiges höher als im Schießtraining. Das merkte ich daran, dass meine Kleidung mir vom Shirt bis zu den Strümpfen nass am Körper klebte. Aber wie gesagt, es lässt einen erahnen, wie es Menschen in solchen Situationen gehen mag.

 

In dem Zusammenhang mit diesem Notruf auch interessant, dass meine Seele das letzte Szenario auf dem Schießstand noch nicht verarbeitet hatte. Ich war offenbar geschockter davon, dass meine Wahrnehmung da so versagt hatte, als mir zuerst bewusst war. Jedenfalls brauchte es tatsächlich einen Polizisten, der mich 24 Stunden später in Sachen meines Notrufes nach meinen Daten fragte, da ich jetzt Zeugin einer Straftat bin, um mir endlich sicher zu sein, dass mein Notruf auch wirklich und wahrhaftig berechtigt gewesen war – obwohl es an der von mir beobachteten Szene nichts, aber auch gar nichts, misszuverstehen gab.

Sicherlich reagiert nicht jeder mit einem Vertrauensverlust in die eigene Wahrnehmung – und der Verlust war ja nicht heftig genug, dass ich nicht im Endeffekt das Richtige getan hätte.

Aber wenn schon ein virtuelles Trainingsszenario einen solchen Effekt hat, dann kann man sich wenigstens ansatzweise vorstellen, was Menschen teilweise durchmachen, die einen echten Schusswaffengebrauch hinter sich bringen mussten. Selbst wenn man nicht hinter ihnen stehen möchte – so könnte man sich dann doch wenigstens das Drauftreten verkneifen…

Danke, dass ich diesen Einblick bekommen durfte. Auch die Einsatztrainer der Polizei RLP sind einfach klasse!

Allgemein Verein

Aus dem Verein: Karten für verletzte Polizistinnen und Polizisten

Um mal zu zeigen, was wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. sonst noch so machen – neben unseren Internetaktivitäten, die nur einen Teil unserer Tätigkeiten darstellt.

Wir schreiben auch Genesungskarten an Polizistinnen und Polizisten, die im Dienst schwer, krankenhausreif oder dienstunfähig verletzt wurden. Diese Infos bekommen wir aus den Pressemitteilungen der Polizei im deutschsprachigen Raum. Die Karte leiten wir i.d.R. über die Pressestelle mit einer Beschreibung des Vorfalls, so dass die auch wissen, für wen die Karte ist. Diese Karten bekommen die Betroffenen auch, wenn sie durch einen Unfall verletzt wurden, denn eines unserer Vereinsziele lautet, dass wir Polizeibeamten Rückhalt vermitteln wollen. Da machen wir dann keinen Unterschied in Sachen „Grund der Verletzung“.

In Rheinland-Pfalz reicht übrigens die Vokabel „verletzt“ aus, um eine Karte zu bekommen, da die Polizei Rheinland-Pfalz sehr offen zu unserem Verein ist. In anderen Bundesländern können wir das leider noch nicht in dem Ausmaß stemmen, obwohl jetzt zwei Mitglieder noch ins Kartenschreibeteam hinzustoßen.

Auch, wenn ein Einsatz besonders schlimm war, gibt es schon mal eine Karte.

Das hier ist, womit ich mich am gestrigen Tag befasst habe. Es handelt sich um Karten für alle „Fälle“, die in den letzten beiden Wochen angefallen sind. Da hatte sich wegen meiner Grippeerkrankung einiges angestaut.

Das hier sind insgesamt 28 Umschläge. In 12 davon steckt jeweils die Genesungskarte für einen Polizisten / eine Polizistin. In allen anderen Umschlägen sind mehr Karten drin, zwischen zwei und fünf. In dem großen Umschlag sind unsere Kondolenzkarten für die Angehörigen der bei Beeskow getöteten Polizisten.

Links das ist eine Packung Papiertaschentücher als Maßstab.

Das ist aber noch lange nicht alles, denn bereits Freitag abend gingen insgesamt 10 Umschläge in die Post, die sich nur auf Rheinland-Pfalz bezogen.

Übrigens möchte ich an dieser Stelle mal ein Danke loswerden an all jene, die unsere Karten immer weiterleiten. Danke!!! Die liegen uns nämlich wirklich am Herzen.

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Rosenmontag im Advent – Nachtschicht in Mainz

Zufällig und zu meiner großen Freude handelte es sich bei der Nachtschicht nach der Weihnachtsmarktstreife genau um die Schicht, mit der ich vor etwa einem Jahr schon einmal unterwegs gewesen war. „Meine“ damalige Streifenpartnerin Marina nahm mich auch gleich wieder unter ihre Fittiche und stellte mich ihrem Streifenpartner für die Nacht, Felix, vor. David ist mittlerweile an einer anderen Dienststelle. Auch die anderen aus der Schicht freuten sich, mich wiederzusehen. Ganz meinerseits!

 

Unsere erste Mission war, Essen zu beschaffen. Das war auch gut so, denn ich hatte allmählich Hunger bis unter beide Arme. Diese Düfte auf dem Weihnachtsmarkt, die von allen Seiten an mich herangezogen waren, hatten die Sachlage nicht besser gemacht.

 

Ich hatte meine Pizza noch nicht einmal zur Hälfte eingefahren, als ein Einsatz wegen eines vermissten Kindes reinkam. Das sind Einsätze, bei denen die Polizei alles auf die Straße wirft, was sie hat.

Also nix wie raus.

Eine weitere Streife war schon bei der Mutter des Kindes eingetroffen. Diese gab an, sie sei mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt gewesen. Das Sohn, drei Jahre alt, sei beim Freund der Mutter gewesen, und von dort abhandengekommen.

Polizei: „Kann er beim Vater sein?“

„Der Vater sitzt im Knast.“

Polizei: „Und wieso war das Kind bei Ihrem Freund?“

„Das ist der Adoptivvater. Also ab übermorgen.“

Innerlich runzelte ich die Stirn. Zufällig kenne ich mich mit Adoptionsrecht halbwegs aus. Seit wann reicht da eine Beziehung ohne Trauschein? Aber gut, vielleicht hat sich die Rechtslage da kürzlich geändert. Ich hatte allerdings keine Zeit, das tiefer zu durchdenken. Schließlich wollte ich nichts verpassen.

Polizei: „Und wo ist der jetzt?“

„Na, irgendwo.“

Ah ja…

Einer der versammelten Polizeibeamten versuchte, die Personalien der Beteiligten aufzunehmen. Bei einer Freundin der Mutter stimmte die angegebene Adresse mit der Adresse auf dem Personalausweis nicht überein. Nun hatte ich selbst schon mal in meinen jungen Jahren eine Ummeldung verschlampt. Das ist aber kein Grund, dann pampig zu Polizisten zu werden, wenn die versuchen, ordentliche Personalien zu bekommen.

Schließlich fragte einer der Beamten die Mutter:

„Und wo ist Ihr Freund gemeldet?“

Hätte ja sein können, dass der mit dem Jungen daheim ist, deswegen war die Frage mehr als berechtigt.

„Der hat derzeit keine Meldeadresse.“

Jetzt war ich vollends verwirrt. Jemand, der keinen offiziellen Wohnsitz hat, soll demnächst ein Kind adoptieren dürfen? In der Bundesrepublik Deutschland? NEVER EVER.

Marina wählte einen pragmatischen Ansatz:

„Haben Sie ein Foto von dem Jungen?“

Sehr gute Frage.

„Ja. Moment.“

Es folgte eine ausgiebige Suche in der Galerie des Smartphones. Sehr ausgiebig.

Also ich tendiere ja auch zu Datenmüll, weil ich viele Fotos mache, finde aber doch ziemlich schnell Bilder der Menschen, die mir lieb und teuer sind.

Schließlich hielt sie uns ein Bild unter die Nase, das einen kleinen Jungen im Bademantel zeigte. Offensichtlich mit Photoshop ausgeschnitten, denn er schwebte frei vor einem weißen Hintergrund.

Nicht nur mir drängte sich an dieser Stelle der Verdacht auf, dass hier die Polizei mit einem Phantom beschäftigt sei. Dennoch – solange nicht ganz sicher war, dass dieses Kind tatsächlich nur in der Phantasie dieser Frau existierte, musste alles getan werden, um es zu finden.

Marina, Felix und ich suchten den mittlerweile weitestgehend in Schließung begriffenen Weihnachtsmarkt ab. Niemand berichtete uns von einem weinenden Kind. Wir schauten bei einem kleinen Karussell. Nichts!

In der Zwischenzeit befassten sich weiterhin zwei Polizisten mit der Frau, andere suchten ebenfalls die Stadt ab.

Ergebnislos.

Da wir im Nachgang auch nichts mehr davon hörten und auch keine Vermisstenanzeige einging, gehe ich davon aus, dass dieses Kind niemals existiert hat. Allerdings hatte ich auch nicht den Eindruck, dass die Dame einfach mal so eben aus Spaß ein ganzes Rudel Polizisten mit einer sinnlosen Suche beschäftigen wollte. Ich persönlich vermute ein psychologisches Problem dahinter.

 

Wir begaben uns zurück zur Dienststelle und aßen unsere Pizza fertig. Im Anschluss daran lieferten wir einen USB-Stick beim Geschäftsführer eines Mainzer Lokals ab. Darauf hatten sich Aufzeichnungen seiner Videoüberwachung befunden, mit der er eine Straftat aufgezeichnet hatte. Zwar wurden wir neugierig beäugt, aber ich hörte keine dummen Kommentare. Geht doch!

 

Als nächstes wurde ein Einbruch in eine Kindertagesstätte gemeldet. Mit zwei Streifen fuhren wir zur angegebenen Adresse.

Die Kita lag am Ende einer Sackgasse, aus der sich auch gerade ein Kleinwagen entfernen wollte. Was Felix vereitelte, indem er den Passat mitten in den Weg parkte.

Am Steuer des Kleinwagens eine junge Frau. Sie sah nicht so aus, wie ich mir den typischen Einbrecher vorstelle – aber wenn ich eines bei der Polizei gelernt habe, dann, dass die Dinge selten so sind wie sie scheinen.

Hier trog der Schein aber nicht. Während Marina die Personalien der jungen Frau aufnahm, schaute eine weitere Streife danach, was in der Kita selbst los war. Dort fand eine Adventsfeier statt. Die Mutter der jungen Frau nahm an dieser Feier teil und hatte etwas daheim vergessen. Ihre Tochter brachte es ihr, für die Übergabe war eine Tür geöffnet worden, die einen stillen Alarm in Gang gesetzt hatte.

Im Grunde war damit alles geregelt.

„Bin ich jetzt vorbestraft?“

Jetzt verstand ich. Ich hatte mich die ganze Zeit gewundert, warum die junge Frau die ganze Zeit so hart an der Grenze zur Patzigkeit laviert war. Die hatte einfach Angst.

Marina erklärte ihr sehr freundlich, dass das nicht der Fall sei und warum.

Nun werde ich selbst angemessen nervös, wenn die Polizei an mir dienstlich wird. Insofern verstehe ich das grundsätzlich. Aber was für ein Polizeibild steckt bitte mittlerweile in den Köpfen vieler Menschen, wenn man sich für solch eine harmlose Sache vorbestraft glaubt? Meines Erachtens muss da bereits im Bildungssystem dringend Aufklärung stattfinden. Lehrer sollten da mit Polizisten viel mehr an einem Strang ziehen und klar machen, dass man nicht gleich vorbestraft ist, wenn Polizisten mal ein paar Fragen stellen.

 

Anschließend hatten wir Zeit für etwas, was vielen Polizisten auf ländlichen Dienststellen mittlerweile als reiner Luxus erscheint. Einbruchspräventionsstreifen.

Symbolfoto: Andere Einsatzörtlichkeit

Allerdings dauerte auch in der Landeshauptstadt dieses Glück nicht allzu lang an, denn es kam ein Funkspruch rein:

„Am Bahnhof kam es zu Randale in einem Lokal. Die Randalierer sind noch vor Ort.“

Eigentlich das Dienstgebiet von Mainz 2, aber wir waren ziemlich nah dran. Näher als alle Streifen von Mainz 2.

Also entschieden Felix und Marina, hinzufahren. Mit Blaulicht und Martinshorn.

Wir waren die erste Streife am Bahnhof.

Raus aus dem Streifenwagen. Umschauen.

Randalierer? Wo jetzt?

Ein junger Mann im Kellnerdress mit einem hübschen Hämatom auf der Wange deutete auf eine Gruppe sehr bürgerlich aussehender Menschen.

Die?

Ein zweites und ein drittes Polizeiauto flogen ein. Noch mal Mainz 1 sowie die Wochenend-Verstärkung im Viererbus (je zwei Beamten der PI Mainz 1 sowie zwei Beamten einer anderen Dienststelle), mit der aktuell die Auswirkungen des in den letzten 25 Jahren deutlich lebhaft gewordeneren Mainzer Nachtlebens in Schach gehalten werden.

Marina, Felix und zwei der Polizisten aus dem Viererbus widmeten sich nun der Gruppe, die uns der Kellner gezeigt hatte, die anderen sprachen mit dem Kellner. Zwei gingen auch in das fragliche Lokal.

Die Leute, auf die wir zugingen, wirkten sympathisch. Da konnte ich mir durchaus vorstellen, mit denen mal einen trinken zu gehen. Sie erzählten uns, dass sie auf dem Weihnachtsmarkt gewesen waren und von dort mit dem Zug hätten heimfahren wollen. Wegen dem Glühwein. Aus meiner Sicht ein sehr vernünftiger Ansatz. Da zwischen Schließung des Weihnachtsmarktes und Abfahrt des Zuges eine gute Stunde totzuschlagen war und die Nacht allmählich bitter kalt wurde, entschlossen sie sich, in ein Lokal zu gehen. Dort sei man dann aber unberechtigterweise herausgeflogen.

Eine vierte Streife, dieses Mal von Mainz 2, traf ein.

Eine Frau, die sich bisher zurückgehalten hatte, gab in recht schriller Stimmlage von sich:

„Bei Einbrechern kommt keiner, aber bei uns, da kommen sie gleich mit vier Streifenwagen.“

Damit rutschte sie auf meiner Sympathieskala schon mal einige Stufen nach unten. Ich weiß nicht, was sie von Beruf macht, aber kein Polizist erklärte ihr ihren Job. Vielleicht sollte sie das dann umgekehrt auch unterlassen.

Meine Polizisten nahmen ungerührt weiter Personalien auf und Aussagen zu Protokoll. Was die Dame auch massiv störte. Niemand reagierte jedoch auf ihre beleidigte Attitüde.

Mittlerweile waren in dem Lokal die Befragungen weitgehend abgeschlossen. Einer der Polizisten, die diese vorgenommen hatten, informierte uns über die Ergebnisse.

Die Aussagen stimmten bis zu dem Punkt überein, an dem unsere so sympathisch wirkende Gruppe das Lokal betreten hatte. Sie waren nämlich nicht die einzigen gewesen, die diese Idee gehabt hatten, entsprechen voll war es. Also positionierte man sich an der Bar, unglücklicherweise an einer Stelle, an der die Kellner vorbeimussten, um ihre Kundschaft zu bedienen. Gemeinerweise wollten diese Kellner tatsächlich ihrem Beruf nachgehen und baten mehrfach darum, dass ihnen Platz gemacht werde. Davon hatte sich ausgerechnet die Dame, die gerade der Polizei ihren Job erklärt hatte, offensichtlich sehr gestört gefühlt. Diesem Gefühl hatte sie Ausdruck verliehen, indem sie die Kellner u.a. mit „dumme Sau“ und „Hure“ betitelt hatte. Dreien von ihnen hatte sie auch ihre Fingernägel durchs Gesicht gezogen und einem ins Gesicht geschlagen. Das war der junge Mann mit dem schicken Hämatom, der uns empfangen hatte.

Da hatte ja einer der jungen Viererbus-Polizisten noch richtig Glück, dass er „nur“ mit „so ein dummer Kerl“ bewertet wurde. Mir ist übrigens schleierhaft, womit er sich diese Ansage verdient hat. Er war über die ganze Befragung hinweg freundlich und sachlich zu der „Dame“ gewesen. Womit er meine uneingeschränkte Bewunderung hatte, denn ich kochte innerlich über.

Im Laufe der weiteren Befragungen durch die Polizei hörte die „Dame“ nämlich nicht auf, wieder und wieder darauf hinzuweisen, wie übertrieben doch diese Präsenz sei, die da aufgefahren werde. Während gegen Einbrecher nichts passiere.

Meistens bin ich heilfroh, dass ich nur zuschauen und nichts sagen muss, wenn ich mit der Polizei unterwegs bin. Hier sehnte sich alles in mir, einfach zu sagen:

„Gute Frau, die beiden hier waren gerade dabei, ein einbruchsgefährdetes Viertel zu bestreifen, als dieser überflüssige Scheiß hier hereinkam.“

Ja, genau in der Wortwahl!

Aber ich hielt mich zurück. Erstens will ich nicht daran Schuld haben, wenn eine Situation eskaliert. Zweitens möchte ich auch weiterhin mitfahren dürfen. Und drittens bringt das Auffahren von Fakten bei solchen Menschen erfahrungsgemäß sowieso nichts. Schon der junge Viererbus-Polizist war ja daran gescheitert.

Den Abschluss des Einsatzes übernahm die Streife der PI Mainz 2, so dass wir anderen uns verabschieden konnten.

„Ich schäme mich gerade sowas von fremd“, sagte ich im Streifenwagen. Abgesehen davon, dass ich ganz klar zu altmodisch bin, um den Zusammenhang zwischen Advent und überzogenem Alkoholkonsum zu begreifen: „Wie können so normal wirkende Leute so dermaßen ausrasten und so uneinsichtig sein?“

Diese Frage stellt sich mir bis heute. Ich weiß nicht, ob es dazu wissenschaftliche Untersuchungen gibt, aber ich empfinde es so, als nehme die Bereitschaft zur Übernahme von Eigenverantwortung in unserer Gesellschaft kontinuierlich ab. Es ist immer jemand anders schuld, nur man selbst hat mit seinen eigenen Schwierigkeiten wenig bis nichts zu tun. Nötigenfalls ist halt die Polizei der Böse, weil sie bösartigerweise gerade keine „echten“ Verbrecher jagen will… schließlich gibt es Schlimmeres als Kellnern seine Fingernägel durchs Gesicht zu ziehen. Es gibt aber auch Schlimmeres als einzubrechen. Wo ist denn dann bitte die Grenze? Und tatsächlich hatte Mainz in dieser Nacht keinen psychopathischen Serienmörder aufzufahren, der vom gesamten Polizeiaufgebot der Stadt gesucht werden musste. Auch der Attentäter von Berlin hatte sein Verbrechen am Breitscheidplatz an diesem Tag noch nicht begangen. In solchen Nächten müssen auch wir Normalos wohl damit leben, dass unsere Verfehlungen Konsequenzen haben. Etwas mehr Würde durch das Eingestehen eigener Fehler wäre dabei wünschenswert.

 

Marina, Felix und ich fuhren weiter Streife, u.a. auf dem Unigelände. Ein sehr merkwürdiges Gefühl. Zuletzt war ich vor 18 Jahren nachts auf diesem Gelände unterwegs gewesen, wenn ich von einer Party kam oder ähnliches. Es hatte sich äußerlich nichts verändert, obwohl nun die nächste Generation dort studiert. Danke jedenfalls für diese Kurzreise in sehr gute Jahre meiner Vergangenheit.

 

Anschließend fuhren wir die Dienststelle an. Auf einer abschüssigen Straße kam uns auf der Gegenspur ein Oberklasse-Wagen entgegen. Mit laut aufheulendem Motor raste er an dem Streifenwagen vorbei. In der Innenstadt! Na, wenn ein Fahrer so sehr um eine Kontrolle bettelt, dann soll er sie auch bekommen. Was für ein unfassbarer Schnösel. Selten bin ich derart geballter Arroganz am Stück begegnet.

 

Nach einem Zwischenaufenthalt in der Dienststelle rückten wir wieder aus, um einen jungen Mann dabei zu erwischen, wie er hingebungsvoll an die Ecke einer Großbank pinkelte. Er war für meinen Geschmack wenig einsichtig, Felix und Marina waren allerdings Schlimmeres gewöhnt.

Symbolfoto: Andere Einsatzörtlichkeit

 

Als nächstes wurde ein Autofahrer mit einem Handy am Ohr verwarnt.

Schließlich kam ein Funkspruch über einen Einbruch in einen Supermarkt rein, mit einer Personenbeschreibung. Wir bestreiften den Nahbereich um den Supermarkt. Eine zweite Streife nahm sich zweier junger Männer an, auf die die Beschreibung passte. Die waren es wohl nicht gewesen. Unsere Suche blieb ebenfalls erfolglos.

 

„Eine junge Frau ist vor der Diskothek xy beleidigt worden.“

Eigentlich keine große Sache, sollte man meinen. Die Türsteher dieser Disko sind allerdings dafür bekannt, nicht gerade von allererster Qualität zu sein. Man könnte es auch so ausdrücken, dass der eine oder andere bis vor Kurzem Kundschaft der Polizei war und die Verhaltensweisen aus dieser Zeit noch nicht ganz abgelegt hat. Auch sonst eskaliert an diesem Ort gerne mal was. Also fuhren nicht nur wir, sondern auch der Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei vor.

Die junge Dame war in jedem Fall sehr beleidigt. In ihrer Rage (und leichten Alkoholisierung) war nur sehr schwer aus ihr herauszubringen, was nun genau passiert war. Offensichtlich hatte sie Hausverbot bekommen. Weil sie dem nicht unwidersprochen nachkommen wollte, hatten die Türsteher nachgeholfen und waren dabei verbal unfreundlich geworden. So weit so schlecht.

Offenbar war sie sehr unzufrieden damit, dass die Polizisten nun auch noch die Aussage des von ihr beschuldigten Türstehers einholen wollten. Ihr Tonfall, sowieso schon mit einem pampigen Unterton unterlegt, wurde noch ein paar Stufen schriller.

„Meine Mama ist Beamtin bei….“

Sie nannte eine Polizeibehörde. Zum Glück nicht die Polizei Rheinland-Pfalz.

„Meine Mama holt mich auch gleich hier ab, dann regelt die das hier…“

Sie musste das „Ihr blöden Deppen“ nicht dazusagen, es schwang auch so deutlich durch die mittlerweile eiskalte Nachtluft.

„Ich ruf mal meinen Freund dazu.“

Der junge Mann war wohl noch in der Disko. Sie zückte ihr Handy. Offensichtlich nahm er das Gespräch blitzschnell an, denn sie blaffte ins Telefon:

„Du kommst jetzt SOFORT hierher. Die Polizei ist hier. Meine Mama kommt auch gleich.“

Holla, die Waldfee! So rede ich vielleicht mit meinem Hund. Und selbst das nicht ohne Not!

Ich war allmählich geneigt, dem Türsteher eine Menge Verständnis entgegenzubringen, sollte er diese gewinnende junge Dame tatsächlich beleidigt haben. Was immer noch ungeklärt war, denn auf die mehrfache Nachfrage, ob sie denn nun Anzeige erstatten wollte oder nicht, antwortete sie ebenso wortreich wie unklar. Übrigens immer noch in einem, wie ich fand, ausgesprochen unangemessenen Tonfall. Am patzigsten war sie ganz klar zu dem jungen Viererbus-Ppolizisten, an dem sich schon die „Dame“, die Einbrecher wichtiger fand als ihre Fingernägel im Gesicht ihrer Mitmenschen, abgearbeitet hatte. Für mich immer noch äußerst unverständlich. Ich habe ihn als sehr freundlich empfunden. Vielleicht war das sein „Fehler“. Manche vertragen das einfach nicht. Ich schon. Falls er das liest und mal dienstlich an mir werden muss… ;-)

Die „Mama“, die Beamtin bei der Polizeibehörde ist, wurde noch öfters als graue Eminenz im Hintergrund ins Spiel gebracht. Nicht wirklich überraschend, dass keiner der Polizeibeamten sich davon auch nur im Ansatz erschüttern ließ, seine Arbeit so zu tun wie er oder sie es für richtig hielt.

Übrigens sei mir an dieser Stelle die Bemerkung erlaubt, dass eine Mitte Zwanzigjährige, die glaubt, ihre „Mama“ berechtige sie, gestandenen Streifenpolizisten ihren Job zu erklären, genau so überzeugend ist, wie ein gleichaltriger Polizei-Azubi, der mit ganzen sieben Wochen Diensterfahrung dasselbe versucht (siehe mein Bericht über die Nachtschicht in Kaiserslautern). Nämlich gar nicht!

 

Endlich war dieser Einsatz beendet. Auf dem Weg zum Streifenwagen wurden wir von drei Jungspunden überholt. Einer von ihnen sagte zu seinen Kumpels: „Immer wenn wir gehen, ist hier was los.“

Meinte der uns? Egal!

Ich war froh, im warmen Streifenwagen zu sitzen. Felix und Marina kamen überein, dass man kurz in der Dienststelle auftauen wollte. Dazu sollte es vorerst nicht kommen, denn kaum war dieser Entschluss gefasst, musste Felix wieder drehen.

Schlägerei vor genau derselben Disko. Die Bereitschaftspolizisten hatten es noch nicht einmal bis in den Mannschaftswagen geschafft.

Also wieder hinaus in die Kälte.

Tatsächlich stand vor der Disko ein junger Mann mit einer blutigen Nase. Er gab zu Protokoll, dass der Türsteher ihn die Treppe heruntergeworfen und geschlagen habe.

Die Beamten nahmen seine Personalien auf, sowie die seines Freundes. Ein Rettungswagen wurde einbestellt. Sie fragten nach einer Personenbeschreibung. Diese konnte das Opfer der Tat aber nicht geben.

Sein Kumpel war Augenzeuge und beschrieb, was er gesehen hatte. Auch er konnte keine zufriedenstellende Personenbeschreibung abliefern.

„Ich habe den nur von oben gesehen und sein Gesicht nicht. Aber ich würde den sofort wiedererkennen.“

Deswegen bestürmte er die Polizisten, mit ihm in die Disko zu gehen, um den Mann zu suchen. Dies lehnten die Beamten ab. Übrigens mit einer Begründung. Es hat mehr Beweiswert, wenn die Beamten eine Personenbeschreibung bekommen und finden dann einen Menschen vor, der darauf passt, als wenn bei einer Gegenüberstellung der erste des Weges kommende Türsteher beschuldigt wird.

Diese Ablehnung wollte er nicht akzeptieren und wiederholte seine Forderung wieder und wieder.

In der Zwischenzeit wurde sein Freund im Rettungswagen behandelt.

Marina und Felix überließen ihren Kollegen das nichtendenwollende Bitten um eine gemeinsame Suche des Mannes und betraten die Disko. Sie fragten mich, ob ich mitkommen wolle. Ja, ich wollte. Eigentlich stehe ich nicht auf Lärm. Aber meine klappernden Zähne und ich hofften auf eine Heizung.

Der Türsteher (der übrigens schon „Mamas“ Tochter beleidigt haben soll) gab seine Version der Geschichte zum Besten.

„Ich habe dem Mann nach draußen geholfen.“

An dieser Stelle war ich geneigt, dann vielleicht doch der jungen Frau zu glauben. Trotz ihres grenzwertigen Auftretens. Gut, dass ich da nichts zu entscheiden habe, sondern die Staatsanwaltschaft.

Zu erwähnen wäre bei diesem Einsatz auch noch ein junger Mann, der nichts, aber auch gar nichts, mit der Sache zu tun hatte, aber meinte, es sei eine supertolle Idee, mehrfach mitten durch diesen Blaulichtauflauf hindurchzumarschieren. Dabei telefonierte er mit seinem Handy und gab sich furchtbar wichtig. Aus meiner Sicht eine sehr seltsame Verhaltensweise.

Als endlich alle Anzeigen aufgenommen waren, ging es endlich in die Dienststelle zum Schreiben der Berichte. In dieser verdammt kalten Nacht war das genau mein Ding.

 

Wie beim letzten Mal kam wieder kurz vor Schichtende ein Einsatz rein über eine Schlägerei. Ein Mann sei mit einer abgebrochenen Flasche auf einen anderen Mann losgegangen. Wieder ging es mit Blaulicht und Martinshorn zur genannten Adresse.

(Drei Streifenwagen in einem Foto – für ländliche Dienststellen ein seltener Anblick. Die sind ja froh, wenn sie zwei Wagen besetzt kriegen.)

Den mutmaßlichen Täter fanden wir am Einsatzort vor – das Opfer war offensichtlich geflüchtet. Allerdings wartete ein Augenzeuge auf uns. Übrigens wieder ein Türsteher eines anderen Etablissements. Die haben ein deutlich besseres Verhältnis zur Polizei. Das merkte man auch an seiner Aussage: sehr schlüssig und klar.

Zwei Streifen kümmerten sich um den Täter, die Zeugenvernehmung und die Spurensicherung. Die Spuren bestanden aus mehreren zertrümmerten Flaschen und Blutspuren. Eine davon an einem Auto. Ein breites rostrotes Rinnsal lief über die Motorhaube. Mir wurde ein wenig schwindelig, denn in der Straße hatte eine Studienfreundin von mir gewohnt. Ich war, ohne mir viel dabei zu denken, oft nachts allein zu Fuß durch diese Straße gegangen. Entweder war ich unfassbar naiv, oder Mainz hat sich nicht nur in Sachen Nachtleben massiv verändert.

Andere Streifen suchten nach dem Opfer, es konnte aber nicht wiedergefunden werden.

 

Mit diesem Einsatz war auch diese Schicht zu Ende. Netterweise nahm mich die Frühschicht mit auf Streife zum Bahnhof, wo sie mich aus dem Wagen ließ. Ich fror nämlich mittlerweile wie ein junger Hund und war deshalb dankbar, nicht durch die Kälte laufen zu müssen.

Es hat mich wirklich gefreut, noch einmal mit dieser Schicht unterwegs zu sein. Danke, Marina und Felix, danke der ganzen Schicht, danke den Weihnachtsmarktspezialisten und danke Heiko Arnd für den herzlichen Empfang. Ich war genau so beeindruckt wie beim ersten Mal. Ihr seid einfach klasse, liebe Polizei Mainz!

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Rosenmontag im Advent – auf Weihnachtsmarktstreife in Mainz

Ein wenig fassungslos starrte ich auf die Menschenmenge zwischen mir und der anderen Seite der Weißliliengasse – entgegen ihres Namens eine zweispurige Straße. Die Menschen ihrerseits starrten auf drei riesige rote Trucks, die sich Richtung Innenstadt arbeiteten. Darauf tanzten Menschen zu lauter Musik und winkten in die Menge.

Ich rieb mir verwundert die Augen.

Bin ich durch ein Loch in der Zeit gerutscht?

Eigentlich war ich an einem Adventsamstag in den Zug nach Mainz gestiegen. Da ich eine WhatsApp-Nachricht über die Verspätung dieses Zuges mit Heiko Arnd, dem Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Mainz 1, ausgetauscht hatte, war ich offensichtlich am gleichen Tag in Mainz angekommen. Das hier sah mir allerdings schwer nach Rosenmontag aus.

Irgendwann wurde mir klar, dass die Menschen nicht verkleidet waren und ich keine Helau-Rufe hörte. Auch wurden von den Wagen keine Gegenstände in die Menge geworfen. Da sie mit Coca-Cola beschriftet waren, war das vermutlich auch ganz gut so. Dosen und Flaschen sind nichts, was man auf Menschen werfen sollte. Zufällig war ich wohl zeitgleich mit den Coca-Cola-Trucks in Mainz. Nun denn…

 

Zum Glück hielt sich meine Verspätung in Grenzen.

Die Weihnachtsmarktstreifen setzen sich zusammen aus Polizeibeamten der Bereitschaftspolizei sowie aus dem Regelschichtdienst. Einer der letzteren sagte zu mir, er fände es mal ganz schön, für eine Zeit regelmäßige Dienstzeiten zu haben. Eine der beiden jungen Damen hatte ich kürzlich erst bei einer Feier an der Polizeihochschule gesehen. Da der „normale“ Schichtbetrieb weiterläuft, haben die Weihnachtsmarktstreifen einen eigenen Dienstraum.

In den hatte Heiko Arnd mich gerade geführt als ein Funkspruch reinkam: „Auf dem Weihnachtsmarkt wurde ein Dieb festgehalten.“ Die vier Weihnachtsmarkt-Beamten sprangen auf.

„Am besten gehen Sie gleich mit. Ich warte solange.“
Heiko Arnd schmunzelte in sich hinein.

Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt outete sich einer der beiden jungen Männer als Empfänger unserer Karten.

„Ich hab schon drei Mal eine bekommen. Danke!“

Hmpf!

Wieder einmal gemischte Gefühle. Wie kann man nur auf einen so freundlichen jungen Mann einprügeln bis zur Verletzung? Wie kann man überhaupt so eskalieren? Aber wieder einmal zeigte sich, dass unsere Karten genau die Unterstützung vermitteln, die sie vermitteln sollen. Das motiviert mich sehr.

Am Weihnachtsmarkt angekommen musste ich erst einmal die Luft anhalten. Was für ein Gewimmel. Der Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz hatte noch nicht stattgefunden. Außer mir, die ich als „halbe Französin“ ziemlich viel Zeit in Paris verbringe und immer ein Ohr bei den französischen Sicherheitsbehörden habe, dachte vermutlich an diesem Tag kein Nichtpolizist über einen möglichen Terroranschlag in Deutschland nach. Seit ich in Paris gelebt habe (und zwar genau zu der Zeit in den 90ern, in der es von einer Terrorwelle heimgesucht wurde), lebe ich mit dem andauernden Gedanken an derartige Szenarien. Dies ruft auch ein gewisses Unwohlsein bei mir hervor. Besonders, wenn ich in großen Menschenansammlungen unterwegs sein muss.

Da ich nicht gewillt bin, mir von diesem Unwohlsein mein Leben diktieren zu lassen, holte ich tief Luft und tauchte mit meinen vier Begleitern in die Massen ein.

Wir arbeiteten uns zu einem bestimmten Stand vor. Auf dem Weg dahin hörte ich sehr oft: „Guck mal, die Polizei. Das ist gut, dass die hier sind.“ Derartige Töne trafen im Laufe der Weihnachtsmarktstreife noch öfter mein Ohr. Ich sage ja immer, dass die allermeisten Menschen hinter unserer Polizei stehen. Zu tun bekommt sie halt vielfach mit den anderen. Und dann wären da noch die Menschen, die ihre Sympathien in dem Augenblick vergessen, in dem sie für eigenes Fehlverhalten von der Polizei zur Verantwortung gezogen werden. Doch davon später.

 

„Der hat versucht, eine Figur zu klauen.“
Der Standinhaber zeigte auf einen jungen, schmächtigen Mann in Jogginghose.

„Und außerdem hat er nach mir geschlagen.“

Festgehalten wurde der Beschuldigte von einem kräftigen Mann, zwei Köpfe größer.

„Ich war hier Kunde.“

Es stellte sich heraus, dass er nicht nur Kunde, sondern auch ehemaliger Polizist war, weswegen er sich den Dieb schneller gegriffen hatte als der sich hatte träumen lassen.

Einer meiner Begleiter legte dem jungen Dieb Handschellen an und wir machten uns durch die Menschenmenge auf den Weg zurück in die Dienststelle. Dabei hatte ich meinen Blick fest auf die Aufschrift „POLIZEI“ auf der Schussweste vor mir geheftet, um im Gewühl nicht verloren zu gehen. Natürlich hätte ich auch allein zurückgefunden. Aber ich wollte keinesfalls den Betrieb aufhalten.

Wir passierten eine Familie mit Kindern. Ein Kind, vielleicht acht Jahre alt, piepste ganz aufgeregt:

„Guck mal, Mama, die Polizei hat einen Dieb festgenommen.“

Dann fiel sein Blick auf mich, die ich nicht uniformiert war. Ein kurzes Stirnrunzeln, dann:

„Zwei Diebe!“

Mein Lachanfall hielt an bis zur Dienststelle.

Ich bin im Übrigen überzeugt, dass dieses Kind genau das aussprach, was viele Erwachsene dachten. Mit einer der Gründe, warum ich unsere Polizeibeamten sehr gerne begleite. Zum einen, weil ich es spannend finde, hinter die Kulissen zu schauen und gängige Polizeibilder zu hinterfragen. Zum anderen aber, weil meinem Sinn fürs Absurde immer wieder eine Menge geboten wird.

 

Nach einem sehr informativen Gespräch mit Heiko Arnd ging es dann wieder mit den vier jungen Leuten auf den Weihnachtsmarkt. Sie teilten sich in je zwei gemischte Streifen auf. Mit einer der beiden Streifen tauchte ich wieder in die Menge ein.

 

In erster Linie wurde die Polizei als Auskunftei gebraucht.

„Wo geht es hier zu…?“

„Wissen Sie, wo die Coca-Cola-Trucks fahren?“

„Wo bekomme ich hier…?“

Nach bestem Wissen und Gewissen gaben meine Begleiter die gewünschte Information – sofern sie sie hatten. Nicht jeder in Mainz im Einsatz befindliche Polizist ist Urmainzer und kennt die Stadt wie seine Westentasche. Das sollte man bedenken, wenn man mal den Weg zu irgendeinem Insider-Tipp nicht von der Polizei bekommt (daher ja auch „Insider“). Einmal konnte ich mit einer Wegbeschreibung aushelfen zu einem Restaurant, das ich in meiner Mainzer Zeit häufig frequentiert hatte.

Auch hier häuften sich die regelmäßigen freundlichen Rückmeldungen. Geht doch!!!

 

Meine Streife erspähte drei Männer, die allesamt ihre Schuhe wechselten. Das war ungewöhnlich und Ungewöhnliches erfordert polizeiliche Aufmerksamkeit. Die beiden entschieden sich, eine Personenkontrolle durchzuführen. Zwei der Herren reichten einfach ihre Ausweispapiere an, der dritte beschwerte sich sofort lauthals.

Interessanterweise war er der einzige der drei, der bereits polizeibekannt war – u.a. mit einigen Körperverletzungsdelikten.

Irgendwann trafen die vier wieder zusammen und die beiden jungen Frauen verabschiedeten sich zum nächsten Dienst – Wachdienst in der Mainzer Staatskanzlei. Die beiden jungen Männer und ich setzten die Fußstreife fort.

Plötzlich wurden wir angehalten. Ein junger Mann gab eine Fundsache ab – ein Portemonnaie mit viel Bargeld, Papieren usw. Meine beiden Herren nahmen die Personalien des Finders auf. Dann stellten sie die obligate Frage:

„Möchten Sie Finderlohn?“

Das kann man nämlich bei Fundsachen angeben. Ich persönlich lehne das immer ab, nachdem mir in den 90er Jahren eine US-Amerikanerin in Jerusalem meinen verlorenen Brustbeutel mit meiner gesamten Barschaft, meinem Rückflugticket und meinen Papieren in ein Straßencafé nachgetragen hat. Soviel Glück hat man nicht oft im Leben… das möchte ich gerne weitergeben. Allerdings finde ich die Idee nicht schlecht. Vielleicht motiviert das den einen oder anderen, gefundene Wertsachen zur Polizei zu bringen anstatt sie sich selbst unter den Nagel zu reißen. Nicht alle Menschen ticken so wie ich.

Auch dieser Finder lehnte das ab.

„Ich bin Polizist in Frankfurt.“

Schon der zweite Einsatz des Tages mit unverhoffter Polizeibeteiligung. Mir kam der gern zitierte Satz „Die Polizei ist ein Spiegel der Gesellschaft“ in den Sinn. Schon länger zweifele ich an seiner Richtigkeit. Sicherlich ist die Polizei in jedem Fall eine von Menschen gemachte und somit unperfekte Organisation. Insofern gibt es in ihren Reihen erfreuliche und eher unerfreuliche Exemplare Mensch (um kräftigere Vokabeln zu vermeiden), reflektierte und unreflektierte, kluge und dumme, gesunde und kranke und sicherlich auch einige mit einem Suchtproblem. Polizisten sind in meinen Augen keinesfalls bessere Menschen.

Aber ein „Spiegel der Gesellschaft“ wäre im reinen Wortsinne ein 1:1-Abbild der Gesellschaft. Schon allein von der statistischen Verteilung der Berufsgruppen her kann das nicht hinhauen. Nach meinen Informationen besteht unsere Gesellschaft nicht ausschließlich aus Polizeibeamten. Umgekehrt dürfte der Anteil an Menschen ohne Schulabschluss innerhalb der Polizei bei Null liegen, in der Gesamtgesellschaft ist er hingegen unbestreitbar vorhanden.

Zumindest war es für mich an diesem Tag auffällig, dass schon zwei Polizisten, die eigentlich nicht mit der Absicht, Polizeiarbeit zu verrichten, auf diesem Weihnachtsmarkt unterwegs gewesen waren, Kriminalität verhindert hatten. Kann natürlich auch Zufall gewesen sein…

 

Mit diesem Ereignis endete auch die Weihnachtsmarktstreife und ich wurde der Nachtschicht übergeben. Wo ich schon mal in Mainz war… so eine Anfahrt muss sich ja auch lohnen, nicht wahr?

 

Fortsetzung folgt…

Allgemein Fußball Polizeiarbeit Verein

Meine Lieblingsmannschaft hat gewonnen! – Im Fußballeinsatz mit der Bereitschaftspolizei

Bildquelle: Achim Recktenwald

Dienstantritt Sonntag um 7:30 Uhr bei der Bereitschaftspolizei in Koblenz. *Schluck* Für mich als bekennende Langschläferin eine… ähm… nicht ganz so prickelnde Botschaft. Und dann noch auf der anderen Rheinseite… Ich wusste zwar, dass Koblenz Stadtteile östlich des Rheins hat, war aber maximal zwei Mal in meinem Leben dort gewesen. Wenn ich mich nicht auskenne, plane ich immer Puffer ein.

Also Abfahrt daheim vor halb sieben Uhr morgens. Dabei intensive Gedanken an meinen Schwiegersohn in spe, der mal zu mir meinte, dass er meine Freizeitgestaltung schon irgendwie eigenartig findet. In diesem Augenblick war ich geneigt, ihm Recht zu geben.

Aber ich hatte es ja nicht anders gewollt, als ich dem Leiter der Bereitschaftspolizei ein freundliches Schreiben geschickt hatte mit der Bitte, die Bereitschaftspolizei in einen Einsatz begleiten zu dürfen. Und dann noch in diesen Einsatz!

 

Angefangen hatte es mit einem Infostand in Ludwigshafen, an dem mich eine junge Frau ansprach:

„Sie sind doch die, die immer beim Streifendienst mitfährt?“

„Ja!“

„Warum fahren Sie denn nie bei der richtigen Polizei mit?“

Innerlich musste ich da schon grinsen. Für mich als Nichtpolizistin ist da, wo Polizei draufsteht, auch Polizei drin. Richtige Polizei! Dennoch belustigen mich die Sprüche, die sich die verschiedenen Sparten intern um die Ohren hauen, immer ein Bisschen. Gibt es wohl in jeder Berufsgruppe.

Aber erst einmal sicherstellen, dass ich auch weiß, wovon die Rede ist:

„Was ist denn die richtige Polizei?“

„Na, die Bereitschaftspolizei, natürlich“, kam die prompte Antwort.

 

 

Als Erklärung direkt hinterher: „Gucken Sie sich das mal an, wie wir da beleidigt werden teilweise. Stundenlang!“

Kein Ding! Also angucken. Das Beleidigen ist aus meiner Sicht bereits Gewalt gegen Polizisten, also durchaus ein Ding.

„Gerne. Können Sie das mit Ihrem Vorgesetzten abklären?“

„Mach ich. Aber rufen Sie ihn auch mal an.“

 

Den Vorgesetzten konnte ich eine Weile lang nicht erreichen, was auch mit meiner beruflichen Belastung zu tun hatte. Dafür begegnete ich kurz darauf anderen Polizisten von diesem Bereitschaftspolizei-Standort, die mich aufklärten, dass das sowieso der Chef der Bereitschaftspolizei entscheiden müsse. Damit ich auch etwas zu sehen bekommen würde, berieten die drei Herren mich dahingehend, dass ein Fußballeinsatz mit „Rotspiel“ der Einsatz der Wahl sein sollte. Am 27.11.2016 würde der 1. FC Kaiserslautern gegen den Karlsruher SC spielen. Aufgrund einer intensiven Fanfeindschaft ein Hochrisikospiel.

Freundlicherweise wurde mir die Einsatzbegleitung genehmigt und ich bekam zwei Ansprechpartner genannt – den Hundertschaftsführer der jungen Dame, die mich angesprochen hatte, sowie seinen Stellvertreter.

Ein erster Anruf, noch im September, ergab, dass ich bitte in der Woche vor dem Spiel noch einmal anrufen solle, denn noch könne man mir gar nichts sagen.

 

Das tat ich dann auch entsprechend.

„Diese Hundertschaft geht gar nicht in diesen Einsatz.“

Oha!

Der Grund war mehr als nachvollziehbar. Aber…

„Und ich?“

„Sie?“

Kurzes Überlegen. Dann:

„Moment, ich verbinde Sie weiter.“

Der Dialog wiederholte sich mit einem anderen Herrn. Der mich dann fragte:

„Wo wohnen Sie noch mal? Im Ahrkreis?“

„Ja.“

„Das ist ja nicht gerade um die Ecke. Was halten Sie davon, mit der Hundertschaft aus Koblenz nach Kaiserslautern zu fahren?“

Mir wurde leicht schwindelig.

„Sie meinen, ich darf stundenlang in einem blau-weißen Auto über die Autobahn gefahren werden?“

„So in etwa, ja.“

Mein inneres Kind hopste auf und ab und klatschte in die Hände.

„Das Paradies.“

 

 

 

Nun gut, ich schaffte es mit Unterstützung meines Mannes, der mich fuhr, erfolgreich, sogar einige Minuten zu früh das Tor zur Liegenschaft der Koblenzer Bereitschaftspolizei zu passieren. Was sich schwieriger gestaltete als gedacht, denn der (vorgewarnte) Pförtner nahm seine Aufgabe sehr ernst. Und das ist auch gut so! Gerade in heutigen Zeiten sollte nicht jeder Beliebige auf Polizeiliegenschaften herumspazieren dürfen. Ich weiß, manche sehen das anders – ich hatte aber deutlich zu viele Gespräche mit französischen Polizisten zu den Lücken in ihren Reihen. Solange die Polizei erklärtes Anschlagsziel des IS ist, kann ich von dieser Ansicht auch nicht mehr abrücken.

 

Als erstes nahm mich Christoph, „mein“ Zugführer für den Tag, in Empfang. Natürlich würde ich vor Ort nicht mit in die erste Reihe kommen. Als komplett Ahnungslose würde ich nur im Weg sein, mich selbst und die Damen und Herren, die mich netterweise mitgenommen haben, in Gefahr bringen…

 

Nach einer kurzen gegenseitigen Vorstellung platzte er sofort mit der Information heraus, dass er frisch gebackener Vater sei. Dabei strahlte er buchstäblich aus allen Poren. Wenn ich nicht seit Jahren wüsste, dass in Uniformen Menschen stecken – spätestens hier wäre es mir aufgefallen.

 

Die Liegenschaft hatte Ähnlichkeit mit dem in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts gebauten Gebäude, in dem ich zur Schule gegangen bin. Orange Türen. Viele Beige- und Brauntöne. Man kennt das.

 

Es herrschte geschäftige Betriebsamkeit, aber keine Hektik. Ein bisschen erinnerte mich das an die Szenen von Star Trek, the next generation, wenn die Kamera den Hauptdarstellern durch die Flure des Raumschiffes folgt, in denen viele Menschen mit offensichtlich klarem Ziel hin und her laufen. Jeder wusste, was er zu tun hatte, nur ich hatte keinen Durchblick. Offenbar wusste aber jeder um meine Anwesenheit, denn ich wurde, auch wenn ich gerade nicht in Christophs Begleitung war, freundlich gegrüßt, ansonsten ging jeder weiter seiner Beschäftigung nach.

 

„Um acht Uhr ist Abfahrt. Wir frühstücken jetzt erst mal in Ruhe.“

Ich linste kurz auf meine Uhr. 7:35 Uhr. In Ruhe! Offenbar ein dehnbarer Begriff.

 

Im Sozialraum war ein kleines Frühstücksbuffet aufgebaut. Ich wurde herzlich eingeladen, zuzugreifen. Mit unserer Beute ging es zurück in Christophs Büro.

„Hier liegt das Material für alle Halbgruppen.“

Offenbar sah er meinem Gesicht an, dass ich nur sehr grobe Vorstellungen von diesen Begrifflichkeiten hatte und erklärte mir das näher.

 

Im Idealfall wird in Rheinland-Pfalz eine Hundertschaft (123 Leute) aus drei Zügen (je 37 Leute) gebildet. Die Züge bestehen aus jeweils drei Gruppen (je 10 Leute), Beweissicherung und Dokumentation (je 4 Leute) und Zugführung (3 Leute). Eine Halbgruppe besteht also aus fünf Beamtinnen und Beamten, die dann auch auf einem Wagen sind. In der Bundesrepublik gibt es unterschiedliche Modelle und Personalstärken. Da man noch Urlaub und Krankheitsfälle einrechnen muss, ist es oft schwer die vorgesehenen Personalstärken zu erreichen.

 

 

Wir waren bspw. später auf der Autobahn ganz klar nicht mit so vielen Wagen unterwegs, die eine ganze Idealfall-Hundertschaft gebraucht hätte.

Für jede Halbgruppe war ein Funkgerät vorgesehen, eine entsprechende Anzahl an taktischen Kennzeichen, die mit Klett auf dem Rückenteil der Uniform befestigt werden sowie fünf Akkus.

„Die halten nicht so lange.“

Ach so?

Na, die Herrschaften haben ja sonst nichts zu schleppen… (Vorsicht, dieser Satz enthält Spuren von Ironie.)

 

Die Materialien wurden auch nach und nach von den Gruppen- / Halbgruppenführerinnen und -führern abgeholt.

„Ich habe Sie in Remagen gesehen“, hörte ich hier und da. Offensichtlich war der Demo-Einsatz von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. gut angekommen. Unsere Karte hing auch noch an der Pinnwand.

 

Es war noch Zeit, mal eben das Gepäck eines Bereitschaftspolizisten anzuschauen: Eine große Tasche mit der Körperschutzausstattung (KSA), eine ebenso große Tasche mit persönlichen Gegenständen (Uniformteile, Wasser etc…) und ein Rucksack. Der war schwerer als meiner mit der Spiegelreflexkamera, die ziemlich schwer ist, weil ein Halbprofimodell. Schon mehrfach hatte ich mich gefragt, was da wohl drin sein mochte. Christoph erklärte es mir. Formulare!

Wenn es zu Straftaten kommt, haben die Beamten vor Ort direkt die notwendigen Papiere griffbereit. Natürlich muss nicht jeder die schleppen, sondern einer pro Zug. Das ist auch gut so, denn auch der Rest des Gepäcks ist größer und schwerer als das, was ich zu einem fünfwöchigen Urlaub mitnehmen würde – und mein Mann zieht mich schon immer damit auf, dass ich zuviel einpacke…

Ehe ich mich versah, saß ich abgefüttert im Auto. Tatsächlich starteten wir um Punkt acht Uhr in zwei Kolonnen.

Apropos Kolonnen.

„Christoph, wie war das nochmal mit den grünen und blauen Fähnchen?“

Ich hatte dunkel in Erinnerung, dass bei Kolonnenfahrten das erste und das letzte Auto mit einem dieser Fähnchen gekennzeichnet wurden, um dem übrigen Verkehr zu signalisieren, dass es sich bei diesem Fahrzeugverband um eine Kolonne handelt. Was dann z.B. bedeutet, dass man als Autofahrer möglichst nicht in diese Kolonne einscheren soll.

„Die nutzen wir nicht mehr. Die halten nur bis 80 km/h und mit diesen Sprintern können wir viel schneller fahren. Jeder hat ein Navi an Bord und kennt das Ziel. Kolonnenrechte brauchen wir eigentlich nur noch in Innenstädten. Da werfen wir dann alle das Blaulicht an, um das zu signalisieren.“

Oha!

So lange mache ich jetzt schon Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dass meine Informationen teilweise schon veralten.

Hab gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Ein gutes Zeichen!

 

In Kaiserslautern brachten Christoph und einer seiner Kollegen mich noch schnell zu einem meiner Ansprechpartner. Ich hatte insgesamt drei davon genannt bekommen und deswegen nicht so recht den Überblick.

Noch während ich auf den Herrn wartete, der Christoph genannt worden war, klingelte mein Handy, dass ein weiterer meiner Ansprechpartner im Präsidium auf mich warten würde.

Von dort war ich eh nur fünf Minuten entfernt. Also nichts wie hin. Christoph würde das für mich schon klären.

 

Ich war nicht der einzige Gast. Auch Wolfgang Schwarz (Landtagsabgeordneter der SPD), Xaver Jung (Bundestagsabgeordneter der CDU), dessen Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin des Polizeipräsidiums Mainz waren dabei. Zu meiner Freude war auch Achim Recktenwald, Personalrat der Bereitschaftspolizei, mit von der Partie. Wir hatten schon mehr als einen Demoeinsatz zusammen – sozusagen. Achim versprach mir auch, mich im Laufe des Einsatzes einem der beiden anderen Ansprechpartner zu übergeben. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen, was ich ein bisschen schade finde. Aber ich habe sie im Getümmel einfach nicht gefunden…

 

Wir bekamen eine Menge Hintergrundinformationen zu dem Spiel, den erwarteten Fans, den Problemen, die ein Stadion mitten im Wohngebiet mit sich bringt und zur Vorarbeit der Polizei bis hin zum augenblicklichen Stand der Planung. Teilweise hatte ich das schon im März mitbekommen, als ich beim Spiel des FCK gegen RB Leipzig (damals noch zweite Liga) die Polizeiarbeit begleiten durfte. Es wurde aber klar, dass das hier nochmal eine Nummer größer werden würde.

 

Hauptproblem in Kaiserslautern ist, dass sich die Fanströme immer am Elf-Freunde-Kreisel kreuzen (müssen). Eine Gaststätte, in der sich FCK-Fans vor Spielbeginn traditionell treffen, befindet sich in der Innenstadt und die Gästefans kommen vielfach mit der Bahn. Sowohl vom Bahnhof als auch von der Gaststätte aus führt der Weg ins Stadion über diesen Kreisel. Bei einer derart verfestigten und intensiven Fanfeindschaft wie der zwischen dem FCK und dem KSC liegt auf der Hand, dass ein Zusammentreffen jedoch unbedingt vermieden werden muss.

 

Anschließend begaben wir uns zum Kreisel. Zu meiner großen Überraschung sah ich dort einen der beiden rheinland-pfälzischen Wasserwerfer stehen. Ich hatte ihn schon öfters zur Kenntnis genommen, aber noch niemals im Einsatz wirklich sichtbar gesehen. Und jetzt stand er gleich an diesem neuralgischen Punkt.

Er hatte auch eine deutlich wahrnehmbare Wirkung, viele der vorbeikommenden Fans hatten sichtlich Respekt vor diesem riesigen Fahrzeug. Gleichzeitig sorgte es für lebhaftes Interesse. Viele Menschen fragten die eingesetzten Polizisten, was das für ein Gerät sei. Sie bekamen alle freundlich Auskunft.

Würde Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. für jedes Foto des Tages vom Wasserwerfer 50 Cent Spende bekommen, hätten wir auf Jahre hinaus keine finanziellen Sorgen mehr.

An dieser Stelle ein herzlicher Dank an die Wasserwerfer-Besatzung für die ausführliche Erklärung der Funktionsweise.

Die Kaiserslautern-Fans hatten mittlerweile einen Fan-Marsch angemeldet. Nach aktuellem Stand bei unserem Eintreffen war geplant, erst die beiden Sonderzüge mit den KSC-Fans abzuwarten, diese dann zum Stadion zu begleiten (übrigens durch „meine“ Koblenzer) und erst dann die FCK-Fans durch den Kreisel zu begleiten. Direkt neben dem Kreisel befindet sich eine Unterführung, das Viadukt, vor deren anderem Ende sich die Lautern-Fans sammelten. Es baute sich bereits ein enormer Druck auf. Der führte schließlich dazu, dass das Viadukt und auch der Kreisel noch vor Eintreffen des zweiten Zuges der Gästefans für den Fanmarsch freigegeben wurden.

 

Prompt meinte gleich der erste „Fan“, Vorurteilen gegen Fußballfans allgemein Vorschub leisten zu müssen, indem er im Tunnel Pyrotechnik zündete. Netterweise hatte auch uns Gästen einer der Bereitschaftspolizeiführer vor Ort Ohrstöpsel gegeben, die ich auch sofort reinsteckte. Wenn ich eins auf der Welt nicht brauche, dann ein Knalltrauma. Wie ich der (dem Text angehängten) Pressemitteilung der Polizei zu diesem Einsatz entnehmen durfte, war für denjenigen dann für diesen Tag auch Feierabend mit Fußball. Gut so!

Entsprechend dauerte es, bis der Fanmarsch aus dem Viadukt heraus und über den Kreisel zum Stadion gehen konnte. Durch die Ohrstöpsel ein wenig abgetrennt von meiner Umwelt und vollkommen absorbiert von meiner Motivsuche, fand ich mich plötzlich ziemlich allein vor dem Wasserwerfer wieder. Gerade noch sah ich Xaver Jung hinter einem unserer beiden Begleiter Richtung Bahnhof entschwinden. Schnell galoppierte ich hinterher. Schließlich wusste ich „meine“ Koblenzer in der Ecke. Vielleicht würde ich sie ja kurz sehen. Ich sah sie auch…

 

Erst, als wir Besucher in ein Parkhaus geführt wurden, von dem aus man einen guten Überblick über die Lage auf der Strecke vom Bahnhof zum Elf-Freunde-Kreisel hat, merkte ich, dass ich Achim verloren hatte. Noch stand ja im Raum, dass wir meine ursprünglichen Ansprechpartner treffen würden, die ich noch nicht gesehen hatte. Raus kam ich aber aus der Nummer in diesem Augenblick nicht mehr, denn vor dem Parkhaus rückten nun Polizei und KSC-Fans vor, um Platz für die im zweiten Zug befindlichen Karlsruhe-Anhänger zu schaffen.

Unser Begleiter bat uns, mit den dicken Kameras nicht zu auffällig zu hantieren, da das bei Fußballfans schon mal zu Aggressionen führen könne. Ist ja nicht völlig unverständlich, wer wird schon gern ungefragt fotografiert in Zeiten, in denen man nie weiß, wo das Bild letztlich landet. Jeder hat ein Persönlichkeitsrecht. Da ich grundsätzlich nicht will, dass die Polizei im allgemeinen und an dem speziellen Tag „meine“ Koblenzer im besonderen Prügel beziehen und schon gar nicht, weil ich meinen Fotoapparat zu deutlich hergezeigt habe, machte ich Fotos aus der zweiten Reihe. Reichte auch.

Auch die Bundespolizei entdeckte dieses Parkhaus für sich als guten Beobachtungspunkt.

Endlich fuhr der zweite Fanzug ein. Als erstes einmal wurde direkt neben den Bundespolizisten auf dem Bahnhof ein Böller gezündet. Auch hier endete dann für einen „Fan“ der Spieltag. Das ist auch richtig so. Entsprechende „Fan“-Gruppierungen begründen ja ihren Hang zu diesem Zeugs damit, dass sie ihre „Emotionen ausdrücken“ wollen. Wenn man seinen Gefühlen nicht anders Ausdruck verleihen kann als unter Inkaufnahme von Hörstürzen (Böllern) und schweren Brandverletzungen (Bengalo) bei seinen Mitmenschen (und damit sind neben den eingesetzten Polizeibeamten auch Mitfans gemeint, die man mit reinzieht), dann sollte man sich mal ernstlich ein paar Gedanken über sich selbst machen.

 

Insgesamt wirkten die vor dem Parkhaus versammelten Fans recht friedlich, es entspannen sich auch einige freundlich wirkende Gespräche mit den begleitenden Polizeibeamten. Dennoch stellte ich auch hier für mich fest, dass ich diesen Beruf nicht ausüben könnte. Ich hasse Menschenmengen und ich hasse es besonders, von einer solchen möglicherweise an die Wand gedrückt zu werden. Selbst wenn es also so aussieht, als würden Bereitschaftspolizisten nur dastehen, machen sie aus meiner Sicht eine wirklich anspruchsvolle Arbeit.

Nachdem die KSC-Fans und ihre Begleitung über den Kreisel in Richtung Stadion abgezogen waren, verließen wir wieder das Parkhaus. Meine aktuellen Begleiter begaben sich Richtung Stadion, ich freute mich an den Segnungen der modernen Technik und rief Achim an. Der war immer noch am Elf-Freunde-Kreisel. Da jetzt erst einmal nichts weiter Aufregendes passierte (wie mir später erzählt wurde, zündeten allerdings ein paar unbelehrbare Fans im Stadion zu der Zeit Pyro), durften Wolfgang Schwarz, die Dame aus Mainz und ich auch einmal die Körperschutzausstattung (KSA) anlegen. Anschließend bearbeitete Achim uns alle kräftig mit dem Schlagstock. Ich gebe zu, ich hatte am Anfang echt Angst und ich habe mich auch erschreckt, denn es knallte ganz ordentlich. Aber die Ausstattung schützt wirklich. An den Beinen spürte ich gar nichts. Die Schläge auf den Rücken ließen zwar meinen Kopf bis in die Haarspitzen vibrieren, aber ich spürte keine Schmerzen. Ich bin wirklich froh, dass unsere Bereitschaftspolizisten so geschützt ins Getümmel gehen.

 

Aber auch hier: WOW! Den ganzen Tag darin herumzulaufen wäre für mich schon im Winter sehr hart, im Sommer ist das bestimmt kein Vergnügen. Das Knien ist eine Kunst, wenn man bspw. jemanden durchsuchen will. Und, wie ich mir sagen ließ, wenn man in der KSA erstmal auf dem Boden liegt, kommt man nur sehr schwer wieder hoch. Ohne Hilfe eigentlich gar nicht.

Nun sind Bereitschaftspolizisten deutlich durchtrainierter als ich, aber dennoch. Hut ab!

Bildquelle: Achim Recktenwald

Übrigens macht es mich nach wie vor immer wieder stolz, wenn ich im Einsatz Menschen treffe, die unser Patch tragen. DANKE!

 

 

Von hier begaben wir uns kurz zur Befehlsstelle im Stadion, die ich ja schon zwei Mal sehen durfte. Immer wieder ein besonderes Gefühl, das Fritz-Walter-Stadion zu betreten. Leider hat der FCK den ersten Auftritt, wo ich quasi mit Betreten des Stadions das erste von mehreren Toren serviert bekam, nicht mehr wiederholt. Ich mag Euch trotzdem…

 

Vor der Leitstelle trafen wir einen mir bekannten Herrn, der sich bei meinem letzten Mal im Fußballeinsatz sehr nett um mich gekümmert hat. Wir freuten uns gegenseitig, uns zu sehen. Es entspann sich folgender denkwürdiger Dialog:

Er: „Lässt Sie der Fußball nicht los?“

Ich: „Ich bin eher wegen der dritten Mannschaft hier, meiner Lieblingsmannschaft.“

Er: ???

Achim: „Die ist wegen uns hier, nicht wegen deinem FCK.“

Genau. Meine Lieblingsmannschaft ist und bleibt das Team Polizei.

 

 

 

Nach dieser kurzen Stippvisite wurde es wieder Zeit zurück zum Kreisel zu gehen. Meine beiden Ansprechpartner hatte ich immer noch nicht gefunden, ich traute mich aber auch nicht wirklich, mich aus Achims Begleitung zu entfernen.

 

Wieder wurden nacheinander beide Fanströme am Elf-Freunde-Kreisel aneinander vorbeigeführt. Der Wasserwerfer warf sein Blaulicht an. Auch tauchte der Polizeihubschrauber auf. Für alle, die das zweifellos mal wieder übertrieben finden werden – vor zwei Jahren gab es bei Fanausschreitungen im Stadion beim Spiel FCK:KSC insgesamt 18 Verletzte? Wer war schuld? Richtig! Natürlich auch die Polizei. Ist sie ja immer. Jetzt gab es keine Ausschreitungen. Man könnte meinen, dass die Polizei dann alles richtig gemacht hätte. Könnte man dann auch mal mitteilen. Das mache ich hiermit:

Ihr habt einen super Job gemacht!!!

 

Deswegen endete der Einsatz auch reibungslos. Wenn man davon absieht, dass einer der Polizisten, die sich mit um mich gekümmert hatten, in einen Hundehaufen getreten war, was zwei seiner Kollegen zu einem Sprechgesang animierte: „Nicht bei uns im Auto!“ Ich hoffe, er kam trotzdem irgendwie heim.

Die Sonne war schon ziemlich weit unten, als Achim mich zurück zu „meinen“ Koblenzern brachte. Mittlerweile machte sich ein Hungergefühl in meinem Magen breit. Ich hoffte, noch irgendwo einen offenen Supermarkt zu finden, in dem ich etwas zu essen beschaffen könnte. Der fand sich sogar, aber das erwies sich als unnötig, denn ich bekam reichlich von der Verpflegung der Koblenzer ab. Danke dafür!

 

Übrigens hatten Christoph und seine Leute ihre Verpflegung erst kurz vor meinem Auftauchen bekommen. Ich war gegen 17 Uhr wieder dort gewesen. Fast zehn Stunden ohne Essen, dafür in der schweren KSA und den ganzen Tag auf den Beinen. Verständlich, dass die Laune erstmal nicht so klasse war.

 

Mein Weltbild erhielt einen weiteren kleinen Riss, als zwei von Christophs Kollegen ihren Mannschaftswagen hinten öffneten, um noch warmen Kaffee (heiß war er nicht mehr) aus einem Kanister rauszuholen. Dabei fiel nämlich der große Mercedesstern auf dem Schloss der beiden Heckflügeltüren ab. Dabei musste ich feststellen, dass das kein Chrom ist, wie ich bislang immer annahm, sondern Plastik. Na ja…

 

Während wir noch auf das offizielle Einsatzende warteten, bot uns der Supermarkt seine Toiletten an. Auch darauf wartete ich schon länger, also ging ich mit einer langen Reihe Polizisten zum „Entsorgen“. Auch mal eine ganz neue Erfahrung, dass die Schlange vor der Herrentoilette meterlang ist und die Damentoilette sofort frei. Kenne ich sonst nur andersrum.

 

Kaum war ich wieder bei Christophs Mannschaftswagen angekommen, konnte ich eine Szene auf dem Parkplatz, auf dem die Mannschaftswagen der Koblenzer Hundertschaft standen, beobachten. Zwei jugendliche FCK-Fans (ja, leider!) waren irgendwie der Meinung, drei Bereitschaftspolizisten bepöbeln zu müssen, die aus dem Supermarkt kamen. Genaueres konnte ich leider nicht hören, aber ich sah den Mienen der Herren an, dass sie eher unbegeistert von den Worten waren, die ihnen entgegenschallten.

 

Ist das nötig? Die Mitglieder dieser Hundertschaft sind um sieben Uhr morgens zum Dienst angetreten, also vermutlich zwischen fünf und halb sieben Uhr (je nach Wohnort) aufgestanden, und haben sich einen Samstag um die Ohren geschlagen, damit diese beiden Jungs sich ungefährdet einen netten Nachmittag beim Fußball machen können – und dann kommen die denen so?

Und man erspare mir bitte „Das ist deren Job“. Ich hatte erst neulich ein Gespräch mit einem Bereitschaftspolizisten, der bereits intensiven Überstundenabbau betrieben hat. Er hat etwa 5 Wochen Urlaub genommen, um sie abzubauen und hat jetzt nur noch schlappe 600 übrig. Wenn ich der Einfachheit halber von einer 40-Stunden-Woche ausgehe, stehen da noch 15 Wochen Urlaub an, um die auszugleichen. Wir dürfen gespannt sein, ob das in diesem Leben noch was wird…

Und selbst wenn die Überstundensituation weniger angespannt wäre? Es ist auch der Job meines Arztes, sich um meine Gesundheit zu kümmern, aber mir fällt trotzdem kein Zacken aus der Krone, wenn ich nett zu ihm bin und mich mal dafür bedanke, wenn er seinen Job gut macht.
Als das Einsatzende ausgerufen wurde, hieß es erstmal „abrödeln“. So heißt das, wenn man sich aus der nicht wirklich bequemen KSA schält. Zu meiner Erleichterung hatte es keine Verletzten gegeben, also auch keine verletzten Polizisten. Damit hatte meine Lieblingsmannschaft dieses Match gewonnen!!!

Auf der Heimfahrt stellte Christoph fest, dass sich der Akkustand seines Diensthandys dem Ende zuneigte. Glücklicherweise hatte er eine Frau mit zwei nigelnagelneuen Powerbanks neben sich sitzen. Nachdem wir rausgefunden hatten, dass man die auch einschalten muss, bevor sie Saft liefern, wurde es sehr ruhig. Meine Begleiter waren ziemlich müde und entsprechend schweigsam. Nett fand ich, dass Christoph trotzdem irgendwann den Fahrer fragte, ob der Ablösung brauchte. Nett und sehr verantwortungsbewusst.

 

Ich fand selbst diese ruhige Fahrt noch aufregend und spannend, auch wenn es im Funk nur noch darum ging, dass eines der Fahrzeuge mal eben zum „Entsorgen“ anhalten musste.

 

In Koblenz wurden die Fahrzeuge noch einmal aufgetankt. Nicht auszudenken, wenn es am nächsten Tag oder noch in der Nacht zu einer Alarmierung käme und die Fahrzeuge wären nicht voll betankt.

 

Die Einsatzkräfte trafen sich noch einmal zu einer Nachbesprechung in ihrer Dienststelle. Dabei konnte auch gleich das ausgegebene Material wieder eingesammelt werden. Diese Besprechung habe ich nicht mehr erlebt, weil mein Mann schon bei Eintreffen unserer Kolonne vor dem Tor der Bereitschaftspolizei stand. Also wurde ich direkt übergeben.

 

 

Christoph: „Da haben Sie sie wieder. Heil und am Stück.“
Mein Mann: „Daran habe ich keine Sekunde gezweifelt.“

 

Musste er auch nicht.

 

Danke für die nette Aufnahme und die spannenden Einblicke.

 

Ich finde unsere Bereitschaftspolizei klasse. Danke für Euren Einsatz für uns alle!

 

Anhang

Text der gemeinsamen Pressemitteilung des PP Westpfalz und der Bundespolizei vom 27.11.2016

 

Nach dem Südwestderby zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem Karlsruher SC (0:0) am Sonntagnachmittag hat die Polizei eine positive Bilanz gezogen – die Einsatzkonzeption hat funktioniert und es kam zu keinen größeren Zwischenfällen. Einsatzleiter Wolfgang Schäfer lobte seine „Mannschaft“ für die konzentrierte und professionelle Arbeit und hob insbesondere die gute Zusammenarbeit mit der Bundespolizei hervor. Mehrere hundert Beamtinnen und Beamte des Polizeipräsidiums Westpfalz sowie der rheinland-pfälzischen Bereitschaftspolizei und der Bereitschaftspolizei aus Baden-Württemberg waren im Einsatz. Auch die Bundespolizei Kaiserslautern war mit starken Kräften und Unterstützung der Bundesbereitschaftspolizei St. Augustin, Hünfeld, Bad Bergzabern und der Mobilen Kontroll – und Überwachungseinheit Koblenz im Einsatz. Ein Lob gilt zudem den Anhängern beider Verein, die sich bis auf wenige Ausnahmen an die Regeln gehalten haben. Gut 28.000 Zuschauer sind zu dem Spiel ins Fritz-Walter-Stadion gekommen – davon etwa 4.000 KSC-Anhänger, die ihr Team in die Westpfalz begleitet haben. Die meisten Karlsruher Fans nutzten zwei bereitgestellte Entlastungszüge, dabei zündeten auf der Anfahrt nach Kaiserslautern Unbelehrbare im Zug Pyrotechnik und vermummten sich vereinzelt. Glücklicherweise gab es keine Verletzten. Ein Störer wurde bei Ankunft des Zuges durch die Bundespolizei in Gewahrsam genommen. Ein weiterer Fußballanhänger durfte ebenso das Spiel nicht sehen, weil er sich vermummte und auch Widerstand leistete. Knapp 2.000 KSC-Anhänger reisten mit den Entlastungszügen nach Kaiserslautern und wurden am Bahnhof von Polizeieinheiten in Empfang genommen und zum Stadion begleitet. Dabei wurde der 11-Freunde-Kreisel weiträumig gesperrt, um ein Aufeinandertreffen mit einheimischen Fans zu verhindern. Ein Lauterer Anhänger, der im Viadukt Pyrotechnik zündete, wurde ihn Gewahrsam genommen. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Körperverletzungen in mehreren Fällen. Vereinzelt kam es auf dem Weg zum Stadion auch auf Seiten der KSC-Fans zum Einsatz von Pyrotechnik und Böllern. Kurz vor dem Anpfiff zündeten KSC-Anhänger im Gästeblock mehrfach pyrotechnische Gegenstände und schossen Leuchtkugeln ab. Dabei erlitt ein Karlsruher eine Rauchvergiftung und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Wegen der starken Rauschwaden auf dem Spielfeld konnte die Partie nicht pünktlich angepfiffen werden. Nach dem Spiel verließen die Fangruppen der beiden Vereine zeitversetzt das Stadion, um auch nach dem Abpfiff die kategorische Fantrennung zu gewährleisten. Die Bahnreisenden wurden wiederum mit starker Präsenz zum Bahnhof begleitet. Während der Abreisephase musste zur strikten Fantrennung der Hauptbahnhof gesperrt werden. Die beiden Züge nach Karlsruhe verließen um 16.28 Uhr und 16.45 Uhr Kaiserslautern. Dass das Spiel eine hohe Brisanz hat, zeigte auch die Anwesenheit des Bundestagsabgeordneten Thomas Hitschler. Er machte sich persönlich ein Bild vom Einsatzgeschehen und informierte sich vor Ort bei Polizeidirektor Ralf Leyens, dem Einsatzleiter der Bundespolizei, der bei Einsatzende feststellte, dass der hohe Kräfteansatz aufgrund der spürbaren Brisanz gerechtfertigt war und letztlich auch schwerwiegende Auseinandersetzungen im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei verhindert hat! Besondere Erwähnung verdient der enge partnerschaftliche Schulterschluss mit der Landespolizei Rheinland – Pfalz sowie die Unterstützung der DB-AG.

 

 

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Einschlagen kann es überall – auch auf dem platten Land… Teil 2

Wir waren also stehengeblieben, als die Nacht ihren Hänger hatte, P und J1 ihre Berichte in die PCs klimperten und A und ich uns unterhielten, während ich inständig hoffte, dass P und A noch eine Verkehrskontrolle unternehmen würden (was nicht unwahrscheinlich war), bevor ich einschlafen und vom Stuhl kippen würde – sobald P seine Berichte fertig hätte…

 

Um kurz vor eins war es so weit. P stieß buchstäblich in der Tür zu den Raum, in dem Andreas und ich unser Gespräch führten, mit dem Dienstgruppenleiter S zusammen.

„Da kam gerade ein Notruf rein. Eine Geburtstagsparty ist aus dem Ruder gelaufen, einer hat zuviel getrunken und will vom Balkon springen.“

Die Adresse hatte noch nicht seine Lippen verlassen, da waren wir schon auf dem Weg zum Streifenwagen. Zu viert, denn auch J1 hatte sich erfolgreich durch ihre Berichte gearbeitet.

Vor der angegebenen Adresse, einem Mehrfamilienhaus mit mehreren Stockwerken, erwartete uns ein junger Mann. Ich freute mich kurz darüber, dass er mitgedacht hatte, dann konzentrierte ich mich darauf, was jetzt passieren würde. Wenn ich nämlich eins nicht will, dann ist das, dumm im Weg herumzustehen.

„Haben Sie uns angerufen?“

„Ja, und kommen Sie schnell. Er ist noch auf dem Balkon. Und total voll.“

Er führte uns ins oberste Stockwerk („Welches auch sonst?“, wie einer der drei später trocken bemerkte).

Auf der Treppe versuchte P so viele Informationen wie möglich aus ihm rauszukriegen. Wie heißt der Mann? Was ist genau passiert? Wem gehört die Wohnung? …

Allerdings war der Anrufer selbst nur Gast der Party, er kannte den Betreffenden nur oberflächlich.

„Die Mieterin ist mit zwei Mann auf dem Balkon, die halten ihn da fest.“

Meine drei Polizisten beschleunigten noch einmal.

In der Wohnung, Dachgeschoss, passierten wir erst einen engen Flur, um schließlich ins Wohnzimmer zu gelangen. Ganz klar war hier eine Party im Gange gewesen. Auf mehreren Tischen standen Essensreste, Gläser, Flaschen mit allen möglichen Getränken, von alkoholfrei bis hartem Alkohol. Entsprechend war wenig Platz, sich zu bewegen, mit drei Polizisten, dem jungen Mann und mir platzte das Zimmer schon förmlich aus allen Nähten. Ich postierte mich neben der Wohnzimmertür. Zwischen mir und der Tür befand sich ein Sofa, aber so war ich möglichst aus dem Weg.

Gegenüber der Wohnzimmertür befand sich die Tür auf den Balkon. Den betraten meine drei Polizeibeamten. Ich hörte, wie der Mann weinerlich und unzusammenhängend sprach, während eine Frauenstimme versuchte, ihn zu beruhigen („Denk an deinen Sohn!“). Die drei Polizisten entschieden, den Mann als erstes vom Balkon ins Wohnzimmer wechseln zu lassen. Da er nicht reingehen wollte, zogen sie ihn an Armen und Beinen über die Türschwelle, was er auch widerstandslos geschehen ließ.

Sie legten mir den Kleiderschrank förmlich zu Füßen. Der Mann war jung, aber sehr groß und massig, ich tippe auf 110 kg Gewicht. Er wirkte ziemlich derangiert, aber friedlich.

Ebenfalls vom Balkon in die Wohnung kamen eine junge Frau und zwei junge Männer.

Nun wurde es an der Zeit, herauszufinden, mit wem man es zu tun hatte. P fragte ihn nach seinem Namen.

„Fick dich!“

Ah ja…

„Haben Sie einen Ausweis?“

Rechter Mittelfinger.

„Bitte nehmen Sie das jetzt nicht persönlich“, sagte einer der Partygäste. „Das sagt der zu uns schon die ganze Zeit.“

P war sichtlich weit davon entfernt, das persönlich zu nehmen, musste aber auch wissen, wer sein Gegenüber war. Sofern jemand als „Gegenüber“ bezeichnet werden kann, der in der Horizontalen auf dem Boden liegt.

Also kündigte er, ruhig und freundlich, an: „Dann muss ich Sie jetzt durchsuchen.“

Ohne jede Vorwarnung schlug der Mann nach P.

Innerhalb eines Wimpernschlags eskalierte er total, schlug und trat nach den Polizisten.

„Schick das andere Team“, schrie J1 in ihr Funkgerät, dann ging es richtig rund. Der Mann brüllte und schlug und trat aus dem Liegen… plötzlich sah ich sein Bein zwischen Ps Beinen hochrasen. Der konnte gerade noch die Knie zusammenkneifen, um den Tritt abzuschwächen. Noch mehrfach versuchte der Mann, P in die Genitalien zu treten.

Eine Verwandte von mir wohnt ganz in der Nähe dieses Ortes. Wenn die wüsste, was ich hier mache…

Keine Ahnung, woher dieser absurde Gedanke kam.

Plötzlich schlang er seine Beine um Ps Beine. P geriet ins Straucheln und drohte nach vorne zu stürzen, konnte sich aber an einem Tisch festhalten.

„Wir müssen den umdrehen.“

Das sagte sich leicht, war aber auf dem engen Raum schwierig. Der Mann wehrte sich mit aller Macht. Ich zog einige Stühle, derer ich habhaft werden konnte, aus dem Weg, damit sich niemand daran verletzte. Vor allen Dingen meine drei Polizisten nicht, um die ich gerade eine Scheißangst hatte.

„Autsch!“

Das war J1.

„Hörst du auf, die zu pitschen!“

Das war A.

Mit Hilfe zweier Partygäste sowie einiger Schläge auf die Oberarme und Oberschenkel konnten die drei Polizeibeamten ihn in die Bauchlage bringen. Dabei krachten mehrfach Menschen vor die Tische, das Geschirr und die Gläser auf den Tischen klirrte, eine Dose mit Energy-Drink kippte um.

Die Kraftanstrengung stand allen im Gesicht geschrieben. Der Mann war schlicht nicht zu bändigen. Begleitet wurde das Ganze durch eine Litanei übelster Beleidigungen.

„Hurensohn, Wichser, fickt euch, ich fick dich, verfickte Hure, Schlampe, Fotze.“

Endlich hatten sie ihn in Bauchlage.

Ich wagte, leicht aufzuatmen.

In Bauchlage ließ der Mann einen Furz allererster Kajüte los. Ich kann es einfach nicht anders nennen. Der Geräusch- und späteren Geruchslage nach zu urteilen kam auch eine Menge Kot mit. Zusätzlich begann der Mann, sich massiv zu übergeben und spie wahre Ozeane einer braunen, zähflüssigen Masse auf den Boden, der ein infernalischer Gestank nach Alkohol und Säure entströmte.

P fuhr kurz herum, kämpfte einen Würgereiz nieder. Hatte sich blitzschnell wieder im Griff. Auch den beiden anderen stand der Ekel im Gesicht.

Endlich das erlösende Geräusch.

Klickklack.

P hatte ihm Handschellen angelegt.

L und J2 trafen ein. Der Mann übergab sich weiterhin. L zog ihn aus seinem Erbrochenen. A begann, mit Küchenpapier um ihn herum aufzuwischen, denn durch diese riesige Lache wurde der Bewegungsspielraum noch weiter eingeengt. Einer der Partygäste half ihm dabei. Sie machten einen Zehnlitereimer voll.

Für einen Augenblick wirkte der Mann ruhig, fing aber sofort wieder an, sich aufzubäumen und herumzubrüllen, als die Beamten die Personalien der Versammelten aufnehmen wollten.

„Hurensohn, Wichser, fickt euch, ich fick dich, verfickte Hure, Schlampe, Fotze.“

Ich hatte schon oft von den Bärenkräften gelesen, die Menschen unter Drogen entwickeln, aber hier sah ich es zum ersten Mal mit eigenen Augen, wie ein Mann von allen fünf anwesenden Beamten in Schach gehalten werden musste. Teilweise saßen und knieten sie auf ihm.

Da sitzt nun die gesamte Polizeiinspektion Remagen vor mir auf diesem einen Menschen. Und was, wenn jetzt irgendwo noch was passiert?

Dann ging es mit dem Brechen wieder von vorne los. Dazwischen wechselten ruhige Phasen mit Phasen, in denen er blubbernde Geräusche von sich gab, einfach nur schrie oder auch die Anwesenden durchbeleidigte.

„Hurensohn, Wichser, fickt euch, ich fick dich, verfickte Hure, Schlampe, Fotze.“

Ganz entschieden kein sehr reichhaltiges Repertoire.

Auch das zweite Erbrochene wurde aufgewischt und umgehend aus dem Magen des Mannes ersetzt. Ich habe noch nie solche Mengen von Erbrochenem gesehen.

P und J1 kontrollierten immer wieder seinen Puls. A putzte ihm die Nase, damit er frei atmen konnte. Zum Dank dafür schnappte er irgendwann mit den Zähnen nach As Hand.

Um das Durcheinander voll zu machen, tauchte am Ende des Flures ab und zu ein Fünfjähriger auf, um den sich abwechselnd unser Anrufer und die junge Frau kümmerten, die eigentlich ihren Geburtstag hatte feiern wollen. Der Junge war der Sohn des Mannes, den gerade fünf Polizisten am Boden hielten. Ganz ehrlich, meine Seele tut mir immer noch weh, wenn ich nur an das Kind denke. Da die junge Frau die Patentante des Kindes war, wurde das Kind nach dem Einsatz erst einmal dort gelassen. Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Ich suchte ab und zu den Blickkontakt der Polizisten, die den Mann unten hielten. Keinem, aber auch gar keinem gefiel die Situation.

In den ruhigen Phasen konnte J1 endlich Personalien aufnehmen und die Aussagen der jungen Leute anhören. Alles war normal gewesen, sie hatten ein Trinkspiel gespielt. Dann war der junge Mann auf die Toilette gegangen und von dort dann ohne Umweg auf den Balkon. Dort hatte er begonnen, Nachbarn zu bepöbeln, dann hatte er Anstalten gemacht zu springen.

„Er hing schon bis hierher drüber.“

Die junge Frau, sichtlich erschüttert, zeigte auf ihre Oberschenkel.

„Wir haben ihn reingezogen und unten gehalten bis Sie kamen.“

Hier lag ganz klar Eigen- und Fremdgefährdung vor. Eine Einweisung in die Psychiatrie war die unausweichliche Folge. Allerdings verweigerte die nächstgelegene Psychiatrie, jemanden aufzunehmen, der so betrunken war. Verständlich, denn sie haben nicht die medizinischen Möglichkeiten, ihm das Leben zu retten, wenn er eine Alkoholvergiftung hat. Also musste er ins Krankenhaus. Ich persönlich war mir auch nicht sicher, ob Alkohol allein die Ursache für all das war. Dazu erinnerte er mich zu fatal an den Jungen in Fürth, der eingekotet und mit Erbrochenem übersäht auf dem Bürgersteig gelegen hatte.

Schließlich traf das Team des Rettungswagens ein, den die Polizeibeamten hinzugerufen hatten. Wann genau im Ablauf sie den Rettungswagen gerufen hatten, weiß ich gar nicht mehr so genau, ich glaube, das war, nachdem er das erste Mal erbrach.

Die beiden Retter in Rot sahen erst einmal nach ihm.

„Wichser“, wurde der Sanitäter begrüßt. Der grinste nur sarkastisch.

„Sicher, dass der nur Alkohol getrunken hat?“

„Das fragen wir uns auch“, sagte einer der Polizisten.

Sofort schleppten die Partygäste alle Taschen herbei, damit die Polizei diese durchsuchen konnten. Ihnen war sichtlich am Überleben ihres Bekannten gelegen, auch wenn er gekonnt die Party gesprengt hatte. Das fand ich persönlich sehr sympathisch. Aber nichts zu finden, was diesen Zustand erklären konnte.

Die Rettungskräfte überlegten gemeinsam, wie sie den jungen Mann am besten durch das enge Treppenhaus in den Rettungswagen bekommen würden. Da er gerade wieder einen Auftritt ablieferte, bei dem die versammelte PI Remagen ihn auf dem Boden halten mussten, war allen Beteiligten klar, dass es nicht in Frage kam, ihn so mitzunehmen. Wenn er im Treppenhaus ausrastete, würde nicht nur er, sondern auch die Polizisten die Treppe herunterstürzen und sich mindestens schwer verletzen.

Also wurde noch ein Notarzt einbestellt, der ihm ein Beruhigungsmittel geben sollte, so dass er leicht sediert zum Rettungswagen laufen sollte. Der traf auch ruckzuck ein.

Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren, die Wohnzimmeruhr sagte mir jedoch, dass es zwei Uhr morgens war. Eine Stunde dauerte das Drama bereits an.

Da es aussah, als sei nun recht schnell Platz nötig, ging ich mit den jungen Leuten in die Küche, um aus dem Weg zu sein. Die wurden sich nicht einig, wer an der ganzen Sache Schuld trage. Die junge Frau, die ihn eingeladen hatte? Der junge Mann, der das Trinkspiel angeregt hatte? Der, der auch die Polizei angerufen hatte, befand, dass einzig und allein der, der jetzt im Wohnzimmer die Einsatzkräfte beschäftigte, schuld war.

„Hat ihn irgendwer gezwungen zu trinken? Er ist über 18.“

Das kommt meiner Einstellung dazu recht nahe.

Vermutlich um sich abzulenken, stellten sie mir zwischendurch ein paar interessierte Fragen nach dem Verein. Ich hatte zwischenzeitlich deutlich gemacht, dass ich nicht Polizistin bin.

Allmählich kam mir die Zeit doch recht lang vor, sodass ich mich zurück ins Wohnzimmer begab. Dort setzte der Notarzt gerade eine Spritze, der Zustand des jungen Mannes am Boden war unverändert.

Jetzt erst?

„Die erste hat nicht gewirkt“, gab mir J1 zu verstehen.

Oha…

Wir warteten gespannt auf die Wirkung.

„Und? Wie gefällt dir das ruhige Remagen?“

Tja…

„Nach Ludwigshafen, Mainz und Bremen muss ich sagen – Remagen ist das wahre Zentrum der Sensationen.“

Damit hätte ich in dieser Nacht wirklich nicht gerechnet. Es ist eine Sache, im Kopf zu wissen, dass Gewalt gegen Polizisten, Drogen, und aus dem Ruder laufende Partys kein exklusives Großstadtphänomen mehr sind. Es ist eine ganz andere Sache, das live und in Farbe an seinem Heimatort zu erleben. Mit Polizisten, die man persönlich kennt. An einer Ecke, an der man sich häufig aufhält.

Schließlich war der junge Mann ausreichend weggetreten, um ihn auf eine Bahre zu schnallen und im Treppenhaus nach unten zu bugsieren. Das ist gar nicht so einfach, weil Treppenhäuser im Allgemeinen darauf ausgelegt sind, dass man aufrecht durch sie hindurchgeht. Doch es gelang, er wurde in den RTW geschoben.

Der Blaulichtauflauf konnte sich um drei Uhr morgens auflösen. Im Krankenhaus übernahm die Dienst habende Ärztin. Erst gaben die Sanitäter und der Notarzt ihren Bericht ab, dann die Polizisten.

„Er hat sich übrigens eingekotet.“

Ganz klar eine freundlich gemeinte Warnung eines der Polizisten.

„Hätte mich auch gewundert, wenn er das nicht gemacht hätte“, war die für meinen Geschmack leicht schnippische Antwort der Dame.

Auch eine Blutprobe für die Staatsanwaltschaft musste noch genommen werden. Betrunken oder psychische Ausnahmesituation hin oder her – er hatte Gewalt gegen Polizisten verübt und damit eine Anzeige verdient. Zur vollständigen Anzeige gehört nun auch mal die Blutprobe.

A ließ sich auch röntgen, denn er hatte seit dem Einsatz Schmerzen im Finger. Gespürt hatte er die erst, als der Mann in den Rettungswagen geschoben worden war. Auch Polizisten stehen in solchen Situationen unter Adrenalin. Zu sehen war auf dem Röntgenbild nichts, vielleicht ein Kapselanriss. Er hat ein paar Schmerztabletten in die Hand gedrückt bekommen.

Nun hatte ja die Polizei den Mann, der mittlerweile in einem Krankenhausbett an einem Tropf hing, schlief wie ein Baby und schnarchte wie ein Holzfäller, in Gewahrsam genommen. Wegen Eigen- und Fremdgefährdung. Das heißt, die Beamten konnten nicht einfach dem Krankenhaus das Problem auf’s Auge drücken. Was, wenn er wieder wach würde? Erneut ausrasten? Da die Beamten genau so wenig ihre Zwangsmaßnahmen unkommentiert lassen konnten, war klar, dass auf P, A und J1 mehrere Stunden Papierkram warteten, während L und J2 im Krankenhaus den Mann bewachen mussten, bis zur Ablösung um sieben Uhr.

Außerdem hatte S bis hierher alle seit ein Uhr morgens anfallenden Einsätze, also seit fast drei Stunden, an die Nachbar-Dienststellen, in erster Linie wohl die PI Bad Neuenahr-Ahrweiler, abgeben können. Das war aber auch nicht endlos durchzuhalten.

Entsprechend fuhr ich mit meiner Dreierstreife wieder zurück in die Dienststelle. Dort trank ich erst einmal zwei Dosen Energy-Drink, denn ich beabsichtigte nicht, mich an dieser Stelle von den Dreien zu verabschieden, weil sie mich jetzt nicht mehr würden bespaßen können.

Tatsächlich dauerte das Schreiben der Berichte dazu bis Schichtende. Zwischendurch bekamen wir noch einen Einsatz wegen eines Mannes, der sein Taxi nicht bezahlen wollte, woraufhin der Taxifahrer einfach mitten im Feld stehen geblieben war, und die Weiterfahrt verweigerte.

Zuerst wollte der Mann mit den Polizisten diskutieren.

„Bin ich ein Terrorist, oder was? Oder wieso kommt hier gleich die Polizei.“

Diese Verteidigung, die ja nun recht wenig mit der Tatsache zu tun hatte, dass er seinen Fahrpreis nicht entrichten wollte, bekamen wir so oft zu hören, dass A schließlich sagte: „Wir kommen nicht nur zu Terroristen.“

P und A nahmen die Personalien der Beteiligten auf, als schließlich der Fahrgast beschloss, dann doch lieber zu bezahlen.

Wieder in der Dienststelle setzten sich beide wieder an den Computer.

„Ich fühle mich eklig“, sagte P irgendwann. Nachvollziehbar. Ich fühlte mich nämlich auch so. Und ich hatte mich nicht mal mit dem Typen gerollt, in seiner Scheiße und seiner Kotze. Ich bitte, die krasse Ausdrucksweise zu entschuldigen, aber es ist krass, solche Ausscheidungen an den Klamotten zu haben, egal, wie vornehm man sie bezeichnet. Meinen Streifenpartnern entströmte auch ein gewisser Geruch. Aber auch das war kein Grund für einen vorzeitigen Abgang.

„Sorry, Ihr stinkt mir hier jetzt, ich bin dann mal weg!“

Nichts da!

Tatsächlich dauerte die Schreibarbeit bis zum Eintreffen der Ablösung. Insgesamt sechs Stunden war die Polizei nun damit beschäftigt, dass ein Mensch um kurz vor eins substanzbedingt (welche nun auch immer) die Fassung verloren hatte. Und die Frühschicht würde gleich mit der Ablösung von L und J2 einsteigen dürfen. Zudem würde sie das Jugendamt informieren müssen, denn es war klar, dass für den Fünfjährigen sofort eine Lösung gefunden werden musste – nicht nur bezüglich der Unterbringung für die Zeit, in der der Vater im Krankenhaus weilte. Last but not least würde der Mann nach erfolgter Ausnüchterung vom Krankenhaus in die Psychiatrie verlegt werden müssen.

Ich half A und P noch beim Ausräumen des Streifenwagens (meine Kompetenzen als Praktikantin wurden mittlerweile von Lichtschalter bedienen, Taschenlampen halten und Sachen aus dem Auto holen auch ums Tragen von Kamera- und Alkomatenkoffern erweitert), dann war die Schicht zuende.

Als ich nach der Nachtschicht in meinem Bett lag, schrieb ich erst einmal eine Aktennotiz zu dem Vorfall, falls meine Aussage gebraucht werden sollte. Glaube ich zwar nicht ernsthaft, da bei der Alkoholisierung vermutlich gar nichts passieren wird, aber wenn es dann doch zu einem Verfahren kommen sollte, will ich gerüstet sein.

Der Vorfall ging mir noch sehr lange im Kopf herum. Unter unterschiedlichen Aspekten.

Erfreulich fand ich, dass zwei der Partygäste mit zugriffen, um den Polizisten zu helfen, anstatt sie auch noch anzugehen. Die hatten verstanden, dass die Beamten ihrem Kumpel helfen wollten und zeigten richtige Solidarität, indem sie sie dabei unterstützten.

Auf der anderen Seite der Bilanz ist noch das Harmloseste, dass ich alle, wirklich alle meine Klamotten der Nacht, inklusive der frisch gewaschenen Jacke, in die Waschmaschine werfen musste. Den infernalischen Gestank bekam ich trotzdem bis Sonntagabend nicht aus der Nase, obwohl ich als erste Amtshandlung ein Vollbad genommen hatte.

Ich war im Nachgang sehr froh, dass ich mittlerweile einiges weiß. So hatten mir Einsatztrainer mal erklärt, wie Beruhigungsschläge auf Oberarme und Oberschenkel funktionieren. Sie bringen Muskelgruppen zum Erschlaffen, und schützen damit sowohl den Widerstand Leistenden als auch die Polizisten vor Verletzungen. Sieht halt nicht schön aus. (Ich bin ja schon lange der Meinung, dass wir Bürger die Pflicht haben, uns daran zu gewöhnen, dass ein Polizeieinsatz nicht unbedingt aussieht wie Schwanensee.) Dadurch konnte ich das einordnen, als P, A und J1 diese Schläge setzten. Der Teil, dass sie gerechtfertigte Gewalt anwendeten lag ja schon durch die Gesamtsituation auf der Hand, aber durch mein Wissen war mir klar, dass sie es geplant taten und somit immer noch Herren der Lage waren. Es ist nämlich sehr unprickelnd, zum Nichtstun verdammt zu sein, während Menschen, für die man nicht nur wegen ihrer Berufswahl eine große Sympathie hegt, gerade die geballte Gewalt entgegenschlägt.

Schon während des Einsatzes kam mir die Frage auf, was passiert wäre, wenn noch etwas anderes Schlimmes im Dienstgebiet vorgefallen wäre, während die gesamte PI Remagen auf diesem einen Mann saß. Auch die Frage nach Prävention kam im Nachgang auf. Es gab in dieser Nacht niemanden mehr, der im Dienstgebiet einfach nur Streife fahren konnte, z.B. um Einbrecher abzuschrecken. Die Anzahl der Verkehrstoten steigt, weil der Kontrolldruck fehlt. In dieser Nacht war er nicht vorhanden gewesen. Wie viele Tage und Nächte dieser Art gibt es?

Im Grunde müssten pro Schicht mindestens zehn Polizisten im Dienst sein. Neben dem Wachhabenden wohlgemerkt. Selbst wenn nicht jede Nacht einer vom Balkon springen will – mir würden auf Anhieb schon fünf Straßen einfallen, wo eine Verkehrskontrolle kein Fehler wäre…

Am Ende der Nachtschicht bedankte sich A bei mir. „Ich fand es klasse, dass du dabeigeblieben bist, als wir uns mit dem gewickelt haben.“

Wow!

Ich selbst schrieb dem Dienststellenleiter am folgenden Montag, dass mich seine Leute beeindruckt haben. Sehr beeindruckt. Ich fand es sehr professionell, wie sie diese Situation geregelt hatten. So weit ich das als Laiin beurteilen kann, hatten sie das. Allein schon, den Mann sofort in die Wohnung zu ziehen, war goldrichtig gewesen. Hätte die Eskalation nämlich draußen stattgefunden, wäre P nicht nur vor den Tisch gestürzt, sondern vielleicht über das Balkongitter ins Nichts. Oder der Mann selbst hätte es doch in den Abgrund geschafft. Die Polizisten wollten ihm helfen und das haben sie getan, selbst als er ihnen Gewalt in allen Formen entgegenschleuderte.

Von einem dieser Menschen so einen Dank zu bekommen, das hat mich stolz gemacht.

Diese Nachtschicht war mit Sicherheit die aufregendste, die ich bisher mitfahren durfte. Deswegen fiel mir Sonntagmorgen auch nicht viel mehr ein als das hier:

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Einschlagen kann es überall – auch auf dem platten Land… Teil 1

Am heißesten Tag des Sommers beugte ich mich über mein Fahrrad, um es aufzuschließen. Das Eis, das mir der Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Remagen geschenkt hatte, steckte ich mir dazu in den Mund.

Ein Streifenwagen fuhr vor. Ok, vor einer Polizeidienststelle nicht allzu ungewöhnlich. Ich unterbrach das Aufschließen meines Fahrrades, um höflich zu winken.

Die Beifahrerscheibe fuhr herunter.

„Hallo!“

Schnell nahm ich das Eis am Stiel aus dem Mund. Das erhöht die Deutlichkeit der Aussprache ganz ungemein.

„Hallo“, grüßte ich P zurück. P, ein junger Polizist Mitte 20, den ich mittlerweile aus verschiedenen Zusammenhängen kannte. Dienstlich, über den Verein (er ist in einer Polizeigewerkschaft aktiv) und – leider – ist er auch schon einmal in den „Genuss“ unserer Genesungskarten gekommen. „Genuss“ in Anführungsstrichen, weil die Voraussetzungen, um so eine Karte zu bekommen, wenig bis nichts mit „Genuss“ zu tun haben.

„Was machst du denn hier?“

„Ich habe einen Termin für eine erste Nachtschicht bei Euch glattgezogen.“

„Oh, gut. Ich hätte dich nämlich auch mal gern im Streifenwagen.“

Das lässt sich sicher machen.

 

Fünf Monate später und bei 30 Grad Celsius weniger Außentemperatur trat ich an einem Dezemberabend zu meinem zweiten Nachtdienst in Remagen an.

P beschaffte mir eine Schussweste, die ich auch sofort standesgemäß verzierte. Dann stellte er mich dem Rest der Dienstgruppe vor. Für diese Nacht würde ich eine Dreierstreife begleiten: P, A, beides junge Männer Mitte 20 und J1, eine junge Polizistin. Auch A war schon Empfänger einer unserer Karten gewesen. Dann gab es noch eine zweite gemischte Streife, bestehend aus J2 und L. Alle, inklusive S, dem Dienstgruppenleiter für den Abend, waren zwischen Mitte 20 und Mitte 30.

Vor meinem inneren Auge zogen Bilder vorbei, wie wir zu viert in einem Passat eventuell noch jemanden würden festnehmen müssen. Der neue Audi der Polizei RLP sollte enger sein als der Passat.

Ob die mich dann irgendwo in den Bergen des Dienstgebietes aussetzen?

Ein doch eher unwahrscheinliches Szenario. Da mir alle drei sehr kompetent vorkamen und P das auch schon in der Vergangenheit unter Beweis gestellt hatte, hielt ich einfach die Klappe und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

„Wir beladen dann mal den Wagen.“

Ich folgte P und A in die Garage. Die beiden trugen ihre Einsatztaschen, den Kamerakoffer und das Köfferchen mit dem Alkomaten… in einen Mercedes-Transporter. Insgesamt acht Sitzplätze. Ah jetzt ja… hatte ich es doch geahnt. Die waren gut. Und ich würde nicht ausgesetzt…

Noch ein paar Worte mit der Dienstgruppe gewechselt und schon kam der erste Einsatz rein – ein Hund war auf der B9 gesichtet worden. Da J1 aus der Vorschicht noch einige Berichte zu schreiben hatte, fuhren wir nur zu dritt raus. Innerlich bedauerte ich gerade, dass ich zu Ehren meiner Heimatdienststelle meine Jacke gewaschen hatte. Ausnahmsweise hatte ich mal keine vergessenen Leckerlis meines Hundes in der Jackentasche. Die wären sicher hilfreich geworden. Später sollte ich in Hinblick auf frisch gewaschene Klamotten noch ganz andere Dinge bereuen.

Wir näherten uns dem Ort, an dem der Hund gesehen worden war. A warf das Blaulicht an, um die anderen Autos vorzuwarnen. Wir schlichen einmal die Bundesstraße rauf und wieder runter. Kein Hund zu sehen.

P nahm das Funkgerät, um S über den Stand der Dinge zu informieren.

„Wo Ihr schon mal in der Ecke seid… sucht mal den Namen xy an der Anschrift xxx auf. Eine Nachbardienststelle hat…“

Der Rest des Funkspruchs ging für mich auf meiner Rückbank in Fahrgeräuschen unter.

 

An dieser Stelle möchte ich etwa drei Jahre in die Vergangenheit gehen. Es war ebenfalls Winter. Ein mir sehr nahestehendes Familienmitglied lag in Koblenz im Krankenhaus, so dass ich täglich mindestens einmal die B9 zwischen Koblenz und Remagen herauf- und herunterrauschte. Eines Tages, im Berufsverkehr, zuckelte ich in der Zone 100 bei Mülheim-Kärlich mit gerade mal 70 km/h hinter einigen Fahrzeugen her. Noch nie mit überwältigender Geduld gesegnet, zog ich auf die linke Spur und sah… ein Metallteil auf der Fahrbahn.

Zurück nach rechts – ging nicht. Bremsen – auf einer Schnellstraße auch keine so tolle Idee. Also blieb nur eines – Zähne zusammenbeißen und drüber…

Hörte sich gar nicht mal so schlimm an. Schneller Blick in den Rückspiegel. Verkehr hinter mir schien auch nicht beeinträchtigt.

Vielleicht sollte ich doch die 110 wählen? Das interessiert die sicher, dass hier was auf der Fahrbahn liegt. Aber…
Wie funktioniert das mit der neuen Freisprechanlage?

Während ich über die Lösung dieses technischen Problemchens nachdachte, kroch mir mein Hintermann so dicht hinten drauf, dass ich mich zu fragen begann, wie sich wohl in laufender Fahrt der Kofferraum öffnen ließe, um ihm den Einzug zu erleichtern. Bei alledem fuhr ich nach wie vor mit 100 km/h über eine Schnellstraße – auf den Verkehr konzentrieren ist in so einer Situation auch eine schöne Idee.

Langer Rede, kurzer Sinn – ich vergaß den Notruf, nachdem mein Hintermann endlich in Andernach meinen Auspuff aus seinen Klauen und die Bundesstraße hinter sich ließ.

In Sinzig trank ich spontan mit einer Freundin einen Kaffee. Man muss auch mal eine Pause machen dürfen. Kaum trat ich vor ihre Haustür, klingelte mein Handy. Mein Mann!

„Die Polizei ist hier!“

„Joah. Grüß schön.“

„Die suchen dich!“

Hä?

„Echt jetzt?“

„Ja, wegen Verkehrsunfallflucht!“

Wir, also die Polizei und ich, verabredeten uns auf einem Parkplatz zwischen Remagen und Sinzig.

„Du wirst sie erkennen. Sie fahren dasselbe Auto wie wir, nur andere Farbe, andere Sonderausstattung.“

Mein Mann kann auch Sprüche… ;-)

Auf dem Weg dahin überlegte ich, was wohl mit der Verkehrsunfallflucht gemeint gewesen sein könnte. Das Einzige, was ungewöhnlich gewesen war, war das Metallteil auf der Fahrbahn. Das musste es sein.

Siehste! Das kommt davon, wenn man mal eine Gelegenheit auslässt, die 110 zu rufen.

Ein bisschen nervös war (und bin) ich immer, wenn die Polizei an mir dienstlich wird. Das merkte Herr R, der junge und sehr freundlich wirkende Polizist, auch sofort. Seine Streifenpartnerin war ebenfalls ausgesprochen höflich.

„Haben Sie eine Idee, um was es gehen könnte?“

Ich beschrieb den Vorfall auf der B9, inklusive ungefährer Uhrzeit.

„Ja, die Uhrzeit könnte passen. Sie wurden bei der Polizeiinspektion Andernach angezeigt, Sie hätten Ladung verloren.“

Deswegen war der mir so dicht hinten drauf gekrochen. Um mein Nummernschild abzulesen. Ladung verloren? Hätte ich das nicht merken müssen?

Beide schauten sich die Stoßstange an, die zu diesem Zeitpunkt von Pfotenspuren unseres Hundes verziert war. Es hatte kurz zuvor geregnet und unser Hund hatte mit schlammigen Pfoten einen Walk über die Stoßstange hingelegt. Sah aus wie eine Jack-Wolfskin-Werbung. Klar umrissene Tatzen. Da war nichts drüber gerutscht.

Für eine Sekunde hatte ich den Eindruck, dass Herrn Rs Blick auf den Aufkleber des Vereins auf der Heckscheibe fiel. Ich war mir aber nicht sicher. Er verlor kein Wort darüber. Ich auch nicht. War nämlich gerade nicht Thema…

„Wenn etwas vom Auto abgefallen wäre, hätte das aber die Elektrik merken müssen“, überlegte Herr R.

Da hatte er Recht! Die Elektrik ist bei diesem Modell sehr… gesprächig.

Ich reichte ihm den Schlüssel, er setzte sich kurz in den Wagen und steckte den Schlüssel ins Schloss.

„Die Elektrik meldet auch nichts. Wir geben das so nach Andernach weiter. Ich geh dann mal davon aus, dass sich das damit erledigt hat.“

Beide verabschiedeten sich freundlich von mir und machten sich auf den Weg in den nächsten Einsatz.

Ich hatte mich von beiden wirklich gut behandelt gefühlt. Da ich kurz darauf wegen des Vereins einen Termin beim Dienststellenleiter hatte, schilderte ich diesen guten Eindruck. Zwar war ich, weil ich so aufgeregt gewesen war, nicht in der Lage gewesen, mir den Namen von Herrn Rs Kollegin zu merken, aber das würde sich herausfinden lassen.

Es war dann irgendwie lustig, als Herr R und ich uns kurz darauf bei einer Veranstaltung des Vereins wiedertrafen, bei der er seine Gewerkschaft vertrat.
„Ich heiße übrigens Gerke.“ – „Und ich P.“

 

Zurück zu diesem Dezemberabend, auf dem Weg der vom Dienstgruppenleiter durchgefunkten Adresse. P stellte fest, dass das Navi im Streifenwagen diese Anschrift nicht kannte.

Und jetzt?

Ich zückte mein Smartphone. Immerhin hatte ich damit schon mal in Bremen und in Ludwigshafen weiterhelfen können. Aber, es war wie verhext, das Navi im Smartphone erwies sich ebenfalls als ahnungslos. P, der die gleiche Idee gehabt hatte wie ich, vermeldete auch keinen Erfolg.

Also funkte er noch einmal den Wachhabenden an. Der konnte uns auch nicht helfen, weil kurzfristig das System zusammengebrochen war, in dem die Polizei Landkarten usw. einsehen kann. Übrigens auch in den Nachbardienststellen, denn da hatte er schon um Hilfe gebeten.

A warf dann seine gute Ortskenntnis in den Ring. Die gesuchte Straße war nämlich nach einem der zahllosen kleinen Bäche benannt, die in unserer Region durch die Landschaft plätschern. Er wusste, wo dieser Bach fließt, also suchten wir logischerweise dort nach dieser Straße. Dabei folgten wir dem Bachlauf ziemlich weit einen bewaldeten Hang hoch – bis zur Grenze der Gemarkung, in der sie sich befinden sollte. Sie war und blieb unauffindbar.

„Nur gut, dass wir nicht gerade auf dem Weg zu jemandem sind, der in seinem Blut liegt und zu sterben droht“, äußerte A trocken.

Noch waren die beiden mit ihrer Weisheit aber nicht am Ende. P griff noch einmal zum Funkgerät.

„Guck doch mal bitte auf die uralte Straßenkarte, die wir in der PI haben.“

Vor meinem inneren Auge stellte ich mir vor, wie der Wachhabende zur Karte ging, draufschaute, wieder an den Funk kam.

Da war er auch schon.

„Da ist die Straße auch nicht drauf eingezeichnet. Aber sie ist im Register erwähnt und soll sich in einem bestimmten Planquadrat befinden.“

Er nannte uns eine Landmarke, in deren Nähe diese Straße liegen musste.

Keine fünf Minuten später fielen die Scheinwerfer auf ein Straßenschild. Yay. Der gesuchte Straßenname. Dahinter ein frisch aus dem Boden gestampftes Neubaugebiet, unmittelbar neben dieser Landmarke. Wir stiegen vor der gesuchten Hausnummer aus.

„Wen suchen wir nochmal? Und weshalb?“

P nannte mir den Namen und schob dann nach: „Wegen Verkehrsunfallflucht.“

„Ah! Verkehrsunfallflucht. Damit kenne ich mich aus.“

Den konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

Der Name fand sich auch am Klingelschild. Auf unser Klingeln wurde schnell geöffnet. Wir betraten einen Neubau, der noch feucht roch. Kein Wunder, dass nicht mal die Navis im Smartphone diese Adresse gekannt hatten.

Der Herr, der die Fahrerflucht begangen haben sollte, war Mitte 50. Er wusste sofort, was die Polizei von ihm wollte und war sozusagen schon an der Wohnungstür geständig.

„Ja, ich hab gemerkt, dass es geknallt hat. Ich hab dann auch angehalten, aber da keiner kam, bin ich weitergefahren.“

In seinem Wohnzimmer fiel Ps Blick auf eine halbleere Bierflasche.

„Haben Sie das getrunken, nachdem Sie heimkamen?“

„Ja, wir sind vor einer Stunde angekommen.“

„Holst du mal bitte den Alkomaten“, bat P seinen Kollegen. A verschwand.

„Ich weiß, ich hätte nicht weiterfahren dürfen. Meine Frau ist krank, wissen Sie, und ich hatte sie den ganzen Tag schon im Auto. Ich weiß, das war ein Fehler…“

Selbstreflexion. Damit hatte er mich schon fast auf seiner Seite. Aber ich habe ja nichts zu sagen, wenn ich mit der Polizei im Einsatz bin und deshalb tue ich das auch nicht.

„Ist das alles, was Sie getrunken haben?“

P wollte es nun genau wissen.

„Ja, das und die andere Flasche Bier.“

„Die andere Flasche?“

Er wuselte in die Wohnküche und zeigte die andere Flasche Bier vor. Und ein kleines Fläschchen.

„Ach ja, und hier den Magenbitter auch noch.“

Ich machte nur noch große Augen. Misstrauisch wurde ich auch.

Wieso fällt dem das so bröckchenweise ein?

A tauchte mit dem Alkomatenkoffer auf und sah sich suchend nach einem Abstellplatz um. Ich streckte meine Hände aus, um ihm den Behälter zu halten.

„Ihr habt eine Praktikantin, benutzt sie“, sagte ich. A Mundwinkel zuckten belustigt. Sofort wurde er wieder ernst, klappte den Deckel hoch, und entnahm den Alkomaten.

Der Mann pustete 0,28 Promille. Glück gehabt! Ab 0,3 Promille spielt bei Unfällen die Versicherung nämlich nicht mehr mit, auch wenn die Grenze für Strafbarkeit bei 0,5 Promille liegt.

Anschließend gingen wir noch in die Garage, um das Auto zu begutachten. Tatsächlich sah der rechte Außenspiegel ziemlich mitgenommen aus. Ja, mit Spiegelklatschern kenne ich mich auch ganz gut aus… damit habe ich die PI Remagen hier und da schon beschäftigt. P schoss einige Fotos, A hielt den Zollstock.

Schließlich verabschiedeten wir uns freundlich. P legte dem Herrn noch nahe, unverzüglich seine Versicherung zu informieren. Da er geständig und auch bereit gewesen war, den Schaden zu regulieren, gab es keinen Grund nicht nett zu ihm zu sein.

Wir fuhren zurück zur Dienststelle. Bereits in Remagen landeten wir hinter einem Kleinwagen, der sehr… A nannte es „bedächtig“… durch die Gegend fuhr. Mit 35 durch die Zone 50. Meine beiden Herren witterten sofort ein Handytelefonat. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wurde dem Fahrer bedeutet, rechts ran zu fahren.

Das Handytelefonat war nicht nachzuweisen, aber eine Fahrzeugkontrolle konnte nicht schaden. Die förderte auch einen fehlenden Verbandskasten zutage. Oder besser gesagt, keinen Verbandskasten. Auch das Warndreieck war nicht vorhanden.

Dafür stellten meine beiden Herren eine Mängelkarte aus. Der Mann würde zur Polizei kommen müssen und alles nachzeigen.

 

In der Garage der Dienststelle durfte ich dann mal kurz in dem neuen Audi Platz nehmen. Ehrlich, die Kiste sieht supertoll aus. Sehr schnittig. Aber der Gedanke, eine ganze Nacht auf der Rückbank zu verbringen, behagte meinen alten Knochen nicht wirklich. Doch ziemlich eng. Aber für diese Nacht war ja eh der Achtsitzer angesagt. Zum Glück…

Nun wurde die Nacht ruhig. Die ganze Dienstgruppe hatte Zeit, sich zu einer Mahlzeit zusammenzufinden. Zum zweiten Mal, dass ich das erlebte. Im Unterschied zum ersten Mal, in Neuwied, waren hier aber gerade mal fünf Leute versammelt. Und S, aber der musste als Wachhabender das Telefon bewachen. Das Gespräch drehte sich um einen bevorstehenden Urlaub, einen bevorstehenden Dienststellenwechsel, Alltagsthemen. (Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Menschen in Uniform!)

Es kam noch ein kleiner Einsatz rein, weil eine aufmerksame Dame in einem Geschäft den Einbruchsalarm losgehen sah. Wieder fuhren wir nur zu dritt, weil J1 weiter an ihren Berichten zu schreiben hatte.

A und P leuchteten in das Geschäft hinein, A ging einmal drumherum. Es war nichts zu erkennen, was diesen Alarm ausgelöst haben könnte. Also wurde ein Verantwortlicher angerufen, um irgendwann den Alarm abzustellen.

 

Da auch A und P Berichte zu schreiben hatten, ging es wieder zurück in die Dienststelle. Dort wurde die Nacht ruhig. Sehr ruhig. Das gab A und mir Zeit, uns ausgiebig über ein gemeinsames Interessengebiet auszutauschen. Insgeheim machte ich bereits einen dicken Haken an diese Nacht. Bisher hatte ich all meine Schichten sehr aufregend gefunden. Es musste ja eines Tages mal so kommen, dass ich lernen würde, wie schwer es sein kann, gegen Müdigkeit anzukämpfen, wenn nichts los ist. P und A würden außerdem sicherlich eine Verkehrskontrolle oder etwas in der Art durchführen. Sobald P sein letztes Wort in den PC getippt hatte und sich zu uns gesellen würde…

 

Selten hatte ich mich so dermaßen gerirrt wie in dieser Einschätzung der Nacht.

 

Fortsetzung folgt…

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Nachtschicht vor der Nachtschicht – auf Streife mit der Polizei in Kaiserslautern

Auch für diese Nachtschicht ging die Initiative von einem Polizisten aus, der mich gern mal in seinem Streifenwagen haben wollte. Immer wieder gern und mit Freuden.

Die Anfahrt gestaltete sich dieses Mal etwas komplexer als gewöhnlich, weil die Nahverkehrsverbindungen zwischen meinem Wohnort und Kaiserslautern… nun ja… nicht ganz so klasse sind. Meine Umsteigezeit in Bingen / Rhein dampfte durch eine geringfügige Verspätung meines Zubringerzuges auf insgesamt drei Minuten zusammen… aber ich schaffte es. Zum ersten Mal fragte ich mich ernstlich, ob es nicht doch sinnvoll gewesen wäre, das Auto zu nehmen. Ein Gedanke, den ich am nächsten Morgen wieder verwarf. Mein Gehirn wäre dazu eindeutig nicht mehr in der Lage gewesen. Spannenderweise war es dazu in der Lage, ein Sachbuch über Extremismusforschung zu lesen – aber da hängen wenigstens keine Menschenleben dran, wenn ich dann doch mal falsch umblättere oder das Buch fallen lasse…

 

Bildquelle: PP Westpfalz

Endlich in Kaiserslautern angekommen, wurde ich vom Dienststellenleiter, Herrn Klein, persönlich begrüßt. Das fand ich wirklich nett, weil von meiner Seite aus unerwartet. Bei der Gelegenheit stellte ich auch kurz den Verein vor.

Übrigens ist die Dame zwischen uns nicht meine Streifenpartnerin für die Nacht gewesen, sie macht rund um die Uhr Objektschutz im Gebäude des Polizeipräsidiums, in dem sich auch die Inspektion Kaiserslautern 2 befindet.

 

Kai, der Polizist, der mich sozusagen um diesen Tanz gebeten hatte, stellte mich dann kurz der Dienstgruppe vor, soweit anwesend. Die erste Streife war nämlich schon draußen, wegen einer handfesten Auseinandersetzung zwischen einem polizeibekannten Mann und seiner aktuellen Partnerin an dem Bahnhof, an dem ich ziemlich genau eine Stunde vorher eingetroffen war. Auch unseren Fahrer für die Nacht, Stefan, lernte ich kennen. Ein (aus meiner Warte) junger Mann mit einem ernsten Gesichtsausdruck, aber einem guten Humor. Den hat Kai übrigens auch. Wir haben viel gelacht im Streifenwagen in dieser Nacht, wenn man von dem einen Einsatz absah, nach dem uns nicht nach Lachen zu Mute war.

Meine Leihschussweste für dieses Mal kam übrigens frisch aus einer Plastikverpackung. Auch schick! Aber Hauptsache, sie hält, wenn es drauf ankommt, das Alter ist da wurscht.

Plötzlich ging dann alles ganz schnell. Ehe ich mich versah, befand ich mich auf der Rückseite eines Streifenwagens, der mit Blaulicht und Martinshorn durch Kaiserslautern flog. Auf dem Weg zum Wagen hatte sich einer „meiner“ beiden Streifenpartner noch den Waffengürtel angelegt. In der ersten Kurve hinter der Dienststelle musste ich noch meine beiden den Fliehkräften ausgesetzten Red-Bull-Dosen einfangen und hinter einem Reißverschluss in meinem Rucksack in Sicherheit bringen. Dann war ich bereit. Direkt mal filmen… man weiß nicht, wie lange so ein Glück vorhält. wp-monalisa icon

Wir befanden uns auf dem Weg zu einem Einsatz wegen eines Randalierers, der eine Haustür einzutreten versuchte. Am Einsatzort wartete der Anrufer, ein junger Mann Anfang 20, auf uns und zeigte uns die Richtung an, in der der Türentreter abgehauen war. Wir nahmen die Verfolgung auf – leider erfolglos. Trotz schneller Anfahrt war der Täter schon über alle Berge, obwohl wir die Gegend noch eine Weile nach ihm durchkämmten.

Wo wir schon mal draußen waren, ging es auch direkt ans Bestreifen von Kaiserslautern. Kai klärte mich ausführlich über den Dienstbereich auf: eine Großdisko (passenderweise mit dem Namen „Nachtschicht“), das eine oder andere Etablissement aus dem Rotlichtmilieu, ein riesiges Einkaufszentrum (das nachts nicht so sehr eine Rolle spielt) und ein Teil der Fußgängerzone. Der größte Teil der Altstadt von Kaiserslautern liegt im Bereich der Nachbar-Polizeiinspektion Kaiserslautern 1. Die schicken auch eine gesonderte Altstadtstreife ins Getümmel, die gemeinsam von Polizei, Ordnungsamt und amerikanischer Militärpolizei gebildet wird. Wir haben sie im Laufe der Nacht zwei / dreimal getroffen – sehr beeindruckender Anblick.

Stefan und Kai fiel auf, dass in der Stadt ungewöhnlich viele Jugendliche unterwegs waren. (Natürlich habe ich die auch gesehen, aber ich wusste ja nicht, dass diese Menge ungewöhnlich war.) Wir sollten bald aufgeklärt werden, warum das so war…

Wir bestreiften den Parkplatz der „Nachtschicht“, der sich über zwei Parkdecks erstreckt. Dort trafen wir auf drei sehr junge Damen. Mutmaßlich in einem Alter, in dem sie gemäß Jugendschutzgesetz maximal bis 24 Uhr in der Disko (die erst um 22 Uhr aufmacht) unterwegs sein dürfen. Und das auch nur in Begleitung eines „Erziehungsberechtigten“. Nun können Eltern jeden mit einer Unterschrift auf einem „Mütterschein“ (U18-Formular) zu einem Erziehungsberechtigten machen, sofern er über 18 Jahre alt ist. Dennoch erschien angesichts des jugendlichen Aussehens unserer drei Damen eine Personenkontrolle angebracht. Die ergab, dass tatsächlich eine von ihnen noch minderjährig war. Allerdings hatte sie ihre formularmäßig ausgewiesene Erziehungsberechtigte (18) dabei.

Diese Personenkontrolle verlief recht freundlich, zumal die Damen nüchtern wirkten und glaubhaft versichern konnten, dass die Flaschen, die zu ihren Füßen standen, nicht von ihnen waren, sondern von irgendwelchen jungen Männern, die aber ein Parkdeck tiefer zu finden seien. Deswegen verrieten sie uns auch, dass die „Nachtschicht“ an diesem Abend auch für unter 18-Jährige ihre Türen öffnete. Was wiederum die Massen an Jugendlichen erklärte.

Ansonsten war das Treiben auf diesem Parkplatz unauffällig, also verließen wir ihn wieder.

Kai und Stefan zeigten mir ein Viertel von Kaiserslautern, das einen sozialen Brennpunkt darstellt. Kaum waren wir dort eingetroffen, fuhren wir hinter zwei Radfahrern her, die kein Licht am Rad hatten. Was nachts im Dunkeln grundsätzlich eine schlechte Idee ist.

Da sich zusätzlich auch noch ein leichter Alkoholduft in die Atemluft mischte, wurde ein Alkotest gemacht. Tatsächlich war einer der beiden nicht ganz nüchtern.

Beide wurden verpflichtet, ihre Fahrräder nun zu schieben. Sie gaben sich einsichtig.

Nebenbei wurden die beiden noch überprüft. Es handelte sich um Brüder. Offensichtlich meldete sich Kais Erinnerung. Während Stefan über Funk die Abfrage zu den beiden machte, fragte Kai nach:

„Hatten wir schon einmal miteinander zu tun? Irgendwie kommt mir Ihr Name bekannt vor.“
Dazu einer der beiden ganz treuherzig: „Nein, wir sind die Guten in der Familie.“
Mittlerweile war das Ergebnis der Personenüberprüfung durch den Funk gekommen. Beide hatten diverse Delikte im Bereich der Kleinkriminalität, aber auch Körperverletzungsdelikte auf ihrer Liste.
Kai: „Ihr seid die Guten? Wo sind denn dann die Schlechten?“
Antwort staubtrocken: „Die sitzen.“

 

Zurück in der Dienststelle: Stefan und Kai mussten noch einige Berichte aus der Vorschicht schreiben, so lange erklärte mir netterweise der Wachhabende seine Arbeit.

 

Anschließend bestreiften wir wieder Kaiserslautern. Wir begannen mit dem Parkplatz der „Nachtschicht“. Dort war es bemerkenswert ruhig um diese Zeit. Die Feierwütigen befanden sich alle in der Disco und feierten vor sich hin.

Weiter ging es in die Altstadt, wo der Streifenwagen an einer Kreuzung von einer roten Ampel gestoppt wurde. Während wir auf grün warteten, beobachteten wir einen Jugendlichen, der vor dem Streifenwagen die Straße querte. Da wir rot hatten, hatte er ganz offensichtlich grün. So weit, so gut. Kaum auf der anderen Straßenseite angekommen, lief er auch noch über die Querstraße.

Ähm… ja…

Er hatte eindeutig rot und da stand ein Streifenwagen…

Dann wollte er auch noch drei Leuten verkaufen, dass er gar nicht bei rot gegangen sei.

Ach so? Zwei Polizisten und eine neutrale Zeugin, alle drei farbenblind?

Diese Geldbuße von 5 Euro hatte er sich redlich verdient.

 

Kaum hatten wir die Streifentätigkeit wieder aufgenommen, bekamen wir einen Einsatz rein wegen eines Mannes, der in eine Kneipe in der Altstadt hatte eindringen wollen, obwohl er dort Hausverbot hat. Bei unserer Suche sahen wir die Altstadtstreife und auch ein paar Streifenwagen der Nachbar-PI, die mit Blaulicht am Rand der Straße standen, die die Grenze zwischen den beiden Bezirken bildet. Der Gesuchte jedoch war verschwunden.

 

Als nächstes wurden uns von einem Sicherheitsdienst Randalierer auf dem Parkplatz einer örtlichen Bank gemeldet. Ich war ja auch mal jung und habe das eine oder andere erlebt. Legendär die Party im Süden von Rheinland-Pfalz, die ich als Studentin besuchte und die von der Polizei aufgelöst wurde. Übrigens auch eine sehr gute Erfahrung mit freundlichen Polizisten, die netterweise auch noch einigen Alkoholisierten Fahrverbote aussprachen, u.a. meinem Begleiter. Ich lebte nämlich auch damals schon sehr gern. Aber irgendwie konnte ich schon damals die Vorliebe einiger meiner Mitmenschen für Parkplätze nicht teilen.

Jedenfalls fanden wir dort sechs bis acht Jugendliche vor, bis auf einen jungen Mann alles junge Frauen. Dazu ein Haufen Scherben von zerschlagenen Flaschen. Die Produktion dieser Scherben war es auch gewesen, die den Sicherheitsdienst auf den Plan gerufen hatte.

Entsprechend erfolgten auch hier Personenkontrollen. Da erstmal nichts außer den Flaschen kaputtgegangen war, animierten Kai und Stefan die jungen Herrschaften anschließend, sich dem Aufräumen des Chaos zu widmen. Was die Damen auch taten (der junge Herr übte sich weitgehend in vornehmer Zurückhaltung). Übrigens wurde auch hier auf junge Männer verwiesen, die das Ganze angerichtet hätten und dann verschwunden seien. Der männliche Jung-Kaiserslauterer ist offensichtlich eine leicht flüchtige Spezies. Wie dem auch sei, selbst wenn sie es nicht selbst gewesen waren – man ist schon verantwortlich dafür, wen man sich als Freunde aussucht. Wahrscheinlich wussten die Damen das auch, weswegen sie ja letztlich auch aufräumten. Meine beiden Herren sowie eine weitere zur Verstärkung eingetrudelte Streife dankten ihnen auch im Anschluss dafür. Die Minderjährigen erhielten die Anweisung, nach Hause zu gehen und alle erhielten einen Platzverweis für diesen Parkplatz.

 

Gerade wollten wir uns unseren Autos zuwenden, als wir plötzlich aus dem Parkhaus einen Stock tiefer lautes Motorenröhren vernahmen.

Nix wie hin, eine Treppe hinunter.

Wir erblickten zwei Autos, eines davon mit us-amerikanischer Zulassung. In jedem Auto ein Fahrer, der seinen Wagen offensichtlich für cool hielt (als ob Autos ohne Blaulichter auch nur im Ansatz cool sein könnten…) und auf Beifahrer- und Rücksitz jeweils diverse Damen, die ebenso offensichtlich die jungen Männer für cool hielten. Man(n) demonstrierte sich gegenseitig, wie laut der jeweilige Motor im Leerlauf aufheulen konnte. Macht vor allen Dingen in einem Parkhaus total Sinn, in dem man die blau-wabernde Luft bereits schneiden kann.

Auch hier gewannen die jungen Herren einen Platzverweis.

Für mich als Laie übrigens interessant, wie sich hier die Streifenteams kurzfristig auflösten und neu zusammenfanden. Die beiden Schnellsten widmeten sich dem von der Treppe weiter entfernten Fahrer, die beiden übrigen dem anderen.

 

Nachdem die beiden Herren die Örtlichkeit mitsamt ihrem Anhang verlassen hatten bestiegen wir wieder unseren Streifenwagen und wollten eigentlich weiter in Kaiserslautern nach dem Rechten sehen. Wir fuhren wenige Meter, um dort auf die Streife, von der wir uns eben getrennt hatten, zu stoßen. Offenbar hatte ein Autofahrer ihre Aufmerksamkeit erregt und wurde einer Verkehrskontrolle unterzogen. Ein weiterer Autofahrer passierte gerade diese Kontrollstelle – und der fiel wiederum meinen beiden Herrn sofort ins Auge.

In einer der letzten Schichten, als Kai und Stefan in einem Einsatz gebunden gewesen waren, den sie nicht einfach liegen lassen konnten, hatte ihn wohl der Hafer gestochen. Vor den Augen der Polizei hatte er einen provokanten Kavalierstart hingelegt. Ganz klar ein Grund, sich näher zu unterhalten. Natürlich wies er diesen Kavalierstart weit von sich, aber sowohl er als auch das Auto sind eine sehr auffällige Erscheinung. Da war eigentlich keine Verwechslung möglich.

 

Im Anschluss bestreiften wir einen Außenbezirk von Kaiserslautern, in dem sich auch Etablissements aus dem Rotlichtmilieu befinden. Plötzlich kam über Funk, dass die Bundespolizei am Bahnhof von Kaiserslautern um Unterstützung durch die Landespolizei gebeten hatte. Jemand fahre mit laut heulendem Motor in Bahnhofsnähe auffällig herum.

Kai warf das Blaulicht an und Stefan jagte den Streifenwagen zurück in die Innenstadt und zum Bahnhof.

Als wir dort einflogen, war alles ruhig. Stefan hielt vor dem Bahnhof an. Durch die Bahnhofstür kamen zwei Bundespolizisten und ein Mann mit einer großen Kamera auf der Schulter…

Mein erster Gedanke: Das sieht ja aus wie ‚Achtung Kontrolle!‘

Nachdem das Dienstliche geklärt war (der Verursacher des Autolärms war bis zum Eintreffen der Landespolizei getürmt), fragte Kai interessiert, was denn die Kamera zu bedeuten habe. Die junge Bundespolizistin antwortete:

„Das ist ‚Achtung Kontrolle!‘ Aber Ihr seid nicht im Bild.“

Sieh mal einer an!

Als wir weiterfuhren, outete ich mich im Streifenwagen als jemand, der gelegentlich diese Sendung schaut:

„Das stimmt, was sie sagt. Landespolizisten werden immer verpixelt, wenn da die Bundespolizei begleitet wird.“

Die beiden nahmen es stoisch auf, dass auch ich dunkle Seiten habe.

Diese Formate haben halt zwei Seiten. Einerseits bringen sie schon ein Stück weit der Bevölkerung Polizeiarbeit näher. Andererseits aber meinen jetzt noch mehr Leute, sie müssten der Polizei ihren Job erklären. Wenn man das aus dem Fernsehen ganz genau kennt, werden eine fundierte Ausbildung, jahrelange Berufserfahrung und einschlägige Rechtskenntnis schon mal bedeutungslos. Ich kann jedenfalls sehr gut verstehen, warum sich den meisten Polizisten beim bloßen Gedanken an solche Formate die Fußnägel hochrollen.

 

Kaum hatten wir das mit „Achtung Kontrolle!“ geklärt, wurden wir wegen einer hilflosen Person in den Einsatz geschickt.

„Rettungswagen und Notarzt sind schon vor Ort!“

Oha.

Nix wie hin.

Als wir an der angegeben Adresse eintrafen, standen vor dem Haus ein RTW und das Notarzteinsatzfahrzeug.

In einem engen Treppenhaus (die betreffende Wohnung befand sich im zweiten Stock) sammelten sich einige Menschen, von denen für die Polizei erst einmal nur die Sanitäter zuzuordnen waren. Ich hielt mich im Hintergrund, um nicht überflüssig im Weg herumzustehen.

Eine Sanitäterin klärte auch gleich Kai und Stefan auf:

„Der Herr ist verstorben. Er war mit seinem Nachbarn einen trinken. Als sie nach Hause kamen, fiel er um und verstarb wohl auf der Stelle.“

In der Wohnung befanden sich zu diesem Zeitpunkt die Notärztin, weitere Sanitäter sowie die Lebensgefährtin des Verstorbenen, die, verständlicherweise, geschockt war.

Nachdem die Sanitäter gegangen waren, überreichte die Notärztin die vorläufige Todesbescheinigung an Kai. (Zur Erinnerung: Notärzte dürfen keine endgültigen Todesbescheinigungen ausstellen, wie ich bereits in Frankenthal gelernt hatte.)

Mittlerweile hatte sich geklärt, wer die drei Herren waren, die außerdem noch im Treppenhaus anwesend waren: der Vermieter und ein Bekannter des Vermieters, die durch den Auftrieb im Treppenhaus auf den Plan gerufen worden waren, sowie der besagte Nachbar des Verstorbenen, der gleichzeitig mit ihm befreundet gewesen war. Alle gaben an, dass er schon lange an einer schweren Krankheit gelitten habe. Insofern sah es erstmal nach einem natürlichen Tod aus, sodass der Kriminaldauerdienst vorerst nicht verständigt werden musste.

Dennoch musste bis zum Eintreffen eines zweiten Arztes dafür gesorgt werden, dass der Ort des Geschehens unverändert blieb. Nun ist es für Angehörige sehr schmerzlich, einen frisch Verstorbenen in einer nicht sehr bequem aussehenden Haltung auf einem kalten Boden liegen zu sehen. Für die Polizei ist es hingegen essentiell, dass er nicht weggebracht oder zugedeckt wird, bis wirklich endgültig klar ist, dass es ein natürlicher Tod war. Sollte nämlich wirklich bei der Leichenschau ein Hinweis auf Mord oder Totschlag gefunden werden, wäre es fatal, wenn durch entsprechende Manipulationen Spuren verwischt würden. Überlegungen, die wie vom Blitz getroffenen Angehörigen natürlich erstmal fernliegen.

Entsprechend kollidieren da hochemotionale mit ganz sachbezogenen Interessen. Kai und Stefan lösten das freundlich, aber bestimmt.

Der Freund und Nachbar kümmerte sich rührend um die Lebensgefährtin, das half allen Beteiligten weiter.

Ich bediente zu dem Zeitpunkt Lichtschalter, um ansonsten durch Nichtstören nützlich zu sein.

Auch muss das Eigentum des Verstorbenen in jedem Fall gesichert werden, bis klar ist, wer der Erbe ist. Da die Lebensgefährtin des Mannes nicht mit ihm verheiratet war und auch eine eigene Wohnung hatte, durfte sie leider nicht vor Ort bleiben.

Glücklicherweise bot der Nachbar ihr seine Wohnung und Gesellschaft an, sodass sie in der Nähe bleiben konnte. Ihren Schlüssel für die Wohnung ihres Lebensgefährten musste sie aber abgeben, so wie Kai auch andere Wohnungsschlüssel einzog. Diese wurden im Nachgang von der Polizei an das Nachlassgericht übergeben, bis klar ist, wer die Rechte am Nachlass hat.

Schließlich gingen auch der Vermieter und sein Bekannter. Der Nachbar und die Lebensgefährtin begaben sich in die Nachbarwohnung.

Stefan, Kai und ich warteten im Treppenhaus auf den Arzt für die zweite Todesbescheinigung. Da kein Hausarzt bekannt war, kam ein von der Polizei bestellter Arzt. Der war auch sehr schnell, in weniger als zwanzig Minuten kam er die Treppe hoch.

Kai wies mich an, mit ihnen in die Wohnung zu kommen und die Tür hinter mir zu schließen. Das machte ich auch. Wenn ich schon mit unseren Polizisten im Einsatz bin, dann muss ich auch mit den potentiell schwierigen Anteilen fertig werden. „Och, Schätzeleins, ich warte dann mal draußen“, sobald es ein bisschen unschön wird, ist keine Option für mich.

Zudem macht mir der Anblick frisch Verstorbener nichts aus, mir geht eher das Leid der Angehörigen unter die Haut. Was nichts daran ändert, dass eine Leiche nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Aussichten zählt.

„Das Licht ist hier ein bisschen schlecht“, stellte der Polizeiarzt fest. Stefan und Kai warfen alle Lampen an, die sie finden konnten, dann drückte mir Kai seine Taschenlampe in die Hand. Stefan und ich richteten dann unsere Taschenlampenkegel gebündelt dahin, wo der Arzt sie brauchte.

Ohne ins Detail gehen zu wollen, liebe Leserinnen und Leser: wenn bei Euch die Polizei in einer derartigen Situation aufschlägt und die Tür zumacht – lasst sie zu.

Schließlich stand nach einer ausführlichen Untersuchung final fest, dass es sich um einen natürlichen Tod handelte.

Nun konnte auch der Lebensgefährtin gestattet werden, sich von ihrem Freund zu verabschieden. Der Nachbar war mittlerweile an einem Punkt, an dem er selbst auch ein bisschen Trost brauchen konnte. Er wiederholte wieder und wieder: „Eben haben wir noch zusammen ein Bier getrunken und jetzt liegt er da.“ Ich sagte ihm: „So hat er wenigstens einen schönen letzten Abend gehabt.“ Das schien wirklich ein klein wenig weiterzuhelfen, deswegen bin ich froh, hier meine Zurückhaltung aufgegeben zu haben.

Schließlich blieb uns nur noch, auf den Bestatter zu warten. Auch diese beiden Herren waren zügig vor Ort und transportierten den Verstorbenen auf einer Bahre in einem Leichensack ab.

Danach mussten wir alle erst einmal durchatmen. Manchmal würde auch gerne ich als Nichtraucherin eine rauchen.

 

Mittlerweile war es schon zwischen drei und vier Uhr morgens. Weiteres Bestreifen des Dienstgebietes. Natürlich, gegen vier Uhr, auch wieder vor der „Nachtschicht“. Wo es vordergründig sehr ruhig war. Dachten wir.

Plötzlich winkte uns wild ein junger Mann. Stefan brachte den Streifenwagen zum Halten und ließ das Fenster herunter.

„Ich möchte eine Körperverletzung anzeigen. Ich bin geschlagen worden.“
„Wohin denn?“
„Ei, ins Gesicht.“

Um Stefans Rückfrage zu erklären: Man sah in seinem Gesicht keinerlei Spuren von Gewalt. Was nicht heißt, dass er nicht geschlagen wurde. Man konnte es nur einfach nicht sehen.

Wir stiegen aus.

Nach und nach kamen weitere junge Menschen dazu: fünf junge Leute beiderlei Geschlechts, die mit diesem jungen Mann zusammen unterwegs waren, der Beschuldigte und ein junger Mann Mitte 20, der irgendwie aus der Gruppe herausstach.

Meine beiden Herren nahmen Personalien auf und dann die Aussagen. Was sich einfacher liest als es war, denn zwischen dem Beschuldigten und seinem mutmaßlichen Opfer brannte die Luft. Außerdem versuchten alle gleichzeitig bei der Polizei zu Wort zu kommen und texteten uns entsprechend wild durcheinander zu. Ich bin immer noch voller Bewunderung für Kai und Stefan, wie sie das ruhig und gelassen sortiert haben. Ich hasse es, wenn aus allen Richtungen auf mich eingeredet bis eingebrüllt wird.

Schließlich kam die Reihe an den Mitte-20-Jährigen.

„Was haben Sie mit der Sache zu tun?“
„Ich bin Polizist.“
Das in einem Tonfall, als sei er seit mindestens fünf Jahren im Dienst, was bei seinem Alter auch nicht erstmal nicht unwahrscheinlich schien…
Ohne Luft zu holen setzte er fort: „Ich habe nur geschlichtet und dann haben mich die Türsteher aus der Disko geworfen. Das dürfen die doch gar nicht. Ich bin doch Polizist.“

Hm…

Nach meinem Kenntnisstand dürfen die Sicherheitsdienste in Diskotheken jeden rauswerfen, unabhängig vom Beruf.

„Ihr müsst mal mit denen reden, dass ich wieder reindarf.“

Ist der jetzt wirklich Polizist oder macht der nur einen auf dicke Hose?

Dieser Gedanke flog mich an, ebenso wie eine gewisse Missbilligung seines Tonfalls. Als seien ihm meine beiden Herren etwas schuldig.

Kai erklärte ihm dann noch mal die Sache mit dem Hausrecht. Da war ich erleichtert, so hatte ich es nämlich auch verstanden.

Die Fragezeichen in meinem Kopf verdichteten sich noch, als er fragte: „Seid Ihr eigentlich LaPo oder BuPo?“, also Landes- oder Bundespolizei. Selbst wenn man es nicht so mit Wappen und Abzeichen hat, so sollten doch sowohl der Einsatzort (KEINE Bahnanlage) als auch das mit RPL beginnende Kfz-Kennzeichen oder die am Streifenwagen angebrachte URL (www.polizei.rlp.de) einem Polizisten etwas sagen…

Stefan: „Wenn Sie geschlichtet haben, müssten Sie doch mit einer Zeugenaussage was Sinnvolles beitragen können?“

„Ja, also eigentlich habe ich gar nichts gesehen. Aber ich bin rausgeworfen worden, obwohl ich Polizist bin.“

Ja, der junge Mann machte es seinen Kollegen gerade nicht wirklich einfacher. Da er so vehement auf seinem Beruf beharrte, obwohl die Augen meiner beiden Begleiter in Hinblick auf ihn nichts Gutes versprachen, fragte Kai schließlich:

„Haben Sie denn einen Dienstausweis Ihrer Behörde?“

„Ähm… ja.. also… nein, den habe ich nicht dabei. Aber das hier…“

Er zückte eine Karte auf seinen Namen, die Rückschlüsse darauf zuließ, dass er in der Tat bei dieser Behörde beschäftigt ist (nicht die Polizei RLP!!!).

In der Zwischenzeit wurden wiederum die Gesprächsteilnehmer so laut, dass der „Kollege“ erst einmal einige Meter weiter geschickt wurde. Insgesamt sechs Leute beharrten darauf, dass er etwas gesehen habe, was er aber weiterhin bestritt.

Auch der mutmaßliche Täter wollte die Anzeige gegen sich nicht akzeptieren, und wollte reihum von uns wissen, warum er solchen Unterstellungen ausgesetzt sei. Was sollen Polizisten dazu sagen? Bei allem Verständnis dafür, dass man sich aufregt, wenn man eine Anzeige fängt (ich wäre da auch nicht wirklich tiefenentspannt), so kann doch die Polizei nicht mehr tun, als die Aussagen aufzunehmen.

Dies nahm der junge Mann mit den lückenhaften Kenntnissen im Themenbereich „Hausrecht“ zum Anlass, sich mehrfach mit dem unnachahmlichen (und inhaltlich ja nicht unkorrekten) Satz einzumischen: „Der Polizist ist immer neutral.“ Fakt war aber, dass er die Amtshandlung störte.

Schließlich wollte Kai es dann wissen:

„Bei welcher Dienststelle sind Sie eigentlich?“

Der junge Mann nannte sie. Tief in mir klingelte etwas. Mir schwante einiges.

Die Augen meiner Streifenpartner verengten sich zu Schlitzen.

„Und wie lange schon?“

„Sieben Wochen!“

SIEBEN WOCHEN?

Mir wurde klar, dass es genau richtig bei mir geklingelt hatte.

EIN ANWÄRTER!

Ist ja der Hammer! Ich erstarrte vor dieser geballten Erfahrung.

Der junge Mann hatte echt Glück, dass ich im Einsatz grundsätzlich die Klappe und mich raus halte. Unter anderen Umständen hätte er einen anständigen Einlauf von mir bekommen. Sowas macht mich echt wütend. Solche Verhaltensweisen sind es, die das Bild unserer Polizistinnen und Polizisten als Leute, die ihre qua Beruf verliehenen Privilegien missbrauchen, zementiert. Wasser auf die Mühlen der Polizistenhasser. Bei einer strammen Polizistenfreundin kommt es auch nicht so gut an, wenn ein Anfänger altgedienten Kollegen erklären will, was sie alles für einen tun „müssten“, weil man selbst Polizist sei.

So hat er nur von Kai und Stefan ermahnende Worte unter Kollegen zu diesem nicht wirklich gelungenen Auftritt mitbekommen. Vollkommen zu Recht. Dabei blieb es dann auch. Offensichtlich waren Spuren von Einsicht zu erkennen gewesen, so dass sie weitergehende Maßnahmen wie bspw. eine Beschwerde bei den Vorgesetzten des jungen Mannes nicht für notwendig erachteten.

Ich hoffe für ihn und seine künftigen Kollegen, dass er da ganz schnell die Kurve kriegt. Da täte ein Lehrgang in Bescheidenheit dringend Not.

Bisher waren meine Erfahrungen mit Anwärtern ja immer exzellent. Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

Dieses „Highlight“ sollte auch das Letzte der Nacht sein. Beim Bestreifen der Gegend erspähten wir noch zwei junge Frauen, von denen eine in einer Senke stand.

„Alles klar?“
„Ja, ich wollte nur schon immer mal wissen, wie es ist, in einem Erdloch zu stehen.“
„Ach so. Na, dann noch viel Spaß dabei.“

Da man aus dieser Senke sehr einfach wieder rauskam, fuhren wir weiter.

 

Anschließend präsentierte Kaiserslautern sich sehr ruhig. Allerdings brachte es schon wieder ein junger Mann fertig, exakt vor dem Streifenwagen bei rot über die Ampel zu gehen. 5 Euro.

Schließlich bekamen wir noch eine Schlägerei in der Altstadt mit acht Leuten gemeldet, aber auch dort hatte sich bei unserem Eintreffen die Sachlage bereits in Wohlgefallen aufgelöst.

Stefan und Kai mussten noch die Berichte zu den Einsätzen verfassen und ich wurde noch von einer jungen Polizistin interviewt, die ebenfalls einen Artikel zu meiner Schicht vor Ort schrieb.

Schon war wieder eine ereignisreiche Nacht zu Ende gegangen.

 

Wieder einmal hätten mir meine Begleiter gern mehr gezeigt, weshalb wir das auch noch mal wiederholen möchten. Wieder einmal ist mein Bericht darüber sehr ausführlich geworden und meine Hochachtung vor unseren Polizeibeamten gewachsen.

Danke, Kai und Stefan. Danke für die herzliche Aufnahme durch die Dienstgruppe. Übrigens wurde ich im Laufe der Nacht gefragt, ob das mit dem Dialekt so für mich ginge. Fand ich sehr nett! Zugegebenermaßen hatte ich mir da selbst im Vorfeld meine Gedanken gemacht. Aber ich habe mich schnell eingehört. Westpfälzisch ist bewältigbar… ;-)

Ihr seid schon genau so richtig wie Ihr seid, „da oben“ in „Lautre“.