Category Archives: Allgemein

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Einschlagen kann es überall – auch auf dem platten Land… Teil 1

Am heißesten Tag des Sommers beugte ich mich über mein Fahrrad, um es aufzuschließen. Das Eis, das mir der Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Remagen geschenkt hatte, steckte ich mir dazu in den Mund.

Ein Streifenwagen fuhr vor. Ok, vor einer Polizeidienststelle nicht allzu ungewöhnlich. Ich unterbrach das Aufschließen meines Fahrrades, um höflich zu winken.

Die Beifahrerscheibe fuhr herunter.

„Hallo!“

Schnell nahm ich das Eis am Stiel aus dem Mund. Das erhöht die Deutlichkeit der Aussprache ganz ungemein.

„Hallo“, grüßte ich P zurück. P, ein junger Polizist Mitte 20, den ich mittlerweile aus verschiedenen Zusammenhängen kannte. Dienstlich, über den Verein (er ist in einer Polizeigewerkschaft aktiv) und – leider – ist er auch schon einmal in den „Genuss“ unserer Genesungskarten gekommen. „Genuss“ in Anführungsstrichen, weil die Voraussetzungen, um so eine Karte zu bekommen, wenig bis nichts mit „Genuss“ zu tun haben.

„Was machst du denn hier?“

„Ich habe einen Termin für eine erste Nachtschicht bei Euch glattgezogen.“

„Oh, gut. Ich hätte dich nämlich auch mal gern im Streifenwagen.“

Das lässt sich sicher machen.

 

Fünf Monate später und bei 30 Grad Celsius weniger Außentemperatur trat ich an einem Dezemberabend zu meinem zweiten Nachtdienst in Remagen an.

P beschaffte mir eine Schussweste, die ich auch sofort standesgemäß verzierte. Dann stellte er mich dem Rest der Dienstgruppe vor. Für diese Nacht würde ich eine Dreierstreife begleiten: P, A, beides junge Männer Mitte 20 und J1, eine junge Polizistin. Auch A war schon Empfänger einer unserer Karten gewesen. Dann gab es noch eine zweite gemischte Streife, bestehend aus J2 und L. Alle, inklusive S, dem Dienstgruppenleiter für den Abend, waren zwischen Mitte 20 und Mitte 30.

Vor meinem inneren Auge zogen Bilder vorbei, wie wir zu viert in einem Passat eventuell noch jemanden würden festnehmen müssen. Der neue Audi der Polizei RLP sollte enger sein als der Passat.

Ob die mich dann irgendwo in den Bergen des Dienstgebietes aussetzen?

Ein doch eher unwahrscheinliches Szenario. Da mir alle drei sehr kompetent vorkamen und P das auch schon in der Vergangenheit unter Beweis gestellt hatte, hielt ich einfach die Klappe und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

„Wir beladen dann mal den Wagen.“

Ich folgte P und A in die Garage. Die beiden trugen ihre Einsatztaschen, den Kamerakoffer und das Köfferchen mit dem Alkomaten… in einen Mercedes-Transporter. Insgesamt acht Sitzplätze. Ah jetzt ja… hatte ich es doch geahnt. Die waren gut. Und ich würde nicht ausgesetzt…

Noch ein paar Worte mit der Dienstgruppe gewechselt und schon kam der erste Einsatz rein – ein Hund war auf der B9 gesichtet worden. Da J1 aus der Vorschicht noch einige Berichte zu schreiben hatte, fuhren wir nur zu dritt raus. Innerlich bedauerte ich gerade, dass ich zu Ehren meiner Heimatdienststelle meine Jacke gewaschen hatte. Ausnahmsweise hatte ich mal keine vergessenen Leckerlis meines Hundes in der Jackentasche. Die wären sicher hilfreich geworden. Später sollte ich in Hinblick auf frisch gewaschene Klamotten noch ganz andere Dinge bereuen.

Wir näherten uns dem Ort, an dem der Hund gesehen worden war. A warf das Blaulicht an, um die anderen Autos vorzuwarnen. Wir schlichen einmal die Bundesstraße rauf und wieder runter. Kein Hund zu sehen.

P nahm das Funkgerät, um S über den Stand der Dinge zu informieren.

„Wo Ihr schon mal in der Ecke seid… sucht mal den Namen xy an der Anschrift xxx auf. Eine Nachbardienststelle hat…“

Der Rest des Funkspruchs ging für mich auf meiner Rückbank in Fahrgeräuschen unter.

 

An dieser Stelle möchte ich etwa drei Jahre in die Vergangenheit gehen. Es war ebenfalls Winter. Ein mir sehr nahestehendes Familienmitglied lag in Koblenz im Krankenhaus, so dass ich täglich mindestens einmal die B9 zwischen Koblenz und Remagen herauf- und herunterrauschte. Eines Tages, im Berufsverkehr, zuckelte ich in der Zone 100 bei Mülheim-Kärlich mit gerade mal 70 km/h hinter einigen Fahrzeugen her. Noch nie mit überwältigender Geduld gesegnet, zog ich auf die linke Spur und sah… ein Metallteil auf der Fahrbahn.

Zurück nach rechts – ging nicht. Bremsen – auf einer Schnellstraße auch keine so tolle Idee. Also blieb nur eines – Zähne zusammenbeißen und drüber…

Hörte sich gar nicht mal so schlimm an. Schneller Blick in den Rückspiegel. Verkehr hinter mir schien auch nicht beeinträchtigt.

Vielleicht sollte ich doch die 110 wählen? Das interessiert die sicher, dass hier was auf der Fahrbahn liegt. Aber…
Wie funktioniert das mit der neuen Freisprechanlage?

Während ich über die Lösung dieses technischen Problemchens nachdachte, kroch mir mein Hintermann so dicht hinten drauf, dass ich mich zu fragen begann, wie sich wohl in laufender Fahrt der Kofferraum öffnen ließe, um ihm den Einzug zu erleichtern. Bei alledem fuhr ich nach wie vor mit 100 km/h über eine Schnellstraße – auf den Verkehr konzentrieren ist in so einer Situation auch eine schöne Idee.

Langer Rede, kurzer Sinn – ich vergaß den Notruf, nachdem mein Hintermann endlich in Andernach meinen Auspuff aus seinen Klauen und die Bundesstraße hinter sich ließ.

In Sinzig trank ich spontan mit einer Freundin einen Kaffee. Man muss auch mal eine Pause machen dürfen. Kaum trat ich vor ihre Haustür, klingelte mein Handy. Mein Mann!

„Die Polizei ist hier!“

„Joah. Grüß schön.“

„Die suchen dich!“

Hä?

„Echt jetzt?“

„Ja, wegen Verkehrsunfallflucht!“

Wir, also die Polizei und ich, verabredeten uns auf einem Parkplatz zwischen Remagen und Sinzig.

„Du wirst sie erkennen. Sie fahren dasselbe Auto wie wir, nur andere Farbe, andere Sonderausstattung.“

Mein Mann kann auch Sprüche… ;-)

Auf dem Weg dahin überlegte ich, was wohl mit der Verkehrsunfallflucht gemeint gewesen sein könnte. Das Einzige, was ungewöhnlich gewesen war, war das Metallteil auf der Fahrbahn. Das musste es sein.

Siehste! Das kommt davon, wenn man mal eine Gelegenheit auslässt, die 110 zu rufen.

Ein bisschen nervös war (und bin) ich immer, wenn die Polizei an mir dienstlich wird. Das merkte Herr R, der junge und sehr freundlich wirkende Polizist, auch sofort. Seine Streifenpartnerin war ebenfalls ausgesprochen höflich.

„Haben Sie eine Idee, um was es gehen könnte?“

Ich beschrieb den Vorfall auf der B9, inklusive ungefährer Uhrzeit.

„Ja, die Uhrzeit könnte passen. Sie wurden bei der Polizeiinspektion Andernach angezeigt, Sie hätten Ladung verloren.“

Deswegen war der mir so dicht hinten drauf gekrochen. Um mein Nummernschild abzulesen. Ladung verloren? Hätte ich das nicht merken müssen?

Beide schauten sich die Stoßstange an, die zu diesem Zeitpunkt von Pfotenspuren unseres Hundes verziert war. Es hatte kurz zuvor geregnet und unser Hund hatte mit schlammigen Pfoten einen Walk über die Stoßstange hingelegt. Sah aus wie eine Jack-Wolfskin-Werbung. Klar umrissene Tatzen. Da war nichts drüber gerutscht.

Für eine Sekunde hatte ich den Eindruck, dass Herrn Rs Blick auf den Aufkleber des Vereins auf der Heckscheibe fiel. Ich war mir aber nicht sicher. Er verlor kein Wort darüber. Ich auch nicht. War nämlich gerade nicht Thema…

„Wenn etwas vom Auto abgefallen wäre, hätte das aber die Elektrik merken müssen“, überlegte Herr R.

Da hatte er Recht! Die Elektrik ist bei diesem Modell sehr… gesprächig.

Ich reichte ihm den Schlüssel, er setzte sich kurz in den Wagen und steckte den Schlüssel ins Schloss.

„Die Elektrik meldet auch nichts. Wir geben das so nach Andernach weiter. Ich geh dann mal davon aus, dass sich das damit erledigt hat.“

Beide verabschiedeten sich freundlich von mir und machten sich auf den Weg in den nächsten Einsatz.

Ich hatte mich von beiden wirklich gut behandelt gefühlt. Da ich kurz darauf wegen des Vereins einen Termin beim Dienststellenleiter hatte, schilderte ich diesen guten Eindruck. Zwar war ich, weil ich so aufgeregt gewesen war, nicht in der Lage gewesen, mir den Namen von Herrn Rs Kollegin zu merken, aber das würde sich herausfinden lassen.

Es war dann irgendwie lustig, als Herr R und ich uns kurz darauf bei einer Veranstaltung des Vereins wiedertrafen, bei der er seine Gewerkschaft vertrat.
„Ich heiße übrigens Gerke.“ – „Und ich P.“

 

Zurück zu diesem Dezemberabend, auf dem Weg der vom Dienstgruppenleiter durchgefunkten Adresse. P stellte fest, dass das Navi im Streifenwagen diese Anschrift nicht kannte.

Und jetzt?

Ich zückte mein Smartphone. Immerhin hatte ich damit schon mal in Bremen und in Ludwigshafen weiterhelfen können. Aber, es war wie verhext, das Navi im Smartphone erwies sich ebenfalls als ahnungslos. P, der die gleiche Idee gehabt hatte wie ich, vermeldete auch keinen Erfolg.

Also funkte er noch einmal den Wachhabenden an. Der konnte uns auch nicht helfen, weil kurzfristig das System zusammengebrochen war, in dem die Polizei Landkarten usw. einsehen kann. Übrigens auch in den Nachbardienststellen, denn da hatte er schon um Hilfe gebeten.

A warf dann seine gute Ortskenntnis in den Ring. Die gesuchte Straße war nämlich nach einem der zahllosen kleinen Bäche benannt, die in unserer Region durch die Landschaft plätschern. Er wusste, wo dieser Bach fließt, also suchten wir logischerweise dort nach dieser Straße. Dabei folgten wir dem Bachlauf ziemlich weit einen bewaldeten Hang hoch – bis zur Grenze der Gemarkung, in der sie sich befinden sollte. Sie war und blieb unauffindbar.

„Nur gut, dass wir nicht gerade auf dem Weg zu jemandem sind, der in seinem Blut liegt und zu sterben droht“, äußerte A trocken.

Noch waren die beiden mit ihrer Weisheit aber nicht am Ende. P griff noch einmal zum Funkgerät.

„Guck doch mal bitte auf die uralte Straßenkarte, die wir in der PI haben.“

Vor meinem inneren Auge stellte ich mir vor, wie der Wachhabende zur Karte ging, draufschaute, wieder an den Funk kam.

Da war er auch schon.

„Da ist die Straße auch nicht drauf eingezeichnet. Aber sie ist im Register erwähnt und soll sich in einem bestimmten Planquadrat befinden.“

Er nannte uns eine Landmarke, in deren Nähe diese Straße liegen musste.

Keine fünf Minuten später fielen die Scheinwerfer auf ein Straßenschild. Yay. Der gesuchte Straßenname. Dahinter ein frisch aus dem Boden gestampftes Neubaugebiet, unmittelbar neben dieser Landmarke. Wir stiegen vor der gesuchten Hausnummer aus.

„Wen suchen wir nochmal? Und weshalb?“

P nannte mir den Namen und schob dann nach: „Wegen Verkehrsunfallflucht.“

„Ah! Verkehrsunfallflucht. Damit kenne ich mich aus.“

Den konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

Der Name fand sich auch am Klingelschild. Auf unser Klingeln wurde schnell geöffnet. Wir betraten einen Neubau, der noch feucht roch. Kein Wunder, dass nicht mal die Navis im Smartphone diese Adresse gekannt hatten.

Der Herr, der die Fahrerflucht begangen haben sollte, war Mitte 50. Er wusste sofort, was die Polizei von ihm wollte und war sozusagen schon an der Wohnungstür geständig.

„Ja, ich hab gemerkt, dass es geknallt hat. Ich hab dann auch angehalten, aber da keiner kam, bin ich weitergefahren.“

In seinem Wohnzimmer fiel Ps Blick auf eine halbleere Bierflasche.

„Haben Sie das getrunken, nachdem Sie heimkamen?“

„Ja, wir sind vor einer Stunde angekommen.“

„Holst du mal bitte den Alkomaten“, bat P seinen Kollegen. A verschwand.

„Ich weiß, ich hätte nicht weiterfahren dürfen. Meine Frau ist krank, wissen Sie, und ich hatte sie den ganzen Tag schon im Auto. Ich weiß, das war ein Fehler…“

Selbstreflexion. Damit hatte er mich schon fast auf seiner Seite. Aber ich habe ja nichts zu sagen, wenn ich mit der Polizei im Einsatz bin und deshalb tue ich das auch nicht.

„Ist das alles, was Sie getrunken haben?“

P wollte es nun genau wissen.

„Ja, das und die andere Flasche Bier.“

„Die andere Flasche?“

Er wuselte in die Wohnküche und zeigte die andere Flasche Bier vor. Und ein kleines Fläschchen.

„Ach ja, und hier den Magenbitter auch noch.“

Ich machte nur noch große Augen. Misstrauisch wurde ich auch.

Wieso fällt dem das so bröckchenweise ein?

A tauchte mit dem Alkomatenkoffer auf und sah sich suchend nach einem Abstellplatz um. Ich streckte meine Hände aus, um ihm den Behälter zu halten.

„Ihr habt eine Praktikantin, benutzt sie“, sagte ich. A Mundwinkel zuckten belustigt. Sofort wurde er wieder ernst, klappte den Deckel hoch, und entnahm den Alkomaten.

Der Mann pustete 0,28 Promille. Glück gehabt! Ab 0,3 Promille spielt bei Unfällen die Versicherung nämlich nicht mehr mit, auch wenn die Grenze für Strafbarkeit bei 0,5 Promille liegt.

Anschließend gingen wir noch in die Garage, um das Auto zu begutachten. Tatsächlich sah der rechte Außenspiegel ziemlich mitgenommen aus. Ja, mit Spiegelklatschern kenne ich mich auch ganz gut aus… damit habe ich die PI Remagen hier und da schon beschäftigt. P schoss einige Fotos, A hielt den Zollstock.

Schließlich verabschiedeten wir uns freundlich. P legte dem Herrn noch nahe, unverzüglich seine Versicherung zu informieren. Da er geständig und auch bereit gewesen war, den Schaden zu regulieren, gab es keinen Grund nicht nett zu ihm zu sein.

Wir fuhren zurück zur Dienststelle. Bereits in Remagen landeten wir hinter einem Kleinwagen, der sehr… A nannte es „bedächtig“… durch die Gegend fuhr. Mit 35 durch die Zone 50. Meine beiden Herren witterten sofort ein Handytelefonat. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wurde dem Fahrer bedeutet, rechts ran zu fahren.

Das Handytelefonat war nicht nachzuweisen, aber eine Fahrzeugkontrolle konnte nicht schaden. Die förderte auch einen fehlenden Verbandskasten zutage. Oder besser gesagt, keinen Verbandskasten. Auch das Warndreieck war nicht vorhanden.

Dafür stellten meine beiden Herren eine Mängelkarte aus. Der Mann würde zur Polizei kommen müssen und alles nachzeigen.

 

In der Garage der Dienststelle durfte ich dann mal kurz in dem neuen Audi Platz nehmen. Ehrlich, die Kiste sieht supertoll aus. Sehr schnittig. Aber der Gedanke, eine ganze Nacht auf der Rückbank zu verbringen, behagte meinen alten Knochen nicht wirklich. Doch ziemlich eng. Aber für diese Nacht war ja eh der Achtsitzer angesagt. Zum Glück…

Nun wurde die Nacht ruhig. Die ganze Dienstgruppe hatte Zeit, sich zu einer Mahlzeit zusammenzufinden. Zum zweiten Mal, dass ich das erlebte. Im Unterschied zum ersten Mal, in Neuwied, waren hier aber gerade mal fünf Leute versammelt. Und S, aber der musste als Wachhabender das Telefon bewachen. Das Gespräch drehte sich um einen bevorstehenden Urlaub, einen bevorstehenden Dienststellenwechsel, Alltagsthemen. (Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Menschen in Uniform!)

Es kam noch ein kleiner Einsatz rein, weil eine aufmerksame Dame in einem Geschäft den Einbruchsalarm losgehen sah. Wieder fuhren wir nur zu dritt, weil J1 weiter an ihren Berichten zu schreiben hatte.

A und P leuchteten in das Geschäft hinein, A ging einmal drumherum. Es war nichts zu erkennen, was diesen Alarm ausgelöst haben könnte. Also wurde ein Verantwortlicher angerufen, um irgendwann den Alarm abzustellen.

 

Da auch A und P Berichte zu schreiben hatten, ging es wieder zurück in die Dienststelle. Dort wurde die Nacht ruhig. Sehr ruhig. Das gab A und mir Zeit, uns ausgiebig über ein gemeinsames Interessengebiet auszutauschen. Insgeheim machte ich bereits einen dicken Haken an diese Nacht. Bisher hatte ich all meine Schichten sehr aufregend gefunden. Es musste ja eines Tages mal so kommen, dass ich lernen würde, wie schwer es sein kann, gegen Müdigkeit anzukämpfen, wenn nichts los ist. P und A würden außerdem sicherlich eine Verkehrskontrolle oder etwas in der Art durchführen. Sobald P sein letztes Wort in den PC getippt hatte und sich zu uns gesellen würde…

 

Selten hatte ich mich so dermaßen gerirrt wie in dieser Einschätzung der Nacht.

 

Fortsetzung folgt…

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Nachtschicht vor der Nachtschicht – auf Streife mit der Polizei in Kaiserslautern

Auch für diese Nachtschicht ging die Initiative von einem Polizisten aus, der mich gern mal in seinem Streifenwagen haben wollte. Immer wieder gern und mit Freuden.

Die Anfahrt gestaltete sich dieses Mal etwas komplexer als gewöhnlich, weil die Nahverkehrsverbindungen zwischen meinem Wohnort und Kaiserslautern… nun ja… nicht ganz so klasse sind. Meine Umsteigezeit in Bingen / Rhein dampfte durch eine geringfügige Verspätung meines Zubringerzuges auf insgesamt drei Minuten zusammen… aber ich schaffte es. Zum ersten Mal fragte ich mich ernstlich, ob es nicht doch sinnvoll gewesen wäre, das Auto zu nehmen. Ein Gedanke, den ich am nächsten Morgen wieder verwarf. Mein Gehirn wäre dazu eindeutig nicht mehr in der Lage gewesen. Spannenderweise war es dazu in der Lage, ein Sachbuch über Extremismusforschung zu lesen – aber da hängen wenigstens keine Menschenleben dran, wenn ich dann doch mal falsch umblättere oder das Buch fallen lasse…

 

Bildquelle: PP Westpfalz

Endlich in Kaiserslautern angekommen, wurde ich vom Dienststellenleiter, Herrn Klein, persönlich begrüßt. Das fand ich wirklich nett, weil von meiner Seite aus unerwartet. Bei der Gelegenheit stellte ich auch kurz den Verein vor.

Übrigens ist die Dame zwischen uns nicht meine Streifenpartnerin für die Nacht gewesen, sie macht rund um die Uhr Objektschutz im Gebäude des Polizeipräsidiums, in dem sich auch die Inspektion Kaiserslautern 2 befindet.

 

Kai, der Polizist, der mich sozusagen um diesen Tanz gebeten hatte, stellte mich dann kurz der Dienstgruppe vor, soweit anwesend. Die erste Streife war nämlich schon draußen, wegen einer handfesten Auseinandersetzung zwischen einem polizeibekannten Mann und seiner aktuellen Partnerin an dem Bahnhof, an dem ich ziemlich genau eine Stunde vorher eingetroffen war. Auch unseren Fahrer für die Nacht, Stefan, lernte ich kennen. Ein (aus meiner Warte) junger Mann mit einem ernsten Gesichtsausdruck, aber einem guten Humor. Den hat Kai übrigens auch. Wir haben viel gelacht im Streifenwagen in dieser Nacht, wenn man von dem einen Einsatz absah, nach dem uns nicht nach Lachen zu Mute war.

Meine Leihschussweste für dieses Mal kam übrigens frisch aus einer Plastikverpackung. Auch schick! Aber Hauptsache, sie hält, wenn es drauf ankommt, das Alter ist da wurscht.

Plötzlich ging dann alles ganz schnell. Ehe ich mich versah, befand ich mich auf der Rückseite eines Streifenwagens, der mit Blaulicht und Martinshorn durch Kaiserslautern flog. Auf dem Weg zum Wagen hatte sich einer „meiner“ beiden Streifenpartner noch den Waffengürtel angelegt. In der ersten Kurve hinter der Dienststelle musste ich noch meine beiden den Fliehkräften ausgesetzten Red-Bull-Dosen einfangen und hinter einem Reißverschluss in meinem Rucksack in Sicherheit bringen. Dann war ich bereit. Direkt mal filmen… man weiß nicht, wie lange so ein Glück vorhält. wp-monalisa icon

Wir befanden uns auf dem Weg zu einem Einsatz wegen eines Randalierers, der eine Haustür einzutreten versuchte. Am Einsatzort wartete der Anrufer, ein junger Mann Anfang 20, auf uns und zeigte uns die Richtung an, in der der Türentreter abgehauen war. Wir nahmen die Verfolgung auf – leider erfolglos. Trotz schneller Anfahrt war der Täter schon über alle Berge, obwohl wir die Gegend noch eine Weile nach ihm durchkämmten.

Wo wir schon mal draußen waren, ging es auch direkt ans Bestreifen von Kaiserslautern. Kai klärte mich ausführlich über den Dienstbereich auf: eine Großdisko (passenderweise mit dem Namen „Nachtschicht“), das eine oder andere Etablissement aus dem Rotlichtmilieu, ein riesiges Einkaufszentrum (das nachts nicht so sehr eine Rolle spielt) und ein Teil der Fußgängerzone. Der größte Teil der Altstadt von Kaiserslautern liegt im Bereich der Nachbar-Polizeiinspektion Kaiserslautern 1. Die schicken auch eine gesonderte Altstadtstreife ins Getümmel, die gemeinsam von Polizei, Ordnungsamt und amerikanischer Militärpolizei gebildet wird. Wir haben sie im Laufe der Nacht zwei / dreimal getroffen – sehr beeindruckender Anblick.

Stefan und Kai fiel auf, dass in der Stadt ungewöhnlich viele Jugendliche unterwegs waren. (Natürlich habe ich die auch gesehen, aber ich wusste ja nicht, dass diese Menge ungewöhnlich war.) Wir sollten bald aufgeklärt werden, warum das so war…

Wir bestreiften den Parkplatz der „Nachtschicht“, der sich über zwei Parkdecks erstreckt. Dort trafen wir auf drei sehr junge Damen. Mutmaßlich in einem Alter, in dem sie gemäß Jugendschutzgesetz maximal bis 24 Uhr in der Disko (die erst um 22 Uhr aufmacht) unterwegs sein dürfen. Und das auch nur in Begleitung eines „Erziehungsberechtigten“. Nun können Eltern jeden mit einer Unterschrift auf einem „Mütterschein“ (U18-Formular) zu einem Erziehungsberechtigten machen, sofern er über 18 Jahre alt ist. Dennoch erschien angesichts des jugendlichen Aussehens unserer drei Damen eine Personenkontrolle angebracht. Die ergab, dass tatsächlich eine von ihnen noch minderjährig war. Allerdings hatte sie ihre formularmäßig ausgewiesene Erziehungsberechtigte (18) dabei.

Diese Personenkontrolle verlief recht freundlich, zumal die Damen nüchtern wirkten und glaubhaft versichern konnten, dass die Flaschen, die zu ihren Füßen standen, nicht von ihnen waren, sondern von irgendwelchen jungen Männern, die aber ein Parkdeck tiefer zu finden seien. Deswegen verrieten sie uns auch, dass die „Nachtschicht“ an diesem Abend auch für unter 18-Jährige ihre Türen öffnete. Was wiederum die Massen an Jugendlichen erklärte.

Ansonsten war das Treiben auf diesem Parkplatz unauffällig, also verließen wir ihn wieder.

Kai und Stefan zeigten mir ein Viertel von Kaiserslautern, das einen sozialen Brennpunkt darstellt. Kaum waren wir dort eingetroffen, fuhren wir hinter zwei Radfahrern her, die kein Licht am Rad hatten. Was nachts im Dunkeln grundsätzlich eine schlechte Idee ist.

Da sich zusätzlich auch noch ein leichter Alkoholduft in die Atemluft mischte, wurde ein Alkotest gemacht. Tatsächlich war einer der beiden nicht ganz nüchtern.

Beide wurden verpflichtet, ihre Fahrräder nun zu schieben. Sie gaben sich einsichtig.

Nebenbei wurden die beiden noch überprüft. Es handelte sich um Brüder. Offensichtlich meldete sich Kais Erinnerung. Während Stefan über Funk die Abfrage zu den beiden machte, fragte Kai nach:

„Hatten wir schon einmal miteinander zu tun? Irgendwie kommt mir Ihr Name bekannt vor.“
Dazu einer der beiden ganz treuherzig: „Nein, wir sind die Guten in der Familie.“
Mittlerweile war das Ergebnis der Personenüberprüfung durch den Funk gekommen. Beide hatten diverse Delikte im Bereich der Kleinkriminalität, aber auch Körperverletzungsdelikte auf ihrer Liste.
Kai: „Ihr seid die Guten? Wo sind denn dann die Schlechten?“
Antwort staubtrocken: „Die sitzen.“

 

Zurück in der Dienststelle: Stefan und Kai mussten noch einige Berichte aus der Vorschicht schreiben, so lange erklärte mir netterweise der Wachhabende seine Arbeit.

 

Anschließend bestreiften wir wieder Kaiserslautern. Wir begannen mit dem Parkplatz der „Nachtschicht“. Dort war es bemerkenswert ruhig um diese Zeit. Die Feierwütigen befanden sich alle in der Disco und feierten vor sich hin.

Weiter ging es in die Altstadt, wo der Streifenwagen an einer Kreuzung von einer roten Ampel gestoppt wurde. Während wir auf grün warteten, beobachteten wir einen Jugendlichen, der vor dem Streifenwagen die Straße querte. Da wir rot hatten, hatte er ganz offensichtlich grün. So weit, so gut. Kaum auf der anderen Straßenseite angekommen, lief er auch noch über die Querstraße.

Ähm… ja…

Er hatte eindeutig rot und da stand ein Streifenwagen…

Dann wollte er auch noch drei Leuten verkaufen, dass er gar nicht bei rot gegangen sei.

Ach so? Zwei Polizisten und eine neutrale Zeugin, alle drei farbenblind?

Diese Geldbuße von 5 Euro hatte er sich redlich verdient.

 

Kaum hatten wir die Streifentätigkeit wieder aufgenommen, bekamen wir einen Einsatz rein wegen eines Mannes, der in eine Kneipe in der Altstadt hatte eindringen wollen, obwohl er dort Hausverbot hat. Bei unserer Suche sahen wir die Altstadtstreife und auch ein paar Streifenwagen der Nachbar-PI, die mit Blaulicht am Rand der Straße standen, die die Grenze zwischen den beiden Bezirken bildet. Der Gesuchte jedoch war verschwunden.

 

Als nächstes wurden uns von einem Sicherheitsdienst Randalierer auf dem Parkplatz einer örtlichen Bank gemeldet. Ich war ja auch mal jung und habe das eine oder andere erlebt. Legendär die Party im Süden von Rheinland-Pfalz, die ich als Studentin besuchte und die von der Polizei aufgelöst wurde. Übrigens auch eine sehr gute Erfahrung mit freundlichen Polizisten, die netterweise auch noch einigen Alkoholisierten Fahrverbote aussprachen, u.a. meinem Begleiter. Ich lebte nämlich auch damals schon sehr gern. Aber irgendwie konnte ich schon damals die Vorliebe einiger meiner Mitmenschen für Parkplätze nicht teilen.

Jedenfalls fanden wir dort sechs bis acht Jugendliche vor, bis auf einen jungen Mann alles junge Frauen. Dazu ein Haufen Scherben von zerschlagenen Flaschen. Die Produktion dieser Scherben war es auch gewesen, die den Sicherheitsdienst auf den Plan gerufen hatte.

Entsprechend erfolgten auch hier Personenkontrollen. Da erstmal nichts außer den Flaschen kaputtgegangen war, animierten Kai und Stefan die jungen Herrschaften anschließend, sich dem Aufräumen des Chaos zu widmen. Was die Damen auch taten (der junge Herr übte sich weitgehend in vornehmer Zurückhaltung). Übrigens wurde auch hier auf junge Männer verwiesen, die das Ganze angerichtet hätten und dann verschwunden seien. Der männliche Jung-Kaiserslauterer ist offensichtlich eine leicht flüchtige Spezies. Wie dem auch sei, selbst wenn sie es nicht selbst gewesen waren – man ist schon verantwortlich dafür, wen man sich als Freunde aussucht. Wahrscheinlich wussten die Damen das auch, weswegen sie ja letztlich auch aufräumten. Meine beiden Herren sowie eine weitere zur Verstärkung eingetrudelte Streife dankten ihnen auch im Anschluss dafür. Die Minderjährigen erhielten die Anweisung, nach Hause zu gehen und alle erhielten einen Platzverweis für diesen Parkplatz.

 

Gerade wollten wir uns unseren Autos zuwenden, als wir plötzlich aus dem Parkhaus einen Stock tiefer lautes Motorenröhren vernahmen.

Nix wie hin, eine Treppe hinunter.

Wir erblickten zwei Autos, eines davon mit us-amerikanischer Zulassung. In jedem Auto ein Fahrer, der seinen Wagen offensichtlich für cool hielt (als ob Autos ohne Blaulichter auch nur im Ansatz cool sein könnten…) und auf Beifahrer- und Rücksitz jeweils diverse Damen, die ebenso offensichtlich die jungen Männer für cool hielten. Man(n) demonstrierte sich gegenseitig, wie laut der jeweilige Motor im Leerlauf aufheulen konnte. Macht vor allen Dingen in einem Parkhaus total Sinn, in dem man die blau-wabernde Luft bereits schneiden kann.

Auch hier gewannen die jungen Herren einen Platzverweis.

Für mich als Laie übrigens interessant, wie sich hier die Streifenteams kurzfristig auflösten und neu zusammenfanden. Die beiden Schnellsten widmeten sich dem von der Treppe weiter entfernten Fahrer, die beiden übrigen dem anderen.

 

Nachdem die beiden Herren die Örtlichkeit mitsamt ihrem Anhang verlassen hatten bestiegen wir wieder unseren Streifenwagen und wollten eigentlich weiter in Kaiserslautern nach dem Rechten sehen. Wir fuhren wenige Meter, um dort auf die Streife, von der wir uns eben getrennt hatten, zu stoßen. Offenbar hatte ein Autofahrer ihre Aufmerksamkeit erregt und wurde einer Verkehrskontrolle unterzogen. Ein weiterer Autofahrer passierte gerade diese Kontrollstelle – und der fiel wiederum meinen beiden Herrn sofort ins Auge.

In einer der letzten Schichten, als Kai und Stefan in einem Einsatz gebunden gewesen waren, den sie nicht einfach liegen lassen konnten, hatte ihn wohl der Hafer gestochen. Vor den Augen der Polizei hatte er einen provokanten Kavalierstart hingelegt. Ganz klar ein Grund, sich näher zu unterhalten. Natürlich wies er diesen Kavalierstart weit von sich, aber sowohl er als auch das Auto sind eine sehr auffällige Erscheinung. Da war eigentlich keine Verwechslung möglich.

 

Im Anschluss bestreiften wir einen Außenbezirk von Kaiserslautern, in dem sich auch Etablissements aus dem Rotlichtmilieu befinden. Plötzlich kam über Funk, dass die Bundespolizei am Bahnhof von Kaiserslautern um Unterstützung durch die Landespolizei gebeten hatte. Jemand fahre mit laut heulendem Motor in Bahnhofsnähe auffällig herum.

Kai warf das Blaulicht an und Stefan jagte den Streifenwagen zurück in die Innenstadt und zum Bahnhof.

Als wir dort einflogen, war alles ruhig. Stefan hielt vor dem Bahnhof an. Durch die Bahnhofstür kamen zwei Bundespolizisten und ein Mann mit einer großen Kamera auf der Schulter…

Mein erster Gedanke: Das sieht ja aus wie ‚Achtung Kontrolle!‘

Nachdem das Dienstliche geklärt war (der Verursacher des Autolärms war bis zum Eintreffen der Landespolizei getürmt), fragte Kai interessiert, was denn die Kamera zu bedeuten habe. Die junge Bundespolizistin antwortete:

„Das ist ‚Achtung Kontrolle!‘ Aber Ihr seid nicht im Bild.“

Sieh mal einer an!

Als wir weiterfuhren, outete ich mich im Streifenwagen als jemand, der gelegentlich diese Sendung schaut:

„Das stimmt, was sie sagt. Landespolizisten werden immer verpixelt, wenn da die Bundespolizei begleitet wird.“

Die beiden nahmen es stoisch auf, dass auch ich dunkle Seiten habe.

Diese Formate haben halt zwei Seiten. Einerseits bringen sie schon ein Stück weit der Bevölkerung Polizeiarbeit näher. Andererseits aber meinen jetzt noch mehr Leute, sie müssten der Polizei ihren Job erklären. Wenn man das aus dem Fernsehen ganz genau kennt, werden eine fundierte Ausbildung, jahrelange Berufserfahrung und einschlägige Rechtskenntnis schon mal bedeutungslos. Ich kann jedenfalls sehr gut verstehen, warum sich den meisten Polizisten beim bloßen Gedanken an solche Formate die Fußnägel hochrollen.

 

Kaum hatten wir das mit „Achtung Kontrolle!“ geklärt, wurden wir wegen einer hilflosen Person in den Einsatz geschickt.

„Rettungswagen und Notarzt sind schon vor Ort!“

Oha.

Nix wie hin.

Als wir an der angegeben Adresse eintrafen, standen vor dem Haus ein RTW und das Notarzteinsatzfahrzeug.

In einem engen Treppenhaus (die betreffende Wohnung befand sich im zweiten Stock) sammelten sich einige Menschen, von denen für die Polizei erst einmal nur die Sanitäter zuzuordnen waren. Ich hielt mich im Hintergrund, um nicht überflüssig im Weg herumzustehen.

Eine Sanitäterin klärte auch gleich Kai und Stefan auf:

„Der Herr ist verstorben. Er war mit seinem Nachbarn einen trinken. Als sie nach Hause kamen, fiel er um und verstarb wohl auf der Stelle.“

In der Wohnung befanden sich zu diesem Zeitpunkt die Notärztin, weitere Sanitäter sowie die Lebensgefährtin des Verstorbenen, die, verständlicherweise, geschockt war.

Nachdem die Sanitäter gegangen waren, überreichte die Notärztin die vorläufige Todesbescheinigung an Kai. (Zur Erinnerung: Notärzte dürfen keine endgültigen Todesbescheinigungen ausstellen, wie ich bereits in Frankenthal gelernt hatte.)

Mittlerweile hatte sich geklärt, wer die drei Herren waren, die außerdem noch im Treppenhaus anwesend waren: der Vermieter und ein Bekannter des Vermieters, die durch den Auftrieb im Treppenhaus auf den Plan gerufen worden waren, sowie der besagte Nachbar des Verstorbenen, der gleichzeitig mit ihm befreundet gewesen war. Alle gaben an, dass er schon lange an einer schweren Krankheit gelitten habe. Insofern sah es erstmal nach einem natürlichen Tod aus, sodass der Kriminaldauerdienst vorerst nicht verständigt werden musste.

Dennoch musste bis zum Eintreffen eines zweiten Arztes dafür gesorgt werden, dass der Ort des Geschehens unverändert blieb. Nun ist es für Angehörige sehr schmerzlich, einen frisch Verstorbenen in einer nicht sehr bequem aussehenden Haltung auf einem kalten Boden liegen zu sehen. Für die Polizei ist es hingegen essentiell, dass er nicht weggebracht oder zugedeckt wird, bis wirklich endgültig klar ist, dass es ein natürlicher Tod war. Sollte nämlich wirklich bei der Leichenschau ein Hinweis auf Mord oder Totschlag gefunden werden, wäre es fatal, wenn durch entsprechende Manipulationen Spuren verwischt würden. Überlegungen, die wie vom Blitz getroffenen Angehörigen natürlich erstmal fernliegen.

Entsprechend kollidieren da hochemotionale mit ganz sachbezogenen Interessen. Kai und Stefan lösten das freundlich, aber bestimmt.

Der Freund und Nachbar kümmerte sich rührend um die Lebensgefährtin, das half allen Beteiligten weiter.

Ich bediente zu dem Zeitpunkt Lichtschalter, um ansonsten durch Nichtstören nützlich zu sein.

Auch muss das Eigentum des Verstorbenen in jedem Fall gesichert werden, bis klar ist, wer der Erbe ist. Da die Lebensgefährtin des Mannes nicht mit ihm verheiratet war und auch eine eigene Wohnung hatte, durfte sie leider nicht vor Ort bleiben.

Glücklicherweise bot der Nachbar ihr seine Wohnung und Gesellschaft an, sodass sie in der Nähe bleiben konnte. Ihren Schlüssel für die Wohnung ihres Lebensgefährten musste sie aber abgeben, so wie Kai auch andere Wohnungsschlüssel einzog. Diese wurden im Nachgang von der Polizei an das Nachlassgericht übergeben, bis klar ist, wer die Rechte am Nachlass hat.

Schließlich gingen auch der Vermieter und sein Bekannter. Der Nachbar und die Lebensgefährtin begaben sich in die Nachbarwohnung.

Stefan, Kai und ich warteten im Treppenhaus auf den Arzt für die zweite Todesbescheinigung. Da kein Hausarzt bekannt war, kam ein von der Polizei bestellter Arzt. Der war auch sehr schnell, in weniger als zwanzig Minuten kam er die Treppe hoch.

Kai wies mich an, mit ihnen in die Wohnung zu kommen und die Tür hinter mir zu schließen. Das machte ich auch. Wenn ich schon mit unseren Polizisten im Einsatz bin, dann muss ich auch mit den potentiell schwierigen Anteilen fertig werden. „Och, Schätzeleins, ich warte dann mal draußen“, sobald es ein bisschen unschön wird, ist keine Option für mich.

Zudem macht mir der Anblick frisch Verstorbener nichts aus, mir geht eher das Leid der Angehörigen unter die Haut. Was nichts daran ändert, dass eine Leiche nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Aussichten zählt.

„Das Licht ist hier ein bisschen schlecht“, stellte der Polizeiarzt fest. Stefan und Kai warfen alle Lampen an, die sie finden konnten, dann drückte mir Kai seine Taschenlampe in die Hand. Stefan und ich richteten dann unsere Taschenlampenkegel gebündelt dahin, wo der Arzt sie brauchte.

Ohne ins Detail gehen zu wollen, liebe Leserinnen und Leser: wenn bei Euch die Polizei in einer derartigen Situation aufschlägt und die Tür zumacht – lasst sie zu.

Schließlich stand nach einer ausführlichen Untersuchung final fest, dass es sich um einen natürlichen Tod handelte.

Nun konnte auch der Lebensgefährtin gestattet werden, sich von ihrem Freund zu verabschieden. Der Nachbar war mittlerweile an einem Punkt, an dem er selbst auch ein bisschen Trost brauchen konnte. Er wiederholte wieder und wieder: „Eben haben wir noch zusammen ein Bier getrunken und jetzt liegt er da.“ Ich sagte ihm: „So hat er wenigstens einen schönen letzten Abend gehabt.“ Das schien wirklich ein klein wenig weiterzuhelfen, deswegen bin ich froh, hier meine Zurückhaltung aufgegeben zu haben.

Schließlich blieb uns nur noch, auf den Bestatter zu warten. Auch diese beiden Herren waren zügig vor Ort und transportierten den Verstorbenen auf einer Bahre in einem Leichensack ab.

Danach mussten wir alle erst einmal durchatmen. Manchmal würde auch gerne ich als Nichtraucherin eine rauchen.

 

Mittlerweile war es schon zwischen drei und vier Uhr morgens. Weiteres Bestreifen des Dienstgebietes. Natürlich, gegen vier Uhr, auch wieder vor der „Nachtschicht“. Wo es vordergründig sehr ruhig war. Dachten wir.

Plötzlich winkte uns wild ein junger Mann. Stefan brachte den Streifenwagen zum Halten und ließ das Fenster herunter.

„Ich möchte eine Körperverletzung anzeigen. Ich bin geschlagen worden.“
„Wohin denn?“
„Ei, ins Gesicht.“

Um Stefans Rückfrage zu erklären: Man sah in seinem Gesicht keinerlei Spuren von Gewalt. Was nicht heißt, dass er nicht geschlagen wurde. Man konnte es nur einfach nicht sehen.

Wir stiegen aus.

Nach und nach kamen weitere junge Menschen dazu: fünf junge Leute beiderlei Geschlechts, die mit diesem jungen Mann zusammen unterwegs waren, der Beschuldigte und ein junger Mann Mitte 20, der irgendwie aus der Gruppe herausstach.

Meine beiden Herren nahmen Personalien auf und dann die Aussagen. Was sich einfacher liest als es war, denn zwischen dem Beschuldigten und seinem mutmaßlichen Opfer brannte die Luft. Außerdem versuchten alle gleichzeitig bei der Polizei zu Wort zu kommen und texteten uns entsprechend wild durcheinander zu. Ich bin immer noch voller Bewunderung für Kai und Stefan, wie sie das ruhig und gelassen sortiert haben. Ich hasse es, wenn aus allen Richtungen auf mich eingeredet bis eingebrüllt wird.

Schließlich kam die Reihe an den Mitte-20-Jährigen.

„Was haben Sie mit der Sache zu tun?“
„Ich bin Polizist.“
Das in einem Tonfall, als sei er seit mindestens fünf Jahren im Dienst, was bei seinem Alter auch nicht erstmal nicht unwahrscheinlich schien…
Ohne Luft zu holen setzte er fort: „Ich habe nur geschlichtet und dann haben mich die Türsteher aus der Disko geworfen. Das dürfen die doch gar nicht. Ich bin doch Polizist.“

Hm…

Nach meinem Kenntnisstand dürfen die Sicherheitsdienste in Diskotheken jeden rauswerfen, unabhängig vom Beruf.

„Ihr müsst mal mit denen reden, dass ich wieder reindarf.“

Ist der jetzt wirklich Polizist oder macht der nur einen auf dicke Hose?

Dieser Gedanke flog mich an, ebenso wie eine gewisse Missbilligung seines Tonfalls. Als seien ihm meine beiden Herren etwas schuldig.

Kai erklärte ihm dann noch mal die Sache mit dem Hausrecht. Da war ich erleichtert, so hatte ich es nämlich auch verstanden.

Die Fragezeichen in meinem Kopf verdichteten sich noch, als er fragte: „Seid Ihr eigentlich LaPo oder BuPo?“, also Landes- oder Bundespolizei. Selbst wenn man es nicht so mit Wappen und Abzeichen hat, so sollten doch sowohl der Einsatzort (KEINE Bahnanlage) als auch das mit RPL beginnende Kfz-Kennzeichen oder die am Streifenwagen angebrachte URL (www.polizei.rlp.de) einem Polizisten etwas sagen…

Stefan: „Wenn Sie geschlichtet haben, müssten Sie doch mit einer Zeugenaussage was Sinnvolles beitragen können?“

„Ja, also eigentlich habe ich gar nichts gesehen. Aber ich bin rausgeworfen worden, obwohl ich Polizist bin.“

Ja, der junge Mann machte es seinen Kollegen gerade nicht wirklich einfacher. Da er so vehement auf seinem Beruf beharrte, obwohl die Augen meiner beiden Begleiter in Hinblick auf ihn nichts Gutes versprachen, fragte Kai schließlich:

„Haben Sie denn einen Dienstausweis Ihrer Behörde?“

„Ähm… ja.. also… nein, den habe ich nicht dabei. Aber das hier…“

Er zückte eine Karte auf seinen Namen, die Rückschlüsse darauf zuließ, dass er in der Tat bei dieser Behörde beschäftigt ist (nicht die Polizei RLP!!!).

In der Zwischenzeit wurden wiederum die Gesprächsteilnehmer so laut, dass der „Kollege“ erst einmal einige Meter weiter geschickt wurde. Insgesamt sechs Leute beharrten darauf, dass er etwas gesehen habe, was er aber weiterhin bestritt.

Auch der mutmaßliche Täter wollte die Anzeige gegen sich nicht akzeptieren, und wollte reihum von uns wissen, warum er solchen Unterstellungen ausgesetzt sei. Was sollen Polizisten dazu sagen? Bei allem Verständnis dafür, dass man sich aufregt, wenn man eine Anzeige fängt (ich wäre da auch nicht wirklich tiefenentspannt), so kann doch die Polizei nicht mehr tun, als die Aussagen aufzunehmen.

Dies nahm der junge Mann mit den lückenhaften Kenntnissen im Themenbereich „Hausrecht“ zum Anlass, sich mehrfach mit dem unnachahmlichen (und inhaltlich ja nicht unkorrekten) Satz einzumischen: „Der Polizist ist immer neutral.“ Fakt war aber, dass er die Amtshandlung störte.

Schließlich wollte Kai es dann wissen:

„Bei welcher Dienststelle sind Sie eigentlich?“

Der junge Mann nannte sie. Tief in mir klingelte etwas. Mir schwante einiges.

Die Augen meiner Streifenpartner verengten sich zu Schlitzen.

„Und wie lange schon?“

„Sieben Wochen!“

SIEBEN WOCHEN?

Mir wurde klar, dass es genau richtig bei mir geklingelt hatte.

EIN ANWÄRTER!

Ist ja der Hammer! Ich erstarrte vor dieser geballten Erfahrung.

Der junge Mann hatte echt Glück, dass ich im Einsatz grundsätzlich die Klappe und mich raus halte. Unter anderen Umständen hätte er einen anständigen Einlauf von mir bekommen. Sowas macht mich echt wütend. Solche Verhaltensweisen sind es, die das Bild unserer Polizistinnen und Polizisten als Leute, die ihre qua Beruf verliehenen Privilegien missbrauchen, zementiert. Wasser auf die Mühlen der Polizistenhasser. Bei einer strammen Polizistenfreundin kommt es auch nicht so gut an, wenn ein Anfänger altgedienten Kollegen erklären will, was sie alles für einen tun „müssten“, weil man selbst Polizist sei.

So hat er nur von Kai und Stefan ermahnende Worte unter Kollegen zu diesem nicht wirklich gelungenen Auftritt mitbekommen. Vollkommen zu Recht. Dabei blieb es dann auch. Offensichtlich waren Spuren von Einsicht zu erkennen gewesen, so dass sie weitergehende Maßnahmen wie bspw. eine Beschwerde bei den Vorgesetzten des jungen Mannes nicht für notwendig erachteten.

Ich hoffe für ihn und seine künftigen Kollegen, dass er da ganz schnell die Kurve kriegt. Da täte ein Lehrgang in Bescheidenheit dringend Not.

Bisher waren meine Erfahrungen mit Anwärtern ja immer exzellent. Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

Dieses „Highlight“ sollte auch das Letzte der Nacht sein. Beim Bestreifen der Gegend erspähten wir noch zwei junge Frauen, von denen eine in einer Senke stand.

„Alles klar?“
„Ja, ich wollte nur schon immer mal wissen, wie es ist, in einem Erdloch zu stehen.“
„Ach so. Na, dann noch viel Spaß dabei.“

Da man aus dieser Senke sehr einfach wieder rauskam, fuhren wir weiter.

 

Anschließend präsentierte Kaiserslautern sich sehr ruhig. Allerdings brachte es schon wieder ein junger Mann fertig, exakt vor dem Streifenwagen bei rot über die Ampel zu gehen. 5 Euro.

Schließlich bekamen wir noch eine Schlägerei in der Altstadt mit acht Leuten gemeldet, aber auch dort hatte sich bei unserem Eintreffen die Sachlage bereits in Wohlgefallen aufgelöst.

Stefan und Kai mussten noch die Berichte zu den Einsätzen verfassen und ich wurde noch von einer jungen Polizistin interviewt, die ebenfalls einen Artikel zu meiner Schicht vor Ort schrieb.

Schon war wieder eine ereignisreiche Nacht zu Ende gegangen.

 

Wieder einmal hätten mir meine Begleiter gern mehr gezeigt, weshalb wir das auch noch mal wiederholen möchten. Wieder einmal ist mein Bericht darüber sehr ausführlich geworden und meine Hochachtung vor unseren Polizeibeamten gewachsen.

Danke, Kai und Stefan. Danke für die herzliche Aufnahme durch die Dienstgruppe. Übrigens wurde ich im Laufe der Nacht gefragt, ob das mit dem Dialekt so für mich ginge. Fand ich sehr nett! Zugegebenermaßen hatte ich mir da selbst im Vorfeld meine Gedanken gemacht. Aber ich habe mich schnell eingehört. Westpfälzisch ist bewältigbar… ;-)

Ihr seid schon genau so richtig wie Ihr seid, „da oben“ in „Lautre“.

Allgemein Fremdbloggen

Die Bayerische Polizei trägt Blau – Pressekonferenz zur neuen Dienstkleidung (Michaela)

Nach über 40 Jahren in Grün und Beige fällt nun auch bei der Bayerischen Polizei der Startschuss für die Farbe Blau.  Die ersten Fahrzeuge sind bereits blau foliert, nach und nach werden auch die grün-beigen Uniformen durch blaue Uniformen ersetzt. Zum Auftakt der Umstellungsphase fand in der Polizei-Inspektion Erlangen-Stadt am 2. Dezember 2016 eine Pressekonferenz statt. Hier informierte der sichtlich gut gelaunte Innenminister Joachim Herrmann über alle wichtigen Details.

Manch einer steht der Umstellung skeptisch gegenüber und wünscht sich, dass die Bayerische Polizei weiterhin letzte „grün-beige Bastion“ bleibt. Diese Haltung lässt jedoch unberücksichtigt, dass viele Polizisten in Bayern schon lange die Einführung der neuen Uniform herbeigesehnt haben. Der Minister machte deutlich: Der bisherigen Uniform mangelte es an Funktionalität, Tragekomfort und Passform. So ist es kaum verwunderlich, dass sich eine deutliche Mehrheit der an der Testphase beteiligten 1.000 Polizisten für die neue Uniform ausgesprochen hat. Über die zukünftige Farbe konnten alle 27.500 uniformierten Polizisten abstimmen. Fast 70 Prozent sprachen sich für die Farbe Blau aus.

Bildquelle: police_pics_germany

Die Bayerische Uniform bleibt besonders

Doch auch wenn die Bayerische Polizei bald wie alle anderen Polizeien in Deutschland Blau trägt, bleibt die bayerische Polizeiuniform weiterhin etwas ganz besonderes. Denn in der 3-jährigen Planungs- und Testphase wurden zahlreiche Uniformen getestet, unter anderem die Uniformen der Bundespolizei, der Landespolizeien sowie Uniformen aus der Schweiz, aus Österreich und aus Italien. Herausgekommen ist ein Design, das sich vor allem an die österreichische und baden-württembergische Polizeiuniform anlehnt. Drei Polizisten und drei Polizistinnen der Polizei-Inspektion Erlangen-Stadt stellten die neue Uniform zur Schau:

  • Anders als bisher kommen in den neuen Uniformen moderne, atmungsaktive Materialien zum Einsatz, wovon vor allem der Außendienst profitiert.
  • Es gibt mehr Kleidungsstücke zur Auswahl als bisher, sodass die Kleidung besser auf den Einsatzzweck abgestimmt werden kann.
  • Auch sind einige der neuen Kleidungsstücke variabel einsetzbar. So kann an den Jacken beispielsweise der Polizei-Schriftzug entfernt werden, wenn dies aus taktischen Gründen geboten erscheint.
  • Die Kleidungsstücke sind nun sowohl in Schnitten für Frauen als auch für Männer erhältlich.
  • Einzigartige Merkmale sorgen dafür, dass die Polizei eindeutig als solche erkennbar ist. Hierzu zählen die Farbkombination Blau-Gold, die zugleich die Tradition der Bayerischen Polizei wiederspiegelt, und die blau-grauen vertikalen Streifen an den Hosen.
  • Reflektierende Elemente sorgen zudem dafür, dass die Polizeibeamten zukünftig auch bei Dunkelheit besser erkennbar sind.
Bidlquelle: police_pics_germany

Eine lohnende Investition

Zukünftig erhält jeder Polizist bei Dienstantritt ein Ausstattungspaket im Wert von 950 €. Insgesamt werden 1,2 Millionen Einzelstücke ausgeliefert. Für die Umstellung hat der Bayerische Landtag insgesamt 33 Millionen Euro bewilligt. Eine Summe, die nach Überzeugung des Innenministers bestens angelegt ist, denn die neue Uniform bedeutet für die Bayerischen Polizisten eine deutliche Arbeitserleichterung.

Die Umstellung der Uniform verläuft flächendeckend und wird in anderthalb Jahren abgeschlossen sein. Für die Fahrzeuge gilt eine längere „Galgenfrist“, aus Kostengründen werden sie erst nach und nach ersetzt.

Stärkung für die Bayerische Polizei

Bildquelle: police_pics_germany

Der Innenminister betonte abschließend die hohe Bedeutung der Polizei für die Sicherheit in Deutschland. Aus diesem Grund werde der Polizei in Bayern auf bundesweit einzigartige Weise der Rücken gestärkt. Dies zeige sich darin, dass in den kommenden 4 Jahren jedes Jahr 500 zusätzliche Stellen geschaffen werden. Zudem werde in diesem Zeitraum auch die Ausrüstung und Technik deutlich verbessert, etwa durch neue Helme, gepanzerte Fahrzeuge sowie moderne Dienstwaffen.

Zum Ende der Presskonferenz konnten die neuen Uniformen aus nächster Nähe „unter die Lupe genommen werden“: Sowohl „am Mann“ und „an der Frau“ als auch „pur“, denn sämtliche neuen Kleidungsstücke von den Socken bis zur Mütze waren im Konferenzraum zu besichtigen. Auch der Minister ließ es sich nicht nehmen, das ein oder andere Kleidungsstück selbst anzuprobieren – jedoch mit einem Augenzwinkern unter dem Vorbehalt, nicht auf Streife gehen zu müsse

Allgemein Polizistenstimmen Verein

Nach Urteil positives Feedback aus Berlin

Am 11. Februar diesen Jahres wurde in Berlin ein Polizist brutal angegriffen und verletzt. Die Polizei Berlin veröffentlichte dazu die folgende Pressemitteilung:

Berlin: Polizeibeamter bei Einsatz angegriffen und verletzt

In Wittenau musste in der vergangenen Nacht ein Polizist nach einem gewalttätigen Übergriff mit Kopf- und Halswirbelverletzungen seinen Dienst vorzeitig beenden. Gegen 22.40 Uhr wurde die Polizei zu einem Mehrfamilienhaus in der Invalidensiedlung alarmiert. Hier waren mehrere Personen in Streit geraten und es soll zu einer Körperverletzung und einer Sachbeschädigung gekommen sein. Während die Beamten mit den Beteiligten das Geschehen klärten, griff für die Polizisten unerwartet eine bis dahin unbeteiligte 45-Jährige einen der Beamten an und würgte ihn. Beide fielen zu Boden. In diesem Moment schlug der 18-jährige Sohn der Angreiferin mehrfach mit den Fäusten auf den am Boden liegenden Polizisten ein, bis schließlich weitere Streifenbeamte die Prügelattacke beendeten und ihren Kollegen aus dem Würgegriff befreiten. Bei den Ermittlungen zu den Gründen der Angriffe stellte sich heraus, dass der 18-jährige als Tatverdächtiger der vorangegangenen Straftaten infrage kommt. Hierbei hatte er sich augenscheinlich auch eine Verletzung am Bein zugezogen, die in einem Krankenhaus ambulant behandelt werden musste. Während der Ermittlungen beleidigte der junge Mann einen der Beamten noch als „Nazi“. Im Anschluss der polizeilichen Beweissicherung konnten die Beteiligten ihren Weg fortsetzen. Die Ermittlungen dauern an.

Natürlich für uns von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. ein ganz klarer Fall für eine Genesungskarte.

Symbol_Handschrift

Letzte Woche erreichte uns folgendes Feedback:

„Durch die brutale Attacke war ich insgesamt 10 Wochen krank geschrieben. Kurz danach erhielt ich von eurer Organisation eine Genesungskarte. Schon damals war ich hoch erstaunt und erfreut über diese Organisation und deren Anteilnahme.

Heute war nun der Gerichttermin. Das Urteil nach dem JGG [Jugendgerichtsgesetz, Anm. der Red.]: Verwarnung, 600€ Schmerzensgeld umgehend, 300 € Schadensersatz innerhalb eines halben Jahres, 100 Sozialstunden zum Ausgleich der Justizgeschädigtenkasse, von der ich sofort das Schmerzensgeld erhalte.

Jetzt sage ich offiziell DANKE für eure Karte.

Gruß aus Berlin

René“

 

Danke René, für diese Rückmeldung. Das motiviert uns ja auch. Und danke für Deinen täglichen Einsatz für uns alle.

 

René schrieb übrigens im Nachgang dazu, dass er für sich persönlich mit dem Urteil zufrieden sei, als Polizeibeamter hingegen nicht ganz.

Wir finden das insgesamt für 10 Wochen Krankschreibung auch ein bisschen wenig, aber wenigstens ist überhaupt etwas passiert und es hat Geld gekostet, was vermutlich dem Täter wenigstens ein bisschen weh tun dürfte.

Allgemein Polizeiarbeit

„Ich hätte dich gerne mal bei mir im Streifenwagen.“ – Nachtschicht in Neuwied

„Ich hätte dich gerne mal bei mir im Streifenwagen.“ Ganz klar ein Satz, den man zu mir nur sagen sollte, wenn man das wirklich will. Ich sag nämlich immer ja. wp-monalisa icon

Stephan wollte es wirklich und so mussten wir nur noch einen gemeinsamen Termin finden. An einem Freitagabend im September war es so weit, bewaffnet mit Red Bull trat ich meine Nachtschicht bei der Polizeiinspektion Neuwied an.

Wieder einmal unterschrieb ich diverse Formulare, einmal mehr als Schülerpraktikantin. Zielgruppe der zugehörigen Dienstanweisung: Schülerinnen und Schüler ab der 11. Klasse – passt! wp-monalisa icon

Ich wurde noch kurz der Dienstgruppe vorgestellt, dann ging es schon los. Stephans Streifenpartner Stephan und Stephan mussten gar nicht lange suchen, um den ersten Einsatz zu finden. Wir waren noch keine fünf Minuten unterwegs gewesen, als ein Motorradfahrer genau vor uns bei Rot über die Ampel fuhr.

20160924_201443_klein

Natürlich wurde er sofort aus dem Verkehr gezogen. Die Gesprächsatmosphäre war freundlich, der Fahrer einsichtig. Stephan und Stephan interessierten sich besonders für das Reifenprofil. Dieses wies nämlich so genannte „Angststreifen“ auf – das sind Abnutzungserscheinungen seitlich am Reifen. So seitlich, dass klar ist, dass der Fahrer nahezu im Liegen um die Kurve fährt. Im täglichen Straßenverkehr eher ungern von der Polizei gesehen. Allerdings konnte unser Motorradfahrer den beiden die Sorge nehmen, dass dies Folgen seines ganz normalen Fahrstils seien. Er fuhr nämlich mit der Maschine auch professionelle Rennen und zwar auf dafür vorgesehenen Strecken.

Als er wieder seiner Wege fahren durfte und wir wieder in den Streifenwagen einstiegen, sagte ich:

„Interessant, die ganzen Kinder, die da aufgetaucht sind. Die wirkten ja eher polizeifreundlich.“

Der ganze Einsatz war fasziniert von einigen Kindern aus „sicherer“ Distanz beobachtet worden.

„Heute gucken sie noch, morgen beleidigen sie uns.“

Oha…

Der oben zitierte Satz über unser Publikum hatte Stephans Lippen noch nicht ganz verlassen, als ein weiterer Streifenwagen unseren Weg kreuzte. Übergangslos endete die Äußerung mit:

„Vorsicht! Die Bullen.“

Meine beiden Stephans beherrschen Ironie, Selbstironie und Sarkasmus in Perfektion. Sprachen, die mir auch nicht ganz fremd sind. Legendär der Dialog, der sich schon im Vorfeld der Nachtschicht abgespielt hatte.

Stephan: „Hast du schon einmal eine Blutprobe erlebt?“
Ich: „Nein.“
Stephan: „Dann wird es ja mal Zeit.“
Ich: „Ich war auch noch bei keiner dabei…“

 

Der Nächste, der geradezu um eine Kontrolle bettelte, war der Fahrer eines Autos mit einer roten Nummer. Diese war in einem Nachbarlandkreis ausgestellt worden, was den beiden Stephans schon kurios vorkam. Der Fahrer und seine Beifahrerin waren nämlich nicht in der Richtung dieses Landkreises unterwegs. Entsprechend wurde er auch mit passenden Signalen darauf aufmerksam gemacht

Tatsächlich nutzte der Herr die rote Nummer reichlich regelwidrig. Wie ich bei der Gelegenheit lernte, darf man diese Nummernschilder für exakt drei Arten von Fahrten nutzen: Überführungsfahrten (Käufer aus Landkreis A kauft Auto in Landkreis B, der schnellste Weg von A nach B ist die Überführungsfahrt), Probefahrten (wer kennt sie nicht, die roten Nummern, die Autohäuser anschrauben, wenn man mal Probe fahren will?) und Prüffahrten.

„Ah, aber ich mache doch eine Prüffahrt!“

Hochgezogene Augenbrauen bei beiden Stephans.

„Ich besitze einen Gebrauchtwagenhandel und ich prüfe die Autos ausführlich, bevor ich sie meinen Kunden verkaufe.“

Ah ja…

Der Herr (und ich auch gleich mit) wurde dann aufgeklärt, dass nur spezielle Prüfer diese Prüffahrten durchführen können.

„Aber ich muss doch meine Ware prüfen…“

Manche wissen einfach nicht, wann Schluss ist. Auch durch die mehrfache Wiederholung dieser Aussage änderte sich die Rechtslage nicht. Übrigens auch nicht dadurch, dass der Herr „um die Ecke“ wohnte, womit er sich anschließend aus der Affäre ziehen wollte.

Im Nachbarlandkreis befand sich übrigens sein Geschäft. Ich finde es auch nicht wirklich nachvollziehbar, dass sich meinen beiden Herren irgendwie der Verdacht aufdrängte, dass dies nicht die erste und auch nicht die letzte unsachgemäße Nutzung der roten Nummer gewesen sein dürfte. *Ironie aus*

(Symbolfoto - andere Einsatzörtlichkeit)
(Symbolfoto – andere Einsatzörtlichkeit)

 

Für uns war es nun an der Zeit, eine kleine Zwischenmahlzeit einzuwerfen. Meine Freude und mein Erstaunen hielten sich die Waage, dass tatsächlich die gesamte Dienstgruppe zu einer gemeinsamen Kurzmahlzeit zusammenkam. Das hatte ich noch nie erlebt.

 

Dieser Zustand hielt auch nicht sehr lange an, wir bekamen einen Einsatz wegen einer Körperverletzung rein. Eine Frau hatte den Notruf gewählt, sie gab an, dass ihr Lebensgefährte sie verprügelte.

Meine erste Blaulichtfahrt mit Stephan.

WOW!

Am Einsatzort erwartete uns eine Frau in meinem Alter. Ihr Lebensgefährte war etwa 20 Jahre jünger als sie, was ganz offensichtlich einen Teil des Problems darstellte (Eifersucht auf ihrer Seite). Beide wollten ihre Version der Geschichte loswerden. Jeder Stephan widmete sich einer der beiden Parteien. Ich blieb mit bei der Frau.

Sie entschied sich dafür, den Mann für vier Tage aus der Wohnung zu verweisen. Stephan hatte die entsprechenden Formulare im Streifenwagen liegen lassen. Aber es gab ja eine Praktikantin… wp-monalisa icon Der warf er auch den Autoschlüssel zu.

Also, Leute, merken! Ich kann nicht nur Lichtschalter bedienen, ich kann auch laufen und Formulare tragen. Und Schlüssel fangen.

Kaum war der Formularkrieg nach etwa 30 Minuten beendet, wollte Stephan einen Alkotest machen lassen. Die Atemluft legte das auch nahe.

„Gerke, ich muss dich noch mal schicken…“

„Einen Alkomaten?“

Gut, dass ich den Schlüssel noch hatte. Schwupps, weg war ich.

Ernsthaft. Schickt mich! Ein Dasein als Achslastbeschwerer ist nicht so mein Ding.

Nachdem der Mann seinen Koffer aus dem Nebenzimmer geholt und gepackt hatte sowie seinen Wohnungsschlüssel übergeben hatte, rückten auch wir wieder ab.

„Den schmeißen wir spätestens morgen sowieso wieder raus.“

Gelegentlich habe ich den Eindruck, dieses Gefühl der Vergeblichkeit ist manchmal schwieriger zu ertragen als Respektlosigkeit und Gewalt.

(Symbolfoto - andere Einsatzörtlichkeit)
(Symbolfoto – andere Einsatzörtlichkeit)

 

Der nächste Einsatz war aber nicht vergeblich – ein Radfahrer in der Fußgängerzone gewann eine Verwarnung.

 

Die nächste Blaulichtfahrt (wieder WOW!). Vor dem Kino wurde eine Auseinandersetzung gemeldet. Schon im Anflug wurden wir von zwei Kollegen der beiden Stephans angefunkt: „Hat sich schon erledigt, wir haben das hier im Griff!“

 

Und wieder eine Verkehrskontrolle. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, warum meine Stephans den Wagen herauswinkten. Es dauerte jedenfalls eine ganze Weile, bis der Fahrer endlich auf uns aufmerksam wurde. Als es endlich soweit war, kam ein Einsatz rein. Familienstreit, Handgreiflich. Im Beritt der Nachbar-PI. Also ließ Stephan, der Beifahrer, sein Fenster runter. Der Fahrer unseres soeben gestoppten Fahrzeuges auch.

„Hat sich erledigt!“

Merken, liebe Leser, wenn Euch sowas passiert – Ihr werdet nicht gerade gepflegt hochgenommen, sondern es ist dann was Heftigeres reingekommen. Es schadet dann auch keinesfalls, sich, während der Streifenwagen davonfliegt, Gedanken um den Allgemeinzustand des Kfz oder den eigenen Fahrstil zu machen. wp-monalisa icon

Wieder eine Blaulichtfahrt. Die war so richtig WOW! Die Gesetze der Physik sind dehnbar und es ist erstaunlich, was man mit einem Passat alles machen kann. Wenn man es kann…

 

Am Einsatzort angekommen, erwartete uns schon der neunjährige Sohn der Familie, der die Polizei alarmiert hatte. Meine beiden Stephans teilten sich wieder auf, einer sprach mit der Mutter des Sohnes, einer mit dem Stiefvater. Eine weitere Streife flog ein.

Wieder einmal kam die Familienkatze und bildete weiteres interessiertes Publikum.

Letztlich waren die Emotionen hochgeschlagen, aber keine Straftaten feststellbar. Entzündet hatte sich der Streit an einer Diskussion über Inzest, wie auch immer die Beteiligten auf dieses Thema gekommen sein mochten.

Wir rückten ab.

 

Zurück im Gebiet der PI Neuwied bestreiften wir die Gegend. Nächster Einsatz: Eine Rollerkontrolle. Der junge Mann hatte auch prompt keine Papiere. Allerdings war er nur noch eine Straßenecke von zuhause entfernt. Also folgte ihm der Streifenwagen.

„Warum haben denn seine Hände so gezittert?“

„Ich glaub, der war nur nervös.“

Darauf tippte ich auch. Der junge Mann schien noch nicht allzu oft mit der Polizei zu tun gehabt zu haben, was aus meiner Sicht für ihn sprach.

Er verschwand in der Wohnung und suchte seine Papiere.

Die Mutter des jungen Mannes erschien vollkommen aufgelöst an der Haustür.

„Hat er was angestellt?“

Offensichtlich schien das für ihren Sprössling ungewöhnlich.

„Nein. Wir möchten nur die Papiere für den Roller sehen, und schon sind wir wieder weg.“

Ganz klar eine Familie mit großem Respekt vor der Polizei, denn wirklich beruhigt war sie nicht.

„Ist was mit dem Roller nicht Ordnung?“
„Doch, doch, alles ok. Es geht nur um die Papiere.“

So war es dann auch. Die Papiere waren ok, wir rückten ab.

 

Weiterstreifen. In einem Vorort von Neuwied saß ein junges Mädchen einsam auf einer Treppe.

Streifenwagen Stopp!

„Alles in Ordnung?“
„Ja, ich warte hier nur auf meine Freunde.“
„Alles klar!“
Fand ich ja schon irgendwie nett!

 

Weiterstreifen. Der Neuwieder Zoo liegt dunkel und abgelegen, entsprechend wird er hier und da bestreift, um die lichtscheuen Vertreter unserer Gesellschaft da herauszuhalten.

Wieder in der Innenstadt erspähten die Stephans auf einem Schulhof ein paar Jugendliche, rauchend und umgeben von Flaschen, deren Inhalt nicht gerade wie Gemüsesaft rüberkam.
Also eine Personenkontrolle. Es sollte schon geklärt werden, ob die jungen Leute alle bereits rauchen und Alkohol trinken durften.
Dabei traten die beiden Stephans so locker aber bestimmt auf, dass dies in guter Stimmung und zügig vonstatten ging. Es waren aber auch alle jenseits der Altersgrenze! Da keiner volltrunken wirkte, streiften wir weiter.

(Symbolfoto - andere Einsatzörtlichkeit)
(Symbolfoto – andere Einsatzörtlichkeit)

 

Der nächste Einsatz. Ein Jugendbetreuer eines Heims für Jugendliche hatte den Notruf gewählt, wegen Sachbeschädigung. Bei Eintreffen an der angegebenen Adresse standen mehrere Gruppen junger Menschen am Straßenrand. Sie alle schauten interessiert auf den Streifenwagen, während wir vorbeifuhren. Am Ende der Straße hielt Stephan an, beide Stephans tauschten einen fragenden Blick. Also wenden, und zurück.

Bei einer der Gruppen hielt Stephan auf gut Glück an.

„Haben Sie die Polizei gerufen?“
„Ja, das war ich.“

Ach ja. Manchmal hilft es schon, wenn man sich bemerkbar macht, wenn man den Streifenwagen sieht, den man einbestellt hat. Bei aller Kompetenz, die unsere Polizeibeamten an den Tag legen – Hellsehen wird an bundesdeutschen Polizeischulen nicht gelehrt.

Nun aber zum Einsatzanlass: Zwei junge Männer waren über den Zeitpunkt, an dem sie abends im Heim hätten erscheinen sollen, in Koblenz unterwegs gewesen. Als sie heimkamen, wollten sie essen. Allerdings war die Küche bereits geschlossen und sie hatten sich gewaltsam Zugang zur dieser verschafft.

Für mich nachvollziehbar, dass der Betreuer sofort die Polizei einschaltete. Es war sein erster Nachtdienst. Da sollte man direkt klarmachen, wo die Grenzen liegen.

 

Nächster Einsatz: Ein Anruf wegen Ruhestörung auf einem Oktoberfest. Wir fuhren hin. Wieder einmal konnte ich nichts hören, was ich als Lärm bezeichnet hätte… meine Mitbürger überraschen mich immer wieder.

 

Schließlich kam ein Einsatz rein. Der Notruf war gewählt worden wegen randalierender Jugendlicher am Rhein. Offensichtlich warfen diese Flaschen in den Rhein. Wir fuhren hin.

Am angegeben Ort fanden wir aber niemanden vor. Einige Meter weiter allerdings gingen drei Jugendliche über die Straße. Die beiden Stephans unterzogen sie einer Personenkontrolle. Allerdings konnten sie nicht mit dem „Randalieren“ am Rhein in Verbindung gebracht werden. Also wünschten die beiden ihnen einen schönen Abend und wir fuhren weiter Streife.

 

Nachdem die beiden Stephans noch eine Fahrzeugkontrolle vorgenommen hatten, bestreiften wir eine doch recht unwegsame Ecke von Neuwied. Auf einem Radweg. Unsere Polizeibeamten scheuen wirklich keine Mühen, um für Ordnung zu sorgen. Heute war hier allerdings alles ruhig.

20160924_201529_klein

 

Ganz im Gegensatz zur Neuwieder Fußgängerzone, in die wir später wieder einbogen. Zwei junge Männer rannten schlagartig los. Stephan gab Gas. Knapp bevor wir sie hatten, entwischten die beiden in eine Passage. Stephan stieg aus und rannte hinterher. Ich blieb im Wagen und Stephan fuhr einmal um den Block.

Um ein Haar hätten wir sie bekommen. Jetzt waren sie wie vom Erdboden verschluckt.

Schade!

 

Anschließend fuhren wir zurück zur Wache. Bis auf uns waren alle Streifen draußen. Stephan war in dieser Nacht Dienstgruppenleiter und musste noch das eine oder andere erledigen.

Plötzlich trat ein Mitbürger auf den Plan, der den Notruf wegen einer Ruhestörung gewählt hatte. Dies zu einem Zeitpunkt, an dem alle Streifen draußen gewesen waren. Entsprechend hatte er zur Antwort bekommen, dass jetzt sofort niemand geschickt werden könnte, man aber eine Streife schicken würde, sobald es ginge. Weil er wohl eh nicht schlafen konnte, war er zur Polizeidienststelle Neuwied gefahren und hatte festgestellt, dass da jede Menge Streifenwagen davorstehen. Also fuhr er wieder heim und rief dort an – just als Stephan wieder im Hause war.

Er warf der Polizei vor, ihn zu belügen, denn es hätten haufenweise Streifenwagen vor der Dienststelle gestanden.

Ähm… ja…

Noch fahren die aber nicht von alleine…

(Die Anzahl der Streifenwagen vor einer Polizeidienststelle sagt nichts aus über die Anzahl der verfügbaren Polizeibeamten)
(Die Anzahl der Streifenwagen vor einer Polizeidienststelle sagt nichts aus über die Anzahl der verfügbaren Polizeibeamten)

 

Die Nacht bekam einen Hänger. In Neuwied wurde es sehr ruhig, ebenso im Funk. Im Grunde der am schwierigsten zu überstehende Teil, wenn die Nacht sich schon dem Ende zuneigt und alle irgendwie wach bleiben müssen. Auch das sollten Leute erlebt haben, die glauben, die Arbeit unserer Polizeibeamten beurteilen zu müssen. Sich wach zu halten ist nicht immer ganz leicht.

 

Endlich kam wieder ein Einsatz rein. Fußgänger auf der B256, und zwar auf der schicken Hängebrücke, die sich zwischen Neuwied und Andernach über den Rhein spannt.

Da meine beiden Stephans den Besuch (mich) hatten, schnappten sie sich den Einsatz. Mit Blaulicht und Martinshorn ging es los. Auf der anderen Rheinseite angekommen, guckten wir erst mal dumm, denn da war niemand gewesen. Stephan ging massiv vom Gas und zog das Auto in die Kurve, mit der man auf die B9 gelangt. Vorsichtshalber ließen die beiden das Blaulicht noch mal an.

Plötzlich wurde das Blaulicht von einer kleinen weißen Fläche zurückgeworfen. Wir erschreckten uns alle drei. Da hatten wir unseren Fußgänger – einen Meter neben dem Fahrbahnrand.

Stephan zog den Streifenwagen rechts ran. Der andere Stephan stieg aus und begann mit dem Mann zu reden.

Er war in einer Disko gewesen und hatte dort offensichtlich auch bewusstseinsverändernde Substanzen konsumiert. Anschließend hatte er nach Hause gewollt und das auch seinem Navigator im Smartphone so mitgeteilt. Vergessen hatte er das winzige Detail, dass er als Fußgänger und nicht mit dem Auto unterwegs war… und ihm fiel auch so gar nichts daran auf, dass er auf einer Schnellstraße unterwegs war.

Joah…

Da halt auch die Gardinenpredigt nicht viel, die Stephan ihm hielt – da war allein aufgrund des Zustandes keine Einsicht möglich.

Also packten ihn die beiden in den Streifenwagen (ich wieder auf dem Beifahrersitz) und fuhren ihn zur Dienststelle, wo er kurz darauf von seiner Freundin abgeholt wurde.

 

stickered_20160925_060514_klein

 

Damit war auch diese Nacht schon um.

 

Meine beiden Stephans waren ein wenig enttäuscht, weil die Nacht zu ruhig gewesen war im Vergleich zu sonst.

Und ich? Ich habe über acht Seiten mit dieser Nacht vollgekriegt. Wie viele wären es nach einer unruhigen Nacht gewesen?

Wieder einmal haben mich meine Streifenpartner beeindruckt. Ihr macht einfach einen tollen Job bei der Polizei in Deutschland, ich kann mich da nicht oft genug wiederholen.

Danke dafür!

Allgemein

Ein sehr individuelles Schichtmodell – 14 Stunden mit der Polizei in Fürth

Böse Zungen behaupten ja, ich könne nicht entspannen im Urlaub. Begründung: „Du widmest Dich Abzeichentauschaktionen und besuchst Polizeidienststellen.“

Dem muss ich klar widersprechen. Also nicht dem Teil mit den Abzeichen und den Dienststellen – der trifft zu. Aber dem mit der nichtvorhandenen Entspannung. Bekanntlich entspannt man sich, wenn man Spaß hat. Davon habe ich jede Menge, wenn ich Abzeichen tausche und Polizeidienststellen besuche. Für mich ist es eine Wohltat, mich mal einige Wochen am Stück nicht mit den vielfach unsäglichen Kommentaren in den Sozialen Netzwerken und mit einem Verein immer verbundenen Verwaltungstätigkeiten (knicken, lochen, abheften – in dieser Art des Dreikampfes habe ich es als Vereinsvorsitzende zur Olympiareife gebracht) auseinandersetzen zu müssen. Da bin ich auch konsequent. Polizeikontakte als solches finde ich nun aber nicht sonderlich unentspannt. Unentspannt wäre es vermutlich eher, dem komplett aus dem Weg gehen zu wollen. So unterbesetzt ist die Polizei in den Gegenden, in denen ich unterwegs bin, zum Glück noch nicht, dass ich es hinbiegen könnte, sie ohne größere Verrenkungen gar nicht mehr zu Gesicht zu kriegen…

In meinem letzten Sommerurlaub hielt ich mich auch für eine Weile in Fürth auf. Zum dortigen Dienststellenleiter habe ich einen netten Kontakt, der, analog zu dem Kontakt zur Polizei Bremen, durch eine Genesungskarte zustande kam. Vor einigen Jahren bedankte sich der Herr sehr nett für Karten, die seinen Leuten zugingen. Kurz darauf las ich eine Meldung, dass in Fürth ein Einsatzleiter im Rahmen eines Versammlungsgeschehens einen Stein an den unbehelmten Kopf bekommen hat. Das fand ich dann eine Karte wert, auch wenn nichts von schwereren Verletzungen in der Pressemitteilung stand. Es stellte sich heraus, dass es dieses Mal genau diesen Dienststellenleiter erwischt hatte. Wieder nahm er Kontakt zu mir auf und lud mich, sollte ich einmal in Fürth weilen, zu einem Besuch seiner Dienststelle ein. Das nahm ich dann vor zwei Jahren wahr und da mir Mittelfranken gefällt, war ich diesen Sommer wieder da.

Zwar hatte er mir per Mail angekündigt, dass ich auch bei der Fürther Polizei mitfahren dürfe. Bei meinem Auftauchen dort zum abgesprochenen Termin hatte ich aber noch an eine Absprache gedacht. Überraschung, ich durfte ab sofort (11 Uhr morgens) mitfahren. Das nahm ich natürlich gerne an. wp-monalisa icon

 

20160817_133716_klein_schriftMeine erste Streife, Daniel und Myriam, fragten mich – natürlich – erst einmal über den Verein aus. Fürth präsentierte sich zu diesem Zeitpunkt noch recht ruhig, obwohl wir durchaus den einen oder anderen Drogenumschlagsplatz anfuhren.

Wie eigentlich immer wussten meine beiden Streifenpartner nicht, ob sie diese Ruhe gut finden sollten oder lieber nicht. Irgendwie ist ja ein ruhiger Tag auch mal schön, aber irgendwie ist es auch blöd, wenn man Besuch hat und seine Arbeit präsentieren möchte. Wie immer versuchte ich zu erklären, dass ich weiß, was unsere Polizeibeamten leisten, auch wenn mal nicht ein Einsatz nach dem anderen einschlägt… Und ich kam dazu, eine Menge Fotos von grün-weißen Streifenwagen zu machen. Ich bin ja in einem Alter, in dem ich mich noch sehr schnell an das grüne Modell zurückgewöhnen kann.

 

20160817_123829_klein_schrift

Apropos Streifenwagen in Bayern. BMW. Wunderbar. Ich gebe zu, in meinem Alter merkt man das schon in den Knien, wenn man öfter ein und aussteigt. Ich fürchte, ich wirkte dabei auch nicht unbedingt elegant. So richtig viel Platz hat man auch nicht. Aber bei einer Einsatzfahrt, bei der doch arg beschleunigt wird – Wahnsinn. Das Ding liegt wie ein Brett auf der Straße. Alles hat seine Vor- und Nachteile.

dsc01129_klein_schriftHier einmal zu Illustrationszwecken ein Foto eines BMW-Streifenwagens in München, der vor meinem Sightseeing-Bus mit sehr hoher Geschwindigkeit und Sondersignalen um eine Verkehrsinsel herumflog. Man sieht die Fliehkräfte recht gut…

Nachdem ich alle Drogenumschlagplätze und sonstigen Hot Spots gezeigt bekommen hatte, wo heute überall himmlische Ruhe herrschte, fuhren wir einen Treffpunkt der Trinkerszene am Bahnhof an. Dort begegneten wir einem alten Bekannten der Fürther Polizei – ein Herr, der durch aggressives Betteln sein Brot verdient. Ihm wurde ein Platzverweis erteilt. Übrigens sah ich ihn bereits am Tag darauf wieder, als ich am Fürther Bahnhof ausstieg, um einige Briefe zum Postamt zu bringen. Am Treffpunkt der Trinkerszene trafen wir auch einige Herren an, denen ebenfalls ein Platzverweis erteilt wurde. Mit einem der Herren unterhielt sich Daniel länger – sein Gesprächspartner war nämlich ziemlich frisch aus dem Gefängnis entlassen worden. Offenbar fühlte er sich dem Leben außerhalb der Gitter nicht so recht gewachsen, er wollte gerne wieder „einfahren“.

In nördlicher gelegenen Bundesländern (also in allen außer Bayern und Baden-Württemberg) hat die bayerische Polizei den Ruf, recht ruppig vorzugehen. Ich persönlich kann das so nicht bestätigen, ich habe an diesem Tag bei der bayerischen Polizei genau die kommunikativen Fähigkeiten vorgefunden, die ich so schätze, wie in Rheinland-Pfalz und Bremen auch. Nur mit anderem Akzent… wp-monalisa icon Bei diesem Gespräch sah ich sie zum ersten Mal.

Jedenfalls erzählte mir danach Daniel einiges über das, was in deutschen Knästen so vor sich geht. Ich muss zugeben, dass ich seitdem noch klarere Zweifel daran habe, ob eine Gefängnisstrafe den betroffenen Menschen besser machen kann, als zuvor schon. Gut, werden mir manche entgegenhalten – aber er ist immerhin einige Monate / Jahre von der Straße weg und kann der Gesellschaft nicht mehr schaden. Tja… wenn er aber als Kleinkrimineller einfuhr und kommt als voll ausgebildeter Berufskrimineller wieder raus – ob das der Gesellschaft so viel weiterhilft? Ich bin mir da ehrlich nicht so sicher – auch wenn mich für dieses Bekenntnis einige Leserinnen und Leser unserer Internetpräsenzen steinigen werden. Eine bessere Idee habe ich aber auch nicht.

Zumindest aber könnte die eine oder andere Geldstrafe etwas höher ausfallen, damit es auch wirklich mal weh tut.

 

Last but not least hatten wir einen Einsatz wegen eines Verkehrsunfalls. Zwei KfZ waren vor einem Supermarkt ineinander geprallt, eine durch eine Baustelle bedingte Fahrbahnverengung hatte einen Herrn veranlasst, die Spur zu wechseln und eine junge Frau war nicht schnell genug beim Bremsen. Die Stimmung an der Unfallstelle war recht friedlich. Es hatte sich auch ein unbeteiligter Zeuge gefunden. Daniel und Myriam nahmen die Personalien der Beteiligten auf. Der Unfall selbst wurde dann – eine bayerische Spezialität – von der Verkehrspolizei aufgenommen. Diese Polizisten kommen dann ins Spiel, wenn es Verletzte gibt – was sich erstmal wild anhört, in dem Fall aber unblutig blieb, da es sich um Rückenschmerzen durch den Aufprall handelte.

 

Nun war es schon an der Zeit für die Übergabe an die nächste Schicht / Streife. Nun fuhr ich mit Kevin und Max. Diese beiden jungen Männer beschäftigten meine Lachmuskeln sehr intensiv. Selbstverständlich traten sie den Menschen, mit denen sie dienstlich in Kontakt gingen, gegenüber angemessen auf. Auch diese beiden hatten diese kommunikativen Fähigkeiten, die ich so schätze. Aber im Streifenwagen wurde ausgiebig gewitzelt. Mir taten nach meinem persönlichen Schichtende um zwei Uhr nachts die Lachmuskeln weh.

 

Unser erster Einsatz war ebenfalls ein Verkehrsunfall. Auch hier hatte es bei einem Spurwechsel geknallt. Ein älteres Ehepaar war einer Dame mit Kindern im Auto aufgefahren. Die Zeugen, die dankenswerterweise den Notruf betätigt hatten, hatten insgesamt die Unfallfolgen leicht überschätzt, denn nach und nach trudelten einige Blaulichtfahrzeuge der verschiedensten Fakultäten ein.

20160817_182938_klein_schrift

Bei einigen Zeuginnen stieg kurzfristig das Aggressionsniveau, als eine weitere Zeugin ihren Eindruck des Unfallhergangs schilderte. Offensichtlich gab es hier Unterschiede in der Wahrnehmung. Allerdings brachten meine beiden Streifenpartner freundlich, aber bestimmt, Ruhe in die Sachlage. Interessanterweise waren die eigentlich Betroffenen viel ruhiger. Nach einer ersten emotionalen Aufwallung noch vor unserem Eintreffen überwog doch das gegenseitige Verständnis für den Schreck, den die Menschen im jeweils anderen Auto erfahren hatten. So geht’s halt auch.

Da hier schmerzende Rücken und Halswirbelsäulen zu beklagen waren, wurde wieder die Verkehrspolizei hinzugezogen.

Für mich erstaunlich übrigens – plötzlich zog ein Herr meinen Blick auf sich, weil er mit einer sehr guten, lichtstarken und auffälligen Kamera auf den Plan trat.

„Presse“, flüsterte mir einer meiner beiden Herren zu.

Spannend, wie schnell sich solche Vorfälle rumsprechen.

 

Nur wenige Kilometer von diesem Einsatzort entfernt, auf der gleichen Straße, wurde der Polizeinotruf erneut gewählt. Eine hilflose Person sollte sich auf einer Bank an einer Bushaltestelle befinden. Da Max und Kevin just die Informationen über die aufgenommenen Personalien an die Verkehrspolizei weitergereicht hatten, bekamen wir den Einsatz. Tatsächlich fanden wir recht schnell unseren Einsatzort. Es handelte sich um die vorletzte Haltestelle einer Buslinie.

Schon aus dem Auto heraus gab es klare Anzeichen dafür, dass hier starker Alkoholkonsum die Ursache sein könnte. Der Mann lag nämlich quer über drei Schalensitzen. Bequem kann das nicht gewesen sein. Offenbar war da das Schmerzempfinden weitestgehend ertränkt worden.

Max und Kevin versuchten, den Mann darauf aufmerksam zu machen, dass vor ihm ein Polizeiauto stand – keine Chance.

Wir stiegen aus.

Symbolfoto (andere Einsatzörtlichkeit)
Symbolfoto (andere Einsatzörtlichkeit)

Die These des gesteigerten Konsums harter alkoholischer Getränke erhärtete sich – sie setzte sich sozusagen in unseren Nasenlöchern fest. Es war ein warmer Tag mit um die 25 Grad. Die Sonne schien erbarmungslos in diese Haltestelle, die Glaswände hielten jeden Wind ab. Die Wirkung des Alkohols dürfte das noch gesteigert haben.

Neben dem Mann lagen zwei Tüten.

Während Kevin überprüfte, ob der Mann überhaupt noch Puls hatte, durchsuchte Max die Tüten. In einer befanden sich diverse Flaschen eines preiswerten, aber harten, Schnapses. In der anderen befand sich – Gefriergut. Dieses war natürlich durch das lange Stehen in der Sonne komplett aufgetaut und nach meinem persönlichen Dafürhalten nicht mehr genießbar. Wegnehmen durfte es ihm die Polizei aber nicht.

Kevin rüttelte den Mann wach.

Es lag auf der Hand, dass er wirklich heillos betrunken war. Zudem sprach er nicht sehr gut deutsch, so dass die Konversation sich schwierig gestaltete. Zuerst wollten meine beiden Herren wissen, mit wem sie eigentlich zu tun hatten.

„Wie ist Ihr Name?“

Keine Antwort, leerer Blick.

„Haben Sie einen Ausweis dabei?“

Noch leererer Blick.

„Passport?“

Wildes Kopfschütteln.

„Ich arbeite bei…“

Er nannte uns den Namen seines Arbeitgebers. Ein Arbeitgeber, der mit Tiefkühlprodukten zu tun hatte. Ich konnte die Absurdität der Situation durchaus im Stillen für mich würdigen.
Endlich verstand er aber, dass er seinen Namen sagen sollte.
Er gab uns die Information seines Vornamens.
Kevin hielt ihm sein Notizbuch und einen Stift hin und bedeutete ihm, er solle es aufschreiben. Das tat er auch. Was Alkohol aus einer Schrift machen kann…

Schließlich entlockten sie ihm auch noch seine Adresse und sein Geburtsdatum. Da uns 96 als Geburtsjahr etwas unwahrscheinlich erschien (der Mann war alterstechnisch deutlich näher an mir als an den beiden Polizisten, mit denen ich unterwegs war), handelte es sich hier offensichtlich um einen Zahlendreher.
Hoffentlich der einzige…

Mit diesen spärlichen Angaben konnte Kevin tatsächlich herausfinden, wer er war und wo er wohnte. Er wohnte genau am anderen Ende der Buslinie. Offensichtlich hatte er das kurz vor der Endhaltestelle bemerkt und war ausgestiegen. Allerdings hatte er dann vergessen, die Straßenseite zu wechseln und war alkoholbedingt an der Ausstiegshaltestelle eingeschlafen.

Max und Kevin erklärten ihm sehr geduldig und mehrfach, dass er auf die andere Straßenseite müsse, um seinen Bus nach Hause zu nehmen. Er stand auf und konnte sogar gerade gehen. Ein Alkotest ergab eine gar nicht mal so hohe Alkoholisierung. Deswegen war eigentlich nur noch eine Frage offen:

„Haben Sie eine Fahrkarte?“

Schließlich sollte es nicht passieren, dass er schwarz fuhr – und das noch sozusagen auf Anweisung der Polizei.

„Na klar.“

Er griff sich… in die Unterhose… und holte da eine Brieftasche hervor, die er Kevin in die Hand drückte.

Ich muss zugeben, dass es mir in diesem Moment sehr schwer fiel, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten; sie wollten mit aller Macht entgleisen.

Was war ich dankbar, dass ich das nicht entgegennehmen musste. Ich nehme an, Kevin war heilfroh, dass er noch Handschuhe trug. In dieser Brieftasche fand sich nicht nur eine gültige Fahrkarte, sondern auch ein Ausweis…

Kommunikation mit Alkoholisierten ist nur bedingt effektiv…

Wieder im Streifenwagen – unseren Gesprächspartner mitsamt seinen Tüten und seiner Fahrkarte im richtigen Bus nach Hause wissend – mussten wir erst einmal kräftig lachen. Keinem von uns war der Widerspruch zwischen seinem Arbeitgeber und seinem Umgang mit Tiefkühlkost entgangen.

 

Als nächstes versuchten wir eine Gewaltschutzverfügung an den Bewohner eines Flüchtlingsheims zuzustellen. In diesem Fall handelte es sich um einen Mann, der sich seiner Noch-Ehefrau nicht mehr nähern durfte.

Übrigens gab es in Fürth wohl in diesen Flüchtlingsheimen bislang nicht ein einziges Mal Ausschreitungen gegen die Polizei. Das heißt nicht, dass es solche nirgends gibt. Es heißt aber auch, dass diese Verallgemeinerei hier genau so wenig weiterhilft wie überall… Bei einer Million Menschen liegt auf der Hand, dass nicht nur Gute darunter sind. Aber ebenso sind nicht nur Schlechte darunter. Menschen eben…

Nun hilft es sicher, dass in Fürth in erster Linie Familien untergebracht sind. Dennoch sind diese Verallgemeinerungen vollkommen sinnlos, egal, wen sie betreffen.

Diese Zustellung mussten wir abbrechen, da wir einen Einsatz reinbekamen. Ein räuberischer Diebstahl hatte stattgefunden. Ein Handy war geraubt worden. Der Täter – ein Jugendlicher von 14 Jahren mit einem orangen T-Shirt. Er war einer Zivilstreife, die ihn angehalten hatte, davongefahren. Wir halfen bei der Fahndung. Letztlich trafen wir ihn bei sich zuhause an. Ebenso fand sich das Handy in seinem Besitz.

„Das hat mir der X zur Aufbewahrung gegeben und dann nicht mehr wiederhaben wollen.“

Ein Jugendlicher, der sich freiwillig über einen längeren Zeitraum und über eine größere räumliche Entfernung von seinem Smartphone trennt?

Das erschien mir persönlich höchst unwahrscheinlich.

Da es mittlerweile auch Zeugenaussagen gab, die die Version des Raubopfers belegten, nahmen wir ihn mit auf die Wache. Sein Vater weigerte sich, ihn zu begleiten. Für seinen Geschmack hatte sein Sohn einmal zu oft mit der Polizei zu tun gehabt. Seine Mutter hingegen bestand darauf, bei der anstehenden Vernehmung dabei zu sein.

Bei der Vernehmung durfte ich zeitweise zugegen sein. Ich war beindruckt. Zum einen, wie angebrüht ein 14-Jähriger schon lügen kann. Zum anderen aber war ich sehr positiv beeindruckt von der Vernehmung durch den Jugendsachbearbeiter, der sich keine Sekunde auf der Nase herumtanzen ließ, aber sachlich und freundlich blieb und letztlich die Wahrheit aus dem Jungen herausholte.

 

Da es in Fürth deutlich ruhiger wurde, nahmen sich der Dienstgruppenleiter und einige seiner Leute die Zeit, mich im Wachraum ein wenig auszufragen. Zuerst über den Verein und anschließend, ob ich ebenfalls ein Abendessen wollte und wenn ja, welches. Ja, ich wollte. Einer der Herren unterhielt sich eine Weile mit mir über seine Zeit bei der Bereitschaftspolizei.

Beim gemeinsamen Essen erfuhr ich dann, dass einige der Damen und Herren mit mir am Tisch schon einmal eine Genesungskarte von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. erhalten hatten. Eine Information, die ich immer mit gemischten Gefühlen aufnehme. Natürlich freut es mich nicht, wenn Menschen von uns eine Karte bekommen müssen. Schließlich heißt der Verein KEINE Gewalt gegen Polizisten e.V. und nicht MÖGLICHST VIEL Gewalt gegen Polizisten e.V. Andererseits freut es mich immer, dass diese Karten offenbar exakt den Rückhalt ausstrahlen, der auch von uns beabsichtigt ist. Ich habe noch nie die Rückmeldung bekommen, dass das Wissen um Bürger, denen es nicht egal ist, wie mit ihren Polizeibeamtinnen und -beamten umgegangen wird und die ihre Arbeit zu schätzen wissen, nicht gut täte.

Nach dem Essen vertrat Max für eine Weile den Wachhabenden. Da die Nacht für meine Verhältnisse (ich hatte gerade mehrere Wochen in einem Hochalpental mit richtig kalten Nächten hinter mir) sehr warm war, leistete ich ihm eine Weile Gesellschaft, denn dort war es angenehm kühl. Und natürlich waren die Gespräche interessant, die wir führten.

 

Plötzlich wurden wir unterbrochen von einer Frau, die in Tränen aufgelöst ihre 13-jährige Tochter vermisst melden wollte. Es war mittlerweile nach Mitternacht, die Tochter war deutlich überfällig und ging auch nicht an ihr Handy. Max begann schon, das Notwendigste einzuleiten, als plötzlich das Smartphone der Frau klingelte. Die Tochter. Da stand ein Donnerwetter an und ein nicht sonderlich harmonischer Familienabend, aber es war kein Fall für die Polizei. Alle waren erleichtert. Nicht wegen der eingesparten Arbeit, sondern weil Teenager in elterlicher Obhut im Regelfall besser unter sind als irgendwo draußen in der Nacht.

 

Schließlich fuhren wir wieder raus. Zuerst ging es in ein Flüchtlingsheim, um endlich die Gewaltschutzverfügung auszuhändigen. Es ging auf ein Uhr morgens zu, also nicht die klassische Uhrzeit, zu der man Post überbringt. Zuerst war ich auch ein wenig verwundert. Als wir dann vor Ort ankamen, wurde mir einiges klar.

Symbolfoto (andere Einsatzörtlichkeit)
Symbolfoto (andere Einsatzörtlichkeit)

So gut wie niemand schlief in diesem Haus. Viele Menschen hielten sich draußen auf. Wir wurden freundlich empfangen, neugierig beäugt. Wir fragten uns zur Zimmernummer des Empfängers des Briefes durch. Dort klopften wir ein Ehepaar im besten Alter aus dem Schlaf. Sie wiesen sich aus. Nicht der gesuchte Mann. Sie beschrieben uns aber mit Händen und Füßen den Weg in einen anderen Gang. Und siehe, auch dort fanden wir die besagte Zimmernummer. Dort klopften wir eine Alleinerziehende aus dem Schlaf. Die Dame konnte auch nicht der Gesuchte sein. Schließlich brachte uns ein Mann zu einem weiteren Zimmer mit der besagten Nummer…

Langer Rede, kurzer Sinn. Die Struktur des Flüchtlingsheims erschloss sich mir nicht wirklich und übersichtlich ist auch anders. Auch dort fanden wir unseren Briefempfänger nicht. Schließlich erbarmte sich eine Frau, die mit ihrem behinderten Sohn in den Gängen spazieren ging, unser, und führte uns zum vierten Zimmer mit dieser Nummer. Dieses war dann das Richtige. Hurra!

Der Herr beteuerte seine Unschuld. Der Punkt ist allerdings, dass es nicht Aufgabe der Polizei ist, über Schuld und Unschuld zu befinden. Hier war ein Schreiben eines Gerichts/einer Staatsanwaltschaft zuzustellen und der Empfang musste quittiert werden. Nachdem ihm meine beiden Streifenpartner die Sorge nehmen konnten, mit seiner Unterschrift unter der Empfangsquittung eine Schuldanerkenntnis zu unterschreiben, leistete er diese auch.

Damit war dieser Einsatz beendet. Mir seien noch ein paar persönliche Worte zu dieser Unterkunft gestattet. Wer solch eine Unterkunft von innen gesehen hat und dann noch ernstlich die Behauptung aufrecht erhalten möchte, die da lautet „Die kriegen alles, und wir nichts.“, der muss dringend mal zum Augenarzt. Das sind Verhältnisse, in denen kein Mensch langfristig leben kann und möchte. Und ja, ich habe schon Wohnungen von Menschen gesehen, die Hartz IV beziehen. Das ist auch sehr weit entfernt von Luxus, aber immer noch besser als das, was ich dort gesehen habe. Die Ärmsten der Armen gegeneinander auszuspielen ist einfach nur sinn- und geschmacklos.

 

Im Anschluss an diesen Einsatz bestreiften wir das nächtliche Fürth. Unter anderem auch einen der Drogenumschlagplätze, an dem ich morgens schon mit Daniel und Myriam gewesen war. Ebenso erfolgreich. Offenbar wirkt meine bloße Anwesenheit abschreckend auf entsprechende Personen. wp-monalisa icon

 

Plötzlich winkten uns drei Jugendliche. Sie waren auf einer Party an der Pegnitz gewesen. Dort war auch Alkohol geflossen. Zwei von ihnen waren volljährig. Netterweise hatten sie einen 17-Jährigen, den seine Freunde allein gelassen hatten, unter ihre Fittiche genommen, obwohl sie ihn kaum kannten. Der Junge war stramm betrunken gewesen und sie hatten sich erboten, ihn nach Hause zu bringen. Zu ihrem Entsetzen war er mitten auf dem Weg durch Fürth zusammengebrochen, nachdem er zuerst hinter einem Baum seine Notdurft verrichtet und sich auch an Beinen und Hose eingekotet und mit Erbrochenem übersäht hatte. Die Erleichterung war groß, als zufällig Freund und Helfer in Gestalt meiner beiden jungen Herren auf den Plan trat.

Sofort steigen die beiden aus. Max überprüfte den Puls des Jungen und suchte nach einem Ausweis. Da die anderen drei gut auf ihn aufgepasst hatten, hatte er noch all seine Habseligkeiten bei sich. Also standen seine Personalien recht schnell fest. Noch schneller stand fest, dass er dringend einen Rettungswagen brauchte, den Kevin auch schon einbestellt hatte.

Nun begann das Warten. Der Junge stöhnte mehrfach laut, was aber beruhigender war als Stille. Gefühlt dauerte es eine Ewigkeit, bis der Rettungswagen eintraf, in Wirklichkeit ging es recht schnell. Die lockere Art meiner Beiden half den Jugendlichen gut über diese Wartezeit hinweg.

Der RTW der Feuerwehr war aus dem benachbarten Nürnberg gekommen, weil die Fürther Rettungswagen offensichtlich samt und sonders im Einsatz waren. Nun ja, es war eine Vollmondnacht! Da kann es auch in einer Nacht mitten in der Woche mal eng werden…

20160818_000850_klein_schrift

 

Die Sanitäter bestätigte die Annahme von Max und Kevin, dass neben Alkohol noch weitere Drogen im Spiel gewesen sein müssen. Die Ausfallerscheinungen waren für Alkohol einfach zu untypisch.

Immerhin würde der Junge das Abenteuer überleben.

Max und Kevin blieb nun der wenig angenehme Part, den Eltern des Jungen die Nachricht zu überbringen, dass ihr Sohn vollgepumpt mit mindestens zwei Drogen in einem Krankenhaus lag und in welchem.

 

Auf dem Weg zur Wohnadresse passierten wir noch einige Partyheimkehrer. Einer von ihnen pinkelte gerade hingebungsvoll gegen ein geparktes Auto. Das konnte natürlich so nicht stehen gelassen werden, also stoppte Max den Wagen. Personenkontrolle!

„Geht das ein bisschen schneller? Wir müssen unseren Bus nach Hause kriegen.“

Irgendwie kann ich mich an diese neuen Töne, die unserer Polizei entgegenschlagen, einfach nicht gewöhnen, egal, in welcher sprachlichen Klangfarbe sie vorgetragen werden. Hört sich für mich in fränkisch kein Stück besser an als in pfälzisch, rheinisch, mainzerisch oder mit norddeutscher Einfärbung.

„Darüber hätten Sie nachdenken sollen, bevor Sie an das Auto uriniert haben.“

Richtige Antwort! Leider ziemlich erfolglos. Wenn uns der junge Wildbiesler nicht so ausführlich und weitestgehend inhaltlich falsch über seine vermeintlichen Rechte und die angeblich nichtvorhandenen Rechte der Polizei „aufgeklärt“ hätte, wäre das mit dem Bus vermutlich auch anders ausgegangen. So dauerte die Personenkontrolle in erster Linie wegen seines Wortschwalles so lange. Alkohol und logisches Denkvermögen schließen einander nachweislich aus.

 

Nun ließ es sich aber nicht länger aufschieben. Die Eltern des 17-jährigen Drogenopfers mussten aufgesucht und informiert werden. Wir parkten vor einem Haus ein, das von außen sehr gepflegt wirkte.

Ich erinnerte mich an den Gesichtsausdruck meiner Mutter, als ich mit 16 von der Polizei nach Hause gebracht worden war, nachdem ich Karneval den letzten Zug verpasst hatte. Darin war schon der pure Schrecken geschrieben gewesen, obwohl ich ja heil und gesund vor ihr stand.

Wenn nun die Polizei weit nach Mitternacht klingelt, während der Sohnemann weder daheim noch in Begleitung der Polizisten ist – wer glaubt schon daran, dass da eine gute Nachricht überbracht wird?

Entsprechend fiel die Reaktion der Eltern aus. In diesem Fall war der Vater schockierter als die Mutter. Es stellte sich nämlich heraus, dass er selbst als Rettungssanitäter arbeitet und seinen Kindern immer von den Drogenopfern erzählt hatte, die er über die Jahre ins Krankenhaus transportiert hatte. In der Hoffnung, damit eine abschreckende Wirkung zu erzielen.

Das hatte wohl leider nicht funktioniert. Er tat mir wirklich leid.

 

Nachdem wir die Eltern verlassen hatten, fuhren wir wieder in Fürth Streife. Dabei sahen wir unsere jugendliche Truppe um den Autourinierer wieder. Offenbar hatten sie tatsächlich ihren Bus verpasst. Na ja, einfach in Zukunft eine Toilette aufsuchen und schon erspart man sich eine Personenkontrolle…

Symbolfoto
Symbolfoto

Last but not least kontrollierten Max und Kevin noch einen Radfahrer, der uns um kurz vor drei begegnete. Ein altmodisches Damenrad, das von einem jungen Mann gefahren wurde, kam ihnen eigenartig vor. Er war allerdings nur auf dem Weg zur Arbeit, es handelte sich um das Fahrrad seiner Mutter.

 

Da ich nun schon 14 Stunden im „Einsatz“ war und auch recht müde wurde, machte ich dieses Mal eine Ausnahme von meiner Regel, eine Schicht bis zum bitteren Ende durchzuhalten. Das sollte ich noch bereuen.

Ich gab meine Schussweste ab. Dieses Mal übrigens wieder ein Modell „Unterziehweste“, deswegen gibt es davon keine Fotos. Steht mir nach wie vor nicht.

Ich bedankte mich bei den Damen und Herren der Dienstgruppe, die gerade in der Dienststelle waren, für die nette Aufnahme. Das wiederhole ich an dieser Stelle gerne noch einmal. Danke! Danke an den Dienststellenleiter. Und danke an Daniel, Myriam, Kevin und Max. Ihr seid alle klasse!

 

Max und Kevin bestreiften die Gegend, in der mein Hotel lag und ließen mich bei der Gelegenheit aus dem Streifenwagen. Noch während ich mich verabschiedete, kam die Rezeptionistin vor die Tür.

„Ist etwas passiert?“

stickered_20160818_025140_klein_schriftNein, zum Glück nicht. Ich hatte nur wieder eine sehr spannende und individuelle Schicht hinter mich gebracht.

Just in diesem Moment bekamen die beiden einen neuen Einsatz herein. Eine Dame hatte den Notruf gewählt. In ihrem Swimming-Pool hielten sich zwei ihr unbekannte Männer auf. Nackt.

Och, Mensch.

Und ich hatte keine Schussweste mehr.

Also blieb mir nur, Kevin und Max bedauernd hinterher zu winken und mich zu ärgern.

Nächstes Mal bleibe ich wieder, bis der Dienstgruppenleiter das Schichtende ausruft. Sowas verpasse ich nicht noch einmal.

 

Allgemein Polizistenstimmen

Fast wie daheim – und doch anders / Wasserstandsmeldung aus meiner zweiten Heimat

Heute vor fünf Tagen: Ich sitze in einem meiner Lieblingscafés an der Place de la République. Eigentlich ist alles wie immer. Alle paar Minuten fliegt ein Polizeiauto, zwischendurch auch mal in zivil, mit Blaulicht und Martinshorn an mir vorbei. Je nach Verkehrslage versuchen sie auch nur, zu fliegen, kommen aber lediglich im Schneckentempo voran.

Einmal sehe ich, wie drei Wagen von Pariser Bürgern über eine rote Ampel fahren, um das Einsatzfahrzeug durchzulassen. Manchmal klappt’s. Sogar in der Stadt des nahezu unendlichen Verkehrschaos.

Manchmal klappt es auch nicht, so wie hier. Leider sieht man auf dem Bild nicht, warum sie nicht auf der Gegenspur überholen konnten. Jedenfalls ging es nicht und nach vorne rührte sich nichts.

paris_blaulicht_steckt_fest_klein_schrift
Symbolfoto

Ähnliches spielte sich vor meinen Augen am Arc de Triomphe ab, wo ich dann kurz darauf zwei Polizisten in einem Streifenwagen einen aus deutscher Sicht recht gewagten Spurwechsel über acht Spuren vornehmen sah, beide über das ganze Gesicht grinsend. Vermutlich ein gewisses Amüsement über überforderte Touristen, die sich leichtsinnigerweise in diesen Kreisverkehr gewagt haben. Gewagte Spurwechsel kann man öfter und auch an anderen Stellen beobachten. Wer braucht auch Spuren?

paris_interessanter-spurwechsel_klein_schrift
Symbolfoto

Alles wie immer?

Nicht wirklich.

In der Pariser Polizei, in der französischen Polizei insgesamt, rumort es gewaltig.

Auch wenn es vordergründig nicht erkennbar ist – die Pariser Polizei befindet sich im Bummelstreik. Dienst nach Vorschrift. Sie machen, was sie sollen. Mehr aber auch nicht.

Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhängt, dass an neuralgischen Punkten wie rund um den Eiffelturm keine merkbare Polizeipräsenz vorhanden war. Ja, der Ausnahmezustand wurde heruntergefahren, weil er schlicht auch nicht mehr durchhaltbar war. Aber dennoch gibt es nach wie vor die Bedrohung durch Terror. Die gab es auch schon 2013, lange vor dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Seitdem waren gerade dort immer reihenweise Mannschaftswagen von CRS und Polizei zu finden.

Wie auch immer, mir ist nicht bekannt, dass irgendein Notfall nicht abgearbeitet wurde, insofern hat der Dienst nach Vorschrift (noch) keine allzu negativen Folgen. Ich vermute, dass Verkehrsdelikte einfach gepflegt übersehen werden.

Der Anlass für den Bummelstreik ist die steigende Gewalt gegen Polizisten in Zeiten nahezu unerträglicher Arbeitsbedingungen.

„Nun gut“, werden mir jetzt sicherlich einige entgegenhalten. „Die französische Polizei ist aber auch nicht gerade für Zimperlichkeit bekannt.“ Soll heißen, dass sie schneller und härter zuschlägt als unsere…

Lustigerweise glauben Franzosen genau dasselbe von der deutschen Polizei. Interessant, oder?

Ja, es gibt sie, die französischen Polizisten, die überziehen. Gegen diese wird sofort ein Verfahren der IGPN (Inspection générale de la Police Nationale, Interne Ermittlungsabteilung) eröffnet und natürlich auch ein Strafverfahren. Beispielhaft kann man das nachlesen im Fall des Professors der Sorbonne, der Polizisten beschuldigt, am 22.9.2016 von ihnen bedroht, auf sexueller Basis beleidigt und gewalttätig behandelt worden zu sein. Er hatte zuvor die Festnahme einer Frau am Bahnhof seiner Heimatstadt Saint-Denis (Vorort von Paris) gefilmt. Ebenso läuft ein Verfahren, nachdem ein Student in Rennes im Rahmen einer Demonstration durch ein Gummigeschoss sein Auge verlor. In diesem Fall haben die Eltern des Studenten bei der IGPN Anzeige erstattet. Ende Mai wurde ein Polizist zu zwei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, nachdem er in Caen einen Demonstranten geschlagen hatte.

Es kursiert hierzulande sogar das Gerücht, dass französische Polizisten sich nach Schusswaffengebräuchen auf Menschen keinem juristischen Verfahren stellen müssten. Das ist nachweislich falsch, wie man nicht nur an diesem Beispiel erkennen kann: In Lille kam es durch zwei Sondereinheiten zu einem Einsatz im Drogenmilieu, bei dem ein Mann durch eine Polizeikugel starb. Im letzten Absatz des hier verlinkten Artikels wird die Einleitung des Verfahrens erwähnt.

Ja, es gibt auch interkulturelle Unterschiede. Zumindest vor 20 Jahren gingen sie bei rot über die Ampel. Macht in Frankreich aber jeder. Die Regel lautet, dass man dann über die Ampel geht, wenn gerade kein Auto kommt. Die Tatsache, dass man als Fußgänger grün hat, bedeutet nämlich nicht zwingend, dass man gefahrlos über die Straße gehen kann. Wer das nicht glaubt, kann ja mal zur Stoßzeit die Champs Elysées in ihrer ganzen Länge vom Arc de Triomphe bis hinunter zur Place Concorde gehen und dabei die vielen kleinen Querstraßen überwinden. Viel Spaß dabei!

Gelegentlich parken sie auch sehr… äh… im Pariser Stil, aber manchmal hat man in Paris auch keine Wahl. Nicht mal vor seiner eigenen Dienststelle.

paris_parken_klein_schrift
Symbolfoto

Nichtsdestotrotz kann für mich kein Zweifel daran bestehen, dass die französische Polizei genau so demokratisch legitimiert und rechtsstaatlich verfasst ist, wie unsere. Und deshalb gehört der Polizei meiner zweiten Heimat mein Herz nicht minder als der deutschen. Ich würde beiden Polizeien bedenkenlos mein Leben anvertrauen.

Nun ist der Trend ähnlich wie bei uns. Wegen der Terroranschläge der letzten Monate schätze ich die Überstundenlage in Frankreich als noch angespannter ein. Auf die maximale Terrorwarnstufe wurde dann noch die EM draufgepackt. In der ersten Jahreshälfte ging es ununterbrochen rund wegen einer Arbeitsmarktreform, die auf breiten Widerstand in der Bevölkerung stieß und fast täglich Massendemonstrationen auslöste. Seit einigen Tagen sind auch wieder die Ultrakonservativen gegen die Homo-Ehe auf der Straße. Bis jetzt haben sie aber noch nicht ihr Niveau von 2013 erreicht, als sie ganze Straßenzüge gekonnt in Schutt und Asche legten. Viel gekonnter entglasen die Linksaußen auch keine Schaufenster und Bushaltestellen. Ich weiß schon, warum ich keine politische Richtung für besser halte als die andere.

Viele Polizisten kamen über Monate nicht aus den Uniformstiefeln. Nicht erst seit der Terrorbedrohung ist die Polizei mit deutlich zu wenig Personal ausgestattet. Sie arbeiten mit teilweise unsäglichem Material, ich habe da schon Mannschaftswagen gesehen, in denen die Sitzbezüge in Fetzen herunterhingen. Dieser Mannschaftswagen ist noch einer der schöneren:

paris_verbeult_klein_schrift
Symbolfoto

Obwohl man in der Bevölkerung sehr viele positive Stimmen zur Polizei hört, fühlen sie sich ungeliebt und gehasst, weil auch Frankreichs Lobkultur miserabel ist. In meinem Bekanntenkreis dort höre ich fast nur Lob über die französische Polizei, aber meine Versuche, klarzumachen, dass ich der falsche Adressat für diese Äußerungen bin, schlagen regelmäßig fehl.

Schon letzten Februar hat mir ein Polizist der CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité, kasernierte Bereitschaftspolizei), der eigentlich aus Toulouse stammte und dort arbeitete, erzählt, dass er nun seit sechs Monaten in Paris stationiert sei und eigentlich nur noch nach Hause zu seiner Familie wolle. Aber das Schlimmste sei, dass er nur noch beleidigt und beschimpft werde. Als er hörte, dass ich einen Verein gegründet habe, der sich hinter deutsche Polizisten stellt, wollte er schon einen Versetzungsantrag nach Deutschland schreiben. Da Deutschland bei Franzosen, insbesondere bei Südfranzosen, im Allgemeinen als Urlaubsziel nicht die alleroberste Priorität hat, illustriert diese Aussage seine Gefühlslage recht eindrucksvoll.

paris_crs_klein_schrift
Symbolfoto

Seit Monaten werden Frankreichs Polizisten mit unfassbaren Gewaltakten überzogen. Bis jetzt wurden in 2016 wurden im Schnitt monatlich 500 Polizisten verletzt, das ist eine Steigerung zum Vorjahr von 14%. Insgesamt hat die Police Nationale 150.000 Mitarbeiter, die natürlich nicht alle auf der Straße arbeiten. Ich habe keinen direkten Vergleich, weil mir die Zahlen der verletzten Polizeibeamten bundesweit für diesen Zeitraum nicht vorliegen. Im Prinzip ist es auch wurscht, wo jetzt genau es schlimmer ist. Ich kann in beiden Fällen nachvollziehen, dass für die Betroffenen eine Grenze erreicht ist, und  dass auch die Polizisten in Paris „ras le bol“ haben, also die Schnauze voll. Gestrichen voll.

Ende April 2016: Bei Demonstrationen gegen die Arbeitsmarktreform wurden 78 Polizisten verletzt.

03.05.2016: Bei Demonstrationen gegen die Arbeitsmarktreform in Nantes werden 7 Polizisten verletzt.

18.05.2016: Frankreichweit demonstrierten Polizisten gegen den Hass, der ihnen entgegenschlägt. In Paris wurden durch Gegendemonstranten zwei von ihnen verletzt.

02.07.2016: Bei Demonstrationen gegen die Arbeitsmarktreform in Toulouse werden 8 Polizisten verletzt.

14.07.2016: Unter dem Eindruck des Anschlags von Nizza unbemerkt geblieben ist ein Polizist, der in Villiers-le-Bel bei Paris bei einem Einsatz wegen Ausschreitungen und brennenden Autos verletzt wurde.

15.09.2016: Bei Demonstrationen gegen die Arbeitsmarktreform wurden 15 Polizisten und Gendarmen verletzt.

Das sind nur wenige Beispiele, was sich in Frankreich in den letzten Monaten abgespielt hat, ausgewählt nach dem Zufallsprinzip bzw. danach, was Google so auswirft, wenn man entsprechende Suchworte eingibt.

 

Seinen Höhepunkt fand diese Welle der Gewalt am 8. Oktober. In Viry-Châtillon nicht weit von Paris befanden sich zwei Streifenwagen bei der Verkehrsüberwachung an einer Kreuzung. Plötzlich tauchten etwa 15 Leute auf, schlugen die Scheiben der Polizeifahrzeuge ein und warfen Molotow-Cocktails hinein. Sie versuchten, die darin befindlichen Polizisten mit Faustschlägen vom Aussteigen abzuhalten.

Vincent, 28 Jahre alt, adjoint de sécurité (einer der Hilfspolizisten, die im Nachgang zu den Terroranschlägen vom 13. November innerhalb von drei Monaten ausgebildet und eingestellt wurden), erlitt Verbrennungen auf 25% seiner Haut, insbesondere an Gesicht und Händen. Seine Streifenpartnerin Jenny, 38 Jahre alt, brigadiére (in etwa Polizeiobermeisterin), erlitt zu 15% Verbrennungen in Gesicht und Händen. Die beiden Polizeibeamten in dem anderen Auto kamen mit leichten Verletzungen und Schock davon.

Vincent lag bis gestern im künstlichen Koma, er befindet sich glücklicherweise auf dem Weg der Besserung. Im Moment wird davon ausgegangen, dass er in etwa einem Jahr erst wieder dienstfähig sein wird. Jenny konnte das Krankenhaus mittlerweile verlassen. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie aus dem brennenden Auto herauskam. Beide wurden im Hôpital Saint Louis in Paris behandelt, Vincent befindet sich weiterhin dort.

 

An diesem Punkt war für die Pariser Polizisten Schluss mit lustig. Seit Montag (16.10.) gehen sie nun jede Nacht auf die Straße. Unangemeldet. Sie überraschten damit sogar die Polizeigewerkschaften. Es begann auf den Champs-Elysées. Etwa 500 Polizisten versammelten sich dort, teilweise in Uniform und mit ihren Dienstwagen, um den Verkehr zu stören.

Dienstagmorgen erklärte der Generaldirektor der Police Nationale, dass er entsprechende Verfahren bei der IGPN eingeleitet habe, da er das Verhalten seiner Leute „inakzeptabel“ findet.

In der folgenden Nacht von Dienstag auf Mittwoch versammelten sich wieder um die 500 Polizisten vor dem Krankenhaus, in dem Jenny und Vincent lagen, sangen dort die Marseillaise und zogen weiter zu den Champs-Elysées. Auch in Nizza und Marseille gingen Polizisten auf die Straße. In Evry bei Paris versammelten sich 400 Polizisten vor ihrem Kommissariat.

Mittwochmorgen schafften es diese Polizisten auf das Titelblatt des Figaro. Es kursierte das Gerücht, diese Demonstrationen seien vom Front National, der rechtsextremen Partei, angezettelt worden. Freitag gab das Innenministerium bekannt, dass es für diesen Vorwurf keinerlei Belege gäbe.

Deeskalierend wirkte dieses Gerücht nicht, denn jetzt wurden einige Polizisten noch saurer. Ja, auch in Frankreich versuchen sich Ultrarechte an die Polizei heranzuwanzen und auch in Frankreich fällt ihr süßes Gift bei dem einen oder anderen auf fruchtbaren Boden. Doch auch in Frankreich lässt sich die Mehrheit der Polizisten glücklicherweise nicht einwickeln. Um die Nase voll zu haben, braucht es den FN wahrlich nicht…

Der Innenminister Cazeneuve empfing am Nachmittag Vertreter der drei führenden Polizeigewerkschaften. Er sagt, dass er nicht in einen Teufelskreis aus Sanktionen eintreten möchte, aber doch an Prinzipien erinnern möchte.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag versammelten sich etwa 300 Polizisten an der Place de la République. Anhänger der Antifa versuchten, diese Versammlung zu stören, wurden aber von einer Gendarmerie-Einheit des Platzes verwiesen. Von dort begaben sich die Polizisten wieder zum Hôpital Saint Louis und schließlich zu den Champs-Elysées. Als sie zum Innenministerium gehen wollten, wurden sie von besagter Gendarmerie-Einheit aufgehalten. Wieder fanden sich auch in Nizza und Marseille Polizisten zusammen. Polizisten in Toulon, Tours, Bordeaux, Le Mans, Toulouse, Nancy und Montbéliard taten es ihnen gleich. Einer von ihnen fasste die Situation so zusammen: „Man verspricht uns Autos mit Sicherheitsglas, während wir noch nicht mal Klopapier haben.“

In Paris fuhren Taxifahrer die demonstrierenden Polizisten kostenlos nach Hause.

Donnerstagmorgen waren diese Demonstrationen Thema auf den Titelseiten von Le Monde und Libération.

Donnerstagabend ging es weiter. In Paris 400 Polizeibeamte am Trocadéro, die sich dann zu den Champs-Elysées bewegten, in Marseille, Grenoble, Colmar (hier auch Feuerwehrleute), Lyon, Reims, Bordeaux, sogar im Überseedépartment Guyane versammeln sich Polizisten in der Hauptstadt Cayenne.

Wieder fuhren die Taixfahrer die demonstrierenden Polizisten kostenlos nach Hause.

Freitagmorgen waren sie nicht mehr Titelthema der Presse, was sich schlagartig änderte, nachdem der Staatspräsident zusagte, Montag Vertreter der drei führenden Polizeigewerkschaften zu empfangen.

Der Generaldirektor der Polizei, Jean-Marc Falcone, äußerte, dass er sich die Frage nach seinem Rücktritt nicht stelle, er habe nicht schlecht gearbeitet.

In der Nacht auf Samstag versammelten sich 200 bis 300 Polizisten vor Notre Dame, von wo aus sie zum Rathaus der Stadt Paris zogen. Wieder taten es ihnen Polizisten in anderen Städten gleich.

In der Nacht auf Sonntag (heute) versammelten sich Polizisten auf der Place de la République und zogen von dort zum Hôpital Saint Louis, wo sie riefen „Vincent! On est là!“ (Vincent, wir sind da!).

Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht und was bei der ganzen Sache herauskommen wird.

Symbolfoto
Symbolfoto

 

Um hier nicht missverstanden zu werden – das hier ist kein Aufruf an deutsche Polizisten, es ihren französischen Kollegen gleichzutun. Zum einen kenne ich mich viel zu wenig im Beamtenrecht aus, um beurteilen zu können, ob das rechtlich überhaupt möglich wäre und wie die Risiken für den einzelnen Beamten dabei sind. Zum anderen denke ich nicht, dass das unser Job als Verein von Bürgern, die hinter ihren Polizeibeamten stehen, ist, darüber zu befinden, ob und wann Polizisten so etwas tun sollten. Das müssen sie schon selbst entscheiden, oder die Gewerkschaften.

Zudem lässt sich meiner Meinung nach die Situation in Frankreich aus vielen Gründen nicht 1:1 auf die hiesige übertragen.

Ich habe lediglich die Situation beschrieben, wie sie sich in Frankreich für mich in der vergangenen Woche darstellte.

Übertragbar ist, dass hoffentlich in beiden Ländern bald flächendeckend die Erkenntnis Oberhand gewinnt, dass die Gewalt gegen Polizisten selbst das Problem ist und nicht die Menschen, die über diese Gewalt sprechen. Denn was die Polizeien beider Länder gemeinsam haben – sie stehen unter massivem Druck und repräsentieren gleichzeitig die Werte ihres jeweiligen Staates. Ein Staat, der etwas auf seine Werte hält, sollte also auch jene, die diese repräsentieren, angemessen ausstatten und sich klar und deutlich hinter sie stellen.

Übertragbar ist aber auch, dass wir Bürger nicht immer nur mit dem Finger auf andere (den ominösen Staat, die Regierung, die Justiz, die Politik…. Liste beliebig erweiterbar) zu zeigen brauchen, sondern dass jeder von uns bei sich selbst anfangen kann.

Erst vorgestern sagte ein französischer Polizist zu mir „Merci. Merci du fond de mon coeur.“ (Aus meinem tiefsten Herzen Danke.) nachdem ich ihm von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. erzählt hatte. Und das, obwohl er als Franzose gar nichts davon hat, weil wir nicht einmal genug Hände und Spenden haben, um die Sachlage in Deutschland zu wuppen. Ich antwortet ihm: „Merci à vous pour votre service.“ (Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz.) Seine beiden Kollegen und er strahlten im Kreis.

paris_polizist_klein_schriftSie wirken hart, die Pariser Polizisten. So hart, dass sogar ich als stramme halbfranzösische Polizistenfreundin mir selbst Mut machen muss, sie anzusprechen. Noch nicht einmal wurde ich jedoch unhöflich behandelt. Im Gegenteil, sobald sie verstehen, dass ich ihnen einfach nur mal danke sagen möchte, können sie eine Herzlichkeit an den Tag legen, die mich persönlich immer wieder von den Socken haut. Manche probieren sogar äußerst charmant akzentuiert ihr deutsch an mir aus. Was, wenn man weiß, wie die meisten Franzosen es im Regelfall mit Fremdsprachen halten, ein Zeichen äußerster Wertschätzung darstellt.

Das kann übrigens jeder von uns tun: Danke sagen. Dafür muss man nicht mal bis Paris fahren und französisch beherrschen.  Auch unsere bundesdeutschen Polizisten hören sehr gerne einen ernst gemeinten Dank. Ihre Reaktionen sind ebenfalls oft Herz erwärmend. Sagen wir es ihnen also so oft es irgend geht.  Am besten auch mal außerhalb der Sozialen Netzwerke. Ich jedenfalls habe für mich entschieden, weniger Zeit mit den Unerfreulichkeiten in den Sozialen Netzwerken zu verbringen und stattdessen noch häufiger Polizisten im realen Leben Danke zu sagen.

Danke! Danke für Euren täglichen Einsatz! Ich bin froh, dass es Euch gibt. Überall, wo ich zuhause bin.

paris_merci

Allgemein Danke-Polizei-Tag Verein

Danke-Polizei-Tag 2016 – Bilanz

Dieses Jahr unterstützte uns freundlicherweise das Polizeipräsidium Rheinpfalz, und dort insbesondere die Pressestelle, bei der Ausrichtung des Danke-Polizei-Tages. An dieser Stelle ein herzliches Danke für die tolle Unterstützung!

Aus organisatorischen Gründen mussten wir dieses Jahr vom dritten Samstag im September, an dem der „Say-thank-you-to-a-police-officer-day“ stattfindet, auf den 8. Oktober ausweichen. Allerdings kann man aus unserer Sicht nicht oft genug der Polizei danke sagen, deswegen hat im schlimmsten Fall irgendeine Polizeidienststelle zwei Mal danke gesagt bekommen. Das haben die Damen und Herren da auch verdammt verdient.

Der offiziell sichtbare Teil des Danke-Polizei-Tages begann am 4. Oktober mit der Pressekonferenz. Zuerst stellte Polizeipräsident Thomas Ebling das Thema der Gewalt gegen Polizisten in seinem Präsidiumsbezirk vor. Anschließend berichtete der Polizeikommissar Christian Weingärnter der Polizeiinspektion Germersheim über einen Angriff, dem er ausgesetzt war und der mehrere Tage Dienstunfähigkeit zur Folge hatte. Ich war ein wenig aufgeregt, deswegen erinnere ich keine Einzelheiten, nur, dass es mir bei seinem Bericht kalt den Rücken runterlief.

(An dieser Stelle der Pressekonferenz ging es gerade um den Schusswaffengebrauch in Ludwigshafen, daher die ernsten Gesichter, Bildquelle: PP Rheinpfalz)
(An dieser Stelle der Pressekonferenz ging es gerade um den Schusswaffengebrauch in Ludwigshafen, daher die ernsten Gesichter, Bildquelle: PP Rheinpfalz)

Innenminister Lewentz beleuchtete die Situation in Rheinland-Pfalz, nachdem er sich netterweise bei dem jungen Polizisten nach seinem aktuellen Befinden erkundigt hatte.

Nach ihm stellte ich den Verein vor, seine Ziele, seine Aktivitäten. Ein besonderer Schwerpunkt galt dem Danke-Polizei-Tag.

Zum Abschluss führten Einsatztrainer eine Standardsituation vor, die eskalierte.

Zwei junge Männer ziehen pöbelnd durch die Stadt, eine Streife hält sie auf und will eine Personenkontrolle durchführen. Einer der beiden geht auf den Polizisten los, der andere beleidigt die Polizistin u.a. mit „Fotze“ (was noch zu den harmloseren Dingen gehört, die mir so zu Ohren kamen, wenn ich die Polizei begleiten durfte). Der Angreifer des Polizisten wird zu Boden gebracht, plötzlich versetzt ihm der Polizist einige gezielte Schläge, um ihn außer Gefecht zu setzen.

Oha? Warum das?

Erst im Nachgang wird klar, dass der Angreifer den Polizisten gebissen hat. Unmerklich. So unmerklich, dass man es auf dem Video, das ich davon gedreht habe, nicht erkennen kann, weil ich den falschen Winkel hatte.

Soweit zur Beweiskraft von Amateurvideos über Polizeigewalt, die durchs Netz vagabundieren. Auch eine Form von Gewalt gegen Polizisten, nach meinem Dafürhalten. Eine gute Auswahl des Szenarios.

 

Endlich war es dann soweit, der Samstag, 8.10.2016, unser Danke-Polizei-Tag, war angebrochen.

Um halb sieben trafen Nadine und ich uns und fuhren los Richtung Ludwigshafen, wo wir um neun Uhr in der Polizeiinspektion Ludwigshafen 1 erwartet wurden. Wer mich kennt und regelmäßig meine Artikel liest, weiß, dass diese Dienststelle einen besonderen Platz in meinem Herzen hat – neben meiner Heimatdienststelle.

Dort war es für Ludwigshafener Verhältnisse noch sehr ruhig, so dass wir (unter Unterbrechungen) in den Sozialraum geführt wurden, ein junger Polizist kochte uns einen Kaffee (also mir, Nadine bekam einen Tee). Wir bekamen eine Führung in der Führungsleitzentrale – also dahin, von wo „meine“ Streifen immer ihre Aufträge bekommen. Last but not least trafen wir auch den Kriminaldauerdienst. Das sind jene Menschen, die den Beritt des gesamten Polizeipräsidiums abdecken, sobald es um Verbrechen gegen den Menschen geht. Bei meiner Nachtschicht in Frankenthal waren zwei von ihnen in der Wohnung der verstorbenen Frau erschienen. Gekommen waren sie damals von einem Toten, der von einem Hochhaus gestürzt war. Ganz klar auch Polizisten, die ein Danke verdienen für ihren Einsatz. Insgesamt waren am 8. Oktober drei Beamte beim KDD im Dienst.

lu1_onlineversion_klein

 

Die Postkarten, die Nadine übergibt, sind Postkarten, die wir am Verkehrspräventionstag schon einmal eingesammelt hatten. Darauf haben sich schon mal einige Ludwigshafener Bürger bei ihrer Polizei bedankt und wir haben die Zustellung übernommen! Die Karten hängen jetzt an der Pinnwand im Sozialraum. Ich wünsche mir, dass noch einige Bürger nachgezogen haben.

Der Zeitplan war eng, und schwupps, schon waren wir auf dem Weg nach Neustadt an der Weinstraße.

Unfassbarerweise wurden etwa 30 Minuten, als wir aus der PI LU1 aus der Tür rauswaren, Beamte dieser Inspektion beleidigt. Was soll ich dazu noch sagen? Diese drei Leute hatten ganz klar keine Ahnung vom Danke-Polizei-Tag. Umso wichtiger, dass jene, die hinter unserer Polizei stehen, das auch gelegentlich zum Ausdruck bringen.

 

Drei Wormser im Alter von 27-29 Jahren beschäftigten die Beamten der Polizeiinspektion Ludwigshafen 1 am Samstag über einen längeren Zeitraum.

Zunächst fielen die beiden Männer und die 29-jährige Frau auf, nachdem sie gegen 10.30 Uhr in eine Körperverletzung am Rathausplatz verwickelt waren. Alle drei waren unkooperativ und alkoholisiert, den beiden Männern musste sogar die Ingewahrsamnahme erklärt werden. Nachdem die junge Frau einem Platzverweis nicht nachkam, durfte auch sie die Beamten zur Dienststelle begleiten. Hier beleidigte sie die Beamten mehrfach und spuckte ihnen vor die Füße. Bei einer Personendurchsuchung wurde bei ihr schließlich Heroin aufgefunden.

Nach Beendigung der polizeilichen Maßnahmen wurden die drei Personen gegen 11.45 Uhr auf freien Fuß entlassen.

Um 12.40 Uhr gingen die drei den Fahrer einer Straßenbahn am Berliner Platz an, indem sie ihn bedrohten, beleidigten und bespuckten. Erneut wurden alle drei Personen Gast der Polizeiinspektion. Nach Rücksprache mit dem Bereitschaftsrichter durften sie die Gastfreundschaft der Polizei bis 16.30 Uhr genießen.

(Pressemitteilung des PP Rheinpfalz vom 09.10.2016)

 

Zurück zum erfreulichen Teil. Auch in Neustadt wurden wir sehr freundlich empfangen.

Ab hier war bei jedem Termin mindesteins ein Pressevertreter dabei (Metropolnews, Rheinpfalz, SWR, Pfalzradio…) und ich bin begeistert. Die Herrschaften waren allesamt sehr freundlich. Bis jetzt bin ich auch sehr angetan von den Veröffentlichungen zu dem Thema. Danke!

Wie man auf diesem Bild gut erkennen kann, hat unser einfaches Danke für den täglichen Schutz auch den Neustädter Polizisten ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

(Fotograf: Holger Knecht)
(Fotograf: Holger Knecht)

Von hier ging es weiter nach Landau und somit für mich in Gebiete, in denen ich noch nie gewesen war. Schöne Gegend übrigens, und das meine ich ernst. Ich denke, der Ecke werde ich mich privat noch einmal näher widmen.

Die Polizeiinspektion Landau ist in einem wunderschönen alten Gebäude untergebracht. Ich bin beeindruckt.

(Fotograf: Uwe Kühn)
(Fotograf: Uwe Kühn)

Hier kamen wir pünktlich zum Schichtwechsel an, sodass wir möglichst viele Polizeibeamte erreichen konnten. Uwe Kühn nahm sich unser an. Der Dienststellenleiter, Herr Berens, bat mich, kurz den Verein vorzustellen. Ich wurde gefragt, wie ich eigentlich dazu gekommen bin, mich überhaupt diesem Thema zu widmen. Beides Themen, zu denen ich mittlerweile in jeder beliebigen Länge referieren kann, wenn man mich nachts aus dem Schlaf rüttelt. Also kein Ding… ;-) Auch Nadine gab ihre Beweggründe zum Besten, sich im Verein zu engagieren. Zwei der anwesenden Polizeibeamten outeten sich als Empfänger jeweils einer Genesungspostkarte. Freut mich, dass diese Freude gemacht haben. Das ist das Ziel!

 

Und schon wieder ging es weiter nach Bad Bergzabern. Hier machte sich allmählich bemerkbar, dass der samstägliche Einsatzwahnsinn losging. Als wir ankamen, fuhr gerade ein Streifenwagen mit Blaulicht los. Da es sich um eine ländliche Dienststelle handelt, schwante mir schon, dass hier nicht so viele Gesprächspartner vor Ort sein würden wie bisher. Tatsächlich wurden für das Foto noch zwei Herren aus der Vorschicht gebeten, da diese Schicht komplett im Einsatz war und der Wachhabende schlecht Telefon und Funk im Stich lassen konnte.

(Fotograf: Uwe Kühn)
(Fotograf: Uwe Kühn)

Anschließend sprachen der letzte übrige Mohikaner, Herr Bollinger, Herr Kühn und wir bei einem Kaffee noch ein wenig miteinander, denn wir hatten einiges gemeinsam – wir alle sind Frankreichfans. Da traf es sich, dass wir gerade mal sieben Kilometer von Frankreich entfernt waren. Ein Glück für die bundesdeutsche Polizei, dass sie einen ganz ähnlichen Stellenwert auf meiner Prioritätenliste hat wie Frankreich. Es gab durchaus eine gewisse Versuchung, diese sieben Kilometer auch noch hinter mich zu bringen.

 

Nach einem kurzen Snack begaben wir uns zur Bundespolizeiabteilung Bad Bergzabern. Zwar fiel der angekündigte Termin dort aus, aber wir wollten wenigstens grüßen. Vielleicht hatte ja der eine oder andere im Einsatz einen Blick auf Twitter.

zabern_bpol_klein
(Fotograf: Uwe Kühn)

 

Nun zurück zum offiziellen Programm. Obwohl ich mich einmal tatsächlich verfuhr (falsch herum am Autobahnkreuz die Autobahn gewechselt) waren wir sogar einige Minuten zu früh in Grünstadt.

Mittlerweile war es fast 16:00 Uhr, d.h. auch hier war das Haus mehr oder weniger verwaist, da die einzige (!) Streife im Einsatz war. Der Wachhabende hatte kurz Zeit, sich über ein Danke zu freuen, was er auch tat. Netterweise war aber auch der stellvertretende Dienststellenleiter, Herr Merkel, vor Ort, der sich viel Zeit für uns nahm. Dabei erfuhren wir u.a., dass bereits eine weitere Bürgerin vor Ort gewesen war, und sich bedankt hatte.

Das Foto machte letztlich die freundliche Reporterin von der Rheinpfalz.

gruenstadt_klein

 

Auch in Grünstadt hatte es vor einigen Monaten einen tödlichen Schusswaffengebrauch gegeben. Es war Herrn Merkel anzumerken, dass ihm das immer noch in den Knochen steckte. „Das hat damals die gesamte Dienststelle lahmgelegt.“

 

Von hier ging es weiter nach Frankenthal. Nachdem ich dort zwei Schichten mitfahren durfte, wollte ich mir diesen Besuch nicht nehmen lassen. Damit war die Polizeiinspektion Frankenthal ordentlich verwöhnt worden, denn eines unserer Mitglieder war morgens schon dagewesen (dazu später). Nichts anderes haben die Leute dort verdient.

Am frühen Samstagabend steppte dort allerdings der Bär, sodass wir in aller Eile ein Foto hinbekamen. Dennoch freuten sich die Damen und Herren über unser Danke. Das sieht man ja auch an den Patches. Ihr macht uns stolz!

ft_klein

 

 

Hier endete nun der „offizielle“ Teil. Inoffiziell haben wir natürlich mit einem Vereinssitz im nördlichen Rheinland-Pfalz auch „im Norden“ noch einiges zu tun gehabt.

Eigentlich hatten wir noch spontan eine Dienststelle in Koblenz besuchen wollen, aber wir waren mittlerweile so müde, dass wir schon albern wurden und entschieden, das erstmal ausfallen zu lassen.

Wo wir allerdings anhielten, war in Andernach, wo wir mitten in eine schnelle Abendmahlzeit platzten, man sich netterweise aber trotzdem Zeit für uns nahm. Das liegt sowas von am Weg, das wäre schon unhöflich, daran vorbeizufahren. Auch da war die Einsatzlage eher hektisch (Samstagabend zwischen acht und neun Uhr), aber zumindest konnten wir unser Danke loswerden und trotz allem hatte ich den Eindruck, dass die Damen und Herren unseren anlasslosen Dank nicht schlecht fanden.

andernach_klein

 

Natürlich war es mir ein Anliegen, am Danke-Polizei-Tag selbst noch in meiner Heimatdienststelle meinen Dank überbringen zu können. Netterweise kam Nadine auch hier noch mit, obwohl wir mittlerweile fast zu keiner vernünftigen Aussage mehr fähig waren. Zu meiner Freude waren teilweise Polizisten dort im Dienst, die ich noch aus meiner Nachtschicht kannte.

Im Laufe des Tages war eine Dame dort gewesen, um sich für das sichere Leben in der Nachbarschaft der Polizeiinspektion zu bedanken. Das las mir der Wachhabende vor, allerdings ohne den Namen der Betreffenden zu nennen. Unsere Polizei weiß eben, was Datenschutz ist. Ich weiß trotzdem, wer es war (dazu später).

Ich gab den Brief einer lieben Bekannten ab, Michaela Knieps, in dem sie sich für den Einsatz der Polizei bedankt. Auch dieser Brief machte Freude, denn er kam ganz klar von außerhalb des Vereins. Ich sage ja immer – die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter unserer Polizei. Die Lobkultur ist nur hundsmiserabel hierzulande.

remagen_onlineversion_klein

Damit war der 8. Oktober für mich beendet.

 

Allerdings waren unsere Mitglieder sehr fleißig. Ich zähle die Aktivitäten unserer Mitglieder in alphabetischer Reihenfolge des Vornamens auf.

 

Unser Mitglied Claudia H-U aus Nordrhein-Westfalen besuchte das Polizeikommissariat Bückeburg, um sich für den Einsatz zu bedanken. Danke, Claudi!

 

Unser Mitglied Dani war dieses Mal in Hennigsdorf unterwegs. Danke Dani!

dhennigsdorf_klein

 

Unsere Schatzmeisterin Erdmute Wittmann war die Dame, die sich für die Sicherheit in der Nachbarschaft der Polizei bedankt hatte. Danke dafür, Erdmute, so hatten nämlich zwei Schichten das Vergnügen.

polizei-tag-1_klein

Unser Mitglied Ilija Matijevac hat die Polizeiinspektion Frankenthal morgens gegen zehn Uhr besucht. Er schrieb mir dazu: „Ich wurde sehr freundlich empfangen und bekam Kaffee und auch eine Führung durch die Polizeiwache.“

mat_ft

Ich freue mich, dass auch in Frankenthal zwei Schichten das Glück hatten. Und übrigens – ich mag das Sweatshirt! wp-monalisa icon

 

Unser Mitglied Kerstin aus Dietenheim war am 8. Oktober und am 10. Oktober im Grenzbereich zwischen Baden-Württemberg und Bayern unterwegs. Ihre Erfahrungen fasst sie so zusammen:

„Als wir hinein kamen schaute man uns erst etwas skeptisch an bis wir sagten was wir wollten
aber dann…. ein Lächeln in allen Gesichtern :-)
Die Damen und Herren beider Dienststellen haben sich waaaahnsinnig gefreut :-)
Das motiviert echt zu sehen was man mit einem Besuch erreichen kann.“

polizeipraesidium-ulm_klein

Neben dem Polizeipräsidium Ulm besuchte sie auch die Polizeiinspektion Illertissen, die Polizeiposten Dietenheim und Schwendi (leider war niemand dort, deswegen landete die Karte im Briefkasten), das Polizeirevier Laupheim und das Bundespolizeirevier Ulm. Danke Kerstin! Klasse! Und ich mag Deine Tasche!

 

Unser Neumitglied Michaela, die sich im Anschluss an den Danke-Polizei-Tag entschloss, bei uns einzutreten, besuchte in Nürnberg einige Dienststellen, nämlich die Polizeiinspektion Nürnberg-West sowie Nürnberg-Ost. Schon am 17.09. hatte sie in Bochum in Polizeiwachen Mitte, West, Ost und Südost besucht, sowie die Dienststelle der Autobahnpolizei in Hofstede (bei Bochum). Sag ich doch, dass man beide Tage nutzen kann… ;-) Danke, Michaela, für Deinen Einsatz!

 

Unser Mitglied Nadine Imo besuchte tatsächlich noch abends gegen elf nach unserer Megatour die Polizeiwache Bonn-Ramersdorf, um dort für den täglichen Einsatz zu danken. Nachdem der wachhabende Polizist wohl zuerst etwas misstrauisch war, taute er recht schnell auf, nachdem er verstand, dass es tatsächlich nur um das Danke ging. Da Nadine ihre Müdigkeit wohl deutlich anzumerken war, bekam sie noch die Empfehlung mit, sich gut auszuruhen. Vor dem Hintergrund des Einsatzes macht das auch nichts, dass kein Foto dabei rumkam. ;-) Danke, Nadine, für das tapfere Durchhalten.

 

Damit nicht genug, am 10.10. besuchte dann Nadine noch schnell die Gemeinsame Anlaufstelle Bonn-Innenstadt, die von Polizei und Ordnungsamt besetzt ist. Da diese keinen Briefkasten mehr hat, kam unsere Post immer zurück. Diese wurde dieses Jahr dann eben von Nadine persönlich ausgeliefert. Auch dort erinnerte man sich an Genesungskarten des Vereins. Alle haben sich über den netten Besuch gefreut. Auch dafür danke, Nadine!

 

Last but not least besuchte unser Mitglied Stefanie Poth wieder ihre örtliche Polizeidienststelle. Diese ist allerdings nicht mehr in Hildesheim, sondern das Polizeikommissariat Braunschweig-Süd. Sie schrieb dazu:

„Der Polizeibeamte vor Ort kannte weder ‚diesen Tag‘ (fragte da auch etwas genauer nach), noch viel weniger war er es gewohnt, dass jemand mal NIX wollte, außer DANKE zu sagen! ‚Das kommt wirklich selten vor. GANZ selten…‘, sagte er.“

Danke, Steffi, das war klasse!

sbs_klein

 

Wie weiter oben schon angedeutet, wäre noch die eine oder andere Dienststelle im Dunstkreis des Vereinssitzes hinten runtergefallen, wenn nicht das eine oder andere Mitglied und ich auf andere Termine ausgewichen wären.

Wir haben schon am 6.10. angefangen.

In Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde ich begleitet von unserem Mitglied Sabine Thumm-Kißling. Das Foto machte ein Polizeikommissaranwärter. Übrigens war auch dort die Einsatzlage hektisch, schon bei unserem Eintreffen preschte ein Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn vom Hof und im Funk war hörbar was los. Deswegen blieb niemand außer dem Dienststellenleiter, Herrn Engel, um sich für das Foto zur Verfügung zu stellen. Danke dafür! Gefreut haben sich die paar, die noch vor Ort waren, jedenfalls über unseren Besuch!

bad_9a_klein

 

Später am Tag besuchten unser Mitglied Andrea Eickhoff und ich die Polizeiinspektion in Adenau. Auch dort wurden wir nett empfangen, uns wurde ein Kaffee angeboten. Allerdings war auch dort die Einsatzlage hektisch, dennoch war klar, dass die Herren (es waren in der Tat nur Herren vor Ort!) sich über unseren Besuch freuten.

adenau_klein

 

Am 10. Oktober dann besuchte ich die Polizeiinspektion Neuwied, wo ich kürzlich erst eine Nachtschicht hinter mich gebracht hatte. Da traf es sich, dass „meine“ Schicht im Dienst war, ebenso wie ein Trupp Bereitschaftspolizisten, der dort zum Sondereinsatz eingeteilt war. So kam das Danke bei noch mehr Beamten an als geplant. Manchmal muss man einfach Glück haben. An diesem Tag waren die Polizisten recht fotoscheu. Deswegen muss ich reichen.

nr_klein

 

Von dort fuhr ich nach Koblenz, wo ich mich morgens schon in der Pressestelle des Präsidiums angemeldet hatte, denn ich finde, die Mitarbeiter dort haben auch ein Danke für ihre Unterstützung verdient. Die beiden Anwesenden, eine Dame und ein Herr, haben sich auch sehr gefreut.

Wo ich dann schon mal da war, wurde ich kurz zum Polizeipräsidenten einbestellt, der mir noch eine Antwort auf einen Brief „schuldete“. Danke dafür, dass ich so umstandslos und spontan meine Antwort bekam. Schließlich begleitete mich der Pressesprecher in die Polizeiinspektion Koblenz 1, unten im Polizeipräsidium, wo mich der Dienstgruppenleiter anstarrte wie eine Erscheinung, nachdem ich vorgebracht hatte, was ich zum Thema „Danke-Polizei-Tag“ zu sagen hatte. „Jetzt bin ich total geflasht“, meinte er, und nahm sich spontan die Zeit, sich mit mir bei einem Glas Wasser ein paar Minuten zu unterhalten, soweit die Einsatzlage das zuließ. Offensichtlich sind freundliche Dankesworte keine Geräusche, die man in dieser Inspektion allzu oft zu hören bekommt.

ko_klein

 

Last but not least ging es dann zur Polizeiinspektion Linz, wo wieder Zeit für einen kurzen Kaffee war. Fotoscheu war man dort auch. Entweder bin ich blind, oder es gibt kein Inspektionsschild. Aber einen schönen Briefkasten, den gibt es…

linz_klein

 

Abschließend bliebe noch zu erwähnen, dass wir uns dieses Jahr zwei Großplakate leisten konnten, die jeweils an einer der beiden Hauptstrecken, an denen die Streifenwagen der Polizei Remagen zum Einsatz fahren, positioniert waren. Vielleicht kriegen wir das ja eines Tages rheinland-pfalz- oder gar bundesweit hin.

 

 

plakat_1b_klein

plakat_1_klein

 

Last but not least ein kleiner Blick hinter die Kulissen:

Der Danke-Polizei-Tag fängt für den Vorstand, insbesondere für mich, spätestens im Mai an. Um genau zu sein, habe ich eben (11. Oktober) das erste Telefonat für den Danke-Polizei-Tag 2017 geführt. Ich hatte mindestens fünf Sitzungen in Ludwigshafen. Sehr effiziente Sitzungen und meistens gönnte ich mir danach auch eine Schicht mit der PI LU1, aber dennoch… ganz schön viel Fahrerei.

Da wir zu wenige sind, um alle Dienststellen zu besuchen, schicken wir an alle Dienststellen bundesweit Postkarten. Das sind etwa 3.700 Stück. Allein diese mit einer Briefmarke (insgesamt mindestens 1.600 Euro, de facto aber mehr, da wir an die Bereitschaftspolizeieinheiten mehrere Karten in einem Umschlag geschickt haben) und einem Adressaufkleber zu versehen, dauert insgesamt 15 Zeitstunden. In diesem Zusammenhang ein dickes Danke an Dani und Dirk in Berlin, die insgesamt etwa 400 Postkarten (alle Dienststellen in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern) sowie an Jenny und Biggi, die insgesamt etwa 450 Postkarten (Hessen) übernommen haben. Meine Kollegin und Vereinsmitglied S. hat mit mir zusammen Niedersachsen und Thüringen „erledigt“. An dieser Stelle auch ein herzlicher Dank an meinen Kollegen F., der, als er eine Wartezeit überbrücken musste, kurzerhand die Postkarten nach Sachsen mit Briefmarken versehen hat, obwohl er nicht mal Mitglied ist.

Alles, was noch übrig war, erledigten unser Mitglied U. und ich an einem schönen Samstag.

 

jbkarten_klein
(450 Postkarten für Hessen, in etwa so dürfte der Berliner Stapel auch ausgesehen haben.)
20160924_143818_klein
(Ein Teil der 2.900 Postkarten für den Rest der Republik)
(So sieht es aus, wenn man 2.900 Briefmarken und weitere Aufkleber abgezogen hat…)
(So sieht es aus, wenn man 2.900 Briefmarken und weitere Aufkleber abgezogen hat…)

 

karten-schreiben_klein
(Gute Nutzung unserer Karten durch Kerstin!)

Das war die Bilanz zum Danke-Polizei-Tag 2016. Er war klasse!

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Auf dass wir nächstes Jahr wieder viel Freude schenken (und haben!) werden.

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Besser spät als nie – eine Nachtschicht bei der Polizei in Remagen

So mancher wundert sich vielleicht, warum ich mich für Nachtschichten in diversen Städten (nicht nur) von Rheinland-Pfalz herumgetrieben habe, aber ausgerechnet nie in meiner Heimatdienststelle.

Na ja, ein bisschen stand ich mir da selbst im Weg, denn ich hatte immer die Befürchtung, bei jemandem auf der Matte stehen zu müssen, den ich kenne.

Irgendwann stellte ich im Gespräch mit dem Dienststellenleiter fest, dass ich auch einfach im Streifenwagen bleiben könnte, sollte im Funk ein mir bekannter Name fallen.

Nachdem ich dann auch Bedenken des Dienststellenleiters ausräumen könnte (Zitat: „Ich fürchte, Sie könnten sich in Remagen langweilen, nachdem Sie schon in Ludwigshafen und Mainz dabei waren.“) fehlte ja nur noch die Terminfindung.

Nun ist mir meine Heimatdienststelle wichtig genug, dass ich diese Nachtschicht, nachdem allseits sämtliche Befürchtungen zerstreut waren, unbedingt noch vor meinem Urlaub einlegen wollte. So stand ziemlich schnell eine Nacht von Freitag auf Samstag – und das, obwohl in derselben Woche eine Nachtschicht in Ludwigshafen stattgefunden hatte. Also für mich, für die Ludwigshafener Polizei findet da jede Nacht eine statt… Ich muss zugeben, dass das ein ganz schöner Schlauch war, aber andererseits kann ich jetzt noch besser nachfühlen, wie es einem gehen kann, wenn man sich zweimal die Woche eine Nacht um die Ohren schlägt. Alle Achtung! Ich habe einige Tage gebraucht, meinen Rhythmus wieder zu normalisieren.

Und, um es gleich vorweg zu sagen – ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Dafür war viel zu viel los.

Ich war ziemlich aufgeregt, als ich eintraf, weil mich die Nachtschicht in Ludwigshafen weitgehend an meine Grenzen gebracht hatte. Das lag nun nicht an den Leuten in Ludwigshafen – im Gegenteil. Körperlich war ich an einem Limit angekommen und ich hatte die Befürchtung, dass das in dieser Nacht nicht unbedingt besser werden würde. Also versuchte ich, ein wenig vorzuschlafen.

Wie immer wurde ich sehr freundlich empfangen und mit einer Schussweste versorgt. Dann wurde ich als erstes darüber aufgeklärt, dass nur drei Polizisten an Bord seien sowie eine Auszubildende. Mein Angebot, die Sache auf einen anderen Zeitpunkt zu verschieben, wurde aber abgelehnt. „Später wird das auch nicht besser.“
Ach so. Na, dann…

20160716_055059_klein_schriftEs kam Verstärkung von einer benachbarten Polizeidienststelle, wo ein Polizist „zu viel“ zur Verfügung stand – soweit man von „zu viel“ sprechen möchte, wenn dort fünf statt sechs zum Dienst antraten. Somit konnten dann immerhin zwei Streifenwagen besetzt werden – eine etwas andere Hausnummer als in Mainz oder Ludwigshafen. Sogar eine ganz andere Hausnummer als in Frankenthal. Mir schwante, dass mir hier wohl kaum der Satz entgegenschallen würde, wie übertrieben es doch sei, mit einer ganzen Phalanx Polizisten am Einsatzort zu erscheinen.

Mein Streifenteam bestand aus Alex, einem jungen Polizisten, sowie Marc, der schon einiges an beruflicher Erfahrung gesammelt hatte. Nicht nur in Rheinland-Pfalz, übrigens. Beide mussten noch ein paar Berichte zu ihrer letzten Schicht verfassen. In der Zeit hielt ich mich im Sozialraum auf, wo ich mit einigen Polizisten der Vorschicht ins Gespräch kam.

Manchmal mache ich mir ja Sorgen, dass ich die Leute nerven würde, aber ich bin eigentlich immer auf einen enormen Mitteilungsbedarf gestoßen. Vielleicht sollten sich mal jene, die in den Parlamenten und Ministerien über die Rahmenbedingungen von Polizeiarbeit entscheiden, diesem Gesprächsbedarf stellen. Natürlich ändert das nichts daran, dass man in der Politik immer auch finanziell eingeschränkt ist, da in einem Gemeinwesen vielerlei Interessen verfolgt und bezahlt werden müssen. Aber vielleicht ändert es doch etwas daran, mit welcher Vehemenz man finanzielle Mittel fordert für jene, die da tagtäglich für uns den Kopf hinhalten.

Nachdem Alex und Marc ihre Berichte soweit erledigt hatten, bestreiften wir das Dienstgebiet. Das heißt, wir versuchten es. Wieder einmal sollte es mir nicht gelingen, das gesamte Dienstgebiet in einer Schicht zu Gesicht zu bekommen.

Auch in Remagen wurde ich darüber aufgeklärt, dass der Platz für Freiwillige im Streifenwagen hinter dem Fahrer sei. Im Funk war der Funkverkehr der gesamten Direktion zu hören, was aber immer noch deutlich ruhiger war als der Funk in Mainz oder Ludwigshafen.

Alex fragte mich, was mich interessieren würde. Da ich in der Gegend aufgewachsen bin, lautete die Antwort ziemlich unspezifisch „alles“. „Alles“ ist natürlich eher schwierig zu liefern, also schob ich nach: „Macht einfach eure Arbeit wie immer, ich bin wie ein Praktikant am ersten Tag, mich interessiert ausnahmslos, was ihr macht.“

Nach der Verwarnung eines Radfahrers mit einem Handy am Ohr (bei dem im Unterschied zu dem in Ludwigshafen allerdings keine verbotenen Waffen beschlagnahmt werden mussten), drehten wir zu meiner Überraschung eine kleine Runde über den Parkplatz hinter einem Schulzentrum. Eine dieser Schulen habe ich vor sehr langer Zeit selbst besucht. Damals war der Schulhof noch nicht eingezäunt gewesen. Ich frage mich, wer mit so einem Zaun vor wem geschützt werden soll.

Auf dem Parkplatz fand sich auch ein nicht wirklich dekorativer Müllhaufen. Alex sprach einige Jugendliche in der Nähe darauf an. Diese Befragung brachte leider auch nichts Genaueres ans Licht.

Weiter ging es in ein ehemaliges Gewerbegebiet. Vor 30 Jahren hatte sich dort ein großes Einkaufszentrum befunden – damals nicht unbeliebt bei den regionalen Teenies. Vor nicht ganz zehn Jahren ging der letzte Supermarkt. Heutzutage ein wunderbares Gelände für die eher lichtscheuen Mitglieder unserer Gesellschaft. Bis auf ein abgestelltes Fahrzeug, in das Alex auch hineinleuchtete, war zu diesem Zeitpunkt dort alles ruhig.

Gerade wollten wir weiter in Richtung Niederzissen fahren, als ein Funkspruch durchkam. Der Wachhabende bat uns an einen Bahnhof, einige Ortschaften weiter im Norden, zu fahren. Ein Bürger hatte zwei merkwürdige Fahrzeuge dort stehen sehen. Gesagt, getan. Eine Überprüfung der Kfz-Kennzeichen ergab allerdings, dass sie einfach zu einem Handwerksbetrieb gehörten.

Wo wir schon einmal in der Gegend waren, bestreiften wir Schrebergärten, in die hier und da schon einmal eingebrochen worden war. Von da hat man einen sehr schönen Blick auf das Nachbarbundesland Nordrhein-Westfalen.

dsc00415_klein_schrift

Wieder auf der Bundesstraße entdeckten meine beiden Begleiter ein Fahrzeug an einer geschlossenen Tankstelle. Sie fuhren hin. Das Kennzeichen stammte aus dem hohen Norden dieser Republik. Am Steuer eine Dame, die offensichtlich nicht genau wusste, wo sie war. Das Navi hatte widersprüchliche Informationen geliefert (DAS kenne ich…). Eine kurze Wegbeschreibung und schon war sie wieder auf dem richtigen Weg.

Nächster Versuch, ans andere Ende des Dienstgebietes zu kommen. Wieder wurde dieses Unterfangen von einem Funkspruch unterbrochen. „Am Bahnhof in x wurde eine abgängige Minderjährige gesichtet. Fahrt da mal hin.“

Blaulicht! Ohne Martinshorn. Platz machten die Leute trotzdem. Manchmal klappt’s.

Wir zirkelten durch die gesamte Gegend rund um den Bahnhof. Die Minderjährige machte dem Adjektiv „abgängig“ alle Ehre, sie war und blieb wie vom Erdboden verschluckt.

Nachdem wir geraume Zeit gesucht hatten, fuhren wir in die Dienststelle, damit meine beiden Herren schon mal die ersten Berichte der Nacht schreiben konnten.

20160716_012726_klein_schriftDiese Zeit nutzte ich für ein kurzes Gespräch mit dem Dienstgruppenleiter. Da er gleichzeitig Wachhabender war, Anrufe entgegennahm (sowohl über die Amts- als auch über die Notrufleitung) und den Funk bediente, wurden wir ziemlich oft unterbrochen. Bei meiner Nachtschicht in Ludwigshafen, eine Woche vorher, hatten das zwei Leute gemacht. Und die hatten schon alle Hände voll zu tun gehabt. Immerhin gab mir das die Zeit, wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen, dass auf der Mappe der Dienstgruppe unser Abzeichen prangt. Ein Zeichen der Wertschätzung unserer Arbeit, das mich sehr gefreut und berührt hat.

Letztlich beendet wurde unser Kurzdialog in Etappen durch den Anruf eines Herrn, der im Nahverkehrszug von Köln nach Mainz seinen Rucksack vergessen hatte, darin befindlich ein teures Tablet. Wir fuhren zum Bahnhof. In Remagen haben diese Züge immer einen etwas längeren Aufenthalt, weil ein Zugteil abgekoppelt wird. Das gab uns die Zeit, den Zug zu durchsuchen. Dabei konnte ich sogar mal helfen, denn nach herrenlosen Rucksäcken schauen kann ich auch. Ich möchte fast sagen, dass ich auf herrenlose Gepäckstücke in öffentlichen Verkehrsmitteln regelrecht konditioniert bin, denn ich lebte während der 90er Jahre in Paris, das schon damals von einer Terrorwelle erschüttert wurde. Gegen die aktuelle mutete diese aber vergleichsweise harmlos an.

Wenig verwunderlich – der Rucksack war verschwunden. Auch eine Rückfrage bei den Zugbegleitern und dem Herrn von der Security an Bord half da nicht weiter.

Zurück zur Dienststelle. Weiter ging es mit den Berichten. Oder besser mit dem Versuch, denn kaum waren wir drinnen, kam auch ein Anruf über eine Ruhestörung rein. Also wieder raus mit uns.

Die Musik in der betroffenen Kneipe war übrigens voll nach meinem Geschmack. Aber nichtsdestotrotz zu laut. Die Herrschaften waren auch einsichtig und drehten den Regler leise.

Als wir wieder im Streifenwagen Platz genommen hatten, entschieden Alex und Marc, noch einmal ein wenig Streife zu fahren. Auf der Bundesstraße ereilte uns dann ein Einsatz in einem Ort, zu dem wir etwa 10 Minuten Fahrzeit hatten, über kurvige, teilweise reicht steile, Straßen. Besonders im Winter stelle ich mir das apart vor.

Zwei junge Männer hatten den Notruf gewählt, weil sie beim Autofahren fast einen weiteren jungen Mann überfahren hätten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der noch mitten auf der Straße (hinter einer Kurve, also äußerst ungünstig) gesessen, war aber nicht wirklich ansprechbar gewesen.

Bei unserem Eintreffen fanden wir den Ort des Geschehens sehr schnell, denn die beiden Helfer hatten sich Leuchtwesten angezogen und winkten uns. Die Unfallstelle war sehr professionell abgesichert. Der Junge, mittlerweile ohne Bewusstsein, lag in der stabilen Seitenlage. Einer der beiden Helfer trug eine Weste vom THW, daher wahrscheinlich sein profimäßiges Vorgehen am Ort.

Alex kümmerte sich sofort um den Jungen, von dem nichts zu hören war außer regelmäßigem Stöhnen. Was allen einen ersten Schrecken einjagte, war eine dunkle Flüssigkeit, mit der sein Gesicht und Teile des Fahrrads bespritzt waren. Diese stellte sich aber heraus als – Ketchup.

Aus seinem Rucksack (den er falsch herum auf dem Rücken getragen hatte) waren Handy, Zigaretten und eine Brille herausgepurzelt. Ein Portemonnaie oder Papiere waren nicht zu finden.

Marc befragte die beiden Ersthelfer. Sie kannten den Betroffenen leider auch nicht. Schließlich rang Alex dem nicht verschlüsselten Handy eine Information ab, die weiterhalf, der Junge konnte identifiziert werden.

Nun warteten wir auf den Rettungswagen. Der war auch recht schnell. Gefühlt zog sich die Zeit dennoch wie Kaugummi. Klar, der Junge hatte einen stabilen Puls und eine regelmäßige Atmung. Aber er reagierte eben nicht auf Ansprache. Zudem hatte er sich eingenässt, wer wusste also schon so genau, wie lange er stabil bleiben würde?

Weder Alex noch Marc sagten etwas, aber eine gewisse Anspannung war ihnen durchaus anzumerken. Auch ich war innerlich ziemlich nervös. Sowas sollte wirklich jeder mal erlebt haben, der sich darüber beschwert, wenn ein Vertreter der Blaulichtfraktion ihn nicht mit ausgesuchter Höflichkeit am Gaffen hindern will.

20160716_024249_klein_schriftDie Besatzung des RTW übernahm sofort den jungen Mann. Er kam sehr schnell in ausreichendem Maße zu Bewusstsein, um im Rettungswagen herumzupöbeln. Nach Einschätzung des Sanitäters war er auch nicht ganz so bewusstlos gewesen, wie es uns erschienen war. Hervorgerufen hatte sein Befinden jedenfalls der Konsum von Kräutermischungen, auch bekannt unter Legal Highs. Da hatte er ja noch Glück gehabt, dass er nur in merkwürdigen Zustand auf dieser Straße aufgefunden worden war und dank der – um es mal nett zu sagen – doch recht gemäßigten Temperiertheit dieses Sommers eine leichte Unterkühlung davongetragen hatte. Es sind schon Menschen an diesem Dreckszeug gestorben.

Kaum war der Rettungswagen eingetroffen, konnten auch die beiden Ersthelfer den Einsatzort verlassen. Marc sagte ihnen: “Ihr wart super!“ Stimmt! Das waren sie. Ich finde es klasse, dass er ihnen das gesagt hat.

Die RTW-Besatzung teilte uns noch mit, in welches Krankenhaus sie den jungen Mann bringen würden, dann fuhren sie ab. Wir suchten den Vater des Jungen auf, um ihm mitzuteilen, wo er seinen Sohn finden würde. Der machte sich auch sofort auf ins Krankenhaus. Was auch nötig war, denn das nächste, was wir von der Sache hörten, war, dass der Sohn im Krankenhaus randalierte.

Damit sollte er nicht allein bleiben. Kaum auf dem Rückweg zur Dienststelle, kam ein Funkspruch herein, dass jemand im Krankenhaus von Remagen randaliere.

Hier merkte ich nun den ersten massiven Unterschied zu meinen bisherigen Dienststellen. Gut, die Anfahrtswege waren etwas länger und Blaulicht, das auf Bäumen im Wald reflektiert, sieht auch sehr speziell aus. Aber das sind Kleinigkeiten. Zufällig hatte ich dem Funk entnommen, dass unsere zweite Streife sich an einem Ort befand, zu dem ich von Remagen aus bei optimalen Verkehrs-, Sicht- und Witterungsverhältnissen etwa eine halbe Stunde fahre. Nun haben die Herrschaften von der Polizei Blaulichter auf ihren Autos, die helfen aber auch nicht gegen Rehe in dunkler Nacht auf Kreisstraßen quer durch den Wald…

Zum ersten Mal bekam ich eine klare Ansage, wohin ich nicht folgen solle und wohin ich mich in Sicherheit bringen könnte, sollte die Sachlage eskalieren. Bisher waren immer genug Leute vor Ort gewesen, dass sich einer der Polizisten darum hätte kümmern können…

Als wir eintrafen war die Sachlage eigentlich recht ruhig, außer dass der des Randalierens Beschuldigte sich auf der Intensivstation aufhielt – wo eigentlich niemand etwas verloren hat, außer Ärzten, Pflegekräften und Patienten. Er legte seine Sicht der Dinge dar – ein Arzt habe seinen besten Freund falsch behandelt. Eine Diskussion, auf die sich Alex und Marc gar nicht einließen. Der betreffende Arzt übrigens auch nicht. Fakt ist, dass in einem Krankenhaus, wie der Name schon sagt, kranke Menschen untergebracht sind, die Ruhe brauchen. Fakt ist auch, dass der Zugang zu einer Intensivstation allgemein beschränkt ist. Last but not least haben die Ärzte dort das Hausrecht. Diese Sachlage brachten beide dem Herrn vor, in sachlichem und ruhigen Tonfall. Damit ließ er sich schon einmal bewegen, sich in den Warteraum zu begeben. Dort warteten noch ein weiterer Mann und eine Frau. Beide gaben an, mit dem in Frage stehenden Patienten befreundet zu sein.

Da sie erst einmal friedlich schienen, sprachen Alex und Marc noch einmal mit dem Krankenhauspersonal. Die waren sich aber einig, dass sie Angst hätten, würden diese Leute im Krankenhaus bleiben. Das warf ein bezeichnendes Licht darauf, was sich vor Eintreffen der Polizei abgespielt hatte. Also mussten meine beiden Herren einen Platzverweis erteilen.

Das war der Moment, an dem ich zurückblieb – in der Nähe eines Fluchtweges, der mir zuvor angezeigt worden war. Alex und Marc gingen zurück in den Warteraum.

Was sich in dieser Zeit in meinem Kopf abspielte, war zuerst einmal eine Mischung aus Mathematik und Erdkunde. Ich weiß, wo die nächsten Dienststellen liegen (Bad Neuenahr, Andernach, Linz und Bonn), ich weiß ungefähr, wie lange man fährt und ich weiß ungefähr, wie die Dienstgebiete aussehen. Linz, auf dem anderen Ufer des Rheins und ohne Brücke in unmittelbarer Nähe, kann man dabei schon mal vergessen, solange die Polizei nicht über Amphibienfahrzeuge verfügt. Selbst wenn die Rheinfähre noch fährt, verzögert sie die Anfahrt viel zu sehr. Wäre Verstärkung nötig, hätte diese aus Bad Neuenahr oder Bonn frühestens in 15 Minuten eintreffen können. Immer vorausgesetzt, eine Streife wäre überhaupt frei und in der Nähe gewesen.

Mit Verlaub ein Scheiß-Gefühl. Kann ich jedem nur empfehlen, der meint, es würde ausreichen, unsere Polizei „auf Kante zu nähen“ oder der sich hier im Polizeistaat wähnt. Genau so stelle ich mir einen Polizeistaat vor…

In diesem Fall reichte es aus. Alle ließen sich von Alex und Marc nach draußen begleiten und rückten ab. Ich nehme an, auch hier waren die von mir so geschätzten kommunikativen Fähigkeiten der Polizei zum Einsatz gekommen, denn alle Beteiligten wirkten friedlich und entspannt. Gut, dass so viele unserer Polizisten diese Fähigkeit haben. Aber was wäre gewesen, wenn dieser Randalierer anders drauf gewesen wäre? Randvoll mit Drogen, hochaggressiv? Mit Worten nicht mehr zu erreichen? Wenn sich die anderen gegen die Polizei solidarisiert hätten?

Dieser Einsatz hätte auch ganz anders ausgehen können. Wären nur ein oder zwei Parameter anders gewesen, hätte dieser Einsatz in der Presse und auf Youtube landen und meine beiden Polizisten mit unfairen Kommentaren öffentlich abgeschlachtet werden können. Und ich hätte nicht mal ein Video für die Staatsanwaltschaft davon drehen können, wie es wirklich gewesen war, weil ich nicht im Weg sein wollte.

Ganz ehrlich, liebe Verantwortliche – nicht nur die aktuelle Terrorgefahr ist ein klarer Grund für mehr Personal.

Da auch für die neu hinzugekommenen Einsätze Berichte verfasst werden mussten, ging es wieder zurück in die Dienststelle.

Der Wachhabende war mit seinen Anrufen und Funksprüchen ausgelastet, also ging ich in den Sozialraum und warf den Fernseher an. Ich hatte nicht einmal Zeit, eine Entscheidung zu treffen, welches Nachtprogramm ich wohl sehen wollte, als Alex mich schon wieder zum Einsatz rief. In einem Zug, der auch in Remagen anhielt, sollte es zu einer Auseinandersetzung zwischen mehreren Männern gekommen sein.

Wissende Leser werden sich jetzt fragen, ob Züge und Bahnhöfe nicht ganz klar Gebiet der Bundespolizei sind. Noch wissendere Leser wissen aber auch, wie es personell bei der Bundespolizei so aussieht. Da bleiben ländliche Bahnhöfe schon mal auf der Strecke. Tja… so sieht es halt aus im Polizeistaat.

20160716_044135_klein_schriftNun aber zum Einsatz: Wir erwischten die Herren pünktlich zur Einfahrt des Zuges. Die Situation stellte sich folgendermaßen dar – ein Mann hatte im Abteil ausländerfeindliche Parolen von sich gegeben, ein anderer hatte sich davon beleidigt gefühlt. Gegenseitige Anzeigen wurden aufgenommen, ein Alkotest beim Verantwortlichen für die Parolen gemacht und damit war auch dieser Einsatz beendet. Obwohl auch hier zuerst offene Aggressionen vorlagen, haben Alex und Marc da wieder sehr gut Ruhe reingebracht. Fand ich klasse! Mit diesem Vorfall kann sich nun die Judikative befassen.

Als nächstes wurden wir zu einer Ruhestörung geschickt. Dies sollte auch der letzte Einsatz dieser Nacht werden, dafür war er sehr ausgiebig. Die Anfahrt fand über eine der schönsten Ecken unserer Gegend statt. Davon hatte ich auch richtig was, denn es wurde allmählich hell. So ein Sonnenaufgang in den östlichen Eifelausläufern hat schon etwas Romantisches.

Die Landschaft hier ist recht hügelig, Flachländer sprechen von bergig, den Bewohnern der Alpen allerdings ringen diese Erhebungen nur ein müdes Lächeln ab. Jedenfalls ist die eine oder andere Ortslage am Hang gebaut. So auch diese. Der Anrufer wohnte eindeutig ziemlich weit oben. Seinen Erklärungen nach musste sich die Lärmquelle im unteren Bereich der Ansiedlung befinden. Diesen suchten wir ausgiebig ab und fanden – nichts. Nun ist unsere Polizei sehr verantwortungsbewusst. Deshalb fragten meine Beiden noch einmal den Wachhabenden nach der Adresse des Anrufers. Vielleicht konnten wir von dort herausfinden, wo der Lärm herkam. Aber auch da, Fehlanzeige. Obwohl… wenn man sich sehr viel Mühe gab und die wie wahnsinnig singenden Vögel mal zeitgleich einen Wimpernschlag lang Luft holten, dann konnte man tatsächlich etwas hören. Nur woher? Das ist nämlich auch so ein Problem an hügeligen Gegenden, der Schall wird hin und her geworfen und ein menschliches Ohr ist da leicht mal überfordert.

Also fuhren wir wieder nach unten. Aber auch dort war nichts zu finden. Wir umrundeten und durchfuhren den Ort mehrfach. Stiegen aus. Lauschten. Nichts. Wenn man von fulminantem Vogelgezwitscher mal absah. Ich drehte sogar Videos davon, weil ich als lärmempfindliche Person es beeindruckend fand, dass ich NICHTS hörte.

Mittlerweile hatte der Anrufer noch einmal auf der Wache angerufen und dem Wachhabenden mitgeteilt, dass wir schon mehrfach am besagten Haus, aus dem es schalle, vorbeigefahren seien. Wir hätten sogar davor gestanden.

Ähm…ja.

Also noch einmal nach oben und eifriges Lauschen. Es war für uns einfach nicht zu lokalisieren.

Insgesamt waren wir fast eine Stunde dort unterwegs, bevor wir aufgaben. Diese Stunde war auch nur leistbar, weil zufällig gerade sonst nichts im strafbaren Bereich anlag.

„Die Polizei macht nichts.“

An diesen Spruch musste ich im Laufe dieses Einsatzes sehr oft denken. Doch! Sie macht! Sie sucht, wenn die Einsatzlage es zulässt, auch mal eine Stunde lang einen Ruhestörer. Dass sie dabei in diesem speziellen Fall erfolglos war, liegt nicht nur an ihr. Manchmal wäre eine Adresse, eine gute Ortsbeschreibung oder ein persönliches Auftauchen am Streifenwagen dann doch hilfreich, um diesem ans Ziel zu helfen.

20160716_053601_klein_schrift

Damit war auch diese Schicht schon wieder vorbei. Sie war genau so schnell umgegangen wie eine Schicht in der Großstadt. Mein Respekt vor meiner eigenen Polizeidienststelle vor Ort ist stark angewachsen. Ich fühle mich in den besten Händen. Allerdings wäre ich dankbar, wenn es ein paar Hände mehr sein könnten!

Danke für diesen Einblick! Ihr seid klasse und macht einen tollen Job! Danke dafür!

img_20160717_130207_klein_schrift

 

Allgemein Danke-Polizei-Tag Verein

Und wofür sind SIE Ihrer Polizei dankbar? – Danke-Polizei-Tag am 8. Oktober 2016

entwurf_plakat_2016_final_klein_schriftAm 8. Oktober 2016 findet zum dritten Mal der Danke-Polizei-Tag statt, den der Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. fest in Deutschland einführen möchte. Die Schirmherrschaft dafür hat Innenminister Roger Lewentz übernommen. Vorbild dafür ist der „Say thank you to a police officer day“ im angelsächsischen Raum.

Die Idee, dass Bürger einmal im Jahr in ihre Polizeistationen gehen, um sich für den Schutz des vergangenen Jahres zu bedanken, gefiel Gerke Minrath, der Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. von Anfang an. „Wir haben eine demokratisch legitimierte und rechtsstaatlich verfasste Polizei, die sehr gute Arbeit für uns als Gesellschaft leistet. Im Grunde kann man dafür täglich danken. Dies einmal im Jahr zu tun ist eine schöne Geste“, erläutert Minrath das Ziel des Vereins, ein Gegengewicht zur steigenden Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit, die unseren Polizeibeamten entgegenschlagen, zu setzen.

„Umfragen ergeben immer wieder, welch hohes Ansehen die Polizei in der Bevölkerung genießt. Es wäre schön, wenn wir Bürgerinnen und Bürger das am 8. Oktober möglichst zahlreich den Polizistinnen und Polizisten unserer örtlichen Polizeistation auch mal persönlich sagen würden“, wünscht sich Minrath.