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Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ruhig ist ein dehnbarer Begriff – eine Nachtschicht voller Rettungsdienste mit der PI Ludwigshafen 1

„Habe ich doch gestern Abend gesagt, dass es eine eher ruhige Nacht wird.“

So der Dienstgruppenleiter zu mir am Morgen danach.

Ja, das stimmt. Das hatte er gesagt. Und offensichtlich verschiebt sich die Bedeutung von „ruhig“, wenn man in einer Stadt Dienst tut, in der ich selbst schon mal fünf Stunden lang aus einem Streifenwagen nicht mehr rauskam (meine erste Nachtschicht)… aber „ruhig“ wäre dennoch nicht unbedingt der Begriff der Wahl, der mir zur Umschreibung dieser Nacht in den Sinn kommen würde.

Doch sehen wir selbst.

 

Für mich begann schon der Vorlauf aufregend. Mainz 05 hatte gespielt – und verloren. Was dazu führte, dass ich beim Umsteigen in meinen Anschluss dort einem Haufen Bereitschaftspolizisten der Bundespolizei in die Arme lief. Leider konnte ich ihnen nicht persönlich für das Sicherheitsgefühl danken, das mich schlagartig anfiel. Mein Anschluss drohte, mir vor der Nase wegzufahren.

Der Anschlusszug wiederum war so gerammelt voll, dass ich darauf verzichtete, mich auf die Suche nach einem Sitzplatz zu begeben und mir zwischen einer Menge ebenso unzufriedener wie alkoholisierter Fußballfans einen Klappsitz suchte. War ja nur bis Frankenthal. Dachte ich.

In Bodenheim, der nächsten Ortschaft hinter Mainz, blieb der Zug stehen. Personen im Gleis.

Macht nichts! Ich habe ja 20 Minuten zum Umsteigen in Frankenthal!

Vierzig Minuten später standen wir immer noch und ich hatte ein Problem.

Mein aktueller Zug fuhr zwar nach Ludwigshafen, aber an den falschen Bahnhof. Wenn er denn fuhr…

Ich würde glasklar zu spät erscheinen. Meine Erziehung gebot mir, bei der Dienststelle anzurufen und das mitzuteilen. Mein Verstand widersprach vehement und befand, dass ich vielleicht nicht gerade in der optimalen Umgebung unterwegs sei, um das Wort „Polizei“ oder die Wortgruppe „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ allzu laut auszusprechen. Zumal das Eingepferchtsein in einem stehenden Zug den sowieso schon dürftigen Launepegel um mich herum nicht wirklich angehoben hatte. Da half auch die offene Zugtür auf den winzigen Bahnsteig der Weltstadt Bodenheim nicht weiter…

Genau DA wünschte ich mich gerade hin…

 

Irgendwann drängelte sich ein Mann im Trikot der gegnerischen (und – wir erinnern uns – überlegenen) Mannschaft durch die Menge. Er wurde eigentlich gar nicht beachtet.

Na, denn…

Einmal tief Luft geholt… Nummer gewählt.

„Polizeiinspektion Ludwigshafen 1.“

Ein junger Mann. Er nannte auch einen Namen. Der ging nur in dem Krach im Zug unter.

„Hallo, hier ist Gerke Minrath. Ich bin heute Nacht bei Euch bei der Nachtschicht.“

Nachtschicht. Völlig unverfängliche Vokabel.

„Ich sitze in einem Zug fest, der nicht fährt. Ich werde zu spät kommen. Könnten Sie das der Nachtschicht bitte ausrichten?“

Vielleicht habe ich Glück, und der junge Mann kennt mich sogar von einer meiner Schichten…

„Für wen hospitieren Sie denn? Die Staatsanwaltschaft?“

Hmpf!

„Für diesen Verein…“

„Entschuldigen Sie bitte, ich bin noch aus der Schicht davor. Deshalb frage ich. Für wen nochmal?“

Du kannst ja nichts für meine aktuellen Begleiter… Ach komm, egal jetzt! No risk, no fun!

Mein Smartphone rutschte mir fast aus meiner schlagartig schweißnassen Hand.

„Für den Verein ‚Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.‘.“

Schlagartiges Verstummen aller Gespräche um mich herum. Alles starrte mich an.

Ach herrje…

„Ach so“, klang es fröhlich aus meinem Hörer. „Richte ich aus. Rufen Sie einfach an, wenn Sie in Ludwigshafen sind.“

Gleichzeitig fingen um mich herum alle an zu lachen.

Ich legte auf. Nicht ohne mich bedankt zu haben.

Einer der Jungs im roten Trikot sagte: „Den Verein kennen wir. Acht Cola, acht Bier.“

Der Rest war einfach nur freundlich und ließ mich in Ruhe.

Uff! Schon vor der Nachtschicht nass geschwitzt.

Neben mir saß ein Herr, der sich als Mitglied der Grünen outete und im gleichen Atemzug als bekennender Polizistenfreund. Sicherlich wären wir nicht in allen Dingen einer Meinung (ich habe eigentlich in Sachen „Polizei“ an den meisten Parteiprogrammen etwas auszusetzen… 😉 ). Muss man ja auch nicht. Aber wir führten bis Ludwigshafen ein ebenso spannendes wie angenehmes Gespräch. Er erklärte mir auch genau, wie ich vom Bahnhof zur Polizeiinspektion komme. Sehr nett!

 

Das war aber gar nicht nötig, denn mein erstes Streifenteam, Alex und Christian, bestreifte den Bahnhof und lud mich bei der Gelegenheit direkt hinten ein. Ich stand noch so unter dem Eindruck meiner Zugfahrt, dass ich um ein Haar auf der falschen Seite eingestiegen wäre…

 

In der Dienststelle wurde ich vom Dienstgruppenleiter begrüßt. Er kündigte mir an, dass es wegen der insgesamt eher kühlen Witterung vermutlich ruhig werden würde. Dann reichte er mir eine Schussweste.

 

Und schon ging es los auf Streife. Die Tatsache, dass Ludwigshafen erst noch einmal durchzuatmen schien, bevor es loslegte, nutzte Christian, um mir auf den Zahn zu fühlen, was mich bewegt, regelmäßig in Streifenwagen mitzufahren und was Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. überhaupt für ein Verein ist.

 

Recht zügig kam die Unterbrechung durch den ersten Einsatz.

In einem Einkaufszentrum hatte ein junger Mann um die 18 Pfefferspray ins Gesicht bekommen – der Malteser Hilfsdienst traf kurz nach uns ein. Alarmiert hatte die Retter ein junger Mann, der in einem der Ladengeschäfte dort arbeitet.

„Ich halte Augen und Ohren immer offen.“

Sehr löblich.

Die Geschichte des jungen Mannes, dem Augen und Gesicht höllisch brannten, war eher unzusammenhängend und wenig logisch. Vor zwei Tagen sei ihm das Portemonnaie gestohlen worden, soeben seien ihm die Täter wiederbegegnet. Weil sie nicht wollten, dass er sie verrät, sprühten sie ihm eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht. Anschließend hätte einer davon ihm in der Toilette des Einkaufszentrums geholfen.

Öhm… wie jetzt?

Auch Christian und Alex fanden die Geschichte eher verwirrend, nahmen aber die Personalien des Opfers und die Personenbeschreibungen der Täter auf.

Im Anschluss suchten wir die Umgebung des Einkaufszentrums ab. Keine Leute, die der Beschreibung entsprachen. Christian telefonierte mit der Dienststelle. Dort wurden Jugendliche, ebenfalls wegen eines Gewaltdeliktes, überprüft. Von denen passte aber auch keiner auf unsere Täterbeschreibung.

 

Während unserer Suche winkte ein junges Mädchen den Streifenwagen heran. Sie sei von einem Typen „gestalkt“ worden. Christian befragte sie, was genau vorgefallen sei. Letztlich war sie lediglich angesprochen worden, ob sie öfters an dieser Stelle sei. Als sie verneinte, sei der Mann gegangen. Keine Straftat und auch noch sehr weit entfernt von „Stalking“.

„Wenn das nochmal vorkommt, und der geht dann nicht, dann kommen Sie bitte zur Polizei!“

 

Als nächstes wurde meine Streife per Funk gebeten, auf dem Theaterplatz am Pfalzbau einen vergessenen Feuerlöscher zu suchen und ggf. sicherzustellen.

Da bleibt ein Feuerlöscher lange genug liegen, dass die Polizei ihn einsammeln kann?

Nein, blieb er nicht.

Also weiterstreifen.

 

Wir passierten ein Etablissement, vor dem ein Oberklassewagen im absoluten Halteverbot stand.

Alex steuerte den Streifenwagen direkt hinter das andere Auto.

Im Etablissement plötzlich hektische Betriebsamkeit. Offensichtlich arbeitete sich jemand zur Tür, um sein Auto wegzufahren…

Ich freute mich schon auf den Fortgang der Geschichte, als plötzlich…

 

„Fahrt mal an den Rhein. Da soll es einen Streit gegeben haben zwischen Jugendlichen. Einer soll laut geschrien haben ‚Bitte hör auf!“, kam aus dem Funk. Dann:

„Der Anruf kam aus Mannheim.“

Oha… von der anderen Rheinseite? Muss ja ganz schön laut gewesen sein…

Christian warf Blaulicht und Martinshorn an, Alex startete den Streifenwagen durch. Christian drehte sich zu mir um.

„Wenn da nur ein einziger Anruf kam, ist da vermutlich nicht viel dran…“

Macht Sinn!

Und wirklich – weder konnten wir Jugendliche in einem heftigen Streit finden, noch Leute, die das ebenfalls gehört hatten.

 

Allerdings fanden wir Jugendliche vor, die meinen beiden Herren wohl bekannt waren. Diese Erfahrungen animierten Alex dazu, das Gespräch zu suchen. Er ließ die Fahrerscheibe runter.

„Habt Ihr was von einem Streit hier am Rheinufer mitbekommen? Wir haben da einen Notruf reingekriegt.“

„Nein, hier war alles friedlich.“

„Ok. Wäre schön, wenn das so bleibt und wir euch heute Abend nicht wiedersehen.“

„Wir sehen uns nie wieder“, versprach der junge Mann mit treuherzigem Augenaufschlag dem Polizisten vor sich. Der ließ das Fenster wieder hochsurren.

Christian und er tauschten einen kurzen Blick.

„Da sollten wir nicht drauf wetten, obwohl die Quoten hoch wären.“

Zumindest in dieser Nacht sahen wir sie nicht wieder.

Zurück zu unserem Falschparker. Der stand tatsächlich immer noch unverändert, als wir da vorbeipirschten.

Unglaublich!

„Ok, jetzt wird es richtig teuer.“

 

Plötzlich fielen uns zwei Jugendliche ins Auge, auf die die Beschreibung des jungen Mannes im Einkaufszentrum aufs Haar passte. Der mit dem Pfefferspray im Gesicht.

Alex stoppte den Wagen. Personenkontrolle.

Tatsächlich waren es unsere beiden Gesuchten, die allerdings abstritten, etwas mit der Sache zu tun zu haben.

„Ich hab dem doch noch geholfen!“

Das hatte das Opfer ja auch ausgesagt. Hm…

Einer der beiden hatte mehrere Smartphones. Alex überprüfte bei allen die IMEI, das ist eine 15-stellige Nummer, mit der jedes mobile Endgerät (Smartphone, Tablet…) eine eindeutige Identifizierung erhält. Wird so ein Gerät gestohlen und man gibt bei Anzeigeerstattung seine IMEI an, so kann man Glück haben und die Polizei findet es eines Tages wieder.

Von den IMEI-Nummern in diesem Fall gehörte allerdings keine zu einem gestohlenen Gerät.

Aus meiner Sicht übrigens mit am Erstaunlichsten, dass die beiden jungen Herren zu Beginn unserer Überprüfung allein auf weiter Flur waren, sich aber im Laufe der Unterhaltung mehrere Gleichaltrige, weiblich wie männlich, hinzugesellten. Einer Jugendlichen meinte, es sei eine tolle Idee, ständig mit dem Fahrrad um uns herumzuwuseln. Er und eine junge Dame stellten mehrfach die Frage, was da bitte vor sich ginge.

Wohlgemerkt, wir sprechen von einer Personenkontrolle, die vollkommen harmlos war – und nebenbei bemerkt noch wesentlich harmloser verlaufen wäre, wenn sich die beiden jungen Herren nicht so sperrig gegeben hätten, sondern einfach vollkommen normal die Fragen meiner beiden Begleiter beantwortet hätten.

Übrigens habe ich mir gemerkt, wie ich an meine IMEI-Nummer komme (*#06# ins Telefonfeld eingeben) und diese als erste Amtshandlung nach der Nachtschicht notiert. Für den Fall der Fälle. 😉

 

Weiterstreifen.

„Jetzt reden wir aber mit dem Falschparker!“

 

„Wir haben einen Ladendiebstahl in einem Supermarkt“, durchkreuzte der Funk den Plan.

In dem Supermarkt erwartete uns die Marktleiterin. Der Täter befand sich in einem vom Markt abgetrennten Raum. Dazu zwei Mitarbeiter des Supermarktes. Alex und Christian betraten den Raum, eine zweite Streife kam hinzu.

Kuschelig…

„Kann mal einer die Tür da feststellen?“, bat einer meiner beiden Herren. Ganz klar ein Job für die Praktikantin, die direkt neben der Tür stand. Mit zwei Handgriffen machte ich einen Mülleimer zum Türstopper.

Alex verließ den brechend vollen Raum, um mit der Marktleiterin zu sprechen. Da der Täter nun durchsucht werden würde, folgte ich Alex. Auch ein 17-jähriger Ladendieb hat Menschenrechte, die u.a. beinhalten, dass er nicht in Anwesenheit von Frauen durchsucht werden kann. Selbst wenn ich keine Frau wäre – auch ein Ladendieb ist kein Zootier.

Die Marktleiterin zeigte uns die Ware, die er unter seinem Pullover versteckt hatte – 10 Fläschchen Kräuterschnaps.

„Der ist total renitent geworden – wollte abhauen. Da haben mir die Leute da geholfen.“

Sie zeigte auf Zeugen.

Christian fragte später sehr genau nach, um herauszufinden, was „renitent“ bedeutet. Dabei ging es darum, wo genau sich die Schwelle zwischen „Diebstahl“ und „Räuberischem Diebstahl“ befindet. Es bringt keinen Menschen weiter, wenn die Polizei da die falsche Anzeige erstattet und das Verfahren dann deswegen eingestellt wird. Auch ein Gedankengang, der in heutigen Zeiten schwierig zu vermitteln ist, da sich die Opfer einer solchen Straftat häufig nicht ernst genommen fühlen und glauben, die Polizisten wollten das, was ihnen passiert ist, klein reden.

Für meinen Geschmack hat Christian diese Hürde gut genommen – er hat ihr sehr genau erklärt, warum er diese Fragen stellte und nach meinem Eindruck hat sie es auch verstanden.

Schließlich brachten wir den Jungen heim und übergaben ihn an seine Erziehungsberechtigten. Als wir das Haus verließen, in dem er wohnte, befanden sich die Nachbarn vom Haus gegenüber auf ihrem Balkon. Sie grüßten uns sehr freundlich und wünschten uns allen einen schönen Feierabend.

„Das dauert noch ein paar Stunden“, klärte einer meiner beiden Begleiter auf.

„Na, dann noch eine ruhige Schicht.“

Nett! Geht doch!

 

„Fahrt mal dahin (es folgte eine Adresse). Da vermissen welche ihren Nachbarn.“

Gesagt! Getan!

„Wir haben auch die Handynummer des Mannes und rufen da regelmäßig an. Derzeit geht keiner dran.“

Diese Information der Leitstelle wurde nachgelegt. Sie beunruhigte mich.

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

Erwartet wurden wir von zwei Herren in einem Mehrfamilienhaus. Einer der beiden war abends heimgekommen und hatte gesehen, dass bei einem seiner Nachbarn die Tür offenstand. Er versuchte, auf sich aufmerksam zu machen. Ohne Erfolg. Also holte er einen weiteren Nachbarn zu Hilfe. Zusammen gingen sie in die Wohnung. Alles war hell erleuchtet, es sah auch furchtbar unordentlich aus – aber der Nachbar war verschwunden.

„Er hatte vor einigen Wochen eine schwere Operation – wir machen uns Sorgen.“

Meine beiden Begleiter wirkten unbewegt, aber ich merkte ihnen an, dass sie der Sache durchaus Gewicht beimaßen.

Wir betraten die Wohnung, die beiden Nachbarn im Schlepptau, und fanden alles vor wie beschrieben.

Noch während Christian im Flur das Gespräch mit den Nachbarn führte und Personalien aller Beteiligten erhob, begann Alex, sich in der Wohnung umzusehen – nicht nur sicherheitshalber noch einmal nach dem Nachbarn, sondern auch nach weiteren Hinweisen. Ich begleitete ihn dabei. Nichts!

„Haben Sie ein Bild von Ihrem Nachbarn?“

Aus dieser Frage von Christian schloss ich, dass sofort eine Fahndung ausgelöst werden sollte. Meine Handflächen wurden feucht.

Das ist wirklich ernst…

Sofort machte Alex sich nochmal daran, durch die Zimmer zu gehen, dieses Mal hielt er Ausschau nach einem Foto. Ich folgte ihm. Vier Augen sehen vielleicht mehr als zwei. Zeitgleich durchsuchte einer der Nachbarn sein Smartphone nach einem Bild.

Plötzlich knackte es in Christians Funkgerät. Die Leitstelle. Meine Streife wurde gerufen.

Christian antwortete mit dem entsprechenden Rufnamen, dann: „Ja?“

„Der Mann hat uns zurückgerufen, er kommt nach Hause. Er ist an seiner Arbeitsstelle.“

Uff!

Alle im Raum atmeten erleichtert auf. Die vier eben noch so besorgt aussehenden Männer lächelten, ich vermutlich auch.

Wir verließen die Wohnung, die Nachbarn gingen erst einmal in ihre eigenen Wohnungen, wir erwarteten den ehemaligen Vermissten vorm Haus.

Der kam auch tatsächlich in wenigen Minuten an. Er war wirklich an seiner Arbeitsstelle gewesen, aber im Funkloch und hatte deswegen die Anrufe der Nachbarn und danach der Polizei nicht sofort bemerkt.

„Das Licht hatte ich absichtlich angelassen, damit Einbrecher glauben, ich sei daheim. Das mit der Tür verstehe ich auch nicht.“

Es war ihm sichtlich unangenehm, was er ausgelöst hatte.

„Das Wichtigste ist, dass es Ihnen gut geht. Und Sie haben echt tolle Nachbarn.“

Mit dem Satz nahm Christian ihm sichtlich sämtliche negativen Gefühle.

WOW! Super gemacht, Christian!

Abgesehen davon, dass der Satz nur zu wahr war.

Als der Ex-Vermisste außer Sicht- und Hörweite war, klärte Christian mich auf: „Gerade die Vorgeschichte mit der OP hat mich hellhörig gemacht. Das wäre nicht der erste Fall dieser Art, der schlimm endet.“

Hatte ich also richtig wahrgenommen, wie ernst der Polizei das Ganze war.

 

Da die beiden nun ihre ersten Berichte verfassen mussten, übergaben sie mich an ein zweites Team, Steini und I.

Erstmal einen Kaffee…

Gerade hatte ich die Hand nach der gefüllten Tasse ausgestreckt, als Steini mich in der Küche abholte.

„Den musst du erstmal vergessen! Einsatz!“

 

Blaulichtfahrt. An einer roten Ampel stand ein PKW – und bewegte sich keinen Millimeter in die Kreuzung rein. Wann spricht sich endlich bis zum letzten meiner Mitbürger herum, dass ein Einsatzfahrzeug sein Blaulicht und Martinshorn anwirft, wenn es dringend ist – man also Platz machen muss? Was in dem Fall heißt, vorsichtig in die Kreuzung reinfahren und den Rest den Fahrer des Einsatzfahrzeugs machen lassen.

„Klassiker“, brummte Steini nur.

I. steuerte den Streifenwagen irgendwie um das andere Auto herum, halb auf einer Verkehrsinsel. Tatsächlich ließ sich mein Mitbürger irgendwann dazu herab, minimal aus dem Weg zu kriechen. Na, bravo!

Steini und I. hatten schon einen Einsatz wegen eines Unfalls hinter sich, in den ein Motorrad verwickelt war – und hatten nun den nächsten. An dieser Stelle möchte ich die Pressestelle zu Wort kommen lassen:

„Eine Nasenbeinfraktur erlitt am Samstagabend ein 63-jähriger Motorradfahrer, als er in der Mundenheimer Straße in Fahrtrichtung Von-Weber-Straße einen einparkenden PKW verbotswidrig rechts überholte und dabei mit diesem kollidierte. Der Motorradfahrer stürzte auf die Straße und verletzte sich an der Nase, sowie an beiden Knien. An beiden Fahrzeugen entstand zudem erheblicher Sachschaden. Im Rahmen der Unfallaufnahme wurde beim PKW Fahrer Atemalkoholgeruch festgestellt. Ein anschließender Alkoholtest ergab eine geringe Alkoholisierung. Nach der Entnahme einer Blutprobe auf der Dienststelle wurde der PKW Fahrer aus den polizeilichen Maßnahmen entlassen. Der verletzte Motorradfahrer verblieb zur ärztlichen Beobachtung eine Nacht in der BGU.“ (Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Rheinpfalz vom 30.04.2017)

 

Wir waren die zweite Streife am Ort, die erste Streife hatte das Heft in der Hand. Ich warf einen Blick auf die Sanitäter, die mit dem Motorradfahrer sprachen. Er antwortete, war orientiert. Beruhigend! So ein Nasenbeinbruch verursacht nämlich eine beklemmend große Menge Blut.

Irgendwie wussten alle, was zu tun war – außer mir. Also versuchte ich möglichst, nicht im Weg rumzustehen und Leuten, die aufgeregt auf mich einsprechen wollten, deutlich zu machen, dass ich hier gar nichts zu melden hatte.

„Wen kann ich denn dann fragen?“

Keine Ahnung! Alle hatten etwas zu tun, was für mich wichtig aussah.

„Warten Sie einfach ein bisschen, bis einer der Polizisten sich um Sie kümmert.“

Deswegen war ich sehr froh, als mir eine Polizistin erstmal alle möglichen Habseligkeiten des verunfallten Motorradfahrers in die Hand drückte, um ihre Hände freizuhaben. Im Laufe der Unfallaufnahme konnte ich auch wieder als Taschenlampenhalter dienen. Das kennzeichnete mich dann auch dem Publikum ausreichend als Praktikantin, um mich keinen weiteren Fragen ausgesetzt zu sehen.

Grundsätzlich kann ich ja verstehen, dass jeder aufgeregt ist. Ich war auch aufgeregt, als ich vor vielen Jahren mal in Mainz Zeugin wurde, wie ein PKW eine Fußgängerin auf einem Zebrastreifen umnietete.

Auf die Einsatzkräfte stürzt allerdings auch schlagartig sehr viel ein. Nicht zu vergessen, dass sie schon während der Anfahrt mit Blaulicht und Martinshorn Adrenalin ausschütten. Lebensrettende Maßnahmen nötig? Rettungskräfte alarmieren? Wer hat den Notruf abgesetzt? Wer ist Unfallbeteiligter? Wer ist Zeuge? Wer ist Gaffer? Die sind ja schon froh, wenn sie Ressourcen haben, die Gaffer ihrer Wege zu schicken.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen – wenn man als Zeugin einfach ruhig wartet, möglichst an einer Stelle, an der man nicht im Weg ist, kommt irgendwann eine Polizeibeamtin oder ein Polizist und stellt Fragen. Dann bekommt man auch gesagt, wie es weitergeht. Die beherrschen ihren Job.

Wie in der Pressemitteilung beschrieben hatte der Fahrer des PKW offensichtlich Alkohol getrunken. Zur Dienststelle wurde er übrigens in unserem Streifenwagen gebracht. Ich zog kurzfristig auf die Beifahrerseite um und Steini auf meinen Platz.

Nun ging es erstmal lediglich um eine Blutprobe. Der Alkoholkonsum des PKW-Fahrers war nach allem, was man zu diesem Zeitpunkt wusste, nicht der alleinige Grund für diesen Unfall gewesen. Da er allerdings kein Deutsch sprach, war ihm nicht ganz klar, warum er von der Polizei mitgenommen worden war. Letzteres war ihm merkbar unheimlich.

In der Dienststelle gab I. alles, um dem Fahrer mit Hilfe einer Dolmetscherin deutlich zu machen, dass er nicht in der Dienststelle war, weil er die Alleinschuld bekommen sollte. Das fand ich klasse. Nach meinem Eindruck wurde der Mann auch ruhiger.

 

Nach der Blutprobe schaute I. noch einmal schnell nach einem Herrn, den die Polizei in Gewahrsam genommen hatte.

„Herr X., alles in Ordnung bei Ihnen?“

Diese Frage wiederholte I. so lange, bis von Herrn X. eine Reaktion kam. Vielleicht nicht besonders angenehm, ständig unterbrochen zu werden, während man seinen Rausch ausschläft – aber besser als unbemerkt zu sterben.

 

Anschließend bekamen wir einen Ermittlungsauftrag. An einer bestimmten Straße war ein Wohnwagen gesehen worden. Es gab die Vermutung, dass darin der illegalen Prostitution nachgegangen würde.

Auf dem Weg dahin outete sich Steini als Empfänger einer unserer Karten. „Damals war ich aber noch auf einer anderen Dienststelle.“

Er hatte sich sehr darüber gefreut. Was wiederum mich freut und auch motiviert.

In der genannten Straße war kein Wohnwagen zu sehen. Wenn der Verdacht also stimmte, hatte man sich wohl vorsichtshalber eine andere Ecke gesucht. Oder aber der Wohnwagen hatte einen harmlosen Hintergrund gehabt. Wer weiß…

 

„Wo Ihr gerade da in der Ecke seid – fahrt mal zum Herrn X. Der ist zusammengeschlagen worden, hat sich irgendwie noch nach Hause geschleppt und ist wohl ziemlich durch den Wind.“

Es folgte eine Adresse.

Die Anfahrt gestaltete sich schwierig, weil die Verkehrsführung dank diverser Einbahnstraßen an dieser Ecke der Stadt nicht auf Anhieb durchschaubar ist – um es mal vorsichtig auszudrücken. Wir fanden die Straße dennoch.

„Welche Hausnummer suchen wir nochmal?“ fragte Steini.

I. nannte die Nummer. Praktisch zeitgleich rief ich: „Hier!“

I. setzte zurück und fand eine Parklücke.

Das Rote Kreuz in Gestalt von zwei freundlichen Sanitäterinnen war schon bei Herrn X. Er ist ein älterer Herr, der schwerbehindert ist und eine Beinprothese hat. Die saß eindeutig nicht mehr so, wie sie sitzen sollte. Zudem hatte er ganz gut einen getrunken. Beides machte ihn, leider, für eine bestimmte Sorte Mensch zu einem guten Opfer. Die erkennen diese Schwächen ganz genau und wissen auch, dass Alkohol die Täterbeschreibungen nicht unbedingt hilfreicher macht.

Herr X. war völlig fertig mit der Welt. Er weinte.

Das ging mir in dieser Nacht unter die Haut. Mein eigener Tag hatte mit einer Todesnachricht begonnen, die mich mitgenommen hatte. Ich kann solche Dinge sehr gut beiseiteschieben, wenn ich anderweitig gefordert bin. Hier war ich aber gerade nicht gefordert. Also musste ich mich ziemlich zusammenreißen, um mich nicht dazuzusetzen und mitzuweinen. Was ich natürlich meinen beiden Herren auf keinen Fall antun wollte. Also riss ich mich zusammen.

Steini merkte trotzdem was. Wir führten dann kurz darauf, als ein wenig Zeit war, ein kleines Gespräch, dessen Quintessenz war: Man kann als Polizist nicht alles an sich heranlassen.

Kann ich so bestätigen. Würde ich alles, was ich im Leben an Schrecklichem oder Traurigem zu Gesicht/Gehör bekomme, so dicht an mich heranlassen, wie den Anblick des weinenden Herrn X., dann hätte ich schon mehrere Burn-Outs hinter mir. Polizeibeamte bekommen berufsbedingt mehr Schlimmes zu sehen als ich. Entsprechend wichtig ist es für die seelische Gesundheit, dass sie sich eben nicht jeden Einsatz emotional bis zum Anschlag reinziehen.

Merken, liebe Mitbürger! Es ist kein Zeichen von Unsensibilität, wenn ein Polizist im Einsatz einen kühlen Kopf bewahrt, sondern von Professionalität. Die meisten Polizeibeamten sind keinesfalls herzlos für Zwischenmenschliches. Das merkt man ihnen auch an, wenn man selbst nicht vollkommen gefühllos für andere ist.

Herr X. vermisste sein Handy. I. fragte ihn ausführlich nach den genauen Umständen aus, unter denen sein Handy abhandengekommen war. Auch hier ging es um den Unterschied zwischen zwei Delikten: Schwerer Diebstahl oder Raub.

Herr X. war dafür kaum empfänglich, also überließen wir ihn erst einmal den beiden freundlichen Sanitäterinnen.

Stattdessen machten wir uns daran, seinen Weg von der Kneipe um die Ecke nach Hause abzulaufen, in der Hoffnung, das Smartphone zu finden. Die Gaststätte befand sich um die Ecke. Es gab nur eine einzige etwas dunklere Ecke an dem Weg – und genau da war es seiner Beschreibung nach passiert. Natürlich war das Handy nicht aufzutreiben.

I. befragte drei junge Männer, die des Weges kamen. Die hatten zwar nichts gesehen, waren aber in höchstem Maße empört, was ihrem Mitbürger da passiert war.

„Altaaa, sowas macht man einfach nicht“, fasste einer der drei lautstark zusammen.

Ganz meine Meinung!

Für mein Gefühl waren sie darin auch vollkommen ehrlich.

Wir suchten die Kneipe auf, in der Herr X. seinen Abend verbracht hatte.

„Haben Sie vielleicht gesehen, wie jemand direkt nach ihm rausgegangen ist?“ fragte einer meiner beiden Herren.

Allgemeines Kopfschütteln, niemand war dem Mann gefolgt. Zudem allseitige Fassungslosigkeit.

Die Dame hinter dem Tresen wollte sofort Herrn X. Freundin informieren. I. ließ sich das Smartphone geben und übernahm das Gespräch. Gute Idee! Ich würde vergleichbare Nachrichten auch lieber sachlich von einem Polizisten bekommen.

Insgesamt ließ sich über die Täter nichts herausfinden – was vermutlich bedeutet, dass diese gewissenlosen Menschen damit durchkommen werden. Schade!

 

Und schon war es Zeit für die Rückübergabe an das erste Streifenteam.

Wir bekamen auch gleich einen Einsatz rein. Eine hilflose Person war vom Roten Kreuz, dieses Mal zwei freundlichen Herren, aufgegriffen worden. Es ging nun darum, die Identität zu klären.

Das klappte ganz gut. Dann ging es um seinen Wohnsitz. Der Herr war sich ziemlich sicher, in Mannheim zu wohnen, wo er allerdings nicht gemeldet war. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass er aus einem nahe gelegenen Krankenhaus abgängig war. Das traf sich sehr gut, denn in dessen Nähe lag schon der nächste Einsatz an. (Wie sich ruhige Nächte in Ludwigshafen halt so präsentieren!) In dieses Krankenhaus musste der Herr auch zurück. Also ging es „nur“ noch darum, ihn davon zu überzeugen, dass dieser Transport nicht von der Polizei, sondern vom Roten Kreuz erledigt werden musste.

„Wir dürfen keine Krankentransporte durchführen“, erklärte Christian ihm mehrfach. Irgendwann stieg er dann in den Rettungswagen.

Hello again!

Tatsächlich stellte sich heraus, dass der nächste Einsatz sich nicht um eine hilflose Person in der Nähe des Krankenhauses drehte, sondern diese Person ebenfalls aus dem Krankenhaus abgängig war. Eine Frau mit einer behandlungsbedürftigen Kopfplatzwunde hatte das Krankenhaus auf eigene Faust verlassen.

In diesem Krankenhaus trafen wir übrigens die beiden Sanitäter aus dem letzten und ich die beiden Sanitäterinnen aus dem vorletzten Einsatz wieder.

Während Christian und Alex noch versuchten, herauszufinden, was nun genau vorgefallen war, bekamen wir mit halbem Ohr mit, dass eine dritte Person aus dem Krankenhaus verschwunden war.

Was stimmt nicht mit diesem Krankenhaus?

Einer der jungen Sanitäter outete sich nebenbei meinen beiden Begleitern gegenüber als angehender Polizist (zum 1. Mai). In dem Zusammenhang erfuhr ich auch, wie lange meine beiden Begleiter schon dabei waren, wobei sich Christian mit fünf Jahren Dienst in Ludwigshafen schon als „Fossil“ zu bezeichnen beliebte.

Nach fünf Jahren im Beruf ein Fossil? Dann bin ich aus der Ursuppe gekrochen… 😉

 

Pragmatischerweise entschieden Alex und Christian, dass wir die Dame einfach mal suchen fahren.

 

Unterwegs trafen wir vier junge Männer, die sichtlich wohlgelaunt und nicht ganz leise durch die Nacht zogen – unter Ausnutzung der gesamten Fahrbahnbreite.

Christian sprach sie freundlich an und ermahnte sie, doch besser den Bürgersteig zu benutzen. Die Reaktion der Jungs war nicht unfreundlich. Allerdings hängte sich einer der vier gemütlich in das Beifahrerfenster des Streifenwagens. Wir leben definitiv in neuen Zeiten. Ich hätte mich das in dem Alter nicht getraut. Generell bin ich eher der Typ für Abstand. Mir wäre das definitiv zu distanzlos.

 

Wir waren bei unserer Suche schon fast an der Adresse der verletzten Frau angelangt – als uns ein Funkspruch aus der Leitstelle erreichte.

„Die Dame hat uns angerufen. Sie ist wohlbehalten zuhause. Die hatte einfach keine Lust mehr zu warten.“

„Wann ist sie denn eingeliefert worden?“

„Um neun.“

Meine Uhr zeigte knapp drei Uhr morgens an.

Joah!

Da hätte ich auch nicht mehr gewartet.

 

Wir bestreiften weiter das nächtliche Ludwigshafen. Dabei passierten wir in einer kleinen Grünanlage fünf junge Leute. Wobei „passieren“ die Sache nicht ganz trifft. Zwei von den beiden spurteten schon los, als der Streifenwagen gerade am Horizont auftauchte.

Alex gab dem Wagen die Sporen.

Die beiden trennten sich.

Nun galt es, zu entscheiden, wem wir folgen.

Unser Favorit schlug plötzlich einen Haken.

Man kann einen Passat aber auch sehr schnittig wenden, wenn es sein muss. Alex kann das auch. 😊

Der Flüchtende passierte eine Mauer. Eine kurze Handbewegung.

Hä? Will der über die Mauer klettern? Das schafft der doch nie…

Nein, er rannte weiter.

Nach wenigen Sekunden waren wir nah genug dran, dass Christian die Tür aufreißen und ihm folgen konnte. Pfeilschnell!

Alex parkte den Wagen, wir stiegen auch aus.

Christian hechtete auf den jungen Mann, und brachte ihn zu Boden.

„Hey, das ist Polizeigewalt!“

Na, klar.

Christian erklärte dem jungen Mann, inwiefern er berechtigt gewesen war, zu handeln wie er handelte, und warum er es getan hatte. Der blieb jedoch bei seiner Ansicht. Eine Diskussion, auf die sich Christian gar nicht weiter einließ.

Allerdings sagte Christian im Nachgang zu mir, dass er schon nachvollziehen könne, dass der junge Mann davon geschockt gewesen war. Fand und finde ich klasse!

Während Alex die Personalien des jungen Mannes aufnahm, spazierte Christian zu der Mauer. Um die Mauer. Hinter die Mauer. Und fand – ein kleines Druckverschlusstütchen mit weißem Pulver.

„Das haben Sie doch selbst dabeigehabt, um mir das hier unterzuschieben.“

Klar, da warten wir schon den ganzen Abend drauf…

Nach Beschlagnahme des Pulvers („Warum sollte ich etwas dagegen haben? Das Zeug gehört mir doch gar nicht!“) durfte der junge Mann weiter seiner Wege ziehen.

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

 

Meine beiden Herren fanden es im Nachgang sehr schade, dass uns der andere durch die Lappen gegangen ist. Ich auch! Wer weiß, was wir bei ihm gefunden hätten.

 

Alex und Christian tippten bei dem weißen Pulver auf Amphetamin. Sie begründeten das mit dem Geruch und mit den Symptomen, die der junge Mann aufgewiesen hatte (Trockene Mundwinkel, Paranoia…).

 

Bevor wir das überprüfen konnten, bekamen wir allerdings noch eine Ruhestörung rein. Es ging hart auf vier Uhr zu – und in einem Saal über einem Restaurant ging es musikalisch noch hoch und vor allen Dingen laut her. Es handelte sich um die Feier der Neueröffnung dieses Restaurants.

Christian und Alex gratulierten freundlich dazu, was die Bereitschaft, die Musik leiser zu stellen, drastisch erhöhte. Wenn es auch ein bisschen dauerte, bis die Anweisung der Verantwortlichen sich bis zum „DJ“ herumgesprochen hatte…

 

Als wir nach einer weiteren kurzen Streifenfahrt in die Dienststelle kamen, machte Christian als erstes einen Schnell-Test. Den kannte ich ja schon aus meiner Januar-Schicht. Dieses Mal verfärbte sich das Röhrchen nahezu in Lichtgeschwindigkeit orange. Wie vermutet – Amphetamin.

Das Amphetamin roch auch deutlich weniger nach Waschmittel, war also vermutlich von „besserer“ Qualität – hatte aber immer noch keinen Geruch, der mich animieren würde, so etwas zu mir zu nehmen.

 

Das Wiegen hatte ich schon verpasst, und den Fortgang sollte ich auch nicht mehr mitbekommen, weil mich Steini und I. wieder in ihre Obhut nahmen. Wir hatten die Streifenfahrt gerade erst aufgenommen, als wir schon einen Einsatz wegen einer Schlägerei vor einer Disko hereinbekamen.

Wieder waren wir die zweite Streife am Ort, was dazu führte, dass meine beiden Herren in erster Linie damit beschäftigt waren, die Kontrahenten voneinander zu trennen.

Nach Darstellung des jungen Mannes, um den sich meine beiden Herren vorrangig kümmerten, waren zwei andere junge Männer auf ihn losgegangen. Um diese beiden kümmerte sich gerade die andere Streife. Beiden pappte in der Tat ein ebenso provozierendes wie überflüssiges Grinsen im Gesicht. Was unseren jungen Herrn noch weiter auf die Palme brachte. Seine Freundin versuchte hartnäckig und leider erfolglos, ihn runterzubringen.

Nach und nach kamen weitere Streifenwagen eingeflogen, bis die Polizei letztlich mit insgesamt sechs Wagen am Ort war. Einer davon war der Dienstwagen eines Hundeführers, der sich aber erstmal ohne seinen Hund im Abseits hielt.

Der junge Mann, der angegriffen worden war, war nicht willens, die Fragen der Polizisten zur Klärung der Sachlage zu beantworten. Stattdessen versuchte er ständig, aus dem Kreis der ihn umgebenden Polizisten auszubrechen. Als das misslang, versuchte er es mit einem Tränenausbruch.

„Da will man einen schönen Abend verbringen, und dann passiert sowas. Und jetzt glaubt mir keiner.“

Auch hier versuchte die Freundin, beruhigend auf ihn einzuwirken.

„Die Polizisten machen doch nur ihre Arbeit.“

Natürlich zog auch hier der Blaulichtauflauf einige Schaulustige an, u.a. einen Kumpel des Opfers, der mit den beiden den Abend verbracht hatte. Der wusste offensichtlich von nichts, er konnte auch keine Zeugenaussage beitragen, die irgendwie weitergeholfen hatte. Zum Ausgleich wusste er hingegen ganz genau, wie Polizeiarbeit geht – und war auch so liebenswürdig, das den anwesenden Beamten exakt zu erklären.

„Die beiden greifen an und wir sind die Deppen. Das sind unsere Beamten und das deutsche Rechtssystem.“

Inwiefern er als Unbeteiligter, der nicht dabei gewesen war, nun der Depp sein wollte, erschloss sich mir nicht. Zum Ausgleich erschloss sich ihm aber auch nicht so recht die Funktionsweise eines Rechtsstaates, denn die Polizei ist nach wie vor lediglich dafür da, Sachverhalte aufzunehmen. Wer dann letztlich „der Depp“ ist, entscheiden Staatsanwaltschaft oder Gericht.

Ihm dauerte das auch alles zu lange. Zitat:

„Zwanzig Polizisten und das dauert ewig. So arbeitet die deutsche Polizei.“

Ja, man kann sagen, er gab wirklich alles um mein Herz zu gewinnen. Zumal er, wie eine Polizistin treffend bemerkte, jederzeit hätte gehen können. Er war ja nicht mal als Zeuge gefragt.

„Sechs Streifenwagen. Vollkommen überzogen, der Einsatz.“

Bingo! Ich hatte schon Angst, das heute Nacht mal nicht zu hören zu bekommen!

Hätte Mr. Wichtig auch nur ansatzweise den Durchblick gehabt, den er zu haben glaubte, hätte ihm auffallen müssen, dass der Diensthund die ganze Zeit im Wagen blieb. Somit also ein insgesamt sehr zurückhaltender Einsatz. Aber gut – seitdem mir sogar im Dienstgebiet der Polizei Remagen einer was von einem überzogenen Einsatz erzählen wollte, habe ich begriffen, dass auch das zum Standardrepertoire der Phrasen gehört, die man reflexartig auf Polizisten abfeuert, sobald diese irgendwie die eigenen Kreise stören.

Wirklich nett war die Freundin, die ja schon eigentlich alle Hände voll mit ihrem Freund zu tun hatte, nun aber noch seinen Kumpel im Zaum zu halten suchte. Ein echt patentes Mädchen, das sich dringend Gedanken um seinen Umgang machen sollte.

Mein persönliches „Highlight“ war übrigens der Moment, als sie versuchte Mr. Wichtig zu mehr Respekt zu bewegen. Sie sagte:
„Du redest hier nicht mit deinen Eltern, sondern mit der Polizei.“

Ein Satz, der im Nachgang im Streifenwagen bei mir einen Lachanfall hervorrief. Bei Licht betrachtet ist er aber einfach nur traurig!

Irgendwann waren alle Personalien aufgenommen und alle Gemüter so weit beruhigt, dass beide Parteien in unterschiedlichen Richtungen ihrer Wege gehen konnten. Die Polizei hielt sich noch einige Minuten am Ort auf, um sicherzugehen, dass der Teil mit den unterschiedlichen Richtungen auch hinhaut.

 

Bei der Gelegenheit sprach mich der Diensthundeführer an, der wohl schon länger auf unserer Facebook-Seite mitliest. Er mag uns!

Danke für die Rückmeldung! Auch das motiviert!

 

Zurück in der Dienststelle musste ich eigentlich nur noch die Schussweste abgeben, dann bestreiften Steini und I. netterweise noch einmal den Bahnhof Ludwigshafen-Mitte.

 

Es war auch neben der Polizeiarbeit spannend, mit vier Persönlichkeiten unterwegs zu sein, die so unterschiedlich sind – und alle einen tollen Job gemacht haben. Christian, der mir jeden Schritt sehr ausführlich aus Polizeisicht begründet hat. Steini, der mir vieles aus der individuellen Sicht eines Polizisten erklärt hat. Alex, der sofort macht, wenn es Not tut, ohne viel zu reden. (Deshalb kommt er in meinem Text auch ein bisschen zu kurz – was eigentlich nicht fair ist.) Und I., der umgekehrt recht viel redet, dabei aber eine so deeskalierende Art an Tag legt, dass es mir Spaß machte, ihm zuzuhören.

Danke Euch allen. Fast bedaure ich, nicht in Ludwigshafen zu wohnen und zu wissen, dass Ihr auf mich aufpasst. Aber nur fast. 😝 (Ein kleines Danke auch an I. dafür, dass du unsere Patches so mochtest.. 😉 )

Und danke an die PI Ludwigshafen 1 in ihrer Gesamtheit. Ihr macht einen echt tollen Job!

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Die Nacht der Unverschämtheiten – Nachtschicht in Remagen

„Ist das nicht langweilig, wenn du schon wieder in meinem Streifenwagen landest?“

Marcs Frage war ernst gemeint.

Nein, ist es nicht. Abgesehen davon, dass es auch keine andere Lösung gab. Mindestens einer der Dienst habenden Polizisten würde bereits gegen drei Uhr morgens die Nachtschicht beenden und dann war da noch eine Anwärterin, deren Ausbildung selbstverständlich Vorrang hat.

Der Dienstgruppenleiter der Vorschicht hatte es da schon eher getroffen.

„Du hast da Spaß dran, oder?“

Oh ja, und wie. Sonst würde ich es nicht so oft tun. Hinopfern tue ich mich nicht. Insgesamt macht mir KGgP ziemlichen Spaß – wenn man mal den ganzen Papierkram und einige unsägliche Kommentare auf Twitter und Facebook weglässt. Mit am meisten Spaß habe ich daran, darüber so viele neue Leute kennenzulernen.

Trotzdem freue ich mich auch mal hin und wieder bei Leuten mitfahren zu dürfen, die ich schon kenne. Marc hatte mich in meiner ersten Nachtschicht in Remagen schon im Streifenwagen gehabt. Für mich eine gute Erfahrung. Ich freute mich auf die Wiederholung.

Marcs Streifenpartnerin, Kathy, und der Rest der Schicht begrüßten mich auch sehr freundlich. Tatsächlich würden in dieser Nacht wenigstens bis drei Uhr insgesamt drei Streifen auf die Straße gebracht werden können. Tschakka!

Insgesamt stehen die Dinge in Remagen mittlerweile so, dass ich mir meine Schussweste und meinen nicht minder überlebensnotwendigen Kaffee selbst beschaffe.

„Du kennst dich ja aus.“

 

In der Schicht gibt es auch einen Polizisten, T., der schon einmal dienstlich an mir geworden war – nach einem Spiegelklatscher. Sein Kollege und er hatten das so freundlich abgewickelt, dass ich im Nachgang dem Dienststellenleiter dazu eine Mail schrieb. Wenn man sich schon permanent über die miserable Lobkultur in Deutschland beklagt, dann muss man selbst es anders halten. Nur Jammern bringt nichts.

 

Die Nacht begann wie die letzte mit Marc geendet hatte – mit einer Ruhestörung.

Übrigens meine erste Nacht auf der Rückbank des neuen Audis. War dann letztlich gar nicht mal so unbequem wie ursprünglich befürchtet – und die Sitzbank ist sehr komfortabel geformt.

Symbolfoto

 

An der Ausfahrt der Polizeidienststelle stoppte Marc den Streifenwagen, weil Kathy noch mit dem äußerst störrischen Navi kämpfte.

„Links lang“, sagte ich. Für genaue Wegbeschreibungen kann ich mir Straßennamen zu schlecht merken, sogar in einer Gegend, in der ich lebe und aufgewachsen bin. Aber für grobe Richtungsangaben reicht es. Marc vertraute meiner Angabe und bog nach links ab.

Am Fahrtziel angekommen, erwies sich diese Ruhestörung wirklich als extrem ähnlich zur letzten… wir hörten nämlich mal wieder… nichts.

Kathy und Marc klingelten bei den angegebenen Namen. Die jungen Damen waren offensichtlich schon gewohnt, dass ihnen die Polizei für nichts ins Haus geschickt wurde, denn sie reagierten freundlich und entspannt. Ein Spieleabend, aber die Musik hatten sie schon lange ausgeschaltet. Sie kannten ihre Nachbarn nämlich…

Dafür erwies sich die Einstellung des Bewegungsmelders als nervig. Das Licht sprang zwar an, aber jeweils nur für wenige Sekunden. Da ich mich als Praktikantin immer sehr gerne ums Licht kümmere (irgendwas muss jeder können), winkte ich etwa drei bis vier Mal pro Minute, um eine Unterhaltung unter der Beleuchtung einer sparsamen Energiesparlampe zu ermöglichen.

Irgendjemand sollte dem Menschen, der diese Taktung eingerichtet hat, mitteilen, dass der gewünschte Spareffekt davon mit Sicherheit nicht eintritt. Nun unterhält man sich nicht jeden Tag mehrere Minuten lang mit der Polizei, aber bei der Taktung wäre ja nicht mal aufschließen möglich, ohne dass das Licht zwischendurch ausgeht. Ständiges An und Aus frisst bekanntlich mehr Strom als so eine Lampe einfach mal zwei Minuten brennen zu lassen.

 

Als nächstes wurden wir zu einem Hausfriedensbruch in einer mir recht gut bekannten Gegend gerufen. Ein der Beschreibung der Hausbewohner nach zu urteilen heillos Besoffener hatte versucht, ihren Garten zu entern. Den Bewohnern war er unheimlich gewesen.

„Er hat erzählt, dass er mit einem X. am Rhein einen trinken war. Mittlerweile ist er nach da gegangen.“

Einer der Herren zeigte in Richtung Bahnhof. Ein anderer brachte uns transportable Lautsprecher und…

…ein Netz Zwiebeln.

Öhm…

„Das hat er hier liegen lassen.“

Ach so…

Für mich übrigens ein Einsatz, der mit einem sehr merkwürdigen Gefühl verbunden war. Wenige Häuser weiter war ich aufgewachsen. Damals, Ende der 80er, hatte mich die Polizei in einer kalten Februarnacht von Weiberdonnerstag auf Karnevalsfreitag mit dem Streifenwagen heimgefahren.

 

„Na, jetzt kannst du doch endlich sagen, was du damals wirklich angestellt hast“, mit diesen Worten wurde ich noch vor wenigen Jahren von einer ehemaligen Nachbarin, die ich zufällig im Supermarkt getroffen hatte, darauf angesprochen – was den Eventcharakter dieses Ereignisses vielleicht deutlich macht. Leider konnte ich der Nachbarin auch nach so vielen Jahren dazu nichts Spektakuläreres bieten als die Wahrheit – ich hatte den letzten Zug verpasst und die zufällig vorbeifahrende Streife, die ich darum gebeten hatte, mir ein Taxi zu beschaffen, hatte mich nach Hause gebracht. Womit die beiden Herren damals einen der Grundsteine für meine Sympathie für die Polizei gelegt haben. So gesehen sind sie „mitschuldig“ an der Existenz von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.

Offensichtlich haben sich die Zeiten geändert und das Auftauchen unseres Streifenwagens in dieser Straße wird in 30 Jahren kein Aufreger mehr sein… tja…

Zurück zum Eigentümer der Lautsprecher und der Zwiebeln…

Noch während Kathy seine Besitztümer ins Auto legte, kam ein Funkspruch rein, dass wenige 100 Meter weiter in genau der angegebenen Richtung ein Bewusstloser aufgefunden worden war.

Ah ja…

Den Zusammenhang kapierte sogar ich.

Wir fuhren los – und richtig. Da lag ein junger Mann, auf den die Beschreibung passte, am Wegesrand, bewusstlos. Ein Mitbürger hatte ihn dort liegen sehen und die Polizei alarmiert. Sehr lobenswert, aus meiner Sicht.

Marc sprach den Bewusstlosen an. Nach und nach kam er wieder zu sich, so dass er Marc seinen Ausweis reichen konnte. Kathy überprüfte per Funk seine Personalien. Gegen ihn lag nichts vor. Marc packte ihm seine Lautsprecher und Zwiebeln in den Rucksack.

Meine beiden Begleiter überlegten kurz, ob sie einen Rettungswagen alarmieren sollten, entschieden sich dann aber dagegen. Der Mann selbst wollte auch keinen. Er war ganz klar ziemlich volltrunken, aber nicht unfreundlich. Nachdem Marc ihm nach mehreren Anläufen klargemacht hatte, dass der Bahnhof nicht in der Richtung lag, in die er mehrfach starten wollte, sondern genau in die andere, schwankte er los. Damit war dieser Einsatz vorerst beendet.

Übrigens wäre in diesem Zusammenhang noch zu erwähnen, dass der ominöse X., mit dem unser Klient wohl am Rhein getrunken hatte, ein relativ polizeibekannter Herr ist, der am Ort eine Art Trinkerszene bildet. Selbst wenn die Polizei den einen oder anderen Betrunkenen (noch) nicht kennt, den sie aufgreift – X. ist das gemeinsame Zentrum, um das sie alle kreisen.

 

Als nächstes wurden wir zu Randalierern auf der Straße einen Ort weiter geschickt. Wir trafen drei junge Männer vor einem schicken Wagen aus Hamburg.

„Hier sollen welche randalieren.“

„Ja, nee, also ich hatte Streit mit meiner Verlobten“, sagte einer der jungen Herren. „Wir sind aber jetzt ruhig.“

Eine zweite Streife rückte an. Gut so!

„Läuft das jetzt wirklich friedlich?“

„Ja, versprochen! Ich hol da nur noch ein paar Sachen und dann fahre ich nach Hause.“

Das erschien nicht unwahrscheinlich, denn der junge Mann trug lediglich Shorts und T-Shirt – in einer nicht wirklich warmen Märznacht.

Da wir in dieser Nacht nichts mehr von dieser Front hörten, scheint er sein Versprechen gehalten zu haben.

 

Wir bestreiften ein wenig die Gegend, bei dieser Gelegenheit suchten wir noch einmal die Strecke zwischen der Stelle, wo die beiden unseren Betrunkenen auf den Weg zum Bahnhof gebracht hatten, und eben diesem Bahnhof ab. Er war verschwunden. Die Chancen standen also gut, dass er seinen Zug bekommen hat und bald sicher in seinem (mutmaßlich heftig unter ihm drehenden) Bett gelandet sein dürfte.

 

Von hier wurden wir von Ts. Streife als Verstärkung zu einem Einsatz hinzugerufen, bei dem es um einen Brand ging. Eine Sitzbank war angezündet worden. Die Feuerwehr war so schnell eingetroffen, dass kein Sachschaden entstanden war. T. und seine Partnerin hatten drei männliche Jugendliche gestellt, die sie im Verdacht hatte, diesen Brand verursacht zu haben.

Als wir eintrafen, war einer der Jugendlichen dabei, T. seinen Job zu erklären. Schon der Tonfall des Jugendlichen bei unserer Ankunft machte mir klar, dass dieser junge Herr im Unterschied zu mir wohl keine Mail an den Dienststellenleiter schicken würde – und wenn er es täte, würde sie ziemlich viele alternative Fakten, oder kurz gesagt Schwachsinn, beinhalten…

Zuerst einmal kam der Standardsatz, dass insgesamt fünf Beamte doch reichlich übertrieben seien als Kräfteansatz. (Für mich in Remagen überraschend. Vielleicht ist der Spruch mit dem „voll übertrieben“ auch einfach ein Reflex, der durch das Auftauchen von Menschen in blauer Uniform mit der Aufschrift POLIZEI ausgelöst wird. Wer weiß das schon so genau?) Schließlich, auch Standard, hätten sie ja gar nichts gemacht.

Der Wortführer hatte angegeben, dass er und seine Kumpels zum Zeitpunkt der Brandlegung nicht am Ort gewesen seien. Ihre Anwesenheit bei Eintreffen der Feuerwehr erklärte er damit, dass er eine WhatsApp-Nachricht bekommen habe, er solle dort erscheinen.

Diese WhatsApp-Nachricht wollte er aber nicht vorzeigen.

„Sie dürfen mein Handy gar nicht einsehen.“

Das ist so leider nicht ganz richtig, denn bei Sachbeschädigung und Brandstiftung geht es um Straftaten. Der Absender der Nachricht könnte mindestens ein wichtiger Zeuge, wenn nicht sogar der Täter sein – und in solch einem Fall ist die Strafprozessordnung da sehr eindeutig! Ein Blick in die §§ 94 ff. der Strafprozessordnung erleichtert hier die Rechtsfindung. In diesem Fall ist das Handy ein Beweismittel und darf in der Tat von der Polizei beschlagnahmt werden.

Dies versuchte T. seinem Gegenüber zu erklären.

Die Reaktion:

„Sie haben Ihre Meinung, ich habe meine.“

Das in einem unfassbar großkotzigen Tonfall vorgetragen. Als sei es nicht schon arrogant genug, einen unbestreitbar vorhandenen Gesetzestext als „Meinung“ zu titulieren.

Es ist mir zu müßig, das unsinnige Gerede des jungen Herrn hier en détail zu wiederholen. Fakt ist, dass er den Beamten weitere Unsäglichkeiten um die Ohren schlug, von denen ich hier nur zwei Highlights wiedergeben möchte:

  1. Als wir uns ans Einsteigen machten, beglückte er uns mit dem „freundlichen“ Hinweis: „Sie wissen ja, kein Alkohol am Steuer!“
  2. Im Laufe des „Gesprächs“ verstieg er sich zu dem Spruch: „Lassen Sie uns in Ruhe, dann lassen wir Sie in Ruhe!“ – was aus meiner Sicht schon recht nahe an einer Bedrohung liegt. Zumindest aber liegt bei ihm eine ganz klare Wahrnehmungsstörung vor, wer hierzulande die Rechtslage durchsetzt und wer nicht.
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Nun habe ich bei meinen Schichten schon so einiges gehört, was Polizisten um die Ohren geschlagen wurde. Bis hierher hatten aber alle Absender derartiger Botschaften entweder kräftig unter Substanzen gestanden, waren nicht ganz Herr ihrer Sinne, gerade festgenommen worden oder eben alles zusammen. Hier traf nichts von allem zu. Gut, der junge Mann war nicht ganz nüchtern, aber keinesfalls besoffen genug, um ein derartiges Auftreten auch nur im Ansatz zu erklären.

 

Leider sollte das nicht unser letztes Zusammentreffen für die Nacht mit ihm werden, denn kurz darauf wurde die Polizei zu einer Schlägerei auf einem Platz gerufen, in dessen Nähe sich ein paar Restaurants, Kneipen und Gaststätten befinden.

Meine Freude kannte keine Grenzen, ein weiteres Mal Zeugin der charmanten Erziehung des jungen Herrn werden zu dürfen. Seine beiden Kumpels, die ihm schon bei der Geschichte mit der brennenden Bank sekundiert hatten, waren auch vor Ort, sowie weitere Herz erwärmende Exemplare seines Alters.

Eine Schlägerei gab es allerdings nicht – nur schlechtes Benehmen gepaart mit Gegröle.

Zuerst einmal wies Marc ihn an, eine Zigarettenschachtel aufzuheben, die er vor unseren Augen auf den Boden geworfen hatte, und in einem ganze fünf Meter entfernt stehenden Papierkorb zu entsorgen.

„Wieso ich?“

Ja, wieso nur?

Zu meiner Genugtuung gab er letztlich nach, wozu sicherlich beitrug, dass die dritte Streife ebenfalls einrückte. Natürlich nicht, ohne uns zu erklären:

„Voll übertrieben, das Polizeiaufgebot!“

Ja, ja, das hatten wir ja gerade schon mal.

Ich persönlich finde es eher übertrieben, dass man überhaupt ein solches Polizeiaufgebot braucht, um normal sozialkompatibles Verhalten durchzusetzen, aber gut…

Endlich, nach Absondern weiterer Sinnlosigkeiten, rückten diese Zeitgenossen ab und machten auch für den Rest der Nacht keinen Ärger mehr. Da war das Polizeiaufgebot im zweiten Anlauf wohl genau richtig gewesen, würde ich mal behaupten!

 

Nun ging es erst einmal in die Dienststelle, weil Marc und Kathy ihre ersten Berichte schreiben wollten.

 

Kurze Zeit später wurde wieder die Polizei angerufen. In einem Saal, den man extra für solche Events mieten kann, fand eine Feier zu einem 18. Geburtstag statt. Aus dem Ortsinneren kamen insgesamt 30 bis 40 Jugendliche zu diesem Saal geströmt. Der Anrufer teilte mit, dass es bereits zu verbalen Aggressionen gekommen sei. Der Inhaber des Etablissements befürchtete, dass sich eine Schlägerei entwickeln könnte.

Seine Befürchtungen waren derart stark, dass er noch einmal anrief, während wir schon auf dem Weg waren.

Mit allem, was die Polizei Remagen aufbieten konnte, also drei Streifenwagen, fuhren wir erst einmal die Straße auf und ab, um uns ein Bild zu machen. Tatsächlich schien es, als bewegten sich viele junge Leute auf den Saal zu. Gleichzeitig quollen aber auch viele aus dem Saal heraus. Die jungen Menschen, die in Richtung des Saals liefen, trugen auch vielfach keine Jacke. Es konnte also durchaus sein, dass die nur mal frische Luft geschnappt hatten. Aus Sicht meiner Begleiter sprach derzeit nichts für die Version des Betreibers. Dennoch…

Die drei Streifenwagen wurden abgestellt und wir machten uns, alle in einer großen Gruppe, zusammen auf den Weg und schlenderten zu Fuß die Straße entlang.

Einer der Jugendlichen stand allein am Straßenrand und wirkte auf den ersten Blick nicht unfreundlich.

Kathy sprach ihn mit einem höflichen „Guten Morgen!“ an und fragte dann nicht minder nett:

„Und, wie ist die Party?“

„Gut!“

Oha. Ein ganz gesprächiges Exemplar.

„Und wieso stehen Sie dann hier draußen?“

Nach wie vor war Kathy sehr freundlich.

„Weil ich es darf!“

Dies in einem Tonfall, der sich weit jenseits der Grenze zur Unverschämtheit befand.

Habe ich was verpasst? Ist heute die allgemeine Nacht der Arroganz ausgerufen oder was ist mit den Leuten los?

Auch dieser junge Mann schien nicht unter Substanzen zu stehen, hatte sich also bei klarem Verstand für ein derartiges Benehmen entschieden.

Ich muss zugeben, dass ich an dieser Stelle froh war, Marc aus den Augenwinkeln zum Streifenwagen gehen zu sehen. Ich folgte ihm auf dem Fuße. Hätte ich Zeugin einer weiteren Unverschämtheit an die Adresse meiner Begleiter werden müssen, hätte ich größte Schwierigkeiten gehabt, den Mund zu halten.

Kathy stieß auch wieder zu uns. Als nächstes begegneten wir dem Betreiber, dessen Auftreten gegenüber der Polizei ich auch im Rückblick eher mit Stirnrunzeln betrachte. Erstmal wurde nämlich aufgezählt, was die Polizei beim letzten Einsatz alles falsch gemacht habe.

Na, wenn er dafür Zeit hat, scheint es ja so furchtbar dringend nicht zu sein, mit der anstehenden Schlägerei.

Marc entschied sich für eine ungewöhnliche Maßnahme. Er setzte den Streifenwagen mehr oder minder genau vor den Eingang des Saals. Und da blieben wir erst einmal eine Weile stehen.

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Warum?

Weil die Polizei es darf!

Und weil die liebenswürdige Reaktion von Kathys jungem Gesprächspartner schon recht deutlich gemacht hatte, dass die Polizei ganz klar störte – wenn auch noch nicht offensichtlich war, bei was.

Ich gebe zu, dass ich eine diebische Freude an Marcs so einfacher und doch so wirkungsvoller Idee hatte.

Die beiden anderen Streifenwagen fuhren weiter auf der Straße auf und ab. Hier und da wurde mal jemand von den beiden anderen kontrolliert, zum Beispiel, wenn er trotz des deutlich sichtbaren Polizeiautos vor dem Etablissement meinte, seinen Wagen ins Halteverbot stellen zu müssen. Das machte dann 15 Euro…

Das Gewusel aus jungen Menschen um uns herum nahm erst einmal zu. Nicht wenige, die aus dem Saal kamen und den Streifenwagen sahen, drehten wieder ab. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrfach, gerne auch mehrmals mit denselben Jugendlichen.

Wir standen. Es ging mittlerweile deutlich auf drei Uhr zu.

Nach einer Dreiviertelstunde tauchten plötzlich erste Taxis auf.

„Was wir hier an Trunkenheitsfahrten verhindern…“, stellte Marc gemütlich fest. „Wir ersetzen hier eine ganze Hundertschaft.“

Das Grinsen in seiner Stimme schwang deutlich mit. Ich grinste mit.

Nach etwas über einer Stunde hatten alle ihr Taxi nach Hause genommen und wir konnten abrücken.

Von diesem Einsatz erzählte ich am Tag danach Dirk, dem stellvertretenden Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. Er ist Polizist in Berlin, und das seit Jahren im Wedding. Mit Sicherheit gibt es in ganz Rheinland-Pfalz keine Dienststelle, die auch nur ansatzweise eine ähnliche Bevölkerungsstruktur vorfindet, wie die, mit der es die Polizei im Wedding zu tun hat. Da existiert einfach bei uns nichts Vergleichbares. Aber dafür gibt es in Berlin Verstärkung innerhalb sehr kurzer Zeit. Im Bereich der Polizeiinspektion Remagen nichts, worauf man hoffen könnte. Dirk zeigte sich sehr beeindruckt davon, wie die Schicht das gelöst hatte. Das macht mich ehrlich gesagt schon ein bisschen stolz, dass „meine“ Remagener einen altgedienten Berliner Polizisten beeindrucken.

 

Fast zum Abschluss der Nacht bekamen wir noch einmal eine Ruhestörung rein. Das war ein sehr spezieller Einsatz. Schon bei Betreten des Hauses schlug mir ein Geruch entgegen, der mich geistig in meinen ersten Einsatz in Ludwigshafen in einen sozialen Brennpunkt zurückkatapultierte.

Oha!

So weit muss man also gar nicht fahren, um mit solchen Verhältnissen zu tun zu bekommen.

Ein mir bekannter Polizist sagte einmal:

„Wir schauen in unserem Beruf hinter Türen, von denen viele Bürgerinnern und Bürger nicht einmal wissen, dass sie existieren.“

Stimmt!

Ich hatte nicht gewusst, dass es solche Häuser in meiner Heimatregion gibt.

Die Anruferin empfing uns nicht unfreundlich und informierte uns, dass ihre Nachbarin herumschreie und -poltere.

Kathy klingelte.

Keine Reaktion.

Sie klopfte.

„WAS?“

Nicht freundlich, aber wenigstens eine Reaktion von innen.

„Frau X., hier ist die Polizei.“

„Ich bin nicht angezogen.“

„Dann ziehen Sie sich bitte an. Wir möchten uns überzeugen, dass es Ihnen gut geht.“

„Rufen Sie die tschechoslowakische Kriminalpolizei.“

Hä?

Das wird schwer. Speziell vor dem Hintergrund, dass die Tschechoslowakei vor geraumer Zeit aufgehört hat zu existieren.

So schnell wollten Kathy und Marc nicht aufgeben

„Lassen Sie uns bitte rein“, dieses Mal versuchte es Marc. Mit einer derart beruhigenden Stimme – also ich hätte ihn reingelassen. „Wir wollen nur wissen, wie es Ihnen geht.“

„Ihr seid Engländer, also geht nach Hause.“

Das hatte immerhin eine gewisse Logik. Die Tschechoslowakei war lange eine kommunistische Diktatur gewesen. Jemand, der in den Zuständigkeitsbereich der tschechoslowakischen Kripo fiel und das auch gut fand, dürfte von Engländern tatsächlich nur mäßig begeistert sein.

„Lassen Sie uns bitte rein.“

„Rufen Sie die tschechoslowakische Kriminalpolizei. Ich komme morgen auf die Dienststelle. Da zeige ich ihnen dann, dass die tschechoslowakische Kripo für mich zuständig ist. Das steht in jedem PC.“

„Wir würden aber gern sehen, ob es Ihnen gut geht…“

Langer Rede, kurzer Sinn – der Dialog erwies sich als vollkommen fruchtlos und drehte sich im Kreis. Letztlich rückten wir wieder ab. Es gab keine Handhabe, sie zu zwingen, die Tür zu öffnen – ihre ziemlich laute Stimmlage legte nahe, dass sie sich bester Gesundheit erfreute.

Wie ihre Nachbarin allerdings das Problem mit den nächtlichen Ruhestörungen lösen kann? Das dürfte sehr problematisch werden.

 

Auf dem Rückweg in die Dienststelle ereilte uns noch einmal ein Funkspruch.

„Schaut mal in der N-Straße. Da ist ein verdächtiges Fahrzeug gesichtet worden.“

Wir fanden nichts.

Allerdings wohnt in dieser Straße einer der wenigen meiner Bekannten, die meinem Engagement mit Unverständnis begegnen.

Siehste, und trotzdem ist die Polizei für Dich da. Denn auch für Deine Sicherheit ist gesorgt, selbst wenn Du es nicht wahrnimmst und auch nicht bestellt hast. So sind sie, unsere Polizeibeamten.

 

 

Damit war auch diese Nachtschicht zuende.

 

Für mich bleibt als Fazit, dass ich nachts bestens schlafe, weil es meinem Sicherheitsgefühl weitgehend gut geht. Auch wenn bei uns (häufig zu) wenige Polizeibeamte am Start sind – was die wuppen und vor allen Dingen, WIE sie es wuppen… ich fühle mich in den besten Händen. Trotzdem wären mehr Polizisten kein Fehler, liebe Innenminister. Sie werden gebraucht!

Ein bisschen schockierend fand ich die unglaubliche Respektlosigkeit, der wir in dieser Nacht begegnet sind. Wie schon bemerkt, war das in der Form für mich mein bisheriger Rekord. Nun kann ich Respektlosigkeit gegenüber unseren bundesdeutschen Polizeibeamten generell nicht ausstehen, weil sie das definitiv nicht verdient haben. Gegenüber „meinen“ Remagener Polizisten kann ich es allerdings noch weniger leiden, da bin ich aus Gründen der Heimatbindung echt zu dicht dran. Na ja, und so weit zum Thema, dass in ländlichen Gebieten die Welt noch in Ordnung wäre.

Voll in Ordnung jedenfalls sind die Beamtinnen und Beamten, die Tag und Nacht für meine Sicherheit sorgen. Ihr seid super!

Allgemein Verein

Rock am Ring 2017 – liebe Polizei, Ihr wart klasse!

Liebe Polizistinnen und Polizisten, die in der vergangenen Nacht in Sachen Rock am Ring im Einsatz waren,

ich möchte Euch an dieser Stelle danke sagen für das, was Ihr in der vergangenen Nacht geleistet habt und vermutlich immer noch leistet.

Sicherlich war es keine leichte Entscheidung, das Festival zu unterbrechen. Nachdem Rock am Ring im Vorjahr und im Jahr davor bereits wegen Unwettern unterbrochen werden musste, war Euch sicherlich mehr als bewusst, was das für den Veranstalter bedeutet. Ihr habt dennoch so entschieden, und das zeigt ganz klar, wie ernst die Sachlage war. Ebenso werde ich jede weitere Eurer Entscheidungen in der Sache in diesem Licht sehen. Ihr, die Polizei, seid diejenigen mit der Kompetenz in Fragen der Sicherheit und der Gefahrenabwehr.

Danke an jene von Euch, die heute Nacht dazu beigetragen haben, das Gelände sicher zu räumen, sowie die Strecken abzusichern, auf denen die Menschen das Gelände verlassen konnten. Danke, dass Ihr dabei für Ruhe gesorgt hat, damit das Ganze geordnet abläuft und nicht durch Panik noch verschlimmert wird. Danke dafür, dass Ihr erst einen Treffpunkt in einer Turnhalle organisiert habt, an dem Eltern ihre Kinder abholen konnten, dass Ihr den Weg dahin abgesichert habt, und dass Ihr sogar einen Shuttleservice zu diesem Treffpunkt organisiert habt. Danke dafür, dass Ihr ein Infotelefon eingerichtet habt.

Danke auch an jene, die die Kommunikation in den Sozialen Netzwerken aufrecht erhalten haben. Das war schnell, professionell und gab Sicherheit! Super gemacht! Insbesondere die schnelle Reaktion auf die wohl leider unvermeidlichen Gerüchte, die kursierten, war klasse!

Natürlich traten schon am Abend und in der Nacht die ersten Besserwisser auf den Plan, die ganz genau wussten, dass es nicht sinnvoll sei, die Infotelefonnummer über Twitter zu kommunizieren (Wieso eigentlich nicht? Ist doch super, wenn man auf seinem Smartphone der Polizei Koblenz auf Twitter folgt und dann nur noch mit einem Touch auf den Bildschirm das Telefon aktivieren und die Nummer direkt anrufen kann!), wo man angeblich sicherer sei als dort, wo die Polizei es sagte, und wie und bis wann die Polizei diesen Einsatz abzuwickeln habe. Das ist nur ein Ausschnitt aus den Wortmeldungen, der selbst ernannten Innen- und Sicherheitsexperten, die zwar keine Informationen, aber zum Ausgleich jede Menge Meinung besaßen und besitzen.

Die ganz überwiegende Mehrheit der Kommentare, die ich zu Gesicht bekam, waren aber durchaus positiv. Die Menschen wussten und wissen Eure tolle Arbeit zu schätzen!

Ich nehme an, dass es nicht sonderlich überraschend ist, dass ich zu diesen Menschen zähle. Deswegen warte ich nun auf die Ermittlungsergebnisse, die zum passenden Zeitpunkt vorgelegt werden. Ich gehe davon aus, dass ich damit auch durchaus im Namen des Vereins spreche, dem ich vorsitze.

Wer mich kennt, den überrascht es kaum, dass ich zu diesen Menschen zähle. Deswegen warte ich nun auf die Ermittlungsergebnisse, die zum passenden Zeitpunkt vorgelegt werden. Ich gehe davon aus, dass ich damit auch durchaus im Namen des Vereins spreche, dem ich vorsitze.
 
Mich hat das sehr bewegt, dass es dieses Mal in meinem eigenen Landkreis eine derartige Bedrohung gab/gibt. Ja, ich war beunruhigt. Was auch immer dahinter steckte – ich weiß, dass es ernst war/ist. Ich weiß aber auch, dass die Menschen dort am Ring in den allerbesten Händen waren. Ich habe Euch nun schon so oft in Einsätze begleiten dürfen – ich weiß, was Ihr leistet und wie Ihr es leistet. Mein Vertrauen in Euch war schon immer groß und wächst mit jedem Einsatz, den ich begleiten darf. Ich weiß, dass Ihr Eurer Bestes gebt. Danke, dass Ihr für uns da seid!

Herzliche Grüße

Gerke Minrath
(Vorsitzende von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.)

 

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Objektschutzstreife mit Hindernissen – Nachtschicht in Frankenthal

Im September vereinbart – fünf Monate später dann zur Ausführung gekommen… als Mensch, der hauptberuflich nicht für die Polizei arbeitet, muss ich meine Nachtschichten sorgfältig planen. Das geht nicht immer von jetzt auf gleich.

Anfang Februar befand ich mich auf den Weg nach Frankenthal zu meiner zweiten Nachtschicht dort. Obwohl ich das nun schon oft gemacht habe, bin ich jedes Mal ein wenig aufgeregt. Da half es, schon auf der Hinfahrt einen so netten Willkommenstweet zu lesen zu bekommen:

 

Netterweise wurde zum Zeitpunkt meiner Ankunft der Bahnhof bestreift – und ich gleich ins blau-weiße Auto eingesackt.

Dann ging es erstmal zur Dienststelle, die Formalitäten erledigen. Nachdem ich letztes Jahr noch in einer anderen Dienststelle als „Schülerpraktikantin“ mitfuhr, war ich dieses Mal schon „Filmproduzentin“. Sag noch einer, dass Schulbesuch sich nicht lohnt. (*Achtung! Witz!*)

Natürlich habe ich hier einen Fotoausschnitt gewählt, der mal wieder nicht alles zeigt – sozusagen ein klassisches Beispiel, warum man so genannte „Fotobeweise“ im Internet mit Vorsicht genießen sollte. Es geht dabei darum, dass ich eine Erklärung zum Thema Verschwiegenheit und Datenschutz unterzeichne.

Man stelle sich beispielsweise vor, jemand ruft die Polizei auf den Plan, weil ein Mann angeblich eine Frau sexuell belästigt. Nun gibt es tatsächlich Männer, die so etwas tun, aber eben auch einige, die eben nicht so sind. Die Polizei rückt ein – der Vorwurf stellt sich als haltlos heraus, aber die Person (Reporter, Schülerpraktikant oder ich) setzt den Vorfall mit Namen, Adresse und am besten noch mit exakter Personenbeschreibung und Berufsbezeichnung ins Internet oder in die Zeitung. Frei nach dem Motto „wo Rauch ist, ist auch Feuer“ würde der Betreffende in seinem Umfeld kein Bein mehr an die Erde bekommen. Deswegen Verschwiegenheitspflicht.

Wichtig ist, dass ich diesen Inhalt unterzeichne – welche Bezeichnung dabei in den Bildausschnitt rückt, ist relativ egal.

 

Kaum war das erledigt und ein schnelles Abendessen eingeworfen, machte mein Streifenteam, Joshua und Jasmin, sich mit mir im Schlepptau auf zu einer „Objektschutzstreife“. Es gibt im Bereich der Polizeiinspektion verschiedene Objekte, die der besonderen Aufmerksamkeit der Polizei bedürfen, da sie aus den unterschiedlichsten Gründen gefährdet sind. Sei es, dass die Bewohner dem einen oder anderen aus ideologischen Gründen nicht in den Kram passen, sei es, dass eine Vorgeschichte aus dem Bereich der Kriminalität dahintersteckt, in deren Rahmen Menschen bedroht werden, sei es ein anderer Grund – die Gründe, warum Menschen andere Menschen einschüchtern und/oder verletzen oder gar töten wollen, sind vielfältig. Man sehe mir nach, wenn ich hier nicht genauer werde, aber es heißt ja nicht umsonst Objekt“schutz“.

Wir waren damit noch nicht ganz fertig, als wir einen Einsatz reinbekamen. „Verwirrte Personen auf der Fahrbahn“. Auf einer stark befahrenen Straße. Unmittelbare Gefahren haben Vorrang. Also unterbrechen.

Am Ort angekommen, den der Anrufer am Telefon genannt hatte, erblickten wir vor allen Dingen – eine leere Fahrbahn. Hm?

Vorsichtig fuhren wir die Straße entlang und sahen dann tatsächlich zwei junge Leute, eine Frau und einen Mann, die auf der Fahrbahn entlang schlenderten. Verwirrt wirkten sie aber nicht.

Joshua stoppte den Streifenwagen, wir stiegen aus und meine beiden Begleiter überprüften kurz die Personalien der beiden. Gegen beide lag nichts vor. Es stellte sich heraus, dass sie auf dem Rückweg von einer Party waren und ihre rebellischen fünf Minuten hatten. Ein freundlicher Hinweis von Joshua, dass der Bürgersteig grundsätzlich ein sicherer Aufenthaltsort ist als eine stark befahrene Straße rundete die Sache ab.

 

Wir wollten uns gerade wieder auf den Weg auf die Objektschutzstreife machen, als der KVD (kommunaler Vollzugsdienst oder Ordnungsamt) um Unterstützung bat. Auf einem Spielplatz hielten sich lärmende Jugendliche auf.

Bei unserem Eintreffen hatten die Herren vom KVD die Sachlage vollkommen im Griff, es ging nur darum, die Unterzahl auszugleichen.

Die Jugendlichen waren in der Nähe auf einer Party, verlegten aber einen Part, der auch das Rauchen einer selbst gebastelten Shisha beinhaltete, an diesen Ort.

Es war allerdings deutlich nach 22 Uhr, die Anwohner hatten ein berechtigtes Interesse an Schlaf, und so ein Spielplatz richtet sich eigentlich an eine deutlich jüngere Zielgruppe. Ein bisschen kühl war es auch.

 

Auch dieser Einsatz endete freundlich. Wenn ich mich recht entsinne, erhoben die beiden Herren vom Ordnungsamt eine Geldbuße. Na ja, und die selbst gebastelte Shisha wurde vom KVD beschlagnahmt.

 

Nächster Versuch, die Objektschutzstreife wieder aufzunehmen. Dieses Mal kam eine Unfallaufnahme dazwischen. Auf der Anfahrt fuhren wir über eine Straße, von der aus man Ludwigshafen am Horizont sehen kann. Ein sehr beeindruckender Anblick. Der kommt natürlich auf einem Handyfoto aus einem fahrenden Auto nur sehr eingeschränkt raus – aber man sieht schon, welch enormes Licht diese Stadt abstrahlt.

Auf einer Kreuzung hatten sich zwei KFZ getroffen. Der Schaden hielt sich in Grenzen, entsprechend waren alle Beteiligten vergleichsweise ruhig. Im Grunde ging es primär darum, dass eine ordentliche Unfallaufnahme stattfinden musste, weil einer der Unfallbeteiligten einen Firmenwagen fuhr und für die Versicherung ein Protokoll der Polizei brauchte.

 

Wieder ein Versuch, die Objektschutzstreife fortzusetzen. Diese wurde durch eine rasante Blaulichtfahrt unterbrochen. Eine Nachbardienststelle brauchte Unterstützung. Schlägerei.

Als wir eintrafen, waren bereits zwei Rettungswagen vor Ort sowie etwa zehn Streifenwagen. Aus Frankenthal kamen insgesamt noch drei Streifenwagen hinzu. Ein sehr beeindruckendes Bild, von dem ich leider nur einen Ausschnitt fotografieren konnte, als der Einsatz beendet war. Mein Interesse ist nicht, bei Schlägereien die Aggressionen noch anzuheizen, indem ich den Menschen eine Kamera oder mein Handy ins Gesicht halte. Was in solchen Situationen nicht diskret aus der Hüfte geht, wird nicht abgelichtet. Fertig!

Ich sah sogar einige bekannte Gesichter aus Ludwigshafen 1, aber die Situation war ganz klar zu angespannt, um ein Wiedersehen zu feiern. Falls Ihr mich erkannt habt – ich hab Euch auch erkannt und mich gefreut, Euch zu sehen.

Nun zum Einsatz an sich. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben.

Wir leben in einem gesellschaftlichen Klima, in dem für viele Teilnehmer an der öffentlichen Diskussion zwischen schwarz und weiß keine Graustufen mehr existieren. Das trifft mittlerweile für die meisten Themen zu, bei diesem verstärkt sich das Phänomen allerdings wie unter einem Brennglas.

Der eine oder andere wird mit Sicherheit kräftig verallgemeinern – manche lesen ja grundsätzlich aus jedem Text das raus, was sie rauslesen wollen.

In dieser Gemengelage werden unsere Polizeibeamten zerrieben, denn sie müssen mit der Realität umgehen. Eine Realität, die zu komplex ist, um sie zu reduzieren. Sie hat unendliche viele Ursachen, vermutlich so viele Ursachen, wie es individuelle Menschen gibt.

Dies war mein zweiter Einsatz in einer Unterkunft für Migranten. Mein erster fand in Fürth statt (ich beschrieb den Einsatz im Nachgang in einem Artikel dazu), ein einer Unterkunft, in der in erster Linie Familien und Paare leben. Wir sind damals zu dritt (zwei Polizeibeamte und ich) hineingegangen. Uns schlug keinerlei Aggression entgegen, im Gegenteil half uns eine Bewohnerin an unser Ziel. Ich verspürte zu keinem Zeitpunkt Angst. Auch meine beiden Begleiter gaben sich nicht anders als für den Rest der Schicht.

In dieser Unterkunft war das völlig anders. Die Wohnstätte ist ausschließlich mit jungen Männern belegt.

Die Wohnverhältnisse sind reichlich beengt. Entsprechend ist es insgesamt recht unordentlich und entsprechendes Konfliktpotential ist vorhanden.

Natürlich sieht das Konfliktpotential da, wo viele Familien aufeinander treffen, völlig anders aus als dort, wo ungebundene junge Menschen zusammenkommen, die für niemanden unmittelbare Verantwortung tragen.

Das sollte jeder im Hinterkopf haben, wenn er beurteilen will, warum es hier zu einer Schlägerei mit insgesamt drei Verletzten kam. Damit möchte ich die Schläger keinesfalls entschuldigen. Im Gegenteil. Ich bin nach wie vor große Freundin der Eigenverantwortung. Für meinen Geschmack machen es sich viele Menschen zu leicht, indem sie die Ursachen für ihre Schwierigkeiten grundsätzlich woanders verorten.

Wir sind durch dieses Wohnheim gegangen, durch einen Flur, in dem sich eine riesige, weiträumig verschmierte Blutlache ausbreitete. Im Unterschied zu Fürth hatte ich Angst. Wie immer weniger um mich, als um meine Begleiter. Ich weiß, die würden mich nicht mit reinnehmen, wenn sie nicht wüssten, dass sie mich heil und am Stück wieder rausbringen können – ich will nur nicht, dass sie sich dafür eine Verletzung fangen. Im Unterschied zu Fürth kamen wir aber auch in eine hochaggressive Grundstimmung. Nach einer Schlägerei wird man grundsätzlich recht wenige tiefenentspannte Menschen vorfinden.

Die Beamten veränderten ihre Körpersprache und ihre Stimmlage mit Betreten der Unterkunft sehr deutlich, hier war ganz klar Schluss mit lustig. Sie haben in jedes Zimmer geschaut. Natürlich haben sie angeklopft – sehr nachdrücklich. Sie haben alles konfisziert, was sich als Waffe benutzen lassen kann – Latten, Fahnenstangen, Besenstile und versuchten, die um die Blutlache herum Wohnenden zu befragen. Niemand hatte etwas gesehen und niemand hatte etwas gehört.

Natürlich ist mit Abrücken der Polizei die Ursache für das Problem nicht beseitigt. Für Sozialarbeit in großem Umfang ist die Polizei allerdings nicht zuständig – und wenn ich meine eigenen Erfahrungen aus den Schichtbegleitungen mal zugrunde legen darf, dann tun die allermeisten Polizisten sowieso schon weit mehr davon als in ihrer Arbeitsplatzbeschreibung steht. Trotz der personell angespannten Lage.

Das dürfte wieder einer der Einsätze gewesen sein, die ein Gefühl der Vergeblichkeit zurücklassen und ein Gefühl, allein gelassen zu werden von der Gesellschaft.

 

Direkt im Anschluss wurde mir wieder eine Blaulichtfahrt geboten – in einem der Nachbarorte von Frankenthal sollte es zu einem Fall von häuslicher Gewalt gekommen sein. Der entpuppte sich allerdings als Fehlalarm.

In der Zwischenzeit beendete eine andere Streife unsere Objektschutzstreife. Wieder einmal eine Schicht, in der alles anders kam als es angedacht… und sie war ja noch lange nicht vorbei.

Als nächstes bekamen Joshua, Jasmin und ich einen Einsatz rein, in dem ein Mann die Polizei um Hilfe rief, weil seine Freundin betrunken Auto fahren wollte. Er habe sie daran gehindert.

Symbolfoto: Andere Einsatzörtlichkeit

Als wir an seiner Wohnadresse eintrafen, schlug uns beim Öffnen der Tür schon eine stramme Alkoholfahne entgegen. Würde ich so nach Alkohol riechen, läge ich vermutlich bewusstlos unter dem Tisch.

Der Herr erschien aber durchaus orientiert und sprach sehr klar. Er hatte genau das Richtige getan, nämlich seiner Freundin ihren Autoschlüssel abgenommen. Sie sei daraufhin zu Fuß verschwunden, sie hatte seine Maßnahme wohl auch nicht sonderlich erfreut aufgenommen.

Er zeigte uns den Wagen, ein Halterabfrage bestätigte seine Angaben.

Den Autoschlüssel wollte er auch nicht behalten, vermutlich um sich im Nachgang nicht irgendwelchen Vorwürfen durch die Frau auszusetzen. Also nahmen den meine beiden Begleiter an sich, nicht ohne ihn an dem fraglichen Auto auszuprobieren.

Den konnte sich die Dame dann nach erfolgter Ausnüchterung auf der Wache in Frankenthal abholen. Dies erlebte ich natürlich nicht mehr selbst mit, da die Schicht sich zunehmend ihrem Ende zuneigte.

 

Der nächste Einsatz war ein Einbruchsalarm in einem Supermarkt. In einem Vorraum vor dem Supermarkt befindet sich eine kleine Filiale einer Bäckereikette. Die Verkäuferin hatte morgens den Laden geöffnet, und hatte dabei versehentlich den Alarm ausgelöst.

Leider erwies sie sich nicht als sonderlich auskunftsfreudig oder gar hilfsbereit in Hinblick darauf, dass sie den Zuständigen alarmiert hätte, der diesen Alarm abstellen könnte. So standen wir eine Weile in diesem Nerven zerfetzenden Jaulton, während Joshua versuchte, der Dame Informationen abzuringen.

 

Als endlich ein Verantwortlicher alarmiert worden war, um den Alarm zu beenden, lag das Schichtende bereits in greifbarer Nähe. Jasmin und Joshua wollten gerade Richtung Dienststelle fahren, als der nächste Alarm kam. Wieder in einem Supermarkt. Zur Abwechslung allerdings ein Feueralarm.

Offenbar zu Alarmspezialisten ernannt, wurde meine Streife geschickt. Mit mir. Was mir jetzt nichts ausmachte, denn meine Züge nach Hause fahren sowieso eher spät. Ich bin nicht unglücklich, wenn ich bespaßt werde. Für meine beiden Begleiter tat es mir allerdings schon leid.

Wir waren die ersten am Einsatzort, bei einem Brandalarm kommt natürlich auch die Feuerwehr ins Spiel. Wir umkreisten zweimal das Gebäude, konnten aber keine Rauchentwicklung erkennen.

Dann tauchte die Feuerwehr auf. Mit zwei Löschzügen und zwei weiteren Fahrzeugen. Ich war im Blaulichtparadies. Yeah!

Die Feuerwehrleute betraten zuerst das Gebäude, um einen Brandherd zu finden. Auch hier war es nur ein Fehlalarm.

Nachdem sowohl die Feuerwehr als auch die Polizei den Knopf zum Abschalten des Alarms nicht fanden, musste wieder ein Verantwortlicher her.

Bis der erschien, blieben wir, also mein Streifenteam und ich, vor Ort, da ja durch den Feuerwehreinsatz eine Tür offenstand. Die Feuerwehr hingegen rückte nach und nach ab.

Schließlich konnten auch wir abrücken und es ging zurück in die Dienststelle. Die Folgeschicht war schon da, aber Joshua und Jasmin hatten noch ein paar Berichte zu schreiben.

So lange saß ich schon mal mit dem Rest der Nachtschicht im Sozialraum und wir tranken zusammen noch einen Kaffee. Schließlich kam mein Streifenteam auch noch dazu.

Gemeinsam konnten wir die Nacht noch einmal Revue passieren lassen, insbesondere den Einsatz bei der Schlägerei.

Ich verstehe, dass diese Zusammenkünfte vielen Polizeibeamten gut tun, denn mir hat es auch gut getan. Das ist noch einmal etwas anderes als darüber zu schreiben.

Danke für die gemeinsame Runde am Morgen und danke für die spannende Nacht mit den interessanten Einblicken.

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Mein erstes Mal im Gewahrsam – Nachtschicht mit der PI Koblenz 1

„Wir haben nichts gegen eine Schichtbegleitung. Im Gegenteil.“

Mit diesem Worten beruhigte mich Marc, einer der Kollegen meines heutigen Streifenpartners Sven. Sven selbst war bereits bei meiner Ankunft im ersten Einsatz – was mich leise ahnen ließ, wie das Einsatzaufkommen in Koblenz wohl aussehen mag.

 

Ein bisschen Beruhigung konnte ich wohl gut brauchen. Bisher wurde ich von allen Dienstgruppen mit offenen Armen empfangen, weil es ihnen Freude macht, Außenstehenden ihre Arbeit zu zeigen. Privat kenne ich aber durchaus Polizisten, die das vollkommen anders sehen. Deswegen versuche ich immer, mir Dienststellen auszusuchen, von denen ich weiß, dass es dort Leute gibt, die mich gerne in ihrem Streifenwagen haben wollen.

In Koblenz 1, der Dienststelle, die unten im Koblenzer Polizeipräsidium angesiedelt ist, sah das so aus, dass ich dort von einem Polizisten wenigstens etwas in der Art wusste – Sven. Als er vor vielen Monaten mitbekommen hatte, dass ich hier und da eine Schicht mitfahre, fand er: „Du solltest mal Koblenz 1 versuchen.“ Da er kurz darauf dorthin versetzt wurde, interpretierte ich das zu meinen Gunsten so, dass er mich als Achslastbeschwerer akzeptieren würde.

In meiner Jugend „genoss“ Koblenz den zweifelhaften Ruf, dass da „nix los“ sei und wir waren eher nach Bonn orientiert. Was als „Bundeshauptstadt ohne nennenswertes Nachtleben“ auch nicht gerade als Zentrum der Sensationen durchgehen konnte. Mich interessierte, wie es wohl heute in Koblenz zugehen mag.

Für Sven hieß das erst einmal, dass er eines schönen Tages zu Dienstantritt direkt in die Pressestelle des Koblenzer Polizeipräsidiums gebeten wurde, wo mein Ansinnen an ihn herangetragen wurde. Offensichtlich hatte er das positiv aufgenommen, denn in dieser regnerischen Märznacht sollte ich bei ihm im Streifenwagen landen.

 

Marc machte sich dann direkt mit mir auf die Suche nach einer Schussweste. Es dauerte eine Weile bis ich eine passende gefunden hatte. Dieses Mal habe ich mir die Größe gemerkt. Allmählich lohnt sich das. Ich denke sogar über eine eigene nach – so wie Castle in der gleichnamigen Serie. Über den passenden Aufdruck denke ich noch nach. „Writer“ wird es schon mal nicht, obwohl das gar nicht mal so abwegig wäre.

 

Kaum war ich eingekleidet, war auch Sven wieder da und stellte mir die Leute in der Dienststelle vor, insbesondere seine Streifenpartnerin Kathi. Dann gab er mir einige Verhaltensmaßregeln für die Nacht. Für mich dabei ganz neu die Anweisung: „Je nachdem, wo wir hinfahren, ziehst du bitte deine Jacke über die Schussweste. Da wird dann gerne mal hinterrücks mit Flaschen auf die Polizei geworfen – da musst du nicht noch die Zielscheibe abgeben. Das sage ich dir dann. Und eventuell sage ich dir auch, dich unauffällig zu entfernen und uns besser nicht zu kennen.“

Oha!

Innerlich machte ich einen dicken roten Strich durch den Teil mit „nix los in Koblenz“ und versuchte mich mit dem für mich ideologisch etwas schwierigen Gedanken abzufinden, im Zweifel so zu tun als sei Freund und Helfer genau das nicht – mein Freund. Grmpf! Aber was meine Streifenpartner sagen, mache ich auch. Ich bin nur die Praktikantin.

 

Unser erster Einsatz führte uns in ein Einkaufszentrum, das bis acht Uhr geöffnet ist. Es war zu einem Diebstahl aus Schließfächern gekommen.

Vor Ort trafen wir vier junge Leute an, die sich einen Shopping-Nachmittag gemacht hatten.

„Wir haben einige Tüten hier in zwei Schließfächern gelagert – und jetzt sind in den Schließfächern andere Sachen drin.“

Zuerst nahmen Kathi und Sven die Personalien aller Beteiligten auf. Ein Mitarbeiter der Security-Firma hatte sich ebenfalls eingefunden. Er wusste schon, dass die Polizei Interesse an den Überwachungsvideos haben würde.

Die Schließfächer haben Glasscheiben und sind mit einer PIN zu bedienen, die man sich selbst ausdenkt.

„Die muss einer beobachtet haben“, mutmaßte Sven, da die Schließfächer selbst unversehrt waren. So schnell wird ein „Diebstahl“ zum „schweren Diebstahl“.

Eine der jungen Damen hatte ihre Kassenzettel in den Tüten im Schließfach gelassen. Deswegen entschieden Kathi und Sven, dass wir noch in den Geschäften, aus denen die gestohlenen Kleider stammten, fragen würden, ob jemand versucht hatte, die Sachen umzutauschen. Unseren jugendlichen Begleitern erschien das zwar sinnlos, aber so eine Personenbeschreibung oder ein Kassenzettel mit Zeitstempel, um das durchzusehende Videomaterial der Überwachungskamera einzugrenzen, kann hilfreich sein. Man kann der Polizei ihren Job erklären, muss man aber nicht… 😉

Immerhin konnte einer der Kassierer einen Kontakt zum Geschäftsführer vermitteln.

Leider war ich an dieser Stelle maximal abgelenkt. Ich hatte nämlich einen heftigen Flirt mit einem jungen Mann mit strahlend blauen Augen. Er saß in einem Kinderwagen gerade mal drei Meter vom Geschehen entfernt. Schon zur Begrüßung krähte er fröhlich: „Hallooooo Polizei!“ Da musste ich natürlich schon lächeln. Als er diese nette Ansprach wiederholte, konnte ich mich wirklich nicht um die Details der Ermittlungen kümmern. Ich hatte genug damit zu tun, mit dem jungen Herrn Lächeln und Winken auszutauschen. Worüber sich übrigens auch sein Vater freute. Einkaufen ist für ein Kind in dem Alter nämlich auch nicht unbedingt spannungsgeladen.

Eine verwandte Seele!

Hoffentlich bleibt der Kleine so.

 

Leider unterbrach das Einsatzende meine Werbekampagne für die Polizei. Auf dem Weg zum Streifenwagen wurden wir aufgehalten von einer Dame, die mit ihrer Tochter unterwegs war, und meinen Begleitern eine Scheckkarte überreichte.

„Die haben wir bei der Bank im Auszugsdrucker gefunden. Wurde wohl vergessen.“

Manchmal klappt es halt doch mit uns Bürgern. 😊

 

Zurück in der Dienststelle bekam ich erst einmal eine ausführliche Hausbesichtigung inklusive Gewahrsam (den ich später in der Nacht noch recht ausführlich zu Gesicht bekommen sollte) und der Führungsleitzentrale. Noch war es halbwegs ruhig in Koblenz. Mit halbem Ohr hörte ich, wie ein Streifenteam zu einer Unfallaufnahme bestellt wurde, nach wenigen Minuten gefolgt vom Funkspruch:

„Wir brauchen noch ein Team. Da ist so ein Typ, der hier rumschreit und die Unfallaufnahme stört.“

Ah, ein Pfosten.

Also jetzt nicht der funkende Polizist…

 

Als nächstes beschafften wir uns erst einmal etwas zu essen in der Nähe des Hauptbahnhofs. Dort erzählte mir Sven von einem Einsatz. Sie waren gerufen worden, weil in einem Mehrfamilienhaus eine Tür eingetreten worden war. Die Leute befürchteten Einbrecher. De facto hatte allerdings lediglich ein Besoffener den Wohnungsschlüssel seiner Freundin (ebenfalls nicht wirklich nüchtern) vergessen und hatte das dann eben so gelöst. Ah ja…

Kathi und ich teilten uns eine Pizza. Ein paar weitere Streifenteams, u.a. das mit der Unfallaufnahme, leisteten uns Gesellschaft.

„Also bei uns hier kommt das sehr gut an, was Euer Verein so macht.“

*Hach*

Das tat jetzt auch mal gut.

 

Und schon ging es raus – eine Streifenfahrt im Regen. Eigentlich hatten Kathi und Sven geplant, mir ein Foto des Streifenwagens am deutschen Eck zu ermöglichen. Dort ist abends bei gutem Wetter so viel los, dass eine Bestreifung in keinem Fall ein Fehler ist. Im Augenblick war es allerdings dermaßen nass von oben, dass wir uns das lieber sparten.

Stattdessen versuchten wir, die Scheckkarte auszuliefern. Da es witterungsbedingt noch recht ruhig war, hatten wir Zeit für solche Dinge. Da ganz in der Nähe jemand wohnte, den meine Begleiter durchaus der einen oder anderen illegalen Aktivität verdächtigten, drehten wir auch noch eine Runde bei diesem Menschen vorbei. Und bevor jetzt wieder einer Schnappatmung bekommt – über eine öffentliche Straße fahren darf jeder – auch die Polizei.

 

„Halt an!“

Sven war ganz aufmerksam, nachdem er bis hierhin entspannt gewesen war, während Kathi uns durchs Dienstgebiet fuhr und beide mir erklärten, wo sich die Brennpunkte befinden.

„Den will ich kontrollieren!“

Der junge Mann wurde sichtlich nervös, als das Polizeiauto vor ihm anhielt, beruhigte sich aber sofort wieder, als Sven ihn um seine Papiere bat. Ein langer Blick. Sven gab die Papiere zurück.

„Entschuldigen Sie, Sie sehen jemandem ähnlich.“

Damit war die Personenkontrolle auch schon beendet. Hatte keine zwei Minuten gedauert. Der junge Mann nahm das auch recht locker. Das konnte er auch, denn es wurden nicht mal Daten notiert. Man kann aus jeder Personenkontrolle ein Drama machen, muss man aber nicht… 😉

Weitere Bestreifung des Dienstgebietes.

„Fahrt mal an die folgende Adresse. Da meldete jemand einen mit Taschenlampe in einem Bürogebäude.“

Ein Teil der Anfahrt erfolgte mit Blaulicht. Als wir auf dem Parkplatz der benannten Adresse auffuhren, stand dort ein Wagen eines örtlichen Security-Unternehmens.

Kathi und Sven (und ich) dachten sich schon ihren Teil, dennoch bekam ich die Ansage, hinter ihnen zu bleiben, bis die Sachlage geklärt sei.

Tatsächlich tauchte irgendwann ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes auf.

„Ich hab mich schon gefragt, wann der Tag kommt, an dem jemand die Polizei ruft.“

 

Harmloses Bestreifen des Dienstgebietes. Wir fuhren langsam auf eine Ampelkreuzung zu, wir hatten eindeutig grün.

SWOSCHSCHSCH.

Vor der Motorhaube des Streifenwagens zischte ein Fahrrad vorbei. Ganz klar bei rot.

Sven warf das Blaulicht an und Kathi trat den Gashebel durch.

„Wo ist der?“

Auch ich verrenkte mir den Hals. Sven sah ihn als erstes.

„Da!“

Er zeigte auf den Bürgersteig, auf dem ein junger Mann auf dem Fahrrad zwischen Hauswänden und parkenden Autos fuhr. Was als Versteck gedacht war, erwies sich als Falle, denn am Ende der Parkreihe stand nun der Streifenwagen quer.

„Ihre Papiere, bitte!“

„Ich habe keine Papiere dabei.“

Dabei hechelte der junge Herr. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich das noch für eine Folge seiner recht sportlichen Fahrweise.

„Wie heißen Sie denn?“

Er nannte einen Namen. Sven machte sich Notizen. Dann trat er ein paar Schritte zur Seite, um per Funk abzufragen, ob gegen den jungen Mann etwas vorlag. Die Funkverbindung war gerade schlecht. Sven behalf sich mit dem kaufmännischen Alphabet.

„Kaufmann, Ida, München…“ (Das sind natürlich nur beispielhafte Buchstaben.)

„Das ist aber nicht mein Name.“

Was ist der denn so aggressiv?

Das Hecheln hörte nicht auf. Stattdessen tappte er nervös von einem Fuß auf den anderen.

Der ist aber schlecht in Schuss. Da komm ja sogar ich schneller wieder zu Atem…

Kathi schaltete deutlich schneller und leuchtete ihm mit ihrer Taschenlampe in die Augen.

Die Pupille reagierte so gut wie gar nicht auf den plötzlichen Lichteinfall.

Upps…

Da fiel dann sogar bei mir der Groschen… so ganz von gestern bin ich dann ja doch nicht. Rebound-Effekt nennt sich diese verlangsamte Reaktion.

Offenbar merkte jetzt auch unser Delinquent etwas.

Plötzlich machte er einen Ausfallschritt ins Svens Richtung. Der reagierte aber pfeilschnell, so dass er sich einen anderen Fluchtweg suchte.

ZISCH!

Und schon sah ich nur seine Schuhsohlen von hinten.

ZISCH!

ZISCH!

Sven und Kathi hinterher.

Macht das jetzt Sinn, wenn ich da hinterherrenne? Nein!

Vor kurzem erst von einer schweren Grippe genesen, war ich konditionell nicht gut aufgestellt – und schnell… na ja…

Ich bewunderte die Geschwindigkeit meiner beiden Begleiter.

Da komm ich eh nicht hinterher. Irgendwann müssen sie zurück zum Streifenwagen kommen… und wenn ich dann den Betrieb aufhalte, ist auch Käse…

Und irgendjemand musste ja auch auf das sündhaft teure Fahrrad aufpassen, dass unser Rotlichtsünder hinterlassen hatte.

Zwei Passanten kamen des Weges.

„Ui“, sagte der junge Mann. „Die Polizisten sind schneller.“

„Ja“, sagte die junge Frau.

Oh, bitte, ja…

Nun ja, waren sie leider nicht. Während Sven in weiter Ferne weiter hinter dem Flüchtenden herrannte, kam Kathi zurück zum Streifenwagen, um die Verfolgung im Auto fortzusetzen.

Ich sprang schon rein, bevor sie da war.

„Schickt einen Wagen, um das Fahrrad abzuholen“, gab sie in den Funk durch. Dann zu mir: „Und du hältst auch die Augen offen.“

Innerlich musste ich grinsen. Genau meine Art, Leute auf Trab zu bringen, wenn ich unter Dampf stehe. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich das immer mache. Zu irgendwas muss ich doch nützlich sein. Gucken kann ich auch besser als rennen. 😝

Leider blieb der Delinquent verschollen. Nach einer Weile erfolglosen Herumzirkelns sammelten wir Sven wieder ein, der schwer atmend an einer Straßenecke stand.

„Ich hab ihn verloren.“

Der Ärger war ihm deutlich anzuhören.

Ganz ehrlich?

Ich ärgerte mich mit ihm.

Milde frustriert nahmen wir unsere Streifentätigkeit wieder auf.

„Lass mal da lang fahren, ich mein, da wär der hingelaufen.“

Keine zwei Minuten weiter…

„Das ist der doch?“

Svens Stimme schwankte irgendwo zwischen überrascht, ungläubig und erfreut. Ich starrte in die selbe Richtung wie er.

Joah! Da spazierte unser junger Freund seelenruhig über eine Brücke.

Ich spürte das Adrenalin einschießen. Ich nehme an, meinen beiden Begleitern ging es nicht anders.

Kathi bremste den Streifenwagen.

Sven und Kathi stürzten aus dem Streifenwagen. Zeitgleich ging ein Funkspruch raus. Dann:

„Sie sind festgenommen.“

Offensichtlich war unser junger Freund vollkommen überrascht davon, dass die Polizisten, die er gekonnt abgehängt zu haben glaubte, plötzlich vor ihm auftauchten. Jedenfalls legte er vollkommen widerstandslos seine Hände auf das Dach des Streifenwagens. Ein paar dumme Faxen mit den Füßen wollte er sich allerdings nicht verkneifen. Ich wiederum freute mich innerlich wie ein Kind, dass wir ihn doch noch bekommen hatten. Also meine beiden Begleiter.

Zwei weitere Streifenwagen kamen an, einer setzte sich vor unseren, einer hinter unseren. Ein sehr beeindruckendes Bild. Schlagartig hielt er die Füße still.

„Sucht mal da bitte das Grünzeug ab – der hat irgendwas weggeworfen.“

Leider blieb die Suche erst einmal erfolglos. Sven und Kathi packten den jungen Mann in ihren Streifenwagen. Ich bekam ein kuscheliges Plätzchen bei einer anderen Streife. Hinten rechts. Freiwillig natürlich, denn hinten links saß ein Anwärter. Wie käme ich dazu, jemanden, der mir später mal den Hals retten will, auf den Platz für die Kundschaft zu verbannen. 😝

Auf der Dienststelle bekam ich dann endlich die Antwort auf die über Funk abgesetzte Frage. Die war ja unterbrochen worden durch seinen plötzlichen Abgang. Unser junger Freund hatte eine entsprechende Vorgeschichte in Sachen Betäubungsmittel, ein kleiner Widerstand war auch noch dabei. Zum Glück waren neben Sven und ihm noch weitere Beamte im Vernehmungsraum.

Also setzte sich Kathi mit dem diensthabenden Hundeführer in Verbindung. Sein Hund war leider auf Sprengstoff spezialisiert, konnte uns also in diesem Fall nicht weiterhelfen, die weggeworfenen Sachen wiederzufinden.

Der junge Mann befand sich derweil in einem Vernehmungsraum mit Sven und zwei weiteren Polizisten. Er führte sich äußerst patzig und aggressiv auf.

„Warum bin ich hier?“

„Sie sind bei rot über die Ampel gefahren, es besteht Verdacht auf Drogenkonsum und Sie sind abgehauen, als wir uns mit Ihnen unterhalten wollten.“

Svens Tonfall ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier wirklich Schluss mit lustig war.

„Verdacht auf Drogenkonsum? Wieso?“

Dieses Mal gab Kathi die Antwort:

„Sie schwitzen, Sie atmen schnell….“

„Ich war auf einem Rad unterwegs und bin schnell gefahren…“

„Ihre Pupillen zeigen den Rebound-Effekt…

„Sind Sie Ärztin?“

Als müsste man Ärztin sein, um die Effekte von Drogen zu erkennen, wenn man sie vor sich hat. Sogar ich konnte die erkennen und ich kenne die nur aus Präventionsvorträgen von Jugendsachbearbeitern.

„Was ist mit meinem Fahrrad?“

„Das haben Kollegen von uns sichergestellt. Plötzlich machen Sie sich also Sorgen um Ihr Fahrrad?“

Einen gewissen Sarkasmus konnte ich an dieser Stelle aus Svens Stimme heraushören. Immerhin hatte der junge Mann sein sündhaft teures Rad einfach offen im nächtlichen Koblenz stehen lassen, als er Sven und Kathi zu einem beeindruckenden Sprint zwang.

Apropos Fahrrad…

„Haben Sie dazu einen Eigentumsnachweis?“

„Das gehört meinem Vater.“

Sven checkte diese Information telefonisch gegen. Tatsächlich stützte der Vater diesen Teil der Aussage, auch wenn er mit dem sonstigen Verhalten seines Sprösslings eher uneinverstanden zu sein schien. Im späteren Verlauf verweigerte er sogar die Abholung seines Sohnes. Er würde am folgenden Montag mit einem Eigentumsnachweis vorbeikommen und sein Fahrrad holen.

Zurück zu den Drogen. Sven machte zwei Wischtests. Beide negativ.

Das hatte aber noch gar nichts zu sagen, denn die so genannten „Kräutermischungen“ („Legal Highs“) lassen sich durch diese Tests nicht nachweisen.

Kathi verließ wieder den Raum, dieses Mal, um den Staatsanwalt anzurufen. Der ordnete eine Blutprobe an. YAY! Sehr gut!

Also hieß es nun, auf die Polizeiärztin zu warten. In der Wartezeit unterhielt uns der junge Herr mit einer weiteren Demonstration seiner Sozialkompetenz sowie seiner angeblichen Unschuld.

„Wer hat das angeordnet?“

„Die Staatsanwaltschaft.“

„Wie heißt der Richter?“

Hallo? Staatsanwaltschaft?

Mir persönlich erschien es äußerst unwahrscheinlich, dass jemand, der schon so oft mit BTM erwischt wurde, keine Ahnung haben sollte, wie das Prozedere in solchen Fällen ist.

Mit einer Engelsgeduld beantworteten im Sven und Kathi all diese in mehr als grenzwertigem Tonfall vorgetragenen (überflüssigen) Fragen, blieben dabei aber merklich kühl.

Die Polizeiärztin, eine junge und sehr freundliche Frau, traf ein. Ihr freundliches „Guten Morgen!“ wurde von allen anwesenden Beamten und mir erwidert. Der junge Herr ignorierte sie. Sie fragte den jungen Mann, ob sie lieber den linken oder den rechten Arm nehmen solle.

„Sie machen doch sowieso, was Sie wollen.“

Ah ja. Der ist nicht nur zu Polizisten „nett“.    

Achselzuckend machte sie sich ans Werk, unterhielt sich aber weiter mit ihm. Tatsächlich holte sie einige vollständige Sätze am Stück aus ihm heraus, die nicht auf Krawall gebürstet waren, sondern eher eine gewisse Resignation mit seiner Gesamtsituation zum Ausdruck brachten. Mein Mitgefühl hatte er trotzdem nicht. In seinem Alter sollte man begriffen haben, was das eigene Verhalten damit zu tun hat, wie einem andere begegnen. Wenn die Stichprobe der Nacht ein Licht auf sein gewöhnliches Auftreten wirft, dann wundert es mich nicht, dass sein Leben wenig Erfreuliches für ihn bereithält. Aber es ist natürlich immer leichter, anderen die Schuld zu geben. In diesem Fall der Polizei.

Nach der Blutprobe konnte er im Grunde nach Hause gehen. Die Ergebnisse würden eh auf sich warten lassen.

„Fahren Sie mich nach Hause?“

Mir fiel fast das Kinn runter.

Die Polizei ist kein Taxiunternehmen!

„Die Polizei ist kein Taxiunternehmen.“

Svens Tonfall war weiterhin äußerst kalt.

Der junge Herr hatte meine beiden Begleiter seit der ersten Begegnung behandelt wie Dreck unter seinem Schuh – und jetzt sollten sie Chauffeurdienste leisten? Woher nimmt man so eine Dreistigkeit?

„Dann ruf ich halt meine Mutter an, die holt mich schon ab.“

Grmpf.

Wieder einer, wo es offenbar schon daheim mit klaren Grenzen hapert. Da ist man natürlich erstmal überfordert, wenn Polizisten bösartigerweise auf ihren Grenzsetzungen beharren.

 

Wo die Polizeiärztin schon einmal da war, wurde sie gleich zum nächsten Delinquenten gebeten. Der befand sich schon in Gewahrsam. Sven stellte fest, dass das genau der Mann war, von dem er mir zu Beginn der Nachtschicht beim Pizzakaufen erzählt hatte. Also bat er seine Kollegen, mich mit in den Gewahrsam zu nehmen, da er und Kathi sich nun dem Papierkram zu unserem flüchtigen Rotlichtsünder widmen mussten.

 

Der Mann hatte seine Freundin verprügelt und offensichtlich auch gegen die eingesetzten Beamten heftigen Widerstand geleistet. Da er mindestens hochgradig betrunken war, wenn nicht auch noch andere Substanzen eine Rolle spielten, stand auch hier eine Blutprobe an.

Zum Glück waren die betroffenen Polizeibeamten unverletzt, aber man merkte ihnen an, dass ihnen diese wenige Minuten alte Erfahrung noch in den Knochen steckte.

Er war bereits bei der Festnahme mit einer beeindruckenden Kopfplatzwunde versehen gewesen, die ich vorerst nur aus Erzählungen kannte. Zudem schlug er permanent mit seinem Kopf in der Gewahrsamszelle gegen die Wände. Die Beamten machten sich wirklich Sorgen um ihn.

Zudem brüllte er ununterbrochen herum. Dabei fielen in regelmäßigen Abständen die Sätze „Ich hab nix gemacht!“ „Ich bringe mich um!“ „Ich bringe euch alle um.“

Nun ist der erste Satz nicht weiter ungewöhnlich; im Polizeigewahrsam landen grundsätzlich jede Menge Leute, die „nichts“ gemacht haben – einfach, weil Polizisten es so schön finden, sich anbrüllen und durchbeleidigen zu lassen…

Seine letzten beiden Sätze animierten hingegen die Polizeiärztin zu der Aussage, dass es doch besser sei, den Mann in die Psychiatrie bringen zu lassen. Dafür brauchte es den kommunalen Vollzugsdienst (Ordnungsamt) und einen Rettungswagen.

Bis dahin:

„Ich denke, es ist besser, wenn die Zelle nicht so voll ist, das scheint ihn noch mehr aufzuregen.“

Drei Polizisten und die Ärztin gingen aus der Zelle in den Flur.

„Die Platzwunde ist harmlos, auch wenn sie wild aussieht.“

Zu diesem Schluss kam die Ärztin.

Ich hielt mich seit Eintreffen im Gewahrsam im Hintergrund, denn ich wollte weder zur weiteren Eskalation beitragen, noch im Flur vor den Zellen dumm im Weg herumstehen, sollte diese eintreten.

Die Wartezeit wurde erfüllt mit Brüllen und Poltern aus der Zelle. Der Mann versuchte weiterhin, sich selbst zu verletzen. Die Geräusche gingen mir ziemlich unter die Haut. Was mir noch mehr unter die Haut ging, war, dass die Beamten sichtlich besorgt waren. Für mich fühlte sich das nicht so an, als hätten sie lediglich Angst um sich selbst oder um die schlechte Presse, die sie bekommen würden, sollte er zum Erfolg kommen. Es schien ihnen auch nicht ausschließlich darum zu gehen, dass der Mann, der sich gerade selbst verletzte, möglicherweise im Nachgang versuchen würde, ihnen das mit einer Anzeige anzuhängen. Sie waren für mein Empfinden durchaus empfänglich dafür, dass der Mann sich subjektiv in einer Notsituation befand.

Nach und nach trafen Sanitäter und zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes ein.

Mit Hilfe der beiden Sanitäter gelang der Ärztin schließlich die Blutabnahme.

Nicht ganz so schnell zum Erfolg kam sie in Sachen der Einweisung. Es ist eine Sache, ein Formular für eine Einweisung nach PsychKG (Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten) auszufüllen und zu unterzeichnen. Es ist eine ganz andere Sache, eine Klinik zu finden, die willens ist, den Mann aufzunehmen. Was auch nicht unverständlich ist, denn wenn es mehrere Polizisten braucht, um eines austickenden Menschen Herr zu werden, stellt sich natürlich den Klinikmitarbeitern die Frage, wie sie das im Zweifel bewerkstelligen sollen. Zudem sind die meisten Psychiatrien gnadenlos überfüllt. Ob es wirklich daran liegt, dass immer mehr Leute ausflippen, vermag ich nicht zu beurteilen. Dafür fehlen mir valide Statistiken.

Aber ebenso nachvollziehbar war, dass die Polizei ihn nicht in ihrem Gewahrsam haben wollte. Derzeit band er insgesamt vier Polizeibeamte. Es gab aber auch ohne ihn genug zu tun und es ist nicht primäre Aufgabe der Polizei, einen Mann zu hüten, der definitiv nicht bei sich ist.

Während der Dauer der Verhandlungen um einen Platz für den Mann befand sich noch ein Beamter mit ihm in der Zelle. Der hatte offenbar einen Draht zu ihm gefunden, denn er wurde ruhig. Man hörte die beiden relativ entspannt miteinander sprechen. Übrigens duzte der Polizist den Mann durchgehend, was merkbar zu dessen Beruhigung beitrug. Dies allen, die bei dem Gedanken Schnappatmung bekommen, dass ein Polizist sein Gegenüber duzen könnte, weil das angeblich mangelnden Respekt signalisiere.

Schließlich fand die Ärztin eine Klinik, die bereit war, den Mann aufzunehmen. Die Ordnungsbeamten und die Sanitäter betraten die Zelle. Sofort ging wieder das Gebrüll los und die Drohungen. In der Zelle wurden die Handfesseln der Polizei gegen eine Schließacht des kommunalen Vollzugsdienstes ausgetauscht.

Als er vor die Zelle trat, blieb er stehen, machte sich sehr gerade und teilte jedem von uns einzeln mit:

„Ich bring dich um.“

Dabei sah er jedem genau in die Augen.

Auch ich kam in den Genuss dieser Ansage. Gänsehaut!

Nein, ich nahm das als Drohung nicht wirklich ernst. Dennoch sollte das jeder mal selbst live und in Farbe erlebt haben, der derartige Ansagen klein redet und Polizisten erklärt, wie falsch sie die Welt sehen. Vielleicht würde das ja dem einen oder anderen Polizeikritiker zu mehr Verständnis verhelfen.

Aus dem Gewahrsam wieder aufgetaucht (es befindet sich tatsächlich eine Etage tiefer) folgte ich erst einmal dem Ruf der Natur auf die Toilette.

Fehler!

Kaum war ich damit fertig, sprinteten mir auch schon Kathi und Sven entgegen.

Ein kurzer Blick auf mich!

„Du kannst so nicht mit! Du hast deine Jacke nicht dabei und das wäre jetzt so ein Einsatz! Schlägerei vor einer Disko!“

Weg waren sie!

Grmpf!

Schade!

Aber natürlich hatte Sven Recht. Zugegeben, ich war damit nicht glücklich, aber wie schon gesagt – ich weiß, dass die Polizei nicht zu meinem persönlichen Vergnügen abgestellt ist. Und wenn ich schon mitgenommen werde, dann halt so, dass ich nicht eine größere Belastung darstelle als sowieso schon.

Ich blieb also in der Dienststelle und unterhielt mich mit denen, die da waren.

 

Sven und Kathi waren schneller zurück als gedacht. Die Schlägerei war schon vorbei gewesen. Lustigerweise waren es aber wohl die beiden, die letztlich einen der Schläger dingfest gemacht hatten. Da der Junge eher aussah wie ein Nerd, war er niemandem aufgefallen – und die zuletzt eintreffende Streife, Kathi und Sven, hatte sich seiner angenommen.

 

Schließlich fuhren die beiden noch einmal mit mir raus. Positiver Nebeneffekt – es regnete nicht mehr. Also kriege ich doch noch ein Foto mit Polizei vorm Deutschen Eck. Geht doch! 😊

Last but not least bekamen wir noch einen Einsatz rein wegen eines Zechbetruges. Ein Mann wollte mit seiner Mindestverzehrkarte ein Lokal verlassen. Der Inhaber des Lokals und der Türsteher sahen das naturgemäß ein bisschen anders.

Insgesamt ging es um den immensen Betrag von vier (in Ziffern 4) Euro. Wie man sich wegen einer derartigen Summe solche Probleme an den Hals laden kann, wird mir auf ewig schleierhaft bleiben.

 

Beim Bestreifen der Stadt fiel uns eine Dame auf, die in ihrem Auto genau in einem Kreisel stand – neben der Fahrbahn. Sie hatte ein Handy am Ohr (im Stehen ohne laufenden Motor kein Problem) und bewegte sich zu ihrer deutlich hörbaren Musik.

„Die hat aber gute Laune“, stellte Sven fest. Trotzdem drehten wir noch mal eine Runde durch den Kreisel, was die Dame dann doch ausreichend nervös machte, um ihr Telefonat zu beenden, den Motor zu starten und loszufahren.

Kathi folgte ihr über eine Strecke von wenigen Kilometern. Wäre ich die Dame gewesen, wäre ich zu diesem Zeitpunkt schon Schweiß gebadet gewesen. Wirklich, ich mag unsere Polizei. Trotzdem macht es mich nervös, sie für längere Strecken im Rückspiegel zu haben. Da sie aber vollkommen unauffällig fuhr, ließen die beiden sie ihrer Wege ziehen.

Zum Abschluss fing doch noch ein junger Mann eine Verkehrskontrolle. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr warum – dafür erinnere ich mich äußerst lebhaft an den Beifahrer, der quasi ununterbrochen auf meine beiden Begleiter eintextete. Er war dabei gar nicht mal unfreundlich, aber um diese Uhrzeit hatte ich eine gewisse Müdigkeit aufgebaut, so dass er mir einfach ganz erheblich auf den Wecker ging. Ich ertappte mich bei dem Wunsch, dass man die Laufschrift von „BITTE FOLGEN“ auf „BITTE SCHWEIGEN“ umstellen könnte.

Damit war die Nacht auch schon wieder vorbei. Ich verabschiedete mich noch von der Schicht und wurde von Sven auf eine kleine Bahnhofsstreife mitgenommen, wo ich meinen Zug nach Hause nahm.

 

Danke für die nette Aufnahme durch die Schicht, danke für die mal wieder sehr spannenden Einblicke und last but not least – danke für die gute Idee, Sven! 😉

Was Koblenz betrifft, so weiß ich jetzt, dass da eine ganze Menge los ist – und dass auch die Koblenzer Polizei einen klasse Job macht! Ihr seid super! Danke dafür!

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ein Besuch bei unseren Nachbarn

„Denen sitzt der Schlagstock / die Schusswaffe lockerer als bei uns.“

„Die sind deutlich härter als unsere Polizisten.“

Solche Sätze höre ich immer wieder, wenn es um die französische Polizei geht. Spannenderweise höre ich seit Jahren entsprechende Töne in Frankreich, wenn es um die deutsche Polizei geht. Übrigens in beiden Fällen auch von Polizisten.

Dabei sind die Unterschiede gar nicht mal so groß – Frankreich und Deutschland sind beides Demokratien mit einer rechtstaatlich verfassten Polizei.

Ja, es ist korrekt, dass es in Frankreich keine eigene Vokabel für „Körperverletzung im Amt“ gibt. Das heißt aber deswegen noch lange nicht, dass Polizisten dort alles dürfen. Sie werden dann eben wie jeder andere Bürger auch wegen „coups et blessures volontaires“ (vorsätzliche Schläge und Verletzungen, also Körperverletzung) zur Verantwortung gezogen.

Ich bekam auch schon die These zu hören, gegen französische Polizisten würde nach Schusswaffengebräuchen kein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Natürlich passiert das. Allerdings haben sie keine Ermächtigungsgrundlage dafür, die den bundesdeutschen Polizeigesetzen vergleichbar wäre. Sie haben ein Notwehrrecht, dass bis Januar 2017 im Umfang sogar unter dem der deutschen Polizeibeamten lag. Es wurde allerdings mittlerweile sinnvollerweise an das der Gendarmerie angepasst und ist damit der deutschen Rechtslage recht ähnlich geworden.

 

Wer regelmäßig meinen Blog liest, weiß, dass ich Frankreich als meine zweite Heimat betrachte. Deswegen freut es mich auch immer, wenn ich nicht nur dort sein darf, sondern auch mit französischen Polizistinnen und Polizisten ins Gespräch komme. Während ich mich zu einem Kurzaufenthalt in Paris aufhielt, fand der Anschlag auf den BVB-Bus statt, bei dem auch ein Polizist verletzt wurde. Dazu twitterte die Police Nationale 67, also des Départements Bas-Rhin rund um Straßburg – Elsass:

 

 

Das gefiel mir so gut, dass ich über die Nachrichtenfunktion von Twitter Kontakt zum Absender des Tweets aufnahm.

 

Keine Woche später, am 18. April 2017 war ich dann in Straßburg und stellte fest, dass es dort Hotels für bekennende Polizistenfreundinnen gibt. 😉

 

 

Vor diesem Kommissariat eine lange Schlange (im Bild hinter der Hecke wegen der Persönlichkeitsreche der Wartenden). Entsprechende Schlangen sind mir auch schon in Paris vor den Dienststellen aufgefallen.

Am 23. April 2017 fand in Frankreich der erste Wahlgang für die Präsidentschaftswahlen statt. Wenn man sich aus irgend einem Grund nicht persönlich zum Wahllokal begeben kann, kann man sich entweder für Briefwahl entscheiden oder aber auch für die Wahl „par procuration“. Man gibt jemandem eine Wahlvollmacht, der dann in Vertretung die Wahl vornimmt. Für das Ausstellen dieser „procuration“ ist die Polizei zuständig. Man kann sich über den Sinn dieser Zuständigkeit streiten, denn über viele Tage waren damit in sämtlichen Polizeidienststellen einige Kräfte gebunden. Gerade in der aktuellen Lage wäre da aus meiner Sicht eine Alternativlösung mehr als angebracht. Für mich persönlich war allerdings auch erstaunlich, wie viele Menschen ernstlich einen Stellvertreter in die Wahlkabine schicken. Das setzt für mich ein sehr großes Vertrauen voraus, dass der Vertreter wirklich das wählt, was man selbst wählen würde.

 

 

Ich rief meinen Gesprächspartner an und wurde abgeholt. Joël, so heißt er, ist verantwortlich für die Kommunikation der Police Nationale in Straßburg. Er interviewte mich nach einer freundlichen Begrüßung für einen Artikel im Intranet der Police Nationale. Dabei hatte ich das Gefühl, noch mal ein wenig auf den Zahn gefühlt zu bekommen. Gut so, denn in heutigen Zeiten kann die Polizei nicht vorsichtig genug sein. Zu viele Extremisten jeglicher Couleur, die sich über erstaunlich lange Zeiträume gut verstellen können.

Dann bekam ich eine Führung durchs Haus. Zuerst besichtigten wir die Einsatzleitzentrale. Wie bei uns laufen dort die Notrufe auf, werden direkt ins System eingegeben und den eingesetzten Polizeibeamten zur Weiterbearbeitung zugeleitet. Auf dem Fernseher lief gerade BFM-TV. „Das ist doch der Sender, der beim Einsatz am 9. Januar 2015 im HyperCacher mehr wusste als die Polizei?“ (Der Geiselnehmer hatte den Sender angerufen, der dann seinerseits zum Leidwesen der Einsatzleiter alles an Informationen rausknallte, was er von dem Mann bekam…)

 

Damit ersparte ich Joël schon mal die halbe Erklärung. Die Medien sind heutzutage so schnell, dass die Einsatzmaßnahmen schneller anlaufen können, wenn man weiß, was in der Welt vorgeht. Auch deutsche Einsatzleitzentralen haben einen Fernseher, aus dem gleichen Grund.

Ein augenfälliger Unterschied ist hingegen hinter mir zu sehen. Straßburg ist mit insgesamt 600 Überwachungskameras ausgestattet. Die Aufnahmen von acht von diesen werden direkt in die Einsatzleitzentrale geleitet.

Diese 600 Kameras werden von Mitarbeitern der Stadt Straßburg bedient. Die entscheiden auch, was für die Polizei wichtig sein könnte und welche Bilder auf diesem Bildschirm landen. Allerdings kann die Polizei jederzeit dort anrufen, und um bestimmte Bilder bitten bzw. um einen Zoom auf entsprechende Ereignisse. Joël versicherte mir, dass die Zusammenarbeit mit diesen Kollegen, wie er sie sympathischerweise nennt, sehr gut klappt.

Übrigens legt sich ein automatischer Grauschleier über den Teil des Bildes, der ein Fenster oder eine Glastür abbildet, wenn die Kamera Gebäude streift. Auch in Frankreich darf ausschließlich öffentlicher Grund überwacht werden.

 

Anschließend bekam ich den Fuhrpark gezeigt. Wenig überraschend, die Motorräder sind Maschinen von BMW. Ich wüsste gar nicht, wer neben BMW noch Motorräder für Sicherheitskräfte herstellt.

 

Die KFZ hingegen sind französische Fabrikate. Dabei war ein Modell besonders auffällig. Im Blaulichtbalken befinden sich insgesamt acht Kameras, die bei einer Streifenfahrt ununterbrochen die Nummernschilder der Fahrzeuge abtasten, denen der Streifenwagen begegnet. Ist ein KFZ-Kennzeichen als gestohlen gemeldet, geht automatisch eine Meldung an das Streifenteam, der Wagen kann also sofort einer Kontrolle unterzogen werden. Dieses Modell ist übrigens gerade nicht im Bild. Mein Daumen hoch im Foto bezieht sich auf meine Sympathie für französische Ordnungskräfte.

Vermutlich bekommen jetzt so einige Datenschützer Ausschlag. Allerdings kann ich sie beruhigen. Auch die französische Polizei hat bei weitem nicht das notwendige Personal, das man für eine lückenlose Überwachung braucht. Ich empfehle dazu die Lektüre des Buches von Egbert Bülles (Deutschland, Verbrecherland? Mein Einsatz gegen die organisierte Kriminalität), einem ehemaligen Kölner Staatsanwalt. In einem Kapitel beschreibt er den Kräfteansatz, den es brauchte, um einen Schwerverbrecher rund um die Uhr zu überwachen. Rechnet man das hoch, weiß man, dass die Polizei diese Überwachung schon personell gar nicht leisten kann.

 

Insgesamt hat mir der Besuch sehr gut gefallen. Ich freue mich, dass die Arbeit von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. auch bei unseren Nachbarn auffällt und ankommt.

 

 

Bei Joël handelt es sich übrigens um einen Franzosen, dessen Sympathien für Deutschland den meinen für Frankreich durchaus ähneln. Er hat auch für die gemeinsamen Fahrradstreifen zwischen Straßburg und Kehl folgendes Logo entwickelt:

 

 

Im Grund könnte mit diesem schönen Zeichen gutnachbarschaftlicher Beziehungen der Artikel enden, wenn nicht zwei Tage nach meinem Besuch auf den Champs-Elysées ein Anschlag auf Polizisten verübt worden wäre. Der Täter eröffnete das Feuer auf einen Mannschaftwagen der Polizei. Ein Polizist, Xavier Jugelé, starb mit gerade mal 37 Jahren. Zwei weitere Beamte wurden verletzt, ebenso eine deutsche Touristin.

 

(Heute Abend blutet das Herz der Polizisten. Es gibt keine Worte, um unseren Schmerz zu beschreiben. Unsere Gedanken gehören allen Opfern und jenen, die ihnen nahestehen.)

 

Nicht nur in den sozialen Netzwerken wurde dieser Vorfall missbraucht, um auf dem Rücken der Opfer weiterhin Hass zu schüren… und damit genau das getan, was Ziel der Terroristen ist.

Ich hoffe, dass dieser Erstkontakt zwischen Joël und mir, der Police Nationale und Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dazu beiträgt, Gräben der Vergangenheit gar nicht erst wieder aufkommen zu lassen oder auch bestehende Gräben zu schließen – zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen Polizisten und Nichtpolizisten… Mich persönlich erfüllen jedenfalls die Gräben, die sich derzeit an allen Ecken und Enden auftun, mit Sorge und mit Traurigkeit. Dagegen werde ich mich stemmen, wo ich kann.

 

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Ludwigshafen – die Nacht mit der Schneefront und der Verlängerung

Nach Möglichkeit versuche ich, eine Nachtschicht im Monat mitzumachen. Es hat sich als Optimum eingependelt, dass ich damit meinem Interessengebiet nachgehen kann und trotzdem in meinem Hauptberuf nicht eingeschränkt werde. Immerhin verdiene ich damit mein Geld und deswegen haben auch alle Beteiligten das Recht, dass ich da volle Leistung abliefere.

Im Januar war mein Terminkalender noch jungfräulich und keiner von denen, die Interesse an einer Schichtbegleitung durch mich gezeigt hatten, hatte eine für mich zeitlich machbare Nachtschicht. Da die Dienststellenleitung der PI Ludwigshafen 1 eine Art „Dauerinteresse“ signalisiert hatte, stieß mein Ansinnen auf offene Ohren.

Also reiste ich Anfang Januar, gestärkt durch einen schönen Urlaub in Franken, nach Ludwigshafen.

Außer dem Dienstgruppenleiter, der seinen Job vorübergehend zu Ausbildungszwecken an eine junge Dame abgegeben hatte, kannte ich diese Schicht noch nicht, das sollte sich aber schnell ändern. „Meine“ beiden Streifenpartner Patrick und Robin fackelten auch gar nicht lang, packten mich in einen Achtsitzer (ich fange an, die Dinger zu mögen) und los ging’s. Die beiden waren sehr kommunikativ und befragten mich ausführlich zum Verein und meinen Beweggründen. Wenn denn gerade mal Zeit war.

 

„Schaut mal in der Nähe vom Hauptbahnhof, da ist eine verdächtige Person auf einem Parkplatz unterwegs und macht sich an PKW zu schaffen.“

Wir fuhren hin. Ein harmlos aussehender Herr mit leicht wirren Haaren im Jogginganzug war offenbar unser Mann.

Personenkontrolle.

„Haben Sie Waffen oder andere gefährliche Gegenstände dabei?“

Treuherziger Augenaufschlag.

„Nein.“

„Dann machen Sie mal die Taschen leer.“

Das war wieder einmal sehr erkenntnisreich. Neben allerlei Kleinkram traten ein Schraubenzieher sowie ein Springmesser zutage. Bei diesen Messern schnellt per Knopfdruck die Klinge in einem Bogen aus dem Griff und verriegelt automatisch vorne. Es handelt sich dabei um eine verbotene Waffe.

Auch der Schraubenzieher stieß nicht gerade auf Begeisterung bei meinen Begleitern, was nicht weiter verwundert – dieses Werkzeug kann üble Verletzungen hervorrufen, wenn man es entsprechend benutzt.

Es stellte sich heraus, dass der Mann Flaschensammler war. Er gab an, das Messer mit sich zu führen, weil er Angst habe. Das kann ich mir persönlich gut vorstellen. Ich hätte in der Dunkelheit im Dunstkreis der meisten Hauptbahnhöfe auch Angst. Fragt sich halt, ob ein Springmesser im Ernstfall wirklich hilft. Je nachdem, mit wem man es zu tun bekommt, hat man sein eigenes Springmesser schneller im Leib als man gucken kann. Entsprechend ist die Gesetzeslage hier ganz klar zum Schutz so mancher vor sich selbst gedacht. Und entsprechend der Gesetzeslage beschlagnahmten meine beiden Herren das Messer auch. Den Schraubenzieher gaben sie zurück.

Insgesamt verlief das Ganze in sehr ruhigem Tonfall, aber beide machten unmissverständlich klar, dass die Lüge bezüglich der beiden Gegenstände nicht gut angekommen war.

Das sollte jeder erlebt haben, der meint, sich erstmal aufregen zu müssen, wenn Polizeibeamte seinen schönen Augen nicht alles abkaufen.

 

„Wir fahren mal in das Einkaufszentrum x und machen eine Fußstreife.“

Gesagt, getan. Zu Dritt durchquerten wir die Mall.

„Hier werden wir eigentlich immer fündig“, klärte mich Patrick auf.

Tatsächlich, nach nur wenigen Metern stießen wir auf eine Gruppe von sechs jungen Herren, Altersklasse Jugendliche bis junge Erwachsene.

Beim ersten Passieren gaben sie sich so betont unauffällig und lässig, dass sogar ich als Laie dachte: „Die würde ich jetzt kontrollieren. Aber das müssen die Profis entscheiden.“

„Die kontrollieren wir“, entschied Patrick.

Sieh an.

Gesagt, getan.

Natürlich herrschte großes Unverständnis.

„Wieso? Wieso ich? Ich hab nix gemacht.“

Ich persönlich bin durchaus jemand, der gerne mal Dinge hinterfragt und auch in Diskussionen mit Polizisten nicht alles hinnimmt. Aber was daran so schlimm ist, mal eben seinen Ausweis rüberzureichen, werde ich nie begreifen.

Um es kurz zu machen – als Robin die Personen über Funk abfragte, waren sie ausnahmslos polizeibekannt. BTM- (also Drogen) und Körperverletzungsdelikte stellten das Gros dessen dar, was Robin erfuhr. Und nein, das bekamen nicht alle Leute mit – nur ich.

Alle wurden durchsucht. In der Tasche eines der jungen Herren fand sich eine weiße Kugel, die für mich aussah, wie ordentlich durchgekautes altes Kaugummi, eingewickelt in Frischhaltefolie. Patrick schnüffelte dran.

Igitt! Warum?

„Wir müssen das hier beschlagnahmen. Hier besteht Verdacht auf Amphetamin. Das müssen wir in der Dienststelle testen.“

Oha…

„Und Sie müssen uns zum Streifenwagen begleiten.“

Der junge Mann folgte meinen beiden Begleitern brav zum vor dem Einkaufszentrum abgestellten Streifenwagen. Dabei erklärte er uns folgendes:

  • Die Tasche gehöre ihm gar nicht, die habe er sich nur geliehen und dann nicht reingesehen.
  • Er habe noch nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt, also habe er nun schon ein wenig Angst.

Auch hier ein bemerkenswert treuherziger Blick. Fakt ist zumindest, dass sein Register keinen Deut kürzer gewesen war als das der anderen. Wie er das aufgebaut haben will ohne jeden Polizeikontakt entzieht sich meiner Logik.

Es wurden ein paar Formalitäten geregelt, über die Beschlagnahme musste ein Protokoll ausgefüllt werden.

An dieser Stelle möchte ich positiv anmerken, dass ein zweiter Streifenwagen unangefordert eingetroffen war. Die beiden darin hatten offenbar keinen anderen Einsatz und schauten sich an, wie es bei uns lief. Das ist natürlich klasse, denn wenn es nötig wird, ist die Verstärkung sofort vor Ort.

Der junge Mann verabschiedete sich schließlich mit den Worten: „Rufen Sie mich an, wenn Sie das Testergebnis haben? Ich wüsste schon gern Bescheid.“

Mir drängte sich hier die logische Frage auf, ob ihm nicht der Eigentümer der Tasche die Antwort viel schneller würde geben können als die Polizei. Hm… ich tippe eher darauf, dass die Rolle des Unschuldsengels gut durchgehalten wurde.

Patrick konnte ihm versichern, dass er es erfahren würde, wenn der Amphetamin-Test positiv ausfallen sollte.

 

Anschließend beschafften wir uns erst einmal etwas zu essen. Nach der Zufuhr von Döner und türkischer Pizza machten Patrick und Robin sich unter meinen neugierigen Blicken daran, das vermeintliche Kaugummikügelchen zu untersuchen.

Zuerst durfte ich auch einmal dran riechen.

Waschmittel?

„Amphetamin wird oft mit Waschpulver verlängert. Damit macht der Dealer dann ein gutes Geschäft, die Qualität wird davon allerdings nicht besser“, erklärte Patrick.

Örks.

Warum zur Hölle führt man seinem Körper so etwas freiwillig zu?

Dann wurde das Kügelchen auf einer Feinwaage gewogen. 1,1 Gramm. Anschließend packten die beiden das Kügelchen vorsichtig aus. Zu meinem Befremden gibt es dafür keinen Abzug in der Dienststelle. Mein Chemie-Leistungskurslehrer hätte uns dafür gesteinigt, wenn wir weit harmlosere Substanzen nicht im Abzug ausgepackt hätten. Da wäre aus meiner Sicht ein wenig Nachbesserungsbedarf für alle Menschen, die dort arbeiten.

Letztlich füllte Patrick vorsichtig eine Probe davon in ein Teströhrchen. Es passierte…

nichts.

Hö?

„Hoffentlich ist das Zeug nicht dermaßen gestreckt, dass der Test das Amphetamin nicht mehr anzeigt?“ überlegte Patrick.

Schließlich färbte sich das Teströhrchen eindeutig orange. Also doch – Amphetamine. Meine beiden Herren hatten richtig gelegen!

Hatte es bis hierher nur ein wenig Schneegriesel gegeben, brach nun die von den Wetterdiensten angekündigte Kältefront über Ludwigshafen herein. Da die Einsatzlage recht ruhig war, brachte Patrick mich kurz rüber zur Führungsleitzentrale (FLZ). Das sind die Stimmen am Funk, die „meinen“ Streifen (und allen anderen in Ludwigshafen) ihre Einsätze geben. Ich wurde sehr nett empfangen und bekam einen Kaffee.

Bildquelle: PP Rheinpfalz

Zurück zur Dienststelle. Dafür mussten wir den Innenhof des Gebäudekomplexes queren, den die Polizei besetzt. Es war mittlerweile spiegelglatt. Die im Hof stehenden Fahrzeuge waren mit einer dicken Eisschicht überzogen.

Entsprechend entschied die Dienstgruppenleitung:

„Ihr fahrt nur noch raus, wenn es sein muss. Die Straßen sind spiegelglatt.“

Dann einen entschuldigenden Seitenblick zu mir.

„Tut mir jetzt leid für dich.“

„Ihr habt mein vollstes Verständnis.“

Ich bin ja dabei, um zu sehen, wie unsere Polizei arbeitet und nicht, um bespaßt zu werden (auch wenn das eine das andere nicht zwingend ausschließt). Dazu gehört natürlich auch, dass witterungsbedingte Entscheidungen eben so fallen, wie das Wetter es vorschreibt. Abgesehen davon heißt der Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ Was wäre ich für eine Vorsitzende eines solchen Vereins, wenn ich bei derartigen Witterungsverhältnissen sauer wäre, dass ich nicht durch die Gegend geschaukelt werde? Die Damen und Herren sollen gesund nach Hause kommen. Dann war die Nacht ein Erfolg für mich.

 

Kaum war diese Entscheidung gefallen, bekamen wir einen Einsatz wegen eines Unfalls herein. Der Witterung entsprechend war eine junge Frau mit drei jungen Männern im Wagen vor ein am Straßenrand parkendes Auto gerutscht. Meine beiden Herren erfragten über das Kennzeichen des parkenden Wagens den Halter. Der wohnte wenige Häuser weiter. Robin klingelte ihn aus dem Bett. Da sein Wagen neu war, war er reichlich unbegeistert. Das konnte ich nachvollziehen, wäre ich auch gewesen. Das Wichtigste ist allerdings, dass keine Personen zu Schaden gekommen waren.

Die Unfallaufnahme ergab, dass unsere junge Dame keine Winterreifen aufgezogen gehabt hatte. Nun kann man sagen, dass man solche bei den gewöhnlichen Witterungsverhältnissen in Ludwigshafen auch nicht so häufig braucht. In der Nacht hätten sie aber geholfen. Sei es auch nur bei der Versicherung, die das sicherlich sehr interessiert hat.

 

Wir saßen gerade wieder im Wagen. Durch den Funk bekamen wir den Auftrag, uns einigen Jugendlichen zu widmen, die in der Nähe des Hauptbahnhofs unterwegs wären und johlen würden.

Beim Start des Streifenwagens drehten die Reifen durch. Nicht, weil Patrick gefahren wäre wie ein Henker, sondern weil die Straßen so glatt waren. So fuhren wir zwar mit Sondersignalen, aber deutlich langsamer als gewöhnlich. Mir ist bei Glatteis immer unheimlich im Auto, aber Patrick fuhr offensichtlich vernünftig und hatte die Sachlage im Griff. Also blieb ich entspannt.

Vor Ort erblickten wir sofort, wer gemeint war. Die jungen Leute, acht an der Zahl, waren meinen Begleitern sehr gut bekannt. Auch die Besatzungen der anderen drei Streifenwagen, die nach und nach eintrudelten, kannten die Herrschaften. Eigentlich war ich die einzige, die bei diesem Treffen alter Bekannter neu war, denn auch die jugendlichen Intensivtäter vor uns wussten ziemlich genau, mit wem sie es zu tun hatten.

Zuerst versuchten die Jugendlichen, durch permanentes Durcheinanderwuseln die Personenkontrolle nach Möglichkeit zu stören. Dem wurde von Jonas, einem Polizisten, mit dem ich später noch fahren sollte, ein schnelles Ende gesetzt.

„Ihr stellt euch jetzt mal in einer Reihe an der Mauer da auf und dann machen wir das hier der Reihe nach.“

Das Ganze in einem Tonfall, der klar keinen Widerspruch duldete.

Es klappte.

Das war auch in jedermanns Sinne, denn so kamen alle so schnell wie möglich aus der beißenden Kälte wieder raus.

Bei dieser Kontrolle hatte niemand Drogen dabei, aber die jungen Leute gingen in der Folge deutlich ruhiger ihrer Wege. Zumindest wurde offensichtlich die Polizei in dieser Nacht nicht mehr wegen ihnen angerufen.

Wieder kamen wir wegen der glatten Straßen nur sehr schwer vom Fleck und schlichen vorsichtig zurück in Richtung Dienststelle. Dort kamen wir aber gar nicht an.

Soweit zum Thema „Ihr bleibt drinnen“. Schließlich spielte diese Nacht in Ludwigshafen…

 

Nächster Einsatz. Vor einer Kneipe erwartete uns ein junger Mann, der seine Empörung nur sehr mühsam unterdrücken konnte. Er gab an, in der Kneipe beleidigt worden zu sein, aus meiner Sicht eine sehr fiese Beleidigung und ein guter Grund für verstärkte Säuernis.

Er beschrieb den Täter und benannte zwei Zeugen, seinen Kumpel und die Kellnerin.

Mittlerweile war eine zweite Streife zu unserer Unterstützung eingetroffen, Jonas und Nicole.

Zu fünft betraten wir die Gaststätte.

Weder die Kellnerin noch der Freund konnten die Aussage bestätigen, sie waren mit den Ohren anderswo gewesen. Auch der mutmaßliche Beleidiger wollte nichts gesagt haben – eher weniger verwunderlich.

Nun ist es nicht Job der Polizei, in solchen Fällen darüber zu befinden, was nun tatsächlich vorgefallen ist. Das macht im Zweifel die Staatsanwaltschaft, die Polizei kann nur die Aussagen und ggf. Anzeigen aufnehmen.

Also gingen wir wieder auf die Straße, wo der Geschädigte der Beleidigung auf uns wartete.

„Wollen Sie Anzeige erstatten?“

Als Antwort auf diese doch recht einfache Frage bekam Patrick einen sehr langen und nicht wirklich strukturierten Wortschwall, in dem uns der junge Mann ausführlich seine Gefühlslage darlegte – untermalt von einer strammen Alkoholfahne, die ich im ersten Anlauf wegen der Kälte gar nicht so wahrgenommen hatte.

Ob er nun Anzeige erstatten wollte oder nicht? Keine Ahnung!

„Wollen Sie Anzeige erstatten?“ wiederholte Patrick ein wenig nachdrücklicher.

Wieder eine wort-, aber nicht hilfreiche Antwort.

„Gut“, entschied Patrick. „Außer einer Anzeige aufzunehmen können wir hier jetzt auch nicht weiterhelfen. Deswegen gehen Sie jetzt bitte.“

Immerhin wussten wir nicht, was genau vorgefallen war. Hingegen wissen Polizisten sehr wohl, was gesteigerter Alkoholkonsum gemischt mit einem durch einen kurzen Wortwechsel angefachten Aggressionspotential anrichten kann – und die Herrschaften mit denen meine Begleiter sich drinnen unterhalten hatten, hatten auch nicht gerade Tomatensaft in ihren Gläsern gehabt. Zumindest nicht pur. Da macht so ein Platzverweis schon Sinn, bevor man später mit sämtlichen Streifen der eigenen und der umliegenden Dienststellen eine Massenschlägerei beenden muss.

Ein Gedankengang, der nachvollziehbar ist – aber nur sehr schwer, wenn man heftig alkoholisiert ist und sich nicht minder heftig beleidigt fühlt. Ich konnte auch durchaus nachvollziehen, dass der junge Mann eher unbegeistert war. Dennoch wäre ich dann so gestrickt, dass ich Anzeige erstatten und dann woanders hingehen würde, um mich mit solchen Leuten einfach nicht auseinandersetzen zu müssen. Nicht nachvollziehen konnte ich deswegen, warum er partout vor der Gaststätte stehen bleiben wollte.

„Gehen Sie nach Hause“, wiederholte Patrick.

„Wieso nach Hause? Kann ich nicht hingehen, wo ich will?“

Innerlich rollte ich mit den Augen. Mittlerweile glaube ich fast, die Aufforderung von Patrick war Taktik. Einem widersprüchlichen Geist was zum widersprechen geben, damit er im Endeffekt macht, was er soll – weggehen. Wohin auch immer.

„Natürlich können Sie das. Aber Sie gehen jetzt. Das war ein Platzverweis.“

Tatsächlich trollte er sich.

Ich freute mich innerlich wie eine Schneekönigin, endlich wieder in den warmen Streifenwagen zu kommen.

Allerdings drehte er sich, kaum dass er die Streifenwagen passiert hatte, noch einmal um und begann aufs Neue, uns zu erklären, wie er die Sachlage sah. Irgendwie nachvollziehbar, aber die Polizei kann schlicht nichts machen, wenn er keine Anzeige erstatten will. Als Sorgentelefon eignet sie sich nur bedingt, insbesondere wenn vier Polizisten und ihrer Begleiterin die Zähne klappern und vor allen Dingen schon der Funk angekündigt hat, dass weitere Einsätze anliegen.

„Gehen Sie einfach nach Hause“, sagte Jonas. Wieder in einem Tonfall, der eigentlich keinen Widerspruch duldete.

Unser Nichtanzeigeerstatter erstarrte buchstäblich.

„Was hat der Polizist gesagt?“

Och nööö…

Jetzt hatte es sich mit dem warmen Streifenwagen. Mein Mitgefühl mit ihm sank schlagartig auf Null.

Patrick erklärte ihm noch einmal die Sachlage.

„Entweder Sie gehen jetzt, oder wir bringen Sie weg. Sie haben einen Platzverweis. Wohin Sie gehen, ist uns egal, aber Sie verlassen jetzt diese Örtlichkeit.“

„Der Polizist hat aber gesagt, ich soll nach Hause gehen. Ich kann doch gehen, wohin ich will…“

Es lag auf der Hand, dass jede weitere Diskussion fruchtlos sein würde. Wie ich schon mehrfach bei meinen Schichtbegleitungen bemerkte, sind sinnvolle Gespräche mit Volltrunkenen schlicht nicht möglich.

Das Ganze endete damit, dass er schicke Armbänder aus Stahl verpasst bekam und von Jonas und Nicole zur Dienststelle gefahren wurde. Patrick, Robin und ich folgten dem Streifenwagen.

Vor der Dienststelle ließen Jonas und Nicole ihn laufen. Er wollte aber auch da nicht sofort weggehen, sondern erklärte Patrick, Robin und mir, dass er sich über „den anderen Polizisten“ beschweren würde. Der hätte ihm nicht zu sagen, wohin er zu gehen habe.

An dieser Stelle bekam ich ernstliche Zweifel, ob er wirklich beleidigt worden war oder einfach der Typ Mensch ist, der schlicht alles falsch auffasst und entsprechend in einem Zustand chronischer Beleidigtheit durchs Leben läuft.

Schließlich trollte er sich dann doch. Ob er sich nun über Jonas beschwert hat, weiß ich nicht. Vielleicht fiel ihm nüchtern auf, dass an „Gehen Sie nach Hause“ nichts Verwerfliches ist.

Wir gingen kurz in die Dienststelle, da wir das eine oder andere Bedürfnis zu erledigen hatten. Das nach Kaffee zum Beispiel. Oder auch nach Zigaretten im Hof der Dienststelle. Für mich als Nichtraucherin immer interessant, weil es die Gelegenheit für gute Gespräche liefert. Hier lieferte es mir allerdings einen Kurzflirt mit einem sehr freundlichen Diensthund. Eine sehr hübsche Malinois-Hündin, die sich gerne streicheln ließ. (Achtung. Polizeidiensthunde sollten immer erst nach der Aufforderung durch den Hundeführer angefasst werden. Nicht jeder ist da so empfänglich wie diese Hündin.) Die Diensthundeführer waren noch mehr davon betroffen als wir, dass sie witterungsbedingt nur noch rausfahren konnten, wenn sie angefordert wurden. Entsprechend fühlte sich die Hündin unausgelastet und suchte ausführlich mehrfach den ganzen Innenhof ab.

 

Wir sprangen wieder ins Auto, denn der nächste Einsatz kam rein. Ruhestörung. Wir suchten die angegebene Adresse auf. Patrick und Robin klingelten bei den Leuten, die uns gerufen hatten. Es war mittlerweile nach Mitternacht. Es war deutlich zu hören, dass aus der Wohnung obendrüber Bässe wummerten. Ich war fast sicher, leise den Putz von der Decke rieseln zu hören.

Also ging es ein Stockwerk nach oben. Wieder klingelten wir. Robin wollte sich schon um den Lichtschalter kümmern, musste aber feststellen, dass die Praktikantin sich dessen bereits bemächtigt hatte. Irgendwas muss jeder können… wp-monalisa icon

Die Tür ging auf. Vor uns ein junger Mann. Äußerlich einer der üblichen Verdächtigen. Ich war sicher, dass wir in dieser Nacht noch mehrfach bei ihm auftauchen würden, bis letztlich die Stereoanlage beschlagnahmt würde.

„Entschuldigen Sie“, begann er. „Meine Tante ist gestorben. Das ist meine Trauermusik. Ich mach das sofort leise.“

Das tat er auch. Wir wurden auch in dieser Nacht nicht mehr an diese Adresse gerufen. So kann man sich irren.

Wir kondolierten und gingen wieder.

Zugegebenermaßen mussten wir später im Streifenwagen über die „Trauermusik“ trotz des traurigen Anlasses ein wenig grinsen. Aber nun ja, wo steht geschrieben, dass es nur Chopin oder das Requiem von Mozart sein dürfen? Letzteres hatte ich übrigens im Auto laufen, nachdem einer meiner Onkel verstorben war und ich von dort einige hundert Kilometer nach Hause fahren musste. Da kamen auch fast die Membranen durch die Lautsprecher, was allerdings auf einer nächtlichen Autobahn wenig gestört haben dürfte. Das Bedürfnis nach lauter Musik in einer solchen Situation ist mir also nicht fremd.

 

Auf dem Weg zur Dienststelle schlug der nächste Einsatz ein. Wir wurden vom Anrufer auf der Straße erwartet, trotz der Kälte. Das fand ich schon mal beeindruckend.

Es stellte sich heraus, dass er in einer Hochhaussiedlung auf der einen Seite der Straße wohnte, und einen ungebremsten Blick auf ein zweistöckiges Einfamilienhaus auf der anderen Seite hatte. Dort blinkte nun in unregelmäßigen Abständen ein Licht in einem der Zimmer auf. Das war ungewöhnlich und so machte der Mann sich Sorgen um die Nachbarin.

Ein Notsignal?

Während meine beiden Herren mit dem Mann sprachen, starrte ich das Blinken an.

„Ein SOS ist es schon mal nicht“, vermeldete ich nach einer Weile.

„Du warst doch beim Bund, Robin. Was morst der da?“

Patrick wollte es wissen.

Robin stellte nach wenigen Sekunden fest:

„Gar nichts! Es fehlen die langen Signale.“

Wir querten die Straße und klingelten. Mittlerweile war es noch kälter geworden und es fing an zu schneien. Die angekündigte Schneefront war eingetroffen.

Robin zog sich den Schal vor sein Gesicht. Natürlich zog er ihn wieder runter, sobald es im Haus rumorte. Es sollte niemand verängstigt werden.

Natürlich erschreckte sich die Dame trotzdem. Jeder würde sich das, wenn um zwei Uhr morgens die Polizei klingelt. Sogar ich. wp-monalisa icon

„Es ist alles in Ordnung“, teilte Patrick deshalb schnell mit und erklärte, warum wir sie aus den Federn geholt hatten.

Sie war sehr gerührt von ihren Nachbarn. Damit hatte sie sichtlich nicht gerechnet. Ich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Nicht in einer so großen Stadt in einer Hochhaussiedlung. Man sollte eben nie verallgemeinern. Nie. Bringt nix!

Es stellte sich heraus, dass nur eine Birne kaputt war. Sie drehte die Birne raus und wir zogen wieder unserer Wege.

 

Und schon kam der nächste Einsatz. Eine weitere Streife suchte jemanden, der offensichtlich über einen Zaun gesprungen war – in ein Gelände, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Wir halfen bei der Suche.

Legendär die Szene, als Patrick sagte:

„Da läuft doch einer?“

Ich: „Das ist einer von Euch.“

„Echt jetzt?“

Ich hatte Recht. Ein junger Mann aus der Schicht bei der Suche nach Spuren im Schnee. Ich nehme an, dass Patrick das natürlich auch gesehen hatte.

Den Gesuchten fanden wir nicht.

 

Auf dem Weg zurück zur Dienststelle passierten wir die amtierende Dienstgruppenleiterin, die mit ihrem Ausbilder ausgerückt war, um einige Verkehrskontrollen vorzunehmen. Das war kein Widerspruch zu der vorherigen Anweisung – sie hatten Informationen über eine Veranstaltung, auf der recht viel Alkohol geflossen sein dürfte. Das in Zusammenhang mit dem dichten Schnee, der auf die nach wie vor spiegelglatten Straßen fiel, machte es nötig, ein Auge auf den Nüchternheitsgrad der Fahrer zu haben.

 

Kaum hatten wir das fertig gedacht, als wir schon unsere eigene Verkehrskontrolle bekamen. Ein junger Mann, der drei junge Damen im Auto hatte und ganz offensichtlich auch von einer Abendveranstaltung kam.

Er zeigte sich unerfreut über diese Kontrolle. Einerseits verständlich, denn junge Männer werden in der Tat häufig kontrolliert. Junge Männer verursachen aber auch tatsächlich im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil überdurchschnittlich viele Unfälle. Insofern sollte man das keinesfalls persönlich nehmen. Keine Sorge, wir werden alle älter. Irgendwann hört das auf – sofern man menschlich fährt.

 

Schließlich enterten wir wieder die Dienststelle. Patrick und Robin mussten nun ihre Berichte schreiben, also übergaben sie mich an Jonas und Nicole. Sofort ging es wieder raus.

Für mich sehr ungewöhnlich, dass die beiden mich mit keinem Wort nach dem Verein fragten. Normalerweise werde ich immer sehr intensiv ausgequetscht. Andererseits aber auch mal schön, denn ich war zu diesem Zeitpunkt schon recht müde und ganz froh, einfach den Mund halten zu dürfen.

Der Einsatzanlass lautete Zechprellerei.

Vor Ort betraten wir sofort die Kneipe. Die Kellnerin zeigte auf einen Gast, der offensichtlich volltrunken war, und genau so offensichtlich nicht gewillt, seinen Konsum zu zahlen. Gut, der Rechnungsbetrag war für meine Verhältnisse recht hoch – aber die erhaltene Gegenleistung war deutlich erkennbar.

Jonas und Nicole begaben sich mit dem Herrn in eine etwas ruhigere Ecke der Gaststätte – zwischen einem Abgang zur Toilette und einem Billardtisch.

Eine zweite Streife stieß zu uns.

Jonas teilte dem Mann mit, was im vorgeworfen wurde. Der Herr bestritt auch nicht, entsprechend konsumiert zu haben, aber seine Rechnung wollte er trotzdem nicht bezahlen.

„Entweder Sie bezahlen, oder wir müssen eine Strafanzeige gegen Sie erstatten.“

An dieser Stelle kam die Kellnerin hinzu.

„Also anzeigen will ich ihn nicht. Er soll einfach bezahlen.“

Manchmal kann ich schon verstehen, dass Polizisten von uns Bürgern genervt sind. Entweder jemand bezahlt seine Zeche oder er bezahlt sie nicht. Dann ist das eine Straftat. Wieso man diese Straftat dann nicht sanktionieren lassen will, vor allen Dingen, wenn selbst der Gelackmeierte ist, erschließt sich mir nicht. D.h. es erschließt sich mir schon, dass jemand einfach seine Ruhe haben will, aber dann sollte er die Polizei nicht in Gang setzen.

„Er bezahlt“, teilte Jonas mit. Zumindest war es das, war der Mann aktuell gerade mal wieder hatte verlauten lassen.

Jonas nannte ihm noch einmal den offenen Betrag.

Offensichtlich fand der Herr das jetzt wieder zu hoch.

Entsprechend mussten nun seine Personalien her, wegen der Anzeige. Auch die wollte er nicht rausrücken. Also durchsuchte Jonas ihn und förderte einen Personalausweis zutage. Übrigens aus einem Portemonnaie, in dem sich sichtlich genug Geld befand, um nicht nur diese Rechnung zu begleichen, sondern auch noch mindestens zehn Mal dasselbe zu sich zu nehmen.

Wozu das Theater?

Plötzlich und ohne erkennbaren Anlass ging er auf Nicole los. Bevor er mit diesem Ansinnen zum Erfolg kam, hatte Jonas ihn gekonnt in einen bequemen Sessel befördert.

„Das reicht jetzt. Wir nehmen Sie mit zur Dienststelle.“

Zwei Polizisten nahmen ihn zwischen sich und führten ihn ab. Er begann, sich zu wehren. Als nächstes fand er sich bäuchlings auf dem Boden wieder und bekam Handschellen, klick klack.

Für mich übrigens äußerst befremdlich, wie sich während des ganzen Geschehens jede Menge Gäste zur Toilette durchdrängelten. Offensichtlich gibt es in dieser Ecke von Ludwigshafen erstaunlich viele Menschen mit einer akuten Blasenschwäche. Zwei Jugendliche in einem Alter, das bei mir schwere Zweifel hervorrief, ob sie überhaupt hier sein durften, verspürten ein unaufschiebbares Bedürfnis nach Billard…

Immerhin wollte der Zechpreller jetzt endlich wirklich bezahlen. Das übernahm Jonas für ihn, da der Mann selbst wegen der Handschellen nur schlecht an sein Geld kam. Damit war das Problem der Kellnerin gelöst. Dafür hatte die Polizei eines. Der „nette“ Zeitgenosse hatte ja nun Widerstand geleistet und musste mit in die Dienststelle.

Einer der vier hatte den Gefangenentransporter bestellt.

Unser freundlicher Ex-Zechpreller war auch vor der Tür der Bar nicht gewillt, nicht mehr nach den Polizisten zu treten. Kopfstöße verpassen wollte er ihnen auch. Entsprechend wurde er von einem von ihnen auf dem Boden gehalten.

Ja, das sah nicht schön aus.

Es war auch für den Polizisten nicht schön, denn es ist sehr unbequem, jemanden, der auf einen losgehen will, sobald man ihn loslässt, in gebückter Haltung unten zu halten. Der junge Polizist versuchte mehrfach, ihn loszulassen, aber unser ehemaliger Zechpreller wollte um jeden Preis zutreten.

Auch für uns andere war es nicht schön, in der Kälte drumherum zu stehen und sehnsüchtig auf den Gefangenentransporter zu warten. Durch diese Straße fegte ein saukalter Wind.

Uns allen wäre lieber gewesen, er hätte sich einfach sozialkompatibel benommen, dann hätte er aufstehen können.

Er erfreute uns mit einigen farbenfrohen Beleidigungen und Bedrohungen, insbesondere den jungen Mann, der ihn festhielt.

„Du bist dumm.“ – „Ich mach dich kaputt.“ – „Ich bin stärker als du.“

Ja. Das sah man ja gerade überdeutlich.

Vorsichtig musterte ich mehrfach die Umgebung. Ich hatte ein paar Filme zuviel auf Youtube gesehen, die aus irgendwelchen Fenstern gedreht worden waren, und einen Shitstorm losgetreten haben, der sich gewaschen hat. Im Regelfall vollkommen zu Unrecht, wie sich im Nachgang herausstellte. Wenn es keinen mehr interessiert und das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Wer in der Netzgemeinde hätte denn danach gefragt, was vorher geschehen war und was immer noch geschah, sobald der Mann losgelassen wurde. Alle hätten doch ganz genau gewusst, dass die böse Polizei da stundenlang im tiefsten Winter einen Unschuldigen in gemeinster Weise auf den eiskalten Boden drückt.

Apropos tiefster Winter.

Wo bleibt der Transporter?

Gerade hatte ich wieder die Fensterfronten der Umgebung nach Filmern abgesucht, als Jonas die beiden Jugendlichen mit der Billardsucht ansprach, was sie da eigentlich mit ihren Handys machen würden.

Zu meiner Erleichterung leisteten sie seinem Platzverweis sofort Folge und damit hatte sich die Sache erledigt. Auch mein Bedürfnis danach, auf einem Video zu landen, ist sehr eingeschränkt.

Ich spürte den fragenden Blick des jungen Polizisten auf mir, der unseren Tunichtgut weiter am Boden hielt. Vielleicht machte auch er sich Gedanken um die Meinung der Öffentlichkeit und ein Stück weit bin ich aus seiner Sicht Öffentlichkeit. Hoffentlich hat er meinen Blick verstanden. Wenn nicht, weiß er ja spätestens nach Lektüre dieses Textes, wie ich die Sache sehe.

Endlich hörten wir den Gefangentransporter.

„Wir mussten den freikratzen“, teilte uns die Fahrerin mit.

Stimmt, das Eis auf den Windschutzscheiben war fast fingerdick gewesen, als ich das letzte Mal auf dem Hof gewesen war. Das erklärte einiges.

Endlich konnten wir wieder den aktuell nicht mehr ganz so warmen (aber wenigstens windgeschützten) Streifenwagen besteigen. Zurück zur Dienststelle.

Dort kam noch ein Arzt, um die Gewahrsamsfähigkeit unseres nicht unerheblich angetrunkenen Delinquenten festzustellen. Er war gewahrsamsfähig. So begann seine Ausnüchterung in einer schicken Zelle.

Das sollte mein letzter Einsatz mit der Nachtschicht sein. Danke! Ihr wart klasse!

 

Da mein Zug erst gegen sieben Uhr fuhr, wurde ich an die Frühschicht übergeben, deren Dienstgruppenleiter mich noch von meiner allerersten Nachtschicht kannte – und mich auch gleich wieder in einen Streifenwagen packte.

 

Zuerst standen wir mit mehreren Streifen am Berliner Platz. An diesem Platz liegen insgesamt drei Diskotheken sowie ein Bahnhof, von dem aus die Besucher derselben heimfahren. Unter Alkohol und ausgelassener Stimmung kann es schnell zu Witzchen kommen, die blitzschnell blutiger Ernst werden. Entsprechend zeigt die Polizei dort Sonntag morgens Präsenz.

Meine Streife wurde von dort weggerufen, weil in einer Disko am anderen Ende von Ludwigshafen der Sicherheitsdienst einen Schlagring sichergestellt hatte. Um genau zu sein waren sie sich nicht sicher, ob es einer war. Er hatte eine recht ungewöhnliche Form, er sah ein bisschen aus wie ein harmloser Kettenanhänger in Form eines Osterhasen. Aber zweifelsohne ein Schlagring. Mir erscheint es manchmal ziemlich pervers, was sich manche Menschen ausdenken, um anderen Verletzungen zufügen zu können.

Der Besitzer war nicht mehr vor Ort und mehr als eine vage Personenbeschreibung hatte die Polizei nicht. Also beschlagnahmte meine Streife kurzerhand den Schlagring.

Nun ging es erst einmal in die Dienststelle, wo mich die Frühschicht netterweise zu einem Frühstück einlud. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Danke!

 

Noch einmal ging es raus. Eine junge Frau hatte den Notruf gewählt. Sie hatte aufgelöst geklungen und unklare Angaben gemacht. Klar war nur, dass sie sich in der Nähe des Bahnhofs Ludwigshafen-Mitte aufhalten sollte.

Wir fuhren alles mehrfach ab, befragten Taxifahrer, Busfahrer, Passanten. Nichts!

Mittlerweile hatte aber ein Herr der Leitstelle herausgefunden, zu wem das Handy gehörte. Eine junge Dame, die schon mehrere Körperverletzungsdelikte begangen hatte. Entsprechend bekamen wir eine Personenbeschreibung.

Also suchten wir noch einmal die Umgebung an. Tatsächlich trafen wir eine junge Frau an, auf die Personenbeschreibung zutraf, aber sie war offensichtlich nicht unsere Gesuchte.

Sah so aus, als hätte da jemand die Polizei mit etwas Sinnlosem beschäftigt.

Wo wir schon einmal am Bahnhof Ludwigshafen-Mitte waren, verabschiedete ich mich freundlich von meinen beiden Frühbegleitern und machte mich auf nach Mannheim, wo ich im Hauptbahnhof einen Lieblingsbäcker habe.

Damit endete eine sehr spannende Nacht mit Überstunden. PI LU 1, Ihr seid immer wieder klasse. Danke für die spannende Nacht.

 

Allgemein Polizeiarbeit Schusswaffengebrauch Verein

Schweißtreibendes Schießtraining bei der Polizei

Symbolfoto

Mein Puls kam gerade wieder halbwegs auf Normal runter. Soeben war die Pressekonferenz zum Danke-Polizei-Tag in Ludwigshafen zu Ende gegangen. Trotz meines enormen Lampenfiebers hatte ich ein Video von der Szene gemacht, die die Einsatztrainer aus Enkenbach-Alsenborn nachgestellt hatten. Eine tolle Szene, in der der festnehmende Polizist gebissen wurde, was aber auf dem Video nicht sichtbar ist. Ein sehr guter Beleg dafür, dass man Handyvideos manchmal nicht einmal zurechtschneiden muss und sie zeigen dennoch nicht die ganze Wahrheit.

„Kommen Sie uns doch einmal in Enkenbach-Alsenborn besuchen.“ Dieses unwiderstehliche Angebot von Rainer Köllner, Chef der Einsatztrainer, nahm ich möglichst schnell an.

Da ich das ja alles nebenberuflich mache, hieß „möglichst schnell“, dass ich Ende Januar nach einem Termin im Polizeipräsidium Westpfalz in Kaiserslautern in der Liegenschaft der Bereitschaftspolizei hereinschaute.

 

Meine Gesprächspartner in Kaiserslautern zeigten sich sehr interessiert, nachdem ich in einem Halbsatz hatte fallen lassen, was ich im Nachgang vorhatte.

„Was machen Sie denn da?“

„Ich habe keine Ahnung. Am Telefon war die Rede von einer ‚Touristenführung'“.

„Oh je!“

Bedenkliche Blicke wurden gewechselt.

???

„Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Minrath, die haben da auch eine Sanitätsstation.“ – „Ja, und einen Polizeiarzt.“ – „Ich komme Sie dann auch dort besuchen. Gerne mit Blumen.“

 

Im Gedanken an diese Frotzeleien immer noch grinsend fuhr ich auf den Parkplatz in Enkenbach-Alsenborn auf.

 

Auch diese Liegenschaft konnte ich nicht so ohne Weiteres betreten – was ich immer begrüße. Nachdem mein Gesprächspartner über meine Anwesenheit informiert worden war, durfte ich passieren.

Als erstes, nach einer freundlichen Begrüßung, bekam ich einen Kaffee. Immer ganz wichtig.

Dann zeigte mir Herr Köllner den Teil der Liegenschaft, der das Reich der Einsatztrainer darstellt. Wir begannen mit einem kleinen Besprechungsraum, in dem zwei Plakate zeigten, was Polizeibeamtinnen und -beamten hier alles angeboten wird.

Ich war ein wenig überrascht zu sehen, dass auch das Schießen auf Rehe geübt wird. Natürlich werden dafür nicht aus den Wäldern um Enkenbach-Alsenborn Rehe in den Schießstand gezerrt, sondern das Ganze findet rein virtuell statt.

Selbstverständlich geht es bei diesem Ausbildungsteil auch nicht darum, dass Polizeibeamte spaßeshalber springlebendiges Wild abschießen, sondern dass angefahrene Tiere den Gnadenschuss bekommen.

Erst vor wenigen Wochen war ich zu Besuch in einer Dienststelle gewesen und mein Gespräch mit zwei Polizisten war unterbrochen worden vom Dienstgruppenleiter mit dem Satz:

„Ihr müsst ein Reh erschießen.“

Er hatte schon erfolglos versucht, einen Jagdausübungsberechtigten zu kontaktieren.

Selten habe ich derartige Unbegeisterung in den Augen meiner Gesprächspartner gesehen, als diese sofort aufsprangen und zum Streifenwagen liefen.

Kein Polizist schießt gern auf Lebewesen. Hinzu kommt, dass verletzte Tiere oft panisch und Schmerz erfüllt schreien, weil sie nicht verstehen, was ihnen widerfährt. Diese Schreie sind nur sehr schwer zu ertragen. Last but not least reagieren viele Bürger sehr verständnislos darauf, dass überhaupt das Tier erschossen werden muss und wieso die Polizei das übernimmt. Ich als ausgelagerte Beschwerdestelle der Polizei in einem ländlichen Bundesland habe mir da schon mehrfach Beschwerden angehört. „Der Polizist hat einfach so das Reh erschossen.“ Das „einfach so“ war den Beschwerdeführern auch nicht auszureden.

Insgesamt also sowieso schon eine miese Einsatzsituation, die sicherlich nicht besser wird, wenn man bei all dem nicht beim ersten Schuss trifft…

Folglich durchaus ein sinnvolles Training!

 

Einem Training über die Abwehr von Messerangriffen durfte ich kurz zusehen.

Schließlich kam ich in einen Schießstand. Dort wurde mir angeboten, auch einmal zu schießen. Da sage ich nicht nein.

Ich durfte vor vielen Monaten mal auf einem Schießstand des Zolls schießen. Nachdem ich den ersten Schuss gerade in die Decke gesetzt hatte, habe ich im Anschluss ziemlich gut ein Viereck getroffen.

Drei Jahre später drückte mir nun Herr Köllner als erstes eine Laserpistole in die Hand. Natürlich nach ausführlichen Erläuterungen, wie man eine Waffe überhaupt handhabt.

Das hat mich gefreut, weil ich die Diskussion um das Laserschießen der Berliner Polizei verfolge und mir nun endlich ein Bild machen konnte, was es damit auf sich hat.

Tatsächlich fühlte sich die Laserpistole erstmal genau an, wie eine scharfe Waffe, allerdings hatte ich ja auch jahrelang keine Waffe in der Hand gehabt und es war auch mein zweites Mal. Sie ist nicht so laut, man braucht also keinen Gehörschutz und keinen Augenschutz, da sie keine Patronenhülsen auswirft.

 

Später stieg ich dann auf eine scharfe Waffe um. Der Rückstoß ist ein ganz anderer. Außerdem muss man sie deutlich fester umklammern. Die Muskulatur meiner Hände ist ziemlich lasch. Deswegen neige ich dazu, die Waffe nicht fest genug zu halten, was diese damit beantwortet hat, mir die eine oder andere Patronenhülse an die Schulter zu flitschen.

„Lernen durch Schmerz.“

Einsatztrainer haben einen sehr trockenen Humor.

Hinzu kommt, dass ich die Schüsse, wenn meine Hände müde werden (was sehr schnell geht) leicht nach links verreiße.

Gegen Ende meines gesamten Schießtrainings durfte ich es auch mal mit scharfen Schüssen auf ein virtuelles Reh probieren. In meinem Hinterkopf versammelten sich sämtliche Menschen, die sich jemals bei mir über polizeiliche Schusswaffengebräuche auf Rehe beklagt hatten.

Ich zielte.

Oha, das Tier ist so klein… und in der Realität hält es vermutlich auch nicht still.

Ich holte tief Luft.

Ich schoss.

Der Schuss durchsiebte das linke Ohr des Rehs.

„Tierquäler“, jaulte die Meute in meinem Kopf auf.

Ich zielte erneut, dieses Mal ein bisschen länger.

Irgendwie war ich froh, dass das hier virtuell war und das Reh nicht schrie.

Ein zweites schickes Loch prangte im linken Ohr des Rehs.

Verflucht.

„Das arme Tier! Wird das bald was, Frau Wachtmeister?“, brüllte mein Hinterkopfpublikum.

Denk an den Rückstoßeffekt und deine schwachen Hände…

Im dritten Anlauf visierte ich das rechte Ohr an.

Endlich ein letaler Schuss.

Gut, dass das nur virtuell war.

Aber ganz klar ein sehr sinnvoller Übungsinhalt!

Und ganz klar nicht mit einer Laserpistole realistisch darstellbar.

 

Damit zurück zum Lasern. Mir ist die exakte Technik dahinter nicht klar genug, um sie zu beschreiben. Ehrlich gesagt finde ich Technikfragen auch nicht sonderlich spannend. Fakt ist, dass der Laserimpuls auf einer interaktiven Leinwand auftrifft und damit ein Computer berechnen kann, ob und wo man getroffen hat. Die Leinwand lässt sich übrigens auch mit Echtmunition beschießen, dann misst das Computerprogramm dahinter die Position des Einschusslochs.

Wie beim Zoll begann ich damit, auf unschuldige Vierecke zu schießen. Gesteigert wurde das damit, dass die sich irgendwann zu bewegen begannen.

Ich muss zugeben, dass ich zu diesem Zeitpunkt Spaß daran hatte, denn ich traf ziemlich gut.

Allerdings überlegte ich schon, wie ich Herrn Köllner klarmachen würde, dass ich keinesfalls auf menschliche Umrisse oder gar interaktive Szenarien zu schießen gedachte.

Na ja… vielleicht fragt er ja gar nicht.

Es ist eine Sache, Spaß daran zu haben, Kimme und Korn übereinanderzubringen und damit auf Formen oder Zielscheiben zu schießen – eine sehr gute Konzentrationsübung übrigens. Es ist eine ganz andere Baustelle, sich auf den Echtfall vorzubereiten. Den ich nicht mal als Zuschauerin erleben möchte. Mit dem ich aber natürlich rechnen muss, wenn ich Polizisten in den Einsatz begleite.

 

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie Herr Köllner das gemacht hat, dass mir plötzlich klar wurde… wenn ich wieder einen elementaren Teil von Polizeiarbeit verstehen will, der mir bisher nur aus Erzählungen zugänglich war, dann muss ich genau das beschießen, was ich eigentlich nicht beschießen will.

Nachdem ich mich also überwunden hatte, auf den menschlichen Umriss zu schießen, ging es in das erste interaktive Szenario. Genaueres verrate ich hier nicht, denn falls Polizisten den Artikel lesen, die darauf ausgebildet werden sollen, verderbe ich denen ja den Lerneffekt…

Es geht damit los, dass man zu einem Einsatz fährt, der erst einmal klingt wie Standard. Sogar ich bin schon einmal mit so einer Ankündigung in einen Einsatz mitgefahren. Bei Eintreffen am Einsatzort übernimmt der digitale Kollege eine Personenkontrolle, man selbst sichert ihn ab.

Es beginnt immer damit, dass der digitale Kollege den Menschen, den wir antreffen, um seine Papiere bittet.

Ab hier verzweigt sich das Szenario. Ein- und dieselbe Szene kann immer wieder variieren.

Polizistinnen und Polizisten werden dabei im Vorfeld körperlich (mittels Sport) und seelisch (verbal) ziemlich unter Stress gesetzt, um einen realistischen Pulsschlag zu erreichen. Bei mir wurde darauf netterweise verzichtet. Ich hatte nämlich, wie Herr Köllner regelmäßig kontrollierte, so schon feuchte Hände und deutlich erhöhten Puls.

Die ersten beiden Szenarien schoss Herr Köllner noch.

 

Szenario 1:

„Ihre Papiere, bitte!“

Der Mann suchte in seiner Jacke herum, zog eine Schusswaffe, die er auf den Kollegen richtete.

Der Einsatztrainer neben mir erschoss den Mann virtuell.

 

Szenario 2:

„Ihre Papiere, bitte!“

Der Mann suchte in seiner Jacke herum, zog eine Schusswaffe, die er auf uns richtete.

Also auf den Einsatztrainer. Aber ich stand ja direkt neben ihm.

Ganz egal, dass es virtuell war – ich blickte in eine Pistolenmündung.

Mein Stresslevel raste nach oben.

Der Einsatztrainer schoss dem Mann ins Bein.

Dann zog er mich am Arm beiseite, drehte sich mit mir um, um mir etwas zu erklären. Aus den Augenwinkeln sah ich noch, wie der Mann mit der Waffe in der Hand sich irgendwohin setzte.

Wieso? Der hat doch noch die Waffe in der Hand? Aber gut, der Trainer ist der Chef, der weiß schon, was richtig ist. Vielleicht halten die ja auch den Film an.

PENG! PENG! PENG! PENG!

Oh Shit! Im richtigen Leben wären wir jetzt tot. Weil ich mich zu sehr darauf verlassen habe, dass mein Partner das schon regelt…

Genau das war wohl der beabsichtigte Lerneffekt.

Und:

„Sie hören erst auf zu schießen, wenn der Angreifer seine Waffe fallen lässt. Und Sie lassen erst nach, wachsam zu sein, wenn Sie oder Ihr Kollege diese Waffe in der Hand haben.“

Sollte jeder mal erlebt haben, der glaubt, ein Schuss ins Bein wäre die einzig zulässige Antwort auf Angriffe mit Waffen.

An dieser Stelle übernahm ich, obwohl ich das zuerst nicht gewollt hatte. Ich wollte wissen, wie sich solche Lagen anfühlen, die andere immer mit Genuss bequem vom Sofa aus kommentieren. Wenigstens annähernd, denn es ist und bleibt virtuell.

Mein Stresslevel kletterte weiter nach oben. Selbst im Video habe ich echte Hemmschwellen, auf einen Menschen zu schießen.

 

Szenario 3:

„Ihre Papiere, bitte!“

Der Mann suchte in seiner Jacke herum und zückte – Papiere.

Also ließ ich die Waffe, wo sie war, an meiner rechten Hüfte.

Der Schießstand wird permanent belüftet, auch wenn mit Laser geschossen wird, um dem Pulverdampf beim Scharfschießen keine Chance zu lassen. Es ist verdammt kühl in dem Raum.

Mir war verdammt heiß.

 

Szenario 4:

„Ihre Papiere, bitte!“

Der Mann beugte sich in einen großen Behälter und holte… ein Messer heraus, richtete es auf mich.

Ich schoss. Mehrmals!

Er war tot.

„Der hatte ein Messer in der Hand, oder? Der hatte doch ein Messer in der Hand?“

Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher.

„Ja, der hatte ein Messer in der Hand.“

Uff!

Dann die Nachlese.

„Wie viele Schüsse?“

„Drei.“

„Ja, das stimmt. Bis drei klappt es meistens mit dem Merken. Ab dann ist das Gehirn normalerweise überfordert und der Schütze kann sich nicht mehr an die genaue Zahl erinnern.“

Die interaktive Leinwand kann anzeigen, wo man getroffen hat – und in welcher Reihenfolge.

Die ersten beiden Schüsse waren Treffer im letalen Bereich gewesen. Mit dem dritten Schuss hatte ich den Angreifer im Fallen in die Hand getroffen, in der er das Messer gehalten hatte.

„Das könnte vor Gericht problematisch werden. Da muss man dann hoffen, dass die Spurensicherung belegen kann, dass nicht schon der erste Schuss in die Hand ging, denn dann wären die tödlichen Schüsse unnötig gewesen.“

Oha! Die Spurensicherung hat vermutlich keine interaktive Leinwand.

Der Gedanke beschäftigte mich noch, als wir ins nächste Szenario einstiegen.

Ich spürte den Schweiß unter meinen Achseln hervor in Richtung Hosenbund rinnen. Meine Hände zitterten ein Bisschen.

 

Szenario 5:

„Ihre Papiere, bitte!“

Wieder beugte sich der Mann in den dunklen Behälter.

Der zieht doch nicht schon wieder ein Messer?

Nein, tat er nicht. Stattdessen sah ich plötzlich nur noch einen Radmutternschlüssel über mir.

PENG PENG PENG

„Im Grunde sehr gute Schüsse, leider wäre zum Zeitpunkt der Schussabgabe Ihr Schädel schon bis zum Brustbein gespalten gewesen.“

Vermehrte Schweißproduktion. Händezittern verstärkte sich. Mein Puls war vermutlich mittlerweile deutlich im oberen Stressbereich und meine Atmung beschleunigt.

 

Szenario 6:

„Ihre Papiere, bitte!“

Wieder der Radmutternschlüssel. Der Mann geht auf meinen virtuellen Kollegen los.

PENG.

Warnschuss.

Er dreht zu mir ab.

PENG PENG PENG…

Der Mann liegt tot am Boden.

„Wieviele Schüsse?“

„Kein Ahnung!“

Es waren fünf gewesen.

„Auch das wäre dann vor Gericht äußerst problematisch – denn… ach, wir gucken mal die Wiederholung an.“

Ok.

Oh Shit!

Oh… Shit!

Erst in der Wiederholung nahm ich wahr, dass der Angreifer den Drehschlüssel hatte fallen lassen, nachdem er sich zu mir gedreht hatte.

Da hätte ich nicht mehr schießen dürfen.

Das braucht man auch nicht zu diskutieren. Ich hätte schlicht nicht schießen dürfen.

*Schluck*

„Ich würde jetzt doch lieber wieder auf Vierrecke schießen.“

Herr Köllner tat mir den Gefallen. So hatte ich noch eine Weile richtig Spaß. Ich kann jeden Sportschützen verstehen.

Polizisten haben diese Wahl allerdings nicht. Sie müssen im Dienst an der Gesellschaft, also an uns allen, in solche Situationen gehen. Wir erwarten das von ihnen. Ich denke, dass sie im Gegenzug durchaus von uns erwarten dürfen, dass wir dann nicht über sie herfallen, wenn sie in so einer Lage gesteckt und reagiert haben.

Und ja, ich weiß. Sie haben sich diesen Beruf ausgesucht. Aus meiner Sicht ein weiteres Argument, ihnen zu danken.

 

Als ich nach diesem interessanten Tag heimfuhr, dachte ich bereits, dass jeder, der sowas beurteilt, ein Schießtraining durchlaufen sollte – vielleicht auch Richter, die über solche Fälle urteilen müssen. Das meine ich nicht einmal negativ. Aber vielleicht hilft es dabei, alle Perspektiven besser zu beleuchten. Man bekommt wenigstens einen winzigen Einblick, in was für Situationen man als Polizist geraten kann und wie die sich anfühlen können.

Nun hatte ich ja eine Ausbildung im Bereich der Ultraschallgeschwindigkeit. Polizisten üben das über Jahre und immer immer wieder – eben um das Stressniveau zu senken und eben damit sie auch unter Stress deswegen richtig reagieren, weil sie gut geübte Abläufe abrufen können. Dennoch… keine Situation ist so wie die andere…

 

Natürlich ist ein virtuelles Training nicht vergleichbar mit der Realität. Als ich eine Woche danach eine Straftat live sah, und den Notruf betätigte, war mein Stresslevel um einiges höher als im Schießtraining. Das merkte ich daran, dass meine Kleidung mir vom Shirt bis zu den Strümpfen nass am Körper klebte. Aber wie gesagt, es lässt einen erahnen, wie es Menschen in solchen Situationen gehen mag.

 

In dem Zusammenhang mit diesem Notruf auch interessant, dass meine Seele das letzte Szenario auf dem Schießstand noch nicht verarbeitet hatte. Ich war offenbar geschockter davon, dass meine Wahrnehmung da so versagt hatte, als mir zuerst bewusst war. Jedenfalls brauchte es tatsächlich einen Polizisten, der mich 24 Stunden später in Sachen meines Notrufes nach meinen Daten fragte, da ich jetzt Zeugin einer Straftat bin, um mir endlich sicher zu sein, dass mein Notruf auch wirklich und wahrhaftig berechtigt gewesen war – obwohl es an der von mir beobachteten Szene nichts, aber auch gar nichts, misszuverstehen gab.

Sicherlich reagiert nicht jeder mit einem Vertrauensverlust in die eigene Wahrnehmung – und der Verlust war ja nicht heftig genug, dass ich nicht im Endeffekt das Richtige getan hätte.

Aber wenn schon ein virtuelles Trainingsszenario einen solchen Effekt hat, dann kann man sich wenigstens ansatzweise vorstellen, was Menschen teilweise durchmachen, die einen echten Schusswaffengebrauch hinter sich bringen mussten. Selbst wenn man nicht hinter ihnen stehen möchte – so könnte man sich dann doch wenigstens das Drauftreten verkneifen…

Danke, dass ich diesen Einblick bekommen durfte. Auch die Einsatztrainer der Polizei RLP sind einfach klasse!

Allgemein Verein

Aus dem Verein: Karten für verletzte Polizistinnen und Polizisten

Um mal zu zeigen, was wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. sonst noch so machen – neben unseren Internetaktivitäten, die nur einen Teil unserer Tätigkeiten darstellt.

Wir schreiben auch Genesungskarten an Polizistinnen und Polizisten, die im Dienst schwer, krankenhausreif oder dienstunfähig verletzt wurden. Diese Infos bekommen wir aus den Pressemitteilungen der Polizei im deutschsprachigen Raum. Die Karte leiten wir i.d.R. über die Pressestelle mit einer Beschreibung des Vorfalls, so dass die auch wissen, für wen die Karte ist. Diese Karten bekommen die Betroffenen auch, wenn sie durch einen Unfall verletzt wurden, denn eines unserer Vereinsziele lautet, dass wir Polizeibeamten Rückhalt vermitteln wollen. Da machen wir dann keinen Unterschied in Sachen „Grund der Verletzung“.

In Rheinland-Pfalz reicht übrigens die Vokabel „verletzt“ aus, um eine Karte zu bekommen, da die Polizei Rheinland-Pfalz sehr offen zu unserem Verein ist. In anderen Bundesländern können wir das leider noch nicht in dem Ausmaß stemmen, obwohl jetzt zwei Mitglieder noch ins Kartenschreibeteam hinzustoßen.

Auch, wenn ein Einsatz besonders schlimm war, gibt es schon mal eine Karte.

Das hier ist, womit ich mich am gestrigen Tag befasst habe. Es handelt sich um Karten für alle „Fälle“, die in den letzten beiden Wochen angefallen sind. Da hatte sich wegen meiner Grippeerkrankung einiges angestaut.

Das hier sind insgesamt 28 Umschläge. In 12 davon steckt jeweils die Genesungskarte für einen Polizisten / eine Polizistin. In allen anderen Umschlägen sind mehr Karten drin, zwischen zwei und fünf. In dem großen Umschlag sind unsere Kondolenzkarten für die Angehörigen der bei Beeskow getöteten Polizisten.

Links das ist eine Packung Papiertaschentücher als Maßstab.

Das ist aber noch lange nicht alles, denn bereits Freitag abend gingen insgesamt 10 Umschläge in die Post, die sich nur auf Rheinland-Pfalz bezogen.

Übrigens möchte ich an dieser Stelle mal ein Danke loswerden an all jene, die unsere Karten immer weiterleiten. Danke!!! Die liegen uns nämlich wirklich am Herzen.

Allgemein Polizeiarbeit Verein

Rosenmontag im Advent – Nachtschicht in Mainz

Zufällig und zu meiner großen Freude handelte es sich bei der Nachtschicht nach der Weihnachtsmarktstreife genau um die Schicht, mit der ich vor etwa einem Jahr schon einmal unterwegs gewesen war. „Meine“ damalige Streifenpartnerin Marina nahm mich auch gleich wieder unter ihre Fittiche und stellte mich ihrem Streifenpartner für die Nacht, Felix, vor. David ist mittlerweile an einer anderen Dienststelle. Auch die anderen aus der Schicht freuten sich, mich wiederzusehen. Ganz meinerseits!

 

Unsere erste Mission war, Essen zu beschaffen. Das war auch gut so, denn ich hatte allmählich Hunger bis unter beide Arme. Diese Düfte auf dem Weihnachtsmarkt, die von allen Seiten an mich herangezogen waren, hatten die Sachlage nicht besser gemacht.

 

Ich hatte meine Pizza noch nicht einmal zur Hälfte eingefahren, als ein Einsatz wegen eines vermissten Kindes reinkam. Das sind Einsätze, bei denen die Polizei alles auf die Straße wirft, was sie hat.

Also nix wie raus.

Eine weitere Streife war schon bei der Mutter des Kindes eingetroffen. Diese gab an, sie sei mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt gewesen. Das Sohn, drei Jahre alt, sei beim Freund der Mutter gewesen, und von dort abhandengekommen.

Polizei: „Kann er beim Vater sein?“

„Der Vater sitzt im Knast.“

Polizei: „Und wieso war das Kind bei Ihrem Freund?“

„Das ist der Adoptivvater. Also ab übermorgen.“

Innerlich runzelte ich die Stirn. Zufällig kenne ich mich mit Adoptionsrecht halbwegs aus. Seit wann reicht da eine Beziehung ohne Trauschein? Aber gut, vielleicht hat sich die Rechtslage da kürzlich geändert. Ich hatte allerdings keine Zeit, das tiefer zu durchdenken. Schließlich wollte ich nichts verpassen.

Polizei: „Und wo ist der jetzt?“

„Na, irgendwo.“

Ah ja…

Einer der versammelten Polizeibeamten versuchte, die Personalien der Beteiligten aufzunehmen. Bei einer Freundin der Mutter stimmte die angegebene Adresse mit der Adresse auf dem Personalausweis nicht überein. Nun hatte ich selbst schon mal in meinen jungen Jahren eine Ummeldung verschlampt. Das ist aber kein Grund, dann pampig zu Polizisten zu werden, wenn die versuchen, ordentliche Personalien zu bekommen.

Schließlich fragte einer der Beamten die Mutter:

„Und wo ist Ihr Freund gemeldet?“

Hätte ja sein können, dass der mit dem Jungen daheim ist, deswegen war die Frage mehr als berechtigt.

„Der hat derzeit keine Meldeadresse.“

Jetzt war ich vollends verwirrt. Jemand, der keinen offiziellen Wohnsitz hat, soll demnächst ein Kind adoptieren dürfen? In der Bundesrepublik Deutschland? NEVER EVER.

Marina wählte einen pragmatischen Ansatz:

„Haben Sie ein Foto von dem Jungen?“

Sehr gute Frage.

„Ja. Moment.“

Es folgte eine ausgiebige Suche in der Galerie des Smartphones. Sehr ausgiebig.

Also ich tendiere ja auch zu Datenmüll, weil ich viele Fotos mache, finde aber doch ziemlich schnell Bilder der Menschen, die mir lieb und teuer sind.

Schließlich hielt sie uns ein Bild unter die Nase, das einen kleinen Jungen im Bademantel zeigte. Offensichtlich mit Photoshop ausgeschnitten, denn er schwebte frei vor einem weißen Hintergrund.

Nicht nur mir drängte sich an dieser Stelle der Verdacht auf, dass hier die Polizei mit einem Phantom beschäftigt sei. Dennoch – solange nicht ganz sicher war, dass dieses Kind tatsächlich nur in der Phantasie dieser Frau existierte, musste alles getan werden, um es zu finden.

Marina, Felix und ich suchten den mittlerweile weitestgehend in Schließung begriffenen Weihnachtsmarkt ab. Niemand berichtete uns von einem weinenden Kind. Wir schauten bei einem kleinen Karussell. Nichts!

In der Zwischenzeit befassten sich weiterhin zwei Polizisten mit der Frau, andere suchten ebenfalls die Stadt ab.

Ergebnislos.

Da wir im Nachgang auch nichts mehr davon hörten und auch keine Vermisstenanzeige einging, gehe ich davon aus, dass dieses Kind niemals existiert hat. Allerdings hatte ich auch nicht den Eindruck, dass die Dame einfach mal so eben aus Spaß ein ganzes Rudel Polizisten mit einer sinnlosen Suche beschäftigen wollte. Ich persönlich vermute ein psychologisches Problem dahinter.

 

Wir begaben uns zurück zur Dienststelle und aßen unsere Pizza fertig. Im Anschluss daran lieferten wir einen USB-Stick beim Geschäftsführer eines Mainzer Lokals ab. Darauf hatten sich Aufzeichnungen seiner Videoüberwachung befunden, mit der er eine Straftat aufgezeichnet hatte. Zwar wurden wir neugierig beäugt, aber ich hörte keine dummen Kommentare. Geht doch!

 

Als nächstes wurde ein Einbruch in eine Kindertagesstätte gemeldet. Mit zwei Streifen fuhren wir zur angegebenen Adresse.

Die Kita lag am Ende einer Sackgasse, aus der sich auch gerade ein Kleinwagen entfernen wollte. Was Felix vereitelte, indem er den Passat mitten in den Weg parkte.

Am Steuer des Kleinwagens eine junge Frau. Sie sah nicht so aus, wie ich mir den typischen Einbrecher vorstelle – aber wenn ich eines bei der Polizei gelernt habe, dann, dass die Dinge selten so sind wie sie scheinen.

Hier trog der Schein aber nicht. Während Marina die Personalien der jungen Frau aufnahm, schaute eine weitere Streife danach, was in der Kita selbst los war. Dort fand eine Adventsfeier statt. Die Mutter der jungen Frau nahm an dieser Feier teil und hatte etwas daheim vergessen. Ihre Tochter brachte es ihr, für die Übergabe war eine Tür geöffnet worden, die einen stillen Alarm in Gang gesetzt hatte.

Im Grunde war damit alles geregelt.

„Bin ich jetzt vorbestraft?“

Jetzt verstand ich. Ich hatte mich die ganze Zeit gewundert, warum die junge Frau die ganze Zeit so hart an der Grenze zur Patzigkeit laviert war. Die hatte einfach Angst.

Marina erklärte ihr sehr freundlich, dass das nicht der Fall sei und warum.

Nun werde ich selbst angemessen nervös, wenn die Polizei an mir dienstlich wird. Insofern verstehe ich das grundsätzlich. Aber was für ein Polizeibild steckt bitte mittlerweile in den Köpfen vieler Menschen, wenn man sich für solch eine harmlose Sache vorbestraft glaubt? Meines Erachtens muss da bereits im Bildungssystem dringend Aufklärung stattfinden. Lehrer sollten da mit Polizisten viel mehr an einem Strang ziehen und klar machen, dass man nicht gleich vorbestraft ist, wenn Polizisten mal ein paar Fragen stellen.

 

Anschließend hatten wir Zeit für etwas, was vielen Polizisten auf ländlichen Dienststellen mittlerweile als reiner Luxus erscheint. Einbruchspräventionsstreifen.

Symbolfoto: Andere Einsatzörtlichkeit

Allerdings dauerte auch in der Landeshauptstadt dieses Glück nicht allzu lang an, denn es kam ein Funkspruch rein:

„Am Bahnhof kam es zu Randale in einem Lokal. Die Randalierer sind noch vor Ort.“

Eigentlich das Dienstgebiet von Mainz 2, aber wir waren ziemlich nah dran. Näher als alle Streifen von Mainz 2.

Also entschieden Felix und Marina, hinzufahren. Mit Blaulicht und Martinshorn.

Wir waren die erste Streife am Bahnhof.

Raus aus dem Streifenwagen. Umschauen.

Randalierer? Wo jetzt?

Ein junger Mann im Kellnerdress mit einem hübschen Hämatom auf der Wange deutete auf eine Gruppe sehr bürgerlich aussehender Menschen.

Die?

Ein zweites und ein drittes Polizeiauto flogen ein. Noch mal Mainz 1 sowie die Wochenend-Verstärkung im Viererbus (je zwei Beamten der PI Mainz 1 sowie zwei Beamten einer anderen Dienststelle), mit der aktuell die Auswirkungen des in den letzten 25 Jahren deutlich lebhaft gewordeneren Mainzer Nachtlebens in Schach gehalten werden.

Marina, Felix und zwei der Polizisten aus dem Viererbus widmeten sich nun der Gruppe, die uns der Kellner gezeigt hatte, die anderen sprachen mit dem Kellner. Zwei gingen auch in das fragliche Lokal.

Die Leute, auf die wir zugingen, wirkten sympathisch. Da konnte ich mir durchaus vorstellen, mit denen mal einen trinken zu gehen. Sie erzählten uns, dass sie auf dem Weihnachtsmarkt gewesen waren und von dort mit dem Zug hätten heimfahren wollen. Wegen dem Glühwein. Aus meiner Sicht ein sehr vernünftiger Ansatz. Da zwischen Schließung des Weihnachtsmarktes und Abfahrt des Zuges eine gute Stunde totzuschlagen war und die Nacht allmählich bitter kalt wurde, entschlossen sie sich, in ein Lokal zu gehen. Dort sei man dann aber unberechtigterweise herausgeflogen.

Eine vierte Streife, dieses Mal von Mainz 2, traf ein.

Eine Frau, die sich bisher zurückgehalten hatte, gab in recht schriller Stimmlage von sich:

„Bei Einbrechern kommt keiner, aber bei uns, da kommen sie gleich mit vier Streifenwagen.“

Damit rutschte sie auf meiner Sympathieskala schon mal einige Stufen nach unten. Ich weiß nicht, was sie von Beruf macht, aber kein Polizist erklärte ihr ihren Job. Vielleicht sollte sie das dann umgekehrt auch unterlassen.

Meine Polizisten nahmen ungerührt weiter Personalien auf und Aussagen zu Protokoll. Was die Dame auch massiv störte. Niemand reagierte jedoch auf ihre beleidigte Attitüde.

Mittlerweile waren in dem Lokal die Befragungen weitgehend abgeschlossen. Einer der Polizisten, die diese vorgenommen hatten, informierte uns über die Ergebnisse.

Die Aussagen stimmten bis zu dem Punkt überein, an dem unsere so sympathisch wirkende Gruppe das Lokal betreten hatte. Sie waren nämlich nicht die einzigen gewesen, die diese Idee gehabt hatten, entsprechen voll war es. Also positionierte man sich an der Bar, unglücklicherweise an einer Stelle, an der die Kellner vorbeimussten, um ihre Kundschaft zu bedienen. Gemeinerweise wollten diese Kellner tatsächlich ihrem Beruf nachgehen und baten mehrfach darum, dass ihnen Platz gemacht werde. Davon hatte sich ausgerechnet die Dame, die gerade der Polizei ihren Job erklärt hatte, offensichtlich sehr gestört gefühlt. Diesem Gefühl hatte sie Ausdruck verliehen, indem sie die Kellner u.a. mit „dumme Sau“ und „Hure“ betitelt hatte. Dreien von ihnen hatte sie auch ihre Fingernägel durchs Gesicht gezogen und einem ins Gesicht geschlagen. Das war der junge Mann mit dem schicken Hämatom, der uns empfangen hatte.

Da hatte ja einer der jungen Viererbus-Polizisten noch richtig Glück, dass er „nur“ mit „so ein dummer Kerl“ bewertet wurde. Mir ist übrigens schleierhaft, womit er sich diese Ansage verdient hat. Er war über die ganze Befragung hinweg freundlich und sachlich zu der „Dame“ gewesen. Womit er meine uneingeschränkte Bewunderung hatte, denn ich kochte innerlich über.

Im Laufe der weiteren Befragungen durch die Polizei hörte die „Dame“ nämlich nicht auf, wieder und wieder darauf hinzuweisen, wie übertrieben doch diese Präsenz sei, die da aufgefahren werde. Während gegen Einbrecher nichts passiere.

Meistens bin ich heilfroh, dass ich nur zuschauen und nichts sagen muss, wenn ich mit der Polizei unterwegs bin. Hier sehnte sich alles in mir, einfach zu sagen:

„Gute Frau, die beiden hier waren gerade dabei, ein einbruchsgefährdetes Viertel zu bestreifen, als dieser überflüssige Scheiß hier hereinkam.“

Ja, genau in der Wortwahl!

Aber ich hielt mich zurück. Erstens will ich nicht daran Schuld haben, wenn eine Situation eskaliert. Zweitens möchte ich auch weiterhin mitfahren dürfen. Und drittens bringt das Auffahren von Fakten bei solchen Menschen erfahrungsgemäß sowieso nichts. Schon der junge Viererbus-Polizist war ja daran gescheitert.

Den Abschluss des Einsatzes übernahm die Streife der PI Mainz 2, so dass wir anderen uns verabschieden konnten.

„Ich schäme mich gerade sowas von fremd“, sagte ich im Streifenwagen. Abgesehen davon, dass ich ganz klar zu altmodisch bin, um den Zusammenhang zwischen Advent und überzogenem Alkoholkonsum zu begreifen: „Wie können so normal wirkende Leute so dermaßen ausrasten und so uneinsichtig sein?“

Diese Frage stellt sich mir bis heute. Ich weiß nicht, ob es dazu wissenschaftliche Untersuchungen gibt, aber ich empfinde es so, als nehme die Bereitschaft zur Übernahme von Eigenverantwortung in unserer Gesellschaft kontinuierlich ab. Es ist immer jemand anders schuld, nur man selbst hat mit seinen eigenen Schwierigkeiten wenig bis nichts zu tun. Nötigenfalls ist halt die Polizei der Böse, weil sie bösartigerweise gerade keine „echten“ Verbrecher jagen will… schließlich gibt es Schlimmeres als Kellnern seine Fingernägel durchs Gesicht zu ziehen. Es gibt aber auch Schlimmeres als einzubrechen. Wo ist denn dann bitte die Grenze? Und tatsächlich hatte Mainz in dieser Nacht keinen psychopathischen Serienmörder aufzufahren, der vom gesamten Polizeiaufgebot der Stadt gesucht werden musste. Auch der Attentäter von Berlin hatte sein Verbrechen am Breitscheidplatz an diesem Tag noch nicht begangen. In solchen Nächten müssen auch wir Normalos wohl damit leben, dass unsere Verfehlungen Konsequenzen haben. Etwas mehr Würde durch das Eingestehen eigener Fehler wäre dabei wünschenswert.

 

Marina, Felix und ich fuhren weiter Streife, u.a. auf dem Unigelände. Ein sehr merkwürdiges Gefühl. Zuletzt war ich vor 18 Jahren nachts auf diesem Gelände unterwegs gewesen, wenn ich von einer Party kam oder ähnliches. Es hatte sich äußerlich nichts verändert, obwohl nun die nächste Generation dort studiert. Danke jedenfalls für diese Kurzreise in sehr gute Jahre meiner Vergangenheit.

 

Anschließend fuhren wir die Dienststelle an. Auf einer abschüssigen Straße kam uns auf der Gegenspur ein Oberklasse-Wagen entgegen. Mit laut aufheulendem Motor raste er an dem Streifenwagen vorbei. In der Innenstadt! Na, wenn ein Fahrer so sehr um eine Kontrolle bettelt, dann soll er sie auch bekommen. Was für ein unfassbarer Schnösel. Selten bin ich derart geballter Arroganz am Stück begegnet.

 

Nach einem Zwischenaufenthalt in der Dienststelle rückten wir wieder aus, um einen jungen Mann dabei zu erwischen, wie er hingebungsvoll an die Ecke einer Großbank pinkelte. Er war für meinen Geschmack wenig einsichtig, Felix und Marina waren allerdings Schlimmeres gewöhnt.

Symbolfoto: Andere Einsatzörtlichkeit

 

Als nächstes wurde ein Autofahrer mit einem Handy am Ohr verwarnt.

Schließlich kam ein Funkspruch über einen Einbruch in einen Supermarkt rein, mit einer Personenbeschreibung. Wir bestreiften den Nahbereich um den Supermarkt. Eine zweite Streife nahm sich zweier junger Männer an, auf die die Beschreibung passte. Die waren es wohl nicht gewesen. Unsere Suche blieb ebenfalls erfolglos.

 

„Eine junge Frau ist vor der Diskothek xy beleidigt worden.“

Eigentlich keine große Sache, sollte man meinen. Die Türsteher dieser Disko sind allerdings dafür bekannt, nicht gerade von allererster Qualität zu sein. Man könnte es auch so ausdrücken, dass der eine oder andere bis vor Kurzem Kundschaft der Polizei war und die Verhaltensweisen aus dieser Zeit noch nicht ganz abgelegt hat. Auch sonst eskaliert an diesem Ort gerne mal was. Also fuhren nicht nur wir, sondern auch der Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei vor.

Die junge Dame war in jedem Fall sehr beleidigt. In ihrer Rage (und leichten Alkoholisierung) war nur sehr schwer aus ihr herauszubringen, was nun genau passiert war. Offensichtlich hatte sie Hausverbot bekommen. Weil sie dem nicht unwidersprochen nachkommen wollte, hatten die Türsteher nachgeholfen und waren dabei verbal unfreundlich geworden. So weit so schlecht.

Offenbar war sie sehr unzufrieden damit, dass die Polizisten nun auch noch die Aussage des von ihr beschuldigten Türstehers einholen wollten. Ihr Tonfall, sowieso schon mit einem pampigen Unterton unterlegt, wurde noch ein paar Stufen schriller.

„Meine Mama ist Beamtin bei….“

Sie nannte eine Polizeibehörde. Zum Glück nicht die Polizei Rheinland-Pfalz.

„Meine Mama holt mich auch gleich hier ab, dann regelt die das hier…“

Sie musste das „Ihr blöden Deppen“ nicht dazusagen, es schwang auch so deutlich durch die mittlerweile eiskalte Nachtluft.

„Ich ruf mal meinen Freund dazu.“

Der junge Mann war wohl noch in der Disko. Sie zückte ihr Handy. Offensichtlich nahm er das Gespräch blitzschnell an, denn sie blaffte ins Telefon:

„Du kommst jetzt SOFORT hierher. Die Polizei ist hier. Meine Mama kommt auch gleich.“

Holla, die Waldfee! So rede ich vielleicht mit meinem Hund. Und selbst das nicht ohne Not!

Ich war allmählich geneigt, dem Türsteher eine Menge Verständnis entgegenzubringen, sollte er diese gewinnende junge Dame tatsächlich beleidigt haben. Was immer noch ungeklärt war, denn auf die mehrfache Nachfrage, ob sie denn nun Anzeige erstatten wollte oder nicht, antwortete sie ebenso wortreich wie unklar. Übrigens immer noch in einem, wie ich fand, ausgesprochen unangemessenen Tonfall. Am patzigsten war sie ganz klar zu dem jungen Viererbus-Ppolizisten, an dem sich schon die „Dame“, die Einbrecher wichtiger fand als ihre Fingernägel im Gesicht ihrer Mitmenschen, abgearbeitet hatte. Für mich immer noch äußerst unverständlich. Ich habe ihn als sehr freundlich empfunden. Vielleicht war das sein „Fehler“. Manche vertragen das einfach nicht. Ich schon. Falls er das liest und mal dienstlich an mir werden muss… ;-)

Die „Mama“, die Beamtin bei der Polizeibehörde ist, wurde noch öfters als graue Eminenz im Hintergrund ins Spiel gebracht. Nicht wirklich überraschend, dass keiner der Polizeibeamten sich davon auch nur im Ansatz erschüttern ließ, seine Arbeit so zu tun wie er oder sie es für richtig hielt.

Übrigens sei mir an dieser Stelle die Bemerkung erlaubt, dass eine Mitte Zwanzigjährige, die glaubt, ihre „Mama“ berechtige sie, gestandenen Streifenpolizisten ihren Job zu erklären, genau so überzeugend ist, wie ein gleichaltriger Polizei-Azubi, der mit ganzen sieben Wochen Diensterfahrung dasselbe versucht (siehe mein Bericht über die Nachtschicht in Kaiserslautern). Nämlich gar nicht!

 

Endlich war dieser Einsatz beendet. Auf dem Weg zum Streifenwagen wurden wir von drei Jungspunden überholt. Einer von ihnen sagte zu seinen Kumpels: „Immer wenn wir gehen, ist hier was los.“

Meinte der uns? Egal!

Ich war froh, im warmen Streifenwagen zu sitzen. Felix und Marina kamen überein, dass man kurz in der Dienststelle auftauen wollte. Dazu sollte es vorerst nicht kommen, denn kaum war dieser Entschluss gefasst, musste Felix wieder drehen.

Schlägerei vor genau derselben Disko. Die Bereitschaftspolizisten hatten es noch nicht einmal bis in den Mannschaftswagen geschafft.

Also wieder hinaus in die Kälte.

Tatsächlich stand vor der Disko ein junger Mann mit einer blutigen Nase. Er gab zu Protokoll, dass der Türsteher ihn die Treppe heruntergeworfen und geschlagen habe.

Die Beamten nahmen seine Personalien auf, sowie die seines Freundes. Ein Rettungswagen wurde einbestellt. Sie fragten nach einer Personenbeschreibung. Diese konnte das Opfer der Tat aber nicht geben.

Sein Kumpel war Augenzeuge und beschrieb, was er gesehen hatte. Auch er konnte keine zufriedenstellende Personenbeschreibung abliefern.

„Ich habe den nur von oben gesehen und sein Gesicht nicht. Aber ich würde den sofort wiedererkennen.“

Deswegen bestürmte er die Polizisten, mit ihm in die Disko zu gehen, um den Mann zu suchen. Dies lehnten die Beamten ab. Übrigens mit einer Begründung. Es hat mehr Beweiswert, wenn die Beamten eine Personenbeschreibung bekommen und finden dann einen Menschen vor, der darauf passt, als wenn bei einer Gegenüberstellung der erste des Weges kommende Türsteher beschuldigt wird.

Diese Ablehnung wollte er nicht akzeptieren und wiederholte seine Forderung wieder und wieder.

In der Zwischenzeit wurde sein Freund im Rettungswagen behandelt.

Marina und Felix überließen ihren Kollegen das nichtendenwollende Bitten um eine gemeinsame Suche des Mannes und betraten die Disko. Sie fragten mich, ob ich mitkommen wolle. Ja, ich wollte. Eigentlich stehe ich nicht auf Lärm. Aber meine klappernden Zähne und ich hofften auf eine Heizung.

Der Türsteher (der übrigens schon „Mamas“ Tochter beleidigt haben soll) gab seine Version der Geschichte zum Besten.

„Ich habe dem Mann nach draußen geholfen.“

An dieser Stelle war ich geneigt, dann vielleicht doch der jungen Frau zu glauben. Trotz ihres grenzwertigen Auftretens. Gut, dass ich da nichts zu entscheiden habe, sondern die Staatsanwaltschaft.

Zu erwähnen wäre bei diesem Einsatz auch noch ein junger Mann, der nichts, aber auch gar nichts, mit der Sache zu tun hatte, aber meinte, es sei eine supertolle Idee, mehrfach mitten durch diesen Blaulichtauflauf hindurchzumarschieren. Dabei telefonierte er mit seinem Handy und gab sich furchtbar wichtig. Aus meiner Sicht eine sehr seltsame Verhaltensweise.

Als endlich alle Anzeigen aufgenommen waren, ging es endlich in die Dienststelle zum Schreiben der Berichte. In dieser verdammt kalten Nacht war das genau mein Ding.

 

Wie beim letzten Mal kam wieder kurz vor Schichtende ein Einsatz rein über eine Schlägerei. Ein Mann sei mit einer abgebrochenen Flasche auf einen anderen Mann losgegangen. Wieder ging es mit Blaulicht und Martinshorn zur genannten Adresse.

(Drei Streifenwagen in einem Foto – für ländliche Dienststellen ein seltener Anblick. Die sind ja froh, wenn sie zwei Wagen besetzt kriegen.)

Den mutmaßlichen Täter fanden wir am Einsatzort vor – das Opfer war offensichtlich geflüchtet. Allerdings wartete ein Augenzeuge auf uns. Übrigens wieder ein Türsteher eines anderen Etablissements. Die haben ein deutlich besseres Verhältnis zur Polizei. Das merkte man auch an seiner Aussage: sehr schlüssig und klar.

Zwei Streifen kümmerten sich um den Täter, die Zeugenvernehmung und die Spurensicherung. Die Spuren bestanden aus mehreren zertrümmerten Flaschen und Blutspuren. Eine davon an einem Auto. Ein breites rostrotes Rinnsal lief über die Motorhaube. Mir wurde ein wenig schwindelig, denn in der Straße hatte eine Studienfreundin von mir gewohnt. Ich war, ohne mir viel dabei zu denken, oft nachts allein zu Fuß durch diese Straße gegangen. Entweder war ich unfassbar naiv, oder Mainz hat sich nicht nur in Sachen Nachtleben massiv verändert.

Andere Streifen suchten nach dem Opfer, es konnte aber nicht wiedergefunden werden.

 

Mit diesem Einsatz war auch diese Schicht zu Ende. Netterweise nahm mich die Frühschicht mit auf Streife zum Bahnhof, wo sie mich aus dem Wagen ließ. Ich fror nämlich mittlerweile wie ein junger Hund und war deshalb dankbar, nicht durch die Kälte laufen zu müssen.

Es hat mich wirklich gefreut, noch einmal mit dieser Schicht unterwegs zu sein. Danke, Marina und Felix, danke der ganzen Schicht, danke den Weihnachtsmarktspezialisten und danke Heiko Arnd für den herzlichen Empfang. Ich war genau so beeindruckt wie beim ersten Mal. Ihr seid einfach klasse, liebe Polizei Mainz!