Das war haarscharf – nicht nur eine Unfallaufnahme im Westerwald – Nachtschicht in Straßenhaus

Endlich! Seit sechs Wochen hatte er den Führerschein. Und heute Abend hatte Papa ihm endlich mal den BMW geliehen. Weil er seine Kumpels mitnehmen wollte.

Hier, im tiefsten Westerwald, ging ohne Auto gar nichts. Und Mamas Kleinwagen war einfach nur peinlich.

Ok, dass es den ganzen Tag geregnet hatte und immer noch regnete, war schon blöd. Dabei war der Sommer sowas von bombastisch gewesen und hatte bis in den September gedauert. Diesen einen Tag hätte der sich auch noch halten dürfen. Aber davon ließen doch er und seine Kumpels sich den Abend nicht versauen. Ein kleiner Wechsel der Location lag aber schon noch an. So gegen Mitternacht war eben ein anderer Club angesagt.

„Fahr mal schneller, die anderen sind schon da.“

„Mann, ich fahr das erste Mal bei Regen.“
Er nahm den Fuß vom Gas.

Eine langgestreckte Kurve. Die rot-weißen Richtungstafeln leuchteten im Scheinwerferlicht auf.

Ein leichtes Schleudern.

„Alter, was tust du?“

Er spürte wie der Wagen unter ihm ausbrach.

„Scheiße.“

Der schwere BMW pflügte über den Straßengraben. Es krachte.

 

„Polizeinotruf der Polizei in Straßenhaus.“

„Ich habe gerade ein Schild umgefahren.“

Zufällig befand ich mich gerade im Wachraum, als dieser Notruf hereinkam. Eine junge Stimme. Seltsam unbeteiligt. So unbeteiligt, dass ich vor meinem inneren Auge ein Bild hatte, wie ich selbst mal vor vielen Jahren ein Schild „umgefahren“ hatte. Auf einer Verkehrsinsel. Es hatte sich schlicht um 90 Grad gedreht, ansonsten war der Sachschaden gleich Null. Trotzdem war ich deutlich nervöser gewesen als der Anrufer sich anhörte.

Wie immer liegt mir die Erlaubnis der abgebildeten Polizisten zur Veröffentlichung vor.

Wenig später fuhren Christian, Alex und ich im Streifenwagen vor. Das Blaulicht reflektierte in einer großen Rauchwolke, mehrere Fahrzeuge standen am Straßenrand, junge Menschen wuselten durcheinander.

Hatte ich irgendetwas an dem Notruf missverstanden?

War doch mehr als nur ein Schild zu Schaden gekommen?

Brannte da etwa ein Unfallfahrzeug?

Und was war das für eine Musik, die da durch den nächtlichen Wald wummerte?

 

Meine beiden Herren schienen ebenso verwundert wie ich. Wir steigen aus. Sofort stieg mir Zigarettengeruch in die Nase.

Damit hatte sich schon einmal die Herkunft des Rauchs geklärt und ich entspannte mich wieder.

„Zuerst mal wird jetzt hier die Musik ausgemacht, bitte.“

Natürlich spricht es für das sonnige Gemüt der jungen Menschen, dass sie das Event, zu dem nun einige von ihnen nicht erscheinen konnten, einfach mal locker an den Unfallort verlegten. Aber wir waren hier nicht auf einer Open-Air-Party, sondern die beiden Beamten hatten zu arbeiten. Man kann sich einfach nur schwer konzentrieren, wenn man rein akustisch in einer Art Freiluftdisko steht.

Mit großer Geduld fanden Christian und Alex heraus, wer nun eigentlich etwas zum Unfallgeschehen beitragen konnte. Alle anderen wurden weggeschickt. Da die Party mangels Musik sowieso vorbei war, trollten sich die jungen Leute auch nach und nach widerspruchslos. Teilweise warteten sie, bis die Aussagen und Personalien der Mitfahrer aufgenommen waren, sodass sie diese gleich mitnehmen konnten.

Übrig blieben am Schluss nur noch der Fahrer selbst sowie einer seiner Kumpel. Allmählich erschloss sich mir auch die Ruhe des Fahrers – vor so vielen Kumpels geht das natürlich gar nicht, wegen eines popeligen Straßenschildes die Fassung zu verlieren …

 

„Ich habe meinen Führerschein erst seit sechs Wochen“, teilte uns der junge Fahrer mit. „Das ist meine erste Fahrt bei Regen.“

Das passte durchaus zum Wetter der letzten Wochen und Monate.

„Ich habe gebremst, aber wohl nicht genug und zu spät.“

Er sah sich das Loch genauer an, das das abrasierte Schild in die Motorhaube geschlagen hatte.

Die beiden Polizisten machten Fotos und schauten sich die Unfallstelle genauer an, um aus den Splittern, herumliegenden Autoteilen und den Reifenspuren ein Bild des Unfallhergangs zu gewinnen.

Christian machte den jungen Mann darauf aufmerksam, wie haarscharf die Reifenspuren an einem ausgewachsenen Baum vorbeigeschrammt waren.

Oha.

Das hätte auch ganz anders ausgehen könnten.

Der junge Mann gab sich weiter cool, schon wegen seines Kumpels. Eine Spur blasser und deutlich ruhiger wurden sie allerdings beide.

Im Grunde war die Aufgabe der Polizei hier beendet. Die beiden jungen Männer würden von den Eltern des Fahrers abgeholt, die sich auch um das Abschleppen des Wagens kümmern würden. Fehlte eigentlich nur noch eins:

„Der Wagen kann hier so nicht stehen bleiben“, sagte Christian.

Machte Sinn! Schwarzes unbeleuchtetes Auto in schwarzer Nacht auf unbeleuchteter Straße im Wald. Potentielle Gefahrenstelle!

Christian und Alex schauten sich das Auto noch einmal genauer an.

„Wir versuchen es mal. Fahren Sie das Auto mal bitte in den nächsten Ort auf den Parkplatz vor der Kirche. Das klappt wahrscheinlich noch.“

Es stellte sich heraus, dass wir gerade mal 500 Meter von einer kleinen Ortschaft entfernt waren. Den anderen war das natürlich klar gewesen. Mir nicht.

Der junge Mann und sein Kumpel stiegen ein.

Alex ging einige Meter in Richtung der Ortschaft, da der BMW drehen musste. Er wollte vorbeikommende Autofahrer warnen. In der anderen Richtung warnte ja das nach wie vor flackernde Blaulicht.

Der Fahrer startete den Motor, gab Gas. Mit einem erschöpften Knirschen löste sich der Wagen aus dem Graben. Etwas schleifte über den Asphalt, aber es sah aus, als würde es im Schritttempo gehen.

Ich wandte mich um, um Alex Gesellschaft zu leisten, als es plötzlich einen metallischen Knacks gab. Recht laut.

Ich wandte mich um.

Der BMW spreizte beide Vorderreifen ab.

Das sah nicht gut aus. Soviel sah sogar ich als Laie.

Christian schaute unter den Wagen und diagnostizierte einen Achsbruch.

Das Auto stand quer über der Landstraße.

Upps.

Damit war nun die Straße blockiert.

Als nächstes galt es nun, den Verkehr, bis der Abschlepper kam, umzuleiten. Je einer der beiden postierte sich auf einer der beiden Seiten des Autos. Ich stellte mich dabei neben Alex. Erstaunlich, wie viel um diese Uhrzeit, gegen zwei Uhr morgens, in einem dunklen Wald in einem Mittelgebirge noch los ist. Die Umleitung, die Alex den Fahrers erklärte, würde ich jetzt auch finden, sollte ich sie jemals dort oben brauchen …

Schließlich kam der Abschlepper und auch die Eltern holten ihren Sprössling ab.

Damit war dieser Einsatz beendet.

 

Das war natürlich nicht der einzige Einsatz dieser Nachtschicht. Es begann mit der Sicherstellung eines Portemonnaies, das spielende Kinder im Wald gefunden hatten – die es auch superspannend fand, dass die Polizei erschien.

 

Wir suchten einen Herrn, der aus einem Krankenhaus abgängig war, der schließlich in NRW gefunden werden konnte.

 

Während wir Streife fuhren und die Herren mir das vergleichsweise große Dienstgebiet zeigten, das zum Glück ein großes Stück Autobahn hat, die wir auch mehrfach benutzten, kam ein Einsatz wegen einer Schlägerei auf einer Kirmes rein. Blaulichtfahrt! Auf der Kirmes – keine Schlägerei.

 

Schließlich noch ein „Vermisstenfall“, der eigentlich keiner war, weil die Eltern durchaus wussten, mit wem die junge Dame unterwegs war … (die näheren Infos sind mir entfallen …)

 

Alles in allem eine wetterbedingt eher ruhige Nacht (so ziemlich die einzige Regennacht im Frühherbst des Jahres 2018), aber ausreichend um zu sehen, dass da eine der vergleichsweise kleineren Polizeiinspektionen von Rheinland-Pfalz in einem großen Dienstgebiet sehr gute Arbeit leistet. Danke dafür!

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