Der Ex-Polizist und mehr …

„Wer hat Sie denn zum Polizeihauptkommissar gemacht? Sie sind ja eine Niete.“

Innerlich zuckte ich zusammen, äußerlich blieb ich möglichst unbewegt. Die in harschem Ton vorgebrachte Liebesbekundung galt meinem heutigen Streifenpartner, Thomas. Er, in der Tat Polizeihauptkommissar, und drei Polizistinnen und Polizisten, Kommissare, standen um einen älteren Herrn herum. Er trug einen Jogginganzug und Badelatschen. Ohne Socken. Ich wunderte mich ein Bisschen, wieso ihm nicht kalt war. Okay, für einen richtigen Winter war es mit etwa 10 Grad deutlich zu warm, aber immerhin hatten wir Ende Dezember.

„Bei mir wären Sie jedenfalls nicht befördert worden, Sie können ja gar nichts“, feuerte er die nächste Salve ab.

Auch Thomas und seine Kollegen blieben unbewegt.

Die Wormser Polizei war gerufen worden, weil der Herr in seinem Altersheim herumrandaliert hatte. Den Beschreibungen nach war ein Flur abgeräumt und eine Mitarbeiterin von Ort als „Schlampe“ tituliert worden. Offensichtlich war von einer Beruhigung seines erhitzten Gemütes nicht auszugehen, also rief das Altersheim einen Rettungswagen, um ihn in die Rheinhessen-Fachklinik nach Alzey zu bringen. Dort gibt es eine Abteilung, die auf Fälle wie ihn spezialisiert ist.

Allerdings war die Besatzung des RTW auch nicht besser empfangen worden als meine Begleiter, also kam die Polizei zum Helfen.

„Das ist nicht mehr mein Land“, tönte der ältere Herr weiter.

Das konnte ich mir sehr gut vorstellen, denn er litt an Alzheimer. Eine Bekannte von mir hatte Alzheimer und ich erinnere mich sehr gut daran, wie sie es anfänglich noch schaffte, den Schein zu wahren und enorme geistige Anstrengungen unternahm, um nicht aufzufallen, oder Erinnerungslücken zu umschiffen. Irgendwann gelang ihr das aber nicht mehr. So fragte sie mich sehr oft, wie mir denn der Ruhestand so gefalle – ein Zustand, von dem ich noch viele Jahre entfernt bin und damals erst recht war. Sie sah dann an meinem Gesichtsausdruck, dass etwas an ihren Worten nicht stimmte und ruderte wild zurück. Sie wirkte oft sehr müde, denn es muss einerseits sehr anstrengend sein, vor den anderen so zu tun, als sei alles in Ordnung. Auf der anderen Seite ist es sicherlich schrecklich, wenn man in seinen lichten Momenten mitbekommt, wie die geistigen Kräfte nach und nach verfallen.

Ich persönlich hätte damit auch allergrößte innere Schwierigkeiten und deswegen schwanke ich, wenn ich mit Alzheimerkranken zu tun habe, immer zwischen großem Mitgefühl mit den Kranken selbst und nicht minder großem Mitgefühl mit dem Umfeld dieser Menschen, die sich oft die unglaublichsten Dinge anhören müssen. Oder eben mit Einsatzkräften, über die sich eine Kaskade übelster Beleidigungen ergießt.

Dieser Mann hier war in seinem früheren Leben Polizist gewesen, sogar in einer Führungsposition. Es ist schon ein Unterschied, ob man selbst Menschen führt und für diese Gesellschaft antritt – oder ob man nun von anderen gesagt bekommt, wo es lang geht und sich den Regeln eines Altersheimes unterwirft. Wo man wegen seiner Krankheit auch nicht mehr allzu viel für die Gesellschaft leisten kann. Natürlich ist das für ihn nicht „sein Land“. Wäre es für mich auch nicht. Rein vom Krankheitsbild her gesprochen.

Insofern konnte ich seine Aggressionen schon nachvollziehen. Was natürlich keinesfalls heißt, dass ich in irgendeiner Weise seine Tiraden, die sich gegen meine Begleiter und das Rettungspersonal richteten, gut hieß, oder deren Maßnahmen anzweifelte. Wenn jemand in dem Zustand herumrandaliert, gefährdet er sich selbst und andere.

Thomas fackelte gar nicht lange und dirigierte ihn sanft in den Rettungswagen. Natürlich stieg er zu und begleitete zusammen mit einem Sanitäter die Fahrt. Dessen junge Kollegin, die auch dabei war, fuhr.

„Möchtest du auf den Beifahrersitz?“

Dieses von Carina, Thomas Streifenpartnerin, gemachte Angebot, nahm ich natürlich an.

„Ich bin sehr froh, dass Thomas dabei war. Ich glaube, uns als Polizeikommissare hätte er weniger ernst genommen“, mutmaßte Carina. Da mochte sie Recht haben.

Übrigens das erste Mal in all den Jahren, dass diese Amtsbezeichnungen überhaupt eine Rolle spielten im Gespräch mit dem Streifenteam, das mich dabei hatte. Natürlich war das in diesem Fall der besonderen Situation des Herrn geschuldet.

Die Fahrt dauerte etwa 20 Minuten. Thomas sagte später, er und der Sanitäter seien die ganze Fahrt weiter durchbeleidigt worden.

„Wir haben irgendwann gar nicht mehr hingehört, sondern uns einfach unterhalten.“

Nachvollziehbar, denn selbst wenn man ganz genau weiß, dass der Mensch, der einem ununterbrochen Unverschämtheiten an den Kopf wirft, nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, ist solch ein Dauerbombardement nur schwer auszuhalten.

Die Einweisung in die gerontopsychiatrische Abteilung, also die Abteilung, die für die psychiatrische Behandlung älterer Menschen zuständig ist, vollzog sich recht problemlos. Zumindest ab dem Zeitpunkt, an dem der Mann erst einmal verstand, dass in dem Raum, der er bitte betreten sollte, deshalb kein Bett stand, weil er erst einmal aufgenommen werden musste, also Papierkram zu erledigen war, bevor er schlafen gehen konnte.

Die Besatzungen des RTW und des Streifenwagens verließen gleichzeitig die Klinik.

„Eine scheußliche Krankheit“, stellte der durchbeleidigte Retter fest. Da mussten wir ihm Recht geben. Alle.

Ein Einsatz, der nachdenklich macht. Vor wenigen Jahrzehnten machte dieser Mann genau das, was nun Thomas und Carina machten.

Wo wir alle wohl im Alter landen werden?

 

Ein weiterer Einsatz wurde auch in Alzey losgetreten. Junge Leute riefen bei der benachbarten Polizeiinspektion Alzey an, dass einer ihrer Freunde alkoholisiert in ein Auto gestiegen sei und nicht davon abzubringen gewesen sei. Da die Halteranschrift des Wagens im Bereich der PI Worms lag, fuhren die Alzeyer hinterher und die Wormser, um genau zu sein, Thomas und Carina mit mir als Achslastbeschwerer, zur Halteranschrift.

Wir näherten uns der Adresse bereits, als aus einer Nebenstraße vor uns ein Wagen auf die Straße schoss. Er schlingerte leicht, fuhr dann aber geradeaus weiter.

Thomas gab Gas, um aufzuschließen.

„Das ist er“, vermeldete ich, auf meiner Rückbank vom Jagdfieber gepackt. Das KFZ-Kennzeichen stimmte.

Also wurde der Fahrer herausgewinkt. Tatsächlich handelte es sich um den gesuchten jungen Mann – mit einer spannenden Alkoholfahne.

Also ab zur Dienststelle zur Blutprobe.

Seinen Führerschein hatte er übrigens gerade mal ein halbes Jahr. Da er bereits in Kaiserslautern im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln aufgefallen war (übrigens vor der berühmten Diskothek „Nachtschicht“, vor der ich auch schon Einsätze miterleben durfte), dürfte sich das wohl erledigt haben. Hoffe ich wenigstens. Ich überlebe nämlich meine Abstecher in den Straßenverkehr ganz gerne …

Wieder zog ich auf den Beifahrersitz, da Carina sich mit dem jungen Herrn auf die Rückbank setzte. Wir waren noch nicht angefahren, als dieser schon sein Handy zückte und mit seiner Freundin telefonierte. Diese schien ihm einige Vorhaltungen zu machen, was sie mir grundsätzlich erst einmal sympathisch machte. Unter dem Einfluss bewusstseinseintrübender Substanzen Auto zu fahren geht einfach gar nicht. Später erfuhr ich dann allerdings, dass sie wohl zuerst mit im Wagen gesessen hatte, dann aber schnell daheim abgeliefert worden war – aus welchem kühlen Grund auch immer. Da war es dann aus mit meiner Sympathie.

Netterweise traf ich bei der Gelegenheit die Polizeiärztin wieder, die ich auch schon einmal in Ludwigshafen 1 getroffen hatte.

 

Dieses sollte der letzte Einsatz der Nacht gewesen sein. Natürlich war das nicht alles. Ziemlich zu Beginn der Nacht fuhr uns ein Wagen mit defektem Rücklicht vor die Nase und gewann eine Verkehrskontrolle. Kein Verbandskasten, keine Warnweste und kein Führerschein am Fahrer kamen noch hinzu. Alles spielte sich sehr freundlich und zugewandt ab.

Eigentlich waren wir zu diesem Zeitpunkt auf Objektschutzstreife gewesen, denn auch Worms hat einige sensible Liegenschaften, die als besonders gefährdet gelten.

Zwischendurch waren wir in der Dienststelle, als ein junger Mann belegen wollte, dass er die auf einer Mängelkarte einer anderen Polizeidienststelle in einem anderen Bundesland aufgeführten Mängel an seinem Fahrzeug beseitigt hatte. Er bekam seinen Stempel und konnte damit dann pünktlich zu Weihnachten seine Karte loswerden.

Dann wurden wir auf den Weihnachtsmarkt gerufen, der zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen war. Offenbar ist es in Worms notwendig, diesen Weihnachtsmarkt auch nach Schließung der Hütten über Nacht zu bewachen. Es gibt offensichtlich die kulturell beflissenen Wormser, die sich um die Nibelungenfestspiele kümmern – und die anderen …

Jedenfalls hatte es eine Auseinandersetzung zwischen zwei Herren gegeben. Der eine beschuldigte den anderen, ihm fünf Euro gestohlen zu haben. Der andere beschuldigte den einen sowie Angehörige des Sicherheitsdienstes, ihn geschlagen zu haben. Interessanterweise war er vollkommen unversehrt. Die fünf Euro waren allerdings auch nicht zu finden. Eine Anzeige wegen Diebstahls und eine Anzeige wegen Körperverletzung wurden aufgenommen – letzteres angesichts seines einwandfreien körperlichen Zustandes nicht ohne Hinweis auf die Folgen einer falschen Beschuldigung.

In einem kleinen Ort, etwa eine Viertelstunde Fahrzeit von Worms, klingelte ein Betrunkener an einer Tür. Bei unserem Eintreffen war er allerdings nicht mehr zu sehen. Als wir gerade wieder Richtung Worms fahren wollten, kam ein Anruf wegen eines Einbruchsalarms in einer Spielhalle. Diese wurde von zwei Streifen umrundet – ohne Ergebnis.

 

Traurig war der Einsatz, den andere Streifenteams hatten – es hatte einen Unfall gegeben, bei dem eine alte Dame angefahren und schwer verletzt wurde. Als ich die Dienststelle morgens verließ, rang sie noch mit ihrem Leben. Ich weiß nicht, was aus ihr wurde. Ich weiß allerdings, dass der Vorfall keinen der Polizeibeamten unberührt ließ.

 

Eine ereignisreiche Nachtschicht ging zu Ende.

Danke, Thomas und Carina. Danke, Polizei Worms. Ihr seid klasse!

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