„Du gehörst doch nach Andernach!“

Mitte der 80er Jahre eine nicht sonderlich gepflegte Beleidigung, wenn jemandes Verhalten nicht in die Normen passte, die uns als Teenager beherrschten. Die auch reichlich eng waren – was für Pubertierende auch normal ist. Schlecht ist nur, wenn man sich auch im Erwachsenenalter von diesen allzu eng gesteckten Normen nicht befreien kann.

Jedenfalls wusste im nördlichen Rheinland-Pfalz, wo ich aufwuchs, zumindest in den Orten an der Rheinschiene jeder, was gemeint war. Der Spruch spielte an auf die Rhein-Mosel-Fach-Klinik, eine Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie.

Jahrelang verschwand diese Klinik aus meinen Gedanken, eine gute Bekannte wohnte lange in Andernach, ich ging hier und da in Andernach aus. Dann ergab es sich, dass ich eine Nachtschicht bei der Polizeiinspektion Andernach mitfahren durfte. Da mir schon bei diversen Besuchen zu Heiligabend oder auch zum Danke-Polizei-Tag aufgefallen war, dass das Einsatzaufkommen dort eigentlich immer recht hoch ist, freute ich mich schon auf diese Erfahrung.

 

Als ich ankam, erwartete mich das mir für ländliche Dienststellen mittlerweile wohlbekannte Phänomen – an allen Ecken und Enden fehlte Personal. Zwei Beamte waren erkrankt, zwei waren nach Koblenz zu einem plötzlichen Sondereinsatz abgeordnet worden und es gab einen Anwärter, der ausgebildet zu werden hatte. Ursprünglich war der Gedanke gewesen, mich von Streifenteam zu Streifenteam weiterzureichen, um die Belastung aufzuteilen. So blieb ich die ganze Nacht bei Michael und Jil.

 

Wir bestreiften das noch recht ruhige Andernach. Als erstes fiel uns ein weißer Kastenwagen auf, der am Straßenrand vor einer Liegenschaft im Gewerbegebiet stand. Etwas, was sogar mir als Laie komisch vorkam. Entsprechend langsam steuerte Michael den Streifenwagen an dem Lieferwagen vorbei. Hektische Betriebsamkeit brach aus, ein Mann sprang ins Führerhäuschen des weißen Wagens. Er fuhr an.

Entschlossen wendete Michael den Streifenwagen und folgte. Der Weiße fuhr auf eine weitere Gewerbeliegenschaft auf. Michael stellte den Streifenwagen genau davor.

 

„Guten Abend. Polizei Andernach.“

„Guten Abend.“

Fahrzeugkontrolle. Papiere waren soweit in Ordnung. Auch Verbandskasten, Warndreieck und Warnwesten waren wie erforderlich vorhanden.

„Ich möchte mir mal die Ladungssicherung anschauen“, teilte Michael mit. Der Mann riss die Tür zur Ladefläche auf.

Es gab keine Ladung. Die sollte nämlich erst hier abgeholt werden, wie uns der Fahrer mitteilte. Was auch ein Herr bekräftigte, der aus dem Haus kam.

Kurz und gut – es schien alles in Ordnung. Warum nur hatte er weiter hinten so komisch geparkt? Ein Rätsel, was sich wohl nicht mehr lösen lassen würde.

Offensichtlich merkte der Mann, dass die beiden Polizeibeamten und ich noch jede Menge Fragezeichen im Kopf hatten – denn er verabschiedete sich mit den Worten:

„Und danke, dass Ihr mich eben beim Pipimachen noch nicht gestört habt.“

 

 

Wir lachten noch im Streifenwagen.

„In unserem Beruf erlebst du ständig was Neues.“

Darüber waren sich Michael und Jil einig. Natürlich quetschten auch sie mich interessiert aus, warum ich mir freiwillig die Nachtschichten mit der Polizei antue. Ich legte meine Gründe dar. Abgesehen davon, dass das für mich ein Zeichen der Wertschätzung ist, mir anzusehen, wie unsere Polizistinnen und Polizisten arbeiten, ist es auch eine gute Möglichkeit, mit jenen zu reden, die sozusagen an der Alltagsfront Tag für Tag ihren Kopf für uns hinhalten. Außerdem macht es mir Spaß.

„Das kann ich verstehen“, sagte Jil. „Mein Beruf macht mir auch Spaß.“

Michael bestätigte das.

Das vielleicht mal für alle, die in den Kommentarspalten unserer Präsenzen in den Sozialen Netzwerken Polizistinnen und Polizisten gern zu Opfern machen. Das sind sie nicht. Sie machen eine fantastische, manchmal gefährliche Arbeit für unsere Gesellschaft und werden dafür von manchen Teilen der Gesellschaft unsäglich behandelt. Aber sie haben oft Spaß an ihrer Arbeit und tun sie gerne.

Last but not least helfen mir meine Nachtschichten auch beim Argumentieren gegen die ganzen Hintertreppengerüchte aka Scheißhausparolen, die über unsere Polizei kursieren. Erst neulich hatte ich eine interessante Konversation mit einem Menschen, der ernstlich der Ansicht war, über eine Einweisung in eine Psychiatrie könne die Polizei jeden Menschen für jedes beliebige Vergehen 48 Stunden festhalten, ohne dass sich ein Richter da einzumischen habe. Und natürlich macht in seinem Weltbild die Polizei das auch pausenlos und mit jedem, der ihr nicht in den Kram passt. Was für ein blühender Unsinn. Und ich konnte ihm das wenigstens teilweise ausreden…

Da dieses „Gespräch“ in einem Sozialen Netzwerk stattfand, hoffe ich immer, dass genug Schweigende mitlesen, die sich vielleicht von den besseren Sachargumenten überzeugen lassen.

 

 

Schließlich hatte ich im Laufe der Andernacher Nacht zwei Einweisungen miterlebt.

 

Im ersten Fall handelte es sich um eine Frau, die bereits vom Rettungsdienst versorgt wurde. Zumindest mühten sich bei unserem Eintreffen die beiden Sanitäter redlich, sie zu versorgen. Allein – sie wollte nicht. Entsprechend war sie ihnen gegenüber aggressiv geworden. Sie hatten die Polizei gerufen, den Einsatz bekamen wir. Was zu einer Miniblaulichtfahrt über etwa einen Kilometer führte, da wir ganz in der Nähe waren.

Die Dame war ganz klar nicht wegefähig. Sobald sie nicht an einem Zaun oder einer Mauer lehnte, brauchte sie nicht nur den Bürgersteig in seiner gesamten Breite, sondern auch noch die Fahrbahn dazu. Auf einer viel befahrenen Straße ein unkalkulierbares Risiko.

 

Zudem hatte ich das dringende Gefühl, allein durch das Einatmen in ihrer Gegenwart einen ähnlich Grad an Alkoholisierung zu erreichen wie sie ihn offensichtlich hatte.

„Ich will nach Hause“, wiederholte sie hartnäckig.

„Wir können Sie nicht nach Hause lassen. Wir können Sie auch nicht allein gehen lassen“, wiederholte Michael ebenso hartnäckig wie freundlich.

Letztlich stieg sie in den Krankenwagen. Da sie im Vorfeld aggressiv gegen die Sanitäter geworden war, stieg Jil mit ein. Und ich durfte nach vorne rücken (Yay!).

Auf der Fahrt zur Rhein-Mosel-Fachklinik erklärte mir Michael, dass hier eine deutliche Eigengefährdung vorlag. Eifrige Leser meiner Artikel werden sich jetzt fragen: Wieso müssen die denn in Andernach – im Unterschied zu kreisfreien Städten wie bspw. Ludwigshafen den Kommunalen Vollzugsdienst nicht fragen, bevor sie eine Einweisung vornehmen. Dies hat damit zu tun, dass in ländlicheren Gebieten von Rheinland-Pfalz die Kreisverwaltung zuständig ist, die zum einen über keinen eigenen Vollzugsdienst verfügt und zum anderen nur innerhalb der Geschäftszeiten zu erreichen ist. Also nicht während einer Nachtschicht. Entsprechend tritt die Polizei direkt in Verhandlungen mit den Ärzten.

Bei dieser Dame war es auch keine Einweisung im klassischen Sinne, denn es ging ja um ihren sehr hohen Alkoholisierungsgrad. Im Grunde musste die Polizei sie in Gewahrsam nehmen, um sie vor sich selbst zu schützen. Allerdings war wiederum der Alkoholisierungsgrad derart hoch, dass kein Arzt ihr eine Gewahrsamsfähigkeit ausgestellt hätte. In diesem Fall hat also die Rhein-Mosel-Fachklinik den Polizeigewahrsam stellvertretend vorgenommen, aber eben unter Aufsicht fachkundiger Ärzte.

 

„Wir können sie wirklich nicht weiter draußen rumlaufen lassen. Da kann jede Menge passieren. Sie könnte überfahren werden oder auch bei sich zu Hause einen Unfall haben.“
Michael konnte offensichtlich mein Schweigen zu der Thematik nicht einordnen. Dabei war ich in der Sache ganz auf seiner Seite. Schweigsam war ich nur, wie ich ihm dann auch erklärte, weil ich einen Fall aus dem niedersächsischen Rastede im Kopf hatte, wo zwei junge Polizisten einen Betrunkenen aus dem Streifenwagen gelassen hatten und er kurz darauf überfahren wurde. Die beiden müssen nun nicht nur mit ihren Schuldgefühlen fertig werden, sondern auch mit einer öffentlichen Hexenjagd und Angst um ihre Existenz.

Ich teilte meine Gedankengänge dazu mit Michael.

Wir hatten auch jede Menge Zeit für derartige Gespräche, weil der Haupteingang zur Klinik wegen Bauarbeiten nicht benutzbar war. Die Suche nach dem Nebeneingang gestaltete sich komplex. Zudem führten die letzten paar Meter über eine Umleitung quer durch ein Krokusbeet. Darauf muss man erstmal kommen. Jedenfalls hatten sowohl Michael als auch der Fahrer des RTW echte Skrupel, quer durch die Blümchen zu fahren, die nach einem langen, harten Spätwinter schüchtern aus dem Gras lugten.

Die Ärztin sah die Eigengefährdung ähnlich wie die Sanitäter und Beamten und nahm die Dame auf.

„Die handeln doch eh im Sinne der Beamten“, meinte der Diskutant, dessen eigenartige Meinung über die Möglichkeiten einer demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei, Menschen einfach mal eben so in einer Psychiatrie verschwinden lassen zu können, mir ganz schön viel Kopfschmerzen bereitete.

In diesem Fall ja. Ich kenne auch andere Fälle, in denen die Ärzte die Leute unmittelbar nach Eintreffen in der Psychiatrie wieder auf freien Fuß gesetzt haben.

Wobei der Sinn der Beamten nicht darin lag, die Dame „verschwinden“ zu lassen, sondern sie vor sich selbst zu schützen. Ein wesentlicher Unterschied!

Im Übrigen habe ich noch bei keiner einzigen Schichtbegleitung erlebt, dass eine Polizistin oder ein Polizist einfach so mal schnell jemanden einweisen wollte. Es gab immer sehr gute und nachvollziehbare Gründe.

Bis hierhin hätte man auch alles in einschlägigen Gesetzen nachlesen können, wie bspw. dem Landesgesetz für psychisch kranke Personen (PsychKG) für RLP bzw. ähnlichen Gesetzen für andere Bundesländer. Wie sagt ein von mir geschätzter Polizist oft und gern: „Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung.“

Nicht im Gesetz nachlesbar ist die Menschlichkeit, mit der die beteiligten Blaulichter an die Sache herangingen. Niemand hat sich über die Dame lustig gemacht. Alle hatten vor allen Dingen ihr Wohlergehen im Auge – und das der anderen Verkehrsteilnehmer. Für denjenigen, dem sie genau vors Auto fallen würde, wäre das nämlich auch kein Zuckerschlecken.

Im Nachhinein sagte Jil im Auto: „Sie hat mir im Krankenwagen ihr ganzes Leben erzählt – also einfach hatte sie es nicht!“

 

Besonders augenfällig wurde das beim folgenden Einsatz gegen Ende der Nacht. Ein junger Mann hatte den Notruf gewählt und dort mitgeteilt, dass er seine Lebensgefährtin geschlagen hätte. Er wolle sich selbst anzeigen. Meine Streife wurde zu ihm geschickt, um den Sachverhalt aufzunehmen.

Er erwartete uns bereits vor seiner Haustür. Der junge Mann wirkte zeitgleich verzweifelt und aggressiv, er hantierte mit einem großen Feuerzeug (eines von denen mit dem langen Rüssel, um Kamine anzuzünden oder Teelichter am Boden eines tiefen Glases) herum.

„Legen Sie das mal bitte weg“, forderte Jil auf, nachdem allseits „Guten Morgen“ gewünscht wurde.

Zack!

Er pfefferte das Teil in eine Ecke seines Eingangsbereichs.

Hoppla!

Definitiv ein Fall, in dem ich mich nicht unbedingt nach vorne drängeln und zusehen sollte, dass alle Fluchtwege offen bleiben.

Da es ziemlich kalt war, gingen wir mit ihm ins Haus. Dort fragten Michael und Jil ihn aus, was passiert war. Ich bewunderte den Boden, der nicht nur derart klebte, dass er bei jedem Schritt schmatzende Geräusche abgab, sondern auf dem auch dunkelrote Spritzer prangten.

Blut?

Der Mann erzählte uns, dass er Streit mit seiner Freundin bekommen hätte, daraufhin habe er ihr eine Ohrfeige verpasst. Diese Entgleisung erfüllte ihn mit Verzweiflung, so sehr, dass die Aussage fiel:

„Ich will mich suizidieren.“

Michael bohrte nach.

Die Freundin sei dann schließlich mit einem dreistelligen Eurobetrag und zwei Bekannten verschwunden. Das Geld stammte vom Konto seiner Mutter, er hatte es mit einer EC-Karte abgehoben. Die Mutter war im Krankenhaus.

„Die bringt mich um“, sagte er.

Die Höhe des Betrages schwankte im Laufe des Gespräches mehrfach – ebenso wie seine Stimmung, was ihn äußerst unberechenbar erscheinen ließ.

Meinem Eindruck nach war es hauptsächlich die Tatsache, dass ihm die Hand ausgerutscht war, die ihn mit Verzweiflung erfüllte. Ein bisschen Angst vor seiner Mutter schien aber auch dabei.

„Wir müssen Sie einweisen lassen, wegen Ihrer Suizidgedanken“, stellte Michael fest.

„Ich bin doch nicht blöd.“
Dabei wirkte der Mann wieder sehr aggressiv.

„Das hat doch mit ‚blöd‘ nichts zu tun“, sagte Jil.

Der junge Mann kam wieder ein bisschen runter.

Ich machte mir milde Sorgen um meine beiden Begleiter, die ihn auch für keine Sekunde aus den Augen ließen. Dennoch gingen sie sehr freundlich auf ihn ein.

Letztlich funkten sie eine zweite Streife herbei, da in unserem Streifenwagen meinetwegen kein Platz war.

„Ich kann nicht in die Klinik“, sagte der junge Mann schließlich.

„Warum nicht?“

„Ich hab keinen Schlüssel. Wenn die mich wieder wegschicken, weiß ich nicht, wo ich schlafen soll.“

Die zweite Streife kam genau zu dieser Diskussion dazu. Letztlich willigte er ein, sich in die Klinik bringen zu lassen.
„Aber nur, wenn ich meine Decken holen gehen kann, dann nehme ich die mit raus und übernachte notfalls im Gartenhäuschen.“

„Ich hol die gerade“, erbot sich eine der neu hinzugekommen Polizistinnen, Silvia. „Wo sind die denn?“

„Oben im Schlafzimmer.“

Silvia und ein weiterer Polizist stiegen die Treppe ein Stockwerk nach oben.

„Oben keine Blutflecken“, vermeldete Silvia leise zu den anderen, als sie wieder nach unten kam.

Die Decken wurden außer Sicht von der Straße neben der Haustür deponiert.

Die zweite Streife war mit dem Bus und einem Anwärter gekommen, so dass drei Polizeibeamte bei ihm waren, als er in die Klinik gefahren wurde.

Selbstverständlich versuchten im Nachgang mehrere Streifen die Freundin zu finden. Immerhin war immer noch nicht geklärt, von wem das Blut war. Auch wir suchten eine Adresse einer der beiden Bekannten auf, mit der die Freundin unterwegs gewesen sein soll. Da die beiden Bekannten polizeibekannt waren, war es für die Polizei nicht weiter schwierig, an die Adressen zu kommen.

Eine andere Streife traf schließlich die Lebensgefährtin bei bester Gesundheit an.

Von wem nun das Blut war, bliebt unklar. Sicher ist, dass kein Gewaltverbrechen stattgefunden hatte.

 

 

Natürlich haben wir uns in dieser Nacht nicht nur mit der Rhein-Mosel-Fachklinik beschäftigt, sondern hatten auch andere Einsätze:

„Meine“ Streife hat im Laufe der Nacht insgesamt vier Verkehrskontrollen durchgeführt.

Ein Fahrer musste seinen Führerschein abgeben, weil er mit deutlich über 1,1 Promille fuhr. Interessantes Detail: auf dem Beifahrersitz saß seine stocknüchterne Ehefrau. Muss man nicht verstehen!

 

Es gab einen Einsatz wegen eines betrunkenen Randalierers, der sich aber bei unserem Eintreffen schon wieder beruhigt hatte. Die Sachlage entpuppte sich als Streitigkeiten zwischen Vater und Sohn.

Auch gab es eine Schlägerei vor einer Diskothek, dem Rasputin, zu der wir mit insgesamt vier Streifen ausrückten (der Sondereinsatz in Koblenz war zu diesem Zeitpunkt bereits beendet). Die Türsteher hatten zwei junge Männer nicht reinlassen wollen, die ihrerseits partout reinwollten. Die Gründe der Türsteher sind im Zweifel vollkommen egal, sie haben das Hausrecht und dürfen auch dann den Zutritt verwehren, wenn ganz einfach die Nase nicht gefällt.

Als persönlichen Höhepunkt bekam ich noch eine ausgiebige Blaulichtfahrt von Weißenthurm bis knapp ins Dienstgebiet der PI Koblenz 2 geschenkt, als uns ein Auto mit Schlangenlinien auf der B9 gemeldet wurde.

 

Danke an die PI Andernach für diese spannenden Einblicke, besonders an Michael und Jil. Ihr seid klasse!

 

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