Bremen, Klappe die Zweite

Nach meiner Schicht im Sommer 2016 hatte Peter befunden, dass Bremen sich mir nicht in angemessener Weise präsentiert hätte. Die Schicht war einfach zu ruhig gewesen. Entsprechend hatten wir beschlossen, das Ganze bei Gelegenheit zu wiederholen – im Sommer 2017.

Zuerst präsentierte sich mir die Bahn wieder einmal mit einer hübschen Verspätung, so dass Peter mich nicht am Hauptbahnhof abholen konnte. Das macht aber nichts, denn Bremen hat einen sehr guten Nahverkehr. Die Zeit in der Tram gab mir auch Gelegenheit, abzukühlen.

Im Zug nach Bremen machte ich nämlich Bekanntschaft mit einer Bremer Familie, bestehend aus einem Vater und zwei seiner Töchter im angehenden Pubertätsalter. Sie fuhren in der ersten Klasse und waren, soweit ich das beurteilen kann, das, was man linksaußen so schön „Biodeutsche“ nennt. Diese Information gebe ich nur, um wiederum den einen oder anderen Leser rechtsaußen vor Schnappatmung zu bewahren.

Dazu muss man sagen, dass ich mir ein Ticket erster Klasse geleistet hatte (zum Supersparpreis von 30 Euro), weil die Fahrt ja nun doch länger dauert und weil ich auf langen Fahrten gerne Genesungskarten schreibe.

Nun kenne ich beruflich eine Menge mehr oder minder pubertierender Jugendlicher, aber auch dieses Hormonchaos erklärt und entschuldigt nicht alles…

Zuerst schafften die beiden es, eine Lärmkulisse zu produzieren, dass ein ausgewachsener Frauenkegelclub bei einer Weinprobe dagegen als eine Oase der Stille rüberkommt.

Kein Ding! Ich habe immer Musik dabei, die mich so abschließt, dass ich mich auf meine Karten konzentrieren kann.

Mir ist unklar, ob den beiden jungen Damen nicht passte, dass ich so gar nicht auf ihre Vorstellung reagierte, aber sie drehten zunehmend auf. Irgendwann konnte ich meine Musik nicht mehr lauter stellen, wollte ich keinen Hörschaden riskieren.

Ich ignorierte das Theater aus Prinzip und begann mich zu fragen, ob die gesamte Erziehungstätigkeit des Herrn Vaters wohl weiterhin darin bestehen würde, interessiert zuzuschauen, wie seine beiden Grazien gerade einen ganzen Großraumwaggon terrorisierten – wissend, dass der erste, der es wagen würde, etwas zu sagen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Kinderfeindlichkeit geziehen werden würde.

Nun kriegten die beiden Damen irgendwie heraus, dass meine Beschäftigung etwas mit dem Thema „Polizei“ zu tun hatte – und beglückten den ganzen Waggon in unbeschreiblicher Lautstärke (zur Erinnerung – ich trug Kopfhörer mit Musik) mit Polizeiwitzen dümmlichster Art, die sie extra zu diesem Behufe aus dem Internet zogen. Nebenbei bemerkt waren die auch alt wie die Zeit… also die Witze.

Auch hier – erzieherische Worte des Vaters – Fehlanzeige. Er fand das wohl noch lustig.

Da hatte ich dann eine sehr gute Vorstellung von dem, was Polizeibeamte sich teilweise auch von „gutsituierten“ Bürgern an Dreistigkeiten gefallen lassen müssen.

Das Ganze endete übrigens damit, dass ich mir noch in Nordrhein-Westfalen einen neuen Platz suchte – zwei Waggons weiter.

Ich hoffe, der Vater liest diesen Artikel und es ist ihm angemessen peinlich.

 

Netterweise holte Peter mich (bereits in Uniform) von der Tram ab. Herrlich! Ich hätte zu gern die Gesichter der Leute in der Bahn gesehen, dass ich nicht nur von der Polizei schon in Empfang genommen, sondern auch gleich mit einer Umarmung begrüßt werde.

Im Unterschied zum letzten Mal hatten wir auch Zeit für eine kurze Vorstellung während der Schichtbesprechung.

Peter hatte noch Papierkram aus der Vorschicht da liegen, also wurde ich schon einmal mit Andreas und Tobias rausgeschickt.

Der erste Einsatz ließ auch nicht lange auf sich warten.

 

Einbruchsalarm in einem Großlager.

Blaulichtfahrt.

Das fängt ja gut an… ;-)

Der Sicherheitsdienst ließ uns auf das Gelände, wir fuhren einmal mit dem Streifenwagen um Lagergebäude und Gelände – nichts!

Eindeutig ein Fehlalarm.

Wir rückten ab, zumal der Verantwortliche für das Lager nun selbst nach dem Rechten sehen wollte.

 

Nächster Einbruchsalarm.

Ein leer stehendes Hotel. Dieses hatte eine Weile als Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge gedient. Der Nachbar, der die Polizei alarmiert hatte, sagte: „Das Haus steht leer.“

Tobias bezweifelte das.

„Da übernachten bestimmt welche drin.“

Schon auf der Anfahrt wunderte ich mich. Für mein rheinisches Gemüt ist Bremen eine Großstadt. Allerdings fuhren wir durch eine sehr ländliche, flache Landschaft, die in mir durchaus Entspannungsgefühle aufkommen ließ – erinnerte sie mich doch schwer an diverse schöne Urlaub in Norddeutschland.

Als wir ausstiegen, stiegt mir der Duft von Kuhdung in die Nase…

Vielseitig, diese Großstadt!

In der Einfahrt des Nachbargrundstücks stand ein Auto. Während Andreas versuchte, Einblick ins Haus zu gewinnen, entdeckte Tobias in dem Auto Leute. Ein Mann kam um das Auto herum auf uns zu.

„Haben Sie hier was mitgekriegt?“ wollte Tobias wissen.

„Ja, also eigentlich wurde wohl die Polizei wegen uns gerufen?“

Hä?

Andreas gesellte sich zu uns.

„Na ja“, fuhr der Herr fort. „Sie (er zeigte auf eine junge Frau, die auf dem Beifahrersitz eines Wagens saß) hat Drogen genommen, ist ein bisschen durchgedreht und dann bin ich mit ihr hierhergefahren, damit sie runterkommt.“

Aha?

Er war aber noch nicht fertig.

„Dann hat sie geschrien, und deswegen haben wohl einige Passanten die Polizei gerufen.“

Natürlich führten meine beiden Herren eine Personenkontrolle durch. Resultat: Der junge Mann war der Polizei bekannt – u.a. auch wegen Vergewaltigung. Natürlich gingen bei meinen Begleitern sämtliche roten Lampen an, auch wenn sie nach außen hin unbewegt blieben.

Andreas bestand darauf, mit der Frau zu sprechen, während Tobias mit dem Mann allein blieb.

Sie versicherte mehrfach (und nicht nur aus meiner Sicht glaubwürdig), ihr ginge es gut.

Entsprechend war für die Polizei nichts zu tun, der Einbruch war keiner gewesen und es gab, trotz der Vorgeschichte des Mannes, keinerlei Anzeichen für eine Straftat.

Ein Einsatz, der ganz anders war, als noch bei der Anfahrt gedacht.

„Sowas gibt es oft“, stellte Tobias fest.

 

Wir bestreiften Huchting, einen Stadtteil von Bremen, der einige Straßenzüge hat, die durchaus polizeilicher Aufmerksamkeit bedürfen. Es ist keine NoGo-Area, aber es soll auch keine werden.

 

Dem Streifenwagen kam ein Fahrradfahrer ohne Licht entgegen. Selbstverständlich qualifizierte sich der Mann für eine Kontrolle. Er sprach kein Deutsch, dafür kam nach und nach seine ganze Familie angerückt. Letztlich gingen aber alle ihrer Wege, nachdem ihm eindringlich klar gemacht wurde, dass er für Licht an seinem Fahrrad zu sorgen habe.

 

Ein Auto fuhr sehr schnittig an uns vorbei, also wurde auch hier eine Kontrolle durchgeführt. Die ergab nichts, außer der Erkenntnis, dass Shisha-Tabak sehr stark und gar nicht mal schlecht riecht. Damit war nämlich der Kofferraum voll bis zum Rand.

 

Wir passierten eine Shisha-Bar, vor der ein Auto mitten auf dem Gehweg parkte. Andreas, der den Streifenwagen fuhr, gab dem Halter eine faire Chance, aus der Bar zu kommen und seinen Wagen auf einen ordentlichen Parkplatz zu fahren. Der ließ diese Chance jedoch verstreichen, also wird er in den folgenden Tagen wohl Post bekommen haben.

 

Zwei junge Herren machten sich auf verdächtige Art in einer dunklen Ecke an einem Auto zu schaffen. Alles ok, einer davon war der Fahrzeughalter.

 

Wo wir schon mal in der Ecke waren, haben wir auch kurz geschaut, ob der Wagen eines Halters mit Fahrverbot bewegt worden war. War er nicht!

 

Im Funk hörten wir mit, wie in einem anderen Teil von Bremen fünf Streifen zu einem Einsatz flogen, weil Rettungssanitäter angegriffen wurden. Kranke Welt!

 

Nächster Einsatz.

Verdächtige Vorkommnisse in einem Einfamilienhaus, dessen Eigentümer in Urlaub waren.

Wir wurden vor Ort von der Anruferin erwartet.

„Im Haus brennt Licht. Das war aber vorher nicht an.“

Nun war die Frage aller Fragen:

Einbrecher oder Zeitschaltuhr?

Die Dame hatte auch schon den Bruder der in Urlaub befindlichen Frau angerufen, der einen Schlüssel hatte. Er schloss auf, die Polizei betrat das Haus. Meine beiden Begleiter checkten überall, ob sich niemand im Haus aufhielt und ob alle Fenster und Türen unversehrt waren. Auch durch den Garten drehten sie eine Runde.

Letztlich stellte sich heraus: die Eigentümer hatten tatsächlich Zeitschaltuhren installiert.

Der Bruder schaltete sie alle ab.

„Wenn das so schnell bemerkt wird, wenn Licht an ist, dann wird das Haus ja gut bewacht.“

Die aufmerksame Nachbarin entschuldigte sich bei meinen beiden Herren.

„Nicht doch. Wir kommen gerne.“

Deswegen finde ich euch auch so klasse.

 

Zu diesem Zeitpunkt endete Andreas Arbeitszeit und die beiden fuhren wieder zur Dienststelle.

Peter übernahm das Fahren des Streifenwagens und es ging direkt raus zu einer Ruhestörung.

Tatsächlich hörten wir in der Nähe des Wohnhauses des Anrufers eine öffentliche Party – diese war aber durchaus gemäßigt in der Lautstärke. Im Gegensatz dazu tobte allerdings genau im Nachbarhaus eine viel lautere Unterhaltung. Die hatte den Anrufer aber offensichtlich nicht weiter gestört.

Auch seine eigene Klingel störte ihn nicht weiter, nachdem Peter und Tobias drei Mal geklingelt hatten, rückten wir wieder ab. Offensichtlich lag der Mann schon in tiefstem Schlummer… dachten wir.

 

Nächster Einsatz:

Eine verwirrte alte Dame mit einer Katze randaliert an einer Tür.

Schon auf der Anfahrt mutmaßte Tobias, um wen es sich handeln könne – und richtig!

Die Dame hatte allein er schon sechs Mal in diesem Jahr nach Hause gebracht. Sie ist hochgradig dement und lebt mit ihrem Mann zusammen. Der, schon an die 90 Jahre alt, hat nicht mehr die notwendigen Kräfte, um alles, was damit zusammenhängt, zu bewältigen.

Tobias wusste, wo die Dame wohnt. Peter brachte sie sehr liebenswürdig dazu, zu uns ins Auto zu steigen (ich durfte wieder auf den Beifahrersitz umziehen). Dafür nahm er sich sehr viel Zeit und Ruhe – was ich wirklich toll fand. Ich gebe zu, dass ich ein bisschen eine Schwäche habe, wenn es um demente Menschen geht. Mir ist diese Krankheit ausgesprochen unheimlich, vermutlich weil ich selbst sehr rational bin und viel über den Kopf löse. Es macht mich immer ein bisschen fassungslos, wenn Menschen über Vernunft und Logik nicht zu erreichen sind – auch, wenn sie gar nichts dafür können. Deswegen bewunderte ich Peter gerade uneingeschränkt.

In jedem Fall wird Peter einen Bericht an das Amt für Soziale Dienste der Stadt Bremen verfassen, damit dem Ehepaar geholfen werden kann. Der nächste Ausflug ist vorprogrammiert und wenn erst die kalte Jahreszeit kommt, kann das schlimm enden.

 

 

 

Kaum war dieser Einsatz beendet, erfuhren wir, dass der Anrufer wegen der Ruhestörung tatsächlich noch einmal die Polizei angerufen hatte. Wir mussten aber nicht noch einmal hinfahren – es reicht aus, einmal nicht hineingelassen zu werden.

 

Wieder eine Ruhestörung.

Und wieder einmal kam es mir gar nicht so laut vor, was da aus der Kneipe schallte.

„Machen Sie einfach die Tür zu, dann werden wir auch nicht mehr angerufen!“

Stimmt! Wurden wir auch nicht mehr.

 

Ein Auto mit schwedischem Kennzeichen kreuzte unseren Weg. An einem der Nummernschilder fehlte eine Plakette. Verkehrskontrolle. Alles in Ordnung.

 

Anschließend ging es in die Dienststelle, weil Peter und Tobias nun einiges an Berichten angehäuft hatten. Zumindest war das der Plan, der aber unterbrochen wurde durch einen Notruf.

Der Anrufer hatte einen lauten Knall gehört, was i.d.R. bedeutet, dass ein Zigarettenautomat aufgesprengt wurde.

Wir fuhren in die angegebene Straße.

Ein Zigarettenautomat.

Intakt!

Hm…

Keine hundert Meter weiter noch ein Zigarettenautomat.

Ebenfalls intakt.

„War am Ende doch ein Fehlalarm?“

Noch einmal 100 Meter weiter…

Oha…

Wir fanden Einzelteile des Automaten noch auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein ganz schön hohes Risiko für die paar Kröten, die man heutzutage in diesen Automaten findet. Zudem roch es dermaßen nach Schwarzpulver, dass nach meinem Dafürhalten diese Zigaretten im Anschluss arg gesundheitsschädlich gewesen sein dürften. Ok, sind sie sowieso… trotzdem…

 

Letztlich galt es, Beweise zu sichern. Peter machte Fotos.

 

Dann überlegten meine Herren, wie sie dieses Gerät in die Dienststelle bringen. Dazu muss es erst einmal von seinem Sockel gelöst werden. Das ist nicht allzu einfach, sonst bräuchte man die Teile ja auch nicht mühevoll zu sprengen…

 

Kurz: die Feuerwehr musste kommen.

In der Wartezeit drehten Peter und ich ein paar Runden durch die Umgebung – in der Hoffnung, ein paar Spuren der Automatenaufbrecher zu finden – vergeblich.

 

Die Feuerwehr arbeitete fast eine halbe Stunde daran, diesen Automaten von seiner Halterung zu lösen.

Zum Transport wurde ein Bulli von der Dienststelle geholt. Ich kriegte bei seinem Anblick feuchte Augen – erinnerte mich sehr an meine Jugend…

Netterweise halfen die Feuerwehrleute dann noch, den Automaten in den Bulli zu verladen. Sie fuhren sogar mit zur Dienststelle, um beim Entladen zu helfen. Sehr nett! Ich weiß schon, warum ich bekennender Blaulichtfan bin.

 

Nun ging es für Peter und Tobias aber wirklich an ihre Berichte. Ich amüsierte mich in der Zwischenzeit damit, einen Bücherschrank zu durchforsten, in dem einige Bücher zu verschiedenen polizeirelevanten Themen standen. Polizeirecht, Einsatzlehre, Eigensicherung, Gesetzeskommentare… überall standen Namen drin. Offensichtlich private (Leih-)gaben von Polizeibeamten, die hier arbeiten. Übrigens alle ziemlich aktuell und mit deutlichen Gebrauchsspuren versehen. Besonders in Erinnerung ist mir ein Buch geblieben mit dem klangvollen Titel „Reducing ethnic profiling in the European Union – a handbook of good practices“. Ich habe kurz hineingelesen. Nun kann man über Racial Profiling trefflich diskutieren und unterschiedlicher Ansicht sein – das ist in einer pluralistischen Gesellschaft auch gut so! Fakt ist aber doch, dass ein derartiges Buch, dass die These vertritt, dass Racial Profiling in der Polizeiarbeit eher hinderlich sei und wie man es vermeiden könne, in einer Sammlung von privaten Büchern von Polizisten in einer deutschen Polizeidienststelle eine ziemlich klare Antwort auf eine ganze Latte von Unterstellungen gibt, die regelmäßig auf unsere Polizei abgeschossen werden.

 

Damit verging auch der kurze Rest der Nacht sehr schnell und schon war es Zeit für das Abschiedsfoto vorm Dienststellenschild – wie üblich nach der Nachtschicht mit der Gefahr, nicht wirklich wach rüberzukommen (irgendwo zwischen grenzdebil und auf Droge…).

 

Danke an die Polizei Bremen für die nette Aufnahme und die spannenden Einblicke. Immer wieder gerne! Und da meinen Herren immer noch nicht genug los war – ich komm wieder. Ich mach das so lange, bis es passt… ;-)

 

 

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