Wann, wenn nicht jetzt?

Eine Frau ist mit ihren Kindern allein zuhause. Das Wetter ist nicht so sonnig wie die Tage davor. Es ist 20 Uhr.

Vielleicht sind die Kinder noch so klein, dass sie gerade ins Bett gebracht werden. Vielleicht sind sie schon in dem Alter, in dem sie sich überlegen, ob sie noch einmal ausgehen.

Plötzlich marschieren 60 Vermummte vor dem Haus auf. Sie sind laut. Sie bringen Plakate mit politischen Botschaften an.

Jäh ist die friedliche Stimmung für die Familie dahin. Eingeschüchtert sind sie. An Schlaf oder Ausgehen ist nicht mehr zu denken. Was mögen diese Menschen fühlen, allein in diesem Haus. Mit Sicherheit fühlen sie sich entsetzlich schutzlos.

Wer würde sich da nicht fürchten, allein schon vor der schieren Überzahl? Dass diese Menschen ihr Gesicht nicht zeigen, verschärft die Furcht mit Sicherheit noch.

Die Polizei schreitet ein. Medien sprechen von einem „Großeinsatz“. Das ist auch das Mindeste, was ich bei solch einer Aktion erwarten würde.

Die Familie, die diese Erfahrung machen musste, ist die Familie eines niedersächsischen Polizisten. Übrigens ein Staatsschutzbeamter.

 

Die Polizeigewerkschaften melden sich zu Wort, verurteilen diesen Vorfall. Natürlich auch polizeifreundliche Initiativen wie „Solidarität mit den Beamten der Davidwache“ und „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, also wir. Wir mit einer Stunde Verspätung, weil ich das erstmal für mich verdauen musste. Durch den Verein entstanden Freundschaften zu Polizistinnen und Polizisten. Ich kenne teilweise ihre Familien und ich weiß, wie sie zu ihren Familien stehen. Würde der Familie eines mir bekannten Polizisten so etwas zustoßen, würde es mir das Herz brechen. Da ich von emotionalisierten Schnellschuss-Statements immer weniger halte, je älter ich werde, habe ich mir erstmal eine Weile genommen.

 

24 Stunden später meldet sich der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius als Dienstherr des betroffenen Polizeibeamten zu Wort. „Wenn der Name und die Adresse dieses Beamten aus Hitzacker auf einschlägigen Seiten der linksautonomen Szene veröffentlicht werden und er dann zuhause mit seiner Familie Opfer einer solchen Bedrohungslage wird, können wir das nicht hinnehmen und müssen reagieren.“

 

48 Stunden später äußert sich Lorenz Caffier, der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, in einer Pressemitteilung. „Linke Gewalt darf nicht mehr verharmlost und von Teilen des politischen Spektrums in Deutschland insgeheim noch entschuldigt werden, sonst werden solche Auswüchse eines Tages zur Gefahr für das staatliche Gewaltmonopol.“

 

Ansonsten – nichts!

 

I am not amused.

 

Wir leben in einer Zeit, in der Polizisten gekennzeichnet werden sollen, und teilweise schon sind, damit sich das polizeiliche Gegenüber gegen „Polizeigewalt“ wehren kann. Jeder Fall von gefühlter oder tatsächlicher übertriebener Gewaltanwendung durch Polizeibeamte wirbelt medialen und politischen Staub auf in der Größenordnung der Wolke über dem Pinatubo unmittelbar nach seinem Ausbruch. Die laut PKS 2017 im Schnitt 204 gewalttätigen Übergriffe auf Polizeibeamte am Tag hingegen sind eine Meldung unter „ferner liefen“. Die Einführung der Body-Cam, die ja nun sehr hilfreich ist bei der Beurteilung, wer denn bei einer Eskalation angefangen hat, brachte eine Menge Datenschützer auf die Palme und sie ist immer noch nicht in jedem Bundesland vorhanden.

Es wird alles dafür getan, uns Bürger vor unseren Polizeibeamten zu schützen – und umgekehrt?

 

Diese Bürger in Uniform halten für uns den Kopf hin, ihr Dienst an uns als Gesellschaft sorgt dafür, dass sich das Recht des Stärkeren nicht gesamtgesellschaftlich durchsetzt. Sie gehen jeden verdammten Tag raus auf die Straße, lassen sich bepöbeln, beschimpfen, anspucken und angreifen, um da aufzuräumen, wo elterliche Erziehung gepaart mit einem zu Tode gesparten Bildungssystem und einer zu Tode gesparten Justiz versagen. Nicht, dass die Polizei nicht zu Tode gespart worden wäre…

Die meisten Polizistinnen und Polizisten, die ich kennenlernen und bei ihren Schichten begleiten durfte, tun das nach wie vor hochmotiviert und gerne. Sie tun das für eine Besoldung, die im Vergleich zu dem Geld, das man anderswo bekommen würde, nicht gerade überzeugend ist.

Es gibt ein Schema zur Messung der Bezahlungsgerechtigkeit, das Genfer Schema. Die vier Kategorien, nach denen gemessen wird, lauten

  • geistige Anforderungen (Fachkenntnisse, Nachdenken)
  • körperliche Anforderungen (Geschick, Muskelbelastung, Nerven- und Sinnesbelastung)
  • Verantwortung (beispielsweise für Betriebsmittel, Sicherheit und Gesundheit anderer)
  • Arbeitsbedingungen (Temperaturen, Nässe, Schmutz, etc.).

Je stärker eine Anforderung / Belastung ist, desto besser sollte die Tätigkeit bezahlt werden. Da fängt man schon an, sich Fragen zu stellen, wieso ein Polizist deutlich weniger verdient als ein Vorstandsmitglied eines deutschen Großunternehmens. Doch zurück zum aktuellen Vorfall in Niedersachsen.

 

Das Schweigen im Walde von unseren Regierenden wurde nämlich sehr schön ausgeglichen durch eine Verlautbarung der Initiative, die hinter dem Aufmarsch vor dem Haus des Polizisten steht. In einer geradezu halsbrecherischen Täter-Opfer-Umkehr teilen sie mit, dass es sich eigentlich nur um ein harmloses „Straßenkonzert“ vor dem Haus eines „übermotivierten Staatsschutzbeamten“ gehandelt habe, in dessen Nachgang man Opfer von „Polizeigewalt“ geworden sei.

Ja, nee, ist klar!

 

Und auch dazu hat niemand etwas zu sagen, der in diesem Land etwas zu sagen hat? Wie sich da Leute anmaßen, angebliches polizeiliches Fehlverhalten mal so ganz nebenbei in Eigenregie zu ahnden??? Und ich dachte bislang immer, man schreibt, wenn man an einer polizeilichen Maßnahme etwas zu meckern hat, eine Dienstaufsichtsbeschwerde oder erstattet bei Strafbarkeit Anzeige bei einer Staatsanwaltschaft. Ich hatte ja keine Ahnung, dass das offensichtlich vollkommen veraltete Vorstellungen sind, denen ich da aufsitze…

 

Auf Facebook entblödete sich bereits gestern Abend ein mittlerweile von mir blockierter, weil keiner sachlichen Auseinandersetzung fähiger, Nutzer nicht, zu schreiben, er verstünde das Problem nicht, wenn ein „Nazibulle“, wofür die „Ostgebiete“ Deutschlands ja bekannt seien, mal ein bisschen Gegenwind bekäme.

Ach so. Ja, dann. Ich meine, gut, Niedersachsen gehörte schon immer zu Westdeutschland, aber wen interessiert das schon, wenn man begründen möchte, warum die Angehörigen eines Polizisten verdienen, was sie bekommen haben? Da wird dann eben mal ein bisschen die Geschichte geklittert und gen neue Bundesländer herumverallgemeinert. Vermutlich sind es auch diese mangelnden Geschichtskenntnisse, die verantwortlich dafür sind, dass ich durch diesen Vorfall von dem ernstlichen Gedanken geheilt wurde, in dieser Republik hätte seit 1945 die Praxis, Angehörige für unliebsame Taten eines Familienmitgliedes leiden zu lassen, keinen Platz mehr. So kann man sich irren.

 

Solche obskuren Gedanken einer totalen Fehlinterpretation einer demokratisch legitimierten und rechtsstaatlich verfassten Polizei wird es immer geben, sobald diese es wagt, die eigenen Kreise zu stören und Grenzen zu setzen. Die Dreistigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der diese Ideen mittlerweile geäußert werden, hat aber sehr viel damit zu tun, dass kaum jemand widerspricht.

 

Ich erwarte von meinen Regierenden bis hin zur Bundeskanzlerin und zum Bundespräsidenten klare Worte des Rückhalts. An diesen Polizeibeamten, an seine Familie und an alle anderen Polizistinnen und Polizisten dieser Republik ebenfalls. Und auch andere Innenminister und –senatoren dürfen ihren beiden Kollegen aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern gern unterstützen. Ziemlich zügig, bevor noch mehr Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird und irgendwann die halbe Republik ernsthaft glaubt, der Mann habe es irgendwie schon verdient. In völliger Verkennung der Tatsache, dass dieser Polizist nach allem, was wir wissen, einfach seine Arbeit getan hat und dass es hier Angehörige des Mannes getroffen hat.

 

Wann, wenn nicht jetzt, sollen solche Worte denn mal kommen?

 

Meinen Rückhalt habt Ihr jedenfalls, liebe Polizisten und Polizisten, und den eines kleinen Vereins von Bürgern für Polizeibeamte. Auch, wenn Ihr Euch davon leider aktuell nichts kaufen könnt…

 

 

3 Comments

  • Wilson
    21. Mai 2018 - 16:36 | Permalink

    Sehr gut geschrieben. Dem ist nichts hinzuzufügen.

  • friederike
    22. Mai 2018 - 10:33 | Permalink

    Ich kann nur noch mein Entsetzen äußern. Aber leider ist mein Verdacht nicht unbegründet, dass die linke gewalttätige Szene immer verharmlost wurde, als wäre deren Gewalt die moralisch akzeptablere. Daher frage ich auch nach dem Aufschrei aus den Medien, vor allem mal von denen mit der linken Schlagseite.

  • Friederike
    22. Mai 2018 - 10:37 | Permalink

    Ja, ein Aufschrei ist fällig, uns zwar vor allem mal von den linksorientierten Medien. Gewalt, weder von rechts noch von links ist akzeptabel. Und dieser Art von Bedrohung mit Sippenhaftung ist nur noch pervers.

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