Unbekannte Türen – Nachtschicht in Ludwigshafen

„In meinem Beruf schaut man hinter Türen, von denen die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass es sie gibt“, sagte vor einigen Monaten ein ehemaliger Polizist zu mir.

An ihn muss ich sehr oft denken, bei meinen Schichtbegleitungen. Bei einer Schichtbegleitung in Ludwigshafen im letzten Januar kam er aus meinen Gedanken gar nicht mehr raus.

 

Dabei begann es eigentlich sehr lustig. Im Regelfall frage ich nämlich die Damen und Herren, deren Achslastbeschwerer ich für die Nacht sein darf, sofort, wie ich sie in meinem Artikel dazu nennen soll. Die Betroffenen sollen sich ja damit wohl fühlen, bisher entschieden sich die Beteiligten entweder für ihre Klarnamen, ihre Spitznamen oder eben Initialen. „Mein“ erstes Streifenteam , Timo und Tom, platzte auf meine Frage dazu heraus: „Supercop 1 und Supercop 2.“

Danach arbeiteten wir eine Menge Einsätze ab – also um genau zu sein, arbeiteten die anderen, ich schaue ja nur zu – um zuguterletzt einen traurigen Höhepunkt zu erleben.

 

Springen wir also direkt zum letzten Einsatz der Nacht, als wir (Supercop 1 und 2 und ich) gegen vier Uhr morgens zu einem Krankenhaus gerufen wurden. Die drei „Damen“, die die Polizei alarmiert hatten, wollten ihren Großvater in ein anderes Krankenhaus verlegen lassen. Sie warfen dem behandelnden Arzt vor, den alten Herrn nicht richtig zu behandeln und hatten auch schon in einem anderen Krankenhaus ein Bett für ihn gebucht. Einziges Problem: Der Arzt im Ludwigshafener Krankenhaus wollte den Großvater nicht in das andere Krankenhaus lassen.

Das hörte sich insgesamt gruselig an. Allerdings fragte ich mich, wie die Polizei das lösen sollte. Ich denke, man merkt, dass ich unsere Polizistinnen und Polizisten ganz überwiegend für sehr kompetent halte. Aber um solche Dinge beurteilen zu können, braucht man nun mal eine medizinische Ausbildung.

„Wir gehen mal rein und reden mit dem Arzt.“

Gute Idee!

Ich folgte meinen beiden Herren ins Krankenhaus.

 

„Gut, dass sie da sind.“

Der Arzt, der uns entgegen kam, wirkte auf mich nach diesen Worten nun nicht gerade wie jemand, der sich einer Freiheitsberaubung schuldig macht.

Hmmm…

Seine Version der Geschichte war eine ganz andere: Die drei jungen Damen hatten im Foyer des Krankenhauses herumrandaliert, weil sie nicht akzeptieren wollten, dass der Mann im Sterben läge.
„Ich kann den Herrn nicht verlegen. Das wäre in seinem jetzigen Zustand nicht menschenwürdig. Jetzt kann man ihn nur noch in Würde gehen lassen.“

Darüber hinaus bat er meine Begleiter, den jungen Frauen einen Platzverweis zu erteilen.
„Ich habe nicht von mir aus die Polizei gerufen, weil ich irgendwo verstehen kann, dass die an ihrem Opa hängen. Aber wo Sie schon mal da sind…“

Nachvollziehbar. Herumrandalieren in einem Krankenhaus geht gar nicht! Der Mann hat Verantwortung für kranke und sterbende Menschen.

Also ging mein Streifenteam wieder nach draußen, um den drei jungen Frauen den Platzverweis zu erteilen.

 

Erwartungsgemäß gestaltete dies sich nicht einfach und auch nicht ohne jede Menge Schreierei. Die Drei waren auch nicht in der Lage zu verstehen, dass die beiden Beamten keine Gesundheitsgutachten erstellen können und dass der Arzt Hausrecht hat und sie dieses im Zweifel durchsetzen müssen.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch durchaus in der Lage, die emotionale Situation der drei jungen Frauen nachzuvollziehen. Der Tod ist auch nicht gerade mein bester Freund, allerdings gehört er nun mal zum Leben dazu. Wir müssen mit ihm leben, ob wir das wollen oder nicht. Ich spare meine Kräfte lieber auf, um mich gegen Dinge zu stemmen, die ich tatsächlich verändern kann.

Selbstverständlich reichte mein Verständnis nicht so weit, dass ich Randale in einem Hospital entschuldigen würde, aber wären sie jetzt einfach gegangen, wären sie mir trotz dieser Entgleisung nicht unsympathisch gewesen.

Das änderte sich schlagartig, als zwei der jungen Frauen das Krankenhausgelände verließen, die Dritte sich aber beharrlich weigerte. Also berührte einer meiner Herren sie an der Schulter, um sie zum Gehen zu bewegen.

 

Im Internet kursiert ein Video aus Frankreich. Ein Polizist drückt einen Luftballon weg, den eine Demonstrantin ihm einige Male auf den Helm klopft. Unglückerweise platzt der Ballon. Die Frau bricht laut kreischend zusammen. Das Video kursiert ernstlich unter dem Titel „Polizeigewalt“.

 

So ähnlich muss man sich vorstellen, was sich vor meinen Augen abspielte. Ich zog schon mein Handy aus der Tasche und überlegte ernstlich, die Situation mitzufilmen, um im Zweifel für meinen Begleiter aussagen zu können.

„Sie haben mich angefasst. Sie dürfen mich nicht anfassen.“

Und ob er das durfte.

 

Bevor er nun endgültig die „Dame“ vom Krankenhausgelände begleitete, kamen drei weitere Verwandte des Mannes vor das Eingangsportal. Offensichtlich hatte man das Theater bis ins Sterbezimmer vernommen.

Sie bestätigten, dass der alte Herr im Sterben läge und im Kreise seiner Familie sei. Es könne nicht die Rede davon sein, dass er dort festgehalten würde.

Eine der Frauen entschuldigte sich bei den Polizisten für den Auftritt der jungen Frauen.

Immerhin!

Symbolfoto: andere Einsatzörtlichkeit

Nur wenige Tage nach dieser Nachtschicht starb ein Freund von mir. Ich bin sehr froh, dass man ihn in Ruhe gehen ließ und nicht so ein Affentheater veranstaltet wurde.

 

 

Eine Tür zu einem weiteren menschlichen Abgrund öffnete sich nur halb. Eine junge Frau, schwer betrunken, hatte ihrer Schwester ihren Suizid angekündigt. Diese hatte, richtigerweise, die 112 betätigt. Ein Rettungswagen war vor Ort – nur wollte die Frau sich nicht retten lassen. Offensichtlich wurden die Rettungssanitäter in der Wohnung im zweiten Stock übel beschimpft, anstatt dass die „Dame“ in den Rettungswagen stieg.

Diese konnten sie aber auch nicht ihrem Schicksal überlassen, denn nach einer solchen Ankündigung muss eine Einweisung erfolgen. Entsprechend wurde die Polizei hinzugerufen.

Ich ahnte Schlimmes, doch es kam alles ganz anders.

„Du bist süß!“ flötete die Suizidentin im Angesicht eines meiner beiden Begleiter. Und sprang anstandslos aus dem Bett, um in den Rettungswagen zu steigen.

Ich gebe zu, dass es mich rührte, als sie auf der Treppe nach unten meine Hand nahm.

Darf ich das überhaupt?

Ich entschied, dass mir das an dieser Stelle einfach mal egal war. Sie wollte es so und wenn es „meinen“ Blaulichtern den Einsatz einfacher gemacht hat, dann ist das doch meine leichteste Übung.

Ich hoffe, sie hat sich das mit dem Suizid noch mal anders überlegt. Und lässt die Finger vom Alkohol.

 

 

„Fahrt mal zu einer Ruhestörung in die X-Straße.“

Ja, es war eine Ruhestörung. Aber in einer Wohnung, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht gesehen hat. Äußerst spärlich möbliert, ein extrem verdreckter Teppich, eine Luft zum Schneiden – und ein Kühlschrank, der zu meiner persönlichen Erbauung mit Nettigkeiten wie „ACAB“ und „FUCK COPS“ beschmiert war. Dafür muss man ein ganz schönes Sendungsbewusstsein haben – ich bemühe mich ja immer, dass meine Pro-Polizei-Devotionalien auf mein Arbeitszimmer beschränkt bleiben. Selbstverständlich durften auch harter Alkohol und Kippen nicht fehlen.

In der Wohnung gleich zwei Minderjährige.

Einer wurde vor Ort abgeholt, den anderen fuhren wir nach Hause.

 

 

„Nachbarschaftsstreitigkeiten.“

Eine Dame, die ich übrigens schon von einer anderen Schichtbegleitung kannte, hatte sich mit ihrem Nachbarn gegenüber angelegt. Auch diese Situation kannte ich aus der anderen Schichtbegleitung. Der Grund war allerdings neu:

„Der Hund stinkt!“

Über manche Gründe dafür, die Polizei zu rufen, kann man sich wirklich nur wundern.

 

 

Bliebe noch der junge Mann zu erwähnen, der mit einigen Freunden am Rheinufer einer Personenkontrolle unterzogen wurde. Der uns in ziemlich überheblichen Tonfall erzählte, dass er Alkohol nicht anrühren würde. Das sei nicht anständig.

Er war übrigens der einzige aus der ganzen Gruppe, gegen den schon polizeiliche Erkenntnisse vorlagen. Straftaten scheinen also eher weniger mit seiner Vorstellung von Anstand zu kollidieren.

 

 

Im Laufe der Nacht gab es noch weitere Personenkontrollen: Eine vor einer Berufsschule, weil es dort mehrfach zu Sachbeschädigungen gekommen war, eine vor einer Kirche aus demselben Grund.

 

Danke an Timo, Tom, Jens und Sabrina. Es war mal wieder eine spannende und erkenntnisreiche Nacht für mich. Ihr seid klasse!

 

Ich komme immer wieder sehr gern nach Ludwigshafen 1.

 

 

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