Warum greift die Polizei hier nicht mal ordentlich durch?

Der Polizist neben mir und ich tauschten einen Blick. Innerlich atmete ich einige Male tief durch. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Ehrlichkeit mit schlechtem Betragen verwechseln. Wenn ich meine Meinung nicht sagen kann, ohne anderen gleich verbal an die Wäsche zu gehen, dann schweige ich lieber.

Ich pumpte aktuell nicht wenig Adrenalin. Ich hatte keinerlei Ahnung, wie die Sachlage, die eine Dame gerade auf diese „nette“ Weise beurteilte, ausgehen würde. Genau deswegen war mir reichlich unwohl. Angst ist kein gute Grundlage für rationale Erklärungen. Deswegen war ich froh, dass der junge Mann neben mir das Wort ergriff und die Dame aufklärte, die uns diese „nette“ Frage um die Ohren geschlagen hatte.

 

*

 

„Nimm alles mit, wir räumen den Wagen schon mal aus“, hatte Maurice zu mir gesagt. Ich hielt mich gerade im Wachraum der Polizeiinspektion Mainz 1 auf und überlegte, ob ich leichtsinnigerweise doch mal wieder einen vorzeitigen Abgang einleiten sollte. Immerhin hatte ich noch fast zwei Stunden Fahrt vor und noch mehr „Solidarisches Frieren mit unserer Polizei“ (Verkehrskontrolle mit Maurice, Jonas und vier Bereitschaftspolizisten an einem kalten Dezemberabend) hinter mir. Ich taute nur langsam auf und es war schon recht spät.

 

Auch vor dem Verharren an der Kontrollstelle war die Spätschichtbegleitung vergleichsweise ruhig gewesen. Nach einer Unfallaufnahme passierten wir auf dem Rückweg in die Dienststelle einen Bus, dessen Fahrer meinte, den Berufsverkehr an einem Freitagnachmittag blockieren zu müssen. Seine Begründung: Es habe beinahe einen Unfall gegeben. Die Polizei sollte den Beinaheunfallverursacher nun die Konsequenzen seines Handelns spüren lassen.

Aha?

Wir erinnern uns – es hatte keinen Unfall gegeben. Vor dem Hintergrund war seine Blockadeaktion natürlich eine Überreaktion. Zwar passt er damit gut in den Zeitgeist, gefährdete aber wiederum andere Verkehrsteilnehmer. Er kassierte einen Platzverweis und war sichtlich überrascht, dass nicht immer nur die anderen Leute Fehler machen.

 

Würden auch die letzten Minuten der Schicht so bleiben, wäre es kein Verlust, verschwände ich zeitnah… allerdings hatte ich derartige Entscheidungen schon bereut. Und beendet ist eine Schicht grundsätzlich erst dann, wenn der Dienstgruppenleiter „Schichtende“ ausruft…

 

„Da wollen welche eine Gaststätte nicht verlassen.“

 

Im Laufen zum Streifenwagen ringelte ich mich wieder in die Schussweste.

Wir fuhren mit vier oder fünf Streifenwagen vor der fraglichen Gaststätte vor. Übrigens ein sehr gutes Etablissement, in dem ich als Studentin bereits mehr als einmal verkehrte und auch jederzeit wieder einkehren würde.

 

Der Innenraum war gerammelt voll. Sogar die Terrasse war bis zum letzten Platz besetzt. Zur Erinnerung, es war Anfang Dezember. Vorm Eingang knubbelten sich weitere Gäste – die an einem Türsteher abprallten.

Hätte ich dafür Zeit gehabt, hätte ich mich gefreut, dass eine von mir sehr geschätzte Gaststätte mittlerweile derart gut läuft. Hatte ich aber nicht.

„Ein Junggesellenabschied“, informierte der Türsteher meine Begleiter. „Haben sich dann daneben benommen und wollen jetzt nicht mehr gehen.“

Meine Begleiter drängelten sich in den Innenraum. Schlagartig stiegen Erinnerungen an einen Einsatz in einer Kneipe in Ludwigshafen in mir auf – bei dem zum schlechten Schluss ein Zechpreller zu Boden hatte gebracht werden müssen. Dafür wäre hier kein Platz. Zumindest würde ich in keinem Fall ausweichen können, sollte es so weit kommen.

Hier bin ich nur im Weg – und verstehen werde ich auch nichts…

Also bog ich vor der Tür ab und postierte ich mich auf der Terrasse – vor einem Fenster mit ungebremsten Blick auf den Tisch, an dem die besagten Herren saßen.

Entsprechend konnte ich nichts hören, aber sehen – Maurice schien die Verhandlungen zu führen. Zwei der Herren schienen die Wortführer der Junggesellenabschiedsfeier zu sein, sie wirkten aufgebracht. Einer der beiden sprang auf.

Oha…

Das sah für mich reichlich bedrohlich aus.

Was, wenn die Situation darin kippt?

Vor meinem inneren Auge sah schon ich eine Hundertschaft dieses Etablissement stürmen. Die darauf folgenden Schlagzeilen konnte ich mir ebenfalls lebhaft vorstellen.

Irgendwie bekam ich so langsam das Gefühl, dass, egal was meine Herren darin auch machen würden, es irgendwie falsch enden würde…

Zwar hörte ich nichts vom Gespräch drinnen – dafür umso mehr von den auf der Terrasse geäußerten Expertenmeinungen draußen.

„Die Bullen kriegen es mal wieder so gar nicht hin.“

Ach nein? Was genau weißt du denn, warum sie hier sind und was sie wollen?

Aber wen interessierte das schon? Wir leben schließlich in einer Zeit, in der es als absolut verzichtbar erachtet wird, sich zur Unterfütterung seiner Meinung erstmal mit Faktenwissen zu versorgen…

„Die sind so lächerlich.“

Ich schaltete wieder in den Ignoriermodus. Wenn man einem polizeifreundlichen Verein vorsitzt, kann man nicht jedem Kommentar auf einem derartigen Niveau Aufmerksamkeit schenken…

 

Maurice schaffte es, die Junggesellenrunde dazu zu überreden, Personalausweise auszuhändigen. Zwei der Polizisten kamen aus der Gaststätte. Einer ging zum Streifenwagen, um abzufragen, ob gegen einen der Herren der lustigen Runde etwas vorlag. Sein Kollege blieb bei mir vor der Gaststätte stehen. Ich weiß nicht, ob er hier nur auf seinen Kollegen wartete oder ob sein Job gewesen war, auf mich aufzupassen. Jedenfalls kam es so, dass wir nebeneinander standen, gemeinsam durch die Scheibe starrten und lauthals mit der Frage konfrontiert wurden, die die Überschrift dieses Erlebnisberichtes bildet.

 

„Warum greift die Polizei hier nicht mal ordentlich durch?“

 

Die Sprecherin ließ diese Frage hinter unserem Rücken erschallen. Wir drehten uns zeitgleich um. Eine Frau kam näher.

Nun ja, auf diese Frage würden mir eine ganze Latte Antworten einfallen.

Weil 10 Polizisten gegen 10 Junggesellen ein ziemlich ungünstiges Verhältnis ist.

Weil es zu Solidarisierungseffekten der Umstehenden kommen könnte und das Verhältnis dann noch schlechter wäre. Und ja, die Polizeibeamten waren bewaffnet. Aber kein Polizeigesetz Deutschlands gibt es her, in solch einer Umgebung eine Schusswaffe einsetzen – und das ist auch gut so.

Weil man folgerichtig im Falle eines Falles tatsächlich Verstärkung würde kommen lassen müssen – und weil vermutlich die Besitzer dieser Gaststätte kaum glücklich über das zweifellos folgende Rauschen im Blätterwald sein dürften.

Weil es jede Menge Leute treffen würde, die zum gegebenen Zeitpunkt einfach nur friedlich ihre Freizeit genossen. Selbst wenn sie teilweise ausgesprochen unintelligente Sprüche absonderten, so hatten sie dafür noch lange nicht verdient, unter Umständen auch einen Schlagstock abzubekomen. Zumindest nehme ich an, dass ein „robuster Schlagstockeinsatz“ gemeint ist, wenn Leute fordern, dass die Polizei „mal ordentlich durchgreifen soll“. Gut, ich hätte die Dame fragen können, was sie sich eigentlich genau darunter vorstellt.

 

Letztlich ist aber die genaue Definition von „mal ordentlich durchgreifen“ egal. Denn jeder, der eine solche Polizei fordert, muss sich darüber im Klaren sein, dass diese Polizei dann IMMER ordentlich durchgreift. Nicht nur bei den anderen.

Wir haben auf der Facebook-Seite unseres Vereins eine ganze Menge Leser, die sich für polizeifreundlich halten und bei jeder sich bietenden Gelegenheiten Waffeneinsatz aller Art fordern. „Die müssen einfach mal ordentlich durchgreifen.“

Gleichzeitig ist das Gros genau dieser Leser nicht in der Lage, sich an die einfachsten von uns Seitenadmins aufgestellten Regeln eines respektvollen Miteinanders zu halten. Wie können diese Leute so sicher sein, dass eine Polizei, die „mal ordentlich durchgreift“, dies nicht bei ihnen selbst tun würde?

Was auf die Situation in der Gaststätte übertragen geheißen hätte, dass meine Herren nicht nur die widerspenstigen Junggesellenverabschieder mit ihren Schlagstöcken quer durch den Raum geprügelt hätten, sondern dass auch der Polizist neben mir der Dame mal schnell für ihre unbotmäßige Hinterfragung des laufenden Einsatzes den Schlagstock in die Zähne geschlagen hätte.

Ja, sie hatte „nur mal eben“ gefragt. Aber die Herren in der Kneipe waren auch „nur mal eben“ laut geworden und wollten „nur mal eben“ in Ruhe weiterfeiern. Nicht vergleichbar?

Dann versuchen Sie doch mal, in Russland bei einem Polizeieinsatz der Polizei eine derartige Frage zu stellen. Die Begeisterung darüber, wenn ihnen ihr Job in einer derartigen Weise erklärt wird, dürfte sich da deutlich anders auswirken als hierzulande…

Um nicht missverstanden zu werden. Ich finde durchaus, dass hier auf einige Formen des Fehlverhaltens eine Konsequenz deutlich schneller und vielleicht auch in manchen Fällen härter erfolgen sollte. Das muss nicht unbedingt bei jedem Delikt eine knackige Gefängnisstrafe sein. Aber eine Geldbuße, wenn man Polizisten im Einsatz mit überflüssigen Fragen nervt, wäre aus meiner Sicht schon mal ein guter Anfang. Ich bin durchaus der Ansicht, dass die eine oder andere Strafe durchaus höher ausfallen dürfte und dass Judikative und Legislative da nacharbeiten sollten. Dennoch halte ich unreflektierte Forderungen nach einer Polizei, die hart durchgreift, vielfach für unausgegoren. Ich jedenfalls bin froh, dass unsere Polizei ist, wie sie ist – demokratisch legitimiert und rechtsstaatlich verfasst. Eine Polizei, die man hinterfragen darf.

 

Im Übrigen vergessen auch viele Leute, was es mit Menschen macht, die sehr oft zu ihren Waffen greifen (müssen). Ein Verrohungseffekt tritt ein, der auch die eigene Seele belasten kann. Die meisten Polizistinnen und Polizisten, mit denen ich ins Gespräch komme, haben ihren Beruf gewählt, um anderen Menschen zu helfen. Mir sagte einmal ein Polizist, der für eine gewisse Zeit mit einer ganzen Menge sehr grenzwertiger Menschen konfrontiert war: „Ich merke, dass ich im Umgang mit diesen Leuten selbst zum Arschloch werde. Ich will aber kein Arschloch werden.“

Darüber sollte der eine oder andere nachdenken, bevor er unreflektiert solche Forderungen in die Welt haut.

 

Um es kurz zu machen – mein Begleiter sagte der Dame, dass es derzeit keinen Anlass gäbe, etwas anderes zu tun als zu reden.

Gegen keinen der Herren lag etwas vor. Der Polizist, der die Abfragen gemacht hatte, verschwand mit den Ausweisen wieder im Lokal, Maurice redete weiter auf die Gruppe ein – und plötzlich standen sie auf und griffen nach ihren Jacken.

Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis die Herren Junggesellenverabschieder sich zur Tür geschafft hatten. Genug Weile, dass ein junger Mann den Polizisten, der schon der Dame ihre Frage beantwortet hatte, ansprechen konnte:
„Ich bin hier ganz hart am Wetten, dass ich auf ein Foto mit einem Polizisten komme.“

Übrigens eine Frage, die ich auch öfters stelle – aber nicht, wenn ganz klar ein Einsatz stattfindet.

Nun ja.

Der Polizist lehnte ab. Weil er gerade im Einsatz war und immer noch nicht klar war, ob die Truppe rund um den Junggesellen auf Abruf es wirklich problemlos aus der Gaststätte schaffen würde.

Und tatsächlich…

Zwar strömten sie alle auf die Straße, aber einer von ihnen schaukelte sich plötzlich hoch, dass er seinen Ausweis noch nicht wiederhätte. Er beschuldigte Maurice, seinen Ausweis einbehalten zu haben.

Die Situation wurde wieder kritisch.

„Ich habe Ihren Ausweis nicht.“

„Doch, natürlich. Und ich gehe hier nicht weg, bevor ich den nicht wiederhabe.“

Aggression lag in der Luft.

„Ich habe alle Ausweise Ihrem Kumpel gegeben, der X heißt.“

„Sie haben meinen Ausweis nicht irgendwem zu geben. Ich geh hier nicht weg, bevor ich meinen Ausweis nicht habe.“

Zu meiner Erleichterung trat X auf den Plan und reichte dem Herrn seinen Ausweis.

Der entschuldigte sich (!) und trollte sich.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Alkohol ist nicht wirklich hilfreich beim Verstehen von Situationen, die komplexer sind als das Anheben eines Bierglases…

 

Tatsächlich war dies nun der letzte Einsatz! Ich war sehr erleichtert, dass meine Herren es so lösen konnten.

Ich bewundere (mal wieder) die endlose Geduld, mit der sie die Sachlage gelöst haben. Aber sie haben sie gelöst. Mit den Mitteln, die sie hatten.

Ich fand sie jedenfalls mal wieder klasse, unsere Polizeibeamten. Danke dafür nach Mainz 1.

One comment

  • friederike
    30. April 2018 - 15:29 | Permalink

    Eine absolut hilfreiche Stellungnahme zu unqualifizierten Äußerungen! Hoffentlich wird sie von vielen gelesen und verstanden!

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