Stadt, Land, Polizei – wie die Polizei Berlin ein Gebäude umstellt

Wedding – sozusagen das Ludwigshafen von Berlin. Nur noch krasser – um es mal für den Rheinland-Pfälzer runterzubrechen. Die meisten meiner Leser wissen damit vermutlich, was ich meine…

Im Wedding tut Dirk Dienst. Dirk ist stellvertretender Vorsitzender von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. und Polizist. Mindestens einen Polizisten wollen wir im Vorstand, um das Ohr an der Zielgruppe unseres Vereins von Bürgern für Polizisten zu haben.

In einer Nacht Anfang Februar durfte ich im Abschnitt 35 im Wedding eine Nachtschicht begleiten. Dabei stellte ich einige Unterschiede fest. Keinen Unterschied gab es übrigens im herzlichen Empfang. Danke dafür! Ich war auch sehr gern bei Euch!

Daheim war gerade Karneval, was in Berlin nur in wenigen Subkulturen, mehr oder weniger unbemerkt, gefeiert wird.

Mein Streifenteam bestand natürlich aus Dirk sowie aus Rüdiger, beide um die 50.

Dirk, Rüdiger und ich

Überhaupt fiel mir auf, dass in der anwesenden Dienstgruppe mehr ältere Beamte waren als ich sie in Ludwigshafen, dem einzigen wenigstens im Ansatz vergleichbaren Dienstgebiet in Rheinland-Pfalz, zu sehen bekomme. In anderen Bundesländern ist es oft so, dass ältere Beamte sich aus dem Schichtdienst in den Stadtdienststellen wegbewerben und in eher ruhigeren Landdienststellen landen. Eine Vorgehensweise, die sich in Berlin eher schwierig gestalten dürfte…

Wer regelmäßig bei mir mitliest, weiß auch, dass „ruhigere Landdienststellen“ keine Wertung enthält. Meine Heimatdienststelle steht bei mir ganz hoch im Kurs, da ich weiß, was für eine fantastische Arbeit die leisten. Ich bin stolz auf „meine“ Landdienststellen in meinem Bundesland. (Ihr seid der Grund, warum ich nachts ruhig schlafen kann.)

 

Nun aber zum Geschehen im Funkwagen im Wedding.

Zuerst einmal fiel mir auf, dass der Funk zwar lebhaft war, aber gar nicht mal so viel lebhafter als in den rheinland-pfälzischen Städten. Das liegt wohl daran, dass in Rheinland-Pfalz immer die ganze Direktion im Funk zu hören ist.

Hier in Berlin waren drei Abschnitte zu einem Funkkreis zusammengeschaltet.

Dirk hatte noch ein zusätzliches Funkgerät dabei, das er auf den Funkkanal des Nachbarfunkkreises einstellte. Eine sehr vorausschauende Idee, denn plötzlich entschied er:

„Wir fahren da mal hin.“

Mit Blaulicht und Martinshorn ging es los zu einem Schnellrestaurant. Das Grundstück des Schnellrestaurants gehört zum Dienstgebiet des Abschnitts 35, die Straße davor zum Dienstgebiet im Nachbarfunkkreis. Entsprechend war der Notruf beim Nachbarabschnitt aufgelaufen.

 

„Wir dachten zuerst, die kämen von einer Karnevalsparty. Wegen der Masken. Bis die ihre Messer zogen“, gab eine junge Frau zu Protokoll. „Als ich das kapierte, schrie ich nur noch ‚Raus hier, raus hier!'“

„Ja, und ich verstand das erst gar nicht. ‚Ich will meinen Burger‘, hab ich gesagt“, ergänzte eine weitere Zeugin.

Beiden zitterte die Stimme. Verständlich.

Zwei Männer waren in den McDonalds bekommen, einer hatte offensichtlich den Rückzugsweg überwacht, der andere sofort den Kassierer bedroht. Auf der Kasse selbst war eine Kerbe zu sehen, wo der Täter mit dem Messer auf die Kasse eingestochen hatte, um seine Forderung zu verstärken.

„KASSE AUF!“

Nun war er an einen nigelnagelneuen Angestellten geraten, der nicht die leiseste Ahnung hatte, wie diese Kasse zu öffnen sei. Das versuchte er auch klarzumachen. Nun ist aber auch ein Mensch, der gerade einen bewaffneten Raubüberfall vornimmt, nicht schlecht unter Adrenalin – also voll auf Instinkten. Logisches Denkvermögen – Fehlanzeige!

„KASSE AUF!“

Ein weiterer Mitarbeiter stürzte mit einem Messer und einem Spachtel, mit dem man die Pattys (so heißen die Frikadellen, die in die Burger kommen) ablöst, aus dem Küchenbereich nach vorne und lief auf den Räuber an der Kasse zu.

Beide Täter ergriffen die Flucht durch zwei unterschiedliche Türen.

 

Als erstes löste Dirk die beiden Beamten des (im Gebäude unzuständigen) Nachbarabschnitts aus dem Einsatz, dann veranlasste er die Schließung des Restaurants.

„Im Bereich der Kasse nichts mehr anfassen“, hieß die Parole des Tages – die sich leider beim einen oder anderen nicht setzte.

 

Die Kunden, die auch Zeugen waren, durften bleiben und bekamen auch noch serviert.

Ein Vater und seine Tochter hatten die Räuber auch noch über ein paar Straßen verfolgt, deswegen war auch der Notruf falsch aufgelaufen.

Der Geschäftsführer, der gleich mehrere Filialen in Berlin betreut, kam hinzu.

Eine Zivilstreife half bei dem Vernehmungen der Zeugen und dem Aufnehmen der Personalien.

Parallel dazu unternahmen Streifen draußen vor Ort eine Nahbereichssuche nach den Tätern.

Dirk nahm mich mit zur Vernehmung des Personals im Sozialraum. Auf die Art bekam ich auch mal ein Schnellrestaurant hinter der Theke zu sehen, was ich mal wieder äußerst spannend fand. Es war übrigens alles pieksauber.

Der Angestellte, der seinerseits den Täter verscheucht hatte, gab noch einmal seine Geschichte zum Besten. Innerlich schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen.

Da hätte ja Gott weiß was bei rauskommen können…

Auch Dirk sah diese Aktion kritisch:
„Was hätten Sie denn gemacht, wenn der Räuber eine Schusswaffe bei sich gehabt hätte? Man geht nicht mit dem Messer zu einer Schießerei.“

Der Angestellte wirkte insgesamt nicht wirklich überzeugt. Ich hoffe für ihn, dass er niemals in einer Berliner Polizeipressemitteilung auftaucht…

Kurz darauf, wir befanden uns wieder vorm Tresen, trafen Kriminalpolizisten ein, die sich u.a. um die Spurensicherung kümmern würden.

„Was kommt denn da? Eure Jugendbrigade?“ ließ sich einer der Anwesenden vor Ort vernehmen.

Wie bist du denn drauf?

Ja, da kamen in der Tat tatsächlich drei Männer, die altersmäßig deutlich unter Dirk, mir oder demjenigen Mitbürger lagen, der diese Frage gestellt hatte. Was im Übrigen keine Kunst ist.

Das aber mit einem Unterton zu unterlegen, der zu besagen schien, dass Jugend und Kompetenz sich automatisch widersprechen… wie sinnentleert…

 

Nachdem alle Zeugen vernommen und ihre Personalien aufgenommen worden waren sowie die Kriminalpolizisten ihre Tätigkeiten zur Spurensicherung verrichteten, rückten wir wieder ab.

 

 

Die Nacht neigte sich ihrem Ende zu. Im Funk hörten wir, wie im Nachbarabschnitt zwei Männer festgenommen wurden, die offenbar einen Einbruchsdiebstahl begehen wollten. Ein dritter Komplize war noch flüchtig. Das Einkaufszentrum, in dem der Einbruch begangen werden sollte, wurde umstellt.

„Da fahren wir auch mal hin“, entschieden meine beiden Herren.

Blaulichtfahrt.

Nun ist der Verkehr in Berlin auch zu nachtschlafender Zeit so, dass man das Martinshorn nicht abstellen kann. In der gesamten Republik scheint ein Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn für einen Fahrer an einer roten Ampel keinen Grund darzustellen, mal Platz auf der Fahrbahn zu machen. Oder auch an anderen Orten.

Ich bekam einige interessante Flüche in breitestem Berlinerisch zu Gehör.

Das Einkaufszentrum befindet sich neben dem S-Bahnhof Gesundbrunnen. Es ist riesig. Entsprechend waren sicherlich gut 30 – 35 Polizeibeamte erschienen, die es umstellt hatten. Auch ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei war gekommen. Das war ein sehr, sehr beeindruckender Anblick für mich.

 

Allein eine Front des Einkaufszentrums wurde von drei Streifenwagen abgedeckt, Das sollte ich kurz darauf einmal ganz anders erleben.

Doch bleiben wir in Berlin-Gesundbrunnen.

 

Vorgeschichte: Ein aufmerksamer Bürger hatte gesehen, wie drei junge Männer über einen Zaun kletterten. Das war ihm komisch vorgekommen und er hatte die Polizei angerufen.

Es war die Festnahme erfolgt sowie die Umstellung des Gebäudes.

Den Zaun zeigten uns andere Beamte.

„Die müssen wahnsinnig gewesen sein“, stellte Dirk fest. Da konnte ich ihm nur beipflichten. Der Zaun war so gebaut, dass man eigentlich nicht drüberklettern KONNTE. Mit schweren Stahldornen – und an einer Seite ging es gute sechs Meter nach unten.

 

Vom dritten Mann lag derzeit nur eine Smartphone-Nachricht vor: „Ich bin hier umzingelt von Polizei.“

Das ließ den Schluss zu, dass er irgendwo im Einkaufszentrum war. Mutmaßlich im Parkhaus.

Dieses wurde letztlich von acht Bereitschaftspolizisten durchsucht, von denen jeder mit einer Maschinenpistole bewaffnet war.

Leider war er nicht mehr aufzufinden. Vielleicht hatte er sich doch ganz woanders in Sicherheit gebracht – und sich nur blöd ausgedrückt. Manche fühlen sich ja schon „umzingelt von Polizei“, wenn in 50 Meter Entfernung eine Streife vorbeiläuft oder wähnen sich im „Polizeistaat“, wenn mal ein Streifenwagen irgendwo steht…

Letztlich rückten wir ab.

 

 

Natürlich war das nicht alles für diese Nacht. Immerhin spielt die in Berlin:

 

Es gab zwei Einsätze wegen Schlägereien am Leopoldplatz. „Fliegende Flaschen“ spielten eine Rolle im Funk.

Einer der Eingangsbereiche der dortigen U-Bahn-Station ist im Winter ein beliebter Aufenthaltsort der örtlichen Trinker-Szene. Es ist warm, es ist trocken und man kommt recht schnell an Nachschub.

Alkohol ist ja generell dem menschlichen Denkvermögen nicht förderlich, schon gar nicht, wenn man sowieso gerade ganz unten angekommen ist. Entsprechend eskalieren die Gespräche unter Trinkbrüdern regelmäßig, einer der ortsansässigen Geschäftsleute ruft die Polizei und die rückt ein.

In unseren Fällen mit sieben Streifenwagen. Innerhalb von drei Minuten.

„Meine“ Landdienststellen wären begeistert.

Nicht mal die Hälfte der in drei Minuten angerückten Streifen.

 

Beide Male war bei Eintreffen der Funkwagen bereits alles wieder ruhig. Die Verbrüderungen gehen in diesem Kreise genau so schnell wie die Eskalationen.

Einer der Herren interessierte sich sehr für das Patch von „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, das ich im Einsatz immer trage, um mich kenntlich zu machen. Mir sind schwer alkoholisierte Menschen immer unheimlich, weil ich sie nicht einschätzen kann. Ich ließ es aber zu, dass er sich das genauer ansah. Weil ich dankbar für jeden Menschen bin, der sich für mein Herzblut-Thema interessiert. Weil ich kein Quell neuen Ärgers für die anwesenden Polizisten sein wollte. Und weil ich genau sah, dass einer von Dirks Kollegen die Situation ganz genau im Blick hatte. Mir würde hier nichts passieren.

 

Zwölf Stunden vorher war ich hier noch umgestiegen auf dem Weg zum „Frühshoppen“ im Touristenviertel… und hatte zwar grob daran gedacht, dass ich nachts diesem Bahnhof sicherlich noch einmal begegnen würde. Aber nicht in solchen Details. Wir alle wissen gar nicht, was die Polizei Tag für Tag für Tag für uns alle tut – entsprechend wissen es leider auch nur wenige zu schätzen.

 

 

Wir hatten ebenfalls einen Einsatz wegen eines Mannes, der in einer Gaststätte um die Ecke der Dienststelle seine Frau verprügelt hatte.

„In der Kneipe sind einige Jahre Knast versammelt“, klärte Dirk mich auf.

Eine erfolglose Nahbereichssuche schloss sich dem an.

 

Dirk und Rüdiger nahmen eine Anzeige wegen Unfallflucht auf.

 

Ein Fahrer, der meinte, bei gelb noch kräftig Gas geben und um eine Kurve hämmern zu müssen, wurde kontrolliert. Wieder einmal kam ich in den Genuss, die unendliche Geduld eines Polizeibeamten in der Diskussion mit einem weitgehend uneinsichtigen Mitbürger zu bewundern. Mir geht ja nur sehr wenig mehr auf die Nerven als Menschen, die objektiv vorhandene Gesetze abbügeln mit Wendungen wie „Meine Meinung ist eine andere.“ Mag ja sein, mir gefallen auch nicht alle Gesetze. Eine Gesellschaft, die funktionieren soll, braucht aber Spielregeln. Wenn jeder jede Spielregel mit seiner Privatmeinung außer Kraft setzen könnte, dann bräuchten wir auch keine. Und auch keine Polizei. Dann würden wir alle ein sehr spannungsgeladenes und äußerst unsicheres Leben in der Anarchie führen. Allerdings nicht sehr lange – es würde sich sicherlich irgendein Babo finden, der gern in dieses Machtvakuum hineinstößt – und ob dessen Regime dann angenehmer ist als ein demokratischer Rechtsstaat, das wage ich mal zu bezweifeln. Da bezahle ich dann doch lieber meine Bußgelder, wenn ich mal meinen Bleifuß nicht so recht im Griff hatte, und gönne mir und dem erhebenden Beamten ansonsten einen ruhigen Resttag.

Dirk hingegen gab alles, um Einsicht zu erzeugen. Am Ende hatte er sogar ein bisschen Erfolg. Hoffen wir, dass die Einsicht auch nachhaltig war.

 

Zum Abschluss möchte ich noch auf einen Unfall zu sprechen kommen. Die Unfallverursacherin hatte sich selbst bei der Polizei gemeldet. Sie hatte beim Einparken ein weiteres Auto touchiert.

Dirk und Rüdiger nahmen den Unfall auf. Während Rüdiger noch mit der jungen Dame und dem Zeugen redete, suchten Dirk und ich die Fahrzeughalterin auf.

Auf der Suche nach der Fahrzeughalterin

 

Dort war Dirk erstmal kurzfristig für eine halbe Minute abgelenkt, die Dame öffnete nämlich mit einem riesigen hübschen Kater auf dem Arm. Dirk als Katzenfan musste da erstmal einen kurzen Flirt einlegen. (Sagte ich schon mal, dass in Uniformen Menschen stecken? Falls nicht, wiederhole ich das hier gerne nochmal…)

 

Alles in allem endete das Ganze freundlich. „Hauptsache, es ist niemandem etwas passiert und nur ein Blechschaden“, lautete die allgemeine Formel und am Ende verabredeten sich Unfallbeteiligte und Zeugen noch zum Kaffeetrinken. Auch das ist Berlin!

 

Diese Nachtschicht war für mich sehr interessant. Die Berliner Polizei, besonders der Abschnitt 35, hat einen ganz großen Fan in mir. Ihr wart einfach klasse.

Ich habe freundliche, zugewandte und professionelle Polizisten bei der Arbeit gesehen. Vor dem Hintergrund ist es nicht nachvollziehbar, was bei den Menschen, die bei der Berliner Polizei arbeiten, am Ende des Monats auf dem Gehaltszettel zu stehen kommt. Oder der Bezügemitteilung, um im korrekten Beamtendeutsch zu bleiben.

Lieber Berliner Senat – bezahlt Eure Polizisten endlich ordentlich. Diese Menschen halten für Euch den Kopf hin und den Laden zusammen. Und gebt Ihnen endlich eine ordentliche und angemessene Ausstattung. Es ist für mich nach wie vor nicht nachvollziehbar, wieso ausgerechnet eine Hauptstadtpolizei noch keine anständige Ausrüstung für Terroranschläge hat. Wer fährt denn bspw. bei einem Terroranschlag als erstes am Einsatzort vor?

Polizistinnen und Polizisten repräsentieren und vertreten diesen Staat und sie schützen ihn auch. Dafür sollte man ihnen den Rückhalt geben, den sie verdammt noch mal verdienen.

Den Polizistinnen und Polizisten des Abschnitt 35 an dieser Stelle ein dickes Danke für den herzlichen Empfang! Ihr seid klasse!

One comment

  • Siegmund Penno
    17. April 2018 - 08:45 | Permalink

    Danke für diesen interessanten Bericht. Bin zwar auch nur von einer „Landdienststelle“ der PD Leipzig, aber es ist schön zu lesen, das es anders wo auch so läuft wie bei einem selbst.

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