Der Polizist, der mir die Zunge rausstreckte

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„Schau mal“, sagte Don und streckte mir die Zunge heraus.

Mein kleiner Sinn für absurde Situationen amüsierte sich. Da streckt ein Kölner Polizist der Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. die Zunge heraus. Und es war absolut nett gemeint.

Dirk Rohde, genannt Don, hat nur noch eine halbe Zunge.

„Ich musste sehr hart üben, um wieder normal sprechen zu können. Sonst hat man in meinem Beruf keine Chance.“

Don und ich waren gerade auf dem Weg zu Bazaar Kebap, einem Lokal in Köln-Nippes, wo er mit mir essen gehen wollte. Ich hatte ihn um ein Interview gebeten, weil mich seine Geschichte fasziniert hat. Der Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dem ich vorsitze, macht es sich ja unter anderem zur Aufgabe, zu zeigen, dass hinter Polizeiuniformen Menschen stecken – und eines war mir im Vorfeld schon klar – dieser Mensch ist ein sehr außergewöhnlicher.

Nun ist es ja grundsätzlich nichts Besonderes, wenn man ein Interview anlässlich eines gemeinsamen Essens vornimmt. Wenn allerdings für einen der Interviewpartner Essen mehr mit Qual als mit Genuss zu tun hat, weil er krankheitsbedingte Schluckbeschwerden hat und auch nichts mehr schmeckt, dann zeigt schon dieser Vorschlag, dass er kein Mensch ist wie jeder andere.

 

Don ist seit 35 Jahren Polizist. Er hat sogar vor etwa 30 Jahren eine Ausbildung beim SEK gemacht, diese aber aus privaten Gründen abgebrochen.

Im Mai 2015 bekam er die Diagnose „Mundbodenkrebs“. Seit Januar 2017 ist er wieder im Dienst als Motorradpolizist in der Kölner Innenstadt. Zwischen diesen Daten lag eine unglaubliche Zeit des Leidens und eines Kampfes zurück ins Leben.

 

Im Bazaar Kebap holte ich zwar mein Notizbuch raus, schrieb dann aber doch nichts auf. Ich entschied, diesen Artikel rein aus der Erinnerung zu schreiben.

Auch meine vorbereiteten Fragen brauchte ich nicht. Don lenkte das Gespräch. Und er lenkte es gut. Wenn etwas gut läuft, kann ich mein inneres Alphatier auch mal im Zaum halten.

 

„Das waren teilweise unvorstellbare Schmerzen“, sagte er über die Zeit seiner Krankheit. „Noch einmal halte ich das so nicht durch.“

Er zeigte mir Bilder von Freunden, die er durch den Krebs kennen gelernt hat. Teilweise schlimme Bilder. Von Menschen, die bereits tot sind. Man sieht diesen Bildern an, dass es kein schöner Tod war.

„So was mache ich nicht mit. Ich muss alle sechs Wochen zur Tumorkontrolle. Sagen die mir, dass der Krebs wieder da ist, schmeiße ich eine Riesenabschiedsfeier. Und dann geht’s in die Schweiz.“ Dort hat er bei einer Sterbehilfeorganisation für den Fall einer tödlichen Diagnose eine Freitodverfügung unterzeichnet.

Er begründet seine Einstellung zum Tod mit seiner SEK-Vergangenheit. „Menschen, die beim SEK waren, sind vermutlich so. Die nehmen ihre Gegner mit, nicht umgekehrt. Ich möchte in Würde gehen. Nicht qualvoll und langsam sterben.“

Er weiß auch, dass dieses Thema polarisiert. Meiner Ansicht nach muss das jeder für sich selbst entscheiden.

„Diese Tumorkontrollen sind für mich immer wieder ein Datum, an dem ich erfahre, ob ich weiterlebe – oder sterbe.“

 

Er erzählt von seinem Kampf gegen die Krankheit und zurück ins Leben. Zeigt mir die Narbe, die er einmal bei einem Bagatellunfall den gegnerischen Parteien gezeigt hat, die sich gegenseitig wegen Kleinkram zerfleischten. Die Unfallbeteiligten trennten sich friedlich. Die Geschichte postete er in seinem Facebook-Blog. Die Presse kam drauf. Und ich dann durch die Berichterstattung auch.

Bei mir traf er damit einen Nerv. Seit ich die Polizei öfters mal in den Einsatz begleiten darf, kommen mir viele Alltagssituationen vor wie Kleinigkeiten. Verstärkt wird das durch zwei Menschen in meinem Umfeld, deren Krebs nur noch palliativ behandelt werden kann. Deswegen wollte ich ihn gern interviewen und über ihn schreiben.

 

Don zeigt mir auch, wie viele Muskeln an seinem Hals weggenommen wurden. Ich bin beeindruckt davon, dass er weiterhin einen Motorradhelm trägt.

 

Essen dauert bei ihm sehr lang. Er trinkt dazu eine Art Smoothie, in dem er Gemüse verarbeitet hat.

„Meine Speichelproduktion ist kaputt. Also muss ich beim Essen viel trinken, weil ich es sonst nicht schlucken kann. Und wenn ich das Gemüse nicht zusetze, dann nehme ich zuviel ab.“

Fast habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wie ich meine Lammkoteletts genieße. Aber eben nur fast, denn er schafft es, mir trotz allem das Gefühl zu geben, als sei das hier ein normales Essen.

Was sicherlich auch an den Betreibern des Lokals liegt. Sie kennen sein Problem, er muss nichts erklären.

Deswegen hat er sogar eine Sondergenehmigung des Polizeipräsidiums, dort seine Essenspausen zu machen, obwohl es nicht in seinem Dienstgebiet liegt. Überhaupt verhält sich das Präsidium ihm gegenüber hochanständig. Das finde ich klasse.

Don engagiert sich auch für andere Krebskranke. Nicht nur in seinem Blog „Schockdiagnose Krebs. Und plötzlich ist alles anders.“ auf Facebook. Er fungiert auch als Ansprechpartner für Kopf-Hals-M.U.N.D. Krebs e.V., ein Selbsthilfeverein. Er verschenkt gerne Polizeiteddys. Ich bekam auch einen zum Empfang. Der steht auf einem Ehrenplatz.

„Einer meiner Freunde hat sich damit beerdigen lassen.“

Man merkt Don an, dass ihn das sehr bewegt hat. Mich bewegt es auch.

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Nach dem Essen fährt er mich noch an den Bahnhof. In seinem neuen Auto. Ein schicker Flitzer. Der gehört zu seinem Programm, sein Leben zu genießen, so lange er kann.

„Ich genieße jeden Tag, den ich noch habe. Das Leben ist schön.“

 

Ein Mensch, der durch die Hölle gegangen ist, und für sich nicht nur Lebensfreude wiedergefunden hat, sondern auch einen Sinn. Anderen bei diesem Gang durch die Hölle helfen.

 

Ich wünsche mir, dass Menschen, die einem Polizisten gegenüberstehen, in diesem nicht nur die Funktion sehen, sondern auch den Menschen. Vielleicht ist nicht jeder Mensch ein so beeindruckender Typ wie dieser spezielle Polizist – aber Don ist der Beweis, dass uns diese Menschen überraschen können.

Lassen wir unsere Blicke nicht an der Uniform abprallen, sondern schauen wir tiefer.

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