Autobahnpolizei – ein Luxus?

Sonntag, später Nachmittag bis Abend. Ich hatte einen schönen Tag in der Pfalz hinter mich gebracht und fuhr auf der A61 gen Norden. Gerade passierte ich Frankenthal.

Plötzlich fiel mir an dem Wagen, hinter dem ich fuhr, etwas auf.

Hä? Was hat der denn unterm Auto hängen?

Vorsichtig nahm ich das Ganze näher in Augenschein, nicht ohne den Verkehr und die Autobahn generell aus den Augen zu lassen.

Gehört das so, oder kann das gefährlich sein? Ein Fall für die 110?

Eine Baustelle.

Der Fahrer vor mir scherte plötzlich auf die linke Spur, ich blieb rechts, weg war er.

Kurz vor Gau-Bickelheim, also fast 50 Kilometer weiter, hatte ich ihn wieder vor mir. Dort gibt es eine Autobahnpolizeistation.

Wäre ja günstig.

Entgegen der hier und da in den Sozialen Netzwerken laut werdenden Unterstellungen bin ich auf Grund meiner Vereinstätigkeit nicht zur Oberverdachtschöpferin vor dem Herrn mutiert. Im Gegenteil. Mein Wissen um die personelle Lage einer „auf Kante genähten“ Polizei macht mir wenig Lust, die Damen und Herren für nichts in den Einsatz zu jagen. Also schaute ich noch einmal ganz genau hin.

Der Unterboden hängt halb auf dem Asphalt. Geht gar nicht…

Also Polizeinotruf. Über Freisprechanlage übrigens, aber das nur am Rande.

„Polizeinotruf.“

Ich nannte meinen Namen, dann: „Ich bin auf der A61 unterwegs Richtung Köln. Ich bin kurz vor Gau-Bickelheim. Vor mir fährt ein niederländisches Fahrzeug, dem der Unterboden halb auf dem Asphalt hängt.“

Polizist: „Ein niederländisches Fahrzeug?“

Ich: „Ja, folgende Zulassung..“
Ich diktierte die Zulassung.

Der Beamte wiederholte die Zulassung, nannte dabei eine 93[*].

Als er fertig war, korrigierte ich noch einmal: „Nein, Zwoundneunzig. Der Rest stimmt.“ Dann schob ich nach: „Renault, dunkelblau, soweit ich das unter dem Dreck erkennen kann.“

Polizist: „Fährt der Wagen schnell?“

Ich: „Ja, wir fahren beide 140!“

Polizist: „Sind Sie schon an Gau-Bickelheim vorbei?“

Ich: „Nein, wir passieren gerade den letzten Parkplatz vor Gau-Bickelheim.“

Polizist: „Alles klar, ich schicke sofort eine Streife!“

Ich: „Danke! Tschüß!“

Ich entschied, hinter dem Fahrzeug zu bleiben, falls es die Autobahn verlassen sollte. Dann hätte ich noch einmal bei der 110 durchgeklingelt. Allerdings hielt ich das Szenario für unwahrscheinlich, da ja die A61 geradewegs in die Niederlande führt, aber man weiß nie.

Zehn Minuten später (ich war schon echt nervös), sah ich dann im Rückspiegel Blaulicht. Mit hoher Geschwindigkeit kam der Mercedes der Autobahnpolizei RLP näher. Ich sofort rechts eingeschert. Die flogen an mir vorbei, ich zog hinter ihnen raus. Ich gebe offen zu, ich wollte möglichst sehen, was passiert!

Das Fahrzeug war auch vor dem Streifenwagen auf die rechte Spur gezogen, die Polizei setzte sich sofort vor das Fahrzeug und warf „FOLGEN“ an. Bei der nächsten Anschlussstelle verließen sie die Autobahn.

Meine Helden!!!

Ich nehme nicht an, dass sie meinen Daumen hoch gesehen haben…

Im Grunde könnte mit meinem Erleichterungsgefühl und meinem Dank an die Autobahnpolizei dieser Artikel enden. Tut er aber nicht…

Die nächste PASt (Polizeiautobahnstation) hinter Gau-Bickelheim ist Emmelshausen. Dazwischen liegen etwa 58 Autobahnkilometer. Die nächste nach Emmelshausen ist Mendig, ca. 45 Autobahnkilometer weiter.

Wenn es nach dem Willen des Innenministers von Rheinland-Pfalz geht, wird die PASt Emmelshausen wohl demnächst geschlossen. Dann wären insgesamt 103 Autobahnkilometer ohne PASt.

Was, wenn ich den Wagen erst kurz nach Gau-Bickelheim aufgelesen hätte anstatt bei Frankenthal und genau so lange gebraucht hätte, mir klar zu werden, dass ein Notruf sinnvoll ist? Ich hätte den Entschluss mitten im autobahnpolizeimäßigen Niemandsland gefasst.

Aus beiden Richtungen zwischen 30 und 45 Minuten Anfahrt – bei normalen Verkehrsverhältnissen. Fragt sich halt, was auf deutschen Autobahnen normal ist… Die Anfahrtszeiten passen aber nur, wenn die fraglichen Streifen nicht gerade am anderen Ende des Dienstgebietes sind, was bei Gau-Bickelheim beispielsweise auch bedeuten kann, dass sie auf der A63 schon ganz schön weit Richtung Kaiserslautern unterwegs sein können. Auch müssen alle Mitautofahrer bei Sinnen sein, wenn das Polizeifahrzeug mit Blaulicht von hinten kommt. Zu der Thematik des Verhaltens von uns Bürgern, wenn ein Blaulichtfahrzeug mit Sondersignalen unterwegs ist, kann man ja mal mit Polizisten Gespräche führen…

In meinem Fall waren sie innerhalb von zehn Minuten da. In dem von mir konstruierten Beispiel hätten sie bis zu vier Mal so lang gebraucht. Was hätte in der Zeit alles passieren können? Der Unterboden kommt runter und fliegt dem nachfolgenden Fahrzeug in die Windschutzscheibe. Oder zwingt das nachfolgende Fahrzeug bei rappelvoller Autobahn in wilde Ausweichmanöver. Oder…

Übrigens – außer mir hatte wohl niemand angerufen. Was in mir mal wieder die Frage aufwirft, wo meine Mitbürger beim Autofahren ihre Augen haben. Aber das wäre ein anderer Artikel.

Laut Innenminister wird übrigens das Anfahrtsproblem dadurch gelöst, dass ununterbrochen im aktuellen Dienstgebiet der PASt Emmelshausen eine „Hunsrückstreife“ unterwegs sein soll.

Liest sich gut.

Heißt das aber, dass da zwei Beamte eine Achtstundenschicht ununterbrochen im Auto verbringen sollen? Holla, die Waldfee! Mein Rücken ist ja schon nach spätestens drei Stunden komplett bedient und ich sitze noch nicht mal mit einem schweren Waffengürtel an der Hüfte im Auto.

Kaffee trinken gestrichen? Oder soll das dann in den Raststätten stattfinden? Wäre sicherlich eine schöne Erfahrung, wenn man bedenkt, wie viele meiner Mitbürger Schnappatmung von dem Gedanken bekommen, ein Polizeibeamter könne ernstlich eine Pause machen wollen. Und wer bezahlt die raststättentypischen Mondpreise?

Und was ist eigentlich für den Schichtwechsel vorgesehen? Für mindestens eine Stunde keine Hunsrückstreife, oder ein überlappender Schichtwechsel?

Meiner Meinung nach wird es am Ende darauf hinauslaufen, dass die Inspektionen im Dunstkreis der Autobahn das mit abdecken. Abgesehen davon, dass sie weniger stark motorisiert sind (ok, „mein“ Fall war mit 140 km/h unterwegs, aber es geht ja auch schneller), müssen sie auch erstmal zur Autobahn kommen.

Wenn es darum geht, den Fahrer in eine Ausfahrt zu ziehen, mag das ja noch angehen. Aber was, wenn der Verkehr auf einer Autobahn komplett zum Stehen gebracht werden muss. Dafür haben Autobahnpolizisten eine spezielle Ausbildung. Oder was, wenn es um noch speziellere Einsätze geht?

Irgendwann ist einfach mal Schluss mit „auf Kante nähen“. Insbesondere, wenn die Kante sowieso schon nur noch aus sehr fadenscheinigem Stoff besteht und jeden Augenblick zu reißen droht.

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[*] Aus Datenschutzgründen wurden sämtliche Daten des KfZ verändert.

One comment

  • friederike
    5. November 2017 - 18:38 | Permalink

    Ich finde die Schilderung der Situation beängstigend. Die Dienststellenschließungen erhören das Unsicherheitsgefühl der Bürger/innen. Aber sollte das einen Politiker stören???

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