Vom Stinkefinger zu einem Einsatz mit fünf Streifenwagen – eine Sommernacht in Neuwied

Nachdem meine Nachtschicht mit Stephan und Stephan letzten Dezember den täglichen Wahnsinn auf Neuwieds Straßen nur sehr unzureichend belegt hatte, wollte Stephan diesen Stunt noch einmal mit mir wiederholen. (Stephan ist mittlerweile in einer anderen Dienststelle.)

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich da nicht lange bitten lasse – und so war es Ende Juni wieder so weit.

Dieses Mal war ich mit Stephan und Sebastian unterwegs.

 

Als erstes passierten wir (ich hatte zu diesem Zeitpunkt Hunger bis unter beide Arme) einen Garten, aus dem verführerische Grilldüfte herüberwehten.

Sebastian: „Soll ich mal fragen, ob die noch zwei übrig haben?“

Ich: „Wieso zwei? Wollt Ihr keins?“

Stephan: „Nee, Sebastian und ich teilen uns eins.“

 

Stephan war an diesem Tag Dienstgruppenleiter, also dauerte es ein wenig, bis es auf die Straße ging.

In dieser Zeit fragte mich allerdings ein Anwärter nach unserem Patch.

Aber gerne doch!

Ihr macht mich immer wieder stolz! wp-monalisa icon

 

Nachdem wir Essen besorgt hatten, ging es auch schon auf Streife.

Da in dieser Nacht in zwei Stadtteilen Neuwieds Kirmes war, begannen wir damit, eine davon zu bestreifen.

Vor einem Getränkestand hielt sich eine Gruppe junger Leute auf. Während wir den Ort des Geschehens langsam passierten, entfuhr Sebastian: „Ich glaub, ich träume.“

Es gefiel einem der jungen Herren, der Besatzung des Streifenwagens zu demonstrieren, dass sein Mittelfinger vollständig intakt und sehr gerade gewachsen war. Eine junge Frau, mutmaßlich seine Freundin, hängte sich förmlich in seinen Arm, um diesen herunter – und damit den Mittelfinger aus dem Bild – zu ziehen. Ohne Erfolg!

Das konnten meine beiden Herren natürlich nicht auf sich sitzen lassen, also hielt Stephan an. Personenkontrolle!

Der Besitzer des gut gewachsenen Mittelfingers erklärt Stephan und mir ein wenig abseits sehr ausführlich, dass wir ihn gerade massiv in seinen Kreisen störten:
„Da will man einfach einen schönen Abend mit seinen Freunden verbringen und dann sowas…“

Nun ja. Wer hat noch mal wem den Mittelfinger gezeigt?

Schließlich, als Stephan darauf so gar nicht mit Einknicken reagieren wollte, klärte er uns auf, dass er doch gar keinen Mittelfinger gezeigt habe. Wir hätten uns verguckt.
„Ich hab mit dem Zeigefinger auf das Polizeiauto gezeigt und dabei gesagt: ‚Das sind die Guten!‘ Fragt das mal meine Freunde.“

Genau das tat Sebastian gerade. Um sicherzugehen, dass die Freunde auch ganz bestimmt das Richtige aussagen, wollte der junge Herr sich auch gleich zu ihnen begeben, was allerdings Stephan nicht wollte.

„Bitte bleiben Sie stehen!“

„Hey! Stehenbleiben!“

Letztlich machte Stephan zwei Schritte um den Delinquenten drumherum und schob ihn zurück an dem Ort, an dem er ihn haben wollte.

„Heeee! Polizeigewalt!“

Ja, sicher…

 

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Freunde des jungen Mannes sagten alle aus, dass er der Polizei den Mittelfinger gezeigt habe. Jede andere Aussage wäre ja auch völlig sinnlos gewesen.

So gewinnt man dann auch eine Anzeige wegen Beleidigung.

 

Bliebe noch der Herr zu erwähnen, der anhand meines Aufzugs erkannte, dass ich irgendwie nicht Polizei bin und sich interessiert erkundigte, was ich da mache. Ich erklärte es ihm kurz, er erkundigte sich dann noch danach, wo der Artikel erscheinen würde. Auch das erklärte ich. Bin gespannt, ob er es lesen wird.

Beim weiteren Bestreifen der Gegend passierten wir eine Gruppe Jugendlicher, von denen einer plötzlich losbrüllte: „Hey, guck mal, die haben einen hinten drin.“

Herrlich! Deswegen mache ich diese Schichtbegleitungen so gerne mit. Mein Sinn für Ironie bekommt immer wieder Futter.

 

Da es im Frühsommer über einen langen Zeitraum zu heiß und zu trocken gewesen war, hatte das Land Rheinland-Pfalz die höchste Waldbrandalarmstufe ausgerufen. Entsprechend war es wenig verwunderlich, dass wir einen Einsatz reinbekamen, bei dem es brannte. Also so richtig, meine ich. Bei der Polizei brennt es ja häufig…

Hier sollte ein Gartenhäuschen in Flammen stehen.

„Feuerwehr ist auch alarmiert.“

Blaulichtfahrt.

Am angegeben Ort wurden wir von einem jungen Mann erwartet, der sich als unser Anrufer herausstellte. Er wies uns direkt ein!

Der Eigentümer des Gartenhäuschens löschte schon das Gartenhaus erfolgreich mit seinem Schlauch. Allerdings kokelte der Hang darunter fröhlich vor sich hin.

Stephan und Sebastian machten sich auf den Weg zu ihm, währenddessen fiel mir die Aufgabe zu, die Feuerwehr einzuweisen.

Die löschte dann auch in Windeseile den glimmenden Hang und kontrollierte mehrfach, ob sie auch alle Glutnester erwischt hatte.

Erst dann war Zeit, sich die Aussage des jungen Mannes anzuhören, der den Notruf abgesetzt hatte. Seine Partnerin und er waren gerade schlafen gegangen, als sie Brandgeruch wahrnahmen. Obwohl ihr Schlafzimmer zur anderen Seite rausgeht, sahen sie den Feuerschein im Fenster des gegenüberliegenden Hauses. Der junge Mann rannte sofort auf die Straße, weckte die betroffenen Nachbarn und rief die 110 und die 112 an. Alles richtig gemacht! Bravo!

 

Kaum bestreiften wir wieder die Gegend, als wir über Funk hörten, dass im Bereich der Nachbar-PI ein Notruf eingegangen war. Ein Mann war dabei gesehen worden, wie er auf einem Volksfest ordentlich dem Alkohol zugesprochen hatte. So weit so gut, allerdings war er mit einem mutmaßlich sehr strammen Alkoholpegel in sein Auto gestiegen und losgefahren. Dabei hatte er noch einen Fußgänger gestreift.

„Wir haben alle Streifen im Einsatz“, hörten wir als nächstes.

Ein Fall für Stephan und Sebastian.

Die nächste Blaulichtfahrt. Und dieses Mal so richtig lang. Direkt zur Wohnadresse des Herrn. Na gut, kurz vorher schaltete Sebastian die Sondersignale ab. Kein Grund, das ganze Wohnviertel aus dem Schlaf zu reißen.

Mittlerweile hatten wir auch das Kfz-Kennzeichen sowie eine Beschreibung des Wagens und des Mannes, den wir suchten. Noch während wir Ausschau nach dem Kfz hielten, kam ein Mann in der entsprechenden Altersklasse um die Ecke gebogen. Zu Fuß!

Ich (leise): „Der passt doch auf die Beschreibung?“

Stephan (laut): „Herr X.?“

Der Mann: „Ja?“

Bingo!

Er wusste auch sofort, was die Polizei von ihm wollte.

Ein Atemalkoholtest ergab einen ziemlich hohen Promillewert, also musste der Herr von uns in den Streifenwagen verladen und zur Polizeiinspektion Straßenhaus zur Blutprobe gefahren werden.

So lernte ich dann auch mal diese Dienststelle kennen.

Es dauerte eine Weile, bis der Arzt eintraf. Herr X. war übrigens von Beginn an freundlich und sehr einsichtig.

„Ich habe diesen Fehler gemacht und keiner sonst.“

Daran sollten sich so einige ein Beispiel nehmen, mit denen die Polizei zu tun bekommt.

Da er sich so kooperativ gezeigt hatte, und wir eh über seinen Wohnort zurück nach Neuwied mussten, nahmen Stephan und Sebastian ihn mit, um ihn bei sich daheim abzusetzen. Sehr nett!

Auf der Fahrt erkundigte sich Herr X. sehr intensiv danach, was nun passieren würde. Stephan klärte ihn auf, soweit er das sagen konnte – schließlich entscheidet das die Staatsanwaltschaft.

 

Ein in Osteuropa zugelassenes Fahrzeug kreuzte unseren Weg. Da war eine Verkehrskontrolle angesagt. Viele Fahrzeughalter lassen ihre Fahrzeuge nämlich nur sehr ungern in Deutschland zu, weil die Kfz-Steuer hierzulande ungleich höher ist als in den meisten Ländern Osteuropas. Allerdings muss, wer in Deutschland seinen Wohnsitz hat, natürlich auch in Deutschland seinen Wagen zulassen.

Und Bingo! Der Halter wohnte seit drei Jahren in Deutschland, der Wagen war seit drei Monaten (!) zugelassen – in Osteuropa. Bei unterstelltem linearen Verlauf der Zeit kann es sich da kaum um ein Vergessen handeln…

Natürlich mopperte der Halter auch gleich herum, dass er nur angehalten worden sei, weil er Ausländer sei.

Nun, eigentlich nicht!

Er war angehalten worden, weil der eine oder andere mit ausländischem Kennzeichen vergisst, sein Kfz hier zuzulassen – so wie er es „vergessen“ hatte.

Ich bin auch schon mal angehalten worden, weil mein Auto alt und dreckig war und somit ins „Raster“ „Drogen am Steuer“ fiel. Man kann dann die eingesetzten Polizisten bepöbeln, man kann aber auch einfach seinen Wagen mal durch die Waschanlage fahren – oder wahlweise korrekt zulassen.

 

Nächster Einsatz: eine Schlägerei. Diese war allerdings nicht existent. Hingegen winkten am uns durchgebenen Ort drei junge Leute den Streifenwagen heran. Beim zweiten Durchfahren der Straße wohlgemerkt. Es stellte sich heraus, dass es sich vielmehr um eine familiäre Auseinandersetzung handelte.

Eine Mutter war nicht einverstanden mit dem Freund ihrer Tochter. Keine günstige Verhandlungsposition für die Mutter, da die Tochter bereits von diesem schwanger war. Diese junge Frau und der besagte Freund waren zwei der drei jungen Leute. Die Wortführerin war eine Freundin der Schwangeren.

Nach allem, was ich den äußerst wirren Angaben, die da auf meine beiden Herren einprasselten, entnehmen konnte, war da auch noch ein rechtsextremer Exfreund im Spiel, mit dem die Mutter wohl gemeinsame Sache mache, weil der neue Freund Ausländer sei.

Jedenfalls fürchtete man nun um die Katzen der Tochter, da sich der Ex und die Mutter nun auf den Weg zur Wohnung der Tochter gemacht hatten. Die sich übrigens im Wohnhaus der Mutter befand.

Von der Polizei wurde nun erwartet, zur Wohnung der Tochter zu fahren, um die Katzen zu retten.

Dies lehnten Stephan und Sebastian ab. Solange keine strafbare Handlung vorliegt, sondern nur Annahmen, kann die Polizei nichts machen. Es lag keine konkrete Gefahr für die Katzen vor. Familienstreitigkeiten sind auch erst einmal nichts, was die Polizei tangiert, so lange keine Straftaten im Raum stehen.

 

An diesem Punkt wollten meine beiden Herren sich an ihre Berichte machen und wir fuhren in die Dienststelle. Dort wurde ich noch einmal intensiv zum Verein und zu meiner Tätigkeit ausgefragt.

 

Schließlich musste die Polizei Neuwied noch einmal alles auf die Straße werfen, was sie hatte.

Häusliche Gewalt.

Wir rückten mit insgesamt fünf Streifenwagen aus.

Weil die Nummerierung der Häuser dort nicht wirklich logisch war, parkten wir etwa 100 Meter weiter. Kein Ding, die rheinland-pfälzische Polizei kann sehr schnell rennen.

Einsatzort war der 5. Stock. Ich traf als Letzte ein. Ich würde ja gern behaupten, dass das nur daran läge, dass ich netterweise den Profis Platz gemacht hätte (was ich getan habe), aber… nun ja… selbst, wenn ich gewollt hätte, wäre ich nicht schnell genug für einen anderen Platz in diesem Rennen gewesen. wp-monalisa icon

Im entsprechenden Stockwerk angekommen, hörte ich schon ein herzhaftes „Durak“ (russisch, in etwa „Vollidiot“) in den Flur schallen.

Damit titulierte der Familienvater, der gerade für zehn Tage der Wohnung verwiesen wurde, seinen Sohn, der die Polizei gerufen hatte. Ansonsten war er aber recht friedlich, so dass eine Streife schon mal wieder abrückte.

Die Polizei wollte einen Alkotest machen. Der Alkomat lag in den Streifenwagen. Fünf Stockwerke tiefer und 100 Meter weiter.

„Gerke…“

Hmpf!

„Ja?“

„Kannst du mal…?“

„Klar.“

Sieh es positiv – so kriegst du um drei Uhr morgens schon vorm Aufstehen den Schrittzähler für den Tag voll…

Als ich wiederkam (ich war gar nicht mal so sehr aus der Puste), hörte ich, wie der Herr meine Begleiter darüber aufklärte, wie übertrieben der ganze Einsatz sei. Das war ja noch nie da gewesen. Das hätte ich ja nun um kein Geld der Welt verpassen wollen.

„In Russland kommt ein Polizist für zehn Leute. Hier kommen zehn Polizisten für einen.“

Nun ja. In Russland ist die Polizei auch ein bisschen anders drauf als hier. Ich persönlich hab ja lieber eine demokratisch legitimierte und rechtsstaatlich verfasste Polizei als eine Ordnungsmacht nach russischem Vorbild.

Letztlich verließ er aber dann die Wohnung.

 

Mit diesem denkwürdigen Einsatz endete diese Nacht. Es soll für Neuwied wieder eine untypisch ruhige Nacht gewesen sein. Ich für meinen Teil fand es wie immer sehr spannend, unserer Polizei bei der Arbeit zuzusehen und fand auch nicht, dass meine beiden Herren zu wenig zu tun gehabt hätten. Und was das für Neuwied typische Einsatzaufkommen betrifft – ich gebe nicht auf. Ich komme wieder… wenn ich darf… wp-monalisa icon

 

Im Nachgang dazu teilte Stephan mir einige Tage später mit, dass der junge Mann, der seinen Mittelfinger so schön fand, dass er ihn uns um jeden Preis zur Schau stellen wollte, sich im Nachgang persönlich in der Dienststelle bei Sebastian und Stephan entschuldigt hatte.

„Es gibt doch noch anständige Jungs!“

Erfreulich! Zum Glück!

One comment

  • friederike
    2. Oktober 2017 - 10:56 | Permalink

    Der junge Mann mit MIttelfänger sollte mal das Sprichwort auswendig lernen: Übermut tut selten gut!
    Aber sei es drum, dass er um Entschuldigung gebeten hat, ist ein gutes Zeichen für seine Zukunft. (Kann man eigentlich „sich entschuldigen“? Ent-schuldigen kann eigentlich immer nur der andere.)

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