Eine ungewöhnliche Spätschicht in Remagen

„Eine Freitagsnachmittagsspätschicht in Remagen, das musst du dir echt mal geben. Das ist die Hölle. Da kommst du nicht mal zum Essen.“

Ok…

Da ich das nicht nur einmal gehört hatte, sondern mehrfach, und das auch nicht nur aus Remagen, gehe ich davon aus, dass Freitagnachmittage wirklich übel sind.

Es sei denn natürlich, ich habe mich für einen solchen angemeldet.

„Mein“ Streifenteam, Daniel und Rebecca, nahm mich freundlich auf, der Rest der Schicht auch. Daniel hat bei mir persönlich schon recht lange einen Stein im Brett, denn er war einer der ersten, die sich regelmäßig für den Einsatz von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. bedankten. Zum ersten Mal tat er das nach Weihnachten 2010, als wir noch nicht einmal Verein waren und ich Heiligabend einfach mal in Remagen der Polizei „Frohe Weihnachten“ gewünscht habe. Das mache ich seit 2009 jedes Jahr – und ich finde, auch das sollten mehr Leute tun. Einfach mal jenen Menschen ein frohes Fest wünschen, die dafür sorgen, dass wir sicher feiern. Aber das ist ein anderes Thema…

 

Nachdem Daniel und Rebecca ihren Papierkram fertig hatten, ging es schon auf die Straße. Streife fahren.

 

Wir mussten gar nicht lange streifen, schon zwei Orte weiter flog uns ein leerer Plastiksack von der Ladefläche eines LKW entgegen.

Verkehrskontrolle.

„Sonst mach ich das nie, dass ich meine Ladung nicht gut sichere.“

Verwarnung.

 

Danach bestreiften wir die Gegend sehr ausgiebig.

 

Nächste Verkehrskontrolle. Der Fahrer kam Daniel bekannt vor. Wenn, dann hatte er diverse Fahrten unter Betäubungsmitteln im Register. Das Ganze entpuppte sich allerdings als Verwechslung.

Keine Verwarnung.

 

In die Dienststelle, etwas essen.

 

Ein Unfall an einer Tankstelle, ein paar Orte weiter. Also eine Unfallaufnahme. Beide Seiten waren im Grunde schon einig, freundlich und einsichtig. (Auch mal schön, übrigens!). Die Polizei wurde eigentlich nur gebraucht, weil eines der beteiligten Fahrzeuge ein Firmenwagen war und entsprechend eine Anzeigenaufnahme für die Versicherung benötigt wurde.

Wie üblich ging Daniel ein paar Meter zur Seite, um die Beteiligten abzufragen. Ich schaute derzeit Rebecca zu, wie sie die beiden Fahrer dazu aufforderte, gegenseitig Personalien zu tauschen.

Plötzlich, mitten in die Routine, platzte Daniel herein:

„Wir müssen das hier abbrechen!“

Gesagt, getan. Die Fahrer wurden darüber aufgeklärt, dass wir abrücken müssen.

Zum Glück waren alle Daten notiert, als Daniel den Streifenwagen auf die Straße lenkte und durchstartete, während Rebecca Blaulicht und Martinshorn anwarf.

Ich glaube, ich werde niemals aufhören, diese Blaulichtfahrten aufregend zu finden. Und mich mehr oder weniger im Stillen über meine Mitbürger zu ärgern. Ok, ich kriege auch schweißnasse Hände, wenn von hinten ein Blaulicht ranfliegt, aber irgendwie bekomme ich das Auto doch aus dem Weg bugsiert, das ich gerade fahre.

„Wo fahren wir eigentlich hin?“ wollte ich dann doch wissen.

„Da wurde gemeldet, dass möglicherweise eine Tankstelle überfallen wird.“

Daniel nannte einen Ort, gute 11 km von unserer Tankstelle entfernt.

Oha… und… ach du Sch***!

Meine Hände wurden feucht und ich merkte, wie ich schneller atmete.

Wenn das jetzt wirklich ein Überfall ist – was mach ich denn da? Da steh ich doch nur im Weg rum. Ok, ich könnte im Auto bleiben! Aber Autos sind nicht kugelfest.

Ich hatte schon bei den Einsatztrainern des Polizeipräsidiums Südhessen gezeigt bekommen, was Schusswaffen aller Kaliber bei einer Volvo-Tür anrichten können. Sich hinter einem Passat in Sicherheit vor scharfen Schüssen zu bringen funktioniert ganz klar nur im Fernsehen.

Ich brauch ein neues Ehrenamt, SOFORT!

Das Heck des Wagens rutschte unter mir nach rechts, es ging in einer Kurve den Berg hinauf.

Festhalten.

Aussteigen ging sowieso nicht mehr.

Also einfach keine Zeit für Angst nehmen und darauf achten, was meine beiden Begleiter tun.

Daniel trieb den Streifenwagen den Berg hoch. Rebecca hielt den Funkkontakt mit den anderen.

„Wir kommen von…“

Sie nannte die Straße, die wir entlangrasten.

Auch die Autobahnpolizei meldete sich zu Wort, ebenfalls auf dem Weg zur Tankstelle.

Die Spannung stieg.

Zumal diese Blaulichtfahrt über 11 km kurvenreiche Bergstraße schon verdammt beeindruckend war.

Wir passierten das Ortsschild, mittlerweile geräuschlos.

Schlagartig wurde mir schlecht.

Entspannt bleiben. Die sagen mir schon, was ich tun soll.

Eine Tankstelle kam ins Blickfeld.

Ok, die kann es schon mal nicht sein, sonst hätte die Frau da Besseres zu tun, als zwischen den Zapfsäulen zu fegen…

Daniel fuhr auf die Tanke auf.

Hääääääääää?

Ich warf einen schnellen Blick durch die Scheiben. Im Verkaufsraum zwei entspannt wirkende Personen, eine noch entspannt wirkendere Person kam auf uns zu.

Ganz klar kein Überfall.

Tief durchatmen.

Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Schultern sich äußerst schmerzhaft verkrampft hatten.

 

Letztlich stellte sich alles als ganz harmlos heraus. Ein Nachbar hatte einen Wagen gesehen, der zweimal langsam an der Tankstelle vorbei gefahren war. Dann hatte er gesehen, wie eine der Damen, die dort arbeiten, hektisch Leute weitergeschickt hatte. Also schloss er auf einen Überfall und alarmierte die Polizei.

Beruhigend, so aufmerksame Nachbarn – und das meine ich ernst.

Allerdings wurden die Leute deswegen weitergeschickt, weil das Kassensystem ausgefallen war.

Ich persönlich war ziemlich froh, dass nichts an der Sache dran gewesen war.

 

Wo die Polizei aber schon mal da war, hatte der Pächter auch gleich eine Bitte – ein Stammkunde hatte vergessen zu bezahlen. Außer dem Kfz-Kennzeichen hatte er von ihm keine Daten. Er wollte ihn einfach nur freundlich ans Bezahlen erinnern.

Das war für die Polizei nun eine der leichtesten Übungen.

 

„Wenn die Dame da nicht so seelenruhig gefegt hätte, wäre ich übrigens nicht mitten auf die Tankstelle aufgefahren“, sagte Daniel zu mir, als wir wieder zum Auto gingen. Ich mit immer noch ziemlich weichen Knien und leichtem Schwindelgefühl im Kopf.

Du – schon ok. Ihr wisst schon, was Ihr macht.

Symbolfoto

Wo wir schon da oben weit oberhalb der Rheinschiene waren, sollten wir auch gleich mal in einem der nächsten Orte in der Wohnung einer Frau nach ihrem Freund sehen. Dieser war nämlich nach einer heftigen Auseinandersetzung verschwunden und hatte mit Selbstmord gedroht. Übrigens nicht zum ersten Mal. Während die Frau unten in Remagen in der Polizeidienststelle war, hätte es ja sein können, dass er wieder in die Wohnung zurückgekehrt war. War er aber nicht.

 

Zurück zu unseren Verkehrskontrollen. Ein Fahrer ohne Gurt.

„Ich fahre Pizza aus.“

Bezug?

Das schienen sich auch Daniel und Rebecca zu fragen, denn sie wirkten beide nicht so, als hätte diese Begründung sie überzeugt.

„Ich kenne mich nicht aus.“

Ach so? Und da hilft es dann, keinen Gurt zu tragen? Vielleicht wäre der Kauf eines Navis da zielführender?

Angesichts dieser unendlichen Einsicht hat er sich seine Verwarnung wirklich redlich verdient.

 

Nach einer weiteren kurzen Zwischenlandung in der Dienststelle für die zu schreibenden Berichte ging es noch einmal auf Streife.

Als erstes ging es um eine Fahrerermittlung. Eine Dame war in Hessen geblitzt worden, aber die Post war nicht an die bekannte Adresse zustellbar.

Dabei bekamen wir mit einer Menge netter Leute zu tun, die wirklich freundlich zu „meinen“ beiden Beamten waren (weiter so!), uns aber nicht wirklich weiterhelfen konnten.

 

Letztlich gewann noch jemand eine Verkehrskontrolle, da sein Bremslicht defekt war und auch er nicht verstanden hatte, dass der Sicherheitsgurt nicht nur zur Zierde am Auto hängt.

Damit war diese Spätschicht schon rum.

 

„Das war die ruhigste Spätschicht an einem Freitagnachmittag, an die ich mich erinnern kann.“

Darüber waren sich Rebecca und Daniel einig.
„Willst du nicht öfters kommen?“

Och, wenn Ihr so fragt… aber gerne doch!

 

Auch wenn die Schicht vergleichsweise ruhig verlaufen ist, so zeigte sie doch ganz klar, wie die Lage in Sekundenschnelle umschlagen kann. Soeben steht man noch tiefenentspannt (sogar ich fühlte mich bereits milde routiniert) neben einer Unfallaufnahme an einer Tankstelle, bei der alle sehr nett zueinander sind. Keine zwei Atemzüge später schleudert man auf der Rückbank eines Streifenwagens einen Berg hoch und fragt sich, wo man sich demnächst am günstigsten vorm Kugelhagel versteckt.

Abgesehen davon, dass ich mutmaße, dass bei einem Verdacht auf einen Tankstellenüberfall in Großstädten mindestens zehn Streifenwagen losjagen würden.

Wer hat, der hat…

 

Anfügen möchte ich noch die Worte einer Freundin, der ich diese Anekdote gerade eben, vor der ersten Veröffentlichung, erzählt habe: „Was man in dem Beruf für einen Mut braucht!“

Recht hat sie!

Und ja, sie ist schon Mitglied bei Keine Gewalt gegen Polizisten e. V.

 

Zurück zu „meinen“ Remagenern:

Auch wenn es „ruhig“ war – keine Frage – Ihr macht einen sehr tollen Job in Remagen. Danke!

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