Ein sehr individuelles Schichtmodell – 14 Stunden mit der Polizei in Fürth

Böse Zungen behaupten ja, ich könne nicht entspannen im Urlaub. Begründung: „Du widmest Dich Abzeichentauschaktionen und besuchst Polizeidienststellen.“

Dem muss ich klar widersprechen. Also nicht dem Teil mit den Abzeichen und den Dienststellen – der trifft zu. Aber dem mit der nichtvorhandenen Entspannung. Bekanntlich entspannt man sich, wenn man Spaß hat. Davon habe ich jede Menge, wenn ich Abzeichen tausche und Polizeidienststellen besuche. Für mich ist es eine Wohltat, mich mal einige Wochen am Stück nicht mit den vielfach unsäglichen Kommentaren in den Sozialen Netzwerken und mit einem Verein immer verbundenen Verwaltungstätigkeiten (knicken, lochen, abheften – in dieser Art des Dreikampfes habe ich es als Vereinsvorsitzende zur Olympiareife gebracht) auseinandersetzen zu müssen. Da bin ich auch konsequent. Polizeikontakte als solches finde ich nun aber nicht sonderlich unentspannt. Unentspannt wäre es vermutlich eher, dem komplett aus dem Weg gehen zu wollen. So unterbesetzt ist die Polizei in den Gegenden, in denen ich unterwegs bin, zum Glück noch nicht, dass ich es hinbiegen könnte, sie ohne größere Verrenkungen gar nicht mehr zu Gesicht zu kriegen…

In meinem letzten Sommerurlaub hielt ich mich auch für eine Weile in Fürth auf. Zum dortigen Dienststellenleiter habe ich einen netten Kontakt, der, analog zu dem Kontakt zur Polizei Bremen, durch eine Genesungskarte zustande kam. Vor einigen Jahren bedankte sich der Herr sehr nett für Karten, die seinen Leuten zugingen. Kurz darauf las ich eine Meldung, dass in Fürth ein Einsatzleiter im Rahmen eines Versammlungsgeschehens einen Stein an den unbehelmten Kopf bekommen hat. Das fand ich dann eine Karte wert, auch wenn nichts von schwereren Verletzungen in der Pressemitteilung stand. Es stellte sich heraus, dass es dieses Mal genau diesen Dienststellenleiter erwischt hatte. Wieder nahm er Kontakt zu mir auf und lud mich, sollte ich einmal in Fürth weilen, zu einem Besuch seiner Dienststelle ein. Das nahm ich dann vor zwei Jahren wahr und da mir Mittelfranken gefällt, war ich diesen Sommer wieder da.

Zwar hatte er mir per Mail angekündigt, dass ich auch bei der Fürther Polizei mitfahren dürfe. Bei meinem Auftauchen dort zum abgesprochenen Termin hatte ich aber noch an eine Absprache gedacht. Überraschung, ich durfte ab sofort (11 Uhr morgens) mitfahren. Das nahm ich natürlich gerne an. wp-monalisa icon

 

20160817_133716_klein_schriftMeine erste Streife, Daniel und Myriam, fragten mich – natürlich – erst einmal über den Verein aus. Fürth präsentierte sich zu diesem Zeitpunkt noch recht ruhig, obwohl wir durchaus den einen oder anderen Drogenumschlagsplatz anfuhren.

Wie eigentlich immer wussten meine beiden Streifenpartner nicht, ob sie diese Ruhe gut finden sollten oder lieber nicht. Irgendwie ist ja ein ruhiger Tag auch mal schön, aber irgendwie ist es auch blöd, wenn man Besuch hat und seine Arbeit präsentieren möchte. Wie immer versuchte ich zu erklären, dass ich weiß, was unsere Polizeibeamten leisten, auch wenn mal nicht ein Einsatz nach dem anderen einschlägt… Und ich kam dazu, eine Menge Fotos von grün-weißen Streifenwagen zu machen. Ich bin ja in einem Alter, in dem ich mich noch sehr schnell an das grüne Modell zurückgewöhnen kann.

 

20160817_123829_klein_schrift

Apropos Streifenwagen in Bayern. BMW. Wunderbar. Ich gebe zu, in meinem Alter merkt man das schon in den Knien, wenn man öfter ein und aussteigt. Ich fürchte, ich wirkte dabei auch nicht unbedingt elegant. So richtig viel Platz hat man auch nicht. Aber bei einer Einsatzfahrt, bei der doch arg beschleunigt wird – Wahnsinn. Das Ding liegt wie ein Brett auf der Straße. Alles hat seine Vor- und Nachteile.

dsc01129_klein_schriftHier einmal zu Illustrationszwecken ein Foto eines BMW-Streifenwagens in München, der vor meinem Sightseeing-Bus mit sehr hoher Geschwindigkeit und Sondersignalen um eine Verkehrsinsel herumflog. Man sieht die Fliehkräfte recht gut…

Nachdem ich alle Drogenumschlagplätze und sonstigen Hot Spots gezeigt bekommen hatte, wo heute überall himmlische Ruhe herrschte, fuhren wir einen Treffpunkt der Trinkerszene am Bahnhof an. Dort begegneten wir einem alten Bekannten der Fürther Polizei – ein Herr, der durch aggressives Betteln sein Brot verdient. Ihm wurde ein Platzverweis erteilt. Übrigens sah ich ihn bereits am Tag darauf wieder, als ich am Fürther Bahnhof ausstieg, um einige Briefe zum Postamt zu bringen. Am Treffpunkt der Trinkerszene trafen wir auch einige Herren an, denen ebenfalls ein Platzverweis erteilt wurde. Mit einem der Herren unterhielt sich Daniel länger – sein Gesprächspartner war nämlich ziemlich frisch aus dem Gefängnis entlassen worden. Offenbar fühlte er sich dem Leben außerhalb der Gitter nicht so recht gewachsen, er wollte gerne wieder „einfahren“.

In nördlicher gelegenen Bundesländern (also in allen außer Bayern und Baden-Württemberg) hat die bayerische Polizei den Ruf, recht ruppig vorzugehen. Ich persönlich kann das so nicht bestätigen, ich habe an diesem Tag bei der bayerischen Polizei genau die kommunikativen Fähigkeiten vorgefunden, die ich so schätze, wie in Rheinland-Pfalz und Bremen auch. Nur mit anderem Akzent… wp-monalisa icon Bei diesem Gespräch sah ich sie zum ersten Mal.

Jedenfalls erzählte mir danach Daniel einiges über das, was in deutschen Knästen so vor sich geht. Ich muss zugeben, dass ich seitdem noch klarere Zweifel daran habe, ob eine Gefängnisstrafe den betroffenen Menschen besser machen kann, als zuvor schon. Gut, werden mir manche entgegenhalten – aber er ist immerhin einige Monate / Jahre von der Straße weg und kann der Gesellschaft nicht mehr schaden. Tja… wenn er aber als Kleinkrimineller einfuhr und kommt als voll ausgebildeter Berufskrimineller wieder raus – ob das der Gesellschaft so viel weiterhilft? Ich bin mir da ehrlich nicht so sicher – auch wenn mich für dieses Bekenntnis einige Leserinnen und Leser unserer Internetpräsenzen steinigen werden. Eine bessere Idee habe ich aber auch nicht.

Zumindest aber könnte die eine oder andere Geldstrafe etwas höher ausfallen, damit es auch wirklich mal weh tut.

 

Last but not least hatten wir einen Einsatz wegen eines Verkehrsunfalls. Zwei KfZ waren vor einem Supermarkt ineinander geprallt, eine durch eine Baustelle bedingte Fahrbahnverengung hatte einen Herrn veranlasst, die Spur zu wechseln und eine junge Frau war nicht schnell genug beim Bremsen. Die Stimmung an der Unfallstelle war recht friedlich. Es hatte sich auch ein unbeteiligter Zeuge gefunden. Daniel und Myriam nahmen die Personalien der Beteiligten auf. Der Unfall selbst wurde dann – eine bayerische Spezialität – von der Verkehrspolizei aufgenommen. Diese Polizisten kommen dann ins Spiel, wenn es Verletzte gibt – was sich erstmal wild anhört, in dem Fall aber unblutig blieb, da es sich um Rückenschmerzen durch den Aufprall handelte.

 

Nun war es schon an der Zeit für die Übergabe an die nächste Schicht / Streife. Nun fuhr ich mit Kevin und Max. Diese beiden jungen Männer beschäftigten meine Lachmuskeln sehr intensiv. Selbstverständlich traten sie den Menschen, mit denen sie dienstlich in Kontakt gingen, gegenüber angemessen auf. Auch diese beiden hatten diese kommunikativen Fähigkeiten, die ich so schätze. Aber im Streifenwagen wurde ausgiebig gewitzelt. Mir taten nach meinem persönlichen Schichtende um zwei Uhr nachts die Lachmuskeln weh.

 

Unser erster Einsatz war ebenfalls ein Verkehrsunfall. Auch hier hatte es bei einem Spurwechsel geknallt. Ein älteres Ehepaar war einer Dame mit Kindern im Auto aufgefahren. Die Zeugen, die dankenswerterweise den Notruf betätigt hatten, hatten insgesamt die Unfallfolgen leicht überschätzt, denn nach und nach trudelten einige Blaulichtfahrzeuge der verschiedensten Fakultäten ein.

20160817_182938_klein_schrift

Bei einigen Zeuginnen stieg kurzfristig das Aggressionsniveau, als eine weitere Zeugin ihren Eindruck des Unfallhergangs schilderte. Offensichtlich gab es hier Unterschiede in der Wahrnehmung. Allerdings brachten meine beiden Streifenpartner freundlich, aber bestimmt, Ruhe in die Sachlage. Interessanterweise waren die eigentlich Betroffenen viel ruhiger. Nach einer ersten emotionalen Aufwallung noch vor unserem Eintreffen überwog doch das gegenseitige Verständnis für den Schreck, den die Menschen im jeweils anderen Auto erfahren hatten. So geht’s halt auch.

Da hier schmerzende Rücken und Halswirbelsäulen zu beklagen waren, wurde wieder die Verkehrspolizei hinzugezogen.

Für mich erstaunlich übrigens – plötzlich zog ein Herr meinen Blick auf sich, weil er mit einer sehr guten, lichtstarken und auffälligen Kamera auf den Plan trat.

„Presse“, flüsterte mir einer meiner beiden Herren zu.

Spannend, wie schnell sich solche Vorfälle rumsprechen.

 

Nur wenige Kilometer von diesem Einsatzort entfernt, auf der gleichen Straße, wurde der Polizeinotruf erneut gewählt. Eine hilflose Person sollte sich auf einer Bank an einer Bushaltestelle befinden. Da Max und Kevin just die Informationen über die aufgenommenen Personalien an die Verkehrspolizei weitergereicht hatten, bekamen wir den Einsatz. Tatsächlich fanden wir recht schnell unseren Einsatzort. Es handelte sich um die vorletzte Haltestelle einer Buslinie.

Schon aus dem Auto heraus gab es klare Anzeichen dafür, dass hier starker Alkoholkonsum die Ursache sein könnte. Der Mann lag nämlich quer über drei Schalensitzen. Bequem kann das nicht gewesen sein. Offenbar war da das Schmerzempfinden weitestgehend ertränkt worden.

Max und Kevin versuchten, den Mann darauf aufmerksam zu machen, dass vor ihm ein Polizeiauto stand – keine Chance.

Wir stiegen aus.

Symbolfoto (andere Einsatzörtlichkeit)
Symbolfoto (andere Einsatzörtlichkeit)

Die These des gesteigerten Konsums harter alkoholischer Getränke erhärtete sich – sie setzte sich sozusagen in unseren Nasenlöchern fest. Es war ein warmer Tag mit um die 25 Grad. Die Sonne schien erbarmungslos in diese Haltestelle, die Glaswände hielten jeden Wind ab. Die Wirkung des Alkohols dürfte das noch gesteigert haben.

Neben dem Mann lagen zwei Tüten.

Während Kevin überprüfte, ob der Mann überhaupt noch Puls hatte, durchsuchte Max die Tüten. In einer befanden sich diverse Flaschen eines preiswerten, aber harten, Schnapses. In der anderen befand sich – Gefriergut. Dieses war natürlich durch das lange Stehen in der Sonne komplett aufgetaut und nach meinem persönlichen Dafürhalten nicht mehr genießbar. Wegnehmen durfte es ihm die Polizei aber nicht.

Kevin rüttelte den Mann wach.

Es lag auf der Hand, dass er wirklich heillos betrunken war. Zudem sprach er nicht sehr gut deutsch, so dass die Konversation sich schwierig gestaltete. Zuerst wollten meine beiden Herren wissen, mit wem sie eigentlich zu tun hatten.

„Wie ist Ihr Name?“

Keine Antwort, leerer Blick.

„Haben Sie einen Ausweis dabei?“

Noch leererer Blick.

„Passport?“

Wildes Kopfschütteln.

„Ich arbeite bei…“

Er nannte uns den Namen seines Arbeitgebers. Ein Arbeitgeber, der mit Tiefkühlprodukten zu tun hatte. Ich konnte die Absurdität der Situation durchaus im Stillen für mich würdigen.
Endlich verstand er aber, dass er seinen Namen sagen sollte.
Er gab uns die Information seines Vornamens.
Kevin hielt ihm sein Notizbuch und einen Stift hin und bedeutete ihm, er solle es aufschreiben. Das tat er auch. Was Alkohol aus einer Schrift machen kann…

Schließlich entlockten sie ihm auch noch seine Adresse und sein Geburtsdatum. Da uns 96 als Geburtsjahr etwas unwahrscheinlich erschien (der Mann war alterstechnisch deutlich näher an mir als an den beiden Polizisten, mit denen ich unterwegs war), handelte es sich hier offensichtlich um einen Zahlendreher.
Hoffentlich der einzige…

Mit diesen spärlichen Angaben konnte Kevin tatsächlich herausfinden, wer er war und wo er wohnte. Er wohnte genau am anderen Ende der Buslinie. Offensichtlich hatte er das kurz vor der Endhaltestelle bemerkt und war ausgestiegen. Allerdings hatte er dann vergessen, die Straßenseite zu wechseln und war alkoholbedingt an der Ausstiegshaltestelle eingeschlafen.

Max und Kevin erklärten ihm sehr geduldig und mehrfach, dass er auf die andere Straßenseite müsse, um seinen Bus nach Hause zu nehmen. Er stand auf und konnte sogar gerade gehen. Ein Alkotest ergab eine gar nicht mal so hohe Alkoholisierung. Deswegen war eigentlich nur noch eine Frage offen:

„Haben Sie eine Fahrkarte?“

Schließlich sollte es nicht passieren, dass er schwarz fuhr – und das noch sozusagen auf Anweisung der Polizei.

„Na klar.“

Er griff sich… in die Unterhose… und holte da eine Brieftasche hervor, die er Kevin in die Hand drückte.

Ich muss zugeben, dass es mir in diesem Moment sehr schwer fiel, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten; sie wollten mit aller Macht entgleisen.

Was war ich dankbar, dass ich das nicht entgegennehmen musste. Ich nehme an, Kevin war heilfroh, dass er noch Handschuhe trug. In dieser Brieftasche fand sich nicht nur eine gültige Fahrkarte, sondern auch ein Ausweis…

Kommunikation mit Alkoholisierten ist nur bedingt effektiv…

Wieder im Streifenwagen – unseren Gesprächspartner mitsamt seinen Tüten und seiner Fahrkarte im richtigen Bus nach Hause wissend – mussten wir erst einmal kräftig lachen. Keinem von uns war der Widerspruch zwischen seinem Arbeitgeber und seinem Umgang mit Tiefkühlkost entgangen.

 

Als nächstes versuchten wir eine Gewaltschutzverfügung an den Bewohner eines Flüchtlingsheims zuzustellen. In diesem Fall handelte es sich um einen Mann, der sich seiner Noch-Ehefrau nicht mehr nähern durfte.

Übrigens gab es in Fürth wohl in diesen Flüchtlingsheimen bislang nicht ein einziges Mal Ausschreitungen gegen die Polizei. Das heißt nicht, dass es solche nirgends gibt. Es heißt aber auch, dass diese Verallgemeinerei hier genau so wenig weiterhilft wie überall… Bei einer Million Menschen liegt auf der Hand, dass nicht nur Gute darunter sind. Aber ebenso sind nicht nur Schlechte darunter. Menschen eben…

Nun hilft es sicher, dass in Fürth in erster Linie Familien untergebracht sind. Dennoch sind diese Verallgemeinerungen vollkommen sinnlos, egal, wen sie betreffen.

Diese Zustellung mussten wir abbrechen, da wir einen Einsatz reinbekamen. Ein räuberischer Diebstahl hatte stattgefunden. Ein Handy war geraubt worden. Der Täter – ein Jugendlicher von 14 Jahren mit einem orangen T-Shirt. Er war einer Zivilstreife, die ihn angehalten hatte, davongefahren. Wir halfen bei der Fahndung. Letztlich trafen wir ihn bei sich zuhause an. Ebenso fand sich das Handy in seinem Besitz.

„Das hat mir der X zur Aufbewahrung gegeben und dann nicht mehr wiederhaben wollen.“

Ein Jugendlicher, der sich freiwillig über einen längeren Zeitraum und über eine größere räumliche Entfernung von seinem Smartphone trennt?

Das erschien mir persönlich höchst unwahrscheinlich.

Da es mittlerweile auch Zeugenaussagen gab, die die Version des Raubopfers belegten, nahmen wir ihn mit auf die Wache. Sein Vater weigerte sich, ihn zu begleiten. Für seinen Geschmack hatte sein Sohn einmal zu oft mit der Polizei zu tun gehabt. Seine Mutter hingegen bestand darauf, bei der anstehenden Vernehmung dabei zu sein.

Bei der Vernehmung durfte ich zeitweise zugegen sein. Ich war beindruckt. Zum einen, wie angebrüht ein 14-Jähriger schon lügen kann. Zum anderen aber war ich sehr positiv beeindruckt von der Vernehmung durch den Jugendsachbearbeiter, der sich keine Sekunde auf der Nase herumtanzen ließ, aber sachlich und freundlich blieb und letztlich die Wahrheit aus dem Jungen herausholte.

 

Da es in Fürth deutlich ruhiger wurde, nahmen sich der Dienstgruppenleiter und einige seiner Leute die Zeit, mich im Wachraum ein wenig auszufragen. Zuerst über den Verein und anschließend, ob ich ebenfalls ein Abendessen wollte und wenn ja, welches. Ja, ich wollte. Einer der Herren unterhielt sich eine Weile mit mir über seine Zeit bei der Bereitschaftspolizei.

Beim gemeinsamen Essen erfuhr ich dann, dass einige der Damen und Herren mit mir am Tisch schon einmal eine Genesungskarte von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. erhalten hatten. Eine Information, die ich immer mit gemischten Gefühlen aufnehme. Natürlich freut es mich nicht, wenn Menschen von uns eine Karte bekommen müssen. Schließlich heißt der Verein KEINE Gewalt gegen Polizisten e.V. und nicht MÖGLICHST VIEL Gewalt gegen Polizisten e.V. Andererseits freut es mich immer, dass diese Karten offenbar exakt den Rückhalt ausstrahlen, der auch von uns beabsichtigt ist. Ich habe noch nie die Rückmeldung bekommen, dass das Wissen um Bürger, denen es nicht egal ist, wie mit ihren Polizeibeamtinnen und -beamten umgegangen wird und die ihre Arbeit zu schätzen wissen, nicht gut täte.

Nach dem Essen vertrat Max für eine Weile den Wachhabenden. Da die Nacht für meine Verhältnisse (ich hatte gerade mehrere Wochen in einem Hochalpental mit richtig kalten Nächten hinter mir) sehr warm war, leistete ich ihm eine Weile Gesellschaft, denn dort war es angenehm kühl. Und natürlich waren die Gespräche interessant, die wir führten.

 

Plötzlich wurden wir unterbrochen von einer Frau, die in Tränen aufgelöst ihre 13-jährige Tochter vermisst melden wollte. Es war mittlerweile nach Mitternacht, die Tochter war deutlich überfällig und ging auch nicht an ihr Handy. Max begann schon, das Notwendigste einzuleiten, als plötzlich das Smartphone der Frau klingelte. Die Tochter. Da stand ein Donnerwetter an und ein nicht sonderlich harmonischer Familienabend, aber es war kein Fall für die Polizei. Alle waren erleichtert. Nicht wegen der eingesparten Arbeit, sondern weil Teenager in elterlicher Obhut im Regelfall besser unter sind als irgendwo draußen in der Nacht.

 

Schließlich fuhren wir wieder raus. Zuerst ging es in ein Flüchtlingsheim, um endlich die Gewaltschutzverfügung auszuhändigen. Es ging auf ein Uhr morgens zu, also nicht die klassische Uhrzeit, zu der man Post überbringt. Zuerst war ich auch ein wenig verwundert. Als wir dann vor Ort ankamen, wurde mir einiges klar.

Symbolfoto (andere Einsatzörtlichkeit)
Symbolfoto (andere Einsatzörtlichkeit)

So gut wie niemand schlief in diesem Haus. Viele Menschen hielten sich draußen auf. Wir wurden freundlich empfangen, neugierig beäugt. Wir fragten uns zur Zimmernummer des Empfängers des Briefes durch. Dort klopften wir ein Ehepaar im besten Alter aus dem Schlaf. Sie wiesen sich aus. Nicht der gesuchte Mann. Sie beschrieben uns aber mit Händen und Füßen den Weg in einen anderen Gang. Und siehe, auch dort fanden wir die besagte Zimmernummer. Dort klopften wir eine Alleinerziehende aus dem Schlaf. Die Dame konnte auch nicht der Gesuchte sein. Schließlich brachte uns ein Mann zu einem weiteren Zimmer mit der besagten Nummer…

Langer Rede, kurzer Sinn. Die Struktur des Flüchtlingsheims erschloss sich mir nicht wirklich und übersichtlich ist auch anders. Auch dort fanden wir unseren Briefempfänger nicht. Schließlich erbarmte sich eine Frau, die mit ihrem behinderten Sohn in den Gängen spazieren ging, unser, und führte uns zum vierten Zimmer mit dieser Nummer. Dieses war dann das Richtige. Hurra!

Der Herr beteuerte seine Unschuld. Der Punkt ist allerdings, dass es nicht Aufgabe der Polizei ist, über Schuld und Unschuld zu befinden. Hier war ein Schreiben eines Gerichts/einer Staatsanwaltschaft zuzustellen und der Empfang musste quittiert werden. Nachdem ihm meine beiden Streifenpartner die Sorge nehmen konnten, mit seiner Unterschrift unter der Empfangsquittung eine Schuldanerkenntnis zu unterschreiben, leistete er diese auch.

Damit war dieser Einsatz beendet. Mir seien noch ein paar persönliche Worte zu dieser Unterkunft gestattet. Wer solch eine Unterkunft von innen gesehen hat und dann noch ernstlich die Behauptung aufrecht erhalten möchte, die da lautet „Die kriegen alles, und wir nichts.“, der muss dringend mal zum Augenarzt. Das sind Verhältnisse, in denen kein Mensch langfristig leben kann und möchte. Und ja, ich habe schon Wohnungen von Menschen gesehen, die Hartz IV beziehen. Das ist auch sehr weit entfernt von Luxus, aber immer noch besser als das, was ich dort gesehen habe. Die Ärmsten der Armen gegeneinander auszuspielen ist einfach nur sinn- und geschmacklos.

 

Im Anschluss an diesen Einsatz bestreiften wir das nächtliche Fürth. Unter anderem auch einen der Drogenumschlagplätze, an dem ich morgens schon mit Daniel und Myriam gewesen war. Ebenso erfolgreich. Offenbar wirkt meine bloße Anwesenheit abschreckend auf entsprechende Personen. wp-monalisa icon

 

Plötzlich winkten uns drei Jugendliche. Sie waren auf einer Party an der Pegnitz gewesen. Dort war auch Alkohol geflossen. Zwei von ihnen waren volljährig. Netterweise hatten sie einen 17-Jährigen, den seine Freunde allein gelassen hatten, unter ihre Fittiche genommen, obwohl sie ihn kaum kannten. Der Junge war stramm betrunken gewesen und sie hatten sich erboten, ihn nach Hause zu bringen. Zu ihrem Entsetzen war er mitten auf dem Weg durch Fürth zusammengebrochen, nachdem er zuerst hinter einem Baum seine Notdurft verrichtet und sich auch an Beinen und Hose eingekotet und mit Erbrochenem übersäht hatte. Die Erleichterung war groß, als zufällig Freund und Helfer in Gestalt meiner beiden jungen Herren auf den Plan trat.

Sofort steigen die beiden aus. Max überprüfte den Puls des Jungen und suchte nach einem Ausweis. Da die anderen drei gut auf ihn aufgepasst hatten, hatte er noch all seine Habseligkeiten bei sich. Also standen seine Personalien recht schnell fest. Noch schneller stand fest, dass er dringend einen Rettungswagen brauchte, den Kevin auch schon einbestellt hatte.

Nun begann das Warten. Der Junge stöhnte mehrfach laut, was aber beruhigender war als Stille. Gefühlt dauerte es eine Ewigkeit, bis der Rettungswagen eintraf, in Wirklichkeit ging es recht schnell. Die lockere Art meiner Beiden half den Jugendlichen gut über diese Wartezeit hinweg.

Der RTW der Feuerwehr war aus dem benachbarten Nürnberg gekommen, weil die Fürther Rettungswagen offensichtlich samt und sonders im Einsatz waren. Nun ja, es war eine Vollmondnacht! Da kann es auch in einer Nacht mitten in der Woche mal eng werden…

20160818_000850_klein_schrift

 

Die Sanitäter bestätigte die Annahme von Max und Kevin, dass neben Alkohol noch weitere Drogen im Spiel gewesen sein müssen. Die Ausfallerscheinungen waren für Alkohol einfach zu untypisch.

Immerhin würde der Junge das Abenteuer überleben.

Max und Kevin blieb nun der wenig angenehme Part, den Eltern des Jungen die Nachricht zu überbringen, dass ihr Sohn vollgepumpt mit mindestens zwei Drogen in einem Krankenhaus lag und in welchem.

 

Auf dem Weg zur Wohnadresse passierten wir noch einige Partyheimkehrer. Einer von ihnen pinkelte gerade hingebungsvoll gegen ein geparktes Auto. Das konnte natürlich so nicht stehen gelassen werden, also stoppte Max den Wagen. Personenkontrolle!

„Geht das ein bisschen schneller? Wir müssen unseren Bus nach Hause kriegen.“

Irgendwie kann ich mich an diese neuen Töne, die unserer Polizei entgegenschlagen, einfach nicht gewöhnen, egal, in welcher sprachlichen Klangfarbe sie vorgetragen werden. Hört sich für mich in fränkisch kein Stück besser an als in pfälzisch, rheinisch, mainzerisch oder mit norddeutscher Einfärbung.

„Darüber hätten Sie nachdenken sollen, bevor Sie an das Auto uriniert haben.“

Richtige Antwort! Leider ziemlich erfolglos. Wenn uns der junge Wildbiesler nicht so ausführlich und weitestgehend inhaltlich falsch über seine vermeintlichen Rechte und die angeblich nichtvorhandenen Rechte der Polizei „aufgeklärt“ hätte, wäre das mit dem Bus vermutlich auch anders ausgegangen. So dauerte die Personenkontrolle in erster Linie wegen seines Wortschwalles so lange. Alkohol und logisches Denkvermögen schließen einander nachweislich aus.

 

Nun ließ es sich aber nicht länger aufschieben. Die Eltern des 17-jährigen Drogenopfers mussten aufgesucht und informiert werden. Wir parkten vor einem Haus ein, das von außen sehr gepflegt wirkte.

Ich erinnerte mich an den Gesichtsausdruck meiner Mutter, als ich mit 16 von der Polizei nach Hause gebracht worden war, nachdem ich Karneval den letzten Zug verpasst hatte. Darin war schon der pure Schrecken geschrieben gewesen, obwohl ich ja heil und gesund vor ihr stand.

Wenn nun die Polizei weit nach Mitternacht klingelt, während der Sohnemann weder daheim noch in Begleitung der Polizisten ist – wer glaubt schon daran, dass da eine gute Nachricht überbracht wird?

Entsprechend fiel die Reaktion der Eltern aus. In diesem Fall war der Vater schockierter als die Mutter. Es stellte sich nämlich heraus, dass er selbst als Rettungssanitäter arbeitet und seinen Kindern immer von den Drogenopfern erzählt hatte, die er über die Jahre ins Krankenhaus transportiert hatte. In der Hoffnung, damit eine abschreckende Wirkung zu erzielen.

Das hatte wohl leider nicht funktioniert. Er tat mir wirklich leid.

 

Nachdem wir die Eltern verlassen hatten, fuhren wir wieder in Fürth Streife. Dabei sahen wir unsere jugendliche Truppe um den Autourinierer wieder. Offenbar hatten sie tatsächlich ihren Bus verpasst. Na ja, einfach in Zukunft eine Toilette aufsuchen und schon erspart man sich eine Personenkontrolle…

Symbolfoto
Symbolfoto

Last but not least kontrollierten Max und Kevin noch einen Radfahrer, der uns um kurz vor drei begegnete. Ein altmodisches Damenrad, das von einem jungen Mann gefahren wurde, kam ihnen eigenartig vor. Er war allerdings nur auf dem Weg zur Arbeit, es handelte sich um das Fahrrad seiner Mutter.

 

Da ich nun schon 14 Stunden im „Einsatz“ war und auch recht müde wurde, machte ich dieses Mal eine Ausnahme von meiner Regel, eine Schicht bis zum bitteren Ende durchzuhalten. Das sollte ich noch bereuen.

Ich gab meine Schussweste ab. Dieses Mal übrigens wieder ein Modell „Unterziehweste“, deswegen gibt es davon keine Fotos. Steht mir nach wie vor nicht.

Ich bedankte mich bei den Damen und Herren der Dienstgruppe, die gerade in der Dienststelle waren, für die nette Aufnahme. Das wiederhole ich an dieser Stelle gerne noch einmal. Danke! Danke an den Dienststellenleiter. Und danke an Daniel, Myriam, Kevin und Max. Ihr seid alle klasse!

 

Max und Kevin bestreiften die Gegend, in der mein Hotel lag und ließen mich bei der Gelegenheit aus dem Streifenwagen. Noch während ich mich verabschiedete, kam die Rezeptionistin vor die Tür.

„Ist etwas passiert?“

stickered_20160818_025140_klein_schriftNein, zum Glück nicht. Ich hatte nur wieder eine sehr spannende und individuelle Schicht hinter mich gebracht.

Just in diesem Moment bekamen die beiden einen neuen Einsatz herein. Eine Dame hatte den Notruf gewählt. In ihrem Swimming-Pool hielten sich zwei ihr unbekannte Männer auf. Nackt.

Och, Mensch.

Und ich hatte keine Schussweste mehr.

Also blieb mir nur, Kevin und Max bedauernd hinterher zu winken und mich zu ärgern.

Nächstes Mal bleibe ich wieder, bis der Dienstgruppenleiter das Schichtende ausruft. Sowas verpasse ich nicht noch einmal.

 

Comments are closed.