Besser spät als nie – eine Nachtschicht bei der Polizei in Remagen

So mancher wundert sich vielleicht, warum ich mich für Nachtschichten in diversen Städten (nicht nur) von Rheinland-Pfalz herumgetrieben habe, aber ausgerechnet nie in meiner Heimatdienststelle.

Na ja, ein bisschen stand ich mir da selbst im Weg, denn ich hatte immer die Befürchtung, bei jemandem auf der Matte stehen zu müssen, den ich kenne.

Irgendwann stellte ich im Gespräch mit dem Dienststellenleiter fest, dass ich auch einfach im Streifenwagen bleiben könnte, sollte im Funk ein mir bekannter Name fallen.

Nachdem ich dann auch Bedenken des Dienststellenleiters ausräumen könnte (Zitat: „Ich fürchte, Sie könnten sich in Remagen langweilen, nachdem Sie schon in Ludwigshafen und Mainz dabei waren.“) fehlte ja nur noch die Terminfindung.

Nun ist mir meine Heimatdienststelle wichtig genug, dass ich diese Nachtschicht, nachdem allseits sämtliche Befürchtungen zerstreut waren, unbedingt noch vor meinem Urlaub einlegen wollte. So stand ziemlich schnell eine Nacht von Freitag auf Samstag – und das, obwohl in derselben Woche eine Nachtschicht in Ludwigshafen stattgefunden hatte. Also für mich, für die Ludwigshafener Polizei findet da jede Nacht eine statt… Ich muss zugeben, dass das ein ganz schöner Schlauch war, aber andererseits kann ich jetzt noch besser nachfühlen, wie es einem gehen kann, wenn man sich zweimal die Woche eine Nacht um die Ohren schlägt. Alle Achtung! Ich habe einige Tage gebraucht, meinen Rhythmus wieder zu normalisieren.

Und, um es gleich vorweg zu sagen – ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Dafür war viel zu viel los.

Ich war ziemlich aufgeregt, als ich eintraf, weil mich die Nachtschicht in Ludwigshafen weitgehend an meine Grenzen gebracht hatte. Das lag nun nicht an den Leuten in Ludwigshafen – im Gegenteil. Körperlich war ich an einem Limit angekommen und ich hatte die Befürchtung, dass das in dieser Nacht nicht unbedingt besser werden würde. Also versuchte ich, ein wenig vorzuschlafen.

Wie immer wurde ich sehr freundlich empfangen und mit einer Schussweste versorgt. Dann wurde ich als erstes darüber aufgeklärt, dass nur drei Polizisten an Bord seien sowie eine Auszubildende. Mein Angebot, die Sache auf einen anderen Zeitpunkt zu verschieben, wurde aber abgelehnt. „Später wird das auch nicht besser.“
Ach so. Na, dann…

20160716_055059_klein_schriftEs kam Verstärkung von einer benachbarten Polizeidienststelle, wo ein Polizist „zu viel“ zur Verfügung stand – soweit man von „zu viel“ sprechen möchte, wenn dort fünf statt sechs zum Dienst antraten. Somit konnten dann immerhin zwei Streifenwagen besetzt werden – eine etwas andere Hausnummer als in Mainz oder Ludwigshafen. Sogar eine ganz andere Hausnummer als in Frankenthal. Mir schwante, dass mir hier wohl kaum der Satz entgegenschallen würde, wie übertrieben es doch sei, mit einer ganzen Phalanx Polizisten am Einsatzort zu erscheinen.

Mein Streifenteam bestand aus Alex, einem jungen Polizisten, sowie Marc, der schon einiges an beruflicher Erfahrung gesammelt hatte. Nicht nur in Rheinland-Pfalz, übrigens. Beide mussten noch ein paar Berichte zu ihrer letzten Schicht verfassen. In der Zeit hielt ich mich im Sozialraum auf, wo ich mit einigen Polizisten der Vorschicht ins Gespräch kam.

Manchmal mache ich mir ja Sorgen, dass ich die Leute nerven würde, aber ich bin eigentlich immer auf einen enormen Mitteilungsbedarf gestoßen. Vielleicht sollten sich mal jene, die in den Parlamenten und Ministerien über die Rahmenbedingungen von Polizeiarbeit entscheiden, diesem Gesprächsbedarf stellen. Natürlich ändert das nichts daran, dass man in der Politik immer auch finanziell eingeschränkt ist, da in einem Gemeinwesen vielerlei Interessen verfolgt und bezahlt werden müssen. Aber vielleicht ändert es doch etwas daran, mit welcher Vehemenz man finanzielle Mittel fordert für jene, die da tagtäglich für uns den Kopf hinhalten.

Nachdem Alex und Marc ihre Berichte soweit erledigt hatten, bestreiften wir das Dienstgebiet. Das heißt, wir versuchten es. Wieder einmal sollte es mir nicht gelingen, das gesamte Dienstgebiet in einer Schicht zu Gesicht zu bekommen.

Auch in Remagen wurde ich darüber aufgeklärt, dass der Platz für Freiwillige im Streifenwagen hinter dem Fahrer sei. Im Funk war der Funkverkehr der gesamten Direktion zu hören, was aber immer noch deutlich ruhiger war als der Funk in Mainz oder Ludwigshafen.

Alex fragte mich, was mich interessieren würde. Da ich in der Gegend aufgewachsen bin, lautete die Antwort ziemlich unspezifisch „alles“. „Alles“ ist natürlich eher schwierig zu liefern, also schob ich nach: „Macht einfach eure Arbeit wie immer, ich bin wie ein Praktikant am ersten Tag, mich interessiert ausnahmslos, was ihr macht.“

Nach der Verwarnung eines Radfahrers mit einem Handy am Ohr (bei dem im Unterschied zu dem in Ludwigshafen allerdings keine verbotenen Waffen beschlagnahmt werden mussten), drehten wir zu meiner Überraschung eine kleine Runde über den Parkplatz hinter einem Schulzentrum. Eine dieser Schulen habe ich vor sehr langer Zeit selbst besucht. Damals war der Schulhof noch nicht eingezäunt gewesen. Ich frage mich, wer mit so einem Zaun vor wem geschützt werden soll.

Auf dem Parkplatz fand sich auch ein nicht wirklich dekorativer Müllhaufen. Alex sprach einige Jugendliche in der Nähe darauf an. Diese Befragung brachte leider auch nichts Genaueres ans Licht.

Weiter ging es in ein ehemaliges Gewerbegebiet. Vor 30 Jahren hatte sich dort ein großes Einkaufszentrum befunden – damals nicht unbeliebt bei den regionalen Teenies. Vor nicht ganz zehn Jahren ging der letzte Supermarkt. Heutzutage ein wunderbares Gelände für die eher lichtscheuen Mitglieder unserer Gesellschaft. Bis auf ein abgestelltes Fahrzeug, in das Alex auch hineinleuchtete, war zu diesem Zeitpunkt dort alles ruhig.

Gerade wollten wir weiter in Richtung Niederzissen fahren, als ein Funkspruch durchkam. Der Wachhabende bat uns an einen Bahnhof, einige Ortschaften weiter im Norden, zu fahren. Ein Bürger hatte zwei merkwürdige Fahrzeuge dort stehen sehen. Gesagt, getan. Eine Überprüfung der Kfz-Kennzeichen ergab allerdings, dass sie einfach zu einem Handwerksbetrieb gehörten.

Wo wir schon einmal in der Gegend waren, bestreiften wir Schrebergärten, in die hier und da schon einmal eingebrochen worden war. Von da hat man einen sehr schönen Blick auf das Nachbarbundesland Nordrhein-Westfalen.

dsc00415_klein_schrift

Wieder auf der Bundesstraße entdeckten meine beiden Begleiter ein Fahrzeug an einer geschlossenen Tankstelle. Sie fuhren hin. Das Kennzeichen stammte aus dem hohen Norden dieser Republik. Am Steuer eine Dame, die offensichtlich nicht genau wusste, wo sie war. Das Navi hatte widersprüchliche Informationen geliefert (DAS kenne ich…). Eine kurze Wegbeschreibung und schon war sie wieder auf dem richtigen Weg.

Nächster Versuch, ans andere Ende des Dienstgebietes zu kommen. Wieder wurde dieses Unterfangen von einem Funkspruch unterbrochen. „Am Bahnhof in x wurde eine abgängige Minderjährige gesichtet. Fahrt da mal hin.“

Blaulicht! Ohne Martinshorn. Platz machten die Leute trotzdem. Manchmal klappt’s.

Wir zirkelten durch die gesamte Gegend rund um den Bahnhof. Die Minderjährige machte dem Adjektiv „abgängig“ alle Ehre, sie war und blieb wie vom Erdboden verschluckt.

Nachdem wir geraume Zeit gesucht hatten, fuhren wir in die Dienststelle, damit meine beiden Herren schon mal die ersten Berichte der Nacht schreiben konnten.

20160716_012726_klein_schriftDiese Zeit nutzte ich für ein kurzes Gespräch mit dem Dienstgruppenleiter. Da er gleichzeitig Wachhabender war, Anrufe entgegennahm (sowohl über die Amts- als auch über die Notrufleitung) und den Funk bediente, wurden wir ziemlich oft unterbrochen. Bei meiner Nachtschicht in Ludwigshafen, eine Woche vorher, hatten das zwei Leute gemacht. Und die hatten schon alle Hände voll zu tun gehabt. Immerhin gab mir das die Zeit, wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen, dass auf der Mappe der Dienstgruppe unser Abzeichen prangt. Ein Zeichen der Wertschätzung unserer Arbeit, das mich sehr gefreut und berührt hat.

Letztlich beendet wurde unser Kurzdialog in Etappen durch den Anruf eines Herrn, der im Nahverkehrszug von Köln nach Mainz seinen Rucksack vergessen hatte, darin befindlich ein teures Tablet. Wir fuhren zum Bahnhof. In Remagen haben diese Züge immer einen etwas längeren Aufenthalt, weil ein Zugteil abgekoppelt wird. Das gab uns die Zeit, den Zug zu durchsuchen. Dabei konnte ich sogar mal helfen, denn nach herrenlosen Rucksäcken schauen kann ich auch. Ich möchte fast sagen, dass ich auf herrenlose Gepäckstücke in öffentlichen Verkehrsmitteln regelrecht konditioniert bin, denn ich lebte während der 90er Jahre in Paris, das schon damals von einer Terrorwelle erschüttert wurde. Gegen die aktuelle mutete diese aber vergleichsweise harmlos an.

Wenig verwunderlich – der Rucksack war verschwunden. Auch eine Rückfrage bei den Zugbegleitern und dem Herrn von der Security an Bord half da nicht weiter.

Zurück zur Dienststelle. Weiter ging es mit den Berichten. Oder besser mit dem Versuch, denn kaum waren wir drinnen, kam auch ein Anruf über eine Ruhestörung rein. Also wieder raus mit uns.

Die Musik in der betroffenen Kneipe war übrigens voll nach meinem Geschmack. Aber nichtsdestotrotz zu laut. Die Herrschaften waren auch einsichtig und drehten den Regler leise.

Als wir wieder im Streifenwagen Platz genommen hatten, entschieden Alex und Marc, noch einmal ein wenig Streife zu fahren. Auf der Bundesstraße ereilte uns dann ein Einsatz in einem Ort, zu dem wir etwa 10 Minuten Fahrzeit hatten, über kurvige, teilweise reicht steile, Straßen. Besonders im Winter stelle ich mir das apart vor.

Zwei junge Männer hatten den Notruf gewählt, weil sie beim Autofahren fast einen weiteren jungen Mann überfahren hätten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der noch mitten auf der Straße (hinter einer Kurve, also äußerst ungünstig) gesessen, war aber nicht wirklich ansprechbar gewesen.

Bei unserem Eintreffen fanden wir den Ort des Geschehens sehr schnell, denn die beiden Helfer hatten sich Leuchtwesten angezogen und winkten uns. Die Unfallstelle war sehr professionell abgesichert. Der Junge, mittlerweile ohne Bewusstsein, lag in der stabilen Seitenlage. Einer der beiden Helfer trug eine Weste vom THW, daher wahrscheinlich sein profimäßiges Vorgehen am Ort.

Alex kümmerte sich sofort um den Jungen, von dem nichts zu hören war außer regelmäßigem Stöhnen. Was allen einen ersten Schrecken einjagte, war eine dunkle Flüssigkeit, mit der sein Gesicht und Teile des Fahrrads bespritzt waren. Diese stellte sich aber heraus als – Ketchup.

Aus seinem Rucksack (den er falsch herum auf dem Rücken getragen hatte) waren Handy, Zigaretten und eine Brille herausgepurzelt. Ein Portemonnaie oder Papiere waren nicht zu finden.

Marc befragte die beiden Ersthelfer. Sie kannten den Betroffenen leider auch nicht. Schließlich rang Alex dem nicht verschlüsselten Handy eine Information ab, die weiterhalf, der Junge konnte identifiziert werden.

Nun warteten wir auf den Rettungswagen. Der war auch recht schnell. Gefühlt zog sich die Zeit dennoch wie Kaugummi. Klar, der Junge hatte einen stabilen Puls und eine regelmäßige Atmung. Aber er reagierte eben nicht auf Ansprache. Zudem hatte er sich eingenässt, wer wusste also schon so genau, wie lange er stabil bleiben würde?

Weder Alex noch Marc sagten etwas, aber eine gewisse Anspannung war ihnen durchaus anzumerken. Auch ich war innerlich ziemlich nervös. Sowas sollte wirklich jeder mal erlebt haben, der sich darüber beschwert, wenn ein Vertreter der Blaulichtfraktion ihn nicht mit ausgesuchter Höflichkeit am Gaffen hindern will.

20160716_024249_klein_schriftDie Besatzung des RTW übernahm sofort den jungen Mann. Er kam sehr schnell in ausreichendem Maße zu Bewusstsein, um im Rettungswagen herumzupöbeln. Nach Einschätzung des Sanitäters war er auch nicht ganz so bewusstlos gewesen, wie es uns erschienen war. Hervorgerufen hatte sein Befinden jedenfalls der Konsum von Kräutermischungen, auch bekannt unter Legal Highs. Da hatte er ja noch Glück gehabt, dass er nur in merkwürdigen Zustand auf dieser Straße aufgefunden worden war und dank der – um es mal nett zu sagen – doch recht gemäßigten Temperiertheit dieses Sommers eine leichte Unterkühlung davongetragen hatte. Es sind schon Menschen an diesem Dreckszeug gestorben.

Kaum war der Rettungswagen eingetroffen, konnten auch die beiden Ersthelfer den Einsatzort verlassen. Marc sagte ihnen: “Ihr wart super!“ Stimmt! Das waren sie. Ich finde es klasse, dass er ihnen das gesagt hat.

Die RTW-Besatzung teilte uns noch mit, in welches Krankenhaus sie den jungen Mann bringen würden, dann fuhren sie ab. Wir suchten den Vater des Jungen auf, um ihm mitzuteilen, wo er seinen Sohn finden würde. Der machte sich auch sofort auf ins Krankenhaus. Was auch nötig war, denn das nächste, was wir von der Sache hörten, war, dass der Sohn im Krankenhaus randalierte.

Damit sollte er nicht allein bleiben. Kaum auf dem Rückweg zur Dienststelle, kam ein Funkspruch herein, dass jemand im Krankenhaus von Remagen randaliere.

Hier merkte ich nun den ersten massiven Unterschied zu meinen bisherigen Dienststellen. Gut, die Anfahrtswege waren etwas länger und Blaulicht, das auf Bäumen im Wald reflektiert, sieht auch sehr speziell aus. Aber das sind Kleinigkeiten. Zufällig hatte ich dem Funk entnommen, dass unsere zweite Streife sich an einem Ort befand, zu dem ich von Remagen aus bei optimalen Verkehrs-, Sicht- und Witterungsverhältnissen etwa eine halbe Stunde fahre. Nun haben die Herrschaften von der Polizei Blaulichter auf ihren Autos, die helfen aber auch nicht gegen Rehe in dunkler Nacht auf Kreisstraßen quer durch den Wald…

Zum ersten Mal bekam ich eine klare Ansage, wohin ich nicht folgen solle und wohin ich mich in Sicherheit bringen könnte, sollte die Sachlage eskalieren. Bisher waren immer genug Leute vor Ort gewesen, dass sich einer der Polizisten darum hätte kümmern können…

Als wir eintrafen war die Sachlage eigentlich recht ruhig, außer dass der des Randalierens Beschuldigte sich auf der Intensivstation aufhielt – wo eigentlich niemand etwas verloren hat, außer Ärzten, Pflegekräften und Patienten. Er legte seine Sicht der Dinge dar – ein Arzt habe seinen besten Freund falsch behandelt. Eine Diskussion, auf die sich Alex und Marc gar nicht einließen. Der betreffende Arzt übrigens auch nicht. Fakt ist, dass in einem Krankenhaus, wie der Name schon sagt, kranke Menschen untergebracht sind, die Ruhe brauchen. Fakt ist auch, dass der Zugang zu einer Intensivstation allgemein beschränkt ist. Last but not least haben die Ärzte dort das Hausrecht. Diese Sachlage brachten beide dem Herrn vor, in sachlichem und ruhigen Tonfall. Damit ließ er sich schon einmal bewegen, sich in den Warteraum zu begeben. Dort warteten noch ein weiterer Mann und eine Frau. Beide gaben an, mit dem in Frage stehenden Patienten befreundet zu sein.

Da sie erst einmal friedlich schienen, sprachen Alex und Marc noch einmal mit dem Krankenhauspersonal. Die waren sich aber einig, dass sie Angst hätten, würden diese Leute im Krankenhaus bleiben. Das warf ein bezeichnendes Licht darauf, was sich vor Eintreffen der Polizei abgespielt hatte. Also mussten meine beiden Herren einen Platzverweis erteilen.

Das war der Moment, an dem ich zurückblieb – in der Nähe eines Fluchtweges, der mir zuvor angezeigt worden war. Alex und Marc gingen zurück in den Warteraum.

Was sich in dieser Zeit in meinem Kopf abspielte, war zuerst einmal eine Mischung aus Mathematik und Erdkunde. Ich weiß, wo die nächsten Dienststellen liegen (Bad Neuenahr, Andernach, Linz und Bonn), ich weiß ungefähr, wie lange man fährt und ich weiß ungefähr, wie die Dienstgebiete aussehen. Linz, auf dem anderen Ufer des Rheins und ohne Brücke in unmittelbarer Nähe, kann man dabei schon mal vergessen, solange die Polizei nicht über Amphibienfahrzeuge verfügt. Selbst wenn die Rheinfähre noch fährt, verzögert sie die Anfahrt viel zu sehr. Wäre Verstärkung nötig, hätte diese aus Bad Neuenahr oder Bonn frühestens in 15 Minuten eintreffen können. Immer vorausgesetzt, eine Streife wäre überhaupt frei und in der Nähe gewesen.

Mit Verlaub ein Scheiß-Gefühl. Kann ich jedem nur empfehlen, der meint, es würde ausreichen, unsere Polizei „auf Kante zu nähen“ oder der sich hier im Polizeistaat wähnt. Genau so stelle ich mir einen Polizeistaat vor…

In diesem Fall reichte es aus. Alle ließen sich von Alex und Marc nach draußen begleiten und rückten ab. Ich nehme an, auch hier waren die von mir so geschätzten kommunikativen Fähigkeiten der Polizei zum Einsatz gekommen, denn alle Beteiligten wirkten friedlich und entspannt. Gut, dass so viele unserer Polizisten diese Fähigkeit haben. Aber was wäre gewesen, wenn dieser Randalierer anders drauf gewesen wäre? Randvoll mit Drogen, hochaggressiv? Mit Worten nicht mehr zu erreichen? Wenn sich die anderen gegen die Polizei solidarisiert hätten?

Dieser Einsatz hätte auch ganz anders ausgehen können. Wären nur ein oder zwei Parameter anders gewesen, hätte dieser Einsatz in der Presse und auf Youtube landen und meine beiden Polizisten mit unfairen Kommentaren öffentlich abgeschlachtet werden können. Und ich hätte nicht mal ein Video für die Staatsanwaltschaft davon drehen können, wie es wirklich gewesen war, weil ich nicht im Weg sein wollte.

Ganz ehrlich, liebe Verantwortliche – nicht nur die aktuelle Terrorgefahr ist ein klarer Grund für mehr Personal.

Da auch für die neu hinzugekommenen Einsätze Berichte verfasst werden mussten, ging es wieder zurück in die Dienststelle.

Der Wachhabende war mit seinen Anrufen und Funksprüchen ausgelastet, also ging ich in den Sozialraum und warf den Fernseher an. Ich hatte nicht einmal Zeit, eine Entscheidung zu treffen, welches Nachtprogramm ich wohl sehen wollte, als Alex mich schon wieder zum Einsatz rief. In einem Zug, der auch in Remagen anhielt, sollte es zu einer Auseinandersetzung zwischen mehreren Männern gekommen sein.

Wissende Leser werden sich jetzt fragen, ob Züge und Bahnhöfe nicht ganz klar Gebiet der Bundespolizei sind. Noch wissendere Leser wissen aber auch, wie es personell bei der Bundespolizei so aussieht. Da bleiben ländliche Bahnhöfe schon mal auf der Strecke. Tja… so sieht es halt aus im Polizeistaat.

20160716_044135_klein_schriftNun aber zum Einsatz: Wir erwischten die Herren pünktlich zur Einfahrt des Zuges. Die Situation stellte sich folgendermaßen dar – ein Mann hatte im Abteil ausländerfeindliche Parolen von sich gegeben, ein anderer hatte sich davon beleidigt gefühlt. Gegenseitige Anzeigen wurden aufgenommen, ein Alkotest beim Verantwortlichen für die Parolen gemacht und damit war auch dieser Einsatz beendet. Obwohl auch hier zuerst offene Aggressionen vorlagen, haben Alex und Marc da wieder sehr gut Ruhe reingebracht. Fand ich klasse! Mit diesem Vorfall kann sich nun die Judikative befassen.

Als nächstes wurden wir zu einer Ruhestörung geschickt. Dies sollte auch der letzte Einsatz dieser Nacht werden, dafür war er sehr ausgiebig. Die Anfahrt fand über eine der schönsten Ecken unserer Gegend statt. Davon hatte ich auch richtig was, denn es wurde allmählich hell. So ein Sonnenaufgang in den östlichen Eifelausläufern hat schon etwas Romantisches.

Die Landschaft hier ist recht hügelig, Flachländer sprechen von bergig, den Bewohnern der Alpen allerdings ringen diese Erhebungen nur ein müdes Lächeln ab. Jedenfalls ist die eine oder andere Ortslage am Hang gebaut. So auch diese. Der Anrufer wohnte eindeutig ziemlich weit oben. Seinen Erklärungen nach musste sich die Lärmquelle im unteren Bereich der Ansiedlung befinden. Diesen suchten wir ausgiebig ab und fanden – nichts. Nun ist unsere Polizei sehr verantwortungsbewusst. Deshalb fragten meine Beiden noch einmal den Wachhabenden nach der Adresse des Anrufers. Vielleicht konnten wir von dort herausfinden, wo der Lärm herkam. Aber auch da, Fehlanzeige. Obwohl… wenn man sich sehr viel Mühe gab und die wie wahnsinnig singenden Vögel mal zeitgleich einen Wimpernschlag lang Luft holten, dann konnte man tatsächlich etwas hören. Nur woher? Das ist nämlich auch so ein Problem an hügeligen Gegenden, der Schall wird hin und her geworfen und ein menschliches Ohr ist da leicht mal überfordert.

Also fuhren wir wieder nach unten. Aber auch dort war nichts zu finden. Wir umrundeten und durchfuhren den Ort mehrfach. Stiegen aus. Lauschten. Nichts. Wenn man von fulminantem Vogelgezwitscher mal absah. Ich drehte sogar Videos davon, weil ich als lärmempfindliche Person es beeindruckend fand, dass ich NICHTS hörte.

Mittlerweile hatte der Anrufer noch einmal auf der Wache angerufen und dem Wachhabenden mitgeteilt, dass wir schon mehrfach am besagten Haus, aus dem es schalle, vorbeigefahren seien. Wir hätten sogar davor gestanden.

Ähm…ja.

Also noch einmal nach oben und eifriges Lauschen. Es war für uns einfach nicht zu lokalisieren.

Insgesamt waren wir fast eine Stunde dort unterwegs, bevor wir aufgaben. Diese Stunde war auch nur leistbar, weil zufällig gerade sonst nichts im strafbaren Bereich anlag.

„Die Polizei macht nichts.“

An diesen Spruch musste ich im Laufe dieses Einsatzes sehr oft denken. Doch! Sie macht! Sie sucht, wenn die Einsatzlage es zulässt, auch mal eine Stunde lang einen Ruhestörer. Dass sie dabei in diesem speziellen Fall erfolglos war, liegt nicht nur an ihr. Manchmal wäre eine Adresse, eine gute Ortsbeschreibung oder ein persönliches Auftauchen am Streifenwagen dann doch hilfreich, um diesem ans Ziel zu helfen.

20160716_053601_klein_schrift

Damit war auch diese Schicht schon wieder vorbei. Sie war genau so schnell umgegangen wie eine Schicht in der Großstadt. Mein Respekt vor meiner eigenen Polizeidienststelle vor Ort ist stark angewachsen. Ich fühle mich in den besten Händen. Allerdings wäre ich dankbar, wenn es ein paar Hände mehr sein könnten!

Danke für diesen Einblick! Ihr seid klasse und macht einen tollen Job! Danke dafür!

img_20160717_130207_klein_schrift

 

One comment

  • Frank Fuhrmann
    9. Oktober 2016 - 13:17 | Permalink

    Schöner Bericht. Freue mich immer über Ihre Artikel. Schade, dass die Entscheider in unserem Land sich nicht mal die Zeit nehmen, eine entsprechende Nachtschicht in einem Ballungsraum mitzufahren. Dann hätten sie mal wirklich den Finger am Puls der Zeit und könnten hautnah erleben, wohin unsere Gesellschaft läuft bzw. wo sie inzwischen angekommen ist.
    In keinem anderen Beruf ist man so nah dran…
    Bitte machen Sie weiter so, es ist schön zu wissen, dass es auch Menschen wie Sie gibt, die positive Erlebnisse mit Ihrer Polizei mit einem breiten Publikum teilen und nicht nur dann ans Licht treten, wenn mal wieder etwas nicht rund gelaufen ist…
    Für meine Seele sind solche Berichte Balsam und ich denke, das wird vielen Kollegen so gehen.
    Danke!
    Danke für Ihr Engagement!

  • Comments are closed.