Folgen einer Genesungskarte – Nachtschicht in Bremen

Eines Tages erhielt ich einen Brief. Aus Bremen. Einen sehr netten Brief eines (aus meiner Warte) jungen Polizisten, der sich für eine Genesungskarte bedankte.

Zur Erinnerung – unser Verein schickt seit Jahren regelmäßig Genesungskarten an schwer, krankenhausreif und dienstunfähig verletzte Polizistinnen und Polizisten. Natürlich nur, wenn diese in den Pressemitteilungen ihrer Behörde auftauchen oder proaktiv von Vorgesetzten oder Sozialberatern angefragt werden, was mittlerweile auch schon passiert. Viele wissen bereits, dass Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. der Begriff Datenschutz nicht unbekannt ist. In Rheinland-Pfalz schicken wir Karten an alle verletzten Polizeibeamten, da der Vereinssitz in diesem schönen Bundesland liegt.

Ab und zu kommen da sehr nette Dankschreiben. Leider schaffe ich es zeitlich nicht, diese alle zu beantworten, aber ich gebe mir Mühe. Und sie tun mir wirklich gut, denn bei allem Spaß, den ich an der Sache habe, ist es doch viel Arbeit.

Jedenfalls kam da dieser schöne Brief aus dem hohen Norden, der leichtsinnigerweise mit dem Satz endete: „Wenn Sie mal in Bremen sind, dann besuchen Sie mich doch mal auf meiner Dienststelle.“

Joah. Sowas lass ich mir nicht zweimal schreiben, schon gar nicht, wenn ich tatsächlich in kürzester Zeit einen Aufenthalt in der Nähe plane. Also besuchte ich bei meinem nächsten Besuch in Bremen Peter, so heißt er nämlich, mal kurz auf seiner Dienststelle.

peter

 

Übrigens war das der Tag, an dem in Brüssel der Terroranschlag auf den Flughafen stattfand.

Eigentlich sollte ich nur ganz kurz mal gucken und dann von einem lieben Bekannten zum Kaffee abgeholt werden. Der allerdings hatte sich morgens noch eine Kampfsporteinheit gegeben, die seinem Rücken nicht wirklich bekommen war – und fiel aus. Bis das endgültig klar war, verbrachte ich eine gute Zeit in der Dienststelle, schnackte mal hier und dort mit den Leuten. Plötzlich kam das Gespräch auf meine Nachtschichten in Ludwigshafen und Mainz. (Die in Frankenthal hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht stattgefunden.)

„Sowas geht hier bestimmt auch“, meinte Peter. „Ich schau mal.“
20160611_191656_blogEs ging. Das Lustige ist – die Zugverbindungen zwischen meinem Wohnort und Bremen sind so gut, dass ich auch nicht später ins Bett kam als nach einer Nachtschicht in der Pfalz. Läuft!

Bereits auf der Hinfahrt hatte ich Bezug zur Polizei. Nachdem ich nämlich die Genesungskarten für die Verletzten der letzten Woche fertig hatte, stand der Zug erst einmal für eine Weile am Bahnhof von Diepholz herum, weil sich eine Person in den Gleisen aufhielt. Ein Einsatz der niedersächsischen Polizei. Ich gebe zu, dass mich das etwas nervös gemacht hat.

Trotz allem schaffte es der IC, soweit pünktlich einzutreffen, dass Peter mich noch abholen konnte.
20160611_220547_kleinIn der Dienststelle brannte bereits die Luft, weil ein Einsatz den nächsten jagte. Also wurde ich zwischen zwei Telefonaten kurz begrüßt, dann bekam ich schon mal eine Schussweste (bis hierher definitiv das schickste Modell, sorry, liebe Polizei RLP; bei Euch mag ich aber den Aufdruck „POLIZEI“ lieber…), die auch gleich von Peter angemessen verziert wurde. Ich fragte, ob ich die Verzierung erweitern dürfe, was auch in Ordnung war. Also hatte ich jetzt eine in jeder Hinsicht eindeutige Kennzeichnung.

Natürlich musste ich auch hier wieder eine entsprechende Erklärung unterschreiben. Davon kenne ich nun mittlerweile einige, ich lese die auch immer sehr interessiert durch. Diese hier war aber bis jetzt die Schmeichelhafteste. Ich weiß, ich hab mich gut gehalten, aber soooo gut?

 

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Nach dieser Verjüngungskur konnte es also gleich losgehen. Ich lernte Peters Partner für diese Nacht kenne, Yannik.
20160611_224859_blogZuerst wurde noch der Streifenwagen gepackt. Ein rheinland-pfälzischer Polizist hatte mir im Vorfeld noch aufgetragen, darauf zu achten, was in Bremen anders ist als in RLP. Es fängt damit an, dass der Streifenwagen, obwohl auch ein Passat, nicht ganz so vollgeladen ist – ich konnte durch die Heckscheibe hinaussehen. Ich kam allerdings nicht dazu, zu hinterfragen, warum das so ist. Da müsste ich mal bei Gelegenheit jeweils eine Packliste bekommen und diese vergleichen. Das habe ich für das nächste Mal auf dem Zettel.

Unser erster Einsatz war, einen Elfjährigen nach Hause zu fahren. Das hört sich nun nicht sonderlich spektakulär an. Für mich war es das aber. Der junge Mann hatte nämlich ein Handy gestohlen und versucht, es am Bahnhof zu verkaufen. Dabei war er erwischt worden. Der Diebstahl selbst hatte in einer Moschee stattgefunden.

Ich weiß, die meisten Polizisten ziehen nur noch die Augenbrauen hoch, wenn mich Dinge völlig aus den Latschen hauen – aber mal ernsthaft: ein Elfjähriger, der in einem Gotteshaus klaut… das finde ich schon heftig.

Entsprechend war ich ein wenig sprachlos und schweigsam, auf meinem Sitz hinter dem Fahrer. Meine beiden Begleiter hingegen sprachen sehr nett mit dem Jungen. Sie erinnerten mich dabei ein wenig an die beiden Polizisten, die mich Karneval nach Hause gefahren hatten, als ich 16 war, und damit einen der Grundsteine für mein positives Polizeibild gelegt hatten. Der Kleine war allerdings nur mäßig gesprächig.

Auf unser Klingeln waren nur die Mutter und einige Brüder daheim. Meinem Eindruck nach war die Mutter ziemlich unbegeistert von dieser Aktion ihres Jüngsten – insbesondere von dem Teil mit der Moschee. Ich nehme an, der Abend war bei dieser Familie nicht mehr allzu harmonisch.
20160612_005316_blogWir hingegen mussten weiter, denn es wurde eine Schlägerei gemeldet. Peter warf Blaulicht und Martinshorn an und Yannik den Motor. Nun hatte ich ja schon öfters die eine oder andere Blaulichtfahrt, aber selten hatte ich mich dabei so in Abrahams Schoß gefühlt wie bei Yannik.

Falls einer meiner anderen Fahrer das hier liest – Ihr wart alle super! Echt! Ich hatte bei keinem von Euch Angst, sonst hätte ich was gesagt. Ihr wart alle umsichtig. Ich fand es aufregend und hatte Spaß. Ihr wart durch die Bank toll! Ist schwer zu erklären, was bei Yannik anders war.

Kurz vor Ankunft stellte Peter Musik und Lichtshow wieder ab, vermutlich, um nicht möglicherweise hochschlagende Aggressionen noch zu verstärken.

Am Einsatzort angekommen präsentierte sich uns eine sehr ruhige Bremer Straße. Nichts. Eine weitere Streife, zivil, zirkelte ebenfalls durch die Gegend.

Yannik fragte durch das Fenster einen Herrn vor einer Shisha-Bar, ob ihm etwas aufgefallen sei.

„Nein, hier ist gar nichts los.“

Aha!

Ein Gruppe Männer überquerte die Straße, zwei junge Männer blieben auf ihrer Straßenseite stehen. Wir stiegen aus. Peter legte sich einen beeindruckenden Schlagstock an. Offenbar nicht der erste Einsatz der beiden, bei dem vordergründig himmlischer Frieden herrschte.

Peter und Yannik fragten einen der beiden jungen Männer, ob er etwas von einer Schlägerei wüsste.

„Nein, hier ist gar nichts passiert.“

Die Zivilstreife nahm sich der Gruppe an. Nach allem, was ich hören konnte, bestätigten die, dass alles ruhig sei.

Ich habe keine Ahnung, aus welchem Anlass heraus, aber plötzlich gab einer der beiden Männer zu, was genau sich hier abspielte.

Protagonisten: zwei Großfamilien, beide nahöstlicher Herkunft.

Die Tochter von Familie X sollte am folgenden Tag gegen ihren Willen verheiratet werden, im Heimatland der Familie. Sie war damit nicht einverstanden und ergriff die Flucht – gemeinsam mit einem Mitglied der Familie Y, dem Bruder des jungen Mannes, der plötzlich gesprächig wurde. Der konnte seinen Bruder aber auch nicht erreichen, sowohl sein Handy als auch das der ehemaligen zukünftigen Braut waren ausgeschaltet.

Solche Entführungen machen eine junge Frau „unbrauchbar“ für die Eheschließung, auch wenn, wie in diesem Fall, laut dem Bruder der Entführer und die Braut gar nicht miteinander intim sind. Für die Familie X bringt das einen Haufen Probleme mit der Familie des Bräutigams mit sich, also wollten sie das Mädchen wiederhaben. Diese Forderung stellten der Vater, zwei seiner Söhne und zwei weitere, etwas entferntere, Familienmitglieder.

Dazu muss man sagen, dass das Mädchen über 18 war, also aus Sicht der Polizei, wenn sie freiwillig mit dem jungen Herrn Y unterwegs war, in dieser Hinsicht kein Handlungsbedarf bestand. Es gestaltete sich allerdings etwas schwierig, die Tatsache der Volljährigkeit herauszufinden, da Herr X das Geburtsdatum seiner Tochter nicht kannte.

Für Familie Y bedeutet das auch eine Menge Ärger, denn sie muss in ihrer Gesamtheit für so etwas geradestehen. Oder, um es mit den Worten unseres Informanten zu sagen: „Hieraus kann alles werden – von einer Geldforderung im fünfstelligen Bereich bis hin zu einer Schießerei.“

Mittlerweile waren auch weitere Streifen- und Mannschaftswagen der Polizei eingerückt und demonstrierten Präsenz. Mich persönlich beruhigte das auch ziemlich in dieser Situation.

Die Personalien der anwesenden Mitglieder der Familie X und Y wurden erhoben. Die Ys wohnten auch in der Straße, in der wir uns aufhielten, die Mitglieder der Familie X erhielten für die Nacht einen Platzverweis. Tatsächlich stiegen sie in ihre Wagen und fuhren ab.

Peter und Yannik entschieden, noch eine Weile die Gegend zu bestreifen, um zu sehen, ob sich die Xs an den Platzverweis hielten. Als wir gerade einsteigen wollten, traten die Eltern Y auf den Plan und verliehen ihrer Besorgnis Ausdruck. Sie hatten deutlich Angst vor den Xs.

Schließlich gingen sie in ihre Wohnung. Tatsächlich zirkelten wir für eine Weile noch durch die Umgebung des Einsatzortes. Die anderen Polizeikräfte waren nach und nach abgerückt. Vordergründig tat sich nichts mehr. Das muss aber nichts bedeuten. Schließlich waren ja wohl die betont harmlos vorgetragenen Aussagen „Hier ist nichts los“ vom Einsatzbeginn im Lichte dessen, was sich im Nachgang herausstellte, mit nichts anderem als „Haltet euch raus“ zu übersetzen. Da aber nun mal unsere Polizei eigenwilligerweise den Rechtsstaat tatsächlich überall durchzusetzen wünscht, wo er gilt, kann man ihr das schlecht direkt sagen und versucht dann eben, sie am Nasenring durch die Manege zu führen.

Anschließend fuhren wir auch noch mal bei Familie X vorbei. Drei der uns bereits bekannten Herren standen vor der Tür. Peter wiederholte noch einmal die Ansage an die drei, sich vom Wohnsitz der Ys fernzuhalten, dann fuhren wir in die Dienststelle.

 

Auf dem Weg dahin bekamen wir noch einen schnellen Einsatz wegen einer Ruhestörung herein. Zuerst suchten wir die Dame auf, die die Polizei angerufen hatte. Das dauerte ein wenig, denn sie wohnte in einem sehr neuen Viertel von Bremen und auch nicht gerade in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stein des Anstoßes, den wir auf dem Weg zu ihr passierten. Als wir endlich an der angegebenen Adresse (teilweise mit Hilfe meines Navigators im Smartphone – ich freue mich immer, wenn ich nützlich sein kann) aus dem Auto gestiegen waren, hörten wir… so gut wie nichts. Zwischen ihr und der Kneipe befanden sich mehrere Häuserreihen. Hm. Die Dame versicherte uns, dass der Lärm nahezu unerträglich sei. Offensichtlich bin ich nicht im Ansatz so lärmempfindlich wie ich dachte.

Anschließend fuhren wir noch einmal zu der Kneipe. Der Verantwortliche versprach Peter, ordnungsgemäß in fünf Minuten zu schließen (es war fünf vor eins). Peter notierte seine Personalien. Damit war der Einsatz auch erledigt.
20160611_224935_blogIn der Dienststelle wurde es richtig lustig, denn nun musste das Familiendrama zu einem Bericht zusammengefasst werden, der auch dem übergeordneten Lagezentrum so bald wie möglich zugänglich gemacht werden musste. Schließlich stand immer noch jede Folge von „Geldforderung“ bis „Schießerei“ im Raum und im letzteren Fall ist es günstig, wenn die Polizei Bescheid weiß. Für jede beteiligte Person und jedes beteiligte Fahrzeug muss erst einmal ein eigenes Datenblatt eröffnet werden. Es liegt auf der Hand, dass das bei zwei Großfamilien schon mal das eine oder andere Datenblatt mehr werden kann. Nachdem das erledigt war, musste dazu ein Bericht geschrieben werden, was um zwei Uhr morgens nicht unbedingt die einfachste Sache ist. Auch hier konnte ich mich ein bisschen nützlich machen, indem ich am Ende noch mal Korrektur las. Bei anderen finde ich Tippfehler ja immer sehr gut.
20160612_024859_blogVor allen Dingen jedoch hilft es dabei, in Ruhe gelassen zu werden, also machte ich ein paar Symbolfotos für KGgP. Danach bin ich immer auf der Suche.

 

Nachdem dieser Bericht in trockenen Tüchern und an alle Stellen versandt war, ging es wieder raus auf die Straße. Als nächstes bekamen wir wieder eine Ruhestörung rein. Dafür mussten wir ganz schön weit rausfahren. Ich wusste gar nicht, dass Bremen so ländliche Stadtteile hat. Sehr schön dort, hat mir gut gefallen.

Dieses Mal brauchten wir ein wenig länger, um die Lärmquelle auszumachen, es handelte sich um eine Grillfete. Die Herrschaften sahen nur, dass wir in einem blau-weißen Auto aufkreuzten und bevor einer meiner beiden Begleiter irgendetwas sagen konnte, wurde die Musik noch leiser gedreht. Wir wurden sehr freundlich begrüßt. Geht doch, liebe Mitbürger!

Yannik fand das sehr erstaunlich, diese Herangehensweise durch meine Mitbürger scheint in Bremen nicht an der Tagesordnung zu sein. Schade eigentlich, denn das Drehen am Lautstärkeregler ist so einfach!

Dennoch muss ich sagen, dass allein die Tatsache, dass wir so lange brauchten, die Fete ausfindig zu machen, in mir Fragen aufwirft. Vor vielen Monaten sagte mal ein Polizist sehr entnervt zu mir: „Manchen Leuten sollte man die 110 aus dem Telefon ausbauen – gerade bei angeblichen Ruhestörungen.“ Damals hatte ich noch ein ganz schlechtes Gewissen, denn auch ich hatte ja schon hier und da Freund und Helfer bemüht. Nach dieser Nacht in Bremen und der in Frankenthal fühle ich mich aber rehabilitiert. Das war echt Krach gewesen…

 

Nun wurde die Nacht für Bremer Verhältnisse sehr, sehr ruhig. Das ist aber gar nicht schlimm, denn so konnten wir ein arg einbruchsgefährdetes Viertel bestreifen.

 
20160612_035340_blogKaum aus diesem Viertel herausgekommen, preschte uns ein schwarzer BMW vor den Kühler. Um genau zu sein nahm der Wagen eine Kurve mit quietschenden Reifen. Dagegen sind die Jungs und Mädels auf dem Nürburgring echt langsam. Also wendete Peter den Streifenwagen und wir fuhren hinterher. Der BMW stand mittlerweile in der Auffahrt eines Einfamilienhauses, ausgestiegen waren zwei junge Männer Anfang 20. Die beiden zeigten sich nicht erbaut von der Kontrolle, waren aber nüchtern und hatten auch einen Führerschein. Es war halt das Phänomen „junger Mann plus gut motorisiertes cooles Auto“ (was man landläufig so „cool“ nennt, für mich ist ein Auto ja erst dann wirklich „cool“, wenn es Blaulichter auf dem Dach hat). Da muss man dann auch geschwindigkeitstechnisch einen auf dicke Hose machen. Peters Aussage „Wir haben uns einfach Sorgen um Sie gemacht, wegen Ihres Fahrstils“ wurde nicht mit Einsicht begegnet. „Macht das nicht jeder so?“ wurden wir gefragt.

Nein, zum Glück nicht. Sage ich jetzt hier. Im Einsatz pflege ich den Mund und mich rauszuhalten. Übrigens kriege ich selbst mal gerne Knöllchen für meinen Gasfuß, ich rede hier also durchaus aus der Warte einer Person, die gerne schnell fährt. Aber es gibt einfach Grenzen und die sind dann erreicht, wenn Mitmenschen gefährdet werden. Da kann man noch froh sein, wenn man das nur mit Euro bezahlt und nicht mit lebenslänglichen Gewissensbissen.

 

Kaum wieder im Streifenwagen kam uns der nächste Pappenheimer entgegen, dieses Mal mit einem sehr schwächelnden Scheinwerfer. Auch das ein ausreichender Grund für eine Verkehrskontrolle.

Auch hier war ansonsten alles in Ordnung und das mit dem Scheinwerfer klärte sich auch auf. Was zwei unterschiedliche Birnenmarken in den beiden Frontscheinwerfern so auslösen können…

 

Also wieder ab auf Streife. Dabei kamen wir an einer Disco vorbei, vor der sich eine Menge junger Leute aufhielten. Einige davon aßen einen Döner. Dazu muss ich sagen, dass mir leider aufgrund der Verspätung meines Zuges mein Abendessen durch die Lappen gegangen war und ich außer einem Eis aus den Beständen der Dienststelle (auf Peters Kosten – Danke dafür!) nichts bekommen hatte. So richtig bemerkt hatte ich meinen Hunger allerdings nicht, dafür war die Nacht zu interessant gewesen. Als mir allerdings dieser Dönerduft in die Nase stieg, erwachte der Neanderthaler in mir. Ich musste mich buchstäblich im Geiste mit Handschellen an den Streifenwagen fesseln, um nicht auszusteigen, und einem der jungen Leute das Essen aus der Hand zu reißen. Deswegen bekam ich auch nur am Rande mit, wie Peter die jungen Leute bat, ihre lang ausgestreckten Beine von der Straße zu nehmen. Was Sinn macht, denn wenn mal nicht die Polizei kommt, sondern jemand, der meint, dass alle fahren wie die Henker, wenn nur das Auto „cool“ ist, dann sind die Haxen ab.

 

Dann fiel im Funk das Wort „Notruf“ gekoppelt mit dem Namen der Straße, in der wir den Einsatz wegen der Schlägerei, die keine gewesen war, gehabt hatten. Der Vorfall, bei dem auch noch eine Schießerei durchaus eine Option war. Ich bekam auf meinem Rücksitz schon leichte Schnappatmung, als dann als drittes die Vokabel „Ölspur“ fiel. Manchmal ist unspektakulär auch spektakulär schön!
20160612_041236_blogWir machten uns also auf die Suche und fanden erst einmal – NICHTS. Zumindest nicht an der beschriebenen Stelle. Also fuhren wir ans Ende der Straße, um auf einer weiteren Querstraße zu drehen, da sahen wir sie. Holla, die Waldfee! Das war keine Ölspur, das war die Mutter aller Ölspuren. Sie zog sich etwa einen halben Meter breit diese Straße entlang. Wir stiegen aus und nahmen auch gleich eine Nase voll Duft Marke „raffiniertes Erdöl“.

Wir folgten ihr mit dem Wagen ans eine Ende, wo wir auch den Verursacher fanden – einen LKW. Bei Licht betrachtet, war es auch keine Ölspur, sondern eine Dieselspur. Offensichtlich war der Tank Leck geschlagen. Und hier, an dieser Stelle, war es dann nicht mehr weitergangen. Irgendwann ist Ende mit leerem Tank…

Wieder stiegen wir aus. Es stank wie an einer explodierten Tankstelle. Ein netter Mensch, der in einer nahegelegenen Firma arbeitete, stellte eine Wanne unter den tropfenden Lastwagen und streute schon einmal einen Teil des Diesels ab.

Peter notierte das KfZ-Kennzeichen des fraglichen LKW. Der Fahrer würde dann zu ermitteln sein.

Interessehalber folgten wir der Spur zurück. Sie war sage und schreibe um die fünf Kilometer lang. Auf Straßen, auf denen man schneller fahren durfte, wurde sie dünner, teilweise fast nicht mehr zu sehen. Dafür fand sich an der einen oder anderen Ampel jeweils eine riesige Pfütze.

Noch während wie der Spur folgten verständigte Yannik eine Firma, die für Umweltsanierung zuständig ist. Derart viel Diesel in der freien Natur ist für die Umwelt schädlich, also muss es weg. Zumal ja in diesem Fall klar war, wer es bezahlen würde. Offenbar machte dieses Unternehmen sich auch sofort an die Arbeit, denn nachdem wir von einem Schlenker über den Parkplatz eines Fastfood-Restaurants zurückkamen, war sie in Teilen schon gereinigt worden. Daumen hoch!

 

Damit war auch diese Nacht zuende. Ich bekam in der Dienststelle die einmalige Gelegenheit, an sichergestelltem THC (vulgo: Gras) zu schnuppern und stellte fest, dass ich den Geruch ganz gut kannte. Das hatte ich recht oft in meinem Studentenwohnheim in Paris gerochen. Himmel, war ich damals naiv. 1991 war ich auf Bitten der Polizei Zeugin bei einer Wohnungsdurchsuchung nach Drogen, die auch aufgefunden wurden. Auf meine Frage an einen der Polizisten, ob meine Wohnung nicht auch durchsucht werden müsse, da ich ja mit der Dame zusammen in ihrer Wohnung gewesen sei und überhaupt, schaute er mich nur ungläubig an und sagte: „Drogen? Sie? Wollen Sie mich verarschen?“ An diesem Sommermorgen in Bremen wurde mir klar, was er gemeint hatte. Na ja, auch nicht zwingend das Schlechteste im Leben, wenn man solche Gerüche nicht zuordnen kann… zumindest wurde mir auch nie davon angeboten. Vermutlich strahlte ich damals schon aus, dass ich die Police Nationale damit beschäftigen würde…

Dann fuhr Peter mich schnell zum Bahnhof, wo ich endlich Essen einfahren konnte.

Und wieder war es schneller gegangen als ich gucken konnte. Ich habe mir sagen lassen, dass es für Bremer Verhältnisse eine sehr ruhige Nacht gewesen war. Das macht nichts, denn erstens weiß ich, dass ruhige Nächte in Bremen nicht der Standard sind, und zweitens heißt das, dass ich nochmal wiederkommen muss. Und drittens kann ich mich nur immer wieder wiederholen – ich bin so drauf, dass ich es selbst dann spannend fände, wenn ich nur die liebe lange Nacht im Streifenwagen durch die Gegend geschaukelt würde.
stickered_20160612_065535Ein dickes Danke an die Bremer Polizei, dass ich diesen Einblick bekommen durfte, an Peters und Yanniks Dienstgruppe und natürlich ganz besonders an Yannik und Peter. Ihr seid klasse! Bleibt so!

One comment

  • friederike
    18. September 2016 - 08:40 | Permalink

    Das war ja wieder einmal spannend! Danke für diese Erlebnisse, an denen wir dadurch teilnehmen können.
    Übrigens: Hat die Polizei eigentlich auch Hilfsadressen für junge Frauen die zwangsverheiratet werden sollen?

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