Ich kann es nicht lassen – noch ’ne Spätschicht Ludwigshafen 1

Wieder einmal hatte ich eine Sitzung im Ludwigshafener Polizeipräsidium. Diese war mal wieder sehr lohnend, aber dennoch wollte ich die weite Anfahrt sinnvoll nutzen, indem ich eine Spätschicht mitfahre.

lu_1_2_1Nachdem ich in meine heutige Leihschussweste geschlüpft war, wurde ich an mein erstes Streifenteam, Karl und Chrissi, übergeben. Es ging auch direkt gut los: In einem großen Einkaufszentrum war dem Sicherheitsdienst ein Ladendieb aufgefallen.

Wir parkten am vorderen Ende des Einkaufszentrums. Um zum Einsatzort zu gelangen, mussten wir es einmal der Länge nach durchqueren. Nun passiert es mir als Frau ja durchaus öfters, in einem Einkaufszentrum unterwegs zu sein. Ich konnte auch nicht verhindern, dass meine Blicke gelegentlich zu den Auslagen in den Schaufenstern rechts und links von mir abschweiften. Gleichzeitig habe ich mittlerweile einen gewissen Gewöhnungseffekt erreicht, dass ich mit voll uniformierten Polizisten unterwegs bin. Insofern fühlte sich die Situation für mich eigentlich nicht weiter ungewöhnlich an. Für andere Menschen ist der Anblick der Polizei in einem Einkaufszentrum aber noch etwas sehr Ungewöhnliches – entsprechend wurden wir angestarrt. Ein eigentümliches Gefühl.

Doch zurück zu unserem Ladendieb. Sicherheitsdienst, Geschäftsführer und Angestellte eines der Geschäfte vor Ort hatten ihn bereits ins Separé am anderen Ende des Ladens geführt. Auch hier wurden wir bei der Durchquerung des Geschäftes sehr neugierig beäugt. Noch nie war mir das so aufgefallen wie dieses Mal.

Der Herr vom Sicherheitsdienst informierte uns, dass der junge Mann bereits in anderen Geschäften mehrfach versucht hatte, sich mit diversen Gütern zu versorgen. Kleidung, Lebensmittel usw.

Karl durchsuchte seinen Rucksack, Chrissi nahm die Aussagen und Personalien der Angestellten und des Herrn vom Sicherheitsdienst auf. Schließlich fragte Karl den jungen Mann nach seinen Papieren. Die Verständigung gestaltete sich schwierig, da keine gemeinsame Sprachbasis vorhanden war. „No german“, erklärte er uns. Das Wort „Passport“ verstand er nach mehrfacher Wiederholung und zeigte die Kopie eines Schriftstücks, das Asylbewerber im laufenden Verfahren bekommen. Polizeilich gemeldet war er laut dieser Kopie in Trier. Nun ist eine Kopie nicht wirklich als Ausweisdokument zu gebrauchen. Deswegen musste er uns, wie jeder Mensch, der sich nicht ausweisen kann, zur Identitätsfeststellung auf die Dienststelle begleiten.

Symbolfoto
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Interessanterweise wurden wir auf dem Rückweg zum Streifenwagen deutlich weniger angestarrt als vorher – obwohl wir doch nun mit einem Festgenommen zwischen Karl und Chrissi für meinen Geschmack deutlich mehr „Drama“ boten als zuvor, als wir einfach nur durch die Einkaufsstraßen liefen. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass nun klar war, warum die Polizei vor Ort war. Vor dem Hintergrund der Nachrichten der letzten Monate aus Paris und Brüssel sind Polizisten, für denen Anwesenheit Menschen den Grund nicht sofort erkennen, möglicherweise beunruhigend.

Auf dem Weg zum Streifenwagen, im Streifenwagen und in der Dienststelle fragte der junge Mann mehrfach: „May I smoke?“ Das Konzept von Nichtrauchergebäuden schien ihm für mein Gefühl unbekannt zu sein. Das Konzept, dass man sich mit einem einmaligen „Nein“ zufriedengeben könnte, aber auch. Und bevor jetzt gleich wieder jemand seine Vorurteile bestätigt sieht – die Nichtakzeptanz von klaren Grenzen ist ein nationalitätenübergreifendes Problem.

Auf der Dienststelle konnte seine Identität recht schnell festgestellt werden. Eine Abfrage im System ergab, dass dies nicht sein erstes Zusammentreffen mit der rheinland-pfälzischen Polizei war, allerdings sein erstes in Ludwigshafen. Die anderen hatten im Raum Trier stattgefunden und meistens war der Anlass ein vorangegangener Ladendiebstahl gewesen.

Da nun geklärt war, mit wem wir es zu tun hatten, durfte er wieder gehen und dann endlich auch vor der Tür eine rauchen.

 

lu_1_2_6Zeit für den Wechsel zur nächsten Streife.

Jetzt fuhr ich mit Kai und Vanessa. Ermittlungsarbeit musste erledigt werden. Ein junger Mann war deutlich zu schnell geblitzt worden – in einem auf ein Unternehmen angemeldeten Fahrzeug. Also musste in dem Unternehmen nachgefragt werden, ob der junge Mann auf dem Bild dort bekannt ist. Schließlich sollte das Bußgeld korrekt zugeordnet werden.

Der junge Mann war dort bekannt. Wir bekamen seine Daten. Offensichtlich war auch diese Geschwindigkeitsüberschreitung kein Einzelfall. Man hatte sich auch nicht im Guten getrennt.

Anschließend bestreiften wir Ludwigshafen. Plötzlich rannte ein junger Mann auf den Streifenwagen zu: „Können Sie mir helfen?“ Natürlich! Wer, wenn nicht die Polizei. Er brauchte eine Wegbeschreibung zu einer städtischen Behörde. Die bekam er auch.

lu_1_2_4Auf dem Weg zurück in die Dienststelle fiel meiner Streife ein junger Mann auf, der beim Fahren mit dem Handy telefonierte. Dieses Mal bemerkte sogar ich es, denn er fuhr Fahrrad. Etwas sagte meinen beiden Begleitern, dass hier eine ausführlichere Kontrolle sinnvoll sein könnte. Der junge Mann wirkte dabei auch insgesamt recht entspannt, er bat lediglich um einen Anruf bei seiner Lebensgefährtin, um seine Verspätung anzukündigen.

Kai und Vanessa hatten Recht gehabt – sie fanden im Rucksack des Herrn ein Einhandmesser, was eine verbotene Waffe darstellt. Diese wurde entsprechend beschlagnahmt, um sie der Waffenbehörde weiterzuleiten. Diese entscheidet dann auch darüber, ob der junge Mann sie wiederbekommt. Auch das nahm er stoisch auf.

 

In der Dienststelle wurde ich an Karl und Chrissi zurück übergeben. Als erstes ging es wieder zum Einkaufszentrum, in dem mittlerweile einige Ladenbesitzer ihre Strafanträge gegen unseren Ladendieb ausgefüllt hatten. Diese wurden von uns abgeholt.

lu_1_2_5Auf dem Weg zurück zum Streifenwagen (wieder einmal quer durch die Galerie), bemerkten wir einige Jugendliche, die sich recht grenzwertig benahmen. Ihr Bewegungsmuster war, vorsichtig ausgedrückt, etwas erratisch und sie lachten. Als dann einer in einem der Läden herumgröhlte, war Schluss mit lustig. Karl machte eine klare Ansage, dass man sich so nicht benehmen muss. Natürlich wurde das vordergründig weggelacht (Gruppendruck und so…), aber es wirkte immerhin soweit, dass das Verhalten von da ab tatsächlich als „normal“ durchgehen konnte.

Kaum im Streifenwagen zurück, erhielten wir einen Einsatz wegen mutmaßlicher häuslicher Gewalt. Nachbarn hatten wegen einer lautstarken Auseinandersetzung die Polizei alarmiert. Am Einsatzort stieß gleichzeitig mit uns eine weitere Streife dazu. Einer der beiden Herren war mit einer Bodycam ausgestattet.

Symbolfoto
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In der angegeben Wohnung hielt sich ein Paar auf. Die Frau schwor, nicht geschlagen worden zu sein. Der Mann erklärte ebenfalls, die Frau nicht geschlagen zu haben. Er machte uns allerdings darauf aufmerksam, dass die Züchtigung von Frauen in seiner Heimat üblich sei. Ihm wurde mitgeteilt, dass das dennoch in unserem Rechtssystem nicht vorgesehen sei. Da die Frau darauf beharrte, dass nichts vorgefallen sei und auch keine Spuren von körperlicher Gewalt aufwies, rückten wir wieder ab.

In der Wohnung befand sich auch ein kleines Mädchen, vielleicht drei oder vier Jahre alt. Zuerst wirkte sie sichtlich verschreckt, ob nun aufgrund vorhergehender Ereignisse oder wegen des Polizeiaufgebots in der Wohnung (oder beidem), weiß ich nicht. Einer der beiden Polizisten, die später zu uns gestoßen waren, versuchte, ihr die Angst zu nehmen, indem er über die ganze Zeit Späßchen mit dem Kind machte. Alles über Augenkontakt quer durch die Wohnung, denn gleichzeitig mussten er und sein Kollege ja Karl absichern. Das war so niedlich. Da war es wieder, was ich an unseren Ordnungshütern so schätze. In den Uniformen stecken Menschen.

 

Und schon wieder war es Zeit für die Übergabe an Kai und Vanessa. Der erste Einsatz war auch schon da. Eine Frau war von ihrem Nachbarn im Treppenhaus gegen ihren Willen geküsst worden. Entsprechend verzweifelt war sie. Zum Glück für sie war ihr Freund bei ihr. Kai und Vanessa beruhigten sie soweit, dass sie eine Personenbeschreibung abliefern konnte und uns sagen konnte, wo der Mann wohnt.

Meine beiden Begleiter befragten eine weitere Nachbarin im Haus, die uns den Namen des jungen Mannes nennen konnte. Zusätzlich lieferte sie uns die Information, dass er mit seiner Mutter in dieser Wohnung lebe, diese jedoch derzeit im Urlaub im Ausland sei.

Auf Kais Klopfen und Klingeln an seiner Wohnungstür, teilweise sehr vehement, kam keine Reaktion. Also suchten wir zu Fuß nach ihm in der näheren Umgebung. Immerhin sollte auch er zu der Sache befragt werden. Erfolglos. Vanessa und Kai entschieden, den Fall der Nachtschicht zu übergeben. Innerlich hakte ich den Einsatz schon ab. Wie so oft bereits sollte ich mich irren, denn kaum saßen wir wieder im Streifenwagen, tauchte ein Mann auf, auf den die Beschreibung passte. Er winkte dem Streifenwagen. Vanessa stoppte sofort. Wir stiegen aus.

Er: „Helfen Sie mir!“
Kai: „Wie ist denn Ihr Name?“
Er: „Helfen Sie mir, bitte. Meine Nachbarin hat meine Mutter entführt.“
Kai: „Sagen Sie mir Ihren Namen, dann helfen wir Ihnen.“

Er stellte sich vor und tatsächlich – er war der Gesuchte. Vanessa und Kai wollten sichergehen und fragten ihn nach seinen Papieren. Diese seien in der Wohnung. Also entschieden die beiden, ihn in den Streifenwagen zu laden und zur Wohnung zu fahren. Ich stieg um nach vorne und Kai nahm neben ihm auf der Rückbank Platz.

Aufgrund der eigenwilligen Verkehrsführung in dieser Gegend von Ludwigshafen mussten wir für die 300 Meter über einen Kilometer um den Block fahren. Nach gerade mal 100 Metern äußerte er: „Ich muss kotzen.“

Na prima.

Das sind genau die Ansagen, von denen man träumt, wenn man auf dem Beifahrersitz eines Autos sitzt. Meine Fantasie startete sofort mit ansprechenden Bildern von dem, was mir da alles in den Nacken spritzen würde. Schon zu meiner Kindheit war der Geruch von Erbrochenem in einem geschlossenen Auto etwas, wo ich nur noch danebenbrechen konnte. Das wäre ja ein netter Dank an die Polizei Ludwigshafen, besonders jedoch an diese beiden, wenn ich mich nun auch noch in den Streifenwagen übergeben würde. Das war ein sehr langer Kilometer für mich.

Zum Glück schaffte unser Tatverdächtiger es, die 1.000 Meter Fahrt zu überstehen, ohne seinen Mageninhalt zu verlieren. Vor dem Haus trat ein Bekannter von ihm auf den Plan, der sich anbot zu vermitteln. Das lehnten meine Begleiter im ersten Anlauf ab, baten ihn aber, in der Nähe zu bleiben.

In der Wohnung konfrontierte Kai ihn mit den Aussagen der Nachbarin. Er stritt alles ab, erklärte, er sei gerade erst von der Arbeit gekommen. Aber die Nachbarin hielte seine Mutter gefangen. Insgesamt wurde das Gespräch sekündlich diffuser. Schließlich holten Vanessa und Kai seinen Bekannten hinzu, der mitteilte, dass er in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitet. Seine Attacke auf die Frau war also nicht böse gemeint gewesen, er konnte nichts dafür. Schließlich zogen die beiden gemeinsam ab.

lu_1_2_7Kai und Vanessa gingen noch einmal zu der Frau, die Opfer des Übergriffs geworden war und teilten ihr die Ergebnisse der Recherche mit. Sie sagten ihr auch, dass er sie vermutlich nicht noch einmal gezielt bedrängen würde. Sie ließ sich davon nicht beruhigen, was ich nachvollziehbar finde.

Mir persönlich ging der Fall ziemlich unter die Haut. Ich hatte in meinem engsten persönlichen Umfeld einen ähnlich gelagerten Fall, in dem eine junge Frau Opfer von Übergriffen eines jungen Mannes wurde, der sie zweimal zusammenschlug. Die Polizei war in dem Fall machtlos, da auch er aufgrund seiner geistigen Behinderung nicht für seine Taten verantwortlich war. Das ist auch einerseits richtig so. Andererseits ist es natürlich für die Opfer solcher Übergriffe nur ein schwacher Trost, dass derjenige sie nicht persönlich meinte, sondern andere Auslöser dahintersteckten.

Nun bestreiften wir noch ein wenig Ludwigshafen, dann ging es wieder zurück in die Dienststelle.

 

Diese Schichten gehen immer wahnsinnig schnell herum.

stickered_20160608_194724_klein_schriftMeine Begleiter hatten samt und sonders, wie so oft, Sorge, dass mir langweilig gewesen sein könnte. Nein, ist mir nicht. Ich bin wie ein Praktikant am ersten Tag, ich finde restlos alles spannend. Und ehrlich gesagt bin ich mittlerweile in einem Alter, in dem es mir zwar Spaß macht, wenn es ab und ab rund geht, aber ich bin für Tage, die „nur“ normal interessant sind, auch ganz dankbar.

Und dass Ihr viel zu tun habt und einen tollen Job macht, das weiß ich auch, wenn mal nicht ein Einsatz nach dem nächsten einschlägt.

Danke an die PI Ludwigshafen 1, dass ich immer wieder dabei sein darf.

 

 

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