Ich war noch da – Samstagnacht in Frankenthal

„Du bist ja noch da!“

Mit diesen Worten begrüßte mich die Frühschicht, die von „meiner“ Nachtschicht am Abend zuvor abgelöst worden war.

Na klar war ich noch da. Wenn ich mich entscheide, eine Nachtschicht mitzumachen, dann auch bis zum bitteren Ende. Ich stelle mir eine Diskussion mit Polizeikritikern vor, die irgendein dummes Zeug über Polizisten absondern.
„Das stimmt nicht, ich war schließlich schon dabei.“
„Ah so. Wie lange denn?“
„Ähm… ja… so bis elf…“

Nichts da. Das wird durchgezogen. Abgesehen davon fahre ich zu Nachtschichten immer mit der Bahn, damit ich am Morgen danach keine Gefahr für die Menschheit darstelle. Schließlich bin ich das nicht gewohnt, mir meine Nächte um die Ohren zu schlagen. Ich wäre also, selbst wenn ich es gewollt hätte, gar nicht weggekommen. Wobei ich sicherlich, wenn ich nett gefragt hätte, ein Hotel empfohlen bekommen hätte.

An dieser Stelle übrigens einen lieben Dank an die Frühschicht, die mich liebenswürdigerweise noch mit einem Kaffee versorgte (nicht, dass ich von der Nachtschicht keinen bekommen hätte – habe ich…) und mir Unterschlupf gewährte, bis mein Zug fuhr. Sonntags fährt der erste Zug gerne mal nicht ganz so früh.

 

Es war also eine Samstagnacht, die Samstagnacht vor Pfingsten. Es ging schon bei meiner Ankunft heftig zur Sache. Bisher war es immer so gewesen, dass der Dienstgruppenleiter erstmal ein paar Worte an seine Leute richtete, und es dann erst losging.

Dieses Mal wurde ich vom Dienstgruppenleiter, T., unverzüglich in einen Streifenwagen gepackt und er fuhr mit einer weiteren Polizistin, V., und mir zu einer „TES“. Ich hatte keine Ahnung, was das ist und was mich erwarten würde. Ich glaube, T. hatte es sogar gesagt, aber aus irgendeinem Grund war mir dieser Teil der Botschaft durchgegangen.

Als wir eintrafen, stand ein Blaulichtmeer auf der Straße. Feuerwehr, Rettungswagen, Notarzteinsatzfahrzeug. Mir dämmerte, dass „TES“ nichts Gutes bedeuten könnte.

FT_1Ich begleitete „meine“ Streife in eine offenstehende Wohnung. Dazu mussten wir einen Hof voller Hundehaufen queren. Ein weiterer Hinweis, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Der zugehörige Hund war wohl eine Weile nicht Gassi geführt worden. Und was war das für ein Geruch?

In der Wohnung lösten wir zwei junge Herren der Spätschicht ab. Kurz vor Schichtende hatte die Polizei einen Anruf bekommen. Ein Arbeitgeber vermisste eine seiner Angestellten – und zwar seit Donnerstagmorgen.

Die beiden Polizisten waren bei der angegebenen Adresse angekommen, niemand öffnete ihnen auf ihr Klingeln. Hinter dem Tor bellte ein Hund. Nachbarn wurden aufmerksam, die die beunruhigende Mitteilung machten, dass sie die Dame seit Mittwoch nicht gesehen hätten. Zudem stünden unverändert alle Fenster offen und der Fernseher liefe.

Also wurden Rettungsdienst, Notarzt und Feuerwehr verständigt. Die Feuerwehr brach die Tür auf, die Nachbarn nahmen sich des Hundes an.

Jetzt fiel mir auch der Groschen, was die Buchstabenkombination TES bedeutete. Todesermittlungssache. *Schluck*

Der Dame wurde bei unserem Eintreffen gerade ein EKG angelegt, um zu schauen, ob sie tatsächlich nicht mehr zu retten war. Allerdings legte der bereits erwähnte Geruch das sehr nahe. Dennoch wollten die Retter ganz sichergehen, dass keine Vitalfunktionen mehr vorhanden sind. Das ist auch gut und richtig so.

Übrigens finde ich „süßlich“ die absolut falsche Beschreibung. Es ist ein Geruch, der sich komplett in die Nasenlöcher setzt und diese auch für eine Weile nicht freigibt. Aber keineswegs „süßlich“.

Erstaunlicherweise hat es mir gar nichts ausgemacht. Auch erschien mir der Anblick der Dame nicht weiter schlimm. Ok, es gibt sicherlich schlimmere Auffindesituationen – wenn die fragliche Person nicht gerade mal drei Tage, sondern drei Wochen vermisst wird zum Beispiel. Trotzdem war ich über mich selbst erstaunt, denn eigentlich hielt ich mich bis dato für ziemlich empfindlich. Ich kann aber wirklich jeden verstehen, der damit nicht gut klarkommt.

Die Notärztin stellte eine vorläufige Todesbescheinigung aus. Bei dieser Gelegenheit lernte ich, dass Notärzte keine Todesursachen feststellen dürfen, somit war die Dame ein ungeklärter Todesfall und Sache des Kriminaldauerdienstes. Feuerwehr, Rettungsdienst und Notarzt rückten nach und nach ab, wir blieben vor dem Haus stehen, um dem Kriminaldauerdienst die Unterlagen sowie die Hausschlüssel zu übergeben.

Natürlich hatten die vielen Blaulichter Nachbarn auf den Plan gerufen, die nun von T. und V. zu Angehörigen befragt wurden. Eine Angehörige wurde genannt, mit Wohnsitz im Beritt einer Polizeiinspektion, die gar nicht mal so weit weg liegt.

Zwischendurch war auch noch der kommunale Vollzugsdienst (Ordnungsamt) alarmiert worden, denn da war ja noch der Hund, um den sich bis hierher die Nachbarn gekümmert hatten. Der Nachbar brachte den Hund. Ein offensichtlich ziemlich freundliches Tier, das interessiert sämtliche Hosenbeine und dann die Reifen des Streifenwagens abschnupperte. Er sprang bereitwillig in den Kofferraum des Wagens des kommunalen Vollzugsdienstes. Die beiden Herren vom Ordnungsamt hinterließen die Adresse der Tierpension, in der der Hund Unterschlupf finden würde.

FT_2In dem Augenblick ging mir die Sachlage sehr nahe. Natürlich ist es keineswegs lustig, wenn jemand stirbt, aber schlimm ist es doch in erster Linie für die Hinterbliebenen. Ein Hund versteht ja kaum, warum er jetzt von dem Menschen getrennt wird, auf den er fixiert war. Zudem habe ich selbst einen Hund und den habe ich mir eigentlich angeschafft, um ihn bis zu seinem Ende zu versorgen und nicht, damit er eines Tages in ein Tierheim muss.

Übrigens tragen die Mitarbeiter des kommunalen Vollzugsdienstes in Frankenthal Schusswesten und haben Pfefferspray.

Anschließend warteten wir auf den Kriminaldauerdienst. Der bestand aus einem Polizisten und einer Polizistin in zivil. Der junge Mann entschuldigte unsere Wartezeit mit den Worten: „Heute wird viel gestorben.“

Bevor jetzt jemand Schnappatmung bekommt – wenn man den ganzen Dienst lang nichts anderes macht als in Todesfällen zu ermitteln und jede Menge Leichen zu Gesicht bekommt, kann man nicht für jeden Fall ein emotionales Riesenfass aufmachen. Dann hat man nämlich innerhalb kürzester Zeit einen Burn-out und geholfen ist davon niemandem.

 

FT_3Auf dem Weg zurück zur Dienststelle wurden wir angefunkt, uns mal schnell um eine Auseinandersetzung zwischen Nachbarn zu kümmern.

Als wir an der angegebenen Adresse eintrafen, stellte sich heraus, dass es sich um eine Familie handelte, die sich von Lärmemissionen ihrer Nachbarn gestört fühlte.

Nun bin ich selbst ziemlich lärmempfindlich. Ich hatte selbst schon vor vielen Jahren, als ich noch in einer Etagenwohnung lebte, die Polizei im Haus. Die Streife stand damals in meinem Flur, in dem fast der Putz von der Decke kam. Einer der beiden fragte: „Und das ist wirklich zwei Stockwerke drüber und nicht bloß eines? Was machen denn die Leute, die noch dazwischen wohnen?“ Wahnsinnig werden vermutlich. Übrigens ist es nicht so, dass ich nicht damals versucht hätte, mit den betreffenden Nachbarn zu reden. Allerdings war meine Prüfung, die ich am Tag danach abzulegen hatte, in deren Augen offensichtlich kein Grund für überwältigende Rücksichtnahme.

Obwohl ich also die Gefühlslage der Menschen komplett nachvollziehen konnte, fiel es mir schwer, mich nach einem Todesfall mit einer solchen Problematik innerlich auseinanderzusetzen. T. und V. regelten das sehr professionell, hörten sich die Aussagen der Familie dazu an und verwiesen im Wiederholungsfall auf den kommunalen Vollzugsdienst, der bis Mitternacht für Ruhestörungen in Frankenthal zuständig ist. Anschließend versuchten sie ein Gespräch mit der Familie, die in der Wohnung darüber wohnt. Dort war aber nur der Sohn daheim.

 

FT_4Kaum im Streifenwagen schlug der nächste Einsatz ein. Da es dazu eine Pressemitteilung vom 15.05.2016 gab, lasse ich die einfach für sich sprechen:

POL-PDLU: Musikvideodreh auf Schuldach endet mit Strafanzeige

Frankenthal (Pfalz) – Aufgrund der besseren Aussicht befanden sich drei Heranwachsende aus Frankenthal am Freitagabend unerlaubt auf dem Dach einer Frankenthaler Schule, um dort ein Musik-Video zu drehen. Während die Heranwachsenden durch die eingesetzten Kräfte vor Ort vom Dach dirigiert wurden, gelang es einem der drei durch einen waghalsigen Sprung die Flucht zu ergreifen. Die anderen beiden wurden einer Kontrolle unterzogen. Sie konnten anhand des mitgeführten Kameraequipments ihr Vorhaben belegen. Gegen alle Beteiligten wurde eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch erstattet.

Übrigens konnte ich die Idee durchaus nachvollziehen, denn zeitgleich spielte sich im Hintergrund ein dramatischer Sonnenuntergang ab. Ich glaube, auch T. hatte ein gewisses Verständnis, denn er konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneifen. Das Video wäre mit Sicherheit ziemlich cool geworden – wenn denn alles gut gegangen wäre. Denn, wie T. eindringlich versuchte, den beiden nahezubringen, man weiß bei Flachdächern nie, ob sie wirklich tragen oder nur ein Lichthof sind. Und plötzlich liegt man dann zwei Stockwerke tiefer und kann sich glücklich schätzen, wenn man nur gebrochene Knochen hat. Meinem Eindruck nach kam diese Ermahnung leider nicht an.

Im Gesprächsverlauf fragte einer der beiden jungen Herren uns nach einem Papiertaschentuch. T. reichte ihm eines. Sehr menschlich. Hat mir sehr gut gefallen.

 

Nach diesem Einsatz schafften wir es tatsächlich in die Dienststelle, wo dann auch das Gespräch mit der Dienstgruppe stattfand, das ich sonst von Schichtbeginn kenne. Polizeialltag ist also nicht planbar, schon gar nicht Samstagnachts.

 

FT_6Kurz darauf erschien der Kriminaldauerdienst auf dem Plan, sie waren mit ihrer Arbeit bei der verstorbenen Dame fertig geworden. Eine Ärztin hatte als Todesursache einen natürlichen Tod festgestellt, damit war für die Kriminalpolizei nichts mehr zu tun. Sie brachten uns den Haus- und Wohnungsschlüssel, denn natürlich kann die Polizei dort nicht alles offenstehen lassen.

Da wohl die Polizei am Wohnort der nächsten Angehörigen noch niemanden erreicht hatte, hatte der Kriminaldauerdienst ein Bestattungsunternehmen verständigt, das in solchen Fällen immer zum Einsatz kommt.

Dieses musste natürlich ins Haus gelassen werden. Als die beiden Mitarbeiter des Unternehmens zu der Verstorbenen losfuhren, verständigten sie die Polizei, sodass T., V. und ich ebenfalls mit dem Schlüssel losfahren konnten, um ihnen das Haus zu öffnen. Ein wenig warten mussten wir dann doch.

 

Kurz darauf, wir waren wieder in der Dienststelle, meldete sich die Angehörige der Verstorbenen und wurde zu T. durchgestellt. Die Polizei vor Ort hatte ihr die Todesnachricht überbracht. Sie fragte, wie es nun weiterginge. Sie würde bei der Polizei in Frankenthal alle wichtigen Unterlagen und den Hausschlüssel abholen können. Was mich persönlich trotz der traurigen Situation ein bisschen freute, war, dass eine ihrer ersten Fragen dem Hund galt und sie offenbar noch in der laufenden Nacht versuchen wollte, den Hund zu sich zu holen. Das dürfte meiner Meinung nach für ihre Seele und die des Hundes die beste Variante sein.

Übrigens war ich während des Telefonats zufällig bei T. im Büro und hörte seine Seite des Gesprächs mit. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – ich bin mal wieder beeindruckt davon, wie einfühlsam er mit der Frau kommuniziert hat.

 

Schließlich ergab es sich, dass ich mit einer anderen Streife rausfuhr, einem Polizisten, ebenfalls T., und eine Polizistin, M. Dazwischen hatte die Nacht einen kleinen Hänger gehabt, aber das sollte sich noch ändern.

Zuerst wurden wir zu einer Ruhestörung gerufen. Es war bereits weit nach Mitternacht, der kommunale Vollzugsdienst folglich nicht mehr zuständig. Wir waren fast schon vor Ort, als über Funk eine Meldung über einen möglichen Einbruch reinkam. Der ging vor der Ruhestörung vor. Also umdrehen.

Der Einbruch hatte stattgefunden in einem Windpark bei Frankenthal. Da merkte ich zum ersten Mal so richtig, dass die Bedingungen im Bezirk hier schon anders sind als bei einer Nachtschicht in Ludwigshafen oder Mainz. Dort bietet sich bei nächtlichen Fahrten von der Rückbank eines Streifenwagens ein Bild, das dem im Stadtgebiet Frankenthal nicht unähnlich ist:

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Hier, außerhalb der Stadt, bot sich nun eher komplette Schwärze.

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Wir fuhren abseits öffentlicher Straßen über diverse Feldwege, um zum Tatort zu gelangen. Dort erwartete uns schon ein Herr der Securityfirma des Windparks. Ein Kollege von ihm kam kurz darauf hinzu.

Einige Windräder waren noch im Aufbau, so hielten wir quasi direkt neben einem riesigen Rotorblatt. Ich hatte zwar gewusst, dass diese Dinger riesig sind, aber so riesig – Wahnsinn!

Was ich bisher noch nicht gewusst hatte, war, dass die Streifenwagen der Polizei Rheinland-Pfalz einen Scheinwerfer im Blaulichtbalken haben, mit dem man eine Szenerie gut erhellen kann. T. parkte den Wagen auch gleich so, dass der Tatort gut ausgeleuchtet war.

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Es handelte sich hierbei um einen Container, in dem die Bauarbeiten wohl koordiniert wurden. Er wies in der Tat einige Einbruchsspuren auf, ebenso wie ein Container einige Meter weiter.

FT_15T. und M. nahmen die Aussage der beiden Security-Männer auf. Dann begannen sie mit der Spurensicherung, T. sicherte Fingerabdrücke. Dabei muss man sehr geduldig und vorsichtig vorgehen. M. machte einige Fotos. T. und M. schauten sich nach weiteren Spuren um.

Übrigens konnte ich mich wieder durch Halten von Taschenlampen nützlich machen. Mir sei an dieser Stelle die Bemerkung erlaubt, dass dieser Ort für einen Windpark optimal gewählt ist – es wehte die ganze Zeit ein dermaßen kalter Wind, dass mir fast die Finger abfielen. Was ich natürlich nicht gesagt habe. Wenn ich schon die Gelegenheit bekomme, bei so etwas dabei zu sein, dann will ich nicht mehr stören als zwingend notwendig.

Nebenbei bemerkt muss ich sagen, dass ich dieses Mal zwar vorrangig davon beeindruckt war, wie die beiden Polizeibeamten arbeiteten, aber auch sonst ein wenig atemlos war. Der zunehmende Mond über ziemlich dramatischen Wolken, dabei die halbfertigen Windräder – da hätte man einen Film draus machen können und zwar in verschiedenen Genres, je nach Geschmackslage. Ich persönlich hätte es für einen Krimi genommen. Einen, in dem Polizeiarbeit vernünftig dargestellt wird, natürlich!

FT_16Im Anschluss an die Spurensicherung suchten wir noch im Nahbereich nach den Tätern, was in stockdunkler Nacht nicht so einfach ist.

Wir fanden sie auch nicht mehr. Das will aber erstmal nichts heißen, vielleicht bringen die gesicherten Spuren ja diesbezüglich Licht ins Dunkel.

 

Als nächstes hörten wir, dass die beiden übrigen Streifen, die im Dienstbezirk unterwegs waren, bei einem Fall von häuslicher Gewalt um Verstärkung baten. Also bekam ich eine Blaulichtfahrt ohne Blaulicht, denn es war so wenig auf den Straßen los (es war mittlerweile zwischen zwei und drei Uhr morgens), dass T. auch so sehr schnell fahren konnte.

 

Von dort konnten wir recht schnell wieder abrücken und uns endlich der Ruhestörung widmen, wegen der wir ursprünglich losgefahren waren. Am angegebenen Ort (einer Festhalle) verharrten wir kurz mit geöffneten Fenstern. Keiner von uns dreien konnte irgendwie übermäßige Lautstärke feststellen -nicht mal ich, als enorm geräuschempfindliche Zeitgenossin.

Dennoch entschied T., dass wir da mal nach dem Rechten sehen sollten, also stiegen wir aus und betraten die Festhalle.

Wir liefen mehr oder minder sofort einer Braut in die Arme. Eine Hochzeit!

Die Braut erklärte auch sofort, dass diese Hochzeit in den letzten Zügen läge. Um drei wäre das Ende angesetzt. Die Uhr an der Wand zeigte drei Minuten vor drei. T., M. und ich gratulierten freundlich, dann gingen wir wieder. Es war aus Sicht der Polizei kein Handlungsbedarf zu erkennen.

Mir kam das auch logisch vor. Meine eigene Hochzeit sollte damals auch gegen drei enden, sie endete nur deshalb gegen vier, weil in der Nacht die Uhren vorgestellt wurden.

Beim Rausgehen sagte noch ein junger Mann zu uns: „Das darf man nicht so eng sehen. Sowas feiert man ja nur einmal im Jahr.“

Damit entlockte er uns allen ein breites Grinsen. Ach so? Im Jahr? Einmal im Leben hätten wir jetzt gedacht, zumindest ist das ja meistens der Plan. Nun ja, er hatte offensichtlich sehr intensiv gefeiert, es sei ihm gegönnt!

 

Anschließend bestreiften wir ein wenig Frankenthal, bis wieder ein Funkspruch mit der Bitte um Verstärkung reinkam – ein Verstoß gegen eine Gewaltschutzverfügung. Dieses Mal bekam ich dann eine Blaulichtfahrt mit Blaulicht, aber immer noch ohne Martinshorn. Die paar KfZ, die sich mit uns die Straße teilten, waren auch so schnell genug aus dem Weg.

T. parkte das Auto gleich so, dass der Scheinwerfer wieder die Sachlage hervorragend beleuchten konnte. Offenbar kannte er die Einsatzörtlichkeit.

Ein Mann stand auf einem Balkon im Hochparterre, dem Balkon der Wohnung, in der seine Ex-Frau lebt. In der Hand hielt er eine Plastikflasche mit einer gelblichen Flüssigkeit. Offensichtlich wollte er hinein. Nun besagt aber die richterliche Gewaltschutzverfügung, dass er sich der Frau nicht zu nähern hat.

FT_8Vor dem Balkon standen vier Polizisten (und ich). Und eine sehr hübsche Katze, die offensichtlich in den Haushalt der beiden gehört hatte und für die die Diskussionen ums Sorgerecht noch nicht final abgeschlossen sind.

Die Beamten versuchten den Mann davon zu überzeugen, freiwillig vom Balkon herunterzukommen und einfach die Gewaltschutzverfügung zu befolgen. Er argumentierte damit, dass er nicht wisse, wo er schlafen solle. Dazu muss man sagen, dass es diese Verfügung schon seit einigen Monaten gibt, er sich also durchaus bei Gelegenheit um Unterkunft hätte bemühen können. Offensichtlich wollte er das aber nicht.

Ebenso offensichtlich stand er unter irgendwelchen bewusstseinsverändernden Substanzen, denn er textete uns in einer Tour mit grammatikalisch korrekten und vollständigen Sätzen zu, die aber insgesamt keinen Sinn ergaben. So erklärte er uns u.a., dass er sich seine Getränke selbst mixen würde. Auf die Frage eines Polizisten, was er denn aktuell in der Flasche hätte, antwortet er: „Ginger-Ale mit Salz.“ Der Polizist verlieh seinem Erstaunen Ausdruck, denn offenbar war ihm diese spezielle Mischung nicht bekannt. Darauf unser Balkonkletterer: „Hast du in Chemie etwa nicht aufgepasst?“ Leider erfuhren wir in dieser Nacht nicht mehr, was nun genau der wundersame Effekt von Ginger-Ale mit Salz ist, denn es folgte einer seiner erratischen Gedankensprünge. Da ich offenbar in Chemie auch nicht aufgepasst habe und meine Bekannten durch die Bank auch nicht, konnte ich das Rätsel bis hierher auch nicht lösen.

Übrigens – analog zu der Frau in Ludwigshafen, die bei unserem Einsatz stark unter Substanzen stand – erkannte auch er, dass ich das schwächste Glied in der Reihe war und fragte mich, ob mein Aufzug (zivil und Polizeiweste) nun die neue Uniform sei. Zum Glück driftete er auch hier schneller thematisch wieder ab, als meine Begleiter und ich eine Antwort finden konnten.

Jedenfalls gelang es tatsächlich, den Mann vom Balkon runterzuquatschen. Beim Herunterklettern fiel er erst einmal rücklings hin. Dann dauerte es noch etwa zwanzig Minuten, bis wir ihn fünfzig Meter weiterbewegt hatten. Dem mehrfach ausgesprochenen Platzverweis Folge zu leisten, war für ihn keine ernsthafte Option. Jeden Vorschlag, sich zu einer Unterkunft zu bewegen, lehnte er ab. In diesem Zusammenhang fiel auch ein Hinweis auf das Frankenthaler Männerwohnheim.

Im Laufe der Nacht waren wir da schon einmal vorbeigefahren. M. hatte sich erkundigt, was das für ein Haus sei. Es ist in der Tat ziemlich auffällig, prangen doch einige Wappen an seiner Wand. T. hatte es ihr erklärt und dann den Satz nachgeschoben: „Seit einiger Zeit wohnen da auch Flüchtlinge drin. Seitdem haben wir da deutlich weniger Einsätze.“ Ja, ich weiß, es gibt Flüchtlingsheime, wo die Polizei einen Einsatz nach dem nächsten fährt. Dieser eine Satz, der auch in einem völlig anderen Zusammenhang fiel, sagt mir aber wieder einiges zu meinem Lieblingsthema der Verallgemeinerung. Hüten wir uns davor!

Aber zurück zu unserem Störenfried. Er wollte entweder zu seiner Ex oder aber, wie er wieder und wieder verlangte, von einem Polizeiauto zu einer Unterkunft gefahren werden, das wollten aber die Polizeibeamten nicht. Die Polizei ist nun mal kein Taxiunternehmen. Punkt!

Allmählich zeichneten sich erste Spuren eines Sonnenaufgangs ab. Bekanntlich die kälteste Stunde der Nacht – und ja, ich fror mittlerweile bitterlich vor mich hin. Wie so oft kann ich da nur wieder und wieder die endlose Engelsgeduld unserer Polizisten bewundern. Letztlich, nach gut einer Stunde sinnloser Diskussion, entschieden T. und M., ihn nun doch mit dem Streifenwagen zu einem Bekannten zu fahren, damit das Spielchen nun ein Ende nehmen möge.

FT_5Ich tauschte den Platz mit der Beifahrerin und los ging es. Wir fuhren etwa fünf Minuten bis zu angegebenen Adresse. Dort ermahnte T. ihn noch einmal eindringlich, die Gewaltschutzverfügung ab sofort zu respektieren, sonst würde er in den Gewahrsam einfahren. Das würde ihn 80 Euro kosten und dafür könne man komfortablere Unterkünfte finden.

Zwei (!) Minuten später schälten wir uns in der Dienststelle aus dem Auto, als der nächste Funkspruch reinkam.

Er ist wieder da! IN der Wohnung seiner Ex-Frau.

Bitte?

Wie hatte er das bloß angestellt? Er hatte zu Fuß die Strecke schneller zurückgelegt als wir mit dem Streifenwagen in der Dienststelle angekommen waren.

Halb ungläubig stiegen wir wieder ein und los ging es.

Tatsächlich!

Er stand wieder auf dem Balkon.

Da sich die zweite Streife schon unten vor dem Balkon postiert hatten, dirigierte T. uns auf der anderen Seite durch die Haustür ins Haus. T. und M. gingen direkt durch bis auf den Balkon. Ich blieb in der Wohnung stehen, um auf dem mit drei Personen mehr als überfüllten Balkon nicht im Weg zu sein.

Plötzlich passierte es. Es lässt mich immer noch sprachlos zurück, wenn ich auch nur daran denke.

Die Ex-Frau hatte zwei Nachbarn bei sich zu Besuch, einen Mann und eine Frau. Beide waren miteinander liiert. Dass sich beide der Polizei gegenüber ausgesprochen respektlos zeigten, fand ich mittlerweile nur noch mäßig erstaunlich. Auch, dass der Herr sich später, als T. seine Personalien erfragte, breitbeinig auf der Couch fläzte und es nicht mal für nötig befand, sich aufzusetzen – Schwamm drüber. Ich persönlich würde mich den Menschen, die gerade meine Nachbarin aus einer derartigen Situation befreien, gegenüber deutlich anders benehmen, aber gut. So ist das wohl heutzutage.

Dass aber die Nachbarin, während T. und M. auf dem Balkon mit dem Täter in Konflikt gingen, meinte, sie müsse exakt in dem Augenblick den Balkon betreten, fand ich schon ein starkes Stück. Als M. dann deutlich mitteilte: „Jetzt nicht!“ kam die Antwort: „Ich muss für meinen Freund einen Aschenbecher holen!“ Joah, ist ja der optimale Augenblick, so ein Polizeieinsatz. Da kann man sich seine Kippe nicht mal noch für fünf Minuten verkneifen.

Dazu fällt mir immer noch nichts ein. Respektlosigkeit, wenn die Polizei gerade meiner freien Persönlichkeitsentfaltung im Weg ist, finde ich zwar auch das Letzte, aber der Gedankengang dahinter erschließt sich mir wenigstens. Respektlosigkeit der Polizei gegenüber, wenn sie gerade meiner Nachbarin zur Hilfe eilt, legt meine Synapsen einfach nur lahm.

Immerhin kümmerte die Dame sich kurz darauf um ein ebenfalls in der Wohnung lebendes kleines Kind, das auf die Toilette musste.

T. und M. nahmen den Ex-Mann mit. Beim Verlassen der Wohnung passierten wir die offene Toilettentür. Das Kind piepste uns ein liebenswürdiges „Tschüss Polizei“ hinterher und zauberte uns damit ein breites Lächeln ins Gesicht. War das niedlich. Da wurde auch mein Streifenführer butterweich. Wir Damen sowieso…

Die zweite Streife entschied, dass sie unseren Randalierer in Gewahrsam nehmen würde. Da der Gewahrsam in Frankenthal aktuell renoviert wird, musste er nach Ludwigshafen gebracht werden. Die Uhr zeigte kurz vor Schichtende, die Sonne war auch mittlerweile recht weit oben. Somit war klar, dass der Frühschicht diese Aufgabe zufallen würde. Da wir uns allerdings der magischen Grenze von sechs Uhr näherten (ab 6 Uhr morgens steht ein Bereitschaftsrichter in Frankenthal zur Verfügung), musste noch bei Gericht angerufen und um Zustimmung gebeten werden.

FT_17Zeitgleich mit T., M. und mir trafen die beiden jungen Polizisten zum Dienst ein, die der andere T., V. und ich zu Beginn der Nacht in der Wohnung der verstorbenen Dame abgelöst hatten. So war auch diese Schicht schon wieder vorbei.

 

Wie bereits erwähnt, hat mir die Frühschicht noch eine Weile Unterschlupf und einen Kaffee gewährt. Einer der jungen Herren aus der Frühschicht sprach mich an. Seit neuestem darf ich ja gelegentlich aus den Streifenwagen der Polizei RLP live twittern (danke für das Vertrauen!). Das hatte ich auch in dieser Nacht getan. Als wir uns mit Blaulicht auf den Weg zu unserem mittlerweile in Gewahrsam genommenen Randalierer gemacht hatten, hatte ich einen entsprechenden Tweet abgesetzt („Beschleunigte Anfahrt wegen Verstoß gegen Gewaltschutzverfügung“). Zu diesem Zeitpunkt hatte sich mein Gesprächspartner gerade bei sich zuhause an den Frühstückstisch gesetzt. Er sagte: „Ich wusste genau, zu wem Ihr da unterwegs wart. Und jetzt ist er hier.“

Ich fühle mich zunehmend davon geehrt, wer so alles bei mir mitliest. Gerade wenn jemand, der in diesem Beruf steht, mitliest, scheint es ja Sinn zu machen, was ich so schreibe. Abgesehen davon warf diese Bemerkung jedoch Fragen in mir auf:

Offensichtlich hat unser Randalierer also nicht zum ersten Mal gegen diese Gewaltschutzverfügung verstoßen. Da stelle ich mir doch als Laiin die Frage, ob es Sinn der Sache sein kann, dass die Polizei ihn mehrmals nächtlich vom Balkon pflückt. Da sollte doch an irgendeiner Stelle nachgebessert werden, so dass da schneller Konsequenzen folgen. Sonst wird das eine unendliche Geschichte. Für das Opfer ist das endloser Nerventerror. Wie wirkt das auf das Kind, wenn da nächtlich mehrfach solche Szenen stattfinden? Es hat sich niemand beklagt, aber für die Polizisten stelle ich mir das auch sehr frustrierend vor, wieder und wieder auszurücken und es ändert sich nichts. Immer mit dem Gefühl, dass irgendwann vielleicht doch eine schlimme Eskalation passiert. Immerhin heißt diese Verfügung „Gewaltschutzverfügung“. Das sagt ja was aus über den Menschen, den wir da eingesammelt haben. Die Polizei könnte sich in der so gewonnenen Zeit vielleicht der einen oder anderen Präventionsmaßnahme widmen, gerade im Straßenverkehr scheint mir da viel zu tun. Und auch der Täter würde schneller wieder für sich eine Perspektive finden, wenn er merkt, dass es wirklich und wahrhaftig in der Richtung, in die er partout will, nicht weitergeht.

 

Was mich übrigens auch gefreut hat, war, dass noch zwei Polizeibeamten aus der Nachtschicht ebenfalls ein bisschen blieben und mir beim Kaffee Gesellschaft leisteten. Einer der beiden erzählte mir einiges aus seiner Zeit bei der Bereitschaftspolizei, u.a., wie es sich anfühlt, am 1. Mai in Berlin einer hasserfüllten Masse gegenüberzustehen. Leider fuhr dann wirklich mein Zug.

Wieder einmal hatte ich viele neue Dinge erlebt und mein Bild über die Arbeit unserer Polizei erweitert. Ich bin jedes Mal ein Stück beeindruckter und sicher, dass ich mit Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. richtig liege. Es ist vollkommen widersinnig, Menschen, die eine so vielfältige und anspruchsvolle Arbeit im Dienst an uns allen machen, mit Gewalt zu begegnen. Ich habe das Gefühl, dass ich noch lange nicht genug weiß. Wer immer mich in seinem Streifenwagen mitnehmen will – ich stehe zur Verfügung.

 

Mein herzlicher Dank an die Polizei Frankenthal für diese Einblicke. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich kann es nicht oft genug sagen: Ihr seid einfach klasse!

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One comment

  • Lury
    13. Juni 2016 - 09:39 | Permalink

    Was ich schön finde, das ganze mal aus der Sicht eines „NichtPolizisten“ erzählt zu bekommen.
    Man merkt richtig, was in dem Probanten vorgeht.

    Die untermalung mit den Fotos finde ich auch super.

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