Imponierend – Spätdienst mit der Polizei in Frankenthal

Mit jeder Schicht, die ich bei der Polizei verbringen darf, merke ich, wie wenig ich über den Alltag in diesem Beruf weiß. Mit jedem Mal wächst meine Hochachtung vor diesem Berufsstand noch ein Stückchen an.

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Nach drei Schichten in eher großen Städten war es aus meiner Sicht an der Zeit, es mal mit einer etwas ländlicheren Inspektion zu probieren – etwas, was in einem Bundesland wie Rheinland-Pfalz nicht allzu schwer zu finden ist. (Das ist nicht böse gemeint, ich liebe Rheinland-Pfalz gerade dafür!). Die Polizeiinspektion Frankenthal war so nett, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Zugegebenermaßen geht es noch deutlich ländlicher als Frankenthal. Das lerne ich aber sicherlich auch noch kennen. Jedenfalls gab es schon klare Unterschiede zu Ludwigshafen und Mainz.

Zum Einstieg war es eine Spätschicht, die Nachtschicht kommt aber auch noch dran. Ich mache das ja alles nebenberuflich, und muss deshalb mit meinen Nächten sparsam umgehen.

Es geht damit los, dass die PI Frankenthal eine eigene Leitstelle und einen eigenen Funkkreis hat. In Ludwigshafen und Mainz hört man den Funk sämtlicher Dienststellen der Stadt mit, die Leitstelle befindet sich im jeweiligen Präsidium. Entsprechend war im Funk ununterbrochen etwas los, es war gelegentlich für meine Streifenpartner schwierig, überhaupt durchzukommen. Wenn es nicht ultradringend war, warteten sie, um ihr Anliegen loszuwerden. Hier war zwar auch immer was los, aber für mich als Laiin deutlich übersichtlicher…

Der Dienststellenleiter sowie „meine“ Schicht in Frankenthal begrüßten mich ausgesprochen freundlich. Ich wurde einer Streife zugeordnet, einer Polizistin Ende 20, J., und einem Polizisten Mitte 20, S.

J. und später auch der Dienstgruppenleiter machten sich später ein wenig Sorgen, weil die Schicht „sehr ruhig“ gewesen sei. Sie hätten sich wohl schon ein bisschen gefreut, mir mehr Action bieten zu können. Aus persönlichen Gründen (dazu später) war es mir an diesem Tag durchaus Recht, dass die Einsätze nicht Schlag auf Schlag hereinprasselten. Zudem wollte mir „meine“ Streife eigentlich das ganze Dienstgebiet zeigen. Wir haben nur die Hälfte geschafft – und ein geplantes Fotoshooting in Sachen Body-Cam ging auch ausgesprochen hektisch und mit nicht ganz so tollen Resultaten über die Bühne – soweit zum Thema „ruhig“. Wenn ich daraus hochrechne, was an nicht ruhigen Tagen so los ist, macht mich das schon etwas nachdenklich. Mir war ja schon immer klar, dass jene, die mir permanent davon erzählen, was sich Polizisten angeblich für einen lauen Lenz machen, nicht ganz richtig liegen können, aber an diesem Tag sprang mir das förmlich ins Gesicht.

Gerade mal drei Tage vorher hatte ich bei der Spätschicht der Polizeiinspektion Ludwigshafen 1 hospitiert. Am Tag danach war es in Ludwigshafen genau in der Spätschicht zu einem Angriff auf einen Polizisten gekommen. Er wurde mit einem Messer schwer verletzt. Der Angreifer wurde von einem weiteren Polizisten erschossen. Ich würde lügen, würde ich nicht zugeben, dass mir das auch auf persönlicher Ebene ganz schön nahe gekommen ist. Immerhin durfte ich schon zwei Mal bei der PI Ludwigshafen 1 mitfahren, wurde immer sehr nett empfangen und mir sind dadurch Menschen dort bekannt. Meine Gedanken gehören nach wie vor der PI Ludwigshafen 1.

Natürlich waren die Ereignisse in Ludwigshafen auch Thema in Frankenthal, zumal an diesem Morgen selbst auch noch ein tödlicher Schusswaffengebrauch im Norden von Rheinland-Pfalz hinzugekommen war.

Sicherlich fühlt sich jeder Polizist davon betroffen, ganz besonders im eigenen Bundesland. Jeder weiß in solchen Augenblicken, dass es ihn auch treffen kann und jeder denkt in irgendeiner Form darüber nach, z.B. indem er überlegt, wie er seine Ausrüstung verbessern kann. Diese Vorfälle schwangen den ganzen Tag über mit. Was nicht heißt, dass nicht zwischendurch viel gelacht worden wäre oder dass meine Streife nicht mit voller Konzentration ihre Einsätze abgearbeitet hätte. Aber es war eben da.

Deshalb war der Schichtverlauf aus meiner Sicht nicht der schlechteste. Im Gegenteil.

Nun aber genug der Vorrede.

Nachdem mir eine Polizistin, die derzeit Innendienst macht, netterweise ihre Schussweste auslieh, konnte es losgehen. Das war übrigens ein Unterziehmodell. Nicht sonderlich kleidsam, aber das ist ja auch kein Laufsteg, sondern ich begleite Menschen bei ihrer Arbeit, deren Beruf sekündlich gefährlich werden kann.

Übrigens bei teilweise fast 30 Grad Außentemperatur wurde ich Fan einer Überziehweste. Die kann man mal an der Seite aufmachen, um ein wenig Luft unter sie zu lassen. Das ist mit einer Unterziehweste nicht so gut möglich. Alles hat seine Vor- und seine Nachteile.

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Im Streifenwagen fiel mir als erstes auf, dass die Rückenlehne des Beifahrers deutliche Spuren eines der „Passagiere“ vor mir trug. Der war eindeutig weniger freiwillig als ich hier mitgefahren (worden).

 

Unser erster Einsatz war ein Unfall zwischen einem LKW und einem kleinen Lieferwagen an einer stark befahrenen Straße. Die Unfallaufnahme verlief interkulturell, denn die beiden Fahrer sprachen zwar miteinander italienisch, mit uns aber deutsch und französisch. Da einer der beiden allerdings am allerbesten arabisch sprach, und ein Zeuge diese Sprache auch sehr gut sprechen konnte, kam auch noch diese Sprache hinzu.

Erschreckend übrigens, welch doch recht eigenartiges Verständnis die passierenden Fahrer insbesondere großer und schwerer Fahrzeuge vom „Abbremsen an einer Unfallstelle“ haben. Hätten S. und J. nicht so gut aufgepasst, wäre vermutlich irgendwann mal einer von uns unter die Räder gekommen.

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Im Anschluss wurde die Einsatzlage etwas ruhiger, das heißt aber nicht, dass J. und S. nichts mehr zu tun gehabt hätten. Es gibt so einiges zu tun, auch wenn man nicht durch die Einsatzlage getrieben wird.

Als erstes versuchten wir, eine Gewaltschutzverfügung zuzustellen. Das ist ein Schreiben, in dem der Person mitgeteilt wird, dass sie sich einer anderen Person (im allgemeinen die Ex-Frau oder -Freundin) nicht nähern darf, usw. Der Empfänger war allerdings nicht daheim. Also rückten wir wieder ab.

Anschließend lagen Nachermittlungen zu einem Fahrraddiebstahl an. Das Fahrrad war von einem Bekannten des Besitzers gestohlen gemeldet worden. Also musste der Besitzer befragt werden, ob es sich tatsächlich um sein Fahrrad handelte. Ein entsprechendes Schreiben der Polizei war unbeantwortet geblieben, also wurde er daheim aufgesucht. Wir hatten Glück, er kam gerade nach Hause, als wir vor seiner Tür standen. Er freute sich, dass sich die Polizei darum kümmerte. Da er keine Kaufbelege mehr für das Fahrrad hatte, hatte er sich irrtümlich nicht mehr bei der Polizei gemeldet.

Anschließend galt es, einen Fahrer zu ermitteln. Ein Herr war im punktwürdigen Bereich geblitzt worden und es galt nun herauszufinden, ob der Herr auf dem Foto der Halter des Wagens ist oder wer das Auto sonst gefahren haben könnte.

Als erstes fuhren wir die Wohnadresse des Halters an, waren dort aber erfolglos. Zuerst öffnete niemand, dann war aber doch ein Verwandter daheim. Der war sich nicht sicher, ob er die Person auf dem Bild erkennen würde. Ehrlich gesagt hätte ich persönlich vermutlich einer ähnlichen Situation Skrupel.

Im Anschluss fuhren wir zurück auf die Dienststelle. J. rief den Halter des Fahrzeuges auf seinem Handy an. Der bot freundlicherweise an, direkt zur Dienststelle zu kommen, wo er auch fünf Minuten später erschien. Er identifizierte sich selbst und gab zu, dass er zu schnell unterwegs gewesen war. Dabei war er sehr freundlich.

Im Anschluss daran unternahmen wir einen zweiten Versuch, die Gewaltschutzverfügung zuzustellen. Erfolglos.

Anschließend ging es auf Streife, um mir die Größe des Dienstgebietes zu zeigen. Dabei bekamen wir gleich einen Einsatz in einem der Dörfer der Umgebung Frankenthals, wo eine Ampelanlage ausgefallen sein sollte. Wir durchfuhren zweimal die genannte Straße, konnten aber keine Ampel entdecken. Da zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Anrufe zu dieser Thematik vorlagen, ging es weiter.

In einem der Dörfer, die wir passierten, winkte uns eine Gruppe Kinder zu. Natürlich winkten alle zurück, ich auch.

Wie bereits angedeutet, machte uns die Einsatzlage einen Strich durch die Rechnung. Immerhin kann ich es in Teilen abschätzen. Seht Ihr auf dem Foto Frankenthal? Am Ende des Weges, an dem ich stehe? Nein? Ich auch nicht, zumindest nicht auf dem Bild. Mit bloßem Auge ließ es sich allerdings schon noch erkennen.

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Das Bild konnte ich machen, weil uns beim Bestreifen ein Roller entgegen kam, ein Einsitzer, auf dem aber zwei junge Damen saßen, eine davon ohne Helm.

Die beiden wurden natürlich an den Straßenrand gewinkt.

Nun lese ich ja oft in den Pressemitteilungen von den Extremfällen, in denen Jugendliche austicken und sozusagen Spitzenplätze in der Galerie der Gewalt einnehmen. Diese beiden waren eindeutig ein anderes Kaliber. Beide hatten einen Heidenrespekt vor der Polizei, dem Mädchen ohne Helm zitterten sogar die Hände. Sie fragte eins ums andere Mal: „Was passiert jetzt mit mir?“ und erst gegen Ende des Einsatzes wurde klar, dass sie glaubte, nun einen Eintrag im Führungszeugnis zu haben. Diese Angst konnte S. ihr aber sehr schnell nehmen.

Die Fahrerin versuchte, was ich sehr sympathisch fand, die Schuld allein auf sich zu nehmen, da sie ihre Freundin dazu überredet habe. Da sie ihre Betriebserlaubnis zuhause vergessen hatte, bekam sie eine Mängelkarte. Die andere musste aufgrund ihres sehr jugendlichen Alters damit leben, dass ihre Eltern informiert wurden – und Papa war nicht amüsiert.

Beide versprachen hoch und heilig, den Roller nach Hause zu schieben. Die Wetten im Streifenwagen standen 1:2, also zwei der drei Personen im Wagen glaubten, dass sie das wirklich tun würden. Leider wissen wir nicht, wer diese Wette gewonnen hätte, denn wir konnten das nicht mehr nachprüfen.

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Für das Foto bin ich übrigens kurz um die Ecke hinter eine Hecke gegangen, um die Mädels nicht auch noch damit nervös zu machen, dass sie befürchten mussten, ihr Bild in der Abendzeitung wiederzusehen.

Noch während wir mit den jungen Damen befasst waren, kam der nächste Einsatz herein. In einem Naturschutzgebiet am Rhein gingen die Emotionen hoch, weil eine Dame ihren Hund unangeleint gelassen hatte. Der Kreis bezahlt eine eigene Security-Firma, die sich darum kümmert, dass dies eben nicht passiert. Ich habe selbst einen Hund, ich werde niemals verstehen, wo das Problem ist, den in einem Naturschutzgebiet an die Leine zu legen.

Außerdem, und das war das eigentliche Problem, verscheuchten die Security-Herren die Menschen vom Rheinufer, wegen der Bodenbrüter. Da aber niemand vor Ort genau wusste, wann denn nun Brutzeit ist, waren die Gemüter in dieser Frage recht bewegt. Die betroffene Dame hatte durchaus Unterstützer in dieser Frage gewonnen, sodass sich im Laufe des Einsatzes eine größere Gruppe Menschen um uns sammelte. Übrigens sprachen die alle, soweit ich das als Rheinländerin beurteilen konnte, astreines pfälzisch. Nur um Reflexen vorzubeugen, die manche Leser unserer Präsenzen bei der Wortfolge „größere Gruppe“ oftmals anspringen.

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S. und J. brachten Ruhe in die Sachlage, wieder einmal mit den kommunikativen Fähigkeiten, die ich an unseren Polizisten so schätze. Zudem wollten die Herrschaften der Security-Firma die Personalien der Dame erheben, was diese nicht wollte. Der Polizei hat sie sie dann aber letztlich gegeben.

Schon mitten in diesem Einsatz drangen beunruhigende Nachrichten aus dem Funk an unser Ohr. Ein Vierjähriger war spurlos verschwunden.

Es ist eine Sache, so etwas am Tag danach in den Pressemitteilungen der Polizei zu lesen. Es ist eine ganz andere Sache, wenn man da so steht, bei herrlichstem Wetter in schöner Landschaft, dann im Funk so etwas hört und denkt: „Oh… nein… bitte nicht.“

Alles, was noch raus konnte, wurde schon mal zum Haus der fraglichen Familie geschickt. Es war klar, dass wir, sobald wir im Naturschutzgebiet fertig wären, auch dorthin fahren würden.

Als wir schon im Streifenwagen auf dem Weg waren, kam Entwarnung. Der Junge war gefunden worden. Die Polizei hatte vorsorglich noch mal im Haus der Familie gesucht. Ein Polizist hatte ihn in einem Kleiderschrank unter einem Berg Klamotten gefunden.

Erleichterung! Der Kleine hatte wohl Verstecken gespielt, aber, wie Kinder manchmal so sind, niemanden davon informiert.

Mit der guten Nachricht kam direkt ein neuer Einsatz. Ein ausländischer Spediteur hatte die Polizei davon informiert, dass einer seiner Fahrer einen anderen LKW angefahren habe, aber wegen Einhaltung seiner Liefertermine weitergefahren sei. An dem angefahrenen LKW hatte er einen Zettel mit seinen Daten angebracht. Ein weit verbreiteter Irrtum, dass das ausreichen würde.

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Wir fuhren also an den Unfallort, wo wir erst noch auf den Fahrer des angefahrenen LKW warten mussten. Mitarbeiter der Firma, in der der Unfallfahrer Ladung aufgenommen hatte, gaben meinen beiden Begleitern die notwendigen Informationen über ihn.

Der Schaden am angefahrenen LKW sah wirklich knackig aus, bspw. hing ein Außenspiegel nur noch am Kabel herunter.

Anschließend machten wir den dritten Versuch, die Gewaltschutzverfügung zuzustellen. Wieder niemand daheim. Diese Aufgabe wurde dann später der Nachtschicht übergeben.

Auf dem Weg dahin passierten wir ein Graffito mit dem ebenso dummen wie inhaltsleeren Inhalt „Fuck the police“. Aus meiner Sicht schon immer unintelligenter Unsinn. Je öfter ich diesen Menschen bei der Arbeit zusehe und je mehr ich überblicke, wie vielfältig und anspruchsvoll dieser Beruf ist, desto unnötiger finde ich solche Aussagen. Wenn mir derartige Lektüre aufgezwungen wird, wenn ich gerade aus dem Rückfenster eines Streifenwagens schaue, dann fehlen mir die Worte, um zu beschreiben, wie intelligenzbefreit ich das finde.

Dann ging es noch einmal zur Sache. Wir wurden zu einem Fall von möglicher häuslicher Gewalt, Mutter gegen Sohn, gerufen. Die Anfahrt ging zügig vonstatten. Die Familie fiel aus allen Wolken, als die Polizei vor ihrer Tür stand. J. redete mit der Mutter, S. mit dem Sohn. In getrennten Räumlichkeiten. Eine Freundin der Mutter war auch im Haus. Ja, die Gefühle waren sehr hoch gekocht und Tränen waren geflossen – aber Gewalt war nicht im Spiel gewesen.

FT_8_klein_SchriftDamit neigte sich diese Schicht auch wieder ihrem Ende zu. Das war schneller gegangen als ich gucken konnte. Im Anschluss mussten noch Berichte verfasst werden und damit war auch diese Schicht schon wieder vorbei.

Der Dienstgruppenleiter verabschiedete mich sehr freundlich, u.a. mit den Worten: „Es ja nicht so häufig, dass sich jemand für uns interessiert.“

Darüber habe ich auf der Heimfahrt lange nachgedacht. Ich denke schon, dass viele Menschen sich für die Arbeit der Polizei interessieren, sonst würden Krimis und Polizeiserien nicht so gut laufen. Klar, das hat auch was mit dem Wunsch danach zu tun, dass am Ende einer Geschichte das Gute siegen möge. Dennoch… wäre es nur das, kann man sich auch Fantasy-Serien reinziehen oder anderes, was nach dem Muster „gut besiegt böse“ gestrickt ist. Leider glaube ich auch, dass die Menschen glauben, dass diese Serien angemessene Informationsgrundlagen sind – und dass wir hierzulande eine miserable Lobkultur haben.

Nach wie vor glaube ich, dass verdammt viele Menschen die Arbeit unserer Polizei zu schätzen wissen – sie fallen nur nicht auf, weil nicht jeder so strukturiert ist wie ich und das laut sagt.

Ich sage es an dieser Stelle gerne: Danke, Polizei Frankenthal! Ihr seid klasse!

One comment

  • friederike
    22. Mai 2016 - 21:29 | Permalink

    Den Ausdruck „intelligenzbefreit“ finde ich Klasse. Muss ich mir merken.

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