Nachtschicht 2 – Eine Samstagnacht mit der Mainzer Polizei

Meine bereits beschriebene Sommernachtschicht bei der Polizei in Ludwigshafen hatte mir über Monate einen enormen Motivationsschub für die Vereinsarbeit in Sachen Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. verschafft.

Zudem hatte ich dort Einblicke bekommen, die mein Polizeibild stark verbessert haben, mich aber auch viele Polizeipressemitteilungen und Zeitungsartikel mit ganz anderen Augen lesen lassen.

Deswegen war ich der Ansicht, eine weitere Erfahrung dieser Art könne mir nicht schaden. Im Gegenteil.

Dieses Mal war es eine nicht allzu kalte (fast schon frühlingshafte) Winternacht. Zum Glück. Wieder hatte ich mich nämlich im Vorfeld mit Kopfkino geplagt – in diesem Fall allerdings damit, wie man mich alle drei Minuten mit Blaulicht und Martinshorn zu einer Toilette würde schaffen müssen. Darum, dass ich die Nacht nicht wach überstehen würde, machte ich mir hingegen keine Sorgen mehr. Mein Vertrauen in meinen Adrenalinpegel war in Ludwigshafen aufgebaut und gefestigt worden.

Dieses Mal waren es die Polizistinnen und Polizisten der Polizeiinspektion Mainz 1, die mir neue Einsichten ermöglichten – und neu war es. In jeder Beziehung.

Obwohl ich doch im Kopf genau weiß, wie abwechslungsreich dieser Beruf sein kann, hatte ich mir im Bauch eingebildet, ich wisse zumindest in Teilen Bescheid. So hatte ich mich noch daheim mit 10 (in Worten: zehn) Paar Latexhandschuhen aufmunitioniert, damit ich wieder Lichtschalter würde bedienen können, was das Zeug hält. Dieses Mal gab’s allerdings keine Lichtschalter für mich. Dumm gelaufen… wp-monalisa icon

 

Anders als in Ludwigshafen wurde ich für die ganze Nacht einer einzigen Streife zugeordnet. Das war auch klasse. Anders, aber klasse. Im Sommer war ich durch den Wechsel zwischen den Streifenteams die ganze Nacht draußen gewesen und konnte mir so ein sehr umfassendes erstes Bild von der Vielfalt der anliegenden Einsätze machen. In Mainz hingegen konnte ich auch den Teil der Arbeit sehen, der den meisten meiner Mitbürger vollkommen unklar ist, weil er in Fernsehen und Kino aufgrund des mangelhaften Spannungsbogens nie gezeigt wird – Berichte schreiben.

Überhaupt war meine ganze Grundstimmung anders. Ludwigshafen war mir bis zu dieser Nacht eine gänzlich unbekannte Stadt gewesen. Wenn wir nicht gerade das Postschild passierten, an dem wir immer neue Einsätze fingen, hatte ich im Regelfall keine blasse Ahnung, wo ich mich befand. In Mainz hatte ich zehn Jahre meines Lebens (und zwar sehr gute Jahre) gelebt. Im Regelfall wusste ich genau, wo wir unterwegs waren. Überraschend lediglich, wie sich das Nachtleben von Mainz entwickelt hatte, war es doch zu meiner Zeit sehr… äh… überschaubar gewesen.

 

Auch anders als im Sommer hatte ich mir nach der Nacht nicht sofort Notizen gemacht, deswegen wird dieser Bericht wohl nicht ganz so chronologisch ausfallen.

 

Ein Ausschnitt des Blaulichtmeeres vor der PI Mainz 1 bei meiner Ankunft
Ein Ausschnitt des Blaulichtmeeres vor der PI Mainz 1 bei meiner Ankunft

Meine Ankunft fiel schon auf einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Kurz vor der verabredeten Uhrzeit hatte sich 200 Meter von der Polizeidienststelle entfernt ein Unfall mit Verletzten ereignet, an dem ein Linienbus beteiligt war. Der Busfahrer fuhr Haltestelle genau vor der Inspektion an.

Ich platzte also in diese Unfallaufnahme, die mit dem Schichtwechsel zusammenfiel und von den zuckenden Blaulichtern mehrerer Einsatzfahrzeuge beschienen wurde. In diesem Moment war ich mir fast schon sicher, sofort wieder heimgeschickt zu werden – wofür ich auch vollstes Verständnis gehabt hätte. Die Polizei ist nun mal nicht für mein persönliches Entertainment da.

 

Ich wurde nicht heimgeschickt, sondern in den Sozialraum, wo ich erstmal wartete. Als ein wenig Ruhe einkehrte, begrüßte der Dienstgruppenleiter seine Leute, teilte mit, was aus der Vorschicht an Einsätzen anlag, und gab mir Gelegenheit, mich kurz vorzustellen. Zu meiner Freude konnte ich mich kurzfassen, den Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ kannten nämlich alle.

Wie in Ludwigshafen wurde ich hier auch von dem einen oder anderen schonend darauf vorbereitet, dass es unter Umständen eine langweilige Nacht werden könnte, weil es natürlich keine Garantie auf interessante Einsätze gibt. Das ist dann eben so. Wenn es jemals so sein sollte, dann komme ich auch gerne noch einmal wieder. Ich kann sehr hartnäckig sein.

Ich lernte „meine“ Streife für den Abend kennen: David, ein junger Mann Ende 20, und Marina, eine Polizistin etwa im gleichen Alter. Marina verschwand dann auch sofort wieder, weil sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse für eine Anzeigenaufnahme benötigt wurde. Diese Aufnahme dauerte ein bisschen länger, so dass, nach einer Führung durch die Dienststelle, für mich erstmal ein längerer Aufenthalt im Sozialraum angezeigt war. Dort wurde ich ein wenig von den Anwesenden zwischen den Einsätzen ausgefragt, insbesondere, was mich eigentlich auf die Idee gebracht hat, mich für die Polizei einzusetzen. Ein Thema, zu dem ich doch immer wieder gerne Auskunft gebe… wp-monalisa icon

Nebenbei lief der Fernseher. Insgesamt ließ sich die Nacht recht ruhig an. Mein erstes Highlight war, dass ich an der allgemeinen Pizza-Bestellung beteiligt wurde. Eigentlich war ich zu aufgeregt zum Essen, aber es war eine Beschäftigung.

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Exkurs einschieben zum Thema „Teilnahme an Nachtschichten“. Es gibt durchaus die eine oder andere Berufsgruppe, die aus meiner Sicht ein vitales Interesse daran haben sollte. Dazu zähle ich vor allen Dingen Richter und Staatsanwälte, die sich mit Fällen befassen, in denen es um die Bewertung polizeilichen Vorgehens geht. Aber auch Politiker, die Entscheidungen über Personalstärke und Ausstattung treffen oder sich mit der öffentlichen Bewertung von Polizeieinsätzen beschäftigen, sollten sich so eine Nachtschicht mal antun. Am besten nicht nur eine. Last but not least sollten Autoren einschlägiger Krimis bzw. entsprechender Drehbücher sich auf diese Weise weiterbilden, das würde das eine oder andere dämliche Vorurteil vermeiden helfen. Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass bei „Großstadtrevier“ und „Notruf Hafenkante“ immer nur bei Tageslicht gearbeitet wird? Offensichtlich gibt es nachts in Hamburg kein Verbrechen…

WENN sich nun jemand für eine solche Nachtschicht entscheidet, dann sollte er sie aber auch bis zum bitteren Ende durchstehen. Selbst wenn es eine Nacht sein sollte, in der wirklich nicht viel los ist, gibt es ein Gefühl dafür, wie zehrend Schichtdienst sein kann. Außerdem kann man dann beobachten, wie sich Polizisten selbst Arbeit suchen – sehr hilfreich gegen das eine oder andere Vorurteil. Auch wenn es eine Nacht ist, in der eine Menge passiert, geht es doch meistens erst gegen elf Uhr nachts so richtig los.

Hätte ich „meine“ Schicht in dieser Winternacht gegen elf Uhr abends verlassen, hätte ich den Eindruck haben können, dass die Mainzer Polizei ihre Nächte von Samstag auf Sonntag im Sozialraum vor der Glotze verbringen würde, wo sie sich gepflegt die Langeweile vertreibt.

Ein Bild, das weit an den Realitäten vorbeigeht.

 

Endlich war die Anzeigenaufnahme zu Ende gegangen. David, Marina und ich drehten eine erste Runde durch das spätabendliche Mainz, das sich zu diesem Zeitpunkt noch recht ruhig präsentierte. Also wieder zurück in die Wache.

 

Nach einer kleinen Pause (für mich, die beiden anderen schrieben Berichte) ging es wieder hinaus. In einem Juweliergeschäft war der Alarm losgegangen. David erzählte mir von einem Juwelenräuber, den er selbst gestellt hatte, obwohl der ein geschicktes Versteck gewählt hatte. Dieses Mal war es allerdings nur ein Fehlalarm gewesen. Die Geschäftsführerin traf ein, schaltete Lichter und Alarmanlage wieder aus und bedankte sich bei uns. Einsatz Ende!

Von dort ging es mehr oder minder direkt zu einer Bank. Eine „Person ohne festen Wohnsitz“ hatte sich im mollig warmen Vorraum wohnlich eingerichtet. Es handelte sich um eine ältere Dame, die schon eine Weile in Mainz auf der Straße lebt. Ein Mitarbeiter der von der Bank beschäftigten Security-Firma hatte versucht, sie dazu zu bewegen, den Raum zu verlassen, worauf sie ziemlich krawallig reagiert hatte. Also rief er die Polizei zu Hilfe.

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Symbolbild – lässt keine Rückschlüsse auf den Einsatzort zu

David und Marina kannten die Dame und erklärten ihr freundlich, aber bestimmt, dass sie gehen müsse. Sie sah ein, dass sie ihr warmes Plätzchen würde aufgeben müssen, also machte sie sich daran, ihren überraschenderweise nicht unerheblichen Hausrat zusammenzusuchen. Dabei halfen ihr meine beiden Begleiter. Ich überlegte, ob ich auch mit zufassen sollte. Da die Dame aber dem Security-Menschen schon recht aggressiv begegnet war und sie diese beiden Polizisten kannte und ihnen zu vertrauen schien, hielt ich mich lieber zurück.

Letztlich ging die Sache aus, wie das Hornberger Schießen. Die Dame verließ vordergründig die Örtlichkeiten, der Herr von der Security und wir rückten ab. Die Tür zum Vorraum war aber nach wie vor offen. Ich denke, es überrascht niemanden, dass später, als wir auf dem Weg zu einem anderen Einsatz dort vorbeiflitzten, die Dame wieder eingezogen war.

Mir blieb mal wieder ein sehr guter Eindruck von den kommunikativen Fähigkeiten unserer Polizeibeamten – beide waren der Frau respektvoll und hilfsbereit begegnet. Ich glaube nicht, dass ich mich allzuweit aus dem Fenster lehne, wenn ich behaupte, dass diese beiden Menschen so ziemlich die einzigen gewesen sein dürften, die der Frau an diesem Tag überhaupt Respekt entgegengebracht hatten.

 

An dieser Stelle sei mir ein Exkurs zum Thema Blaulichtfahrten und Freude an denselben erlaubt. In manchen Gesprächen mit meinen Mitbürgern, die nicht so recht verstehen, warum ich mich „ausgerechnet“ für die Polizei einsetze, fällt manchmal als Gegenargument die Formulierung „und dann haben die auch noch Spaß an Blaulichtfahrten!“ Ähm…. Jaaaaa. Habe ich auch. Es ist doch wunderbar, wenn sie zwischen den Einsätzen, die teilweise wirklich knackig sind, Spaß haben. Daran, die Dame aus dem Bankvorraum rauszusetzen, hatten sie jedenfalls keinen. Freude am einen oder anderen Aspekt des Berufs erhält die Dienstfähigkeit. Das sollten wir uns alle wünschen – gerade in der aktuellen Lage.

 

Den Einsatzanlass für diese Blaulichtfahrt erinnere ich gar nicht mehr so deutlich. Eine Schlägerei unter Jugendlichen, die für einen von ihnen im Rettungswagen geendet hatte, oder so etwas. Eine andere Streife kümmerte sich schon vor Ort darum. Wir sollten nur die Eltern eines der Kontrahenten suchen, die schon den Ort des Geschehens verlassen hatten. Ich glaube, sie mussten noch eine Aussage machen. Irgendwann war klar, dass die Eltern bereits bei ihrem Nachwuchs im Krankenhaus waren, damit hatte sich dieser Einsatz erledigt. Weitere Streifenfahrten.

 

Ich lernte eine Kneipe kennen (nur von außen), in die vor einiger Zeit ein Polizist hineingezogen worden war mit dem Ziel, ihn zu verdreschen. (Ich erinnerte mich. Dazu hatte es eine Pressemitteilung gegeben. Der Mann hatte eine Karte von uns bekommen.) Sozusagen Sightseeing für die Vorsitzende von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.

 

Nächster Einsatz: ein Bürger hatte angerufen, dass in einer Straße x drei Jugendliche einen einzelnen Jugendlichen drangsalieren würden. Wir fuhren die ganze Straße und Umgebung ab – ergebnislos.

 

Wir fuhren an zwei jungen Männern vorbei, von denen einer über den Bürgersteig schlingerte wie ein Seemann bei Orkan über Deck. Allerdings war es windstill und Mainz ist auch kein Schiff. Also wendete David kurzentschlossen, um sich das mal näher anzusehen. Aus der Nähe betrachtet sah das nun doch nicht mehr so schlimm aus, der weitgehend nüchterne Begleiter des jungen Mannes brachte ihn gerade nach Hause.

 

Wieder das Kneipenviertel bestreifen. Plötzlich, in einer Einbahnstraße, wildes Geschrei von hinten. Ein junger Mann galoppierte heran. „Da hinten wird eine Freundin von mir von mehreren Typen verfolgt.“ Wildes Gefuchtel in eine unbestimmte Richtung.

„Wo genau?“

„Keine Ahnung. Ich hab die hier am Handy.“ Weiteres Gefuchtel.

„Ok, wir kommen da an die Ecke.“ Klares Deuten von David auf eine Ecke am Ende der Straße in der grob vom jungen Mann angezeigten Richtung. Der junge Mann sprintete los, der Streifenwagen fuhr recht rasant einmal um den Block (wegen der Einbahnstraße).

An der fraglichen Ecke kein junger Mann. Dafür hatte Marina schon mal einen Funkspruch über den Sachverhalt abgesetzt. Im Ergebnis zirkelten mehrere, mindestens drei, Streifenwagen durch die Gegend auf der Suche nach dieser verfolgten „Freundin“. Die einzige junge Dame, die sich hurtig bewegte, rannte ihrem Nachtbus nach – den sie auch noch bekam. Schließlich wieder ergebnisloses Abbrechen der Suche.

Merken, liebe Mitbürger: Auch wenn es unter Stress schwerfällt – angemessene Ortsangaben und das Einhalten von Verabredungen helfen der Polizei beim Helfen. Ich weiß nicht, ob da tatsächlich einer jungen Frau etwas passiert ist (in der Zeitung habe ich nichts gelesen). Im Zweifel hätte es dann geheißen, die Polizei macht nichts. Doch, macht sie. Sie gibt sogar ihr Bestes. Aber sie braucht unsere Hilfe und Mitarbeit dafür!!!

 

Zwischendurch musste der Streifenwagen betankt werden. Am Polizeipräsidium gibt es eine eigene Zapfsäule für die Polizei. Das finde ich ausgesprochen praktisch. Da es zu diesem Zeitpunkt recht ruhig war, entschieden David und Marina, mir kurz die Leitstelle zu zeigen. Ich muss sagen – WOW! Da wurde an nichts gespart und das ist auch gut so. Danke an dieser Stelle den Herren in der Leitstelle für den netten Empfang und die interessanten Auskünfte. Zufällig bekam ich noch live mit, wie eine Dame den Notruf durch Daueranrufe blockierte. Auch etwas, wovon wir Nichtpolizisten uns gar kein Bild machen.

 

Schließlich kam ein Einsatz vor einer Disko rein. Ein junger Mann sollte weitere Gäste anpöbeln. Offenbar war er vom Sicherheitsdienst schon vor die Tür gesetzt worden, wo er dann fröhlich weiterschimpfte. Im Unterschied zu früher ist Mainz durchaus belebt, man hat also eine Menge Auswahl an zu bepöbelnden Passanten.

Als wir eintrafen, war bereits eine weitere Streife vor Ort. Der junge Mann lieferte mir dann eine astreine Show zum Thema „verbale Gewalt gegen Polizisten“. Hier eine kleine Auswahl seiner „Nettigkeiten“:

  • Ihr Scheißbullen.
  • Ich wichs Euch voll.
  • Ich wichs Euch in den Hals.
  • Ihr haltet Euch wohl für was Besseres.
  • Komm doch her, Du toller Polizist.

All das, weil er seinen Namen sagen sollte. Seine Aggression war mit Händen zu greifen, deswegen behielten ihn natürlich alle Polizisten im Auge. Was ihm auch nicht passte.

  • Was glotzt Ihr mich so an, seid Ihr alle schwul oder was?
  • Ihr dürft mich alle nicht angucken, außer der Frau da. (Gemeint war „meine“ Streifenpartnerin)
  • Was seid Ihr bloß für Homos?

Sein ganzes Verhalten deutete darauf hin, dass nicht nur Alkohol im Spiel war. Das wusste er selbst wohl auch ziemlich gut, denn er teilte uns kooperativerweise mit:

  • Ich piss Euch ins Glas. Einen ganzen Eimer voll.

Äußerst irritierend für mich war, dass er mehrfach einen der beiden Polizisten, die als erste am Einsatzort gewesen waren, als „Du fetter Bulle, du“ titulierte. Der Mann war nämlich alles andere als übergewichtig. Entweder meinte er „fett“ in Bezug darauf, dass dieser Polizist der Wortführer in diesem Einsatz war, oder aufgrund der Tatsache, dass er von allen Polizisten der Älteste war, ihm als Chef vorkam. Oder aber er hatte neben Alkohol tatsächlich noch andere Substanzen eingeworfen, die seine visuelle Wahrnehmung störten und das Bild des Menschen, der hauptsächlich mit ihm sprach, auseinanderwabern und später wieder zusammenschnurren ließen. Für diese These spricht auch, dass er im späteren Verlauf sagte: „Du bist doch gar nicht fett.“

Hatte ich in Ludwigshafen teilweise wirklich die Hosen voll gehabt, hatte ich in diesem Moment das Hauptproblem, dass ich mir das Lachen verbeißen musste. Manchmal denke ich, wenn Leute wüssten, wie lächerlich sie zugedröhnt rüberkommen, dann würden sie sich solchen Dreck nicht mehr einwerfen. Oder erst recht, um zu vergessen, wie sie dann rüberkommen. Wer weiß…

Er war in Begleitung dreier junger Männer, denen sein Verhalten sichtlich peinlich war, und die sich mehrfach bei der Polizei entschuldigten. Da ich mich etwas abseits der Polizeibeamten im Hintergrund hielt, war ich Hauptadressatin ihrer Entschuldigungen. Das fand ich auch ganz gut so, denn damit wurde ich von meinem Lachzwang abgelenkt. Schließlich wollte ich nicht der Funken sein, der den Typen auch noch zu körperlicher Gewalt eskalierte. Und wenn ich eines nicht einschätzen kann, dann was in den Köpfen von Leuten vorgeht, die Drogen genommen haben.

Symbolfoto: Es gibt keinen Zusammenhang zur Einsatzörtlichkeit
Symbolfoto: Es gibt keinen Zusammenhang zur Einsatzörtlichkeit

Übrigens drei sehr sympathische junge Männer. Es handelte sich um einen gemeinsamen Abend von Kollegen ein und derselben Firma. Die lebensälteren Kollegen hatten diesen speziellen jungen Mann, um den sich gerade die Polizei kümmerte, nicht dabeihaben wollen. Aus gutem Grund. Die drei jungen Leute, noch echte Idealisten, wollten ihn aber nicht ausschließen und versprachen, sich um ihn zu kümmern. Vermutlich fühlten sie sich gerade nicht besonders gut, dass sie diese Aufgabe nun der Polizei übertragen mussten.

Da unser Krakeeler seine Personalien immer noch nicht rausgeben wollte und seine Kollegen auch nur mit dem Namen aushelfen konnten, musste er mit zur Wache. Der wortführende Polizist hat übrigens gut auf ihn reagiert, wie ich fand. Solange der junge Mann freundlich zu ihm war, blieb er auch freundlich, ansonsten wurde er durchaus verbal recht scharf. Tit for tat heißt das in der Fachsprache. Hätte ich allerdings von dem Einsatz ein Video gemacht und entsprechend geschnitten, hätte ich mir damit durchaus ein Filmchen über verbale Polizeigewalt schnitzen können. Eine Erfahrung, die ich jedem wünsche, der meint, er könne anhand hochgeladener Videos auch nur ansatzweise die Rechtmäßigkeit eines Polizeieinsatzes beurteilen.

 

Noch während der Beleidiger in den Streifenwagen der ersten Streife einstieg, wurden wir angesprochen. „Da an der Ecke randaliert einer.“ Also ging es nahtlos weiter. Die Stimmung war aufgeheizt, als wir eintrafen. Ein Mann gab an, von einer Frau geohrfeigt worden zu sein, was seinen Stolz sehr getroffen hatte. Sie wiederum sagte aus: „Ich habe ihn nicht geohrfeigt, wir sind uns näher gekommen, haben getanzt, ich habe ihm über die Wange gestrichen.“ Er habe dann randaliert, also habe sie ihn aus ihrer Kneipe geworfen. Was er wiederum nicht akzeptiert hatte. Klar war, dass alle etwas getrunken hatten. Es trafen weitere Streifenwagen zur Unterstützung ein, was den Randalierer zu der Äußerung veranlasste: „Acht Polizisten, als wäre ich ein Schwerverbrecher.“

Nun ja, bei Licht betrachtet waren es sechs Polizisten, ein Auszubildender und ich. Aber das konnte er ja nicht wissen.

Nebenbei fragten dann noch Leute nach dem Weg zu einem Parkhaus.

Wieder zwei Punkte, an denen ich merkte, dass wir Nichtpolizisten manchmal Dinge nicht verstehen. Klar kommt es einem einzelnen Menschen viel vor, wenn acht Polizisten seinetwegen auflaufen. Steckt man allerdings in einer Schussweste mit dem aufgedruckten Reizwort „Polizei“, sieht die Sachlage ganz anders aus. Man kommt an einen Ort, hier eine Gaststätte voller Menschen, und weiß nicht, wer sich gegen einen stellen wird. Zumal das nicht der erste Einsatz wäre, bei dem sich gegnerische Parteien verbünden, um der Polizei gemeinsam eins überzubraten. Ich jedenfalls fühlte mich da nicht wirklich als Übermacht.

In so einer Sachlage möchte man dann auch nicht unbedingt Auskunftei für Ortsfremde sein. Trotzdem wurde mit allen angemessen kommuniziert. Wie ich unsere Polizei kenne und schätze. Es gab sogar eine freundliche Antwort für die suchenden Touristen.

Letztlich bekam der Randalierer einen Platzverweis, er wurde mit deutlichen Worten nach Hause geschickt. Er wollte nicht gehen. „Ich muss noch bezahlen. Ich bezahle meine Rechnungen. Immer.“ Es dauerte eine Weile, ihm klar zu machen, dass ein Bekannter das schon übernommen hatte, um die Situation zu entschärfen. Der bot an, ihn heimzufahren. Wir sahen ihn in das entsprechende Auto steigen, welches dann auch losfuhr. Damit hielt ich diesen Einsatz für beendet. Na ja, ich bin halt Laiin, ne?

 

Zuerst aber fuhren wir auf die Wache, weil Marinas Handfunkgerät plötzlich nicht mehr funkte. Es ist ziemlich blöd, im Einsatz den Kontakt zu verlieren, also holten wir Ersatz. Wo wir schon mal da waren, besuchte ich die Toilette, aß noch schnell ein Stück meiner Pizza (ich mag kalte Pizza, wirklich) und lauschte kurz den unfassbar lauten Gesängen des vor der Disko in Gewahrsam genommen Beleidigers. Wenn jemand im Gewahrsam einsitzt, muss regelmäßig nach seinem Befinden geschaut werden. Der Polizist, der sich zu diesem Zeitpunkt mit einem kurzen Blick um seine Sicherheit kümmerte, erntete dafür ein lautes: „Hurensohn“.

 

Symbolfoto: Es gibt keinen Zusammenhang zur Einsatzörtlichkeit
Symbolfoto: Es gibt keinen Zusammenhang zur Einsatzörtlichkeit

Darüber konnte ich mich gar nicht lange aufhalten, denn dann fuhren wir wieder raus, weil unser Randalierer wieder aufgetaucht war, vor exakt der Kneipe, vor der ihm doch die Polizei einen Platzverweis erteilt hatte. Abermals rückten einige Streifenwagen ein, u.a. einer der Autobahnpolizei.

Als wir eintrafen, war er aber schon wieder verschwunden. Wir suchten ihn im mittlerweile sehr nebligen Mainz. Innerlich hatte ich den Einsatz schon abgehakt. Der war doch verschwunden. Ja, ich bin Laiin.

Kurz darauf erblickten wir einen Menschen, der ihm ähnlich sah. Nicht ganz ohne Stolz möchte ich sagen, dass ich seine Kapuzenjacke wieder erkannte. Allerdings, und hier hätte ich versagt, passte für mich die Hose nicht. Dennoch sahen ihn sich „meine“ Polizeibeamten näher an – und siehe, er war’s. Nicht nur war er es, sondern er war auch klar auf dem Weg zu dieser Kneipe und auch nicht mehr sehr weit davon entfernt. Da war Schluss mit lustig. Handschellen, Durchsuchung, Gewahrsam.

Innerlich gratulierte ich mir schon, dass ich nun einen Fußmarsch durch das nächtliche Mainz gewonnen hatte. Offenbar schätzten meine Begleiter die Sachlage jedoch so ein, dass ich auf dem Beifahrersitz mitfahren konnte. Eine sehr richtige Einschätzung, denn wir kamen gut in der Dienststelle an.

 

Dort gab der beleidigende Sänger weiterhin ein künstlerisch eher zweifelhaftes Gratiskonzert. Er johlte immer noch in den höchsten Tönen. Allein die Aussicht auf einen solchen Zellennachbarn wird mich, solange ich klar im Kopf sein werde, davon abhalten, mich jemals so aufzuführen, dass ich in einen polizeilichen Gewahrsam einfahren muss.

 

Nun bekam ich hautnah den Teil mit den Berichten mit. Die Polizei muss ausführlich protokollieren, welche „Effekten“ sie den in Gewahrsam genommenen abnimmt. David notierte alles auf: Brieftasche, wie viel Geld darin war, Ausweise, ein Smartphone, diverse Schmuckstücke, Armbanduhr, eine Quittung über das Handy…

„Moment mal! Aus dem Laden hatten wir neulich schon mal ein Smartphone, das gestohlen gemeldet war“, sagte er zu mir.

Er gab die ID des Smartphones in ein Suchsystem ein. Bingo! Auch dieses Handy war jemandem entwendet worden. Definitiv ein Anlass für weitere Ermittlungen in dieser Richtung.

 

Nebenbei wurde der Krakeeler aus dem Gewahrsam entlassen. Er war volljährig und konnte gegen seinen Willen nicht dabehalten werden. Ihm die Unterschrift unter entsprechende Formulare zu entlocken, hat auch „nur“ eine knappe halbe Stunde gedauert, in der er auch niemanden beleidigte, sondern die Zeit mit reichlich sinnbefreiten Vorträgen anfüllte.

 

Schließlich wurde auch unser Randalierer entlassen, mit der eindringlichen Ermahnung, sich nicht mehr in die Nähe dieser Kneipe zu bewegen. David erklärte ihm, dass sein Handy beschlagnahmt sei, weil es gestohlen gemeldet sei. Er verstand nicht. „Zappzerap“. Ach so! Die Vokabel kannte ich auch noch nicht. Er aber schon.

Ich persönlich hatte angenommen, dass er die frohe Botschaft, dass die Polizei nun auch noch sein Smartphone beschlagnahmt, nicht gerade mit guter Laune aufnehmen würde. Im Gegenteil befürchtete ich einen Aggressivitätsschub. Aber nichts dergleichen. Er nahm das für mich überraschend sehr stoisch auf.

 

Weitere Berichte mussten geschrieben werden. Schließlich fuhren wir gegen fünf Uhr morgens noch einmal (mit einer beschleunigten Anfahrt… YAY) raus.

Blaulichtfahrt spiegelt sich im Schaufenster, Blaulicht wirft Licht in die andere Richtung
Blaulichtfahrt spiegelt sich im Schaufenster, Blaulicht wirft Licht in die andere Richtung

 

Blaulichtfahrt spiegelt sich im Schaufenster, Blaulicht wirft Licht ins Fenster – bei der Beurteilung der Bildqualität muss man in Rechnung stellen, dass Smartphonekameras bei solchen Geschwindigkeiten dann doch überfordert sind – und außerdem musste ich mich ja auch noch festhalten
Blaulichtfahrt spiegelt sich im Schaufenster, Blaulicht wirft Licht ins Fenster – bei der Beurteilung der Bildqualität muss man in Rechnung stellen, dass Smartphonekameras bei solchen Geschwindigkeiten dann doch überfordert sind – und außerdem musste ich mich ja auch noch festhalten

Vor einem Club war es zu einer Körperverletzung gekommen. Zumindest hatte das der Anrufer am Notruf gesagt. Vor dem Club fand sich auch tatsächlich ein junger Mann, dessen Nase einen blutigen Höcker hatte. Autsch!

Zwei weitere Streifen waren vor Ort. Eine Streife kümmerte sich um den jungen Mann, der als Täter bezeichnet worden war. Eine weitere Streife befragte Zeugen. David und Marina kümmerten sich um das Opfer. Der wollte keine Anzeige erstatten. „Ich bin ein sozialer Mensch.“ Als er merkte, dass ihm ein Stück Zahn abhanden gekommen war, wurde er in seinem Entschluss dann doch schwankend. Zahnersatz ist teuer. Einer seiner Kumpels, ein Student, der mir gerade mal bis zum Kinn ging, befand den ganzen Polizeieinsatz mehrfach als Kindergarten. Stimmt auch irgendwie, vollkommen übertrieben, wegen eines Notrufes und einer Körperverletzung so einen Aufriss zu machen. Argh!

Und dann passierte es. So oft schon hatte man mir davon erzählt. Endlich sollte ich einen Mythos live und in Farbe präsentiert bekommen. Die Rede ist von IHM, dem Jurastudenten! Zumindest stellte sich der dritte im Bunde, der sich ungefragt einmengte, als solcher vor. Angeblich war er sogar schon weiter, er hatte seiner Aussage nach das zweite Staatsexamen in der Tasche. Deswegen wusste er auch ganz genau, dass der Einsatz unverhältnismäßig war und dass die Polizei da nichts mehr verloren hat, sobald der Geschädigte keine Anzeige erstatten möchte.

Wenn er wirklich das zweite Staatsexamen in Jura hat, dann hat entweder die Qualität der Uni Mainz in den letzten 20 Jahren erheblich nachgelassen oder er hat in Sachen Strafrecht massiv auf Lücke gelernt. Sollte in solchen Kreisen nicht der §163 StPO bekannt sein, der da besagt, dass die Polizei bei einem Anfangsverdacht auf eine Straftat ermitteln MUSS – der definitiv durch den Notruf und die blutige Nase vorlag? Sie KANN das gar nicht einstellen, das kann nur die Staatsanwaltschaft.

Jedenfalls musste ich mir ziemlich mühsam das Lachen verkneifen. Klasse! Ein Klischee! Und es lebte. Es stand vor mir. Es redete.

Ich fürchte, dieses Mal war ich ziemlich schlecht darin, meine Belustigung zu verbergen, denn sein Kumpel fragte mich in ziemlich überheblichen Tonfall: „Ist wohl Ihr erster Tag in dem Job?“ Ich verzichtete auf eine Aufklärung darüber, dass es immerhin mein ZWEITER Tag war und bejahte. Darauf er: „Und? Wie finden Sie es?“ Darauf konnte es nur eine Antwort geben: „Na, total super natürlich.“

 

Das war jedenfalls nicht gelogen. Wieder einmal hatte ich eine sehr spannende Nacht erlebt. Mein Respekt für unsere Polizistinnen und Polizisten ist noch einmal massiv angestiegen. Insbesondere die kommunikativen Fähigkeiten der Beamten beeindrucken mich wieder und wieder. Mit jeder Nachtschicht kann ich weniger verstehen, warum kommunikative Fähigkeiten auf unserer Facebook-Seite vielfach so schlecht geredet werden. Im Ernstfall sollten Polizisten sich natürlich schlagkräftig zur Wehr setzen können, um sich selbst oder andere zu retten. Aber warum sollten sie so eine beeindruckende Fähigkeit, wie die zur Kommunikation nicht nutzen, solange es geht? Vermutlich schätzen auch nur jene diese Fähigkeit gering, die sie nicht haben…

Außerdem habe ich mich zu jeder Sekunde in dieser Nacht sicher gefühlt. Mir war zu jedem Zeitpunkt bewusst, dass mich immer jemand im Auge hatte, David und Marina, aber auch die anderen, die jeweils vor Ort waren.

David und Marina kann ich gar nicht oft genug danken – für die herzliche Aufnahme und für das Vertrauen in mich, dass ich keinen Blödsinn anstellen würde. Aber auch die anderen aus der Schicht haben mich herzlich aufgenommen. Ausnahmslos. Danke!

 

Selbst wenn es keinen einzigen Einsatz gegeben hätte, hätte mich allein schon das Fahren im Streifenwagen durch Mainz beeindruckt. Nicht nur, weil mein inneres Kind immer wieder Fahrten in blau-weißen Autos mit Blaulicht auf dem Dach höchst vergnüglich findet, sondern auch, weil es interessant ist, die Reaktionen der Menschen auf den Streifenwagen zu beobachten. Die meisten haben uns ignoriert. Manche haben uns angelächelt (die sind dann vermutlich ähnlich drauf wie ich). Manche haben uns den Daumen nach unten gezeigt. Manche haben uns bepöbelt.

Seitdem überlege ich mir, welche Möglichkeit gibt, Polizeistreifen mein Wohlwollen mitzuteilen, wenn sie mir über den Weg fahren. Vielleicht sollte „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ eine unmissverständliche Geste einführen. Oder ich schaffe mir ein Schild an, auf dem steht „Danke für Euren Einsatz!“ Aber bis ich das aus der Tasche gefummelt habe, ist die Streife auch schon vorbei. Ich denke, ich probiere es mit einem freundlichen Winken.

 

One comment

  • friederike
    4. April 2016 - 11:40 | Permalink

    Super Bericht! Danke! Hoffentlich lesen ihn diejenigen, die unserer Polizei immer am Zeug flicken wollen.

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