Nachtschicht – eine Samstagnacht mit der Polizei in Ludwigshafen

Seit ich meine Arbeit für keine Gewalt gegen Polizisten e. V. aufgenommen habe, habe ich mir gewünscht, mal eine Nachtschicht mitzumachen. In einer tropischen Julinacht war es dann soweit. Freundlicherweise gab mir die Polizeiinspektion Ludwigshafen 1 diese Möglichkeit.

Auf meiner Reise nach Ludwigshafen wurde mir dann doch ein wenig mulmig. Was, wenn ich die Nacht nicht durchhalten würde? Kopfkino: zwei kräftige Herren ziehen mich aus dem Streifenwagen, werfen mich über ihre Schulter, legen mich in den Gewahrsam und wecken mich pünktlich zu Dienstschluss mit der Rechnung – vielleicht auch einem Kaffee. Und was, wenn ich als nutzloser Achslastbeschwerer betrachtet würde? Oder mich am Ende auch noch als Gefahr herausstellen würde? Denn dass ich im Einsatz auch nur ansatzweise hilfreich sein könnte, wagte ich mir als blutige Laiin nicht einmal vorzustellen. Nerven wollte ich aber auch niemanden.

Angst um meine eigene körperliche Unversehrtheit hatte ich übrigens zu keinem Zeitpunkt. Weder im Vorfeld noch während der Nacht. Mein Leben wurde bereits von Polizisten gerettet. Ich weiß, sie würden es immer wieder tun.

Vor der Nachtschicht
Vor der Nachtschicht

Der Dienstgruppenleiter versorgte mich mit einem sehr freundlichen Empfang, mit einer Schussweste und der Information, dass sich seine Leute auf mich freuen würden. Meine Anwesenheit nahm ihnen offenbar das Gefühl, gänzlich unbemerkt von der Gesellschaft derselben Nacht für Nacht den Allerwertesten zu retten. Es war angedacht, insgesamt vier Streifenteams mit mir rauszuschicken, jedes zwischen zwei und zweieinhalb Stunden. Mein zweites Streifenteam kam dann von 23:00 Uhr bis 4:00 Uhr gar nicht mehr in die Dienststelle vor lauter Einsätzen… soweit dazu.

Das Funkgerät ist nur Fake… sozusagen ein Accessoire für das Foto direkt vom Laufsteg
Das Funkgerät ist nur Fake… sozusagen ein Accessoire für das Foto direkt vom Laufsteg

Übrigens trug der Dienstgruppenleiter vergleichsweise langes Haar und einen interessanten Bart. Ohne seine Uniform würden ihn die meisten Menschen wahrscheinlich gar nicht als Polizisten erkennen oder gar vermuten. Was meine Meinung dazu bestätigt, dass in den Uniformen Menschen stecken – und zwar höchst individuelle.

 

Die Polizisten dieser Inspektion sind überwiegend sehr, sehr jung. Übrigens waren alle Streifenteams gemischt.

 

Mit meinem ersten Streifenteam landete ich direkt in einem sozialen Brennpunkt Ludwigshafens. Schon als wir eintrafen, wurde mir klar, dass ich nun etwas zu sehen bekommen würde, von dessen Existenz der größte Teil unserer Gesellschaft nichts weiß und wahrscheinlich auch nichts wissen will. Schon das Gerümpel auf dem Hof, den wir überqueren mussten, machte klar, dass wir hier nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen waren. Die junge Polizistin instruierte mich, auf keinen Fall ohne Handschuhe irgendetwas anzufassen. Beim Betreten des Treppenhauses schlug mir ein Geruch entgegen, von dem mir fast schlecht wurde. Der junge Polizist sagte: „Normalerweise stinkt es hier echt übel. Heute ist die Luft hier ja richtig frisch.“ Oha…

Auf unserem Weg in eines der oberen Stockwerke begegneten wir einem älteren Herrn, dessen heftige Alkoholfahne mir fast den Atem raubte. Er wünschte uns viel Spaß, was ich in diesem Moment nicht als unfreundlich empfand.

Am Einsatzort empfing uns eine sehr aggressive Stimmung. Es hatte eine Auseinandersetzung unter Nachbarn gegeben. Ich bewunderte meine beiden Begleiter, die sehr ruhig und bestimmt klar machten, dass sie mit jedem sprechen würden. Nacheinander!

Zuerst sprachen sie mit der Frau, die mit ihrer Tochter in einer winzigen Einraumwohnung lebte. Diese Wohnung wirkte sehr ordentlich. Sie sagte aus, sie habe den Flur putzen wollen, dann habe der Nachbar einen Müllsack im Flur umgetreten. Ein Wort ergab das andere, die tropische Hitze tat ihren Teil dazu, die Sachlage eskalierte. Schließlich holte sie aus ihrer Küche ein Messer, ihrer Aussage nach hatte der Nachbar sie vor ihrer Wohnungstür bedroht. Dieser habe dann die Wohnungstür mit voller Wucht zugetreten, ihr Knöchel war in die zuschlagende Tür geraten, dabei habe sie sich verletzt. Da die Wohnung mit vier Menschen (Frau, Tochter, zwei Polizeibeamten) brechend voll war, stand ich im Flur, und versuchte, nicht im Weg zu sein. Was sich schwierig gestaltete, denn auch der Nachbar wollte seine Aussage loswerden. Deswegen leistete er der Anweisung, in seiner Wohnung zu warten, keinerlei Folge, sondern tauchte regelmäßig an der Wohnungstür der Frau – in meinem Rücken – auf und schrie herum.

Ich muss zugeben, dass ich hier die Hosen wirklich voll hatte. Ich hatte keine Sekunde Zweifel, dass meine beiden Begleiter mich heil aus der Sache rausbringen würden, aber ich hatte in diesem Moment das dringende Gefühl, eine Belastung zu sein, und die beiden Beamten in Gefahr zu bringen.

Schließlich hatte sich die Dame einigermaßen beruhigt, unter anderem, weil ihr ein Rettungswagen gerufen worden war. So konnten sich die beiden dem lauten Nachbarn zuwenden. Mit einem einzigen Satz holte ihn die junge Polizistin runter, und er wurde schlagartig kooperativ. Allerdings wollte er uns nicht in seine Wohnung lassen. Der winzige Einblick, den ich um die Ecke erhaschen konnte, sprach auch Bände warum. Da die Lichtanlage im Treppenhaus mit einer Zeitschaltuhr versehen war, ging regelmäßig das Licht aus. Also betätigte ich mich als Lichteinschalterin, um nicht allzu sehr im Weg zu sein.

Letztlich ließ sich vor Ort nicht klären, wer nun die Wahrheit sagt und wer nicht. Aber die Polizei hat Ruhe in die Sachlage gebracht, und offensichtlich hielten sich beide an den Rat, sich für den Rest der Nacht aus dem Weg zu gehen.

 

Im Anschluss an diesen Einsatz fuhren wir noch ein wenig Streife durch das abendliche Ludwigshafen. Die beiden Polizeibeamten suchten hier unter anderem das Gespräch mit Menschen, denen sie auf der Straße begegneten. Diese Gespräche liefen alle freundlich und kooperativ ab. Gegen 23:00 Uhr fuhren wir dann zurück zur Dienststelle, damit ich dem nächsten Streifenteam übergeben werden konnte.

 

Der erste Einsatz mit Streifenteam Nummer 2 hätte harmloser nicht sein können. Ein Bürger hatte ein Nummernschild gefunden, das von einem Auto abgefallen war. Die Polizei hatte den Halter ermittelt, und wir brachten das Nummernschild zu der angegebenen Adresse. Die Familie freute sich. Noch während wir noch mit den Leuten sprachen kam eine Frau vorbei. Sie hatte ihr Kind an der Hand. Sie lächelte uns sonnig an, und dankte der Polizei. WOW! Mehr davon, liebe Mitbürger. Mehr davon.

 

Schon auf dem Weg dahin hatte mein neuer Fahrer vorsichtig abgeklopft, wie ich wohl zu Einsatzfahrten stehen würde. Offensichtlich machte er sich ein wenig Sorgen, ich könnte auf meiner Rückbank Angst kriegen, wenn es mal schnell gehen musste. Seine Kollegin verstärkte das mit: „Dabei müssen wir schon mal ein wenig um die Kurven driften.“

Nun, eines war mir schon vorher klar: wenn es mal schnell gehen muss, dann fährt die Polizei auch schnell. Im Unterschied zu irgendwelchen sich selbst überschätzenden Jungspunden können Polizisten das aber auch. Deswegen muss ich zugeben, dass ich eher gespannt war. Ich fragte: „Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich heute Nacht noch in den Genuss einer solchen Fahrt komme?“ Die Antwort war ein wenig ernüchternd, man wisse es nicht genau.

 

Noch während ich meinem Erstaunen über die Freundlichkeit meiner Mitbürger, die an diesem ersten Einsatz beteiligt waren, nachgab, kam eine Meldung rein über eine weitere Auseinandersetzung zwischen Nachbarn. Am anderen Ende des Dienstgebietes. Blaulicht und Martinshorn wurden angeworfen, und wir rasten durch die Nacht. Ich muss zugeben, dass ich das ziemlich spannend fand. Zwischendurch wurde ich gefragt: „Alles in Ordnung da hinten?“ „Ja, ich habe Spaß.“

Es ist relativ schwierig, bei einer Blaulichtfahrt Fotos aus dem Fenster zu machen. Erstens muss man sich festhalten und zweitens zuckt es…
Es ist relativ schwierig, bei einer Blaulichtfahrt Fotos aus dem Fenster zu machen. Erstens muss man sich festhalten und zweitens zuckt es…

Dieses Mal mussten wir nur in den dritten Stock rennen. Und wir rannten, denn eine Streife war bereits vor Ort, und die Dame, um die es ging, war bekannt dafür, gerne mal mit Messern herumzufuchteln. Zu meiner freudigen Überraschung trafen wir „meine“ erste Streife der Nacht. Auch dieses Treppenhaus roch mehr als gewöhnungsbedürftig. Der Nachbar, der Opfer ihres Angriffs geworden war, empfing uns in Unterhose. Nicht gerade der Aufzug, in dem meine Bekannten die Polizei erwarten. Er weinte. Er war sichtlich mit den Nerven am Ende, denn die Frau war nicht zum ersten Mal auf ihn losgegangen. Beeindruckendes Zeugnis davon war seine Wohnungstür, die sie ihm im Laufe der Vorwoche aus den Angeln getreten hatte, und die immer noch neben der Türzarge stand. Einen Grund dafür gab es nicht, die Frau hat einfach ein schweres psychisches Problem, verursacht durch jahrelangen Substanzmissbrauch. Meine Begleiter beruhigten den Mann, und sagten sie würden sich ihm baldmöglichst widmen.

Die Frau selbst war splitterfasernackt, die Wohnung war in einem unbeschreiblichen Zustand. Es war völlig klar, dass sie in keiner Weise Herrin ihres Verstandes war und das nicht erst seit diesem Tag. Das Messer wurde gefunden, ihr abgenommen und sichergestellt. Aufgrund des Vorfalles mit dem Nachbarn war klar, dass sie die Nacht in der Psychiatrie verbringen sollte. Dazu hatte sie aber keine Lust. Dennoch wurde ein Rettungswagen gerufen, ebenso wie der kommunale Vollzugsdienst. Da in einer tropischen Nacht für beide Institutionen genauso Hochkonjunktur herrscht wie für die Polizei, begann nun eine schwer zu ertragende Zeit des Wartens. Wir alle fünf wurden durchbeleidigt, auf das Übelste. Die Lieblingsvokabel der Dame war „Fotze“ und das bekam auch jeder geschlechtsunabhängig mehrfach zu hören. Die beiden männlichen Polizisten wurden mehrfach mit „schwule Arschfickerfotze“ beschimpft. Dagegen mutete „Du bist ein Nichts!“ vergleichsweise harmlos an. Auch der Rest ihres interessanten Vokabulars war sehr farbenfroh. Nun war ich in der komfortablen Situation, nur Zuschauerin zu sein. Ich fand das alles in erster Linie hochgradig spannend. Für die Polizeibeamten, die sich regelmäßig in dieser Wohnung aufhalten müssen, und sich auch regelmäßig diese Tiraden anhören dürfen, war das alles nicht so einfach. Es war ihnen anzumerken, dass ihnen das irgendwann an die Substanz ging. Sie konnten der Sachlage allerdings nicht aus dem Weg gehen, denn es bestand die Gefahr, dass die Frau sich etwas antat. Als sie dann auch noch anfing, um sich zu spucken, wurde es wirklich eklig.

Die Wartezeit zog sich. Die Anspannung wuchs. Die Beleidigungen prasselten quasi ohne Ende auf uns ein, ein Nachbar, der sich als „unbeteiligter Zeuge“ bezeichnete, missachtete permanent die Anweisung der Polizei, in seiner Wohnung zu warten, und last not least musste auch noch auf mich aufgepasst werden. Denn in einer Frage hatte die Dame einen sehr klaren Sinn, sie hatte sofort gemerkt, dass ich definitiv das schwächste Glied im Raum war und versuchte mehrfach, in meine Richtung zu kommen. Ich hielt mich lieber im Hintergrund, und machte das einzige, was ich konnte – das Licht regelmäßig wieder einschalten.

Schließlich passierte, was Polizisten vielfach Kritik in der Öffentlichkeit einbringt. Der erste von ihnen musste lachen. Es war weiß Gott kein fröhliches Lachen, und es lag auch keinerlei Arroganz darin. Allen im Raum war klar, dass diese Frau im Grunde ein bemitleidenswertes Geschöpf ist. Aber irgendwann muss die Anspannung einfach raus. Ich wünsche jedem meiner Mitbürger, der sich über das Foto eines Polizeibeamten empört, der am Einsatzort lacht, eine solche Erfahrung. Zumindest jenen Mitbürgern, die offensichtlich bar jeglichen Einfühlungsvermögens sind. Ich selbst musste übrigens irgendwann auch lachen. Man steinige mich!

Endlich traf der Rettungsdienst ein. Es war sogar möglich, die Dame zu überreden, sich zu bekleiden, bevor sie den Rettungswagen bestieg. „Mein“ aktueller Streifenpartner fuhr mit. Ich fuhr mit der Polizistin im Streifenwagen hinter dem Rettungswagen her. Wenigstens konnte ich da helfen, indem ich auf Anweisung ein paar Knöpfchen drückte, weil Streifenwagen fahren und funken nicht ganz einfach ist. Dabei hatte ich die ganze Zeit ein mulmiges Gefühl, denn der Beamte war ja deswegen im Rettungswagen, weil die Frau jederzeit wieder austicken konnte. Das tat sie aber nicht. In der Klinik wurde sie sehr freundlich aufgenommen, und sie schien sich dort wohl zu fühlen. Allerdings ist unwahrscheinlich, dass sie dort auf Dauer bleiben wird. Wäre ich ihr Nachbar, würde ich die Flucht ergreifen und umziehen.

 

Meine Begleiter überlegten nun, noch ein wenig Streife zu fahren, um mir auf dem Rückweg zur Dienststelle das eine oder andere von Ludwigshafen zeigen zu können. Doch dazu sollte es nicht kommen, denn es wurde eine private Verfolgungsjagd „allererster Kajüte“ (O-Ton Leitstelle) zwischen zwei Autos gemeldet. Auch in diesem Fall war bekannt, dass die Beteiligten durchaus gewalttätig werden können und einer der beiden sogar im Besitz einer Waffe ist. Wieder einmal flogen wir ans andere Ende des Dienstgebietes mit zuckenden Blaulicht und eingeschalteten Martinshorn. „Alles in Ordnung da hinten?“ „Ja, ich habe Spaß.“

Eine erste Streife war schon am Einsatzort, als wir eintrafen. Wir kamen von der anderen Seite, somit war ein Teilnehmer der Verfolgungsjagd von zwei Seiten eingekreist. Weitere Streifen flogen herbei, sodass die ganze Straße irgendwann ein Meer aus Blaulichtern beherbergte. Das sieht ganz schön beeindruckend aus. Leider habe ich mich nicht getraut, ein Foto zu machen. Auch hier zeigten sich alle Polizeibeamten ruhig und besonnen. Wieder schafften sie es, rein mit den Mittel der Sprache die Aggressionen zu senken. Schließlich wurde eines der Autos sogar sichergestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch zwei Streifen vor Ort.

Mir taten allmählich die Füße weh, die Schussweste ging mir ganz schön in mein altes Kreuz, und heiß war mir auch. So eine Schussweste ist nicht wirklich atmungsaktiv, und darunter war ich klatschnass. Bohrendes Hungergefühl machte sich in mir breit. In meinem Rucksack in der Dienststelle hatte ich sogar was zu essen dabei. Aber der war ziemlich weit weg. Eine solche Erfahrung wäre auch für jeden meiner Mitbürger hilfreich, der sofort Schnappatmung bekommt, wenn er Polizisten beim Einkaufen eines schnellen Essens sieht. Und man komme mir nicht mit dem mitgebrachten Pausenbrot um die Ecke. Bei der Hitze wäre das nach spätestens zwei Stunden im Streifenwagen nicht mehr genießbar gewesen – und Zeit zum Essen wäre auch nicht gewesen.

In Ermangelung eines Treppenhauses konnte ich hier übrigens Taschenlampen halten, um das Ausfüllen diverser Formulare zu erleichtern.

 

Zum Thema Formular ein kleiner Exkurs: man kann durchaus geteilter Meinung darüber sein, inwieweit es Sinn macht, alles bis ins kleinste Detail zu dokumentieren. Sicherlich ist es wichtig, um Einsätze nachvollziehen zu können, die Nachermittlungen zur Folge haben, oder aus denen gar ein Verfahren resultiert. Immerhin müssen alle, die das nachbearbeiten müssen, auf Informationen der Polizeibeamten zurückgreifen können, die als erste vor Ort waren. Ob es allerdings so sinnvoll ist, dass nach dem Löschen eines Feuers mit dem streifenwageneigenen Feuerlöscher das Ausfüllen der Formulare länger dauert als das Löschen dieses Feuers, lasse ich mal dahingestellt. So ein bisschen Vertrauen in den Mitarbeiter, was die Nutzung von Verschleißteilen betrifft – und als solches möchte ich einen Feuerlöscher jetzt doch mal bezeichnen – kann aus meiner Sicht keineswegs schaden.

 

Eigentlich war es nun an der Zeit, wieder zur Dienststelle zu fahren, denn eigentlich hätte ich schon vor geraumer Zeit „meiner“ Nachfolgestreife übergeben werden sollen. Nicht weit von der Dienststelle, an einem Postschild, das ich in dieser Nacht noch häufiger zu sehen bekommen sollte, erreichte uns jedoch ein Funkspruch, dass sich offensichtlich zwei Leute unberechtigt auf einem leerstehenden Firmengelände aufhalten würden. Übrigens am anderen Ende des Dienstgebietes, allerdings waren die Straßen mittlerweile so leer, dass nur noch ein bisschen Blaulicht nötig war. Die Fahrt war trotzdem recht rasant, denn es galt, möglichst schnell möglichst viele Polizisten vor Ort zu bekommen. „Alles in Ordnung da hinten?“ „Ja, ich habe Spaß.“

Nach einer intensiven Absuche des Geländes, auch mit der Hilfe eines Diensthundes, stellte sich heraus, dass wohl niemand mehr vor Ort war. Also rückten wir wieder ab, Richtung Dienststelle. Zu diesem Zeitpunkt hatte man mir schon erklärt, dass das Verfassen der Einsatzberichte mindestens so viel Zeit beanspruchen würde, wie die Zeit die man mit dem Einsatz selbst verbracht hatte. Ein Blick auf die Uhr belehrte mich, dass „meine“ aktuelle Streife es jetzt schon kaum pünktlich in den Feierabend schaffen würde. Ich denke ich brauche nicht dazu zu sagen, dass wir etwa auf Höhe des Postschildes einen Einsatz reinbekamen, weil ein Mann seine Frau verprügelte. Wieder einmal flogen wir mit Blaulicht durch die Nacht. „Alles in Ordnung da hinten?“ „Ja, ich habe Spaß.“

Am Einsatzort angekommen, klingelten wir in der angegebenen Wohnung. Tatsächlich wurde der Türöffner des Mehrparteienmiethauses betätigt. Allerdings war die Tür von innen abgeschlossen. Also klingelten wir mehrfach. Die Information, dass jemand die Tür mit einem Schlüssel öffnen müsse, gaben wir insgesamt fünfmal durch. Beim fünften Mal zeigte „mein“ aktueller Streifenpartner zum ersten Mal Nerven und schob die nicht unberechtigte Frage hinterher: „Wollen Sie uns verarschen?“

Das wirkte. Keine Minute später schloss man uns auf. Tatsächlich zeigte die Frau Spuren von körperlicher Gewalt, auch in der Wohnung sah es wild aus. Die Frau entschied sich dafür, dass die Polizei den Mann zehn Tage aus der Wohnung verweisen sollte. Dies erforderte einiges an Papierkram, der wiederum erforderte, dass die Lichtanlage im Treppenhaus regelmäßig wieder eingeschaltet werden musste. Mein Job! ;-)

Der Mann war nicht unkooperativ, aber als er letztlich mit einem gepackten Koffer gehen musste, zeigte er doch Gefühle und weinte. Nicht gerade, wie man sich als Ottilie Normalverbraucherin den typischen Schläger vorstellt. Auch Schläger sind Menschen und so wurde er auch behandelt, ohne sein Tun damit auch nur im Ansatz zu entschuldigen. Das ist, was mich am meisten beeindruckt hat – wie jeder menschlich behandelt wurde. Auch Leute, bei denen wir „Normalbürger“ vorsichtshalber den Bürgersteig wechseln würden.

Auch die geprügelte Frau war am Ende. Spätestens hier wurde mir klar, dass nicht nur ein Einsatz den nächsten jagen kann, und dass jeder Einsatz anders ist und wie schnell diese Menschen in Uniform im Kopf umschalten müssen, sondern dass eben auch oft menschliche Schicksale dranhängen, die man nicht zu nah an sich ranlassen sollte. Eindrucksvoll übrigens auch hier, wie nett „meine“ beiden Streifenpartner sich mit der Frau über ihre Katze unterhielten. Das wirkte nicht nur beruhigend auf sie, sondern zeigte auch echtes menschliches Interesse.

 

Nächster Versuch, zurück zur Dienststelle zu kommen. Wir schafften es sogar hinter das Postschild, der Streifenwagen war schon vor der Dienststelle eingeparkt, als der nächste Einsatz kam. Vor einem Museum sollte eine verdächtige Gestalt herumlungern. Also wieder auf die Straße. Wir umrundeten das Museum mehrfach, aber dort war kein Mensch zu sehen.

 

Nächster Versuch, zurück zur Dienststelle zu kommen. Etwa auf Höhe des Postschildes kam ein Funkspruch durch, dass am Rheinstrand ein Feuer entzündet worden sei. Auch hier war schon eine Streife vor Ort, als wir eintrafen. Letztlich waren es nur zwei junge Männer, die die heiße Nacht genießen wollten, ein Weinchen trinken wollten, und sich eben ein bisschen Lagerfeuerromantik gönnen wollten. Keiner der Polizisten hat das nicht verstanden. Dennoch müssen bestehende Gesetze durchgesetzt werden. Die beiden jungen Herren waren aber auch sehr kooperativ, sie hatten einfach nicht gewusst, dass das verboten war. Sie begannen mit Hilfe der Polizisten das Feuer zu löschen. Mit Rheinwasser. Was nach meinen Informationen über Formulare in Sachen Feuerlöscherbenutzung eine allseits sehr zufriedenstellende Lösung der Sache gewesen sein dürfte.

 

Um 4:00 Uhr morgens betraten wir die Dienststelle, die wir nach Plan gegen 1:00 Uhr hätten erreichen sollen. Ich sagte meinem Kaffee, den ich mir um 11:00 Uhr eingegossen hatte, freundlich Hallo und trank ihn kalt. Hauptsache Koffein.

 

„Meine“ beiden Streifenpartner machten sich sofort an ihre Berichte. Der Dienstgruppenleiter nahm sich ein wenig Zeit mit mir zu reden, dann schickte er mich mit einer weiteren Streife wieder raus. Eine noch im Bau befindliche Erstaufnahmeeinrichtung musste regelmäßig bestreift werden und zwar per Fußstreife. Es wäre nicht das erste (im Bau befindliche) Heim dieser Art, das von irgendwelchen Menschen verachtenden Tätern abgefackelt würde. Also umrundeten wir das Heim. Dabei erfuhr ich, dass sich „meine“ jetzige Streifenpartnerin in der Flüchtlingshilfe engagiert. Alles Menschen in Uniform, jeder auf seine Art.

 

Auf dem Rückweg zur Dienststelle passierten wir noch die örtliche Diskomeile, die normalerweise für das höchste Einsatzaufkommen sorgt. Nicht jedoch in dieser Nacht. Vielleicht, weil es für Disko einfach zu heiß war.

 

Wir fuhren zurück in die Dienststelle, ich half noch mit, zum Schichtwechsel die Spülmaschine einzuräumen, und dann war diese Nacht auch schon vorbei. Schneller als ich gucken konnte.

Guten Morgen, Ludwigshafen, tschüss, liebe Polizei!
Guten Morgen, Ludwigshafen, tschüss, liebe Polizei!

Mir ist noch wichtig anzumerken, dass zu keinem Zeitpunkt auch nur ein einziger Polizeibeamter zu seiner Waffe gegriffen hat oder auch nur Lust demonstriert hatte, zu seiner Waffe zu greifen. Kein einziger zeigte Interesse daran, zur körperlichen Gewalt zu greifen. Im Gegenteil legten sie alle beeindruckende Fähigkeiten an den Tag, nicht wirklich tiefenentspannten Menschen mit Worten die Aggressionen zu nehmen und Spannung aus ziemlich geladenen Situationen zu holen. Ich habe lebhaft das Bild vor Augen, wie eine gar nicht mal so hochgewachsene Polizistin einem hochaggressiven Kleiderschrank klarmachte, dass die permanente Wiederholung der Vokabel „Hurensohn“ an die Adresse seines Kontrahenten nicht wirklich zu einer gemeinsamen Lösung beitrüge – zumal die Mutter des anderen eine derartige Beleidigung wohl kaum verdiene. Tatsächlich konnte man förmlich sehen, wie die Luft aus seinem aufgepumpten Ego wich und er „normal“ wurde. Falls nicht die Polizei Ludwigshafen aus propagandistischen Gründen ihre brutalen Schläger für diese eine Nacht versteckt hatte und mir nur ihre besten Leute präsentiert hat – was ich persönlich nicht glaube, denn dafür wirkten die Leute zu eingespielt aufeinander – kann so einiges an Vorurteilen über unsere Polizeibeamten nicht stimmen.

 

Bevor ich in diese Nachtschicht ging, hatte ich eine Phase, in der ich einen Motivationshänger hatte. Mein Polizeibild war aus verschiedenen Gründen ein wenig angeschlagen gewesen. Diese Erfahrung hat es wiederhergestellt. Diese jungen Menschen haben meinen allergrößten Respekt!!! Ihnen ist zu verdanken, dass meine Wertschätzung unserer Einsatzkräfte sich innerhalb einer Nacht vervielfacht hat. Danke dafür!

 

 

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