Keile treiben – nicht mit mir…

AT_Herz_klein_Schrift
Angesichts unserer Mitgliederstruktur können wir gar nicht anders… ;-)

In den letzten Tagen nehme ich im öffentlichen Diskurs über die Flüchtlingssituation zunehmend eine Tendenz wahr, die ich persönlich sehr verstörend finde, nämlich, dass das Absaufen unserer bundesdeutschen Polizei in der Frage gerne der österreichischen Polizei in die Schuhe geschoben wird. Die österreichische Polizei winke die Flüchtlinge einfach nur durch. Auch aus Polizeikreisen wird mir diese Ansicht zugetragen.

Entschuldigung, aber solche Äußerungen gehen in meinen Augen gar nicht.

Ich war in Österreich und habe dort nicht nur Nachrichten gesehen, sondern auch mit österreichischen Polizisten gesprochen. Abgesehen davon, dass ich ausnahmslos von österreichischen Polizeibeamten sehr liebenswürdig behandelt wurde, kann ich sagen, dass auch die österreichische Polizei absäuft. Ein mir bekannter österreichischer Polizist schrieb mir, es sei derzeit „nicht wirklich fad“. Er neigt eher zum Understatement und auf bundesdeutsch übersetzt heißt das dann, dass er nicht weiß, wo ihm der Kopf steht.

Während sich in Oberösterreich die Flüchtlinge an der Grenze zu Deutschland stauen, drücken aus Slowenien neue Menschenmassen nach. Slowenien seinerseits ist ein kleines Land und säuft sowas von ab, dass verglichen damit bei uns alles vollkommen entspannt ist.

Egal, wie man selbst zu der Flüchtlingssituation insgesamt steht – sie ist da. Und niemand, egal wo er sich in Sachen Aufnahmekapazitäten verortet, kommt umhin, sich klarzuwerden, dass die im steirischen Spielfeld eintreffenden Flüchtlinge Menschen sind. Menschen, die seit Tagen nicht ausreichend geschlafen haben und auch sonst einiges hinter sich haben. Man kann sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass sie erstmal dankbar sein sollten, ihr nacktes Leben gerettet zu haben. Ich weiß aber, wie ich drauf bin, wenn ich ein Schlafdefizit mit mir herumtrage, und ich möchte an andere Menschen keine Maßstäbe anlegen, die ich selbst nicht erfüllen kann.

Die Flüchtlinge wissen, dass Europa zunehmend über Grenzschließungen redet, also liegt es auf der Hand, dass sie so schnell wie möglich nach Deutschland weiter wollen. Über die Gründe dafür, dass Deutschland einen solchen Sog ausübt, ließe sich sicherlich trefflich diskutieren, die sind aber nicht Thema dieses Textes, deswegen bitte ich, uns diese Debatte hier einfach zu ersparen und an passenderem Orte auszutragen.

Es geht mir hier vor allen Dingen darum, klar zu machen, welcher Gesamtsituation die österreichischen Polizisten gegenüberstehen. Genau diese Polizeibeamten, die mir so freundlich und hilfsbereit begegnen.

Der serbische Ministerpräsident fragte neulich in einem Interview sinngemäß, was er denn mit den Flüchtlingen machen solle, die nach Deutschland weiterdrängen? Er fragte ironisch, ob er die ins Gefängnis stecken soll. Was natürlich keine ernsthafte Option sein kann – bevor hier jetzt wieder eine Empörungswelle produziert wird.

Analog dazu möchte ich fragen: Was bitte sollen die österreichischen Polizisten mit Flüchtlingen tun, die um jeden Preis weiter nach Deutschland wollen? Die so dringend nach Deutschland wollen, dass sie zum Teil in Scharen über Bundesstraßen durch die Steiermark laufen. Was kann eine Polizei, die aus ebenso freundlichen Beamten besteht wie unsere, da tun? Sollen die österreichischen Polizeibeamten die Flüchtlinge in Österreich anbinden, oder was? Oder soll man Österreich anprangern, dass sie nicht schnell genug mit dem Bau von Flüchtlingsunterkünften nachkommen? Wenn man im Glashaus sitzt, sollte man vielleicht nicht unbedingt mit Steinen um sich werfen.

Vielleicht denkt da mal jeder drüber nach, der meint, es sei in der aktuellen Lage sinnvoll, auf österreichischen Polizisten herumzuhacken. Sicherlich wird es da den einen oder anderen Fehlläufer geben, aber die gibt es bei uns auch. Je länger ich für Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. arbeite, desto mehr davon finde ich vor. Dennoch stehe ich hinter unseren Polizeibeamten.

Es ist schlimm genug, dass sich die Regierenden in der jetzigen Situation ständig gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben. Ich war immer überzeugte Europäerin. Ich finde es tragisch, dass sich nun ausgerechnet in dieser Lage auf Kosten der anderen versucht wird, reinzuwaschen. Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. hat Mitglieder in Österreich und in der Schweiz. Ich distanziere mich davon, dass jetzt österreichischen Polizisten der schwarze Peter zugeschoben werden soll. Ich stehe hinter allen Polizeien, die demokratisch legitimiert und rechtsstaatlich verfasst sind – und wenn ich nichts Essentielles verpasst habe, trifft das auf die Polizei der Repubik Österreich ohne jede Einschränkung zu. Für das Auseinanderdividieren von Menschen im gleichen Beruf, nur weil diese sich auf unterschiedlichen Seiten einer Landesgrenze befinden, habe ich nichts übrig. Das ist nicht der Geist, in dem ich mit Keine Gewalt gegen Polizisten begonnen habe.

Das loszuwerden war mir eine Herzensangelegenheit!

3 Comments

  • friederike
    28. Oktober 2015 - 10:50 | Permalink

    Gut gebrüllt, Löwin! Das musste geschrieben werden.

    • Axel Griesinger
      28. Oktober 2015 - 14:22 | Permalink

      Gefällt mir gut dein Statement! Mich betrifft die Flüchtlingssituation dienstlich bisher zwar nur im sekundären Bereich und mit ihren weiteren Auswirkungen und nicht an vorderster Front, aber ich frage mich, was meine Kollegen der Bundespolizei wohl derzeit schon seit Wochen leisten und das mit einer Personalknappheit die eigentlich zum Himmel schreit.

      Und genau denselben Respekt bringe ich den österreichischen Kollegen entgegen, auch wenn ich von Baden-Württemberg aus dorthin gar keinen direkten „Draht“ habe. Tauschen möchte ich momentan auch nicht mit den österreichischen Kollegen und ich unterstelle einfach einmal, dass in österreichischen Uniformen an der Grenze oder sonst wo in Österreich, dieselben MENSCHEN stecken wie auch in der BRD. Die Rechnung geht mir jedenfalls zu einfach auf, als mit dem Finger auf die bestimmt ebenfalls überlasteten und überforderten Kollegen zu zeigen und den schwarzen Peter einfach ins Nachbarland abzuschieben. Schwarze Schafe wird es auch dort geben, aber ich erkläre es dem „Bürger“ hier auch immer so, dass wir eben auch „Solche“ und „Solche“ bei uns in der Polizei haben.

      Danke dir jedenfalls im Namen aller betroffenen Kollegen aus dem Nachbarland. Und ich denke deine Eindrücke liebe Gerke, kommen tatsächlich nicht nur aus den Medien und der Zeitung, sondern tatsächlich von Eindrücken und Erfahrungen vor Ort und durch direkten Kontakt und Austausch.

      Habe mich schon lange nicht mehr persönlich zu Wort gemeldet, aber wie du siehst liebe Gerke – was du an Arbeit für uns Polizisten in deiner Freizeit leistest, kommt an und wird auch wahrgenommen!

      Liebe Grüße aus Baden-Württemberg,

      euer Axel

  • ein Kollege aus Ö
    31. Oktober 2015 - 14:12 | Permalink

    Danke

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