Danke nach Mainz für’s Retten

Bei der gestrigen Pressekonferenz in Mainz (wir berichteten) zum Danke-Polizei-Tag eröffnete ich meinen Redebeitrag mit einer kurzen Beschreibung eines Einsatzes der Mainzer Polizei, für den ich damals leider nie gedankt habe. Hier könnt Ihr ihn etwas ausführlicher nachlesen.
Wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. würden uns über weitere Geschichten, für die Ihr der Polizei Danke sagen wollt, freuen.

Da die Geschichte in den 90ern spielt, muss man sich hier natürlich ein grün-weißes Auto denken. Dann muss man sich auch von der Alt- in die Neustadt denken. ;-)
Da die Geschichte in den 90ern spielt, muss man sich hier natürlich ein grün-weißes Auto denken. Dann muss man sich auch von der Alt- in die Neustadt denken. ;-)

Wir schreiben die zweite Hälfte der Neunziger Jahre. Ich studierte in Mainz und wohnte in einem Mietshaus in der Mainzer Neustadt. An diesem Abend war der neue Beaujolais angekommen. Einige Freunde und ich hießen ihn willkommen.

Gegen ein Uhr morgens kam ich mit angemessener Bettschwere nach Hause. Wieder einmal musste ich feststellen, dass die Haustür zur Straße sperrangelweit offen stand. Da neben einigen Studenten auch ältere Herrschaften in dem Haus wohnten, die es gern hatten wenn die Tür abgeschlossen war, schloss ich also hinter mir ab. Anschließend stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung hoch. Licht machte ich keines, ich kannte den Weg.

In meiner Wohnung angekommen, hatte ich die offene Haustür schon wieder vergessen, war mein Abend doch zu schön gewesen. Ich schloss hinter mir ab, machte mich bettfertig, legte mich hin und sank gerade in einen ersten Schlaf, als…

…es krachte.

SCHRECK!

Meine Wohnungstür…

HERZRASEN!

Hellwach. Aufgesprungen. Wieder donnerte es gegen meine Tür.

Was…?

Erst mal Überblick über die Lage gewinnen.

Ohne Licht zu machen schlich ich leise zur Tür… guckte vorsichtig durch den Spion… und wunderte mich erst einmal. Der Mann, den ich durch den Spion sah, vielleicht Mitte 30, war mir vollkommen unbekannt. Das sah er aber offenbar anders, denn er hieb und trat schon wieder gegen die Tür und brüllte „Aufmachen, du Schlampe!“

UPPS!

Sprint zum Telefon. Polizei angerufen.

„Hier schlägt einer meine Wohnungstür ein, abc-Straße Nr. d.“
„Ich höre es. Streife kommt.“

Mann, ich habe mich selten so allein gefühlt, wie nachdem der Polizist am anderen Ende aufgelegt hatte. Ich dachte so bei mir, dass es doch ganz schön gewesen wäre, wenn wenigstens jemand mitbekommen hätte, wie ich sterbe.

Das Gepolter an meiner Tür ging weiter, ebenso die übelsten Beleidigungen. „Schlampe“ war da noch etwas freundlicher.

Schnell in mein Schlafzimmer. Die Zimmertür schloss ich auch noch ab. Wenigstens würde es ihn aufhalten, wenn auch nicht allzu lang. Dann erst warf ich mir wieder Klamotten über, damit fühlte ich mich ein bisschen sicherer als im Schlafanzug. Ich setzte mich auf den Boden. Um genau zu sein, hockte ich mich ziemlich klein zusammengekauert in eine Ecke und hoffte, dass meine verdammten Türen bis zum Eintreffen der Polizei halten würden. Dann könnte ich immer noch aus dem Fenster springen. Nicht toll im ersten Stock, aber besser als tot… Sinnvoll wäre vermutlich gewesen, sich schon einmal ins offene Fenster zu stellen, aber so richtig denken war nicht mehr drin. Dafür hatte ich wirklich zu viel Angst.

Ich hockte da im Dunkeln, allein mit einer Art Todesangst. Ich kannte den Typen gar nicht. Ich hatte keinen Schimmer, was der von mir wollte. Ich hatte starke Zweifel, ob man mit ihm notfalls vernünftig würde reden können. Er war ziemlich volltrunken. Eine Freundin von mir, Justizangestellte, hatte mir von Leuten erzählt, die im Vollrausch Türen von Gewahrsahmszellen kaputttreten. Dagegen meine kleine Wohnungstür aus Pressspan… und der Kerl bearbeitete sie weiter pausenlos.

Ein Alptraum!

Ich starrte ununterbrochen auf die Leuchtziffern meines Radioweckers. Es kam mir vor wie Stunden, aber tatsächlich sah ich keine zwei Minuten später blaues Licht an meiner Zimmerdecke reflektieren.

ERLEICHTERUNG!!!

Es klingelte.

Schlagartige Ruhe.

Erstmal saß ich für eine Sekunde wie angegossen. Hey, das Klingeln war wohl für mich.

Ich hechtete ans Fenster, riss es auf und fand die beiden Polizisten neben dem Streifenwagen so ziemlich den besten Anblick meines bisherigen Lebens.
„Ich habe Sie angerufen. Der hat jetzt aber aufgehört.“
„Wir haben es gehört, wir müssen aber rein.“
Wo sie recht hatten, hatten sie recht. Aber…
„Als ich vor zehn Minuten heimkam, hatte ich die Tür hinter mir abgeschlossen und der Typ kann nicht raus. Ich geh aber nicht ins Treppenhaus.“
„Das ist auch keine gute Idee. Aber werfen Sie den Schüssel runter!“

Geniale Idee!

Das machte ich auch. „Der gelbe Schlüssel.“

Einer der Polizisten fragte mich noch:
„Wissen Sie, wer das ist?“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich kenne den nicht einmal.“

Die beiden gingen ins Treppenhaus und griffen sich den Mann. Allerdings war er wohl freiwillig mitgegangen, denn es gab keinen Lärm und kein Gerangel oder so. Dann postierten sie sich mit ihm vor der Haustür und versuchten erst einmal rauszukriegen, was sein Problem war. Ich hing natürlich am Fenster – wegen meines Schlüssels, meiner Neugier (ich stehe dazu) und weil ich wissen wollte, ob ich am nächsten Tag zur Uni könnte, ohne dass der Typ mich attackiert. Ich hatte ja keine Ahnung, ob die Polizei ihn mitnehmen würde oder wie es weitergehen sollte.

Es stellte sich heraus, dass vor mir seine Exfreundin in meiner Wohnung gewohnt hatte (ich wohnte da seit vier Jahren!). Sein Plan war gewesen, sie sich noch mal vorzunehmen. Ich will bis heute nicht wissen, was genau ihm dabei vorschwebte. Die Polizisten machten ihm klar, dass da jetzt jemand anders wohne. Er solle nach Hause gehen. Das wollte er nicht so recht. Sie redeten auf ihn ein, wie auf ein krankes Pferd. Schließlich ging er los und…

…drehte nach zehn Metern um und wollte sich auf die Polizisten stürzen. Dazu kam es allerdings nicht mehr, denn der Streifenwagen sprang ihm hinterhältigst in den Weg und er stürzte darüber. Das erboste ihn dermaßen, dass er kräftig vor dieses bösartige Auto trat.

Da war dann endgültig Schluss mit lustig. So schnell, wie der in den Wagen gefaltet wurde, konnte man gar nicht gucken. Das Ganze mit den Worten: „Jetzt reicht’s!“

Mir persönlich war dieser Ausgang auch deutlich lieber. Ich weiß nicht, ob ich mich am nächsten Morgen aus dem Haus getraut hätte oder ob ich hätte schlafen können, wenn er nicht vor meinen Augen im Streifenwagen abtransportiert worden wäre.

Einer der Polizisten brachte mir noch den Schlüssel hoch und bot an:
„Soll ich Ihren Nachbarn ins Gewissen reden, wegen Abschließen und so?“

Das fand ich sehr nett. Seit damals weiß ich, dass Polizeibeamtinnen und –beamte zu unserem Schutz da sind. Als mir dann vor nunmehr sechs Jahren am 1. Mai in Berlin erstmals klar wurde, dass Polizeibeamte mit steigender Gewalt(bereitschaft) konfrontiert werden, fand ich das einfach nur widersinnig. Warum jene schlagen, die uns in solchen Situationen beistehen?

Unsere Polizei ist demokratisch legitimiert und rechtstaatlich verfasst. Sie war noch nie so transparent wie heute. Es ist einfach ungerecht, diesen Menschen mit Gewalt zu begegnen. Deswegen habe ich angefangen, mich gegen Gewalt gegen Polizisten einzusetzen. Daraus entstand der Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., der in diesem Jahr zum zweiten Mal einen Danke-Polizei-Tag durchzieht. Meiner Ansicht nach sollte man der Polizei jeden Tag danken, aber weil man das im Alltag gerne mal vergisst, machen wir das eben geballt am 19.09.2015.

Danke für Euren täglichen Einsatz für uns alle.

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