Polizisten eine Stimme geben: Der letzte Einsatz!

Symbolfoto
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Kurz vor 2 Uhr morgens.
Über Funk kommt der Einsatz: „Hilferufe weiblich, Straße X, Sonder-/Wegerechte zugelassen“.

Wir melden uns an und kommen zeitgleich mit einem anderen Wagen an.

Dann geht alles ganz schnell. Aus dem Hof wird gerufen: „Hier liegt eine Person auf dem Boden, eine zweite hängt noch im 3. Obergeschoss am Fensterbrett.“

Ich renne zum Auto und hole den Verbandskasten.
Aus dem Hof weitere Rufe. „Die zweite Person ist auch abgestürzt.“

Sofort werden über Funk Notärzte und Rettungswagen angefordert. Das passierte alles in wenigen Sekunden.

Ich greife auch die Beatmungsmaske und renne in den Hof.
Dort liegen ein Mann und eine Frau.
Eine große Blutlache ist zu sehen.
Ich ziehe mir die Handschuhe an und kümmere mich um die Frau.
Keine Atmung, kein Puls.

Ich fange an zu reanimieren.
Fordere nebenbei die anderen Kollegen auf, den Mann umzudrehen.
Er liegt auf dem Bauch. Als er gedreht wird, röchelt er noch.

Ich mache weiter die Herzdruckmassage.
Aus dem Mund kommt bei jedem Druck Blut. Ich merke, wie weich der Brustkorb ist und denke, da muss alles kaputt sein.
Als der Mann aufhört zu röcheln, wird auch er reanimiert.
Ein Kollege fängt an, die Frau zu beatmen.
Alles passiert bei mir irgendwie automatisch.

Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis die Feuerwehr und der Notarzt eintreffen.
Ich pumpe einfach weiter.

Der erste Sanitäter löst den Kollegen bei dem Mann ab.
Ich will nicht abgelöst werden. Warum, weiß ich auch nicht.

Nach ca. 15 Minuten fragt ein Kollege nochmal, ob er mich ablösen soll.
Diesmal nehme ich das Angebot an.
15 lange Minuten. Kniend im Blut.
Immer mehr Feuerwehr und der zweite Notarzt treffen ein.

Die Reanimation geht unaufhörlich weiter. Ich weiß nicht mehr wie lange.

Ich verlasse den Hof, um mich ein wenig rauszunehmen.

Leider verstarben beide Personen unter unseren Händen. Sie waren uns von diversen Einsätzen bekannt. Gerade einen Tag zuvor waren wir dort gewesen. Eine wechselseitige Körperverletzung zwischen dem Mann und einer Person von der Straße.

Dieses musste ich einfach nach dem Einsatz niederschreiben, um die Bilder zu verarbeiten, die die Seele eines Polizeibeamten nach solchen Diensten belastet. Auch wir sind Menschen, kommen aber im Vergleich zum normalen Bürger sehr oft in Situationen, aus denen wir nicht einfach weglaufen können, sondern uns stellen müssen.

Das erwartet nämlich der Bürger von uns.

Ich wünsche wirklich jedem, dass ihm solche Situationen erspart bleiben.

(Eine Polizistenseele, die seit knapp 30 Jahren mitleidet.)

6 Comments

  • Friederike
    27. Juli 2015 - 08:04 | Permalink

    Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass so etwas nicht in den Kleidern stecken bleibt. Aber wenn man alles getan hat, was man tun konnte, sollte man wieder zu sich selbst finden dürfen. Die Situation haben letztlich die anderen verursacht.

  • Christian Holzschuh
    27. Juli 2015 - 08:17 | Permalink

    Ich wünsche dem Beamten die Kraft und Stärke um das Geschehen zu verarbeiten.
    Wenigstens gibt es Fachkräfte die ihn , bei der Verarbeitung begleiten und unterstützen können. Ich wünsche ihm alles gute.

  • hebe görres petra
    27. Juli 2015 - 12:51 | Permalink

    ich wünschte die polizei hätte eine stärkere lobby und mehr ansehen . ein aufrichtiges dankeschön an jeden beamten , jeder von uns benötigt eure hilfe – euer verständnis und euer handeln .

    • 27. Juli 2015 - 21:00 | Permalink

      Wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. versuchen ja, eine starke Lobby für die Polizei aufzubauen. Dabei können wir Unterstützung gut brauchen…. ;-)

  • Roland Lorenz
    28. Juli 2015 - 12:43 | Permalink

    Das Schlimme ist tatsächlich, dass man hinterher allein dasteht. In meiner Dienstgruppe haben wir bei solchen oder ähnlich brisanten Einsätzen immer eine Dienstbedsprechung gemacht und dann wurde der Bericht geschreiben.

    • ickeberlin
      2. August 2015 - 13:45 | Permalink

      Hallo Roland. Ich kann Dir aus versichern, dass die Beamten, die dort im Einsatz waren, eine gute Nachsorge bekommen. Auch die Aufarbeitung des Erlebten wird da nicht außer Acht gelassen. Angebote werden gegeben und es liegt an den Beamten selbst, ob sie es annehmen oder eine andere Art der Verarbeitung suchen.

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