Aus dem Vorstand: Ein Tag in Bremen

Bildquelle: HföV Bremen
Bildquelle: HföV Bremen

Vor etwas über zwei Wochen bestieg ich am späten Nachmittag meinen Zug nach Bremen. Da ich in den letzten Wochen beruflich, privat und in Sachen Verein (KGgP) nicht über Langeweile klagen kann, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht die Muße gehabt, aufgeregt zu sein.

Ich hatte nämlich die Ehre (und das meine ich ernst!) für die HföV Bremen einen Vortrag halten zu dürfen.

HföV steht für Hochschule für öffentliche Verwaltung. Es handelt sich hierbei um die Aus- und Fortbildungsstätte der Bremer Polizei. Und genau zu sein, handelte es sich um einen Fachtag für Eigensicherung und es war klar, dass vor mir 98 Menschen aus dem Polizeibereich sitzen würden. Darunter wiederum einige Einsatztrainer. Kurz gesagt: die geballte Kompetenz!

Nun ist auch sonst mein Publikum im Allgemeinen nicht gerade blöd. Wer sich in meine Vorträge bewegt, hat ein irgendwie geartetes Interesse an gesellschaftlichen Themen und insofern kommen da durchaus intelligente und Ernst zu nehmende Leute. Auch Polizeibeamte. Was immer praktisch war, denn sobald die Fragen aus dem Publikum zu fachspezifisch wurden, konnten mir diese aushelfen.

Aber hätte ich einem Publikum aus lauter Polizistinnen und Polizisten tatsächlich etwas über Gewalt gegen Polizisten zu erzählen, was sie noch nicht wüssten? Genau das war aber mein Thema.

Da mir die Organisatoren dieses Fachtages am Telefon durchaus so vorgekommen waren, als wüssten sie, was sie wollten, musste ich da wohl durch. Dann also Gewalt gegen Polizisten. Aus Bürgersicht.

Langer Rede, kurzer Sinn – meine Aufregung ließ schon nach, als ich abends in Bremen am Bahnhof abgeholt wurde und kurz eine nette Runde von Einsatztrainern und einen Mitreferenten (ebenfalls Polizist) kennenlernen durfte.

Da ich derzeit mehr als genug um die Ohren habe, schlief ich in der Nacht vor dem Vortrag wie ein Stein und hatte erst am nächsten Morgen ausreichend Zeit, neue Aufregung zu entwickeln.

Zum Glück durfte ich als erstes vortragen. Offensichtlich kam mein Vortrag gut an und das wohl nicht nur, weil ich mich auf den ersten drei Metern verbal derart vergaloppierte, dass aus meiner eigentlich anders beabsichtigten Aussage eine durchaus zweideutige Beziehung zu einem Pressesprecher der Polizei herauszuhören war. Was natürlich auch alle raushörten. War klar! Nachdem dann alle kräftig gelacht hatten (ich auch) und ich den roten Faden wiedergefunden hatte, lief es aber.

Ja, offensichtlich war es gut für viele Polizistinnen und Polizisten mal zu hören, dass Menschen außerhalb der Polizei wahrnehmen, wie es ihnen in ihrem Dienst geht und dass Bürger das zu schätzen wissen und dafür danken möchten. Wir leben in einem Land, in dem sowieso wenig gelobt wird. Und von diesem Wenigen kommt bei Polizeibeamten offenbar noch weniger bis nichts an. Das ist schade und sollte dringend anders werden!

Nach mir referierte ein Frankfurter Polizist. Er ist derjenige, der bei in seinem Revier das Body-Cam-Projekt leitet. Seitdem bin ich endgültiger Fan der Body-Cam. Ein Rückgang der Widerstandshandlungen um insgesamt 37,5% wirkt auf mich mehr als überzeugend. Datenschutzrechtliche Bedenken kann ich mit einem freundlichen Hinweis auf das Gesetz erwidern (§ 14 Abs. 6 HSOG; Speicherfrist ist in §§ 20 ff. HSOG geregelt; für andere Bundesländern dürften die Rechtsgrundlagen entsprechend ähnlich ausfallen). Mit Sicherheit werden entsprechende Aufnahmen bei der Polizei schneller gelöscht als diese ganzen Handyvideos, die Hinz und Kunz auf youtube.com hochladen. Ich persönlich wüsste jedenfalls Videos meiner Wenigkeit lieber bei der Staatsanwaltschaft und der Polizei als auf irgendwelchen obskuren Servern im Internet, von denen sie hundertfach unkontrolliert heruntergeladen werden können.

Last but not least trugen zwei junge Polizeibeamte vor, wie sie um ein Haar bei einem Einsatz hätten schießen müssen. Ein Mann hatte seine Familie angegriffen, er hielt bei Eintreffen der Polizei immer noch ein Messer in der Hand. Obwohl in sachlicher Wortwahl (wie bei Polizisten häufig der Fall) vorgetragen. ging mir dieser Vortrag sehr unter die Haut.

Einer der beiden verlieh seiner Ansicht Ausdruck, dass jeder Polizist erleichtert sei, wenn er nicht schießen müsse. Das kann ich aus vielen, vielen Gesprächen mit Polizeibeamten genau so unterschreiben.

Ebenso waren beide der Meinung, dass sie sehr gut ausgebildet wurden, denn sie haben die Situation blitzschnell als lebensgefährlich erkannt, haben entsprechend reagiert und waren bereit, im Zweifel den Abzug zu ziehen. Aus meiner persönlichen Sicht spricht ebenfalls für ihre gute Ausbildung, dass sie die Dienstwaffe sofort wegsteckten, als der Angreifer sein Messer fallen ließ.

Diesen Vortrag wünsche ich allen, die im Internet meinen, sie müssten bei Schusswaffengebräuchen oder Beinahe-Schusswaffengebräuchen auf der Basis äußerst unzureichender Informationen Stellung beziehen – ohne sich um solche Details wie Kenntnis der Tatörtlichkeiten oder der genauen Gesamtsituation zu scheren. Wer sich da manchmal ein Urteil erlaubt – da kann ich mir manchmal nur noch an den Kopf greifen. Das gilt für meine geneigten Mitnichtpolizisten, die bei jedem tödlichen Schusswaffengebrauch sofort die angeblich schlechte Ausbildung unserer Polizeibeamten beklagen und irgendwelche aus schlechten Krimis bezogene Szenarien auffahren, wie man die Sachlage hätte anders lösen können. Ebenso gilt das aber auch für jene Spezialisten, die gerne mal bei entsprechenden Kurzmeldungen, die eben glimpflich und ohne Schusswaffengebrauch enden, fragen: „Wieso hat der denn nicht geschossen?“ anstatt froh zu sein, dass das allen Beteiligten erspart geblieben ist.

Am Rande dieser Veranstaltung kam es noch zu einigen Gesprächen, die ich hochgradig spannend fand. In diesem Zusammenhang hätte ich einige Danksagungen vorzunehmen:

* Danke an die Polizeipsychologin, die mir erklärt hat, dass verbale Gewalt mental im Grunde keinen Unterschied zur physischen Gewalt macht. Es wird die gleiche Gehirnregion stimuliert und es werden die gleichen körperlichen Reaktionen hervorgerufen. Darüber könnten mal all jene Spezialisten nachdenken, die der Ansicht sind, Menschen, die bei der tausendsten Beleidigung einfach nicht mehr können, seien totale Weicheier.

* Danke an den Bremer Bundespolizisten, der mir von seinem aus meiner Sicht extrem spannenden privaten Projekt erzählt hat, das mir mal wieder gezeigt hat, dass meine Grundtheorie zutrifft – alles Menschen, im Guten wie im Schlechten. Und jeder ist anders. Das ist auch gut so. Ich hoffe, der junge Mann denkt daran, mir mitzuteilen, wenn er damit fertig geworden ist. Das Ergebnis interessiert mich brennend.

* Danke an den jungen Polizisten aus Niedersachsen, der mir mal wieder klargemacht hat, dass die Tatsache, dass nur auf die wenigsten unserer Karten eine Antwort kommt (und manchmal über sehr verschlungene Umwege), nicht gleich bedeutet, dass diese Karten nicht wichtig wären. Ihm war sie sehr wichtig. Ich wünsche ihm weiterhin alles Gute in diesem Beruf!

* Danke an einen bestimmten Bremer Polizisten, den ich immer wieder gerne treffe.

* Last but not least danke an meine Mitreferenten, an das Team der HföV und ganz besonders an die drei Einsatztrainer, die sich besonders um mich gekümmert haben. Ihr ward super! Und das nicht nur, weil Ihr mich morgens komplett uniformiert abgeholt und im Streifenwagen zum Tagungsort gefahren habt. Der Blick der Leute war Gold wert.

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Zum Abschluss bleibt noch zu sagen, dass Bremen eine tolle Stadt ist. Jederzeit eine Reise wert! Ich bin Fan. Sowohl der Stadt Bremen als auch der Bremer Polizei!

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