Bürgerstimme: „Der Bürger“ ist auch nur ein Mensch – mit Gefühlen

Die Kommunikationskompetenzen dieses jungen Mannes hier waren einwandfrei. Bei einigen seiner Kollegen kann das schon mal anders sein.
Die Kommunikationskompetenzen dieses jungen Mannes hier waren einwandfrei. Bei einigen seiner Kollegen kann das schon mal anders sein.

Vor etwas über sechs Jahren trat ich an, weil ich die Behandlung unserer Polizeibeamten durch Öffentlichkeit und Berichterstattung in diesem Land als unfair empfand und nach wie vor empfinde. Ich, eine Nichtpolizistin und folglich Teil der dunklen Masse, die gerne mal als „der Bürger“ durch die Gespräche von Polizeibeamten geistert.

Seitdem kämpfe ich gegen die permanente Verallgemeinerung „der Bullen“ an. Ich bemühe mich darum, in anderen Nichtpolizisten ein Gefühl dafür zu wecken, dass es sich bei Polizeibeamten um Individuen handelt. Jeder anders.

Ich rede mir die Lippen fransig und tippe mir die Finger blutig, damit Vorfälle wie der von Hannover nicht verallgemeinert werden und nicht alle Polizisten als böse Schläger angesehen und tituliert werden.

 

Seit Jahren kämpfe ich gegen Extremisten an, die ja auch verallgemeinern bis der Arzt kommt. Ich lebe damit, dass ich pausenlos Beleidigungen und gelegentlich auch mal Drohungen von Linksextremisten einstecken muss. Ich lebe damit, dass Rechtsextremisten sich wahlweise an uns heranwanzen wollen oder ebenfalls beleidigen und bedrohen. Ich lebe damit, dass permanent bei uns verallgemeinert wird, sei es, dass irgendwelche Stammtischparolen über Politiker oder Migranten unsere Präsenzen zieren, sei es, dass irgendeine andere Bevölkerungsgruppe mal wieder dran ist, weil es EIN Vertreter davon mal wieder nicht hingekriegt hat. Was auch immer er nicht hingekriegt hat. Ist auch im Grunde egal. Hauptsache, man kann drüber abledern.

Ich lebe damit, dass diverse Initiativen oder unzufriedene Einzelpersonen unsere Präsenzen für eigene Zwecke missbrauchen (versuchsweise), uns kopieren und – auch das gab es schon – Unwahrheiten über uns verbreiten. Nebenbei erledige ich 90% der anfallenden Verwaltungsarbeit, die so ein Verein mit sich bringt.

 

All das nervt. Aber so richtig zermürbend wirken die Botschaften darüber, wie der Bürger angeblich so drauf ist.

Der dämliche Bürger.

Kapiert auch gar nix!

Auf der Präsenz eines Vereins von Bürgern für Polizeibeamte haben solche Sprüche, die da einige Polizeibeamte so kloppen, fast schon Satirecharakter. Wenn es nicht so ernst wäre…

 

Neulich sah ich einen Bundespolizisten, der sich in einer S-Bahn dermaßen hinfläzte, dass er vier Sitze für sich beanspruchte. Dabei trompetete er auch noch dermaßen laut in sein Handy, dass der ganze Waggon davon unterhalten wurde. Sowas von kein Benehmen…

Soll ich jetzt hergehen und auf den Präsenzen der Polizei erklären, dass er halt so ist, der Polizist? Kann sich halt nicht benehmen? Und die anderen vielen Polizeibeamten, mit denen ich schon in einer Bahn saß, die sich bestens benommen haben und die auch schon mal mit Kinderwagen helfen, weil in diesem Land ja sonst keiner mehr den Allerwertesten hochkriegt? Wurscht! Was zählt ist das leuchtende schlechte Beispiel eines Einzelnen!

Zu Recht würde da ein Sturm der Entrüstung seitens der so von mir über einen Kamm geschorenen Polizisten losgehen.

Aber der Bürger, der…

 

Ich suchte neulich dazu das Gespräch mit einem Polizeibeamten, den ich sehr schätze. Ich versuchte zu erklären, dass es sich für mich als Bürger nach über sechs Jahren allmählich zunehmend bescheiden anfühlt, wieder und wieder hingerieben zu bekommen, wie der Bürger so ist.

Er war völlig überrascht und ihm entfuhr: „Aber so ist er doch, der Bürger. Da baut man eine Straßensperre auf, 99 Fahrer schnallen es und *zack*… der hundertste fragt, ob er hier wirklich nicht durch kann.“

Ach so! 99 mal klappt’s also. Und der Hundertste ist der Bürger?

Die anderen 99 waren dann bitte wer?

Bei diesem speziellen Polizeibeamten weiß ich, dass ich nicht gemeint bin. Ihm war gar nicht bewusst, dass ich auch der Bürger bin. Trotzdem hilft dieses Wissen auf Dauer nicht gegen die Zermürbung, die es mit sich bringt, wenn einem dieser Ausdruck ständig um die Ohren geschlagen wird.

 

Neulich passierte mir tatsächlich ein Fahrfehler. Ich wollte in eine Tiefgarage einbiegen. Dort fanden aber Bauarbeiten statt. Das Einfahrtsschild fehlte. Es standen einige Bauschuttcontainer herum und dazwischen wuselten so viele Fußgänger, dass ich den Abstich verpasste. Da hinter mir schon das nächste Fahrzeug fuhr, sah ich nur eine Möglichkeit – in eine Straße einzubiegen, in die nur Taxen, Busse und Dienstfahrzeuge mit besonderer Berechtigung hineindürfen. Damals hatte ich Glück, denn da kein Mitarbeiter einer Ordnungsbehörde etwas sah, fuhr ich einfach auf der anderen Seite wieder heraus. Ich hätte auch jedes Bußgeld anstandslos bezahlt, denn es war ja mein Fehler gewesen. Das ist gar nicht der Punkt. Allerdings stellte sich mir die Frage, ob es zwischen der verpassten Einfahrt und dem verbotenen Handeln noch einen Ausweg gegeben hätte. Vielleicht überraschend für den Bürger, aber ich versuche generell, meine Fehler nicht zu wiederholen. Sogar, wenn sie nicht sanktioniert wurden.

 

Wenige Tage später (ich hatte in einer anderen Tiefgarage geparkt, um nicht zur Wiederholungstäterin zu werden, und passierte die besagte Straße dieses Mal zu Fuß) sah ich genau dort einen Polizisten stehen, der Autofahrer abbüßte, die in diese Straße fuhren. Ich wartete ab, dass der Verkehr nachließ und ging dann zu ihm. Nach einem freundlichen Gruß meinerseits erklärte ich ihm, dass ich eine Frage hätte. Ich machte deutlich, dass diese Frage in keinster Weise seine Bußgeldaktion in Frage stellen sollte, sondern eine reine Interessefrage sei. Dann erkundigte ich mich, nach wie vor freundlich, nach einer legalen Möglichkeit, sobald man die Parkhauseinfahrt verpasst hat, NICHT in die besagte Straße einzubiegen.

Seine Antwort: „Wenn man auch nur halbwegs intelligent ist, dann verpasst man diese Einfahrt nicht!“

 

Joah!

Alles klar!

Danke schön!

 

Ganz ehrlich? Mir fällt kein Grund ein, mich derart zu behandeln. Der Mann kannte mich nicht. Ich habe gewartet, bis keine Autos vorbeifuhren und ich war freundlich. Ich habe ihn von nichts abgehalten und da das Wetter traumhaft war, wurde er auch meinetwegen nicht nass. Warum also war es nötig, mir so zu begegnen? Weil ich der Bürger bin, wahrscheinlich! Der ist nämlich allgemein ein bisschen doof und das hat er mir ja doch recht deutlich zu verstehen gegeben. Wobei ein „bisschen“ doof für seine Meinung von mir da noch weit untertrieben sein dürfte.

 

Und ja, er war tatsächlich Polizist. Ich bin durchaus in der Lage, die Ärmelabzeichen einer Landespolizei von jenen einer lokalen Ordnungsbehörde zu unterscheiden. Auch, wenn ich nur der Bürger bin, bin ich fähig, die Buchstabenfolge „POLIZEI“ ohne irgendwelche Zusätze klar und deutlich zu erkennen. An Ärmelabzeichen sogar ohne Brille. Und er war echt, denn wir haben einen gemeinsamen Bekannten, den ich später am Tag in der Stadt traf und der mir mitteilte, dass sein Bekannter an der besagten Straße im Dienst sei.

 

Nun ist der Mann eine schillernde Ausnahme. Im Allgemeinen kann ich mich über mangelnde Freundlichkeit nicht beklagen. Wirklich nicht! Ich wünschte, alle wären so freundlich, wie es Polizistinnen und Polizisten im Regelfall mir gegenüber sind.

 

Aber ganz ehrlich, liebe Polizistinnen und Polizisten, auf die Nummer mit dem Bürger solltet Ihr mal ein wenig Acht geben, auch wenn Ihr es nicht so meint. Ich weiß, dass Ihr das jetzt nicht gerne lest, weil ich eigentlich für die Produktion von Wertschätzung zuständig bin. Aber es gibt mir leider regelmäßig ein schlechtes Gefühl, wenn ich irgendwelche Aussagen darüber lese, wie der Bürger so drauf ist. Oder denkt wenigstens auf unseren Präsenzen oder im Umgang mit mir daran, dass Euch eine Bürgerin gegenüber sitzt, die genau so wenig der Bürger ist, wie Ihr der Polizist seid. Und die sich zunehmend fragt: „Warum sollte ich für Leute Wertschätzung produzieren, denen ich es eh niemals Recht machen kann, ich, der Bürger?“

 

Kann man als Bürger überhaupt mal was richtig machen? Es fällt mir immer mehr auf, wenn sich Polizeibeamte in irgendeinem Zusammenhang über den Bürger äußern. Mit diesem Unterton, dass er eben ein wenig grundbekloppt ist, der Bürger. Und ich denke mir: „Mensch. Den Fehler habe ich auch schon mal gemacht.“ oder „Das hätte mir auch passieren können.“ Dann muss ich wohl auch ganz schön unterbelichtet sein… Was soll ich als ausgelagerte Beschwerdestelle der Polizei noch dazu sagen, wenn mir jemand vorwirft: „Der Polizist hat mich von oben herab behandelt.“ Da kann ich kaum widersprechen, denn es erscheint mir mittlerweile leider nicht mehr unwahrscheinlich. Schließlich ist der, der mir das erzählt, auch nur der Bürger. Deswegen sage ich auch immer öfter nur noch „Das tut mir leid. Aber sie sind nicht alle so.“

 

Wenn man durch derartige verbale Abgrenzungen betont, dass man eine geschlossene Gesellschaft ist, die sich schlimmstenfalls gegen Angriffe von außen, bestenfalls gegen die geballte Dummheit da draußen, verteidigen muss, dann kann man aber auch nicht erwarten, dass sich die Gegenseite (die sich überwiegend gar nicht mal als Gegenseite betrachtet) vor Wertschätzung kaum noch einkriegt. Oder habt Ihr gerade die Lehrer in der Schule besonders geliebt, die Euch pausenlos mitgeteilt haben, wie dämlich Ihr seid? Eben!

 

Warum schaut Ihr auf den 100sten, der es mit der Straßensperre nicht hinkriegt, und nennt ihn „den Bürger“? Warum sind die nicht 99 davor „der Bürger“ und die dusselige Nummer 100 ist „der Honk“?

 

Ja, in Deutschland mangelt es sicherlich an einer anständigen Lobkultur. Auch und vor allen Dingen in Behörden. Aber es sind nicht immer nur die anderen. Da kann wohl jeder bei sich anfangen. Vielleicht einfach mal ganz klein – einen Bürger pro Tag suchen, der es halt doch hinkriegt. Und darüber reden. Dann kann man sich ja immer noch über die Deppen austauschen. Und vielleicht auch ein bisschen darauf achten, wem man gerade erzählt, wie Scheiße der Bürger ist… irgendwann haben nämlich auch mal bekennende Polizistenfreunde die Schnauze gestrichen voll davon, mit den Deppen und Polizistenhassern in einem Topf zu landen.

 

Es liegt nicht immer nur am Bürger, wenn die Chemie nicht stimmt. Ich denke, das darf ich als bekennende Polizistenfreundin, die nach sechs Jahren einfach mal mit den Sprüchen über den Bürger mürbe gemacht wurde, sagen. Zur gegenseitigen Wertschätzung gehören zwei Seiten.

 

Mit freundlichen Grüßen

Gerke Minrath (auch DER Bürger)

2 Comments

  • Martin Tolksdorf
    6. Juni 2015 - 14:48 | Permalink

    Hallo Bürgerin Gerke,

    Du hast ja so recht mit diesen Verallgemeinerungen. Ich bin über 41 Jahre Polizeibeamter und Bürger gewesen und war über 30 Jahre mit einer Bürgerin verheiratet. Meine Tochter ist auch Bürgerin und meine meisten Freunde, Bekannte und Verwandte sind „Bürger“.
    Man sollte überlegen, ob nicht jeder Bürger ist und manche davon eben zusätzlich Polizeibeamte. Wir sollten nicht immer nur auf die Fehler der anderen achten. Sollten wir nicht etwas mehr Fehler unsererseits vermeiden? Wenn der/die Autofahrer/in vor mir nicht blinkt, ist es für ihn/sie heute ein einmaliges Fehlverhalten, wenn ich lange genug fahre finde ich noch mehr Nichtblinker, auch Polizeibeamte – toll. Also habe ich jetzt was gewonnen? Der Gutmensch zeigt uns die Grenzen zum infantilen Allgemeinmenschen, wie auch ich einer bin.
    Ich wünsche allen keine Fehler zu machen und nicht von Fehlern anderer getroffen zu werden.

    • 6. Juni 2015 - 16:27 | Permalink

      Hallo Polizeibeamter und Bürger Martin,

      ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, wie ich Deinen Kommentar verstehen soll. Zuerst dachte ich, Du wirfst mir Verallgemeinerungen vor. Dafür entschuldige ich mich an dieser Stelle, auch wenn man hier im Blog nichts mehr davon sieht.

      Aber da ich ja in meinem Text ganz klar von „einigen“ Polizeibeamten spreche, kannst Du das eigentlich nicht meinen.

      Deswegen sage ich einfach mal Danke für deinen Kommentar (meine ich ernst, obwohl ich nicht sicher bin, wie er gemeint ist) und danke Dir für Deinen täglichen Einsatz für uns alle (das meine ich sowieso ernst, denn ich schätze die Arbeit Eurer Berufsgruppe sehr hoch ein – wo wären wir ohne Euch?)!

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