Prügel, die keine waren (Blockupy)

Symbolfoto
Symbolfoto

Warum mir Gewalt gegen Polizisten stinkt dürfte den meisten Lesern mittlerweile bekannt sein.

Was mir auch stinkt, ist, wenn Gewalttäter im Nachgang ihre Taten rechtfertigen, weil eigentlich nicht sie die Täter seien, sondern das ominöse System. Das ist sehr praktisch. Wenn das „System“ den Stein aufhebt oder den Streifenwagen mit Menschen darin anzündet, dann ist man ja nicht selbst derjenige, der den Tod oder schwere Verletzungen anderer billigend in Kauf nimmt.

Auch die nur sehr zögerliche, wenn überhaupt, Distanzierung anderer, friedlicher „System“gegner von derartigen Gewaltakten, stinkt mir. Da scheint ein vordergründig gemeinsames Ziel wichtiger zu sein als die körperliche Unversehrtheit von Mitmenschen. Schade!

Und am allermeisten stinkt mir, wenn im Nachgang die Geschichte umgeschrieben werden soll, weil eigentlich nämlich gar nicht gewaltbereite „Systemgegner“ Gewalt gegen Polizisten verübt haben, sondern Polizisten gewalttätig waren. Ach so?

Festgemacht wird das Ganze u.a. an einer in vielen Fotos festgehaltenen Szene, die sich derzeit auch in der Presse einer großen Beliebtheit erfreut. Zwei sachsen-anhaltische Bereitschaftspolizisten führen eine Frau, der Blut durch das Gesicht läuft. Hinter ihnen weitere Polizisten. Aus urheberrechtlichen Gründen kann ich die entsprechenden Bilder nur verlinken.

 

Frankfurter Allgemein, 18.03.2015 (Mittwoch, also der Tag des Geschehens selbst):

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/blockupy/linke-krawalle-in-frankfurt-nur-noch-blinder-hass-13491675/blockupy-2015-zur-eroeffnung-13490879.html

Die gesamte Fotostrecke stand unter dem Titel „Linke Krawalle in Frankfurt – nur noch blinder Hass“ und es gab keine Bildunterschriften. So gesehen ließ zu diesem Zeitpunkt das Foto, so erschreckend es auf den ersten Blick auch sein mag, unterschiedliche Interpretationen zu.

 

Handelsblatt, 18.03.2015:

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/proteste-gegen-ezb-politik-blockupy-sorgt-fuer-chaos-in-frankfurt/11519998.html#item19

Die Fotostrecke war durchaus polizeifreundlich intendiert. Die Bildunterschrift lautet “ Polizisten führen Demonstranten ab – Auch mehrere Blockupy-Aktivisten wurden bei den Ausschreitungen verletzt“. Vordergründig ist das neutral formuliert, lässt aber doch die Frage aufkommen: Wie wurde eigentlich diese Demonstrantin verletzt?

 

Rhein-Neckar-Zeitung, 23.03.2015 (man beachte, wir sind hier einige Tage weiter – am Montag, der den Ausschreitungen folgte)

http://www.rnz.de/politik/hintergrund_artikel,-Blockupy-Aktivisten-kritisieren-die-Polizei-_arid,85100.html

Die Bilder der Fotostrecke wechseln automatisch. In der Minivorschau unter der Fotostrecke kann man durch Anklicken auswählen, welches Bild angesehen werden soll. Ganz links haben wir „unsere“ Szene.

Im Gesamtzusammenhang des Artikels mit der Bildunterschrift „Angeblich habe die Polizei bei den EZB-Proteste in Frankfurt „bürgerkriegsähnliche Zustände herbeigeführt““ kommt da schon der Verdacht auf, die abgebildeten Polizisten könnten für das Blut verantwortlich sein, dass der Frau in Strömen über das Gesicht läuft.

 

Ein Ausriss aus einer Boulevardzeitung, nicht zu datieren

http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2015/03/Frankfurt152.jpg

Hier wird dann jegliche Zurückhaltung und Recherche zu Gunsten billigster Effekthascherei aufgegeben. Bei solchen Bildausschnitten kann man dann auch gerne mal den intellektuellen Habitus aufgeben, der einem eigentlich verbietet, sich der Lektüre von Zeitungen mit großen Buchstaben hinzugeben.

 

Tatsächlich wird diesen sachsen-anhaltischen Polizisten vorgeworfen, sie hätten diese Frau verprügelt, bevor sie sie brutal abführten. Diese Vorwürfe sind in diversen Bildkommentaren zu finden und einem Augenzeugen zufolge wurden sie bereits vor Ort mit diesen Vorhaltungen konfrontiert.

 

Weit gefehlt!

 

Dem mir vorliegenden Augenzeugenbericht zufolge, wurde diese sachsen-anhaltische Polizeieinheit mit einem Steinhagel eingedeckt. Die Frau auf dem Bild warf eifrig mit. Schließlich bekam sie einen Stein der eigenen Leute ins Gesicht. Friendly fire sozusagen. Die Polizisten halfen ihr auf und brachten sie aus der Schusslinie. Natürlich war sie durch den Steinwurf benommen. Entsprechend fest mussten die Polizisten zugreifen, damit sie nicht stürzt. Insofern führen sie sie zwar ab, denn sie wollten wegen der von ihr ausgehenden Steinwürfe auch ihre Personalien feststellen. Gleichzeitig stützen sie sie ab. Von „brutalem Abführen“ kann jedenfalls keine Rede sein.

 

Auf diesem (lustigerweise ganz und gar nicht polizeifreundlich intendierten) Video findet sich der Beweis dafür, dass die sachsen-anhaltischen Polizeibeamten diese Frau nicht geschlagen haben.

Hier der Link zum Video (ich bitte um Verständnis, dass ich es nicht einbinden möchte):

https://www.youtube.com/watch?v=EDUPqcslkUg&feature=youtu.be

 

Ab 4:40 sieht man die fragliche Einheit im Einsatz. Die Polizisten laufen in eine Zone-30-Straße. Aus dieser Straße heraus wurden sie laut Augenzeugenbericht mit Steinwürfen eingedeckt.

Ab 5:00 sieht man eine Gruppe Polizisten und eine auf dem Bürgersteig am Boden liegende Person. Zwei der Polizisten knien neben der Frau. Ein Polizist steht dahinter. Links im Bild laufen weitere Polizisten dieser Einheit durchs Bild. Der Polizist mit der Aufschrift ST 113 beugt sich zu der Person. Man hört deutlich, wie sein Schlagstock über den Asphalt klappert, weil er ihn eben so hält, dass der Mensch am Boden ihn nicht abbekommt.

Irgendwann sieht man, dass es ich um die Frau von den weiter oben verlinkten Fotos handelt.

Bei 5:05 sieht man, wie ein Polizist der Persönlichkeitsrechte der Verletzten schützen will. Das wiederum wird mit einem in sehr patzigen Tonfall vorgetragenen „Ich bin von der Presse“ quittiert. Bei 05:16 stellt der aggressive Pressevertreter fest: „Ja, die ist verletzt.“

Ein Polizist antwortet: „Sie kriegt ja auch gleich einen Rettungssanitäter.“

Meinem Augenzeugen zufolge traf dieser auch unverzüglich bei der Frau ein.

(Es gehört nicht zum Thema der verletzten Frau, aber davon, lieber „Presse“vertreter, dass man aggressiv herumbrüllt, man sei von der Presse, stört man immer noch eine Amtshandlung. Hier wird doch sehr deutlich, wie bereits zu diesem Zeitpunkt versucht wird, den eingesetzten Polizeibeamten alles Erdenkliche unterzuschieben. Auch sein „Das geht auch anders!“ (5:40) zeigt eindeutig ein ganz übles Unverständnis von Ursache und Wirkung. Er stört die Amtshandlung, er lässt die Beamten durch aggressives Gebrüll nicht zu Wort kommen und als sich dann einer Gehör verschafft, indem er ihn übertönt, ist natürlich auch das wieder falsch.)

Leider setzt die Videosequenz hier aus. Aber man sieht ziemlich deutlich, dass die Polizisten die Frau nicht verprügelt haben. Selbst für die eine Sekunde, die man nicht sieht, muss man feststellen: Bei der Menge an Kameraleuten, die die Polizisten beim Hineinlaufen in diese Straße begleiten, würde es von dieser Szene formatfüllende Aufnahmen geben. Warum es die nicht gibt, hat ja mein Augenzeuge klar gemacht. Weil es keine Schläge an die Adresse dieser Frau gab.

Nachdem die Polizisten, die diese Frau nachweislich nicht verprügelt hatten, ihr aufgeholfen hatten, führten sie sie meinem Augenzeugen zufolge in einen nahe gelegenen Netto-Markt, um aus dem Getümmel herauszukommen. Dort wurden sie sofort von anwesenden Einkäufern bedrängt. Es fielen Sätze wie: „Warum verprügelt die Polizei eine hilflose Frau?“ oder auch „Polizisten prügeln immer ohne Grund – sogar ältere Frauen.“ Warum auch nicht ohne Hintergrundinfos erstmal Beschuldigungen raushauen, wenn sie doch so schön ins eigene Weltbild passen?

Da es im Netto folglich definitiv nicht ruhiger war als draußen, entschieden die Polizeibeamten, die Frau zu ihrem Einsatzfahrzeug zu bringen. Sie bestellten den Rettungswagen, den sie bereits angefordert hatten, dorthin. Die dazu abgehenden Funksprüche müssten eigentlich auch durch andere Umstehende gehört worden sein.

Schämt Euch, Polizeikritiker vor Ort, dass Ihr solche Dinge verschweigt! Schämt Euch, dass es Euch nicht interessierte, dass diese Menschen in Uniform einer von Euch halfen und Ihr sie sogar dabei noch bedrängt und gestört habt. Da muss man dann schon fragen dürfen – worum geht es Euch eigentlich?

Niemand will Polizeibeamten, die überziehen. Auch ich nicht. Das habe ich oft genug deutlich gemacht – auch wenn manche das gerne überlesen. Aber bevor man uneingeschränkt Vorwürfen glaubt bzw. diese selbst erhebt, sollte man hinterfragen und überprüfen. Es bleibt dabei: Nicht die Polizei hat in Frankfurt gezündelt. Der friedliche Teil der Blockupy-Demonstranten täte besser daran, sich endlich klar und deutlich von diesen Eskalationen zu distanzieren, anstatt die Geschichte nachträglich umzuschreiben.

 

Glücklicherweise beteiligen sich dieses Mal deutlich weniger Presseerzeugnisse daran als sonst. Offenbar wurde dieses Mal nicht nur für mich eine Grenze überschritten – und das gibt Hoffnung!

 

 

2 Comments

  • friederike
    26. März 2015 - 11:37 | Permalink

    Ganz herzlichen Dank für diese ausführliche Stellungnahme. Zum Glück habe ich noch andere Kommentare und Blogbeiträge gelesen, die das Vorgehen der Blockupy-Demonstranten entlarven. Da sind ja auch sehr gut eingekleidete Jüngelchen dabei, die von diesem System nicht schlecht profitieren. Wie kann man nur so krank sein, dass man die Realität auf diese Weise verzerrt! Blockupy hat sich als ernstzunehmende Bewegung auf jedenfalls disqualifiziert. Man kann nur noch deren Gewaltpotential ernst nehmen, Pardon, nicht ernst genug.

  • mike
    26. März 2015 - 21:02 | Permalink

    Danke dir,
    Erschreckend wie leicht alles zu manipulieren ist. Ich selbst bin gegen jede Gewalt. Da hilft wirklich nur „Hirn einschalten, selber denken“
    Gruß Mike

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