Das hatten wir alles schon viel schlimmer – in grauer Vorzeit

Symbolfoto
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Mir sagte einmal ein Polizist, den ich sehr schätze, dass Herr Behr ein netter Mensch sei, der im Grunde dasselbe wolle wie ich – keine Gewalt gegen Polizisten.

Mein damaliger Gesprächspartner ist mittlerweile in Pension und hat eine gestandene Polizistenkarriere hinter sich: Bereitschaftspolizei, Wechselschichtdienst, Führungsaufgaben. Also durchaus jemand, der weiß, was auf der Straße los ist. Wir sind auch einmal kräftig aneinandergeraten. Vielleicht schätze ich ihn gerade deswegen so hoch.

Weil ich nun diesem Polizisten vor seinem Hintergrund insgesamt eine hohe Urteilskraft zutraue, versuche ich seit diesem Gespräch die Äußerungen des Herrn Behr mit anderen Augen zu sehen.

Ich scheitere regelmäßig grandios!

Es ist mir bislang nicht gelungen, auch nur ein einziges Interview o.ä. zu finden, das ich nicht irgendwie beleidigend für Polizeibeamte empfände. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber offenbar habe ich da einen echt blinden Fleck.

Sein neuestes Interview in der Zeit vom 18.03.2015 (hier) empfinde ich da sogar noch vergleichsweise harmlos. Aber ich war ja auch nicht in Frankfurt, wurde nicht mit Steinen und anderem Wurfmaterial eingedeckt und mir wurden auch nicht die Arbeitsmittel unterm Hintern weg abgefackelt.

Dabei geht es mir auch nicht um unterschiedliche Meinungen. Herrn Behrs Ausfälle gegen die Gewerkschaften buche ich für mich darunter ab, dass man in einer Demokratie aushalten muss, wenn unterschiedliche Meinungen existieren. Auch werden wir uns in Sachen Kennzeichnungspflicht niemals einig werden. Ist aber auch wurscht. Müssen wir auch nicht. Ich halte Arbeitnehmervertretungen für einen essentiellen Bestandteil der Demokratie und bin mir sicher, dass Polizeigewerkschafter immer noch dichter am alltäglichen Erleben der Menschen, die sie vertreten, sind, als ein Wissenschaftler. Mit Verlaub. Bei aller Hochachtung, die ich für Wissenschaftler hege. In Sachen Kennzeichnungspflicht sind wir uns nicht mal innerhalb des Vereins einig. Auch gut!

Aber wieso muss man, wenn man doch keine Gewalt gegen Polizisten möchte, diese Menschen dann noch in öffentlichen Interviews herunterputzen und unter Druck setzen? Wieso muss man jenen in die Hände spielen, die jetzt schon wieder fleißig die Geschichte umschreiben und die Mär von der gewalttätigen Polizei verbreiten, indem man sich direkt nach derartigen Geschehnissen mit ungerechtfertigter Gewalt durch Polizeibeamte befasst. Das sind Verhaltensweisen, die sich mir einfach nicht erschließen. Für mich passt da was nicht zusammen.

Da wird durch Herrn Behr ein Vergleich gezogen zwischen dem 18.03.2015 und den Auseinandersetzungen um die Startbahn West und deswegen könnte man nicht sagen, noch nie sei es so schlimm gewesen.

Vielleicht lese ich die falschen Verlautbarungen. Aber das sagt doch auch keiner. Und dass der Mittwoch von Frankfurt seit diesem damaligen Höhepunkt eine neue Steigerung der Gewalt ist, das muss man doch wohl zugeben.

Herr Behr ist ja nun nicht mehr der Jüngste, er ist Baujahr 1958. Selbst ich, um einiges jünger, bin nicht mehr so ganz taufrisch. An die Konflikte um die Startbahn West kann ich mich nur undeutlich erinnern. Ich war damals ein Kind / eine Jugendliche und an Politik nur sehr marginal interessiert.

Das Durchschnittsalter der Polizeibeamten, die am Mittwoch in Frankfurt Dienst taten, lag mit Sicherheit deutlich unter meinem Alter. Für die meisten dieser jungen Menschen ist schon der Mauerfall tiefste Vergangenheit. Die DDR ist für sie irgendwie fast schon Steinzeit. Und denen wollen Sie damit um die Ecke kommen, dass in den 80ern doch alles viel schlimmer war? Hallo? Da dürften viele der Mittwoch im Einsatz befindlichen Beamten noch nicht mal in Planung gewesen sein. Ähnliches dürfte auch für die meisten der Gewalttäter gelten.

Ob das für einen fühlenden Menschen nun wirklich so einen immensen qualitativen Unterschied macht, ob er nun mit Zwillen und Stahlnägeln beschossen wird, oder mit Steinen beworfen oder ob das Polizeiauto, in dem er sitzt, in Brand gesetzt wird, bevor er rauskommt, das lasse ich mal dahingestellt. Das überlasse ich der persönlichen Empathiefähigkeit eines jeden.

Ja, 1987 starben Polizeibeamte bei den Auseinandersetzungen um die Startbahn West. Aber es fand wenigstens dann eine Distanzierung der friedlichen Gegner davon statt, eine DEUTLICHE Distanzierung. Diese fehlt heutzutage völlig. Insofern ist es in der Tat schlimmer.

Herr Behr beklagt die „Entmenschlichung“ der Demonstranten, die seiner Ansicht nach durch den Terminus „Mob aus ganz Europa“ geschieht. Herr Behr, hier verkürzen Sie aber ganz gewaltig. Sogar Blockupy-Demonstranten selbst haben u.a. auf unseren Präsenzen beschrieben, dass die Gewalttäter aus ganz Europa anreisten. In den Verlautbarungen, die ich gelesen habe, wurde ganz klar unterschieden zwischen Gewalttätern und friedlichen Demonstranten. Soviel IQ dürfen Sie Ihren früheren Kollegen dann aber schon zutrauen, dass sie unterscheiden können zwischen einem Menschen, der sie mit Steinen bewirft und einem echten „Kapitalismus“kritiker, der sich auf dem Boden des Versammlungsrechtes bewegt. Wenn überhaupt jemand dazu beiträgt, Demonstranten zu entmenschlichen, dann jene, die Straftäter in diesem Zusammenhang weiterhin ungebrochen als „Aktivisten“, „Demonstranten“ und „Widerständler“ bezeichnen und somit schwere Sachbeschädigung, versuchte und vollendete Körperverletzung sowie versuchten Totschlag in einen Topf werfen mit friedlichen Nutzern des vornehmsten Rechtes, das das deutsche Grundgesetz bereithält.

Es ist übrigens in vielen Bundesländern schon lange nicht mehr der Fall, dass Bereitschaftspolizisten durch die Bank jene sind, die im ersten Jahr nach der Ausbildung unterwegs sind. Das kann sein, muss aber nicht. Mir sind auch durchaus Bereitschaftspolizisten bekannt, die das nun seit 10 Jahren machen, oder Polizisten, die nach einer Zeit im Wechselschichtdienst wieder zur Bereitschaftspolizei gehen. Diese Menschen also durch die Bank als überforderte und schlecht ausgebildete Pulverfässer darzustellen, geht in meinen Augen gar nicht. Abgesehen davon, dass es auch weit an der tatsächlichen Qualität der Ausbildung vorbeigeht. Solche Äußerungen am gleichen Tag zu tätigen, an dem in Frankfurt / Main heftigste Angriffe auf Polizisten stattgefunden hatten, zeugt von keinerlei Empathie. Traurig, wenn man bedenkt, dass Herr Behr in diesem Interview von „verletzten Polizistenseelen“ spricht. Damit, Salz in die Wunden dieser verletzten Seelen zu streuen, hat er offenbar kein großes Problem.

Bedenklich, dass es an einem Tag wie diesem dann auch noch um „entgrenzte Gewalt in ihren Reihen“, also den Reihen der Polizei, geht. Sicher, niemand will überreagierende Gewalttäter in den Reihen der Polizei. Wirklich niemand! Und wenn man welche hat, muss man sie entfernen. Ob man dieses Thema allerdings Menschen hinreiben muss, die das erlebt haben, was Polizeibeamte am 18. März in Frankfurt/Main im Einsatz erlebten, weiß ich auch nicht. Das ist für diese Menschen schlicht ein Schlag ins Gesicht.

Immerhin kamen die BFE-Einheiten gut weg. Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken.

Was den Rest betrifft, so muss ich sagen, dass entweder der von mir so hochgeschätzte Polizist eine andere Definition von „nett“ hat als ich – oder aber dass Herr Behr seine Nettigkeit in Bezug auf seine ehemaligen Kollegen sehr gut zu verbergen weiß. Fragt sich nur, warum.

One comment

  • friederike
    21. März 2015 - 13:55 | Permalink

    Na, das ist doch typisch für alte Leute, die mal was zu sagen hatten. Es gibt da das „Gebet einer Äbtissin“, die sich selbst durchschaut hat. Es beginnt: „Herr, du weißt, dass ich altere und bald alt sein werde. Bewahre mich davor, dass ich schwatzhaft werde, und vor der fatalen Angewohnheit, bei jeder Gelegenheit über jedes Thema mitreden zu wollen. Befreie mich von der Einbildung, ich müsse anderer Leute Angelegenheiten in Ordnung bringen…….“
    Es geht dann noch ganz interessant weiter.

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