Polizisten eine Stimme geben: Was ist mit mir los? Ich dachte immer ich bin stark!

Symbolfoto
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Es ist noch gar nicht so lange her. Es war eine Nachtschicht, die super lief. Wir (meine Streifenpartnerin und ich) hatten eine Menge Spaß in dieser Nacht. Wir haben gelacht, haben uns klasse Musik reingezogen und den Dienst genossen.

 

Und dann kam dieser vorletzte Einsatz.

 

Wir waren bei einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt. Häusliche Gewalt heißt es, wenn es zu Straftaten innerhalb einer Beziehung kommt. Der Lebensgefährte hatte seine Freundin leicht gewürgt. Nichts besonderes in meinem Bereich. Das ist eigentlich Tagesordnung. Ich ging zum Fahrzeug um ein Atem-Alkohol-Messgerät zu holen.

 

Als ich nun am Kofferraum stand kam jemand vorbei und beleidigte mich ohne Grund. Er war sehr aggressiv und mit Unterstützung konnte ich dann seine Personalien feststellen und er bekam seine verdiente Anzeige.

 

Allerdings war schon zu diesem Zeitpunkt etwas anders. Ich regte mich sehr stark darüber auf, dass mich jemand beleidigt, ohne dass ich überhaupt etwas mit ihm zu tun hatte. Es gab keinen vernünftigen Grund für sein Tun.

Ich stand fast immer über diesen Sachen. Einen Einsatz, ob ich Funkwagen war oder der Einsatzleiter, schüttelte ich einfach so aus dem Ärmel. Es gab nichts, was ich während meiner gut 25 Jahren Dienst, nur auf diesem Abschnitt, noch nicht erlebt habe.

 

Nach der Ablösung fuhr ich nach Hause und schlief erst mal.

 

Allerdings war die Nacht früh zu Ende. Meine Frau, die sich von mir getrennt hat, wollte vorbeikommen. Die Trennung ist frisch und schmerzt.

 

Als sie wieder weg war telefonierte ich mit einer mittlerweile sehr guten Freundin. Sie gibt mir sehr viel Halt in dieser schweren Zeit. Wir redeten über Gott und die Welt. Und ich erzählte ihr auch von meinem Erlebnis in der Nacht. Immer wieder kamen mir die Tränen. Ich hatte es einfach nicht im Griff, nicht zu heulen. Sie legte mir nahe zum Arzt zu gehen. Sie sagte: „Du hast ein Burnout!“

 

Es war wieder mal ein langes Gespräch. Ich ließ mich überreden. Zwischendurch meldete ich mich auf meiner Dienststelle krank. Ich hatte ja eigentlich wieder Frühschicht nach dem Nachtdienst.

 

Und es war der richtige Weg.

 

Ich ging also zum Arzt und wollte ihm in Ruhe von meinen Symptomen erzählen.

Antriebslosigkeit, Motivationslosigkeit, innere Leere und fehlende Erholungsphasen auf Grund des Dienstes und natürlich die Trennung.

 

Aber so weit kam ich gar nicht.

 

Ich setzte mich beim Arzt hin, wollte anfangen zu erzählen und fing an zu heulen. Unter Heulen erzählte ich ihm, was mit mir los ist.

 

Mein Arzt wusste sofort was mit mir passiert war. Seine Diagnose: anfängliche Depressionen. Schlicht und einfach im Volksmund gesagt „Burnout“. Er schrieb mich gleich mehrere Wochen krank. Er gab mir den Rat alles zu machen, was mir Spaß macht und mein Leben zu genießen. Das ist aber einfacher gesagt als getan. Ich werde es langsam angehen lassen. Ich muss mich erst einmal wieder selber finden.

 

Ich weiß noch nicht, ob ich aus dieser Situation selber wieder herauskomme oder ich mir noch psychische Hilfe holen muss.

 

Ich weiß nicht wie lange ich noch krank sein werde. Das ist mir auch egal. Ich war nie krank. Höchstens mal eine Erkältung oder eine OP. Aber ich habe geschaut, dass ich schnell wieder arbeiten bin, damit die Kollegen nicht so belastet sind.

 

Eines weiß ich aber:

Ich will raus aus der Depression. Ich will wieder ein normales Leben führen. Ich will wieder Spaß haben

 

Das kann nicht der Sinn des Lebens sein, sich für seinen Dienstherrn aufzuopfern. Ich habe mir auch vorgenommen ruhiger zu treten, wenn ich wieder im Dienst bin. Ob ich schaffe weiß ich jetzt auch noch nicht.

 

Auch wenn ich das hier anonym schreibe, weiß ich doch, dass mich hier einige erkennen werden. Aus meinem Kollegenkreis, Bekanntenkreis und Freundeskreis.

 

Das ist mir aber egal. Ihr sollt wissen, was mit mir los ist. Ich bin immer offen mit allem umgegangen.

 

Ich möchte, dass Euch so etwas nicht passiert, so wie es mir passiert ist.

 

Hört auf euren Körper und vor allem auf eure Seele.

 

Tretet kürzer und lasst Euch gegebenenfalls helfen.

 

Eines noch.

 

Ich möchte mich bei den drei Personen bedanken, die für mich da sind. An erster Stelle meine liebe Telefonfreundin. Du hast stets ein offenes Ohr für mich. Danke! Meine Streifenpartnerin, die ich auch immer telefonisch und auch persönlich mit meinen Problemen belästigen kann. Danke! Und meine gute Freundin hier. Sie weiß schon wen ich meine. Danke!

 

Also passt gut auf Euch auf und hört auf euren Körper und auf eure Seele.

(Der Autor des Textes ist dem Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. persönlich bekannt.)

2 Comments

  • Heiko Lübkemann
    21. Februar 2015 - 11:44 | Permalink

    Ich als Lkw-Fahrer wünsche Ihnen gute Besserung.
    Ich weiß dass Polizisten nur ihren Job machen. Genau wie wir.
    Würden die Menschen gegenseitig freundlicher und nachsichtiger miteinander umgehen, könnten wir eine gute Welt haben.
    Ich habe noch nie einen Polizisten angegriffen oder beleidigt, weil ich weder einen Grund, noch überhaupt das Recht dazu habe.
    Ich denke, oft liegt es an nichtvorhandener Erziehung, dass Menschen aggressiv sind und überhaupt nicht wissen was sich gehört. Die wurden von ihren Eltern nicht auf den sozialen Umgang mit anderen vorbereitet.
    Nehmen Sie es sich nicht so sehr zu Herzen.
    Lkw-Fahrer gelten auch im allgemeinen als dumm. Aber stehe ich drüber.
    Sehen Sie sich meinen Text an.
    Viele Schreibfehler werden Sie nicht finden.
    Ich mache den Job nicht weil ich dumm bin, sondern weil er mir Spaß macht.
    Dumm ist der, der dummes tut.
    Machen Sie es gut.
    Bis zum nächsten mal auf der Autobahn. ;)

  • 23. Februar 2015 - 07:37 | Permalink

    Auch ich möchte an dieser Stelle etwas Persönliches schreiben.

    Ich danke Dir für Deinen Mut und Deine Offenheit. Es ist immer noch einigen Menschen erschreckend unklar, dass es ein Zeichen von Stärke ist, Schwächen zuzugeben.

    Sollten Dir solche Menschen begegnen und Dir mit ihren unsäglichen Sprüchen um die Ecke kommen, dann denk bitte daran: Ein Burn-out ist heilbar, eine Menschen verachtende und nicht sonderlich intelligente Grundeinstellung nicht.

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