Autorenlesung: Ich musste sie töten (Gerhard Starke)

Gerhard Starke
Gerhard Starke

Am Donnerstag, 23.10.204, fand um 20 Uhr abends eine Autorenlesung in Hauffes Buchsalon in Remagen statt. Der Kriminalhauptkommissar a.D. Gerhard Starke las aus seinem zweiten Buch „Ich musste sie töten.“

Ich hatte seine Bücher bereits letzten April verschlungen. Nicht nur, weil ich ein Interesse für Polizeiarbeit habe, sondern auch, weil Gerhard Starke in seinen Büchern über Fälle schreibt, die er in seiner aktiven Zeit als Mordermittler im Polizeipräsidium Koblenz bearbeitet hat. Übrigens hat dieses Präsidium in Sachen Mord seit Jahren eine Aufklärungsquote von 96 bis 98%.
Natürlich bewegten mich die Geschichten mehr als üblich, weil sie in der Gegend stattfanden, in der ich zuhause bin.
Es war, obwohl ich die Handlung kannte, ein besonderes Erlebnis, sie von Starke selbst dargelegt zu bekommen. Nicht nur, weil er der Autor ist. Nein, weil er sie erlebt hat. Weil er all diese unvorstellbaren Dinge gesehen hat und weil sie ihn immer noch berühren. Weil er, wie ich finde, gemeinsam mit seinen Kollegen, der Menschheit einen Dienst erwiesen hat, die Täter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Und, so ganz nebenbei, weil er, wie eine junge Bekannte zu mir sagte, eine Stimme hat, mit der man auch Hörbücher machen könnte. Das stimmt.
Natürlich kam in Remagen auch der Vierfachmord zur Sprache, der in diesem beschaulichen Städtchen 1999 stattgefunden hatte – direkt gegenüber des örtlichen Krankenhauses. Er geht mir besonders nahe, weil er den Ort betrifft, in dem sich der Vereinssitz befindet und in dem sich unsere Heimat-Polizeidienststelle befindet. Unvorstellbar, was die Streifenbeamten, die als erste am Tatort gewesen waren, sehen nussten. Auch diese Menschen haben Bilder im Kopf, die sie niemals wieder loswerden.
Als Starke darüber informierte, dass Zurwehme, der Mann, der diese Morde auf seinem Gewissen hat, bereits in der U-Haft in Koblenz so um die 20 Heiratsangebote von Frauen bekommen hat, ging ein Raunen durch den Saal. Das haute mich auch um. Nun glaube ich schon lange nicht mehr an den Unsinn, dass Frauen die besseren Menschen wären. Aber solche Dinge sind mir derart unverständlich, dass mein Gehirn an solchen Stellen komplett in Streik tritt. Vielleicht ist das auch ganz gut so.
Natürlich kam die Frage auf, wie man es aushalten kann, einen derartigen Beruf 34 Jahre lang auszuüben. Gerhard Starke hat in diesen 34 Jahren, wie er sagte, über 400 Leichen gesehen. Er hat versucht, zu erklären, dass man diese Bilder einerseits nie los wird. Andererseits denkt man nicht rund um die Uhr dran.
Meiner persönlichen Ansicht nach, glaube ich auch, dass man sich einerseits ein Stück weit an all das Schreckliche gewöhnen kann. In sehr geringem Ausmaß kann ich das vielleicht mit meinem Engagement für KGgP vergleichen. Als wir anfingen, ging mir jeder Gewaltakt, über den ich las, unter die Haut. Mittlerweile ist das nicht mehr so. Da muss es schon sehr dicke kommen, um mich wirklich tief zu berühren. Das heißt nicht, dass mir diese verletzten Polizeibeamten egal sind oder das Problem der Gewalt gegen Polizeibeamte mich mittlerweile kalt lässt. Im Gegenteil! Aber ich komme besser mit der Brutalität aus zweiter Hand klar. Und das ist auch gut so, denn sonst könnte ich KGgP nicht mehr machen.
Übrigens äußert sich diese Gewöhnung auch darin, dass mir Krimis zunehmend flach vorkommen. Das verstärkte sich noch durch Lektüre der Polizei-Poeten. Wenn man Krimis nicht mehr spannend findet, dann können die Bücher von Gerhard Starke wirklich weiterhelfen. ;-)
Zudem hatte Gerhard Starke, wie er sagte, sehr viel Freude daran, diese ganzen Puzzleteile zusammenzufügen, die zur Lösung eines Falles beitragen. Das steht nicht unbedingt in Widerspruch zu der Tatsache, dass einen Menschen bestimmte Bilder nie wieder loslassen. Es hat auch nichts mit Kaltschnäuzigkeit zu tun. Es ist einfach Ausdruck der Tatsache, dass Menschen ziemlich komplexe Lebewesen sind und dass das Leben an sich auch eine recht komplexe Angelegenheit ist. Wir haben alle endlos viele Facetten und passen in bestimmte Schubladen einfach nicht hinein.

Last but not least glaube ich, dass es auch beim Verarbeiten schrecklicher Dinge hilft, wenn man weiß, dass die eigene Arbeit sinnvoll ist. Wenn man in seiner Arbeit Sinn sieht, kann man vermulich sehr, sehr viel aushalten. Und ich kann mir vorstellen, dass ein Mordermittler seine Arbeit als sehr sinnvoll empfinden kann – und das absolut zu Recht.

In meinen Augen gibt es fast keine Arbeit innerhalb der Polizei, die nicht sinnvoll ist – auch wenn die Damen und Herren das viel zu selten von uns zurückgemeldet bekommen. Ihre Arbeit ist so unendlich essentiell für uns alle. Dafür gebührt ihnen ein dickes Danke. Jetzt danke ich aber erst einmal Gerhard Starke für diesen interessanten und berührenden Einblick in seine Arbeit.

One comment

  • 27. Oktober 2014 - 18:48 | Permalink

    Liebe Frau Minrath,
    herzlichen Dank für Ihre Worte in diesem Artikel.
    Mich freut es wenn ich die Zuhörer, die Krimifreunde, mit meinen Fällen unterhalten kann.
    Am vergangenen Donnerstag in Remagen hatte ich interessiertes, aufmerksames Publikum.
    Es hat mir riesig Freude bereitet.

    LG
    Gerhard Starke

  • Comments are closed.