Was ist ein guter Polizist?

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Symbolfoto

Eine schwierige Frage, die mir ausgerechnet ein junger Polizist stellte. Einer, den ich nur für einen Abend kennen lernen durfte, der aber bei mir den Eindruck hinterlassen hatte, genau das zu sein. Ein guter Polizist.

Ich sollte ihm diese Frage aus Bürgersicht beantworten. Was nicht so leicht ist, weil ich ja als Bürgerin in Sachen Polizei schon speziell bin. Erst gestern wurde mir wieder die Frage gestellt: „In X waren drei Streifenwagen auf einmal – was war denn da los?“ Die Reaktion auf mein Nichtwissen war erstaunt. Na ja, die Polizei im deutschsprachigen Raum meldet ihre Einsätze nicht bei mir an.

Trotzdem habe ich mich bemüht, ihm diese Frage zu beantworten. Und ich hoffe, es kommt rüber, dass ich damit nicht irgendeine Latte in unerreichbare Höhen gelegt habe. Wer ist schon rund um die Uhr perfekt? Ich jedenfalls nicht. Das sind lediglich Beispiele, in denen ich persönlich Polizeibeamte als „gute Polizisten“ empfunden habe. Nun habe ich ja im Laufe meines Daseins eine Menge Polizisten getroffen, von denen ich glaube, dass sie gut sind. Ich habe auch einige getroffen, von denen ich das nicht glaube, aber das war nur eine winzige Minderheit. Übrigens habe ich auch schon Polizistinnen als solche empfunden, aber in letzter Zeit hatte ich mehr mit den Männern in dem Job zu tun und deshalb fielen mir diese Fälle ein.

Wann habe ich in meinem Leben Polizisten als „gut“ empfunden?

Zuerst einmal fallen mir all die Polizeibeamten ein, die mir mit großer Menschlichkeit begegnet sind und auch mal fünf gerade sein ließen. Wie die zivile Streife, die mich dabei erwischte, wie ich mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit in eine Baustelle rauschte – und die mich davonkommen ließen, weil jemand, den ich sehr liebe, an dem Tag einen Herzstillstand erlitten hatte. Er war zwar reanimiert worden, aber keiner wusste, was daraus noch werden würde. Allerdings musste ich schon versprechen, dass ich für den Tag kein Auto mehr anrühre. Das habe ich gehalten. Vermutlich hatten die beiden eine sehr große Menschenkenntnis, denn wer hält heutzutage noch seine Versprechen ein.

Womit wir beim nächsten Thema wären – ein guter Polizist hat auch großes Einfühlungsvermögen. Wie der, den ich auf seiner Dienststelle aufsuchen wollte und den ich bis dahin nur via Internet kannte. Deswegen war mir der Treffpunkt „Dienststelle“ ganz Recht, denn ich denke doch, dass wenn alle, die eindeutig mit „POLIZEI“ beschriftet sind, den Menschen kennen, mit dem ich mich da treffen möchte und sogar mit „Kollege“ ansprechen, dann kann ich ziemlich sicher sein, dass er ist, was er zu sein vorgibt. In diesem Fall aber verlief ich mich und kam zu spät. Woraufhin er per Handy vorschlug, mich an einer bestimmten Straßenecke im Privatwagen aufzusammeln. Völlig überrascht sagte ich: „Ok“. Aber es war nicht ok. Und ich nahm mir vor, mir den Dienstausweis zeigen zu lassen, bevor ich in das Auto einstieg.

Was soll ich sagen? Ich musste nicht mal drum bitten. Den bekam ich auch so zu sehen. Unaufgefordert.

Ein guter Polizist kann sich auf sein Gegenüber einstellen. So wie der Wachhabende im tiefsten Oberbayern, der sofort auf (immer noch sehr sympathisch-südlich gefärbtes) Hochdeutsch umgeschaltet hat, als er feststellte, dass ich aus dem hohen Norden komme. Oder sein Kollege, der dann mein Anliegen bearbeitete. Der zugrundeliegende Vorfall hatte mich ziemlich schockiert. Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, aber ich fühlte mich nach einer schlaflosen Nacht nach diesem Gespräch deutlich besser. Obwohl er mir nicht einmal versprechen konnte, dass bei der Anzeige etwas rumkommt.

Ein guter Polizist ist erst einmal höflich und reagiert situationsangemessen. In diesem Punkt kein guter Polizist war einer, den ich mal vor Gericht aus dem Zuschauersaal gesehen habe. Damit meine ich nicht, dass er sich nicht mehr en Detail an den Einsatz, in dem er vor über einem Jahr gewesen war, erinnern konnte. Bei so vielen Einsätzen, die ein Polizist abarbeiten muss, liegt auf der Hand, dass nicht viel mehr Erinnerungen da sind als die, die man aus dem eigenen Protokoll bekommt. Die zehn Minuten, das zu lesen, sollte man sich dann allerdings schon nehmen. Und wenn man dafür keine Zeit hatte, sollte man sich wenigstens verkneifen, dem Gericht dumm zu kommen.

Bisher sind mir bis auf wenige Ausnahmen Polizeibeamte mit ausgesuchter Höflichkeit begegnet. Das ist auch angemessen, denn ich bin ja auch freundlich. Wie der junge Polizist, der mich von einem Parkplatz an einem großen Polizeipräsidium verscheuchen wollte. Er konnte ja nicht wissen, dass sein Vorgesetzter den für mich hatte reservieren lassen. Der junge Mann hat es wirklich fertiggebracht, dass ich gerade wegen seiner Liebenswürdigkeit um ein Haar auf den Parkplatz verzichtet hätte. Allerdings kam dann der besagte Vorgesetzte selbst an den Ort des Geschehens und klärte die Sachlage. Ebenfalls in extrem höflichem Tonfall übrigens.

Aus meiner Sicht ist es damit aber auch gut, wenn die Situation keine Höflichkeit mehr erfordert. Ein Polizist, den ich ebenfalls für einen guten Polizisten halte (und der mir ausnahmslos sehr nett begegnet), hat kürzlich in meiner Gegenwart einer Gruppe junger Menschen eine Gefährderansprache gehalten. Er war sehr klar und direkt in seinen Aussagen. Er war nicht unhöflich, aber er hat klar gemacht, dass eine Grenze erreicht ist, an der Schluss mit lustig ist. Da stimmte alles – Botschaft, Körpersprache, Stimmlage.

Und wenn dann auch diese Klarheit nichts mehr nützt, dann sollte ein guter Polizist noch einen Gang hochschalten können und noch deutlicher werden. Ohne das Gegenüber zu beleidigen oder zu schreien. Gerade bei dissozialen Persönlichkeiten eskaliert das die Situation dann erst Recht.

Und wenn alle Mittel ausgeschöpft sind, dann muss er auch zum unmittelbaren Zwang greifen können, sprich zur Gewalt im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben.

Deswegen sollte er sich auch nicht zu lange auf der Nase herumtanzen lassen, weil er sonst Gefahr läuft, selbst so betroffen von den Provokationen zu sein, dass er nicht mehr kühl die Gesetzeslage reflektieren kann und vielleicht überreagiert.

Er sollte bei aller Liebenswürdigkeit immer wachsam sein. Es gibt einfach zu viele unberechenbare Menschen, die nach außen hin friedlich sind, aber immer noch Gewalt verüben wollen (gerade bei dissozialen Persönlichkeiten beobachtbar).

Ein guter Polizist sollte in der Lage sein, sich Hilfe zu suchen, wenn er eine belastende Situation erlebt hat und merkt, dass er die Belastung nicht alleine schultern kann. Er sollte schon bevor es soweit ist, Belastungen verbalisieren können und nicht herunterspielen. Wenn einem jemand ins Gesicht spuckt, ist das widerlich und eine Demütigung. Das wird nicht davon besser, dass es Schlimmeres gibt und man bspw. tot oder körperlich verletzt sein könnte. Deswegen versucht ein guter Polizist nach solchen Lagen nicht, den harten Macker zu geben, sondern spricht im Nachgang aus, wie Übelkeit erregend es ist, wenn einem die warme Rotze durchs Gesicht läuft und man noch nicht mal genau weiß, welche Krankheitserreger da mitgekommen sind.

Ein guter Polizist schaut nicht weg, wenn er Elend oder Verbrechen in welcher Form auch immer sieht und greift ein. Das beinhaltet auch, nicht wegzusehen, wenn Kollegen Fehler machen. Kollegialität ist wichtig und wünschenswert, denn das eigene Leben kann davon abhängen. Aber das kann nicht bedeuten, die Augen zu verschließen vor Menschenrechtsverletzungen. Die Grenze zwischen Kollegialität ist ein schmaler Grat… den ein guter Polizist immer wieder suchen muss.

Diese Liste ist durchaus noch erweiterbar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wichtig ist mir vor allen Dingen eines, was mir beim Beantworten dieser Frage klar geworden ist: Die Arbeit eines Polizisten, den ich als „gut“ empfinde, lässt sich nicht messen und nicht in Excel-Listen erfassen. Ein guter Polizist bewegt die Herzen der Menschen und kann nur schwer belegen, was er gut macht. Aber eine Begegnung mit einem guten Polizisten hindert einen jungen Menschen später vielleicht mal daran, zur Gewalt zu greifen oder eine kriminelle Laufbahn einzuschlagen.

Aus meiner Sicht wäre es sehr schön, wenn endlich begriffen werden würde, dass nicht alles betriebswirtschaftlich gelöst werden kann – und dass es langfristig kostengünstiger ist, diesen sinnlosen Ergebnisdruck von unseren Polizeibeamten zu nehmen und sie einfach ihren Job machen zu lassen.

Das ist einer meiner Wünsche für 2014.

4 Comments

  • mathias
    17. Januar 2014 - 10:37 | Permalink

    dem ist nichts mehr hinzuzufügen, genau so sehe ich den „guten“ polizisten auch, in erster linie feund und helfer, auch wenn das abgedroschen klingt, feundlich, hilfsbereit, rechtssicher aber nicht abzockend…genau das was du ganz oben schriebst, geht heute vielmals verloren duch den tagebuchnummerndruck von oben, auch mal den, vom gesetzgeber eingeräumten, ermessensspielraum nutzen und mal ne mündliche verwarnung durchführen, das hilft meist auch mehr als immer gleich den quittungsblock zücken, immer dran denken, auch wir machen fehler und wünschen uns dann nachsicht…regen wir uns nicht auch auf wenn die „blöde“ politesse sofort nen zettel ans auto macht wenn wir doch „nur mal kurz beim bäcker warn“?

  • friederike
    17. Januar 2014 - 17:12 | Permalink

    Mannomann, so viel gute Gedanken hätte ich nicht zusammengebracht. Aber ich kann Dir voll zustimmen. Es wäre schön, wenn diejenigen, mit denen Polizisten dienstlich zu tun bekommen, auch noch Regeln und Tonfall der Höflichkeit kennen würden.

  • Siggi
    19. Januar 2014 - 23:56 | Permalink

    Ich persönlich finde, ein guter Polizist finde auch einmal tröstende Worte und hört einen in Ruhe zu und wenn er einem dann auch einmal begegnet weil man zu schnell gefahren ist, dass er dann einem dass auch ganz offen sagt und auch die Strafe kassiert und nicht weil man sich kennt auf die Strafe verzichtet.

    Ein schlechter Polizist ist jemand der einen gleich bei der Anzeigenaufnahme sagt, der scheiss interessiert niemanden und dass wird sowieso nie aufgeklärt und du verschwendest nur meine Zeit

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