Polizisten eine Stimme geben: Lachnummer

Letztes Jahr im Herbst in der Nachtschicht – ein Routineeinsatz. Geschwindigkeitskontrolle.

Kurz nach Mitternacht passierte uns ein Pärchen, ein Mann und eine Frau. Die hatten mit der ganzen Kontrolle nichts zu tun und dennoch rief er plötzlich rüber: „Habt Ihr nichts Besseres zu tun, Ihr Wegelagerer?“ Ziemlich aggressiv, aber eben das Übliche. Daher ignorierten wir seine Worte erst einmal. Offenbar wollte er sich aber nicht ignorieren lassen.

„Ihr Spackos.“

Das war zu viel des Guten. Man muss sich schließlich nicht jede Beleidigung bieten lassen. Wir wollten seine Personalien feststellen:

„Halt! Bleiben Sie bitte stehen!“

Keine Reaktion, er ging einfach weiter. Mit einem Kollegen folgte ich ihm, um ihn aufzuhalten. Als wir ihn auf der gegenüberliegenden Straßenseite eingeholt hatten, legte ich ihm nur ganz leicht meine Hand auf die Schulter, um meiner Aufforderung stehen zu bleiben etwas Nachdruck zu verleihen. Dann ging alles ganz schnell, er drehte sich um, schob mich ein Stück auf Distanz und dann knallte es auch schon. Ein erster Schlag direkt ins Gesicht!

Mein Kollege hat mir später erzählt, dass ich direkt umgekippt bin und wie tot auf dem Bauch lag. Ich war kurzzeitig weggetreten hatte jedoch kaum Schmerzen. Ich nehme mal an, da hat mein Adrenalin ganze Arbeit geleistet.

Direkt nach dem Schlag setzte mein Kollege sein Pfefferspray ein. Das zeigte aber erst eine ganze Weile später Wirkung.

Die Freundin des Täters mischte sich ein, sie wurde ebenfalls aggressiv und stand nun auch noch zwischen meinem Kollegen und mir. Er wollte eigentlich nur schnell zu mir, um zu helfen, hatte aber jetzt auch noch mit ihr zu kämpfen.

Zwischenzeitlich bin ich wieder zu mir gekommen. So mehr oder weniger in Trance bin ich aufgestanden und wieder in die Richtung des Täters getaumelt, das jedoch völlig unbewusst. Es kam was kommen musste, ein Zweites Mal schlug er mir ins das Gesicht.

Der zweite Schlag hat mich zwar auch hart erwischt aber diesmal konnte ich mich noch auf den Beinen halten. Das kann wirklich nur am Adrenalin gelegen haben.

Ich selbst habe dann nach dem zweiten Schlag irgendwie über Funk Unterstützung und gleich einen Rettungswagen für mich angefordert. Ich merkte direkt, irgendwas ist in meinem Gesicht kaputt. Aus meinem Mund floss ein wenig Blut.

Nachdem der Täter in einem Hausflur verschwunden ist und mein Kollege die Freundin beruhigen konnte, bin ich an einer Hauswand einfach nur noch zusammengesackt. Da war dann bei mir körperlich einfach Ende. Kurz danach trafen Gott sei Dank auch sämtliche Kollegen der Stadt ein. Alle hatten es über Funk mitbekommen. Die konnten anschließend den Täter stellen und die Personalien feststellen.

Der Rettungswagen brachte mich währenddessen in das Krankenhaus. Die Röntgenaufnahme, ein Schock! Ich hatte einen komplizierten Kieferbruch erlitten . Noch in dieser Nacht wurde ich direkt unter örtlicher Betäubung das erste Mal operiert. Das war allerdings eher eine notdürftige Flickung.

Am Folgetag folgte die nächste richtige OP. Da gab’s dann Platten in den Kiefer, anschließend 7 Tage Krankenhausaufenthalt und vier Wochen Flüssignahrung. Im Sommer diesen Jahres wurde ich dann das dritte Mal operiert. Da wurden die Platten wieder entfernt.

Noch heute kämpfe ich mit den Folgen – Taubheitsgefühl in der Unterlippe und im Kinn, schmerzende Zähne, Narbenschmerzen… ich vermute, es wird immer etwas zurückbleiben und wenn es „nur“ der seelische Schaden ist.

Im folgenden Frühsommer fand die Gerichtsverhandlung statt.

Jetzt kommt’s.

Trotz bereits vorhandener Vorstrafe gab’s für den Täter nur eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen a 10 Euro. Also insgesamt 1800 Euro.

Ich als Geschädigter empfinde das als lächerlich – eine echte Lachnummer.

Die Schadensersatzklage läuft im Übrigen noch. Viel erwarten darf ich da jedoch nicht – Täter arbeitssuchend!

4 Comments

  • Frank B.
    8. Oktober 2013 - 09:24 | Permalink

    Das ist kein Einzelfall, solche Urteile kommen immer wieder vor. Dabei sind 180 Tagessätze gar nicht einmal so wenig, bei dem offiziell angerechneten Einkommen klingen 10 Euro lächerlich, letztlich sind sie es auch. Insbesondere, weil das Leid, was durch das vorsätzliche gewalttätige Handeln hervorgerufen wurde noch nicht einmal durch ein Schmerzensgeld wieder gut gemacht werden wird, soweit das tatsächlich überhaupt zu beziffern wäre.Was Richter in ihrer oftmals an den Tag gelegten Gutmensch-Manier an den Tag legen ist aus Opfersicht eigentlich menschenverachtend! Das betrifft nicht nur den Polizeibeamten, sondern jedes Gewaltopfer. Viel gerechtfertigter wäre für diesen Täter eine Haftstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, mit der Auflage massiv Sozialstunden in einem Pflegeheim und eine Wiedergutmachung in Form von Schmerzensgeld abzuleisten. Wird eines nicht geleistet, dann ab in den Bau, aber bitte nicht nur für 180 Tage! Was von Richtern aber in diesem Bezug oft nicht beachtet wird ist aber auch eins: ein Polizeibeamter, egal ob er sich in Uniform im Dienst befindet oder sich in seiner Freizeit in den Dienst versetzt, repräsentiert immer auch den Staat. Wenn er angegriffen wird, greift der Täter auch immer den Staat an. Das ist meines Erachtens auch noch ein Gesichtspunkt, den viele Richter ignorieren. Fraglich ist freilich, ob härtere Strafen wirklich viel bringen. Wenn man sich die USA ansieht, ist die Kriminalitätsrate trotz massiver Strafen immer noch am höchsten. Es wäre ein gesellschaftliches Umdenken erforderlich, wozu diese Plattform ja eine geeignete Maßnahme ist-allerdings auch nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.

    • Lutz
      8. Oktober 2013 - 21:56 | Permalink

      @Frank. Im Großen und Ganzen gebe ich dir Recht.
      Allerdings sehe ich das Heraufsetzen der Strafmaße einzig und allein unter 2 Gesichtspunkten.

      1. Eine spürbare Genugtuung für das/die Opfer; egal ob Polizist oder nicht

      und

      2. Eine mögliche Signalwirkung an den/die Täter, die ansonsten fröhlich pfeifend das Gericht verlassen und sich über die „Kuschel“-Strafe ins Fäustchen lachen.

      Gruß Lutz

  • Mara
    8. Oktober 2013 - 14:57 | Permalink

    Der Fall hier erinnert mich so stark an einen Freund dem ähnliches passiert ist.

    Nicht nur das sich Beamte beschimpfen lassen müssen, dann werden sie auch noch krankenhausreif geschlagen.

    Da mutet so eine Strafe wie Hohn an….

    Ich schließe mich meinem Vorredner an….die Strafe müsste anders gestaltet sein, damit auch so richtig was ‚geleistet‘ werden muss, für das was da getan wurde.

    So oder so….mir fehlen da immer die Worte ..ich möchte noch soviel mehr sagen, aber im Endeffekt bin ich immer wieder schockiert darüber, dass so etwas passiert.

    LG

    Mara

  • Siggi
    13. Oktober 2013 - 23:06 | Permalink

    Ich habe immer das Gefühl, dass wenn jemand ein Vermögensdelikt begeht, dann kommt er gleich für mehrere Jahre ins Gefängnis, aber wenn jemand zusammen geschlagen wird, dann bekommt er eine kleine Geldstrafe egal wieviele Vorstrafen er hat und vielleicht nach dem 9 oder 10 Mal darf er dann mal ein paar Monate sitzen.

    Heute zutage, wird es schon als Krankheit angesehen wenn man einsieht, dass man etwas falsch gemacht hat und dazu dann steht und ein Entschuldigung kommt den meisten nicht mehr über die Lippen sondern man muss immer alles abstreiten und leugnen

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