Heule, heule Gänschen? – Da heult der Statistiker!

Am 24.02.2013 erschien in der Online-Ausgabe der FAS ein Artikel mit dem ominösen Titel „Gewalt gegen Polizisten – Heule, heule Gänschen“. Bei den Polizistenhassern, die sämtliche Foren unseres Vereins heimsuchen, stieß dieser Beitrag auf allerhöchste Begeisterung und wird jetzt gern anstelle eines Kommentars verlinkt in der Hoffnung, damit die mangels Argumenten nicht immer überragende Qualität der eigenen Kommentare zu erhöhen.

In diesem, übrigens hier verlinkten, Artikel erklärt die Autorin in recht polemischer Weise allen, die die steigende Gewalt gegen Polizisten beklagen, dass sie irgendwelchen Tricksereien der „plärrenden Polizeilobby“ aufgesessen sind. Um uns unsere Dummheit vor Augen zu führen, zitiert sie sogar Zahlen. Vielleicht hätte sie im Statistik-Unterricht etwas besser aufpassen sollen…

In Absprache und mit Unterstützung des Vorstandes von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. habe ich der Dame in einem ausführlichen Brief geschrieben, um ihr wenigstens ein paar ihrer Denkfehler darzulegen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Die wichtigsten Passagen daraus:

Als erstes habe ich mich auf eine Behauptung zur menschlichen Psychologie gestürzt:

Zuerst einmal möchte ich auf Ihre Ausführungen zu der Thematik, wie man erkennt, wenn einer jammert, eingehen. Sie schreiben: „Woran merkt man, dass einer nicht leidet, sondern jammert? Ganz einfach: Man muss es ihm nur auf den Kopf zusagen. Du jammerst! Die Reaktion ist immer die gleiche. Wut.“ Psychologisch ist das eine ausgesprochen grenzwertige Theorie, die Sie da aufstellen. Vielmehr ist es doch so, dass Menschen mit Zorn reagieren, deren berechtigte Anliegen man dermaßen gefühlskalt abbügelt.

Mich würde interessieren, wie Ihrer Ansicht nach ein Polizeibeamter sein Leiden nachweisen soll. Soll er sich vielleicht die Dienstwaffe an die Schläfe setzen und durchziehen oder wäre das dann auch nur ein Beweis seines Daseins als Weichei?

Anschließen habe ich auf die Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KfN), sowie Erhebungen einzelner Bundesländer (bspw. Freistaat Bayern) verwiesen, die genau das belegen, was der Polizeiwissenschafteler Raphael Behr bestreitet, den sich Frau Haupt als Kronzeugen auserkoren hat.

Zur Kritik der Dame an der freien Heilfürsorge hatte ich auch einiges zu sagen:

Was die freie Heilfürsorge betrifft, die Sie als „Privileg“ betrachten, so sei Ihnen folgendes gesagt:

Polizeibeamte haben mir einmal das Leben gerettet. Mir ist durchaus bewusst, dass einer oder beide Polizeibeamten ihr Leben hätten lassen können, wäre der Angreifer gefährlicher gewesen. Zumindest aber haben sie ihre körperliche Unversehrtheit aufs Spiel gesetzt. Für mich. Gekostet hat mich der Einsatz nichts.

Ein weiteres Mal haben mich Polizeibeamte aus einer Demonstration gezerrt, die eskalierte. Ich habe sie gebeten, mich da wegzubringen, weil ich mit der sinnlosen Gewalt, die Demonstranten für den Frieden da ausübten, nichts zu tun haben wollte. Auch das kostete mich nichts – weder der Schutz, den ich als Demonstrantin durch die Polizei genoss, noch ihre Rettungsmaßnahmen.

Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe weiterer Ereignisse aufzählen, in denen Polizeibeamte sich als Freunde und Helfer für mich erwiesen haben.

Jeder von uns kommt in den Genuss dieser Dienstleistung und das auch noch vollkommen kostenlos. Sie übrigens auch. Ist es da nicht das Mindeste, dass der Staat, also wir alle, für Verletzungen und Krankheiten aufkommen, die sich Menschen im Dienst an uns zuziehen? Sollte vor dem Hintergrund dessen, dass diese Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit für uns da sind, da wirklich kleinlicher Neid auf vordergründige Privilegien eine Rolle spielen? Wenn es offenbar schon nicht möglich ist, diesen Polizeibeamten mit einem Minimum an Anstand entgegenzutreten und ihnen stattdessen lapidar „Jammern“ vorzuwerfen.

Dann kam ich zum Thema Statistik:

Sie führen Zahlen des BKA an. „Seit 2009, das zeigt die Statistik des Bundeskriminalamtes, sinkt der „Widerstand gegen die Staatsgewalt“. Im Bericht über das Jahr 2011 steht: „Die Zahl der Fälle von Widerstandshandlungen gegen die Staatsgewalt war – wie bereits im Jahr 2010 – auch 2011 rückläufig.“ Gegenüber dem Vorjahr sei die Zahl um 2,3 Prozent auf 22.839 Fälle zurückgegangen.“ Da haben Sie durchaus korrekt zitiert. Leider ist es nur die Hälfte der Wahrheit. Sie haben nämlich fundamental wichtige Zahlen vergessen. So wie Sie das darstellen, kann man auch behaupten, die Durchschnittstemperaturen lägen in Deutschland bei 20 Grad… wenn man das Winterhalbjahr mal eben locker unter den Tisch fallen lässt.

Dieser Rückgang ist nämlich eine Folge der Neuorganisation der Polizeilichen Kriminalstatistik ist. Früher sind oft Widerstände, mit denen eine (versuchte oder vollendete) Körperverletzung des Beamten einherging, in der Widerstandsstatistik geblieben, da man Körperverletzungsdelikte nicht getrennt für Polizeibeamte ausweisen konnte. Um also überhaupt die Gewalt gegen Polizeibeamte messen zu können, beließ man diese Fälle vielfach bei den Widerständen. Dies ist seit 2010 anders. Seitdem werden Körperverletzungsdelikte auch getrennt für Polizeibeamte ausgewiesen. Nach den neuen Regeln der PKS wird bei einem Widerstand mit Körperverletzung ausschließlich das mit höherer Strafe bewehrte Delikt erfasst – also die Körperverletzung. Um Doppelerfassungen zu vermeiden, fällt der Widerstand weg. Wirklich seriöse Aussagen lassen sich also nur dann treffen, wenn Widerstands- und Körperverletzungsdelikte gegen Polizeibeamte zusammengerechnet werden. Insofern ist Ihre Schlussfolgerung unhaltbar.

 

Ein weiteres Beispiel für Ihren schon fahrlässig zu nennenden Umgang mit Zahlen stellt der Abschnitt „Ein anderes „Phänomen“ zeigt allerdings der Lagebericht des Landeskriminalamtes von Nordrhein-Westfalen über das Jahr 2010. Bei „höchstens“ 0,1 Prozent aller Einsätze kam es zu Gewaltandrohung, versuchter Gewalt oder Gewalt gegen Polizisten. Schwer verletzt wurden bei insgesamt 4.040.768 Einsätzen – 13 Polizisten.“ Da haben Sie ausnahmsweise Recht daran getan, das Wort Phänomen in Anführungsstriche zu setzen. Es ist angemessen, seine Leser darauf einzustimmen, dass es sich hierbei um nichts dergleichen handelt, denn es ist schlicht eine Irreführung. Abgesehen davon, dass diese 13 Polizisten exakt 13 zu viel sind (von einem Bedauern bei Ihnen lese ich leider nichts, schade!), ist Ihnen sicherlich die „Eigensicherung“ ein Begriff. Im Unterschied zu echten Weicheiern genießen Polizeibeamte eine fundierte Ausbildung in Selbstverteidigung, tragen ca. seit 2000 Schutzwesten und werden auf diesem Gebiet auch immer wieder weitergebildet. (Letzteres vermutlich, weil der Job so lau ist und es in Zeiten immer leerer werdender Kassen üblich ist, Geld für vollkommen überflüssige Maßnahmen rauszuhauen.)

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu zynisch, die Gewalt gegen Polizeibeamte auf die Schwerverletzten zusammenzudampfen. Ich stelle einmal ein paar Zahlen dagegen. Im Jahre 2011 gab es insgesamt 53.379 gewalttätige Übergriffe gegen Polizeibeamte. Es kam bundesweit zu 8.831 Fällen von vollendeter Körperverletzung zum Nachteil von Polizeibeamten, davon handelte es sich bei 1.651 Fällen um schwere und gefährliche Körperverletzung (§§ 224,226,231 StGB) und bei 7.180 Fällen um (vorsätzliche leichte) Körperverletzung gemäß § 223 StGB. Die Versuche lasse ich jetzt mal weg. Nun ist NRW da nicht extra ausgewiesen, aber wenn ich die vollendeten schweren und gefährlichen Körperverletzungen vereinfachend mal durch 16 teile (Anzahl der Bundesländer), komme ich ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass NRW wegen seiner höchsten Bevölkerungszahl auch die meisten Polizeibeamten(und deswegen vermutlich noch deutlich mehr schwer verletzte Polizeibeamte) auf 103 Fälle mit schwer verletzten Polizeibeamten auf das Jahr 2011. Also entweder war die Steigerung von 2010 nach 2011 ganz schön gewaltig oder die Informationen im Lagebericht wurden missverstanden. Die von mir zitierten Zahlen lassen sich übrigens samt und sonders in der PKS des Bundesinnenministeriums von 2011 belegen.

Per 30.06.2011 gab es in der Bundesrepublik 255.984 Polizeibeamte (Quelle: Statistisches Bundesamt). Gehe ich vereinfachend davon aus, dass erstens jeder Fall nur einen Polizeibeamten erwischt hat (was nicht korrekt ist, denn sie sind im Regelfall mindestens zu zweit unterwegs) und es zweitens jedes Mal einen anderen erwischt hat, so kommt man zu folgenden Ergebnissen: 21% aller Polizeibeamten wurden in 2011 Opfer von Gewalt. Zeigen Sie mir eine Berufsgruppe in Deutschland, die einem derart hohen Risiko ausgesetzt ist, mit Gewalt konfrontiert zu werden. Abgesehen von Soldaten, aber da Deutschland kein Kriegsgebiet ist, halte ich hier die Vergleichbarkeit für eher gering. Dass vergleichsweise wenige Polizeibeamte durch diese Übergriffe verletzt wurden, ist Folge der immer besser werdenden Eigensicherung und nicht der Tatsache, dass wir Bürger alle so harmlos wären wie Sie es gerne hätten, Frau Haupt.

Abschließend habe ich noch eine Informationsbroschüre des Vereins beigelegt, in der wir einige Zahlen zusammengestellt hatten.

Gegen Polizeikritik ist nichts einzuwenden. Wenn man das nicht dürfte, gäbe es Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. nicht. Zumindest nicht in der aktuellen Form und mit mir als Vorsitzender. Aber bitte seriös und unter Beachtung aller Fakten. So wie in diesem Artikel von Frau Haupt in einer Art „Steinbruchexegese“ Informationen zusammengesammelt wurden, die irgendwie in den Kram passten, beschleicht einen doch der Eindruck, dass es hier nicht um seriöse Polizeikritik ging, sondern um das Werfen mit Dreck in der Hoffnung, dass etwas hängenbleibt.

Nachtrag vom 09.03.2013

Übrigens stören nicht nur wir uns an diesem Artikel. Auch die GdP hat sich entsprechend dazu geäußert. Da ich persönlich eine große Sympathie für Menschen hege, die sich für andere einsetzen – und das tut die Mehrheit der Gewerkschafter – freue ich mich sehr, dass ich die Erlaubnis bekommen habe, den Brief auch zu veröffentlichen. Zum Öffnen klicken Sie bitte auf den Link.

Brief GdP FAS

 

9 Comments

  • Waltraud
    4. März 2013 - 23:29 | Permalink

    Dieser Brief war zwingend nötig. Ich hoffe er ging nicht nur an Frau
    Haupt sondern auch an ihren Arbeitgeber.

    • 5. März 2013 - 06:45 | Permalink

      Aber sicher doch… ;-)
      Zumindest an die Redaktion der FAS. Bei den vielen freien Journalisten, die es heute so gibt, weiß man ja nicht, wie da das Arbeitsverhältnis ist.

  • Stefan
    5. März 2013 - 12:36 | Permalink

    Was für freie heilführsorge? Ich zahle 250 € in die private KV.

    • 5. März 2013 - 15:45 | Permalink

      Ich weiß, Stefan. Also nicht, wieviel Du speziell in eine private KV einzahlst. Du hast natürlich Recht. Das ist in manchen Bundesländern so. In manchen gibt es aber tatsächlich die freie Heilfürsorge. Aber diese Unterschiede zwischen den Bundesländern wollte ich nicht auch noch aufschlüsseln, damit der Brief nicht zu lang wird. Das habe ich versucht in die Zeile mit den „vordergründigen Privilegien“ einzubauen, denn dieses Privileg (sofern es denn eines ist) hat noch nicht mal jeder Polizeibeamte.

  • Siggi
    10. März 2013 - 16:45 | Permalink

    Darf man fragen was FAS ist ? Ich sehe auch das problem drin, dass zwar viele es für normalen halten, dass die Polizei kommt wenn Sie hilfe brauchen, aber sich dann gleich lautstark aufregen, wenn Sie irgendwo einmal eine Strafe bezahlen müssen und das der Staat immer mehr spart und auf einem einzelnen Polizisten mehr arbeit zu kommt besonders in Berlin, Sachsen Anhalt etc.

    • 10. März 2013 - 20:46 | Permalink

      FAS = Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

  • sumo
    12. März 2013 - 20:49 | Permalink

    ich habe auch keine freine Heilfürsorge, dafür in Berlin die geringste aller Besoldungen im Bundesdurchschnitt. Ich rege mich nicht unbedingt über Leute auf, die als Nichtwissende eben üblicherweise Dinge in Zeitungen schreiben, von denen sie keine Ahnung haben. Ich rege mich auch nicht darüber auf, daß ich im Vergleich zu vielen Schreibtischbeamten mich als ungerecht besoldet empfinde.
    Was mich aber aufregt, das ist die Tatsache, daß ich in Berlin bis zu 20% weniger verdiene als mein Kollege in anderen Großstädten.
    Über die Massenmedien in Deutschland möchte ich mich nicht äußern, da der Beitrag dann sicher ausufert und ich nicht unbedingt sachlich bleibe….

  • Moritz Wolle
    6. April 2013 - 13:23 | Permalink

    Solche und ähnliche Beiträge haben mich dazu gebracht, KEINE Zeitung mehr zu lesen. Dem Leser wird eine von dem/der Redakteur/in als sinnvoll angesehene Meinung über ein Thema „aufgeschwafelt“. Es ist schon lange keine nüchterne Berichterstattung mehr. Es werden meist direkt Urteile über ein bestimmtes Thema mitgeliefert, welche dann von den meisten Menschen, welche nicht selbst recherchieren, als neue Meinung gefasst werden.
    Viel lieber such ich im Internet nach Info´s und News. Die Zeitung´s „News“ brauch ich eh nicht mehr. Ich habe Facebook – ein paar richtige Seiten nen Like gegeben und schon bekommt man sachliche News. Egal was: Politik, RegionalNews, Kriege, usw…
    und zwar vollkommen unmanipuliert, da eigentlich nur Fakten zu finden sind!

    KFN
    Zum Thema „Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen“:
    Die schieben sich unter anderem mit Frontal 21 gerne mal gegenseitig bissl Unterstützung zu und sind sehr bekannt für ihre Versuche, die Spiele-FSK-Freigabe übertragen zu bekommen. Denen schenke ich definitiv nicht mehr mein Glauben.

    • 6. April 2013 - 13:28 | Permalink

      Grundsätzlich gebe ich Dir Recht, dass man JEDE Berichterstattung hinterfragen sollte. Ob aber nun ausgerechnet Facebook da der Weisheit letzter Schluss ist, weiß ich auch nicht.So sachlich finde ich da vieles auch nicht… und letztlich hat JEDER ein Eigeninteresse, der Informationen verbreitet. Man muss es halt kennen… ;-)

      Was das KFN betrifft: denen grundsätzlich jede Glaubwürdigkeit abzusprechen, nur weil man mit einer einzigen Forderung nicht einverstanden ist, finde ich auch ein bisschen sehr vereinfacht. Die Untersuchungen über Gewalt gegen Polizeibeamte sind wissenschaftlich sehr genau angelegt und haben, wie jede statistische Untersuchung, Schwächen. Solange diese aber offengelegt werden – und das tut das KFN – gibt es keinen Grund, diese Untersuchungen und ihre Ergebnisse in Bausch und Bogen anzuzweifeln.

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