Déformation professionelle – Berufskrankheit

Manchmal wird dieser Begriff als Waffe verwendet. „Ist ja klar, dass du das so siehst. Berufskrankheit.“ Damit unterstellt man dem Gegenüber schon mal, dass seine derzeitige Meinung nicht das Produkt eines selbstständigen Denkprozesses ist, sondern irgendwie aus einem dumpfen Reflex resultiert. So sind in derartigen Weltbildern Lehrer prinzipiell besserwisserische Klugscheißer und Polizisten durch die Bank krankhaft misstrauisch.

Nun kenne ich durchaus Lehrer und Polizisten, auf die diese Urteile zutreffen, aber eben nicht alle. Was mich angeht, so weiß ich in dem Moment, in dem mir im Zuge einer Argumentation eine Berufskrankheit unterstellt wird, dass meinem Gegenüber die Argumente ausgegangen sind. Auch eine Aussage…

Manchmal hingegen geht es um einen eher liebenswerten Hinweis auf Schwächen. Davon habe ich einige. Ob ich die wegen meines Berufes habe oder schlicht, weil ich als Mensch so furchtbar unperfekt bin, lasse ich mal dahingestellt. Jedenfalls versuche ich zu vermeiden, Gewohnheiten einreißen zu lassen.

Klappt nur nicht immer…

Ja, bei der Vorsitzenden von „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ haben sich gewisse Reflexe eingeschlichen, die mittlerweile sehr fest sitzen. Die funktionieren sogar auf französisch…

Vor fast 20 Jahren hatte ich das große Vergnügen, für einige Zeit in Paris zu leben. Mein französischer Anteil hat seitdem permanent Heimweh und dem wollte ich spontan wieder Gelegenheit zu geben, sich zu Hause zu fühlen.

Ich weiß nicht, ob man mir ein gewisses Interesse am Thema „Polizei“ anmerkt, aber doch… ich habe da eines. Also schlug ich meiner Pariser Familie eine Besichtigung des „Musée de l’histoire de la préfecture de police de Paris“ (Museum der Geschichte der Pariser Polizeipräfektur) vor.

So kann man auch alteingesessene Pariser noch überraschen, dieses spezielle Museum war nämlich bis heute an meinen Leuten vollkommen vorbeigegangen.

Dazu sei am Rande bemerkt, dass ich auch in Frankreich nur gute Erfahrungen mit der Polizei gemacht habe. Mein persönliches Highlight ist die Geschichte dem Polizisten, der mir 50 Meter vor einer Ampel den Verkehr auf einem vierspurigen Boulevard angehalten hat. Damit ich mit meinen schmerzenden Füßen direkt in die Metro abtauchen konnte.

wp-monalisa icon

Bevor sich jetzt jemand darüber aufregt – das ist ziemlich lange her. Quasi verjährt. Damals war ich noch jung und schön. Heutzutage würde er mir vermutlich freundlich erklären, wie man eine Fußgängerampel bedient. wp-monalisa icon

Außerdem verstehen die meisten Franzosen so etwas. Und die sollten immer noch selbst entscheiden dürfen, wann sie etwas als Willkür empfinden möchten und wann nicht.

Nun, jedenfalls fand meine Familie die Idee durchaus ein bisschen abgefahren, aber warum nicht? A., zu trockenen Sprüchen neigend, meinte zwar: „Paris ist wegen des Mali-Einsatzes sowieso voll von Polizei, da hast Du dann doch genug zu sehen.“ aber auch Pariser schauen sich gerne mal was Neues an.

Auf dem Weg zum Museum fragte M.: „Was machen wir denn, wenn wir das Museum nicht finden?“

Ich: „Wir könnten uns dann bei einem Polizisten erkundigen – wenn doch eh so viele davon da sind.“

Die Blicke…

Offenbar erschien mein Vorschlag ähnlich abwegig als hätte ich angeregt, den Mann im Mond zu befragen.

Da war sie dann. Meine „Berufskrankheit“! Eigentlich wollte ich Frankreich ja nicht auch noch abarbeiten, irgendwann muss ich auch mal Pause machen dürfen. Uneigentlich entfleuchte mir – mit leicht rebellischem Unterton – die Frage: „Was ist an der Idee so erstaunlich?“

„Oh, weißt du… Polizisten und Museum“, lautete die obskure Antwort.

„Pardon?“ wp-monalisa icon

Offenbar schien da ein unüberwindlicher Gegensatz angenommen zu werden. Nun gibt es sicherlich Polizisten, die sich nicht gern in Museen aufhalten. Was ich auch völlig legitim finde. Das ist ja das Schöne an einer freien Gesellschaft. Aber von vorneherein auszuschließen, dass Mitglieder dieser Berufsgruppe solche Einrichtungen auch nur betreten… Wieso? Weil sie eh nur unterbelichtete Haudraufs sind?

Die französische Sprache hat für solche Fälle eine schöne Redewendung. „On verra.“ Man wird sehen. Sehr höflich für: „Ich diskutiere das jetzt nicht mehr. Ich lasse sogar offen, dass du möglicherweise Recht hat – aber das sehen wir dann noch.“

Das besagte Museum befindet sich im Gebäude des 5. Polizeikommissariats. Dieses war nicht allzu schwer zu finden – immer den Schildern zum Kommissariat nach.

Mit Adresse... falls jemand interessiert ist. Es gibt aber verdammt viel zu lesen.
Mit Adresse… falls jemand interessiert ist. Es gibt aber verdammt viel zu lesen.

Und dann das Gebäude mit den vielen Polizeiautos davor.

Vor dem Kommissariat im 5. Arrondissement....
Vor dem Kommissariat im 5. Arrondissement….

Aber wie dann weiter? Während meine Familie noch etwas ratlos herumstand, hatte ich schon einen jungen Polizisten erblickt, der auf uns zukam.

„Kann ich helfen?“

Vermutlich waren wir nicht die ersten und würden auch nicht die letzten sein, die an dieser Stelle strandeten.

Mein Einsatz: „Wir suchen das Museum der Geschichte der Polizeipräfektur von Paris.“

Ein freundliches Lächeln.

„Dann folgen Sie mir bitte.“

Eine gewisse Überraschung machte sich in den Gesichtern meiner Familie breit.

Köstlich auch die etwas befremdeten Blicke als wir zu viert in einem (typisch Paris) viel zu kleinen Aufzug standen und er seinen Schlagstock in die Hand nahm. Die Alternative wäre gewesen, ihn im vorgesehenen Holster zu lassen und mir somit einen ordentlichen blauen Fleck zu zaubern… die Liftkabine war wirklich unvorstellbar eng. Ja, der Mann hat mitgedacht. (Wie hirnlose Schläger nun mal so sind, nicht wahr, liebe Polizistenhasser?)

Er begleitete uns bis vor den Eingang des Museums im dritten Stock des Kommissariates. (Übrigens auch typisch Paris, sich für gerade mal drei Stockwerke lieber in einen klaustrophobisch engen Aufzug zu zwängen als mal eben eine Treppe zu benutzen. Da ist man sich offensichtlich berufsgruppenübergreifend einig.) Dabei erzählte er uns ganz aufgeschlossen: „Das Museum ist übrigens super. Ich war da schon dreimal drin.“

Ihm war vermutlich unklar, dass mein sonniges Lächeln nicht ausschließlich seinen Ausführungen galt, sondern auch der Tatsache, dass er gerade in meinem Sinne Vorurteile zerstörte. Vom Feinsten. Besser hätte ich das auch nicht hingekriegt. Als hätte ich das so bestellt… wp-monalisa icon

Was ich an meiner Familie mag, ist, dass sie umdenken können und zwar zügig. Deswegen zeigte M. sich reumütig und gab zu, dass sie nur wegen des Besuchs aus Deutschland, meiner Wenigkeit, überhaupt von der Existenz dieser Sehenswürdigkeit erfahren hatten.

„Ah, Deutschland.“ Als hätte er das nicht schon lange an meinem breiten Akzent bemerkt.

Jedenfalls sagte er zum Abschied noch ganz nett: „Auf Wiedersehen.“ In deutsch. wp-monalisa icon

Das Museum war übrigens wirklich toll. Da hatte der junge Mann Recht gehabt. Und M. war total begeistert als sie beim Rausgehen auf einen weiteren Polizisten traf, der mit ihr sogar eine Fachdiskussion zu dem Thema anfing, ob das erst ganz frisch aufgetauchte Bildnis eines Kopfes zu dem von Courbet gemalten Torso passt oder eben nicht – derzeit in Frankreich unter Kunstliebhabern ein großes Thema.

Mission erfüllt.

Zwei Franzosen mehr, die jetzt wissen, dass in einer blauen Uniform durchaus Individuen stecken können.

Wenn wir irgendwann mal außerhalb des deutschen Sprachraums expandieren, weiß ich dann ja, wo ich die erste Dépendence gründe… ;-)

A., M. und ich hatten noch beim Abendessen (5 Gänge… mjam, mjam) ausgiebigen Gesprächsstoff aus dem Museum. Wir waren uns einig, dass wir wirklich Glück haben, in einem Zeitalter zu leben, in dem eine demokratisch verfasste und rechtsstaatlich handelnde Polizei mit doch recht ordentlich ausgebildeten Polizisten für unseren Schutz sorgt. Im Gegensatz zu den Zeiten, in denen die Polizei der ausführende Arm eines absolutistischen Herrschers war – da konnte man schon mal Pech haben, wenn man zu kritisch war. Oder in denen jeder in die Polizei eintreten durfte, der geradeauslaufen konnte, um die Ansprüche der neuesten durch gewaltsamen Umsturz entstandenen Regierung durchzusetzen. Da bekamen dann schon teilweise Individuen Macht in die Hände, die diese für ihre persönlichen kleinen Feldzüge nutzten.

Vielleicht sollten mal jene, die der Polizei eines demokratischen Landes heutzutage pausenlos Willkür und Repression vorwerfen, dieses Museum besuchen? Wenn man sich da mal in vergangenen Zeiten umschaut, wacht man vielleicht doch mal auf, in welcher Gegenwart man lebt?

Paris, 09.02.2013

4 Comments

  • WAltraud
    12. Februar 2013 - 23:38 | Permalink

    Schön erzählt. Ich wünsche noch schöne Tage in Paris.

    • 13. Februar 2013 - 00:12 | Permalink

      Ich bin ja schon wieder da… Der Beitrag datiert vom 9.2., ich hatte da nur kein Internet.

      Aber es WAR schön!

  • roli
    13. Februar 2013 - 09:25 | Permalink

    wie immer herrlich zu lesen…. très bien…et merci

  • friederike
    13. Februar 2013 - 10:27 | Permalink

    Das war mal wieder einer Deiner super-engagierten-ironischen Kommentare. Toll! Aber ob die Polizistenhasser soviel Niveau vertragen?

  • Comments are closed.