Keine Gewalt gegen Rettungskräfte!

Mit diesem Thema gehe ich seit Monaten schwanger, aber ein Chat heute Morgen hat dann doch endlich einmal zu einem Blogbeitrag dazu geführt.

Wenn wir als Verein nicht schon mehr als genug mit der täglichen Gewalt gegen Polizeibeamte zu tun hätten, würde ich auf der nächsten Mitgliederversammlung eine Umbenennung in „Keine Gewalt gegen Rettungskräfte aller Art e.V.“ beantragen. Was mir da in letzter Zeit zu Augen und Ohren kommt, lässt mich nur noch den Kopf schütteln. Nicht nur, weil ich selbst zufällig Rettungskräften einiges zu verdanken habe.

Ich denke, ich habe ausreichend deutlich gemacht, dass ich Gewalt gegen Polizisten völlig daneben und durch nichts zu rechtfertigen finde. Aber irgendwie kann ich es mir wenigstens noch damit erklären, dass es für viele Menschen zunehmend ein Affront zu sein scheint, dass das menschliche Miteinander einem Grenzen aufnötigt, bei deren Nichteinhaltung dann eben die Polizei in Aktion tritt um eben diese Grenzen zu setzen. Was allerdings an Menschen auszusetzen ist, die Leben retten (was die Polizei nebenbei bemerkt auch tut, aber das scheint im Weltbild so einiger vollkommen unterzugehen), Feuer löschen – eben alles, was so unter dem Stichwort „Search an Rescue“ läuft… das entzieht sich meinem Verständnis komplett.

Hier ein paar Schoten:

Selbst erlebt habe ich auf der A4 bei Eisenach eine Vollsperrung wegen eines schweren Unfalls. Gut, das Folgende ist nur auf den zweiten Blick Gewalt gegen Rettungskräfte, auf den ersten ist es einfach sowas von gedankenlos, dass ich mir manchmal wünsche, Dummheit würde doch wehtun. Teilweise verließen die Menschen um mich herum ihre Fahrzeuge, um eine nahegelegene Brücke zu besteigen.  Sie wollten nämlich gern einen Blick auf die Unfallstelle erhaschen. Ja, das ist ja auch dringend nötig. Ein bisschen schade für die Unfallopfer, dass die Blaulichtarmada von hinten nicht durchkam, weil es für ein Auto ohne Fahrer eher schwierig ist, eine Rettungsgasse zu bilden. Aber bloß nicht an andere denken, schon gar nicht an jene Menschen, deren potentiellen Tod man gerade von der Brücke fröhlich begafft. Oder an jene, die das auch ankratzt, wenn sie es nicht zeitig schaffen. Das wäre dann auch der Teil mit der Gewalt gegen Rettungskräfte. Die stehen auch so genug unter Strom.

Auch zu erwähnen wäre der Fall des Rettungswagens, dem ich vor einigen Wochen bei uns vor der Rettungswache die Vorfahrt ließ, weil ich aus dem eingeschalteten Martinshorn und dem Blaulicht schloss, es könne möglicherweise dringend sein. Ich schreib jetzt mal nichts zu den liebenswerten Zeitgenossen, die hinter mir hupten, weil ich so dreist war, die Bundesstraße zu blockieren, nur um ein paar Retter durchzulassen.  Allerdings hatte  ich den davonschießenden Rettungswagen einen Kilometer weiter schon wieder vor der Stoßstange, weil da so ein Schlaumeier der Ansicht war, nichts sei so dringend, wie in einer mit 60 freigegebenen Baustelle 50 zu fahren, um dem Komiker in dem lustigen weißen Wagen mit dem roten Kreuz drauf ein bisschen die Hektik auszutreiben… unfassbar. Wenn Ihr geblitzt werdet und auf dem Bild ist hinter Euch formatfüllend ein RTW auf dem Bild, dann kommt da keine Rechnung. Und selbst wenn da eine käme – wäre das zu rettende Menschenleben nicht ein bisschen wichtiger als Euros????

Vor einigen Monaten traf ich in einem großen Hauptbahnhof zwei Rettungssanitäter von der Deutschen Luftrettung, die Spenden sammelten (Übrigens die echten und nicht die Gauner, die im Namen der DLF ihr Unwesen trieben – auch Gewalt gegen Rettungskräfte!). Den meisten Blaulichtorganisationen geht nämlich in Zeiten knapper Kassen das Geld allmählich aus. Ich dachte, ich traue meinen Ohren nicht. Die beiden Herren wurden mehrfach regelrecht angekackt. Vergleichsweise harmlos war die in triumphal-pampigen Tonfall vorgetragene Sichtweise: „Wieso Spende? Ihr müsst mich doch sowieso retten, auch wenn ich nix gebe.“
Joah! Das ist natürlich durchaus korrekt. Vorausgesetzt die Jungs haben genug Sprit im Heli…
Aber gut, da wären wir wieder beim Thema denken… 

Anderes war nicht mal mehr druckreif. Wie peinlich! Da kann ich mich mal wieder nur fremdschämen… 

Heute Morgen kamen mir dann aus zweiter Hand weitere Nettigkeiten zu Gesicht.

So meinte ein Mitbürger, in Aiglsbach in Bayern eine Unfallstelle mit deutlich mehr als den vorgeschriebenen 30 auf dem Tacho passieren zu müssen. Als ihn ein Feuerwehrmann mit einer Handbewegung darauf aufmerksam machte, zeigte der Fahrer ihm und anderen Rettungskräften den ausgestreckten Mittelfinger. Ja, ist ja auch eine Unverschämtheit, dass dem Feuerwehrmann eine Leiche reicht. Mehr darüber gibt es hier zu lesen:
http://www.mittelbayerische.de/index.cfm?pid=10063&pk=799216&p=1&fb_source=message

Weitere Fälle dieser Art kann man hier nachlesen:
http://www.mittelbayerische.de/region/kelheim/artikel/ueble-schelte-fuer-retter-und-helfer/799572/ueble-schelte-fuer-retter-und-helfer.html

Da verwundert es kaum noch, wenn man Geschichten von Notärzten hört, die auf Schadensersatz verklagt werden, weil beim Intubieren ein Zahn abgebrochen ist. Ein Zahn! Gegen das eigene Leben! Joah, man muss in seiner Geldgier definitiv Prioritäten setzen. Sogar, wenn man dem Tod gerade noch mal von der Schippe springen durfte. Was ja weiß Gott nicht das eigene Verdienst war…

Auch nicht schlecht die Geschichte, in der ein Bürger sich verweigerte einen Feuerwehreinsatz zu bezahlen, der stattfand, nachdem seine Frau einen schweren Unfall gehabt hatte und von der Feuerwehr aus ihrem Wrack herausgeschnitten werden musste. Da auch Feuerwehrwagen denselben Problemen und Risiken unterworfen sind, wie wir alle, werden immer zwei Feuerwehren in Gang gesetzt, damit eine auch sicher ankommt. Das wollte der nette Mann aber nicht einsehen.   Wäre das meiner gewesen, hätte ich danach ernstlich über Scheidung nachgedacht. Ich dachte immer, Menschenleben rangieren vor Geld. Nicht so in Deutschland ganz offensichtlich.

Meine Hochachtung haben jedenfalls alle, die mit oder ohne Blaulicht auf dem Dach im Bereich SAR (Search and Rescue) unterwegs sind. Egal, ob zu Wasser, zu Lande oder in der Luft. Dazu zählen Rettungssanitäter, Notärzte, Feuerwehrleute, Polizeibeamte und Soldaten. Und auch jene, die sie durch die Gegend fahren oder fliegen. Egal ob als Piloten bei der Luftrettung, dem ADAC und der Bundeswehr oder auf den Schiffen der Deutschen Gesellschaft zu Rettung Schiffbrüchiger oder in einem Krankenwagen eines der vielen deutschen Rettungsdienste wie dem Deutschen Roten Kreuz, dem Arbeiter-Samariter-Bund oder dem Malteser Hilfsdienst. Falls ich jemanden vergessen habe, bitte die Kommentarfunktion nutzen. War keine böse Absicht.

Und allen anderen eine kleine Bitte: Bitte erspart mir das Argument, das ich schon einmal lesen musste: „Ich geb nix, sowas ist Aufgabe das Staates.“   Wer so etwas raushaut, sollte mal einen Blick in die öffentlichen Kassen werfen. Abgesehen davon kann man sich natürlich auf den (sehr bequemen) Standpunkt zurückziehen, dass der Staat zuständig ist. Aber wer ist der Staat? Viele Menschen verwenden diese Vokabel im Sinne von „ein ominöses Gebilde, auf jeden Fall die anderen und nicht ich“. Fehler! Der Staat sind wir alle, ob es uns passt oder nicht. Ein jeder von uns hat einen Anteil daran, im Sinne der Eigenverantwortung, ob etwas gelingt oder nicht. Jeder, der im Rettungswesen tätig ist, wird dieser Verantwortung gerecht und dafür gebührt ihm unser aller Dank.

Es ist ok, liebe Leser, wenn Ihr gerade kein Geld übrig hat. So was kommt vor und das ist auch menschlich. Aber das kann man einfach sachlich mitteilen. Und dann den Rettungskräften einfach mal danke sagen. Das kann man ihnen nämlich nicht oft genug sagen. Und beim Spendensammeln haben sie sogar Zeit, solche Ansagen entgegenzunehmen…

Liebe Retter: Euch allen ein herzliches Dankeschön für Euren täglichen Einsatz! Danke! 

 

2 Comments

  • Moritz Wolle
    26. Juni 2012 - 13:55 | Permalink

    He ich wollte Keine Gewalt gegen Rettungskräfte gründen! :D War zumindest schonmal auf die Idee gekommen, nachdem ich gelesen hatte, wie eine Oma einen Rettungsassistenten verletzt hatte, der gekommen war, nachdem die Oma zusammengebrochen war…

    • 26. Juni 2012 - 13:59 | Permalink

      Sag Bescheid, wenn es so weit ist. Ich trete dann ein! :-)

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