Tierischer Notfall

Die 110 war die erste Telefonnummer, die ich kennenlernte. Als ich etwa vier Jahre alt war, erklärte mir meine Mutter, dass sie für Notfälle da sei und dass man damit die Polizei zu Hilfe rufen könne. Offenbar war mir auch die Bedeutung der Vokabel “Notfall” klar, denn ich habe diese Nummer niemals aus Spaß gewählt.

Dabei war ich als Teenager durchaus am einen oder anderen Scherzchen per Telefon beteiligt – mehr oder minder witzig. Manchmal bin ich in einer engen Telefonzelle neben meinem Kumpel vor Lachen geplatzt, wenn der seinem Talent frönte, einen sehr bekannten Politiker täuschend echt nachzuahmen. “Ich habe heute meinen Schlüssel liegen lassen, könnten Sie wohl mal nachsehen, bitte?” Der arme Nachtwächter der entsprechenden Parteizentrale hat sich netterweise den Wolf gesucht.

Manchmal war ich auch selbst die Übeltäterin, indem ich Menschen mit etwas ausgefalleneren Namen anrief und mich erkundigte, ob sie wegen ihres Namens Scherzanrufe erhalten würden…

Ist ja gut, ich schrieb ja – mehr oder weniger witzig.

Aber die 110 war raus aus der Scherznummer, die war tabu, so etwas machte man einfach nicht. Punkt!

 

Es bemächtigte sich meiner  neben großer Belustigung über das Talent des Bloggers ab und an auch ein gewisses ärgerliches Erstaunen, als ich treue Leserin des Notrufblogs VS Geheim von Steel wurde. Und später auch seines Buches. Ich traute meinen Augen kaum, aus welch teilweise vollkommen hirnrissigen Gründen Menschen einen Notruf wählen. Zum Beispiel, um zu erfahren, warum sie denn bitte schön im Stau stehen. Geht’s eigentlich noch?

Oder, wie mir der eine oder andere Polizist im Rahmen von Keine Gewalt gegen Polizisten hinterbracht hat, rufen auch regelmäßig Menschen die 110 an, wenn ein Polizeihubschrauber über ihrer Siedlung kreist. Unter anderem, um sich über den Krach zu beschweren. Ja, nee, ist klar. So ein Hubschrauberrundflug kostet ja auch nichts und deswegen braucht man auch gar nicht auf die Idee zu kommen, dass die Polizei einen solchen wohl kaum aus Spaß unternimmt. So zahlreich sind die Möglichkeiten auch nicht und wenn man ab und zu Nachrichten auf einem einigermaßen seriösen Sender schaut, bringt einen ein kurzer Denkprozess auf exakt zwei Lösungen: Vermisstensuche oder entflohener Straftäter. Im ersten Fall sollte es doch wohl möglich sein, seine eigenen Bedürfnisse nach Ruhe im Sinne der Rettung eines Menschenlebens für einen kurzen Zeitraum mal zu vergessen. Und im zweiten Fall wäre es eine Überlegung wert, ob es für einen selbst nicht auch ganz schön ist, wenn der flüchtige Täter wieder eingesammelt wird. Nur mal so. Denken ist nicht verboten!

 

Offenbar war die Erziehung meiner Mutter diesbezüglich sehr nachhaltig, denn ich habe bis heute eine gewisse Scheu, den Notruf zu wählen.

Das erste Mal setzte ich einen Anruf bei der 110 ab, als ich auf einer Autobahnauffahrt einen schweren Unfall sah, ein Auto war zu schnell in die enge Kurve gehämmert, auf die Leitplanke geraten und auf dem Dach gelandet. Das Auto dahinter war hineingefahren.

Da hatte ich auch keine Sekunde Zweifel, dass hier ein Notruf angebracht ist. Erschreckend war, dass vor mir schon mindestens sechs weitere Autos diese Unfallstelle passiert hatten, aber niemand es für nötig befunden hatte, Hilfe zu rufen. Manchmal finde ich die Prioritäten meiner Mitmenschen sehr befremdlich.

Jedenfalls hatte der arme Kerl am anderen Ende der 110 leichtere Probleme, sinnvolle Informationen aus mir herauszubekommen, weil ich von Adrenalin nur so überschwemmt war. Immerhin hat er es hinbekommen. Der war halt einfach gut. Meine Leistung hingegen… na ja…

Seitdem übe ich öfters. Vorzugsweise bei langen Autofahrten. Ich stelle mir vor, was ich wohl sagen müsste, wenn ich genau jetzt einen Unfall sehen würde. Wie müsste ich mich ausdrücken, damit der Polizist genau die Informationen bekommt, die er braucht? Ich kann das wirklich jedem nur empfehlen. Es klappt! Und ist für alle Beteiligten deutlich weniger traumatisch – nicht zuletzt für den, der Hilfe benötigt, wenn die Helfer möglichst schnell verstehen, wo sie hinsollen.

 

Allerdings brauchte ich das lange nicht. Bis neulich. Es war eigentlich (noch) nichts Schlimmes passiert. Aber ein bisschen aufgeregt war ich schon. Weil ich mir nicht im Klaren war, ob die 110 wirklich der richtige Ansprechpartner war.

Mein Mann und ich waren als Touristen in einer recht ländlichen Gegend unterwegs, auf einer kurvenreichen Kreisstraße. Ab und an kam uns ein Auto mit einheimischem Kennzeichen entgegen, und zwar noch deutlich schneller als wir. Die kannten halt ihre Straßen.

Plötzlich stand mein Mann auf der Bremse. Vor uns war ein Hindernis aufgetaucht.

eigenes Bild

Im ersten Augenblick musste ich grinsen. Dann schoss mir aber der Gedanke durch den Kopf, dass das ganz schön gefährlich werden kann. Man sieht rechts von der Straße den Graben. Wenn einer vor Schreck sein Steuer verreißt und landet da unten, ist durchaus ein Genickbruch drin. Auch eine Kollision mit einem Schaf produziert mindestens einen Totalschaden, wenn nicht Verletzte und Tote. Letztlich ist ein Schaf nicht billig und für den Bauern ein böser Verlust. Und last but not least stehe ich auf Schafe. Besonders auf Lämmchen. Die sind so süüüß.

Ok, ich hab die auch ganz gern auf dem Teller. Aber überfahren werden… nee, das muss wirklich nicht sein.

Bei mir daheim hätte ich den Besitzer angerufen. “Hey, Karl, hol mal Deine Schafe von der Straße.” Aber wir waren ja als Urlauber unterwegs.

Also die 110 gewählt. Da machte sich die langjährige Übung bezahlt.

“Polizeinotruf.”

Das kam übrigens sehr klar und deutlich, wenn auch mit dem lokalen Akzent gefärbt. Jedenfalls keinerlei Anlass für die dem Hörensagen nach sehr beliebte Rückfrage “Ist da die Polizei?” Wer bitte soll da sonst sein, wenn man gerade die 110 gewählt hat?

“Gernhardt hier. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dass ich Sie anrufe…”

(Komm zu Sache, die sitzen da nicht zum Spaß!)

“… aber hier laufen drei Schafe mitten auf der Straße herum. Da ist auch kein Schäfer dabei und auch sonst kein Mensch.”

(Eine Ortsangabe wäre jetzt nicht schlecht!)

“Wir sind auf der K XY kurz hinter der Ortschaft W.”

(Jetzt muss er nur noch wissen, in welcher Richtung. Aber verdammt, wie hieß noch mal der nächste Ort?)

“Wir sind aus Richtung D. nach W. gekommen. Ich habe keine Ahnung, wie der nächste Ort heißt. Wir sind Touristen.”

(Falls er das nicht schon am Akzent gehört hat, weiß er jetzt wenigstens, warum meine geografischen Kenntnisse so dürftig sind.)

Ich konnte den netten Polizisten am anderen Ende regelrecht grinsen hören, als er sagte: “Dann sind Sie wohl in Richtung P. unterwegs?”

(Ja, stimmt, jetzt, wo er das sagt… das hat auf dem Ortsausgangsschild von W. gestanden.)

Ich: “Ja, richtig. Sie sind gut!”

Das hörbare Grinsen wurde breiter.

“Sie sind also im Landkreis Z unterwegs?”

Ich: “Ja, genau!”

(Gut, dass ich eifrig Steel lese und deswegen weiß, dass manchmal eine Notrufzentrale mehrere Gebiete abdeckt.)

Er: “Wie weit sind Sie denn von W. entfernt?”

(Gute Frage! Ich hatte Tourismus betrieben und mit meinem Mann gequatscht anstatt auf die Strecke zu achten!)

Ich: “Sekunde!”

(Aus dem Auto aussteigen. Zurückblicken.)

Ich: “Ein, zwei Kilometer? Ich habe nicht genau drauf geachtet. Das Ortsschild kann ich jedenfalls nicht mehr sehen. Und P. noch nicht.”

(Besser geht es jetzt einfach nicht. Sorry!)

Dann musste ich noch meine vollständigen Personalien angeben. Klaro, sonst könnte ja jeder kommen.

Schließlich sagte er: “Ich schicke mal einen Streifenwagen vorbei.”

Ich: “Sollen wir hier warten?”

Er: “Nein, fahren Sie ruhig weiter. Und das ist schon richtig, dass Sie uns angerufen haben.”

Uff!

Ich: “Danke sehr! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!”

Er bedankte sich und legte dann auf.

 

Als wir einige Stunden später denselben Weg zurück zu unserer Unterkunft fuhren, waren jedenfalls keine freilaufenden Schafe mehr zu sehen – wer immer sie nun von der Straße geholt hat.

 

Trotz allem – wieder mal eine gute Erfahrung mit der Polizei gemacht. Allerdings bleibe ich dabei – einfach mal kurz überlegen, ob die 110 wirklich die Nummer der Wahl ist. Es ist und bleibt ein Notruf und keine Frustabladestelle oder was sonst manche Menschen sich darunter vorzustellen scheinen.

2 Comments

  • Hans-Gerd Birkholz
    23. April 2012 - 20:53 | Permalink

    Hallo!
    Bin jetzt mal kurz da, geh aber jetzt ins Bett!
    Ich fand deinen Beitrag sehr gut, aber es ist for den Normalbürger manchmal garnicht so einfach die “normale” Nummer der zuständigen Polizei zu finden.
    Im Telefonbuch stehen die nämlich nicht (zumindest bei uns)!
    Die normale Durchwahl ist nicht immer besetzt ( Toilette etc.)! Da bleibt einem Hilfesuchenden manchmal nichts anderes übrig, als die 110 zu wählen!
    Diejenigen, die den Notruf missbrauchen, müssten aber massiv bestraft werden!

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