Ein fieser Beruf

Heute möchte ich mich über den Beruf auslassen, den ich für den unangenehmsten Job halte, den man haben kann.

Bislang dachte ich immer, der unattraktivste Arbeitsplatz befinde sich auf dem Raumschiff Enterprise. Und zwar gibt es da einen Menschen, der die Turbolifte (vulgo: Aufzüge) kontrolliert und abhört. Wie sonst ist es zu erklären, dass eine solche Fahrt im Lift für die Protagonisten dieser Serie just in dem Moment endet, in dem ein bedeutungsschwangeres Gespräch seinen letzten Satz findet? Und zwar immer! Ja, da braucht es Fingerspitzengefühl, die Türen genau im richtigen Augenblick aufgleiten zu lassen. Und ein dickes Fell. Man stelle sich nur vor, was der arme Mensch sich den lieben, langen Tag anhören muss. Sicherlich gibt es auch auf der Enterprise Menschen, deren Gespräche sich spannungstechnisch… nun ja… nicht gerade auf Thrillerniveau befinden. Und dann die Phasen, in denen keiner den Lift benutzt.

*Gähn!*

Nee, also mein Job wäre das nicht.

Aber seit ich mich mit Keine Gewalt gegen Polizisten beschäftige, weiß ich, es gibt einen noch ekligeren Job.

 

Agent Provocateur.

 

Das genaue Berufsbild ist nicht umrissen. Nicht umsonst kommt es auch nicht in der Handreichung der Bundesagentur für Arbeit vor, die Schulabgänger zur Unterstützung für die Berufswahl in die Hand bekommen. Dieses Tätigkeitsfeld ist nämlich sowas von geheim. Aber sowas von… irgendwie deutet der Namensteil “Agent” das ja auch an, ne?

Allmählich bekomme ich aber ein Bild.

Also, der Agent Provocateur steht irgendwie in Lohn und Brot der Polizei. Wie genau das läuft und in den Staatskassen verbucht wird, weiß kein Mensch. Was an sich schon erstaunlich ist, in einem Land, in dem Kinder nur wenige Wochen nach ihrer Geburt bereits eine Steuernummer zugeteilt bekommen. Man weiß zwar nicht wofür, weil Kinderarbeit eigentlich verboten ist, aber vielleicht fürchtet der Fiskus, ihm könne eine Einnahmequelle verloren gehen für den Fall, dass Eltern ihr Kind illegal ins Bergwerk schicken, um die Haushaltskasse aufzubessern.

Aber irgendwie ist es ja auch wieder logisch, dass kein Mensch die Zahlungsströme kennt, die an diese Leute fließen. Ist ja total geheim.

Nur ganz wenige Leute haben da den Durchblick. Diesen geben sie auch gerne weiter, wenn wir Normalos mal wieder im Begriff sind, uns von unserem Mitgefühl für mehr oder minder schwer verletzte Polizeibeamte davontragen zu lassen. Sie leiten ihre Weisheit gerne ein mit den Worten: “Ihr glaubt auch alles, was in der Zeitung steht. Schon mal was von Agents Provocateurs gehört?” Mit dieser Einleitung hat es sich auch schon, der Rest des Gedankengangs wird dem geneigten Leser überlassen. Liegt aber ja auch irgendwie auf der Hand.

Meine erste Begegnung mit diesen Agents Provocateurs hatte ich als Studentin. Damals nahm ich an einer Demo für den Frieden teil. Ich erinnere mich nicht mehr, gegen welchen Krieg es da exakt ging, aber Frieden ist immer eine gute Sache.

Besonders streitbar friedliebend erwiesen sich einige junge Männer, die ich vom Sehen an meiner Uni kannte. Ich wusste sogar, wo die wohnten, nämlich in einem alternativen Wohnprojekt. Jedenfalls wurden die völlig anlasslos von jetzt auf gleich aggressiv gegen die anwesende Polizei. Nun ja, vielleicht hatte ich den Anlass auch verpasst, weil ich mich so angeregt mit einem der begleitenden Polizisten unterhalten hatte, der eigentlich auch ganz gern für den Frieden demonstriert hätte, was aber sein Dienstplan nicht zuließ. Nun, möglicherweise war das auch nur eine besonders perfide Art von Ablenkung, damit eine kleine unwichtige Studentin nicht mitkriegt, wie die Polizei selbst mal wieder die Aggressionen hervorruft. Das Gesprächsthema zwischen mir und dem friedensbewegten Polizisten drehte sich um 180 Grad in Richtung “Bitte bringen Sie mich hier raus, ich will mit dieser Gewalt nichts zu tun haben.” Das tat er auch mit Hilfe eines Kollegen. Mir brachte das noch einige ausgesprochen pazifistische Nachrufe ein, die sich in der Preisklasse von “Wir wissen, wo du wohnst.” bewegten. Diese Information stimmte zum Glück nicht, insofern machte ich mir da keine großen Sorgen. Allerdings stimmte mich der Vorfall durchaus nachdenklich. Ich war doch etwas enttäuscht von diesem Teil der Friedensbewegung.

Aber jetzt habe ich das auch endlich verstanden.

Die waren ja gar nicht echt. Das waren meine ersten Agents Provocateurs. Zwar wurde die Demo damals weder aufgelöst, noch gab es außer der Festnahme dieser Gewalt verteilenden Pazifisten keine weiteren Vorkommnisse, aber immerhin war es diesen Typen gelungen, die Friedensbewegung zu spalten. Ich war danach nämlich insofern abgespalten, dass ich immer sehr genau aufgepasst habe, in wessen Nähe ich mich bewegt habe. Vorzugsweise in der Nähe von Polizisten, um mich im Ernstfall wieder aus dem Getümmel zerren zu lassen.

Einstellungsvoraussetzung Nummer 1 für einen Agent Provocateur: man muss ganz schön hinterfotzig sein.

 

Nun habe ich mittlerweile ein Buch von einem ehemaligen MEK-Beamten aus Niedersachen gelesen, der doch die eine oder andere verdeckte Ermittlung hinter sich gebracht hat. Der durfte aber zwischendurch immer mal nach Hause. Meine Agents Provocateurs von dieser Friedensdemo waren hingegen rund um die Uhr in diesem alternativen Wohnprojekt zu finden (oder im AStA der Uni). Keine wahres Leben hinter der Legende erkennbar. Was für ein Verzicht, wo doch angeblich alle Polizeibeamten Spießer sind und alternative Lebensformen für sich selbst angeblich niemals in Betracht ziehen.

Außerdem muss man irgendwo sein von der Polizei bezogenes Gehalt horten, während man nach außen hin in einer gewissen alternativen Armut lebt. Da ist nix damit, mal eben seinen edlen Aston Martin mit 200 über die Autobahn zu hetzen. Nicht, dass normale Polizisten sich so etwas leisten könnten. Aber als Geheimagent sollte man doch einen etwas edleren fahrbaren Untersatz erwarten dürfen. Stattdessen strampelt man maximal sein rostiges Fahrrad über den Kiez.

Einstellungsvoraussetzung Nummer 2 für einen Agent Provocateur: man muss bereit sein, komplett in der Rolle aufzugehen. Und James Bond ganz schnell zu vergessen…

 

Da es, wie ich gelernt habe, immer diese geheimnisumwitterten Agents Provocateurs sind, die Demonstrationen zur Eskalation bringen, kann man sich vorstellen, was man in dem Job zu schleppen hat. Farbbeutel, Pyrotechnik, Steine, Gülle, Plastikplanen, um sich gegen den bei den Kollegen provozierten Wasserwerfereinsatz zu wappnen…. und das alles muss so getragen werden, dass es nicht nach Gewicht aussieht. Schließlich dürfen die, deren Demo man damit zum Platzen bringen will, keinen Wind davon bekommen. Geschweige denn, von den notwendigen Einkäufen vorher. Man muss also sehr oft sein rostiges Fahrrad zum Baumarkt treten, da man schließlich die angesprochenen Utensilien mit unverdächtigen Einkäufen aus dem Bioladen tarnen muss.

Einstellungsvoraussetzung Nummer 3 für einen Agent Provocateur: man muss sportlich und sehr kräftig sein, um unter der Last des Polizistenhasserzubehörs nicht zusammenzubrechen.

 

Die Betonplatte, die knapp einen halben Meter neben dem Magdeburger Polizisten aufschlug, wird der zuständige Agent Provocateur nicht selbst mitgeschleppt haben. Zumindest nicht allein. Entweder lag sie also praktischerweise schon dort, oder aber er hat sich mit anderen Agents Provocateurs zusammengetan. Wie er die erkannt haben will, wo die doch alle geheim sind, ist schon rätselhaft. Aber wer so raffiniert ist, hat damit sicher kein Problem.

Einstellungsvoraussetzungen Nummer 4, 5 und 6 für einen Agent Provocateur: Flexibilität und die Fähigkeit, sich bietende Chancen wie zufällig daliegende Betonplatten zu erkennen, Teamfähigkeit sowie eine verdammt gute Nase für ebenfalls in Tarnung lebende Teammitglieder.

 

Nun, auch der Polizei verlangt die Arbeit mit diesen Agents Provocateurs einiges ab. Nehmen wir zum Beispiel die Demonstration der “Kapitalismus”kritiker in Frankfurt am Main am 31.03.2012.

Ich äußere mich jetzt nicht dazu, dass Kapitalismus und soziale Marktwirtschaft wenig bis nichts miteinander zu tun haben, aber egal. In Zeiten von PISA sind solche Details offenbar vernachlässigbar. Allerdings denke ich auch, dass man über den Anteil des “sozialen” trefflich diskutieren kann. Aber eben diskutieren – was im Regelfall keine Verletzten produziert. Insgesamt wurden 15 Polizeibeamte und auch einige Demonstranten verletzt.

Schuld an der Eskalation war nach Lesart der Veranstalter ausschließlich die Polizei. Hatte diese es doch gewagt, eine Kette zu bilden.

Der zuständige Polizeipressesprecher hingegen betonte, dass die Polizei sich sehr lange sehr zurückgehalten habe.

Nun, nachdem zumindest die Medienberichterstattung häufig eher weniger zu Gunsten der Polizei ausschlägt, kamen hier dann doch mal einige Fragen auf. Zum Beispiel die Frage danach, ob es nicht doch mal an der Zeit sei, dass sich jene Demonstranten, denen es wirklich um die Sache geht, endlich mal von den Gewalttätern distanzierten? Denn wie gewaltfrei sind wohl Menschen eingestellt, die bereits ausgestattet mit Pyrotechnik, Steinen, Gülle und Chemikalien, die schwerste Verletzungen hervorrufen können, auf eine Demo einrücken? Wie gewaltlos ist es, Sachschäden im sechsstelligen Eurobereich zu produzieren? Ja, auch Gewalt gegen Sachen ist und bleibt Gewalt. (Übrigens auch verbale Gewalt, auch wenn sie noch so oft mit der Behauptung garniert wird, man selbst sei so furchtbar gewaltlos.)

Und wie stark differenzieren Täter zwischen Menschen, wenn sie nicht jene Polizisten in Schutzkleidung angreifen, die die Kette gebildet haben, sondern sich stattdessen an einem Kontaktbeamten ohne Schutzkleidung vergreifen? Und zwar in der Form, dass dieser anschließend schwerst verletzt auf einer Intensivstation landet. Wie ernst kann man den verständlichen Wunsch aller Demonstranten danach nehmen, selbst differenziert gesehen zu werden, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, sich öffentlich von diesem Angriff zu distanzieren und stattdessen weiterhin die Schuld bei der Polizei verorten? Zumindest in dem, was ich so in der Presse gelesen habe. Vielleicht war ja irgendwo eine Distanzierung, die in den 20 Artikeln, die ich zu dem Thema gelesen habe, nicht abgedruckt wurde? Wer weiß das schon?

All diese Fragen schwirrten also sogar sonst unverdrossenen Polizistenkritikern durch den Kopf.

Dabei ist die Antwort doch so einfach!!!!

Auch hier waren Agents Provocateurs im Spiel.

Ich persönlich bin jetzt echt beeindruckt von dem logistischen Aufwand, den die Polizei da ganz offensichtlich betrieben hat.

Um diese gewaltigen Sachschäden und mindestens 15 verletzte Polizisten produzieren zu können, musste sie diese Agents Provocateurs buchstäblich busseweise rankarren. Und wie geschickt, dass keiner gemerkt hat, wie eine ganze Wagenladung Wurfmaterial ausgehändigt wurde. Hut ab!

Allerdings scheinen diese Agents Provocateurs nicht so ganz helle gewesen zu sein. Immerhin haben sie ja einen ihrer eigenen Leute so dermaßen übel verletzt, dass per 03.04.2012 noch im Raum stand, dass er permanente Augenschäden davontragen könnte (Quelle) und zum 10.04.2012 war noch nicht wieder klar, wann er wieder dienstfähig sein wird (Quelle). Aber gut, man kann nicht alles haben. In Frankfurt war ja offensichtlich Masse statt Klasse angesagt…

 

Was mich jetzt noch wundert ist: Wenn es regelmäßig immer wieder diese Agents Provocateurs sind, die Gewalt gegen Polizisten verüben, warum sind die dann noch nicht restlos alle aufgeflogen? Ich meine, die Staatskassen sind gähnend leer und werden tagtäglich leerer. Wer genau bezahlt diese Heerscharen von Agents Provocateurs? Denn wenn diese Schlaumeier, die die regelmäßig ins Spiel bringen, die einzigen sind, die Durchblick haben, dann müssten diese Agenten doch alle wie sie da sind in Schallgeschwindigkeit verbrannt sein. Oder muss das jeder Polizist können? Heute Verkehrskontrolle, morgen Agent Provocateur? Wissen die Jungs und Mädels das vor ihrer Übernahme in den Polizeidienst? Ich meine, ist das arbeitsrechtlich vertretbar? Und da soll noch keiner aufgemuckt haben? Oder mal eben mit der Presse geschnackt? Kurios, sehr kurios.

Und wieso habe ich die Agents Provocateurs von meiner Demo, mit der ich die erste Einstellungsvoraussetzung erläutert habe, später noch auf weiteren Demos gesehen? Ich meine, die sind doch leicht zu erkennen:

Gewalttäter gegen Polizisten = Agent Provocateur!!!

Warum lässt man weiterhin zu, dass die dabei sind? Konnte man sich damals nicht mal diese paar Gesichter merken? Würde man die aus seinen Kreisen isolieren, wären Demonstrationen ab sofort himmlisch friedlich und jeder, aber auch wirklich jeder, Depp würde einem glauben, dass die Eskalationen von der Polizei ausgehen.

 

Zu eigenartig, dass ausgerechnet diese Oberchecker das noch nicht kapiert haben.

 

One comment

  • Hans-Gerd Birkholz
    24. April 2012 - 20:18 | Permalink

    Bin mal gespannt, ob nächste Woche die Jungs, vielleicht auch ein paar Mädels, wieder zum Einsatz kommen! Würde mich freuen, wenn sie ausnahmsweise mal frei hätten!

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