Das war Karneval 2012

Ich bin heute etwas müde, deshalb verzichte ich auf die Nennungen all der anderen Begrifflichkeiten für diese Festivität. Ist nicht böse gemeint.

Der Grundtenor der Pressemitteilungen der Polizei war in diesem Jahr, dass Karneval in den meisten Fällen friedlich über die Bühne gegangen ist und zwar friedlicher als im Vorjahr.

Der Begriff „Karneval 2012“ bezeichnet in meinen Berechnungen lediglich den Zeitraum vom 16. bis 21. Februar 2012. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Pressemitteilungen danach zu zerlegen, ob der Gewaltakt auch ohne Karneval stattgefunden hätte oder auch nicht. So trennscharf ist das gar nicht möglich, deswegen versuche ich es gar nicht erst.

Insgesamt liegen mir Pressemitteilungen vor über:

Mindestens 16 Sachbeschädigungen an Polizeieigentum:

davon mindestens 2 Dienstfahrzeug beschädigt (mindestens 1 durch Fußtritt)
mindestens 1 Gewahrsamszelle beschädigt
mindestens 1 Zellentoilette demoliert
mindestens 1 Matratze in einer Zelle zerstört
mindestens 1 Transportfahrzeug beschädigt
mindestens 1 Dienstwagen mit Steinen beworfen
mindestens 3 Scheiben von Dienstwagen zerstört (eine Seitenscheibe rausgetreten, eine Seitenscheibe kaputtgetreten, eine Heckscheibe beschädigt)
mindestens 2 Polizeiwagen gerammt (einer davon mit einem Mofa!)
mindestens 1 Briefkasten einer Wache demoliert
mindestens 1 Fall von zerfetzter Dienstkleidung
mindestens 2 gestohlene Nummernschildern von Funkstreifenwagen

Mindestens 2 Polizeibeamten wurde aggressiv begegnet, was immer darunter zu verstehen ist.

Mindestens 160 Polizeibeamte wurden beleidigt:

davon mindestens 2 via Missbrauch des Notrufs

Mindestens 12 Polizeibeamte wurden bedroht.

Mindestens 12 Polizeibeamte wurden angespuckt.

Mindestens 24 Polizeibeamte wurden im Rahmen von Verfolgungsjagden gefährdet.

Mindestens 30 Polizeibeamte wurden angegriffen:

davon mindestens 1 durch Tritt in den Rücken
mindestens 1 wurde bewusstlos geschlagen
mindestens 1 wurde auf den Kopf geschlagen
mindestens 1 gewürgt
mindestens auf 1 wurde noch eingetreten, als er schon am Boden lag
mindestens 3 wurden geschlagen
mindestens 2 erhielten Faustschläge ins Gesicht
mindestens 7 wurden mit Pfefferspray attackiert
mindestens 3 wurden getreten und
mindestens 2 mit Schneebällen beworfen.

Mindestens 276 Polizeibeamte wurden mit gewalttätigem Widerstand konfrontiert:

davon erhielt mindestens 1 einen Tritt in den Unterleib
mindestens 13 wurden getreten
mindestens 29 wurden geschlagen
mindestens 2 beworfen
mindestens 16 getreten
mindestens 4 erhielten einen Kopfstoß
mindestens 4 wurden mit einem Samuraischwert attackiert
und mindestens 3 erhielten einen Faustschlag ins Gesicht

Mindestens 78 Polizeibeamte wurden Karneval durch Gewalteinwirkung verletzt:

davon waren 10 im Anschluss dienstunfähig, mindestens für den Rest der Schicht, meistens länger
davon waren 9 krankenhausreif verletzt, mindestens für eine amulante Behandlung, aber auch stationär
mindestens 1 Polizeibeamter trug Verletzungen an Handgelenk und Knie davon
mindestens 1 Polizeibeamter trug Messerschnitte auf dem Handrücken davon
mindestens 1 Polizeibeamtin erlitt eine Gehirnerschütterung
mindestens 1 Polizeibeamten wurde der Daumen gebrochen
mindestens 1 Polizeibeamtin wurde mit Verdacht auf Jochbeinbruch ins Krankenhaus eingeliefert
mindestens 1 Polizeibeamter erlitt einen Oberarmbruch
mindestens 1 Polizeibeamter bekam einen Riss auf dem Handrücken beigebracht und
mindestens 1 Polizeibeamter erlitt einen Handbruch

Mindestens ein Diensthund wurde tierklinikreif getreten.

Mindestens 103 Polizeibeamte litten durch verdorbene Verpflegung an einer Lebensmittelvergiftung. (Nicht in der folgenden Grafik enthalten.)

 

Im Vergleich mit den letzten beiden Jahren bietet sich in den Grafiken folgendes Bild.

 

Und noch eine Grafik:

Man wundert sich ein wenig, weil in dieser Grafik die Übergriffe gegen Polizeibeamte im Vergleich zu den Vorjahren angestiegen zu sein scheinen. Wie ich diese Zahlen errechne und was sie letztlich aussagen, habe ich vor einiger Zeit einmal für alle entsprechenden Berechnungen zusammengefasst: Grundsätzliches zu meinen Zahlen.

Wie gewöhnlich müssen aus den dort genannten Gründen die Zahlen noch weit nach oben korrigiert werden.

Allerdings kann dennoch der Eindruck vieler Pressesprecher durchaus stimmen, dass Karneval im Vergleich zum Vorjahr deutlich ruhiger war. Es ist durchaus möglich, dass die Aktionen der Polizeigewerkschaften sowie Initiativen wie „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ mittlerweile eine solche Aufmerksamkeit, auch in der Öffentlichkeit, erregen, dass solche Meldungen eher veröffentlicht werden als früher. Wie auch immer die Sache aussieht – jeder verletzte Polizist ist einer zuviel.

Die einzelnen Pressemitteilungen können in der Galerie der Gewalt eingesehen werden. Alle, die den oben genannten Zeitraum betreffen und mit „Karneval2012“ getaggt sind, stecken in dieser Berechnung. Die Meldungen, die vor diesem Zeitraum liegen, habe ich rausgerechnet (Karneval wirft ja einen langen Schatten voraus).

Abschließend lasse ich noch den Pressesprecher der PD Konstanz zu Worte kommen, der jenen, die Polizeibeamten an Karneval Humorlosigkeit vorwerfen, mitgegeben hat:
„Während Einsatzkräfte der Polizei einerseits ernste Lagen zu bewältigen hatten, konnten dies ’superlustige‘ alkoholisierte Personen fast nicht verstehen. (PM der PD Konstanz vom 16.02.2012)“

Auch an Karneval sind Denken und Eigenverantwortung erlaubt!

Allen Polizeibeamtinnen und -beamten, die über die tollen Tage im Einsatz waren mein licher Dank. Und allen, die verletzt wurden, meine besten Genesungswünsche!

 

 

4 Comments

  • Hans-Gerd Birkholz
    25. Februar 2012 - 21:13 | Permalink

    Hallo!
    Die Tendenz ist, wie erwartet, ansteigend.
    Hast du aber entsprechende Pressemitteilungen aus NRW?
    Wenn ich nicht ganz falsch liege ist die Internetseite NRW offline, oder?

    • 26. Februar 2012 - 10:12 | Permalink

      Die Polizei NRW sendet Pressemitteilungen auch über ein Presseportal heraus, das na-Portal. Das funktioniert sehr zuverlässig. Insofern ist NRW voll enthalten. Und wie gesagt, das mit der steigenden Tendez KANN man aus den im verlinkten Artikel genannten Gründen nicht aus meinen Zahlen herauslesen. Dafür ist die Datenbasis nicht breit genug! Deswegen überlasse ich solche Aussagen lieber jenen, die die PKS-Zahlen komplett vorliegen haben. Wobei es mich nicht überraschen würde, wenn es steigen würde.

  • friederike
    26. Februar 2012 - 14:01 | Permalink

    Also ich kapiere nicht, wieso die Pressemitteilungen der Polizei davon sprechen, dass der Karneval in 2012 friedlicher war. Hat man sich bei der Polizeit inzwischen ein dickeres Fell zugelegt, so dass man diese Übergriffe nicht mehr so schwer einschätzt?
    Meinetwegen könnte der Karneval abgeschafft werden. So viel alkoholisierter Mob auf den Straßen ist ja inzwischen wirklich beängstigend. Aber wenn man in Deutschland derartigen Spaß einschränken will, wird das ja als Hochverrat behandelt.

    • 26. Februar 2012 - 14:25 | Permalink

      Ich weise an dieser Stelle noch einmal auf den im Blogbeitrag erwähnten und verlinkten Artikel „Grundsätzliches zu meinen Zahlen“ hin. Auf den verlinke ich immer, um mich nicht in extenso wiederholen zu müssen. Ich fasse das aber noch mal kurz zusammen. Meine Zahlen sind aufgrund diverser Mängel keine statistische Grundlage, auf der man Trends ablesen könnte. Dafür ist die Datenbasis einfach viel zu klein und zu sehr abhängig von persönlichen Geschmäckern der Polizeipressesprecher.

      Bei den hier aufgeführten Gewaltakten handelt es sich nicht um restlos alle, die tatsächlich stattgefunden haben, sondern lediglich um die, die a) veröffentlicht und b) von mir gefunden wurden.

      Um es noch einmal deutlicher zu machen: allein in Berlin finden pro Tag um die 3.600 Straftaten statt. Die können gar nicht alle in die Presse. Mal ganz abgesehen von ermittlungstaktischen und persönlichkeitsrechtlichen Gründen würde die Presse in der schieren Masse ersaufen. Es landen etwa zehn Straftaten am Tag via Pressemitteilung in der Öffentlichkeit. Es liegt auf der Hand, dass somit auch nicht alle Gewaltakte gegen Polizeibeamte veröffentlicht werden (können).

      Meine Zahlen beruhen also auf von Dritten (Polizeipressesprechern) willkürlich ausgewählten Meldungen. Diese Auswahl erfolgt nach Vorgaben des jeweiligen Präsidiums (es gibt Polizeidienstellen, bei denen man in den Pressemeldungen NIEMALS Gewalt gegen Polizeibeamte findet, wenn man aber mal einen Polizisten aus der Gegend trifft und befragt sieht die Sache schon ganz anders aus) bzw. auch nach Erfordernissen, in wie weit und womit man in der Presse eigentlich stattfinden möchte. Das ist nämlich über Pressemitteilungen durchaus steuerbar. Insofern können meine Zahlen zwar vielleicht eine Tendenz zeigen, aber keine valide statistische Aussage darüber machen, ob es nur mehr Gewalt gab oder weniger. Das gibt meine Datenbasis definitiv nicht her. Man kann sich damit lediglich ein Bild machen, wie verbreitet das Problem der Gewalt gegen Polizeibeamte eigentlich ist.

      Auf Karneval 2012 bezogen heißt das zwar, dass mehr Gewaltakte gegen Polizisten bekannt gemacht worden sind als in den Vorjahren, das heißt aber nicht, dass auch tatsächlich mehr stattgefunden haben. Ich rede jetzt ganz trennscharf nur vom Zeitraum „Karneval 2012“. Dass die Gewalt gegen Polizisten an sich ansteigt, und zwar drastisch, belegen ja die Kriminalstatistik, die Untersuchungen der KfN und die Untersuchungen einzelner Dienststellen. Darüber brauchen wir auch gar nicht zu reden.

      Es gab übrigens offenbar wirklich einige Kommunen, in denen Karneval tatsächlich friedlich verlaufen ist. Warum sollte die Polizei dann etwas anderes in ihre Pressemitteilungen schreiben? Und wenn bei einer Großveranstaltung, wie einigen Umzügen im Ruhrgebiet, etwa 80.000 Menschen dabei waren und davon haben zehn sich gewalttätig gezeigt, dann sind immer noch 79.990 Menschen übrig, die eben nicht gewalttätig waren.

      Alle Städte, deren Namen nicht den 168 von mir in der Galerie mit Gewalt getaggten Pressemitteilungen auftauchen, haben keine Meldungen über Gewalt gegen Polizeibeamte herausgebracht. Das kann (muss aber nicht) durchaus daran liegen, dass es dort schlicht keine Gewalt gegen Polizeibeamte gab. Zum Teil lag das auch sicherlich daran, dass die Polizei ein ziemlich klares und sehr niederschwelliges Eingriffskonzept gefahren hat und deswegen Eskalationen schon im Keim erstickt wurden.

      Insofern ist es durchaus möglich, dass eine Presseabteilung der Polizei von einem ruhigen Verlauf spricht, weil der Verlauf einfach ruhiger war.

      Ich weiß nicht, ob der Aachener Polizist, der selbst Karnevalsprinz war, Deine Einschätzung zur Abschaffung dieser Festivität teilen würde…

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