Passend zur Jahreszeit

Passend zur Jahreszeit möchte ich heute mein bereits erwähntes Weiberfastnachtserlebnis mit zwei Polizisten ein wenig ausführen. Bisher habe ich es lediglich in Hinblick darauf erwähnt, dass auch ich mir schon einmal Dienstausweise habe zeigen lassen (oder waren es damals Dienstmarken?   Ist so lange her…). Aber es ging ja noch weiter.

Ich war also 16 und ging noch zur Schule. Meine Clique und ich hatten ein sehr ausgefeiltes Karnevalsprogramm erarbeitet, das zwischen Weiberdonnerstag, 8 Uhr, und Veilchendienstag, 22 Uhr, im Grunde keine Pausen beinhaltete. Smilis Es begann Donnerstag mit der Party in der Schule. Danach ging es mit Schulfreunden per Bahn zwei Orte weiter. Von diesem Bahnhof war eine Wanderung von ca. 45 Minuten strammen Schrittes bergauf zu bewältigen, um den ersten Umzug der Umgebung zu erleben. Anschließend gingen alle in die örtliche Festhalle, wo dann bis weit nach Mitternacht gefeiert wurde. Es sei denn natürlich, man war noch minderjährig. Abgesehen davon, dass unsere Eltern sich damals ausreichend für uns interessiert haben, um uns zu angemessenen Uhrzeiten wieder daheim sehen zu wollen, waren wir ja auch auf die Bahn angewiesen. Der letzte Zug in meine Kleinstadt fuhr gegen kurz vor zehn. Also war klar, dass um neun Uhr abends die Festhalle verlassen werden musste…

…theoretisch.

Nun war ich damals schon ebenso interessiert an den Menschen wie heute und kam mit Gott und der Welt ins Gespräch, habe abgetanzt bis die Schuhsohlen qualmten und angesichts meiner bereits erworbenen Rückfahrkarte mein Schwerdonnerstagsbudget verballert bis auf den letzten Pfennig.

Vielleicht hätte ich auch mal auf die Uhr gucken sollen.

Andererseits war ich auch irgendwie der Ansicht, meine Freunde würden schon nicht ohne mich abhauen.

Tja…

Danach waren es auch nur noch Bekannte…

Jedenfalls, als ich dann irgendwann auf die Uhr schaute, blieb mir fast das Herz stehen. Keine Chance mehr, den Zug zu erreichen. Um mich herum Leute, die ich nicht kannte oder die nahezu bis zum Verlust der Muttersprache betrunken waren. Die nächste Telefonzelle mindestens 20 Fußminuten entfernt und in einer der finstersten Gassen, die das Dorf so aufzufahren hatte. Handys waren noch nicht mal angedacht.

Scheiße!

„Was soll ich denn jetzt machen?“

Als dann die beiden Polizisten den Festsaal betraten, fiel mir ein Stein von den Ausmaßen des Mont Blanc vom Herzen. Die würden mir helfen.

Für jene, die den betreffenden Blogbeitrag nicht gelesen haben, hier eine Wiederholung der Ereignisse:

Da ich einen Mitschüler hatte, dessen Onkel ihm für unsere Auftritte im Rahmen der Schultheater AG seine originale Polizeiuniform geliehen hatte, war ich mir einfach nicht sicher, ob diese beiden Polizisten nun echt waren. Also beglückte ich sie mit der „Wenn-Du-einen-Polizeibeamten-an-Karneval-mit-abgegriffenem-Blödsinn-nerven-willst-nimm-diese“-Frage: „Seid Ihr echt oder verkleidet?“

Sie sahen mir aber an, dass ich jung und verzweifelt war, also wiesen sie sich einfach aus und fragten nach meinem Problem. Ich erklärte es ihnen und fragte sie, ob sie mir ein Taxi herbeifunken könnten. Darüber hinaus konnte ich nur hoffen, dass meine Mutter genug Bargeld daheim haben würde, um das Taxi zu bezahlen.

„Wo wohnst Du denn?“ … „Ach da, ja, dann nehmen wir Dich eben mit. Da müssen wir jetzt eh Streife fahren.“

Fünf Minuten später saß ich in einem waschechten Streifenwagen.

Wow! Wow! Wow!  Smilis

Für mich als Fan von Mareike Carrière als Ellen Wegener im Großstadtrevier (Na, wer erinnert sich noch? Wie ist denn hier so das Durchschnittsalter der Mitlesenden….  ) war das natürlich der Hammer.

Die Fahrt begann sehr lustig, denn mich hatten da zwei typische rheinische Schlappmäuler aufgelesen. Da wurden einige Witzchen gerissen. Manche mit durchaus ernstem Hintergrund, denn dass meine Clique mich da einfach so allein gelassen hatte, fanden die beiden ziemlich daneben.

Trotzdem kam der Moment, an dem meine Erleichterung, so schnell geholfen zu bekommen, und meine Aufregung, in einem Streifenwagen durch die Gegend chauffiert zu werden, der Realität Platz machten – die da ganz einfach lautete: Meine Mutter würde nicht begeistert sein. Nach allem, was wahrscheinlich war, wäre diese Karnevalssession damit für mich beendet.

„Alles klar dahinten? Du bist plötzlich so still.“

Nee, irgendwie war nichts mehr so richtig klar. Mit jedem Meter, den wir uns meiner Haustür näherten, hatte ich die Hosen ein Stück voller. Meine Mutter war nicht unbedingt streng. Aber konsequent. Was ja heutzutage gerne verwechselt wird.

Na ja, wo ich aber schon mal so nett gefragt wurde, rückte ich auch mit meinen Befürchtungen heraus. Die beiden tauschten einen kurzen Blick. Dann:

„Überlass das mal uns!“

Kaum fuhren wir daheim vor, bekam ich die Anweisung:

„Versuch mal, zerknirscht zu gucken!“

Wir stiegen alle aus, die beiden nahmen mich in ihre Mitte und so stellten wir uns vor unsere Haustür.

„Wir gucken jetzt auch mal böse.“

Das gelang ihnen ziemlich gut. Fast hätte ich Angst vor ihnen bekommen, obwohl sie doch bis vor einer Sekunde ausgesprochen gut gelaunt und locker gewirkt hatten.

Einer der beiden drückte auf den Klingelkopf. Schritte. Meine Mutter öffnete die Tür und…

sah ziemlich schockiert aus.

Kein Wunder! Welche Mutter sieht schon gerne ihr kräftig pubertierendes Töchterchen mit Leichenbittermiene zwischen zwei ausgewachsenen Polizisten vor der Tür stehen? Was soll man da auch denken?

„Was hast Du angestellt?“

Oha, jetzt wurde es brenzlig. Ob die Idee meiner Begleiter wirklich so gut gewesen war?

„Nichts“, sagte einer der beiden. Sein Gesichtsausdruck war auch wieder freundlich. Er erklärte meiner Mutter, was passiert war. Und er legte ihr nahe, mich jetzt nicht für den Rest von Karneval von den Vergnügungen auszuschließen.

„Ihre Tochter hat alles richtig gemacht. Sie hat sich nicht von einem Betrunkenen heimfahren lassen, sondern genau die Richtigen gefragt. Das passiert ihr bestimmt nie wieder.“

„Ich denke darüber nach.“

Mehr hätte ich vor den Augen Außenstehender nicht bekommen. Soviel war klar. Die beiden Polizisten verabschiedeten sich freundlich von mir.

„Wenn es Probleme gibt, ruf uns an. 110… “

Ein Augenzwinkern.

Weg waren sie.

Aber ihr Eindruck war bleibend, denn meine Mutter sagte:

„Die beiden haben Recht. Gut, dass Du die Polizei gefragt hast. Also dann viel Spaß morgen. Aber in die Schule wird morgen gegangen.“

 

Übrigens passierte mir das wirklich nicht mehr. In diesem Jahr. Im darauffolgenden Jahr aber schon. Da wurde ich dann von der Feuerwehr heimgefahren. Im Löschzug. Das fand ich auch ziemlich cool. Meine Mutter äußerte dazu jedoch nur noch trocken: „Wenn Du nächstes Jahr im Krankenwagen heimgefahren wirst, komm bitte nicht im Liegen.“

Ab dem Jahr darauf hatte ich allerdings das Problem nicht mehr. Da hatten schon einige meiner Freunde ein Auto. Bei denen, die genug Verstand in der Birne hatten, nicht besoffen zu fahren, fuhr ich mit. Da brauchte ich keine Blaulichter mehr. Aber vergessen habe ich das nie und ich bin sicher, dass meine Sympathien für Blaulichter aller Art durchaus eine Folge meiner Jugenderlebnisse sind.

 

Noch ein witziger Nachklang. Neulich traf ich unsere damalige Nachbarin im Supermarkt. Wir tauschten eigentlich nur aus, was wir in den letzten Jahrzehnten so aus unserem Leben gemacht hatten. Gegen Ende des Gespräches, als wir schon im Begriff waren, wieder unserer Wege zu gehen, neigte sie sich vertraulich zu mir rüber:

„Sag mal. Jetzt ist das doch so lange her. Quasi verjährt. Jetzt kannst Du mir doch endlich sagen, was damals wirklich los war, als Dich die Polizei heimgebracht hat.“

Innerlich bin ich fast erstickt vor Lachen.

„Ich habe wirklich einfach nur den Zug verpasst.“

Irgendwie wirkte sie enttäuscht.

Im Augenblick arbeite ich an einer Geschichte. Falls wir uns noch einmal treffen. Wenn es sie glücklicher macht, kann ich ihr gerne erzählen, wie ich volltrunken mit einer Flasche Wodka unter dem Arm von einer Streife dabei erwischt wurde, wie ich in den Pfarrgarten des Dorfes gekotzt habe. Smiely Wie ich die Polizeibeamten beleidigt, bespuckt und bedroht, ihnen meine Fingernägel durchs Gesicht gezogen und im Anschluss nochmal in den Streifenwagen gekotzt habe. Die Versuchung ist überwältigend. Den Verein habe ich dann aus tiefer Reue gegründet.

Andererseits gefällt es mir viel besser, wie es wirklich war. Einfach weil es zeigt, was der Untertitel des Vereins ist. Menschenrechte gelten auch für Polizeibeamte – weil sie Menschen sind.

4 Comments

  • Moritz Wolle
    18. Februar 2012 - 13:19 | Permalink

    Haha xDDD Witzige Geschichte ;) Ich wurde bisher nur in Feuerwehr und einmal in nem Rettungswagen rumkutschiert ;) Das eine mal vom Feuerwehrfest nach Hause und das andere beim gebrochenen Bein in eine Spezialklinik (war in Italien) :D

    • 18. Februar 2012 - 13:24 | Permalink

      Krankenwagen hatte ich auch schon mal…. mit Nierenkolik. Aber nicht an Karneval…

  • Michael
    19. Februar 2012 - 10:32 | Permalink

    danke – schöne Geschichte !

  • Hans-Gerd Birkholz
    19. Februar 2012 - 21:42 | Permalink

    Super! Da sieht man mal, dass wir nicht nur „A….loöher“ sind!
    Aber übrigens: Die „Normakbürger“ sehen das so wie du und ich!
    Es gibt aber nunmal einen Prozentsatz, würde mich mal interessieren wie hoch der ist, dier ständig am Polizeidienst „rummäkelt“!

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