Fremdbloggen: Eine Polizistin zum Thema Schusswaffengebrauch

Folgenden schriftlichen Dialog zwischen der Polizei-Poetin Janine Binder und einem ihrer Leser fand ich in Janine Binders Blog. Ich fand ihn sehr berührend und möchte ihn gern hier weitergeben. Diese Worte bedürfen in meinen Augen keines weiteren Kommentars.

Frage an Janine Binder:

Hast Du jemals auf Menschen geschossen? (Diese Frage ist vielleicht ein bisschen forsch gestellt. Vernachlässige sie oder schreibe mir vielleicht später oder auch nie. Ist Deine Sache. Danke.)

Antwort von Janine Binder:

Die Frage ist keineswegs forsch gestellt, sie kommt recht häufig, obwohl ich mich da immer frage, was für Vorstellungen der Bürger so von meinem Job hat. Ganz ehrlich, wenn ein Polizist auf einen Menschen schießt, dann steht das am nächsten Tag in der Zeitung und zwar nicht im Regionalblättchen, sondern ganz groß. Jetzt überleg mal, wie oft du in der letzten Zeit von so etwas gehört hast und wieviele Polizisten es gibt. Wie wahrscheinlich ist es also, daß ein Polizist irgendwann in seinem Dienst auf einen Menschen schießen muß? Nicht soooo wahrscheinlich, oder?
Aber um die Frage auch ordentlich zu beantworten, nein, habe ich noch nicht. Ich hoffe, daß es dabei bleibt. Im letzten Jahr haben zwei sehr junge Kollegen aus meiner Dienstgruppe auf einen Menschen schießen müssen, der zuvor eine Kollegin, ebenfalls aus meiner Dienstgruppe, angeschossen hat. Ich war in dieser Nacht lediglich nicht dabei, weil ich krank zu Hause im Bett lag. Die Veränderungen an den Kollegen, die geschossen haben und der verletzten Kollegin zu beobachten, war sehr tragisch und es stimmte mich sehr nachdenklich. Ich denke, daß einen solchen Einsatz niemand so leicht wegsteckt, egal, wie cool er sonst so ist. Die im Fernsehen oft propagierte Vorstellung vom coolen, wild um sich ballernden Cop, ist also zumindest für die Kollegen, mit denen ich gearbeitet habe nicht zu treffend und ärgert mich immer auch ein wenig. Ein Schuß auf einen Menschen ist nämlich viel mehr, als nur ein leichtes Rucken des Fingers am Abzug. Er löst viel mehr aus, als nur die Pulverladung in der Patrone.

Quelle:
http://janinebinder.wordpress.com/2012/01/19/leserfragen/#comments

Die Geschichten von Janine Binder sowohl bei den Polizei-Poeten als auch in ihrem neuen Buch „Seine Toten vergisst man nicht“ kann ich jedem nur empfehlen.

lichen Dank an Janine Binder für die Erlaubnis, das hier zu veröffentlichen.

10 Comments

  • Hans-Gerd Birkholz
    24. Januar 2012 - 22:52 | Permalink

    Ich habe auch in den 35 Dienstjahren glücklicherweise noch nie auf enen Menschen oder ein Tier schiessen müssen.
    Ich hoffe das dies auch nie geschehen wird, denn ich weiss nicht, wie ich, besonders bei Menschen, damit zurechtkommen würde!

    Aber wie Janine schon sagte: Diese Frage wird mir häufig gestellt!
    Mir geht es ebenso, aber nicht von Erwachsenen, sondern von Kindern im KiGa oder der Schule. Hier hört man immer wieder: Wieviele Diebe und Räuber hast du schon erschossen?
    Ich frage mich manchmal, wo hier die Eltern sind, die solche Fragen erst garnicht aufkommen lassen!
    Sitzen die Kinder eigentlich vor dem Fernsehn, wenn Sendungen wie z.B. „Cobra11“ laufen?
    Sollten sie da nicht längst im Bett sein?

    • 25. Januar 2012 - 08:28 | Permalink

      Tja, in einem Zeitalter, in dem Eltern nicht mehr Eltern sein wollen, sondern die Freunde ihrer Kinder, ist das eine Art vorn Erziehung, die längst out ist…. aber die Elternrolle ist halt auch anstrengend, weil man Diskussionen führen muss, weil man Grenzen setzen muss…

      Ach ja, das Thema Erziehung in Deutschland ist mittlerweile ein weites und trauriges Feld. Ich persönlich habe nicht mal was dagegen, wenn Eltern ihre Kinder vor Cobra 11 setzen. Immerhin kommt die Polizei da als „die Guten“ rüber. Schöne wäre nur, wenn das hinterher mal thematisiert würde, dass es auf deutschen Autobahnen mitnichten so zugeht, wie weiland bei Rambo im Feld…

  • Hans-Gerd Birkholz
    25. Januar 2012 - 21:28 | Permalink

    Oh doch, es geht manchmal so zu! Ich hab auch mal gedacht, dass dies absolut übertrieben ist.
    Aber wenn du allein diese Jahr nimmst, haben sich bereits mindestens 2 Massenunfälle, der letzte bei Cloppenburg auf der A1, ereignet! Zwar nicht so spektakulär und nicht mit anschliessender Verfolgungsjagd! Aber beim letzten mindestens 50 Fahrzeuge!
    Hier sei den Angehörigen und Beteiligten mein Beileid, bzw, meine besten Genesungswünsche ausgesprochen! Auf das ich nie in solch eine Situation gerate, denn du bist absolut hilflos und um dich herum kracht es nur!

    • 28. Januar 2012 - 16:53 | Permalink

      Was ich meinte, ist, dass es nicht der Normalzustand ist. Oder ist es seit neuestem doch so, dass man nur schnell genug zu fahren braucht, damit man der Polizei entkommt? Oder ist es etwa normal, dass Wagen einmal am Tag in einem Feuerball explodieren?

      Damit meine ich keine Massenkarambolagen. Dass es immer Leben immer Ausnahmesituationen gibt, liegt für mich auf der Hand. Die Massenkarambolage neulich in Meck-Pomm wegen eines plötzlichen Sandsturms hat ja auch tatsächlich stattgefunden. Normal ist das aber zum Glück nicht.

      Mir ging es bei meinem Kommentar um Menschen, die glauben, das Leben sei wie im Fernsehen, und die deshalb diese Ausnahmesituationen bewusst herbeiführen. Das halte ich weiterhin für ein absolutes Erziehungsdefizit.

      Das stellt in keinster Weise in Abrede, dass Ihr in Euren Jobs täglich Ausnahmesituationen erlebt. Aber es wäre doch sehr schön, wenn Ihr wenigstens die nicht mehr an der Backe hättet, die durch entsprechende Vollpfosten bewusst herbeigeführt werden, oder?

  • Manus
    27. Januar 2012 - 20:43 | Permalink

    Das muss nicht einmal von Sendungen wie „Cobra 11“ oder so kommen. Kinder gehen mit dieser Sache anders um. Der Jäger erschießt den Wolf in Rotkäppchen (z.B.), also der Gute erschießt den Bösen. Das wird von Kindern anders umgesetzt als von Erwachsenen.

    Dass ein Erwachsener diese Frage stellt, dürfte doch eher selten vorkommen. Jedenfalls wünsche ich keinem PB, in die Situation zu kommen, auch nur die Waffe ziehen zu müssen – geschweige denn, sie einzusetzen.

    Auch ich finde es gut, dass Janine Binder der Veröffentlichung zugestimmt hat. Danke.

    • 28. Januar 2012 - 16:56 | Permalink

      Eben, Manus. Kinder gehen mit dieser Sache anders um. Eben deshalb müssen Eltern mit ihnen reden, wenn sie solche Sachen im Fernsehen sehen.

      Deinen Wünschen für die Polizeibeamten schließe ich mich aus tiefstem Herzen an.

  • Hans-Gerd Birkholz
    2. Februar 2012 - 21:34 | Permalink

    Ich hatte heute ein interessantes Erlebnis:
    Sollte normalerweise Verkehrserziehung mit dem Verkehrssicherheitsberater machen. Dieser war aber plötzlich erkrankt. Ich wurde aber trotzdem gebeten dazubleiben und mit den zukünftigen Schulkindern ein wenig zu reden usw.!
    Es begann mal so wie üblich: Wieviele Diebe, Räuber usw. hast du denn schon erschössen?

    Ich bemerkte, dass ein Kind nicht interessiert war und quasi in die Luft schaute. Von mir kam das Stichwort „Hans guck in die Luft“!

    Und siehe da, es gibt noch Kinder, die die alten Geschichten vom „Struwwelpeter“ kennen!

  • sumo
    3. Februar 2012 - 19:23 | Permalink

    Ich bin froh, daß ich noch nie schießen mußte!
    Es gibt mehrere Gründe dafür:
    Natürlich ist es schön, niemanden töten oder verletzen zu müssen.
    Weiterhin ist es schön, die bisweilen kritische Lage bei Einsätzen mit milderen Mitteln in den Griff zu bekommen.
    Nun kommt ein Argument, welches wohl nur Polizisten nachvollziehen können: Es ist ganz einfach Wahnsinn, was auf einen Kollegen zukommt, der mal geschossen hat und jemanden verletzt/getötet hat! Es ist ein extremer Aufwand der da getrieben wird! Einerseits ist das richtig, andererseits gehen die Einzelheiten komplett durch die Medien, und da auch durch die polizeiUNfreundlichen Medien, durch Zeitungen und Internetblogs usw., die den Betroffenen dann nahezu ungestraft zum medialen Abschuß freigeben.
    Ein Kollege darf sich dann vor Gericht verantworten für eine in extrem kurzer Zeit getroffene Entscheidung, das Nachspielen der Einsatzsituation am Grünen Tisch kann dann viel länger dauern.
    Schuld ist der „Bulle“ allemal, und selbst bei Freispruch bleibt es bei einem unguten Gefühl, denn die Personalien sind bekannt, und uns ist nicht jeder wohlgesinnt.
    Ich bin wirklich froh, noch nie in diese Lage gekommen zu sein.

  • Moritz Wolle
    3. Februar 2012 - 20:30 | Permalink

    Wow. Wahre Worte mit Gänsehaut :)

  • Hans-Gerd Birkholz
    7. Februar 2012 - 21:24 | Permalink

    Du lebst immer mit dem, was du erlebt hast Für PB, die in Extremstruationen gehandelt haben, ist dies besonders schlimm, besomders, wenn es fast ein Jahr dauert bis der Prozess stattfindet!
    Aber abgesehen davon:
    Man macht normal Dienst und wird dann von einer Person angesprochen, die nur was mitteilen möchte, was ihr Sorgen macht. Innerhalb dieses Gesprächs kommen plötzlich alle „Erlebnisse“, die man im Dienst hatte, wieder zum Vorschein!
    Komisch irgendwie, aber man merkt, dass das Gehirn irgendwie alles abspeichert, l
    Ich glaube nicht, dass ein Mensch sagen kann, dass er Alles aus seinem Gehirn gelöscht hat, denn ich erinner mich noch genau an die schlimmsten Ereignisse im Dienst!

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