Umgang mit Arbeitnehmern im Sozialstaat

Stellen wir uns einmal ein Unternehmen vor, eine Aktiengesellschaft. Die Branche ist egal.

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei Vollzeitangestellten beträgt 41 Stunden. Es kann auch mal mehr werden, wenn der anstehende Papierkram wegen hoher Arbeitsbelastung nicht in der vorgesehenen Arbeitszeit abgearbeitet werden konnte.

Zusätzlich fallen auf regelmäßiger Basis Überstunden an, z.B. wenn einige Aktionäre sich dafür entscheiden, ein sportliches Event durchzuführen, an dessen Gelingen die Mitarbeiter unserer AG ungefragt beteiligt werden. Oder wenn ein hoher Würdenträger das Unternehmen besucht. Manchmal werden diese Überstunden sogar bezahlt, aber nicht immer.

Die Überstunden können sich auch schon einmal auf 30 Stunden an einem Wochenende summieren. Die Arbeitnehmer dieses Unternehmens wohnen oft, besonders aber während der Zeit der angeordneten Überstunden, nicht daheim. Die Unterkünfte, die ihnen gestellt werden, sind nicht immer unbedingt an neuesten hygienischen Standards orientiert. Manchmal teilen sie sich auch zu viert ein Zimmer. Schließlich kann kein Mensch 30 Stunden am Stück arbeiten.

Oft werden unsere Angestellten im Laufe des Arbeitstages von einigen ihrer Aktionäre beleidigt und beschimpft. Sie werden als „Dreckskerl“, „Scheißkerl“, „Schwein“, „Arschloch“ und so weiter bezeichnet. Weibliche Angestellte hören auch hier und da die Vokabel „Fotze“.

Die Manager unserer Aktiengesellschaft kümmert das nicht. Im Gegenteil entfleucht ihnen auch hier und da eine verbale Entgleisung, wenn auch einen Tick subtiler.

Die Angestellten unserer Aktiengesellschaft leben gefährlich. Es gibt Untersuchungen, nach denen 6,25% der Belegschaft jedes Jahr verletzt werden. Übrigens auch von Aktionären. Nur eine Minderheit natürlich, aber die große Mehrheit schweigt dazu. Viele wissen es auch gar nicht und manchen ist es wurscht. Einige wenige finden auch, sie seien es selbst schuld. Wer hat sie gezwungen, den Arbeitsvertrag mit unserer AG zu unterschreiben?

Dennoch fordern einige Aktionäre, dass die Arbeitnehmer ihre „Vermummung“ ablegen, die diese zu ihrem Schutz tragen. Das hat damit zu tun, dass gegen etwa 1% der Arbeitnehmer ein in den meisten Fällen unbewiesener Vorwurf besteht, ihrerseits gewalttätig zu sein. Das rechtfertigt in den Augen spezieller Aktionäre, das Verletzungsrisiko der anderen, die ihre Arbeit einwandfrei und gewissenhaft erledigen, anwachsen zu lassen.

Manche Manager sehen das auch so.

Es gibt einige Aktionäre, die die Job-Description unserer Angestellten nicht so gut kennen und deswegen glauben, diese würden ihre Arbeit nicht korrekt verrichten. Um das zu zu beweisen, filmen sie die Arbeitenden, und laden die Filme später im Internet hoch. Dort kommentieren andere Aktionäre, die ebenfalls die Job-Description nicht kennen, die Arbeit unserer Arbeitnehmer auf das Abfälligste. Auch fallen gern Beleidigungen. Manchmal werde die Filme auch so geschnitten, dass ein Fehler zu sehen ist, auch wenn ursprünglich gar keiner gemacht wurde.

Diese Aktionäre erhalten Rückendeckung von einigen Managern, die es ebenfalls nicht nötig haben, sich zu erkundigen, was tatsächlich die Arbeit unserer Belegschaft ist. Sie bezeichnen es als „Transparenz“, diese Filme ins Internet hochzuladen.

Zudem fordern diese Aktionäre, dass unsere Arbeitnehmer sich für alle sichtbar und eindeutig mit ihren Namen kennzeichnen. Die Gewerkschaftsvertreter im Unternehmen halten das für keine gute Idee. Sie befürchten, dass jene Aktionäre, die ihre Angestellten nicht mögen, diesen und ihren Familien Schwierigkeiten bereiten könnten. Es ist auch schon vorgekommen, dass dem einen oder anderen Arbeitnehmer von einem unzufriedenen Aktionär die Reifen des Autos aufgestochen wurden. Auch Stalking-Fälle sind bekannt geworden, sowie Fälle, in denen ein Angestellter nachts daheim aufgesucht und bedroht wurde. Verständlicherweise haben deswegen viele der Angestellten Angst vor der Kennzeichnung. Diese Ängste werden mit den psychologisch sehr wertvollen Worten vom Tisch gewischt, sie seien unbegründet.

Manche der Aktionäre, die dieses Problem einsehen, fordern, dass sich die Angestellten dann eben mit Nummern kennzeichnen sollen. Man könne dann entsprechende Listen anlegen. Dafür müssten dann allerdings Daten, die von Haus aus in die Personalabteilung gehören, außerhalb dieser zirkulieren.

Auch dieser datenschutzrechtlich ausgesprochen bedenkliche Aufwand wird mit den Anzeigen gegen das eine Prozent der Belegschaft gerechtfertigt.

Unvorstellbar, solche Zustände in einem Sozialstaat nach dem Zuschnitt der Bundesrepublik? Zumindest unvorstellbar, dass nicht Medien, Gewerkschaften und Sozialpolitiker angesichts eines derartigen Umgangs mit Arbeitnehmern aufheulen und auf die Straße gehen? Können in einem Rechtsstaat das informationelle Selbstbestimmungsrecht und der Datenschutz derartig mit Füßen getreten werden?

Oh ja, das geht! Und zwar mitten in Deutschland.

Wenn ein Discounter seine Angestellten zu Kontrollzwecken filmt, heult die Republik auf. Zu Recht! Unbezahlte Überstunden gelten ebenfalls als Rückfall in den Steinzeitkapitalismus. Arbeitsschutzgesetze werden penibelst eingehalten.

Es handelt sich hier lediglich um ein Bild. Die AG steht für die Bundesrepublik, die Aktionäre sind die Bürger und die Manager die Politiker. Und die Angestellten in meinem Bild sind die Polizeibeamten, die auf täglicher Basis für Politiker und Bürger den Kopf hinhalten.

„Moment mal“, wird mir jetzt der eine oder andere an den Kopf werfen, vor allen Dingen, wenn er kapitalismuskritisch veranlagt ist: „Ich hab gar keine Anteile an diesem Staat und ich krieg auch nichts dafür.“

Nein? Du benutzt nicht unsere öffentlichen Straßen? Eingebautes Höhenruder? Du warst auf einer Privatschule? Aha! Und nicht zu vergessen, Du kannst nachts vor allen Dingen deswegen noch auf die Straße gehen, weil der Staat Dir öffentliche Sicherheit bietet.

Allerdings stellt sich bei vielen wirklich die Frage, was sie wohl schon als Gegenleistung dafür geboten haben!

Wer meine Darstellung der Arbeitszeiten nicht glauben will, kann ja mal den nächsten Polizeibeamten fragen, der ihm auf Fußstreife begegnet. Wenn man ihn nicht gleich mit einer Beleidigung begrüßt, wird er sich sicherlich gerne Zeit für eine kurze Aufklärung nehmen.

Und zum Thema Mobbing: Hat schon einmal jemand gehört, dass ein Politiker sich gegen Bezeichnungen wie „Drecksbu***“ und Co. für Polizisten verwahrt hat? Ich will fair sein. Ich habe es sogar schon einmal gehört. Leider nie von ganz oben. Und nie so laut, dass es aufgefallen wäre.

Wäre das nicht etwas für die nächste Weihnachtsansprache, Frau Bundeskanzlerin? Ein paar Worte zum Thema „gepflegter Umgang mit Polizeibeamten“? Kostet nicht mal was…

Es werden pro Tag im Schnitt 48 Polizeibeamte in Deutschland durch Gewalteinwirkung verletzt. Das macht aufs Jahr hochgerechnet und auf 280.000 Polizeibeamte umgelegt in der Tat 6,25%. Welchem Unternehmen ließe man durchgehen, dass es zulässt, wenn so mit seinen Leuten umgesprungen wird? Durch die Aktionäre, denn es sind Bürger, wenn auch nur eine Minderheit, die diese Gewaltakte begehen.

Und bei welchem Unternehmen würde man dann auch noch eine Forderung zulassen, dass diese gefährdete Berufsgruppe ihre als „Vermummung“ verunglimpfte Schutzkleidung ablegen soll? Da würde der Arbeitsschutz mit Füßen getreten. Mit dem ist es bei der Polizei sowieso nicht so weit her. Mich würde wirklich interessieren, was die Lärmschutzverordnung über den Höllenlärm zu sagen hat, dem Polizeibeamte bei diversen Demos ausgesetzt sind…

Laut Amnesty International wurden 2009 2.955 Anzeigen gegen Polizeibeamte vorgelegt. Abgesehen davon, dass allein das Erstatten einer Anzeige nicht automatisch Schuld generiert, fragt man sich doch: Was ist das eigentlich für ein Scheiß-Betriebsklima, dass sogar manche Politiker in diese Scharte schlagen? In all meinen Jahren in der freien Wirtschaft habe ich nicht einmal bei den schlechtesten Vorgesetzten erlebt, dass nicht wenigstens der Angeschwärzte zu seiner Sicht der Dinge gefragt wurde. Er wurde nicht sofort schuldig gesprochen.

Wenn etwas gegen Polizeibeamte im Raum steht, scheint allerdings der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ außer Kraft gesetzt. Natürlich nicht formaljuristisch. Aber offensichtlich ist es möglich, aufgrund bislang unbewiesener Vorwürfe gegen Rosenheimer Polizeibeamte den Innenausschuss des Bundeslandes Bayern in Wallung zu bringen. Das ist jetzt keine Verteidigung der Polizeibeamten. Ich weiß ja gar nicht, ob es etwas zu verteidigen gibt. Aber allein der Hinweis auf die Tatsache, dass da Aussage gegen Aussage steht, stempelt einen ja gleich schon zu einer Person, die alles rechtfertigt, was Polizeibeamte tun.

Natürlich müssen sie, wenn sie getan haben, was man ihnen vorwirft, dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Das habe ich niemals und mit keinem Wort bezweifelt. Aber wieso zur Hölle sind Zivilisten in diesem Land glaubwürdiger als Uniformierte? Wieso weiß jeder automatisch, dass es die Polizeibeamten sind, die lügen?

Bei keiner Großbank auf der Welt kämen die Menschen auf die Idee, die persönlichen Daten aller Bankangestellten auszuhängen, nur weil einer von ihnen wegen Korruption verhaftet wurde. Weil aber 2.955, das sind etwas über 1% aller Polizeibeamte, unter unbestätigtem Verdacht stehen, soll genau das mit Polizeibeamten gemacht werden. Als hätten die Leute, die das fordern, noch nie etwas von unberechtigt erstatteten Anzeigen gehört. Oder doch, haben sie. Aber sowas machen natürlich nur die bösen Polizeibeamten. Sie werden einer Kultur des Misstrauens ausgesetzt, an der unsere Volksvertreter nicht ganz unschuldig sind.

Da liest man bspw. von der Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag wörtlich auf Twitter: “ Ein Rückschlag für die vielen anständigen PolizistInnen: Unsere Kennzeichnungspflicht-Antrag ist im Innenausschuss gescheitert ;-(„.

Mal ehrlich? Geht’s noch? Folglich ist also jeder Polizist, der gegen die Kennzeichnungspflicht ist, weil er seine Familie schützen will, nicht anständig?

Habt Ihr zufällig neben solchen verbalen Vollausfällen auch das eine oder andere sinnvolle Argument auf Lager?

Übrigens muss man sich als Polizeibeamter ja nicht mit Namen kennzeichnen, manchen genügt großzügigerweise auch eine Nummer. Die könne auch gern pro Einsatz alternieren. Man könne dann für jeden Einsatz lange Listen anfertigen, um später den Übeltäter zuordnen zu können. Schade nur, dass auf diesen Listen Daten zirkulieren, die eigentlich außerhalb der Personalabteilung nicht das Geringste verloren haben. Na ja, Recht auf informationelle Selbstbestimmung haben Polizisten ja schon lange nicht mehr. Schließlich dürfen viele von ihnen sich in unfair aus dem Zusammenhang gerissenen Filmausschnitten auf Youtube bewundern und das Konglomerat aus Beleidigungen, ideologischem Unsinn und Bösartigkeit darunter zur Kenntnis nehmen.

Und die Manager, unsere Volksvertreter, machen dabei auch noch teilweise mit. Sie beteiligen sich an rechtswidrigen Blockaden, weil ihr persönliches Rechtsempfinden das gerade mal in Ordnung findet. Na, dann hoffe ich mal, dass das persönliche Rechtsempfinden meines Nachbarn nicht demnächst meint, es sei korrekt, mein Auto kurz und klein zu schlagen, weil es so umweltschädlich ist und er der folgenden Generation schuldig ist, mich zum Radfahren zu zwingen. Wie wäre es denn mal damit, wenigstens die Verfassung, vielleicht auch mal das StGB, zu lesen, um sein Rechtsempfinden an objektiv Messbarem (Job-Description) auszurichten? Mir behagt nämlich der Gedanke nicht, der Willkür von Leuten ausgesetzt zu sein, deren Rechtsempfinden möglicherweise von einem quersitzenden Furz generiert wird.

Was genau hat diese Behandlung jener, die täglich für uns den Kopf hinhalten, eigentlich mit den ach so beliebten Adjektiven „sozial“ und „gerecht“ zu tun? Und wundert es wen, dass sich große Teile der 99%, gegen die nicht einmal ein Verdacht besteht, zu deutsch gesagt reichlich verarscht fühlen? Wann wird endlich die Gewalt gegen Polizisten (wir erinnern uns: 6,25% aller Polizeibeamte) in gleicher Weise Thema wie die die Gewalt von Polizisten (wir erinnern uns: unter 1% aller Polizeibeamte)? Wo sind da die Relationen? Wird es nicht möglicherweise einmal Zeit, zu fragen, was man tun kann, um die Gewalt gegen Polizisten zu verhindern? Ich finde es ja ok, dass den kaum vorhandenen schwarzen Schafen im Polizeidienst auf die Finger geklopft wird. Aber wann bekommen die bei weitem überwiegenden weißen Schafe endlich die Unterstützung, die sie verdienen?

9 Comments

  • CJ Berlin
    29. September 2011 - 17:04 | Permalink

    Ich bin begeistert! Es trifft einfach nur voll ins Schwarze!
    Vielen Dank dafür.
    Grüße von einem Berliner Polizisten.

  • OLAF
    29. September 2011 - 17:11 | Permalink

    Hallo Mildred,

    super Artikel,poste den sö öffentlich wie Du nur kannst.

    Ich hab nach dem 2 . oder 3. Satz gewußt um was es geht worauf du hinauswillst.

    OLAF

  • Hans-Gerd Birkholz
    29. September 2011 - 20:29 | Permalink

    Genau so wars auch bei mir! Doch dies musst du auch den „Rechtsprechern“ vermitteln, sprich der StA oder dem zuständigen Richter!
    Ich weiss ja nicht, aber müssen diese Personen erst mal selbst Opfer werden um zu begreifen, wofür die PB eigentlich da sind?
    Ich glaub, das würde bei manchen „Wunder“ bewirken!

  • 29. September 2011 - 20:59 | Permalink

    Wieder ein sehr schöner informativer Blog, der mich sehr nachdenklich stimmt.

    Hoffentlich bringt er viele zum Nachdenken und dazu, sich für neue Sichtweisen zu öffnen.

  • Hans-Gerd Birkholz
    30. September 2011 - 20:50 | Permalink

    Ich verabschiede mich jetzt mal! Die nächsten drei Tage Megadienst beim „Deutschlandfest“!

    • 1. Oktober 2011 - 11:28 | Permalink

      Ich wünsche Dir, dass Du nur mit angenehmen Bürgern zu tun bekommst. Lass uns doch hinterher mal wissen, wie viele Zusatzstunden Dich das Deutschlandfest gekostet hat, damit wir vielleicht doch noch mal den einen oder anderen Sozialpolitiker rebellisch machen…

  • sumo
    2. Oktober 2011 - 20:58 | Permalink

    Vielen Dank!
    Seit den achtziger Jahren bei der Polizei in Berlin, kann ich jedes Wort nachvollziehen.

    Bin neu hier, ich lese seit geraumer Zeit in diesem Blog und finde ihn außergewöhnlich gut!
    Danke!!!

    • 2. Oktober 2011 - 21:16 | Permalink

      Danke für das Kompliment! Und viel Spaß noch hier. :-)

  • Hans-Gerd Birkholz
    5. Oktober 2011 - 20:55 | Permalink

    So, nachdem ich mich regeneriert habe, bin ich wieder da.

    Es waren zwar anstrengende und lange Tage, aber dadurch, dass alle Leute gut drauf und entspannt waren, ein schöner Dienst.

    Besonders hat mir die MPin gefallen. Ich bin zwei Tage mit ihr unterwegs gewesen ( abgesetzte Begleitung in Uniform ). Schon am ersten Tag bedankte sie sich persönlich: Ich danke für ihre Sicherheit!
    Am zweiten Tag kam sie spontan auf uns zu und begrüsste uns mir Handschlag:
    Hallo, sie auch wieder hier!
    Nachdem sie ihr Besuchsprogramm absolviert hatte, sollte sie im alten Rathaus Essen und ein Gespräch führen. Wir besprachen uns gerade mit einem Personenschützer, als dieser plötzlich sagte: Programmänderung!
    Frau Kraft, die bereits zwei Stufen der Treppe hinaufgestiegen war,sie hatte offensichtlich die Eisdiele schräg gegenüber gesehen, kam zurück, lächelte uns an, sprach: Sie kriegen auch ein Eis, ging in die Eisdiele und orderte für alle Personenschützer und uns ein Eis, was sie persönlich an uns weitergab und auch selbst bezahlte, genau so, wie den Toilettenmann, denn auch eine MPin muss mal.

    Ich finde, man sollte auch mal eine/n Politiker/in positiv beurteilen, was ja nun wirklich nicht alle Tage passiert!

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